TELL von Joachim B. Schmidt

TELL von Joachim B. Schmidt - Astrolibrium

TELL von Joachim B. Schmidt

Die Literatur ist auf ewig mit dem situativen Kontext verbunden, in dem man sich einem Buch annähert. Das persönliche Erleben und die Erzählwelt eines Romans sind für die Zukunft untrennbar miteinander verbunden, weil tagesaktuelle Erinnerungen mit der eigenen Fantasie zu einem Reißverschluss des Denkens verschmelzen. Ich kann mein Lesen nicht vom Alltag lösen. Ebenso wenig gelingt es mir, ein Buch von der Zeit und ihrer (vielleicht sogar) historischen Dimension zu trennen, in der ich mich lesend in und zwischen den Seiten verlor. So darf es nicht verwundern, wenn diese Rezension in der konsequenten Anwendung dieser These die Verbindung zwischen der Ukraine und der Schweiz entstehen lässt. Es ist nur verständlich, dass ich im „TELL“ nicht nur eine Geschichte über einen Freiheitshelden lese, sondern diese Figur in meinem Geiste auf die dramatischen Geschehnisse in Europa spiegle. Nein. Keine Sorge, ich stilisiere hier aus dem neuen Buch von Joachim B. Schmidt keinen globalen Freiheitsroman. Aber: selbst unbeabsichtigte Ähnlichkeiten mit realen oder verstorbenen Personen liegen nie in der Deutungshoheit des Autors, sondern im Herzen seiner Leserschaft verborgen.

Da wagt sich also jener Joachim B. Schmidt, dessen Islandroman „Kalmann“ nicht nur in der Schweizer Heimat des Schriftstellers und in seiner neuen Wahlheimat Island für Furore gesorgt hat, an die literarische Freiheitsikone seines Landes heran und lässt seine Leserschaft glauben, er würde nur mal eben den Schiller geben. Was sonst sollte man erwarten beim Namen TELL? Zu dieser zweifelsohne rein fiktiven Gestalt kann es keine neuen Fakten geben. Niemand hat in einem Archiv sein Tagebuch gefunden. Die Geschichte muss nicht neu geschrieben werden, weil es plötzlich Augenzeugenberichte gibt, die in Archiven verschimmelten und die bezeugen: „Der Bolzen hat den Apfel gar nicht getroffen„. Nein. Nichts davon ist passiert und wer nach Kalmann geraten hätte, worüber Joachim B. Schmidt nun schreiben würde, Hand aufs Herz, Tell wäre niemals genannt worden. Also, womit haben wir es zu tun, sollte man das Buch lesen und was verbindet Schmidts Tell mit einem wahnwitzigen Krieg in einer wahnwitzigen Zeit?

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TELL von Joachim B. Schmidt

Also frisch hinein in eine urwüchsige Bergwelt des 13. Jahrhunderts. Von einem Land namens Schweiz war noch keine Rede. Andere Mächte hatten ihre langen und gierigen Finger ausgestreckt und Handelswege besetzt oder Dörfer geknechtet. Allen voran das Habsburger Reich. Hier spielt sie nun, die Heldengeschichte von Friedrich Schiller, der seinen Tell als echtes Drama oder Schauspiel veröffentlichte und dem ich als Schüler im Abitur kaum aus dem Weg gehen konnte. Pathos ohne Ende, Figuren aus einfachsten Schablonen, Gut und Böse säuberlich getrennt und nur schwarzweiß gezeichnet, alles gut gestylt bis zum epischen Höhepunkt und auf Effekthascherei mit Armbrust und Bolzen ausgerichtet. Für mich schon immer angestaubt, nicht mehr gut lesbar und sperrig. Trotzdem sicherlich ein Meilenstein der Literatur. Aber bitte. Genau dieser Kosmos wandelt sich und schreit manchmal nach einer Reanimation, nach der Wiederbelebung und nach einer echten Revitalisierung, die diesen Stoff für neue und neugierige Leser zeitgemäß lesbar macht.

