Die Harpyie von Megan Hunter

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter

Seit jeher habe ich einen riesigen Respekt von den weiblichen Mischwesen der griechischen Mythologie. Harpyien. Sie begegneten mir in der Odyssee von Homer, in der Aeneis von Vergil und sogar in modernen Märchenadaptionen wie dem Fantasy Animationsfilm „Das letzte Einhorn„. Immer treten diese Halbwesen als Verkörperung des Bösen auf, werden ihrem Ruf als Sturmwinde gerecht, hausen in der Unterwelt und sind die Begleiter der Verstorbenen ins Totenreich. Sie rächen, morden, strafen und in der Troja-Saga von Vergil werden sie eindringlich beschrieben:

„Es waren Vögel mit den Gesichtern von Mädchen,
äußerst scheußlich war der Unrat ihres Magens,
hakenförmig waren ihre Hände und immer
bleich vor Hunger ihre Gesichter.“

Man sollte sich vor ihnen hüten. Besonders als Mann, eilt doch den Harpyien der Ruf voraus, Männer für das zu bestrafen, was sie zu Lebzeiten anrichten. Ich war trotzdem mehr als begeistert und neugierig, als mir das Buch „Die Harpyie“ von Megan Hunter vorgestellt wurde. Zwei Faktoren gaben den Ausschlag, warum ich es unbedingt lesen musste. Das vielleicht Aufsehen erregendste Cover des Frühjahrs und ein Plot, in den man einfach eintauchen muss, wenn man Romane über verzweifelte Liebe, Betrug und Rache mag. Hier finden wir wahrlich alles, was unser Leserherz begehrt.

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Die Harpyie von Megan Hunter

Da ist sie, die treu sorgende Ehefrau und Mutter zweier Kinder, deren Leben sich schlagartig verändert, als sie davon erfährt, dass sie von ihrem Mann betrogen wird. In nur einem winzigen Moment wird die heile Welt von Lucy Stevenson zur Illusion und durch die SMS eines ebenfalls Betrogenen in tausend Stücke gerissen.

„Ihr Ehemann – Jake Stevenson – schläft mit meiner Frau…
Ich meine, dass sie das wissen sollten.“

Und da ist er, der Betrügende, der Fremdgänger, der sich mit den üblichen Phrasen zu rechtfertigen versucht. Es sei ja nichts von Bedeutung, nur etwas Sexuelles, und er werde die Affäre sofort beenden, versichert ihr der ertappte Ehemann. Was er seiner Frau jedoch tatsächlich angetan hatte, entzieht sich seinem oberflächlichen Blick. Aus ihrer Perspektive erzählt Megan Hunter diese Geschichte von Betrug und Scham. Es ist die Sichtweise von Lucy, die uns verdeutlicht, was in einer Frau vorgeht, die genau das nicht erwartet hatte. Nicht in dieser Dimension, nicht in dieser Tragweite und ganz bestimmt nicht, dass es ihr jemals passieren würde. Ihr Leben verändert sich. Es sind ihre Wahrnehmungen, die im Auge des Orkans verletzter Gefühle zum Tornado dieser verletzten Frau anschwellen. Es ist die Harpyie, die in ihr erwacht. Ein Wesen, das auf Rache sinnt und dem Vergebung fremd ist.

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Die Harpyie von Megan Hunter

Jake bleibt keine andere Chance, als sich auf das Spiel der Harpyie einzulassen, um seine Beziehung zu retten. Sie – die Verletzte – will Rache, sie will verletzten, sie ist es, die jetzt das Heft des Handelns in ihre Hand nimmt. Es ist ein verhängnisvoller Deal, auf den sich das Ehepaar einigt. Drei Mal darf Lucy Jake bestrafen. Wie sie bestraft und wann sie zuschlägt, das bleibt allein ihr überlassen. Ein Spannungsbogen, der sich wie eine Kaskade aus unvorhersehbarer Gewalt über eine Geschichte spannt, und uns nicht mehr ruhig schlafen oder lesen lässt. Wir werden durch die Seiten getrieben und erhalten einen tiefen Einblick in das Innenleben einer verletzten Frau. Für Männer fühlt sich dieser Ritt durch die Gefühlswelten von Lucy an, wie eine Anklageschrift, in deren Folge nur das Wort „schuldig“ übrig bleibt. Es ist eine schmerzhafte Leseerfahrung, in jeder Konsequenz einer falschen Entscheidung die Auswüchse zu erkennen, die man im Leben eines anderen Menschen verursacht.

