Kalmann von Joachim B. Schmidt

Kalmann von Joachim B. Schmidt - AstroLibrium

Kalmann von Joachim B. Schmidt

Herzlich willkommen in Island. In Raufarhöfn, um ganz genau zu sein. Das beinahe ausgestorbene Fischerdorf ist auf unseren Landkarten kaum zu finden und doch ist es eine Reise wert. Das behauptet zumindest Joachim B. Schmidt, der Schriftsteller und ausgebildete Reiseleiter, der selbst seit dreizehn Jahren in Island lebt. Eigentlich sollte er es ja wissen, und so kann man sich diesem literarischen Auswanderer bedenkenlos anvertrauen, um ihm in die eisige Kälte am Rande der Zivilisation zu folgen. Dachte ich zu Beginn seines Romans „Kalmann“ zumindest. Ich war sehr gut vorbereitet. Warme Lesedecke, ausreichend Tee und Grog für den Notfall, Handschuhe, Mütze und Schal. Perfekt, sollte man eigentlich denken. Half jedoch alles nichts. Ich fror mir die Nase ab, ernährte mich von unsäglichen Dingen und begegnete Einheimischen, um die ich im Normalfall einen weiten Bogen machen würde.

Dies jedoch ist absolut kein Normalfall. Dies ist eine absolute Ausnahmesituation mit dem Titel „Kalmann“. Wer diesen Roman nicht erlebt hat, war noch nie in Island. Wer sich dieser Geschichte öffnet, wird sich gut überlegen, unvorbereitet dorthin zu reisen. Und wer das Buch unbeschadet übersteht, gehört zu den Glücklichen im Bücherland.

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Kalmann Óðinsson ist der Sheriff von Raufarhöfn. Nun ja, eigentlich ist er genau genommen alles, nur das nicht. Aber es ist die Rolle, in der er sich sieht und in der er lebt. 33 Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum und das einfache Gemüt eines Kindes. Ohne Cowboyhut, Sheriffstern und Pistole trifft man ihn nicht an. Ihn einfach als Dorftrottel zu bezeichnen, nur weil er in der Schule ein paar Klassen wiederholt hat und in seinem Kopf die Räder anders laufen, als bei anderen Menschen, wäre schon an dieser Stelle fatal. Es ist nämlich Kalmann höchstpersönlich, der uns seine Geschichte erzählt. Und wer an dieser Stelle intellektuelle literarische Höhenflüge erwartet, der sollte seine hohe Erwartung ein wenig korrigieren. Nicht umsonst vergleicht man Kalmann hier mit einem gewissen „Forest Gump„.

Kalmann zu charakterisieren ist wie der Blick in ein kalmannisches Kaleidoskop. Er wirkt wie der Archetyp eines Ureinwohners am Rande des Nordpolarkreises. Dabei ist er genau jener Naturbursche, der hier am besten überleben kann. Eine gute Portion Jähzorn, ein wenig Vergesslichkeit und die Begabung, wichtige Dinge zu verdrängen, machen ihn zwar zu einem recht unzuverlässigen, aber liebenswerten Erzähler. Sein Leben ist geprägt vom pflegebedürftigen Großvater, der alles vergessen hat, was ihm jemals wichtig erschien; der Jagd nach Grönlandhaien und der Mission, seine Heimat vor der Ungerechtigkeit der Welt zu beschützen. Aus gutem Grund, denn die richtige Polizei hat das kleine verschneite Dorf, in dem es kaum mal richtig hell wird, längst in den eisigen Wind geschrieben und aufgegeben.

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Und doch beschreibt Joachim B. Schmidt in jener Eiseskälte den liebenswertesten Außenposten der menschlichen Wärme, den man sich nur vorstellen kann. Es sind die Menschen von Raufarhöfn, die dem geborenen Außenseiter einen Platz in ihrer Mitte geben. Sie wissen, dass man nicht seine Intelligenz, aber sein Herz auf die Goldwaage legen kann. Von seiner alten Lehrerin über den Hafenmeister bis zu seinen ehemaligen Mitschülern, jeder akzeptiert den Dorfsheriff und gleichzeitig besten Haifischer, den es in dieser Einöde noch gibt. Joachim B. Schmidt räumt mit der tiefen Stimme Kalmanns in unseren Köpfen mit Vorurteilen und Ressentiments auf. Er gibt uns den Glauben an eine intakte Gemeinschaft zurück, in der jeder seinen Platz findet. Er zeigt aber auch, wie fragil solche Mikrogesellschaften sind, wenn das Außergewöhnliche geschieht.

