Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – D. Mendelsohn

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“. Klingt dieser Buchtitel nicht nach der Mischung aus Klassiker, Leben und ewigem Generationskonflikt? Hört sich dieser Titel nicht an, wie die ewige Irrfahrt auf einem Weltmeer des Beziehungsgeflechts zwischen Vater und Sohn? Und klingt er damit nicht sogar ein wenig abschreckend? Oft habe ich das in den Tagen zu hören bekommen, als mich das Buch von Daniel Mendelsohn auf den Bildern meines Lesens bei Facebook und Instagram begleitet hat. Viel zu komplex und sicher sehr philosophisch, sagte man mir. Nichts für mich, ich mag unterhalten und berührt werden, kein altphilologisches Studium absolvieren. Und Homers „Odyssee“ ist schon lange aus der Zeit gefallen. Wer beschäftigt sich noch damit?

Ja, zugegeben. Ein etwas sperriger Titel, wenn man sich dem entspannten Lesen hingeben möchte. Und doch hat er mich persönlich angesprochen und sehr neugierig darauf gemacht, welche Relevanz der gute alte Homer, ein angestaubtes Epos und die Helden aus längst vergangener Zeit für das wahre Leben und die Beziehung zwischen Vater und Sohn im Hier und Jetzt haben können. Diese Rezension soll ein wenig dazu beitragen, dieses Buch aus der Schublade einer Textanalyse herauszunehmen und es auf einen offenen und unbefangenen Tisch zu legen, der für jeden zugänglich ist. Man muss keinen Homer gelesen haben, man muss nicht mit Odysseus vor Troja gekämpft haben und es ist auch keine Kenntnis komplexer philologischer Sprachwissenschaften erforderlich, um sich auf eine Odyssee zu begeben, die Väter und Söhne lebenslang in stürmischer See vereint.

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Vertrauen wir Daniel Mendelsohn. Geben wir ihm, dem intellektuellen Tausendsassa, Übersetzer, Dozent, Schriftsteller und Kritiker, die Chance einen Bogen von Odysseus bis zu seinem Vater zu spannen. Ein Bogen, der außerhalb der Familie Mendelsohn in jeder Beziehung tragfähig erscheint, weil wir alle unser Troja in uns tragen. Und glaubt mir, wenn ich sage, dass Mendelsohn uns behutsam durch ein Mysterium führt, das an Relevanz bis zum heutigen Tage nichts eingebüßt hat. Er erzählt mehrere Geschichten. Ihm gelingt im Dreiklang aus dem eigenem Leben als Sohn, dem Leben seines Vaters und Homers Odyssee eine gelungene Mischung aus Literaturtheorie und Lebenspraxis zu einem Rezept zu vereinen. Die wichtigste Zutat ist hier das gegenseitige Verstehen. Es ist ein einziger Impuls, der alles in Gang setzt. Es ist eine Idee, die sympathisch und doch verschreckend ist. Es ist die Initialzündung zur Vereinigung zweier Menschen, die sich fast aus den Augen verloren haben.

Da beschließt ein 81-jähriger Vater, der pensionierte Mathematiker, ein Mann der Zahlen und Formeln, ein Mann für den alles berechenbar ist, den Uni-Grundkurs seines Sohnes zum Thema „Odysseus“ zu belegen. Da setzt sich ein Mann in die Schulbank, der älter ist, als die Großväter der Studenten. Da sitzt er nun und lauscht den Vorträgen seines Sohnes, folgt den Ausführungen zu Homer, beginnt mit ihm und den Studenten zu diskutieren und beendet auf bewegende Art und Weise das Schweigen, das sich in den letzten Jahrzehnten zwischen Vater und Sohn ausgebreitet hat. Da spürt ein Sohn zu einem späten Zeitpunkt die Wertschätzung für das eigene Leben, den eigenen Weg und die eigene Idee vom großen Ganzen, die bisher unausgesprochen zwischen ihnen stand. Da erkennen die beiden Männer, dass sie selbst eine lange Odyssee hinter sich haben und es endlich an der Zeit ist, nach Ikarien zurückzukehren.