Hier hat Joachim B. Schmidt angesetzt. Hier hat er als literarischer Geburtshelfer in die Literaturgeschichte eingegriffen und einen neuen Tell zur Welt gebracht, nach dem sich Lesende seit vielen Jahren gesehnt haben. Keinen heroischen, allzu stereotypen und zweidimensionalen Berghelden mit Freiheitsvisionen, sondern ganz einfach einen urwüchsigen Mann, der aus seiner Zeit in unsere Hände gefallen scheint. Und das mit Wucht. Er stinkt, ist grob, wirkt unzuverlässig, schleppt eigene Leichen im Keller seiner Vergangenheit mit sich herum, ist widerwilliger Bauer, eigenwilliger Vater und versteht sich nicht gut aufs Reden. Ein Mann der Tat, ohne große Visionen. Überlebenskünstler und tatkräftige Urgewalt, wenn es darum geht, das bisschen Hab und Gut verteidigen zu müssen. Nein, man sollte sich wirklich nicht mit ihm anlegen. Er ist hart zu sich und zu anderen. Woher wir das wissen? Von ihm selbst? Nein, weit gefehlt.

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TELL von Joachim B. Schmidt

Wie in einem Alpengewitter lässt uns Joachim B. Schmidt die Blitze um die Ohren fliegen, die jenen Wilhelm Tell aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Es sind die Frauen auf dem kleinen Tell-Hof, die Kinder, Dörfler und Menschen, die von ihm gehört haben, auf die wir uns hier verlassen müssen. Das Bild, das wir erkennen ist unscharf und doch ebenso kantig und grobkörnig, wie der Kerl, den es beschreibt. Ein Wilderer, der nicht viel zum Leben braucht. Ein Mann mit geradem Charakter und gutem Gespür für Ungerechtigkeit und ein Mensch, der tief in seinem Inneren fühlt, was falsch ist und was nicht sein darf. Die plündernden Schergen, die Steuern eintreiben und ganze Täler ausbeuten. die Männer des Landvogts, der alle knechtet und die Armut noch schlimmer macht. Nein, das ist dem Tell nicht egal. Er muss sich beherrschen, um nicht wie eine Berglawine abzugehen und alles mit sich zu reißen. Diesen Tell kannte ich so nicht. Er trauert, grübelt und zweifelt an sich selbst. Er würde gerne mehr tun, aber er ist in der Rolle des Mannes gefangen, der auf Haus und Hof zu achten hat. Als er endlich spricht, wird auch dieser Aspekt deutlich.

Schablonen sucht man in diesem Roman vergeblich. Authentische Charaktere sind auf allen Seiten zu finden. Verzweifelte und einfache Bauern, Kirchenmänner am Rand der bäuerlichen Gesellschaft, zweckmäßig denkende und handelnde Frauen, die voller Überlebenstrieb und -gier Haus und Hof in Schuss halten und Habsburger, die in ihren Rollen als Soldaten, Handlangern und Landvogt kaum einem Klischee entsprechen. Es ist die Besetzungsliste des Romans, die eine große Schnittmenge mit Friedrich Schiller aufweist. Das war es dann aber schon. Sucht man nach Spurenelementen des großen Klassikers, so sucht man vergebens. Sucht man bei Schmidt nach der Nacherzählung der Alpensaga, so findet man nichts. Sein Tell ist Wilhelm. Verletzlich, spröde, greifbar und urgewaltig. Die Charakterzeichnung ist die große Stärke dieses Romans. Gessler, der als Landvogt seit jeher in die Hall of Fame der Bösewichte einen Ehrenplatz hat, wird von Joachim B. Schmidt filigran aus einem Felsbrocken herausgemeißelt. Was bleibt, ist keine graue Statue, sondern ein lebendiges Abbild des Mannes, der von der Geschichte in eine hohle Gasse getrieben wird, die Geschichte schrieb.