Als Kalmann bei der Polarfuchsjagd auf eine Blutlache stößt, und gleichzeitig der reichste Mann aus dem Dorf als vermisst gemeldet wird, entwickelt sich aus der Idylle der Tatort eines vermeintlichen Mordes. Jetzt ist der Sheriff von Raufarhöfn gefordert. Denkt auch Nói, der einzige Gesprächspartner Kalmanns, der jedoch nur in der Tiefe eines Onlinechats existiert. Als jedoch die echte Polizei auftaucht und die Ermittlungen an sich zieht, wird aus Kalmann die zentrale Figur im Fall. Ein Mord, der viel aufdeckt, was bisher verborgen war. Die wirtschaftliche Not der Region, die Fangquoten, die in reichen Händen liegen, die Armut und Frustration der Dörfler. All dies und die wirren Theorien des wahren Sheriffs, vielleicht sei auch ein Eisbär der Mörder, machen aus einem blutigen Vermisstenfall einen Islandkrimi mit furiosem Finale.

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Joachim B. Schmidt entführt uns in ein anderes Island, das sich dem Tourismus nicht so präsentieren würde. Dem Autor gelingt nicht nur eine tragikomische Studie des sozialen Gefüges in einer von der Umwelt abgehängten Region. Ihm gelingt hier in der Perspektive des naivsten aller Bewohner eine Charakterstudie der Menschen, die hier ausharren und sich selbst nicht verlieren. Dabei ist Kalmann wie ein Rohdiamant, der ungeschliffen und unförmig wirkt, in dessen Innerem allerdings ein Licht glüht, das der Kälte des Nordens die Wärme des Herzens entgegensetzt. Wir träumen Kalmanns Träume von einem normalen Leben, von einer tiefen Liebe und einer festen Beziehung mit einer Frau, die er auf Händen tragen würde. Wir bereiten mit ihm Gammelhai zu und nehmen die Beine in die Hand, wenn wir uns vorstellen, wie das riecht. Und doch erkennen wir das Ritual eines Enkels, der weiß, dass nur dieser Geruch das Denken des Großvaters wieder in Gang setzt. Es ist die einfache Sprache Kalmanns, die uns an ihn bindet. Es sind seine Träume, die uns verbinden und es ist die Natur, in der wir Raum genug haben, um uns mit ihm entfalten zu können.

Jenseits der Urkomik, die uns hier begegnet, sind es die Perspektivwechsel des Jägers und Fischers Kalmann, die diese Geschichte so nachhaltig relevant machen. Ein Blick durch sein Fernglas wird zum Zoom in das Innere von Tieren. Haben Fische Angst, wenn sie gefangen werden? Hat der Polarfuchs auch seinem Jäger einen ganz eigenen Namen gegeben? Wie musste sich ein Grönlandhai fühlen, der in der größten Dunkelheit der Meerestiefe lebte und dessen Tran die Straßen Europas erhellte? Was kann einen Eisbären dazu bringen, nach Island zu schwimmen? Gedanken, die haften bleiben und eine Sympathiewelle für Kalmann erzeugen, auf der wir Leser noch lange vor der Küste von Raufarhöfn surfen. Wir sind alle ein bisschen Kalmann. Oder wir wären es zumindest gerne… Was für eine Erkenntnis am Ende des Romans. 

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Warnung: Wenn ich lese, mag ich ein Buch gerne mit allen Sinnen erfassen. Gerade bei „Kalmann“ macht das Sinn, spielt doch die isländische DelikatesseGammelhai“ eine große Rolle. Das Rezept jedoch sorgt für einen flächendeckenden Streik all derer, die in der kleinen literarischen Sternwarte für das Kochen zuständig sind. Flankiert von einem: Wehe, Du versuchst es selbst! Das nennt man eine literarische Zwickmühle, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Hier sollte der Verlag dringend nachbessern und das Buch künftig mit Diogenes-Nasenklammern, Diogenes-Raumspray und ein paar Diogenes-Zauberbäumen als Lesezeichen verkaufen, um den Gammelhai-Geruch zu überdecken. (Sollte das überhaupt möglich sein.) Gammelhai-to-go – wie wäre es?

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und keine Angst, wenn es unter dem Buch ziemlich dunkel ist beim Lesen. Fragt Kalmann. „Unter einem Eisbären kann es sehr dunkel sein.“ Nur Mut.

Auch Constanze von „Zeichen & Zeiten“ war in Island. Hier ihr Reisebericht.

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4 Gedanken zu „Kalmann von Joachim B. Schmidt

  1. Pingback: Joachim B. Schmidt – „Kalmann“ – ZEICHEN & ZEITEN

  2. Pingback: "Kalmann" Joachim B. Schmidt | Krimi | SCHREIBBLOGG 2020

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