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Als wäre die Geschichte dieser beiden so unterschiedlichen Männer nicht schon allein für sich erzählendwert, untermauert Daniel Mendelsohn diese Zusammenkunft im Lehrsaal mit dem großen Epos der Weltliteratur. „Die Odyssee“ steht für die große Metapher, die für die Beziehung zwischen Vater und Sohn signifikant ist. Welches Buch wäre geeigneter, diese wechselhafte Beziehung auf dem neutralen Boden der epischen Götterdämmerung nach Troja besser herauszuarbeiten, als ebenjene Odyssee? Daniel Mendelsohn geht in der Rolle des Dozenten auf. Er führt seine Studenten und uns mit leicht verständlichen Erklärungen in die Welt Homers ein. Er fasst zusammen, definiert die Technik des antiken Schreibens, wirft Fragen nach der Herkunft des Textes auf und nähert sich behutsam den inhaltlichen Aspekten des Epos.

Hier schlüpfen wir Leser in die Rolle der wissbegierigen Studenten und beginnen alles aufzusaugen, was wir als Neuland betreten dürfen. Mendelsohn interpretiert und wertet, er legt den Text aus und baut Brücken zur Literatur von heute. Und während er eigentlich von der „Odyssee“ spricht, werfen wir einen Blick auf den alten Mann in der letzten Reihe des Hörsaals und bemerken, dass er eigentlich über seinen Vater spricht. Die Gemeinsamkeiten sind nicht zu übersehen. Verbindendes und Trennendes wird zu den Parametern des eigenen Lebens. Während Odysseus, der „Schmerzensmann“ am Ende des Trojanischen Krieges mehr als zwanzig Jahre einer Irrfahrt benötigt, um nach Hause zurückzukehren, so hat es auch der Vater von Daniel Mendelsohn nach seiner Pensionierung als Mathematiker eigentlich nie geschafft, im eigenen Hafen anzulegen. Und wie Telemachos, so hat auch Daniel viel zu lange auf die Vaterfigur gewartet, der sich alles in den Weg gestellt hat, um die Heimkehr zu verhindern.

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Auf diesem indirekten Weg lernen wir unglaublich viel über die Odyssee. Sie wird entstaubt, entzaubert und greifbar vor uns ausgebreitet. Plötzlich wird sie verständlich und nachvollziehbar. Wie aus dem Nichts beginnt sie zu faszinieren. Sie existiert nicht mehr nur, weil sie geschrieben wurde. Sie bekommt einen tiefen Sinn für das Leben im Leben zweier Männer, die ihre eigenen Kriege ausgefochten haben. So manches Pferd wird durch die Szenerie geschoben. Trojanische Pferde voller Lebenslügen. Die Helden verlieren ihre Strahlkraft und werden entzaubert. Als der alte Herr sich endlich von den Zahlen und Formeln löst, hinter denen er sich zeitlebens versteckt hat, und Odysseus in seine menschlichen Bestandteile zerlegt, werden die Studenten sehr hellhörig. Spricht der alte Mann hier noch über den Vater von Telemachos, den Helden, der weinerlich in sich zusammensackt, der seine Gefährten verliert und doch nach außen keine Gefühle zeigen kann, oder spricht er gerade über sich selbst. Über die eigene Unzulänglichkeit und damit über sein eigenes Versagen als Vater? Baut er seinem Sohn gerade goldene Brücken, die tragfähig genug für beide Männer sind. Endet hier das Schweigen?

Es ist nur logisch, dass sich diese Geschichte aus dem Hörsaal ins wahre Leben trägt. Es ist nur logisch, dass Vater und Sohn eine echte Kreuzfahrt unternehmen. Auf den Spuren von Odysseus. Weg von der Theorie. Raus auf die raue See und hinein in das echte Leben. Ein Weg, der spät, jedoch nie zu spät beginnt. Es ist die große Lehre, die man aus diesem Buch ziehen kann. Egal, ob Vater, Sohn, Mutter oder Tochter. Man kann sich finden. Man kann emotional nach Hause zurückkehren, wenn es gelingt, das eigene Trojanische Pferd zu verlassen. Man kann sich begegnen, auch wenn es schon zu spät sein könnte. Daniel Mendelsohn hat ein facettenreiches Buch über sich selbst, sein Leben und die Versöhnung mit seinem Vater geschrieben. Es bietet Halt und Ideen für eigene Entscheidungen. Es inspiriert und ebnet darüber hinaus den Weg zu einem der ganz großen Epen der Literaturgeschichte. Das ist Unterhaltung in Reinformat. Das ist nicht theoretisch, nicht verstaubt und beileibe nicht mystisch. Dass ist real!