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TELL von Joachim B. Schmidt

Schiller war gestern, Tell ist heute. Das ging mir leicht von der Hand, weil ich weiß, was ich schreibe. Mein Schiller liegt neben dem Schmidt und scheint gar nicht so sehr eifersüchtig zu sein. Die beiden Werke bedingen einander und werden wohl auf ewige Zeit miteinander verbunden sein. Schüler dürfen sich allerdings darauf freuen, sich im Abitur mit lebendiger Literatur auseinandersetzen zu dürfen. Der Diogenes Verlag hat diesen Tell mit Vorschusslorbeeren gepriesen, die angemessen waren und dem Status des Erfolgsschriftstellers gerecht wurden: „Ein Blockbuster in Buchform, The Revenant in den Alpen, Game of Thrones in Altdorf.“ Was für Prädikate und Vergleiche. Mir hätte schon „Von Joachim B. Schmidt, dem Autor von Kalmann“ gereicht. Sagt alles, hat alles, eindeutiges Prädikat. Diesen Tell sollte man lesen, um der Legende der Schweiz auf die Fährte zu kommen. Das ist eine große Geschichte von Loyalität, Verantwortung und Vaterliebe. Es ist der Urquell eines Freiheitskampfes, obwohl der erste Impuls des Kämpfenden nicht die Allgemeinheit ist. Tell steht für dieses nicht zu verbiegende Ego. Er ist das leuchtende Vorbild, das ausstrahlt und Beispiel gibt.

Und schon bin ich bei meiner eingangs gestellten Frage. Was verbindet Tell mit der Ukraine? Warum schmerzt es so sehr, dieses Buch gerade jetzt zu besprechen? Wäre es nicht möglich, die Armbrust zu nehmen? Könnte man nicht einfach…? Wo sind die Gerechten von heute und wie erkennt man die scheinbar seit langer Zeit vergebenen Rollen? Wen schieben wir jetzt in die Hall of Fame des Bösen? Und wie viel Rückgrat gehört bald dazu, sich nicht vor dem Hut eines neuzeitlichen Despoten zu verbeugen? Joachin B. Schmidt hat einen zeitlosen Roman geschrieben, der unseren moralischen Kompass nicht hohl drehen lässt. Das ist der Nordpol. Daran kann man sich ausrichten.

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TELL von Joachim B. Schmidt

Mehr von Joachim B. Schmidt? Gerne doch:

Herzlich willkommen in Island. In Raufarhöfn, um ganz genau zu sein. Das beinahe ausgestorbene Fischerdorf ist auf unseren Landkarten kaum zu finden und doch ist es eine Reise wert. Das behauptet zumindest Joachim B. Schmidt, der Schriftsteller und ausgebildete Reiseleiter, der selbst seit dreizehn Jahren in Island lebt. Eigentlich sollte er es ja wissen, und so kann man sich diesem literarischen Auswanderer bedenkenlos anvertrauen, um ihm in die eisige Kälte am Rande der Zivilisation zu folgen. Dachte ich zu Beginn seines Romans „Kalmann“ zumindest. (Rezension weiterlesen)

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Manchmal öffnet man die Tür zu einem neuen Buch und stellt sich sofort die Frage, wie man es einordnen soll, welchem Genre es angehört, welche Botschaften es in sich birgt und welche charakteristischen Merkmale es trägt. Fragen, die ich mir immer stelle, um das Buch in meiner Rezension strukturiert greifen und vorstellen zu können. Dann jedoch treffe ich auf Schriftsteller, die mir diese Fragen bereits an der Garderobe des Erzählraums abnehmen und mich fast nackt dazu einladen, mich einfach überraschen zu lassen. Charles Lewinsky ist ein solcher Autor. Ich hatte nicht das Gefühl, seinen neuen Roman „Der Halbbart“ zu lesen. Es fühlte sich an, als säße ich unvermittelt am Lagerfeuer des Geschichtenerzählers und dürfte im Kreise ganz weniger Zuhörer dem Strom einer alten Legende folgen.