Megan Hunter macht es sich in „Die Harpyie“ nicht so leicht, einen unterhaltsamen Racheroman zu schreiben, in dem sich Frauen vergnügt auf ihre Schenkel klopfen und denken „Da hast du, was du verdienst, du Schwein!„. Sie greift psychologisch tiefer und erzählt in Wellen, die sich aus der Vergangenheit ins Jetzt bewegen. Sie erzählt in tiefster Empathie von zwei Menschen, die sich verloren haben. Sie erzählt davon, dass niemand ohne seine Vorgeschichte in ein gemeinsames Leben eintritt und, dass es die unausgesprochenen Geheimnisse eines früheren Lebens sind, die wie Ballast auf dem Leben mit Mann und zwei Kindern lasten. Es ist bewegend zu erkennen, wie sich eine Frau im Lauf der Zeit verändert, was Geburten in ihr auslösen, welchen Bildern sie zu entsprechen hat, wie sehr sich das Bild der Harpyie schon sehr früh in ihr festgesetzt hat und nur darauf wartete, wie ein Schläfer in Diensten eines Geheimdienstes endlich in Erscheinung treten zu dürfen.

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Die Harpyie von Megan Hunter

Wer sich diesem Roman aufmerksam nähert, ob Mann oder Frau, wird mit einem Strudel aus Emotionen konfrontiert, der sich wie ein heilsamer Schock auswirken und rettend für eine wackelige Beziehungsbalance sein kann. Megan Hunter nimmt uns mit in den weißen Fleck im Leben der Menschen, die wir aufrichtig lieben. Sie klagt nicht an, sie zeigt uns nur die Konsequenzen und Untiefen auf, in die wir unbewusst steuern und untergehen. Dieser Roman ist ein Aufruf zum Dialog. Ein Impuls, sich den Welten zu öffnen, die wir nicht sehen wollen. Miteinander zu reden, um nicht den Schläfer in uns zu wecken. Vielleicht schlummert in jedem von uns eine Harpyie. Vielleicht ist der Auslöser für eine Katastrophe ganz banal. Vielleicht bedarf es Ignoranz und fehlender Empathie, um das Monster in uns freizusetzen. Und vielleicht dient dieser Roman als Beispiel für das Ausmaß der psychologischen und physischen Verletzungen, die man sich gegenseitig zufügt, ohne erkennen zu wollen, wohin das führt.

Betrogene Frauen scheinen dem Beck Verlag im Frühjahrsprogramm 2021 sehr am Herzen zu liegen. Es sind gleich zwei Romane, in deren Mittelpunkt es um Frauen geht, die sich urplötzlich in einer Situation wiederfinden, die kaum zu bewältigen ist. Es sind Frauen, die nur einen Ausweg sehen: Transformation. „Ich will kein Hund sein“ von Alma Mathijsen und „Die Harpyie“ von Megan Hunter stehen sich diametral wie Nord- und Südpol gegenüber. Während Alma Mathijsen von der unterwürfigen, und in letzter Konsequenz, irreversiblen Hundwerdung einer verlassenen Frau erzählt, steht der Roman von Megan Hunter für die Mutation einer Betrogenen in einen Racheengel. Beide Extreme sind literarisch brillant konstruiert und erzählt. In meiner Buchhandlung des Vertrauens sollten beide Bücher nebeneinander stehen. In meinem Leben jedoch wäre ich froh und dankbar, dass zwischen ihnen Platz genug wäre, um mein eigenes Buch zu platzieren. Es wäre mein Buch des Mittelweges. Nicht der fatalen Auswüchse. Es wäre vielleicht ein gemeinsames Buch über Gefahren, die einer Beziehung drohen und über Wege, sie ohne Unterwerfung oder Rache zu retten.

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Um diesen Weg zu finden, sollte man die Transformationsgeschichten von Frau zu Hund oder Harpyie jedoch kennen. Das hilft ungemein weiter… 

Ein Gedanke zu „Die Harpyie von Megan Hunter

  1. Pingback: Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen | AstroLibrium

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