„Was wichtig ist“ – Eine Rede von J.K. Rowling

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Wie starten wir am besten in ein neues literarisches Jahr? Vielleicht mit Inspiration, Energie und einem scharfen Blick auf das Wesentliche. Vielleicht sollten wir mit einem Ende beginnen. Das mag ja ein wenig paradox klingen, aber in jedem Abschluss liegt auch immer ein Neubeginn verborgen, der uns in die Zukunft begleiten wird. Beginnen wir doch einfach das neue Jahr in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium mit etwas wahrhaft Wichtigem und widmen uns der Frage:

Was wichtig ist. (Die Rezension kann man auch hier hören: Literatur Radio Bayern)

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Meine Radio-Rezension

Barack und Michelle Obama, John F. Kennedy, Mark Zuckerberg, Matt Damon, Bill Gates, Tommy Lee Jones, Ralph Waldo Emerson… Eine illustre Reihe bedeutender Menschen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Ruhm gelangt sind. Eine Gemeinsamkeit fällt auf den ersten Blick nicht auf. Sie sind Absolventen der Elite- Universität Harvard, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika 21000 junge Menschen pro Jahr auf ihr akademisch geprägtes Leben vorbereitet. Wenn man sich also die Reihe der prominenten Menschen anschaut, die oben aufgeführt sind und sich dann überlegt, mit wem man es zu tun hat, wenn man sich die heutigen Studenten anschaut, die Harvard Jahr für Jahr verlassen, dann weiß man, mit wem man es künftig zu tun haben könnte. Präsidenten, Schriftsteller, Weltveränderer…

Traditionell werden die Abschlussjahrgänge in einem großen Zeremoniell von der Universität verabschiedet und ebenso traditionell werden ganz besondere Menschen gebeten, im Rahmen dieser Abschlussfeier eine Rede zu halten. Am Ende einer langen Studienzeit soll eine Initialzündung erfolgen, die den künstlichen Horizont dieser jungen Theoretiker um den Blick auf das wahre Leben erweitern soll. Im Jahr 2008 trat man an eine britische Schriftstellerin heran, die als Erfindern einer der magischsten Schulen im Universum zu Weltruhm gelangt ist. Von ihr versprach man sich wohl inspirierende als auch magische Impulse aus berufenem Munde. Gemeint ist J.K. Rowing

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Ihre Vita ist beachtlich. Ihre Karriere klingt wie ein Wunder. „Harry Potter“ hat sie weltweit zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen unserer Zeit gemacht. Ein Erfolg, der sich nicht vorhersehen ließ. Eine Erfolgsgeschichte, die sie niemals so geschrieben hätte, weil Glück, Bestimmung und ein unglaubliches Durchhaltevermögen erforderlich waren, um überhaupt einen Verlag zu finden, der diese Geschichte veröffentlichen und nachhaltig vermarkten wollte. Ja, sie hat etwas zu erzählen. Was aber hatte sie im Jahr 2008 als Rüstzeug für Harvard-Absolventen im Gepäck? Wie lautete ihre Botschaft und was macht diese Rede auch heute noch so lesenswert?

„Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie.“

Diese beiden Kernthemen wollte sie in den Vordergrund stellen. Ambitioniert finde ich angesichts der zwanzigminütigen Redezeit, die ihr zugestanden wurde. Ambitioniert auch angesichts der Tatsache, dass J.K. Rowling eher dafür bekannt ist, ihre Botschaft in Enzyklopädien nicht unter sieben Bänden zu verpacken. Ambitioniert angesichts der Tatsache, dass sie sich im Vorfeld darüber im Klaren war, wer hier zu wem spricht. Der auf ihr lastende Druck war so groß, dass nur ihre selbstironische Souveränität und das klare Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit in der Lage war, das Eis zu brechen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Die Rede „Was wichtig ist“ liegt nun in gebundener Fassung beim Carlsen Verlag vor. Es ist das zarte Pflänzchen eines Buches, das J.K. Rowlings Worte auf 70 Seiten an Menschen weiterreicht, die nicht unbedingt über einen Harvard-Abschluss verfügen. Verziert, ausgeschmückt und untermalt ist die Rede mit Illustrationen von Joel Holland, die der Symbolkraft der Worte die metaphorische Macht der Bilder und Zeichnungen an die Seite stellt, um sie noch tiefer in unserem Bewusstsein zu verankern. Ein Zweiklang, der zeigt, dass J.K. Rowling ihre Worte nicht an die akademische Elite adressierte. Sie sprach zu Menschen, mit Menschen über Menschen. Übermenschliches erwartete sie nicht von ihren Zuhörern. Das macht den Text für uns alle zugänglich.