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Ich war sehr dankbar, immer wieder auf meinen Homer zurückgreifen zu können. Ich bekam unbändige Lust, eigene Spuren in der Odyssee zu entdecken. Ich wurde zu diesem Leseweg verführt. Danke, liebe Sonja, dass du ihn mir geebnet hast. Ohne den Ratschlag, mich auf meine eigene Odyssee zu begeben wäre mir ein sehr besonderes Leseerlebnis entgangen. Inzwischen bin ich umgeben von der Odyssee als Buch und in seiner Hörspielfassung. Ich habe mir die Illias zugelegt und Alesandro Baricco mit diesem Leseweg verknüpft. „So sprach Achill“ schmiegt sich jetzt an seinen Großvater an und leuchtet mehr als je zuvor. Und dann passierte etwas, das mir nur mit Büchern zustößt. „Habent sua fata libelli“ – Bücher haben Schicksale. Es gibt keine Zufälle. Ich schrieb darüber in meiner Rezension zu „Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak. Es war nichts weniger als ein Wunder, das sich für mich ereignete…:

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar fast zeitgleich „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

„Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ ist in der Lage, den neuen Zusak zu rezensieren. Ein unglaublicher Gedanke, dass ein Buch das andere vorstellen kann. Es ist aber wirklich so. Als BuchhändlerIn würde ich beide Werke nur im Bundle verkaufen. Sie kommunizieren miteinander. Sie sind aus literarischer Sicht aus einem Fleisch und einem Blut. Homer würde sich fasziniert zeigen, wenn es ihn denn je gegeben hat. Auf diese Frage hat Daniel Mendelsohn ein paar interessante Antworten. Man sollte es sich nicht entgehen lassen, an Bord dieser Epen zu gehen und eine Odyssee zu wagen.

Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ / Daniel Mendelsohn / Siedler Verlag / Übersetzer: Matthias Fienbork / 352 Seiten / 26 Euro

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Mehr als zwölf Jahre hat es gedauert. Markus Zusak is back. „Die Bücherdiebin“ hat im Jahr 2005 weltweit für Furore gesorgt. Liesel Meminger hat sich im kollektiven Gedächtnis von Lesern, Hörern und Freunden von Literaturverfilmungen tief verankert. Seine Erzählperspektive des Sensenmannes hat bis heute Maßstäbe gesetzt und den Roman über den „kleinen“ Widerstand eines neunjährigen Mädchens gegen das Nazi-Regime auf die Ebene eines absoluten Jugendbuch-Klassikers katapultiert. Seitdem ist es ruhig um Markus Zusak geworden. Bis zum heutigen Tag. „Nichts weniger als ein Wunder“ heißt sein neuer Roman. Nichts weniger als ein Wunder erwarten seine Leser von ihm. Nichts weniger als ein Wunder könnte unter der Last der Erwartungshaltung in sich zusammenbrechen. (Hier kann man die Rezension auch hören!)

Nichts weniger als ein Wunder - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder – Die Rezension fürs Ohr

Der deutsche Buchtitel verspricht erneut eine bahnbrechende Geschichte. Dabei haben wir es im Roman im eigentlichen Sinn nicht mit einem Wunder zu tun. Nur kann man den Originaltitel wirklich nicht ins Deutsche übertragen, weil jeder Versuch, dieses Wortspiel zu übersetzen scheitern würde. „Bridge of Clay“ würde im Wortsinn lediglich auf eine Brücke aus Lehm deuten lassen. Klingt nicht stabil, wenig tragfähig und auch bei weiterer Betrachtung eher nach einem Roman, in dem der Weg das Ziel beschreibt. Erst beim Blick auf die Protagonisten der Geschichte wird klar, dass mit Clay nicht das Baumaterial jener Brücke, sondern einer der Söhne der Familie Dunbar gemeint ist, um die es hier geht. Eine Brücke aus ihm, aus jenem Clay Dunbar stellt die Pfeiler dar, auf denen diese Geschichte ruht. Nichts weniger als ein Wunder, dass man einen anderen Titel brauchte. Einen, der dem Buch und seiner Geschichte gerecht wird. Gelungen!