Und während das Lagerfeuer noch leise knistert, stellt man fest, dass man die Zeit vergisst und tief in eine Geschichte eingetaucht ist, die man sich doch eigentlich ganz genau anschauen wollte. Man zittert, wenn es in der Erzählung allzu frostig wird. Man bekommt Hunger, wenn der Protagonist zu hungern beginnt, und man ängstigt sich im Angesicht der Dunkelheit, wenn vom Teufel erzählt wird. Es ist wie ein samtener Nebel, der sich um einen legt, der sich erst lichtet, wenn die Geschichte ihr Ende erreicht hat. Anders kann ich das Gefühl kaum beschreiben, das von mir Besitz ergriff, als ich mich in die ersten Seiten dieses Romans wagte. Ich wusste nicht, was mich faszinierte. Ich konnte kaum ausdrücken, warum ich keine Pause mehr einlegen konnte. Ich war mir nur darüber im Klaren, dass ich einen besonderen Roman vor mir hatte, dessen Sog nicht mehr nachlassen wollte. „Der Halbbart von Charles Lewinsky.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Ich bin in der Schweiz. Wir schreiben das Jahr 1313 und das kleine Dorf, in dem der junge Sebi lebt, unterscheidet sich kaum von den anderen Dörfern der Talschaft Schwyz. Der Alltag ist geprägt vom Überlebenskampf in unwirtlicher Natur und für ein Kind bleiben neben der Feldarbeit und dem Schweinehüten nicht viele Möglichkeiten, sich die Zukunft auszumalen. Doch genau dafür ist der Sebi nicht geschaffen. Er hört lieber Geschichten und denkt sich welche aus. Er scheint zu weich für das Leben im Dorf und für die beiden älteren Brüder ist er eher eine Last. Die Dorfgemeinschaft ist verschworen, urwüchsig und die Rollen sind verteilt. Vom Totengräber bis zum Trottel, jeder scheint seinen Platz im Gefüge gefunden zu haben. Nur der Sebi sucht nach der wahren Bestimmung, der er vielleicht folgen kann.

Das Auftauchen eines Fremden verändert alles. Alles an ihm ist voller Geheimnisse. Seine Herkunft ist ebenso unbekannt, wie die Ursache für seine Brandnarben, die ihn entstellen. Viel ist von seinem Gesicht nicht üblrig, weshalb man ihn einfach „Halbbart“ nennt. Sebi freundet sich mit dem Fremden an und erfährt mehr von der Welt, als ihm lieb sein kann. Das Dorf weitet sich durch die Erzählungen des Fremden aus und der Junge, den sonst niemand wirklich ernst nimmt, hört erstmals vom komplexen Leben in der weiten Welt. Und ganz nebenbei bringt ihm der Halbbart auch noch ein Spiel bei, von dem er noch nie gehört hatte. Schach. Die eng umrissene Welt des kleinen Sebi wird größer. Er hört von Fürsten, Klöstern und vom Sog der Religion. Er erfährt viel von der Macht des Aberglaubens und der gefährlichen Wucht von Gerüchten. Die Naivität, die bisher sein Wegbegleiter war, verabschiedet sich von Tag zu Tag mehr.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Es ist Sebis Sicht auf die Ereignisse, die uns fesselt. Es ist seine Perspektive, die der Autor einnimmt. Es ist Sebi selbst, der die Geschichte vom Halbbart erzählt. Es ist die scheinbar ungeschliffene leichte Sprache eines Kindes, die Aufmerksamkeit sucht, und es sind viele Ausdrücke aus dem schwyzer Idiom, die hier eingeflochten sind, die dem Erzählstrom eine spürbare Authentizität verleihen. Die Urgewalt dieser Sprache ist einer der großen Wirkfaktoren dieser Geschichte. Sie ist nicht überfrachtet mit Fakten und Stammbäumen. Der Roman ist kein historischer Roman im eigentlichen Sinn, weil er sich nicht an der geschichtlichen Realität der Ereignisse messen lassen muss. Was der Sebi erzählt, ist genau das, was er weiß. Nicht mehr und nicht weniger. Hier siegt die Subjektivität der in sich geschlossenen Dorfwelt über die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte. Habsburger sind einfach Habsburger. Könige einfach Könige und ihren Streit um das Land bekommt man sofort am eigenen Leib zu spüren. Der Begriff des Leibeigenen erhält völlig neuen Klang.