Im eigentlichen Sinn beinhaltet ihr Text auch keine richtungsweisende Botschaft, weil sie weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft deutet. Sie zeigt auf das Herz. Sie packt die Menschen beim Verstand und appelliert an alle Sinne. Sie lebt ihre Worte vor, weil ihr Aufruf, sich in andere Menschen hineinzuversetzen nur gelingen kann, weil es ihr an diesem Tag der Rede gelang sich in ihre Zuhörer hineinzuversetzen. In all die Unsicherheiten, den Selbstzweifel und die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt. Sie ermutigt, ermuntert und bestärkt jene, für die das Scheitern zur Lebensgefahr mutiert.

Sie zeigt mit der Kraft der Fantasie einen Weg auf, den jeder beschreiten kann, dem die Angst vor dem Scheitern monströse Steine in den Weg legt. Und dabei theoretisiert sie nicht. Nein. Sie nimmt sich selbst als Beispiel. Ihr persönliches Scheitern. Ihre Kraft, die sie aus ihren Niederlagen zog und ihre Fantasie, die sich als Rettungsanker erwies. Aus ihrer Rede zu zitieren halte ich für nicht angebracht, da sie ein geschlossener Kreis einer sich langsam erschließenden Argumentationskette ist. Eine Kette, die wir alle gut tragen können. Eine Kette, die jedem Menschen wirklich gut zu Gesicht steht und nicht zuletzt eine Kette, die zu jedem Anlass im Leben Sinn macht und Freude schenkt. Eine Rede nicht nur für Liebhaber und Kenner von Harry Potter. Worte eines Menschen, die sich ihren Weg aus berufenstem Munde in unsere Ohren und Herzen bahnen.

Ein guter Beginn für ein neues Jahr. Zu verstehen, dass Scheitern zu unserem Weg gehört, dass wir mit der Macht unserer Fantasie gegen Ängste ankämpfen können und dass wir unser Leben nie in den Griff bekommen, weil es sonst nicht unser Leben wäre. Planbar, vorherbestimmt und alternativlos. Lasst uns auch das neue Jahr gestalten. Es steht unter einem guten Stern in der kleinen literarischen Sternwarte. Was mir für 2018 wichtig ist liegt auf der Hand. Ich möchte heute nicht wissen, wie es endet. Ich möchte gestalten und aktiv sein, mich engagieren und der Kreativität freien Lauf lassen. Nicht zuletzt verschreibe ich mich den Menschen in meiner Herzensnähe und allen Büchern, die meinen Weg kreuzen. Mein Herzensjahr 2018. Herzlichst willkommen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling und Dasist Wasser von David Foster Wallace

J.K. Rowling erreicht mit „Was wichtig ist“ die Qualität einer Abschlussrede, die zu den legendärsten überhaupt gezählt wird.Das hier ist Wasser. Eine Anstiftung zum Denkenvon David Foster Wallace gilt als der Mutter aller Abschlussansprachen. Ich habe ihr viel Raum gegeben. Sie hat mich inspiriert und begeistert. Sie lenkt den Blick auf und in das Gegenüber, dem wir so kritisch und bissig begegnen. Empathie ist das Bindeglied zwischen beiden Reden. Mögen sie die Welt verändern.