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Wenn man die generationsübergreifende Geschichte der Familie Dunbar in ihren Zeitscheiben betrachtet, wäre wohl eine chronologische Vorgehensweise im Erzählen ein denkbarer Weg gewesen, um ihre Geschichte zu erzählen. Zusak wäre jedoch nicht Zusak, wenn er linear strukturieren würde, oder gar mit transparenten Rückblenden auf die Vergangenheit zurückgreifen würde. Vor jedem Anfang gibt es einen Anfang. So ist das Mantra dieses Romans zu sehen. Jedes Ereignis in der Vergangenheit löst eines in der Gegenwart aus. Nur weil man die Geschichten von einst nicht kennt, kann man die aktuellen Ereignisse nicht einordnen. Viele Familien leiden unter jenen weißen Flecken, die ihre Vorfahren nie mit Leben gefüllt haben. Das Unausgesprochene dominiert und führt zu Missverständnissen.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lassen wir uns darauf ein. Geben wir uns dem Gefühl hin, Markus Zusak würde uns das Familienalbum der Dunbars zusammenfalten und in Schnipsel zerreißen, bevor er uns scheinbar wahllos einzelne Bildfragmente zeigt und erzählt, was man darauf sehen kann. Hier wird Markus Zusak zu Homer. Sein Roman gleicht einer Ringkomposition, die in einer Abfolge von mehreren Rückblenden genau die Situation erklärt, vor der wir uns in der Gegenwart befinden. Der Sog dieser Rückblicke, die scheinbar willkürlichen Abschweifungen und das weite Ausholen in die Vergangenheit scheint die Dynamik der eigentlichen Geschichte zu bremsen. Ein fataler Irrtum. Ohne die alten Geschichten hat der Plot dieses Romans kaum Substanz. Wir sollten Markus Zusak vertrauen, wenn wir das Gefühl haben, viel im Trüben zu stochern und im Dunkeln herumzutappen. Nichts ist Zufall. Alles ist beabsichtigt. Und es ist nichts weniger als ein Wunder, dass nur auf diese Art und Weise eine Erzählmagie entsteht, die sich später in voller Wucht entfaltet.

Fünf Brüder leben unter einem Dach. Elternlos, jedoch nur Halbwaise. Die Mutter tot, der Vater nach ihrem Ableben verschwunden. Alles ist möglich in diesem Haus. Es sind heranwachsende Rabauken, die eine Männerwelt zelebrieren, wie sie schöner, brutaler und abenteuerlicher nicht sein kann. Gefühle zeigt man nicht. Die raue Schale und ein harter Kern vereint die Dunbars. Eine Katze, ein Goldfisch, eine Taube, ein Bordercollie und ein Maultier leben mit ihnen unter einem Dach. Die Namen sind Programm. Hektor, Agamemnon, Telemach, Rose und Achilles. Homer lässt nicht nur hier grüßen. Warum die Tiere diese Namen tragen, warum nur der Hund nichts mit der Odyssee zu tun hat und welche Geschichte alles miteinander verbindet, das ist der Kern und damit „Nichts weniger als ein Wunder.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

In Wahrheit ist es die Geschichte von Penelope Dunbar. In Wahrheit ist es aber die Geschichte ihres Mannes Michael. Und es ist die Geschichte der Söhne und der jungen Mädchen, in die sie sich verlieben. Es ist die Geschichte von Penelopes Vater, der sie dazu zwingt, Klavier zu spielen. Es ist die Geschichte eines Fehlervogels, wie er seine Tochter nennt, wenn er sie für falsche Töne am Klavier bestraft. Es ist die Geschichte einer Flucht und eines Ankommens in einem fremden Land. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von der Liebe seines Lebens enttäuscht nur noch eine Chance sieht, um nicht unterzugehen. Eine neue Liebe zu einem jungen Mädchen, das so gut am Klavier ist, seine Sprache jedoch nicht akzentfrei spricht. Es ist die Geschichte von Penny und Michael Dunbar. Aus ihr wird die Geschichte ihrer Söhne. Die Geschichte einer Familie und die Geschichte einer Krankheit. Es wird zu einer Geschichte von Verlust und Trotz, Kampf und Verzweiflung, es wird zu einer Geschichte über das Sterben und den Tod.

An dieser Stelle der Erkenntnis angelangt, sitzt man vor diesem Roman, der allen emotionalen Saiten des Lesers und Hörers alles abverlangt. Wenn wir die Fäden in Händen halten und das Muster erkennen, das Markus Zusak zu weben beginnt, wird es schwer, sich noch vom Buch oder dem Hörbuch zu trennen. Im Erkennen liegt die ganz große Magie. Fünf Brüder, die alles verloren haben. Ein Vater, der nicht mehr kann und alles hinter sich lässt. Ein Mann, der Jahre später zurückkehrt, weil er Hilfe braucht und nur einer seiner Söhne, der ihm helfen kann. Gemeinsam eine Brücke zu bauen wird zu der Metapher des Romans. Eine Brücke von Vater und Sohn, die vielleicht so tragfähig wird, dass die anderen Jungs sie überqueren können. Ein Vater, von allen nur Mörder genannt und ein Sohn namens Clay. „Bridge of Clay“. Eine Brücke aus Clay. Ich habe sie am Ende betreten. Mit wackeligen Beinen. Voller Trauer und Hoffnung. Weinend im tiefsten Kern meines Herzens. Sie hat mich in eine andere Erzählwelt getragen. „Nichts weniger als ein Wunder“. Zusak ist wieder da.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem Ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar, fast zeitgleich Eine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