Von diesem Ballast befreit, gelingt es Charles Lewinsky seine große Geschichte über kleine Leute zu erzählen. Hier ist Raum für das unmittelbare Erleben der Macht der Kirche und ihrer Klöster, hier spüren wir, wie tief der Aberglaube die Menschen im Griff hat. Wir werden zu Zeugen von Gerüchten, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten und ganze Landstriche in Brand setzen können. Standesunterschiede werden fühlbar und die Kluft zwischen den „Mehrbesseren“ und den Armen wird zum Rahmen dieser Erzählung. Nur so entfaltet sich die Magie einer Geschichte, die in ihrem tiefsten Kern die Geschichte jener Menschen ist, die im Mittelalter darunter zu leiden hatten, anders zu sein. Ob man nun ein feinfühliger „Finöggel“ (Mimose) ist, einer falschen Religion angehört, dem falschen Fürsten folgt, oder ob man einfach nur anders denkt. Es bleibt sich gleich. Opfer sind oft geborene Opfer und dieser Automatismus hat sich im Lauf der Jahre nicht verändert.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Sebis kindlich naive Sicht auf die Welt mit ihrem Aberglauben, den Bräuchen und ihrer Religion ist ein wahres Gottesgeschenk. Das klingt vielleicht paradox, ist aber der eigentliche Schlüssel zur Pforte, hinter der all die Sakrilege auf uns warten, die hier begangen werden. Scheiterhaufen, Klosterplünderungen, Folter und Hinrichtung. Alles wird in seinen Dimensionen präziser, wenn es aus Sebis Sicht geschildert wird. Kinder sagen immer die Wahrheit. Das Prädikat verleiht diesem Buch eine besondere Wucht. Wenn wir mit Sebi ein Benediktinerkloster betreten müssen, erinnern wir uns lesend an „Der Name der Rose„. Wenn Menschen von ihren Krankheiten geheilt werden, sehen wir den „Medicus“ vor uns. Leseerlebnis-Welten, die mich in ihren Bann zogen. Wenn der Halbbart versucht, seine Geschichte zu erzählen, wird es sehr still am Lagerfeuer. Dann wird es emotional, dramatisch und brutal. Und doch ist die ganze Geschichte so sehr von Liebe und Zuneigung geprägt, dass man ihr einfach das Herz öffnen muss.

Die Bilder, die uns der Roman in die Seele schreibt, bleiben lange haften. Es sind Bilder von Hellebarden; alten Kämpfern, die aus Kriegen zurückkehren; von einer Frau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Geschichtenerzählen bestreitet; von einem Mädchen, in das sich der Sebi verliebt, und dem Schreckliches widerfährt; von Mönchen, denen nichts heilig ist und die sich doch so sehr wandeln können und von einer Schmiede, in der wir verstehen, dass dieser Roman seines Glückes eigener Schmied ist. Es bleiben viele Eindrücke und Gefühle im Gedächtnis, wenn man am Ende angelangt ist. Einem Ende, das für mich das größte Sakrileg ist, das in diesem Roman begangen wird.

Der Halbbart ist eine Geschichte, von der man sich wünscht, sie möge niemals enden. Nur diesen Wunsch hat mir Charles Lewinsky nicht erfüllt. Ich hätte noch Jahre weiterlesen können. 

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Fazit:

Ein Entwicklungsroman allererster Güte, der jedoch alle Schubladen sprengt, in die man ihn gerne pressen würde. Charles Lewinsky ist mit „Der Halbbart“ für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert und befindet sich in allerbester Gesellschaft mit 19 weiteren Autoren und Autorinnen auf der Longlist. Ich halte das Buch nicht nur für preiswürdig, sondern in besonderer Weise sogar für preisverdächtig. Vielleicht schafft es ja unser Sebi auf die Shortlist. Ich werde das genau beobachten und wünsche ihm alles Glück der Bücherwelt.

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Die Begriffe aus dem schwyzer Idiom sind zumeist selbsterklärend. Zur Not könnt ihr jedoch auf ein Glossar zurückgreifen, das Diogenes im Internet zur Verfügung gestellt hat. Ich habe es nicht gebraucht, wer jedoch erfahren möchte, was es bedeutet, dass ich „giggerig“ auf die Bekanntgabe der Shortlist des Buchpreises warte und „gwundrig“ bin, ob es „Der Halbbart“ schafft, der kann hier nachschauen.

Es war mir ein Vergnügen, euch auf Der Halbbartgmerkig gemacht zu haben.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Es kommt mir vor, wie ein literarisches Déjà-vu. Eine Erinnerungstäuschung. Ich schlage den Roman „Der Sänger“ von Lukas Hartmann auf, beginne zu lesen und bin in einem Szenario gefangen, das ich im Juni 2018 so ausführlich beschrieben habe. Es ist mir wohlbekannt, was ich hier als Rahmenhandlung vorfinde, dass mich das ungute Gefühl beschleicht, in einem Buch zuhause zu sein. Nicht, weil es eine Geschichte aus meiner bibliophilen Vergangenheit doppelt, sondern weil ich mich im situativen Rahmen des Romans extrem gut auskenne. Fast, wie in meiner Westentasche. Es ist kein gutes Gefühl, wieder in diesem Szenario anzukommen. Beklemmung und Angst machen sich breit, weil ein gutes Ende der Geschichte ausgeschlossen ist. Und doch lasse ich mich auf sie ein. Möge der Rahmen abgesteckt sein, die Menschen sind andere. Wieder mal Opfer der Verfolgung durch die Nazi-Schergen des Dritten Reichs.

Diesmal folge ich Joseph Schmidt auf seiner Odyssee durch Europa. Er, der Sohn orthodoxer Juden aus Rumänien, selbst jedoch von der in die Wiege gelegten Religion weit entfernt, wird nun durch seine Herkunft definiert. Berufsverbot, Rassegesetze und Ausgrenzung treffen ihn hart. Die Fallhöhe ist gewaltig, gilt er doch als DIE Stimme der Zeit. Der deutsche Caruso. Der Star-Tenor, der die Welt begeistert und der doch kaum für die großen Opernbühnen geeignet scheint. Er ist zu klein. Im Gegensatz zu seiner Stimme. Die überragt alles. Doch den Heldentenor nimmt man ihm nicht ab. Ein Meter vierundfünfzig. Da braucht er schon ein Podest, um an die angebeteten Geliebten auf der Bühne heranzukommen. Das Radio ist seine Rettung. Und die Unterhaltungsmusik, der er fortan einen eigenen Stempel aufdrückt.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Sein Gesang wird weltbekannt. „Ein Lied zieht um die Welt“ wird zu seiner Melodie und mit ihr zieht auch er um die Welt. Die Machtübernahme der Nazis unterschätzt er gewaltig. Er ist berühmt. Ein Star. Was soll ihm passieren? Als Goebbels ihm anbietet, aus dem jüdischen Sänger einen Ehren-Arier zu machen, zögert Schmidt. Er hat Musik im Herzen, denkt nicht an die Politik und seinen Eltern mag er es nicht antun, sich vom geerbten Glauben loszusagen. Die braune Macht schlägt schnell zu. Auftrittsverbot. Im Radio ist er nicht mehr zu hören. Seine Stimme wird verbannt. Entartet, wie die Kunst seiner Leidensgenossen. Viel zu spät erkennt er, dass es nicht nur um die Musik allein geht. Es geht um sein Leben. Er ist in millionenfacher Gesellschaft. Es wird einsam um den Weltstar. Und seine Welt schrumpft in sich zusammen. Seine Flucht beginnt.

Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz hat viel mit der Geschichte von Joseph Schmidt gemein. Auch er auf der Flucht. Auch er, der Schriftsteller, versuchte verzweifelt in den Nachbarländern Deutschlands Schutz zu finden. Die Nazis holten ihn ein. Und die Nachbarn? Schlossen die Grenzen, glaubten die „Märchen der Verfolgung der Juden“ nicht, sahen in Deutschland ein sicheres Herkunftsland, verweigerten Asyl und schauten sehenden Auges zu, bis sie schließlich selbst erobert wurden. Ulrich und Joseph hätten sich auf ihren Irrfahrten durchaus begegnen können. Sie teilten ein sehr rastloses Schicksal. Flüchtlinge, deren Leben keinen Pfifferling mehr wert war.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Lukas Hartmann erzählt in seinem Roman Der Sänger die Geschichte der Flucht von Joseph Schmidt. Und nicht zufällig beleuchtet der Autor zugleich die Rolle seines Heimatlandes zu Beginn der 1940er Jahre. Die Schweiz. Neutral. Umzingelt. Zwar frei und doch in Angststarre vor den waffenstarrenden Nazis, dass man in vorauseilendem Gehorsam alles unternimmt, um den übermächtigen Nachbarn nicht zu verärgern. Man igelt sich ein, schließt alle Grenzen, erklärt jüdische Flüchtlinge zu Illegalen und bringt diejenigen, die es trotzdem ins Land schaffen in Internierungslagern unter. Man schiebt die Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk vor. Es fehlt der Mut. Es regiert Angst. Da muss und darf es Opfer geben. Nur keine falschen Signale ans Dritte Reich. Schön unauffällig bleiben. So lautet die Devise der Schweiz, die um ihre Devisen fürchtet. Der Schweizer Autor verliert all seine Neutralität, wenn er diese Haltung seiner Heimat zur Anklage bringt. 