Penny Dunbar

„Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt.
Am Tag ihrer Hochzeit brach sie sich die Nase.
Und dann natürlich das Sterben.
Ihr Sterben war ein Ereignis.“

Johannes Klaußner spricht Mathew Dunbar und erzählt uns diese Geschichte im Hörbuch. Ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Mit seiner Stimme die Brücke zu sehen, brennt sich fest. Mit seiner Stimme die wahren Wesen der Dunbar-Brüder hören zu dürfen, ein Ereignis. Seine Stimme trauern zu hören, tragisch schön. Wagt Euch auf die Brücke. Begegnet unglaublichen Charakteren und achtet auf Euch, wenn Ihr mitten im Roman vom Wein der Erkenntnis kostet. Begebt Euch auf die Odyssee einer kleinen Familie. Lernt die Menschen lieben, die Euch begegnen. Trauert um sie, jubelt ihnen zu und denkt vielleicht daran, dass Ihr „Nichts weniger als ein Wunder“ in Händen haltet.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Ganz am Ende bleibt das Bild einer Wäscheklammer. Lasst es Euch nicht nehmen. Ich gehe jede Wette ein, dass wir alle im Besitz einer solchen Klammer sind, die für alle Fehler, jeden Verlust und jeden schönen Moment unseres Lebens steht. Danke kleiner Fehlervogel.

Jetzt galt esEine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich zu rezensieren. Das ist ohne Markus Zusak nicht mehr möglich. Das machen Bücher mit mir. Habent sua fata libelli. Bücher haben Schicksale. Was hiermit erneut bewiesen wäre…

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

„So sprach Achill“. Alessandro Baricco erobert Troja

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Troja. Synonym für Verrat, Heldentum und Verlust. Wer kennt nicht Achill, Aeneas, Odysseus und die ewig schöne Helena? Doch wer hat Homers Ilias gelesen? Ist das Epos aus der griechischen Antike für uns heute überhaupt noch lesbar? Ich denke eher nein. Gedichte, Reime, Oden, Versformen, die Gliederung in Gesänge und nicht zuletzt die unüberschaubare Flut an Göttern mit zahllosen Stammbäumen und Verflechtungen sorgen beim Lesen des Originals schnell für Verzweiflung. Zumindest, wenn man keine altgriechischen Studien in der Hinterhand hat. Also was tun, wenn man die wohl größte Heldensage verstehen möchte?

„So sprach Achill“ verspricht Rettung. Man greife einfach zum großen italienischen Wortmagier Alessandro Baricco (Seide) und vertraue sich seiner Nacherzählung des Trojanischen Krieges, erschienen bei Hoffmann und Campe, an. Was ihm gelingt ist grandios. Wie er uns zeitgemäß und zeitlos in die Schlacht führt?

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Ganz einfach. Man nehme das Original von Homer; entfrachte es von allen Göttern; mache die Helden zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen; lasse diese aus ihrer Sicht erzählen und füge eigene typische Baricco-Texte ein. Was so entstand ist ein spannendes und flüssig zu lesendes Meisterwerk. Gleichsam eine Hommage an Homer, wie auch ein Buchkunstwerk für jeden, der mit der griechischen Mythologie auf Kriegsfuß steht. Alessandro Baricco erzählt hier von der größten Liebe aller Zeiten, von unglaublicher Feigheit, bedenkenlosem Verrat und tragischem Verlust, von betörendem Stursinn und wahrem Heldenmut. Zeitloser war Troja niemals zuvor. Und doch ist es eine große literarische Herausforderung sich in der heutigen Zeit mit Agamemnon, Ajax und Achill vor die Tore Trojas zu begeben und ein Schlachtengemetzel zu erleben, das in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht.