Sein Petent kann die Stimme nicht mehr erheben. Sie hat versagt. Sie wurde zum ersten Opfer der Flucht. Erkältet, heiser und einfach weg. Sein Kapital schweigt. Wenn Joseph Schmidt früher nur mit seiner Stimme bezahlen konnte, so bleibt ihm nun nichts mehr und er ist auf fremde Hilfe angewiesen. Wo er früher in den ersten Häusern jener Orte logierte, in denen seine Konzerte Menschen begeisterten, steigt er jetzt in billigen Absteigen ab. Ohne Statussymbole wird sein Status zum Symbol. Illegal, abzuschieben und als Prominenter keine Bevorzugung verdienend. Seine Krankheit schwächt ihn und das große Herz des kleinen Sängers schlägt in der Arrhythmie seiner Flucht. Selbst die Schallplatten, die er bei sich trägt, können ihn nicht retten. Seine Stimme verkommt zu einem vergangenen Schatz, der keine Bedeutung mehr hat.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Es erinnert an den Koffer mit den Bildern der Malerin Charlotte Salomon. Als man sie deportierte, hinterließ sie ihre Gemälde mit den Worten:

„C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.“

Es erinnert an die jüdische Schriftstellerin Irène Némirovsky, die ihre Manuskripte ebenfalls in einem Koffer zurückließ, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde.

„Trennt euch niemals von diesem Koffer,
denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“

Es erinnert an Ulrich Alexander Boschwitz. Er starb 1942 im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck an Bord des versenkten Schiffes: die letzte Fassung des Manuskripts zu „Der Reisende“.

Vieles vereint diese Opfer. Die Gemälde sind heute zu sehen. Die Romane kann man lesen. Die Musik ist zu hören. Es bleiben Pinselstriche, Worte und Gesang. Nichts aber wären diese Zeugen aus vergangener Zeit ohne die Autoren, die den Ermordeten ihre Geschichten zurückgeben. Nichts wäre all dies ohne den Hauch der Bedrohung, in der Flüchtlinge auch heute noch schweben. Auch unter ihnen sind unscheinbare Talente in Hülle und Fülle verborgen. Auch unter ihnen sind Menschen, die nicht abgewiesen und „zwischengelagert“ werden dürfen. Ich folge hier in meiner Einstellung den Worten aus „Der Sänger“ von Lukas Hartmann:

„Die Flüchtlinge tun uns die Ehre an, in unserem Land einen letzten Ort des Rechts und Erbarmens zu sehen. Wir sehen an den Flüchtlingen,
was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist.“
 

Der Sänger von Lukas Hartmann - AstroLibrium

Der Sänger von Lukas Hartmann

Lukas Hartmann gelingt mit „Der Sänger“ ein authentisch empathischer Blick in die Vergangenheit, die uns täglich einzuholen scheint. Er erzählt nicht nur vom Irrweg des Sängers, er erweitert seinen Erzähltraum um Zeitzeugenaussagen, die als Belege der unmenschlichen Zustände dienen mögen. Eine wahre Geschichte in dieser Form in einen fiktionalen Erzählfluss münden zu lassen, gehört zu den großen Leistungen, die man in der Literatur leider viel zu selten findet. „Der Sänger“ erinnert nicht nur an einen der größten Sänger des letzten Jahrhunderts. Die Geschichte mahnt und würdigt. Hier spiegelt sich die Gegenwart im Gruselkabinett der Vergangenheit. Es bleibt zu hoffen, dass wir für die Zukunft lernen.

Vielleicht solltet Ihr am Ende dieser Rezension Joseph Schmidt eine kleine Weile zuhören. Wenn sein Lied um die Welt ging, dann kann es seine Geschichte auch.

Gegen das Vergessen“ – Ein Schwerpunkt der kleinen literarischen Sternwarte.

Der Sänger von Lukas Hartmann - AstroLibrium

Der Sänger von Lukas Hartmann

Der Sänger“ / Lukas Hartmann / Hardcover / 288 Seiten / Diogenes Verlag / 22 Euro