Ich tat es aus gutem Grund. Ich musste nach Troja, weil mich die Sehnsucht trieb. Es war Tania Blixen, die mich schon vor langer Zeit in die Schlacht trieb. Endlich war ich bereit, ihr zu folgen. Tania Blixen? Richtig gelesen…

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil…

„Infandum, regina, jubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie mit Troja. Jetzt stehe ich mit Alessandro Baricco vor den Toren der Stadt. Rüste mich einerseits für ihre Verteidigung, plane andererseits die Eroberung und denke dabei an eine dänische Schriftstellerin. „So sprach Achill“ öffnet bei mir die Schleusen, die 1986 in meinem Herzen errichtet wurden.

Ach Tane, Du würdest das gerade jetzt so gut verstehen. Und nicht nur ich folgte dem Ruf zu den Waffen. Alessandro Baricco vollbrachte mit seiner Nacherzählung der „Ilias“ ein wahres Wunder.

So sprach Achill von Alessandro Baricco

10.000 Menschen zahlten Eintritt, um in Rom einer Lesung zu folgen, die Homers „Ilias“ zum Thema hatte. Nicht jedoch zur Originalfassung aus der Feder des großen Homer. Alessandro Baricco hatte eingeladen seiner Nacherzählung des Epos zu folgen. Eine Bearbeitung, die das Heldenepos rund um den Trojanischen Krieg auf neue Füße stellt. Einige chirurgisch präzise Eingriffe, einige Perspektivwechsel, neue Zutaten und schon war mit „So sprach Achill“ ein neues Werk entstanden. Ich lud Homer in meine kleine literarische Sternwarte ein. Ich wollte die „Ilias“ aus dem Anaconda Verlag und den neuen Achill miteinander vergleichen. Ich wollte Homer fragen und sehen, was von ihm übrig geblieben ist. Ich ließ mich vor die Tore von Troja schleifen, kämpfte dort um mein gutes Lesen und erlebte einen Gänsehautmoment nach dem anderen.

Baricco nimmt Homer nicht, was des Homers ist. Er würdigt sein Schreiben, macht es jedoch durch die inhaltliche Verkürzung transparent und nachvollziehbar. Die eigene schriftstellerische Leistung Bariccos setzt mit seinen Texten ein, die er ganz zart in das Epos einfließen lässt und die wir durch die kursive Schriftart sofort erkennen. Ehre und Heldenmut relativiert er ebenso, wie er Liebe und Abhängigkeit hervorhebt. Hier werden Helden lebendig, verwundbar und nachdenklich. Baricco entfrachtet und revitalisiert die Geschichte, die Geschichte schrieb. Seine Handschrift ist deutlich spürbar:

„Wir kämpften mit den Waffen in der Hand:
Dieser Mann ging in die Schlacht,
und in seiner Hand hielt er die Welt“

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Wer erfahren möchte, warum Baricco in die Schlacht zog, der wird am Ende des Buchs in Staunen versetzt. Sein Nachwort ist das Nachwort eines Pazifisten, der dem Krieg der heutigen Zeit den Krieg erklärt. Er verdammt und verurteilt nicht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Krieg eine besondere Schönheit, eine magische Anziehungskraft und eine zeitlose Faszination auf uns Menschen ausübt. Das Gegenmittel? Eine andere Schönheit ins Feld zu führen. Eine Schönheit die noch faszinierender ist, als das Töten auf dem Schlachtfeld. Seine „Postille über den Krieg“ zeigt deutlich, dass er mit „So sprach Achill“ ein Trojanisches Pferd vor unsere Stadttore geschoben hat, dem er nun entsteigt um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal sind es die Erzähler, die der Welt den Frieden bringen. Ein großes, ein zeitloses, ein wichtiges Buch.

„Wir wussten, auch der lange Krieg, den wir führten, war alt,
und eines Tages würde ihn der gewinnen,
der imstande sein würde,
ihn auf eine neue Weise zu führen.“

Alessandro Baricco zu lesen ist ein Privileg. Über ihn zu schreiben, meine wahre Passion. Hier geht´s zu meiner Baricco-Lebensbibliothek… 

Schon bald begebe ich mich an der Seite von Odysseus auf die große Odyssee. Wir wollen doch nach dem Trojanischen Krieg wieder nach Hause kommen.

So sprach Achill von Alessandro Baricco und mehr von Hoffmann und Campe

Zwei Odysseen von Bedeutung. Markus Zusak und Daniel Mendelsohn. Troja ist überall… Lesenswert für Liebhaber von Homer und echte Leseratten… 

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Zwei Odysseen -Markus Zusak und Daniel Mendelsohn