Der Bogen und das Wichtige. Ein guter Start ins neue Jahr…

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Ein guter Start ins Jahr

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„Der Weg des Bogens“ – Zielgenau mit Paulo Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Kyūdō. Das klingt nach alter japanischer Kampfsportart, ist aber meilenweit davon entfernt, obwohl die Bewaffnung des Kyūdō-Schützen martialisch anmutet. Bogen und Pfeil sind seine Wegbegleiter und doch gleicht der Bewegungsablauf beim Schießen in Gänze eher einem zeremoniellen Akt, als einer sportlichen Betätigung mit kämpferisch anmutendem Hintergrund. Unterstrichen wird dies durch die eindrucksvolle traditionelle Bekleidung des Schützens, die ihn ohne Rüstung in Rock (Hakama) und Bluse (Gi) fast schutzlos erscheinen lässt. Fremdartig wirkt dieser kontemplativ zeremonielle Sport auf westliche Betrachter und es macht doch neugierig, was sich hinter all dem verbirgt.

Paulo Coelho entschlüsselt in seinem Buch Der Weg des Bogens zwar nicht die Hintergründe des Kyūdō, aber er transferiert die im Verborgenen zelebrierten und seit Jahrhunderten gehüteten Geheimnisse so, dass wir sie nicht nur verstehen, sondern in unser tägliches Leben übertragen können. Es ist nicht spirituell oder religiös, dient nicht der Kontemplation oder gar der Selbstfindung auf dem Jakobsweg, was Coelho uns mit dem an sich schmalen Text ins Leben schreibt. Sein Buch kann dazu beitragen, Lehren aus einem fremden Kulturkreis mit unseren Ansichten in Einklang zu bringen und dabei Fremdes nicht mehr fremd erscheinen zu lassen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Der Weg des Bogens, übrigens die wörtliche Übersetzung des Begriffes Kyūdō, erzählt die Geschichte eines japanischen Jungen, der im Tischler seiner Stadt durch puren Zufall einen wahren Kyūdō-Meister erkennt. Tsetsuya lebt ein unauffälliges und bescheidenes Leben, niemand sah ihn zuvor mit einem Bogen, bis ein Fremder ihn zu einem Wettkampf herausfordert. Erst in diesem Moment erkennt der Junge, dass hinter dem bescheidenen Tischler eine der größten Kyūdō-Legenden des Landes verborgen ist. Was liegt da näher, als genau ihn darum zu bitten, sein Schüler werden zu dürfen?

Hier sind wir Leser mit dem Jungen auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir schon mal einen solchen japanischen Bogenschützen gesehen und uns über das Zeitlupentempo seines Bewegungsablaufes gewundert, vielleicht haben wir uns schon mal gefragt, wie man so überhaupt sein Ziel treffen kann. Vielleicht haben wir es mit Tai-Chi verglichen, jenem inneren Schattenboxen, das viele Japaner ohne jeden Gegner zelebrieren. Und doch liegen viele Wahrheiten in der inneren Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Fähigkeiten und den unveränderbaren äußeren Rahmenbedingungen, die das eigene Leben beeinflussen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Paulo Coelho gelingt mit Worten, was unsere Augen nicht leisten können. Er lässt uns in eine traditionelle und rituelle Reflektion eintauchen, in der die Einheit von Bogen, Pfeil und Ziel nur entstehen kann, wenn der Mensch in Balance ist. Dieser Balanceakt beruht auf Erkenntnis und Demut. Tugenden, die uns heute schnell verlorengehen und die schwer wiederzuerlangen sind. Wir sollten diesem wundervoll illustrierten Buch aus dem Hause Diogenes einfach vertrauen. Offenen Herzens, ohne Vorbehalte und voller Neugier auf das Unbekannte dem Wort und der Weisheit Tsetsuyas folgen und dessen Worte auf uns wirken lassen. Zitate pflastern immer den Weg von Paulo Coelho. Doch mir persönlich bleibt diesmal ein wenig mehr.

Im tiefen Dialog mit Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ entwickelt „Der Weg des Bogens“ eine literarische Dynamik, die nicht entschleunigt oder reinigt, sie inspiriert durch die Komplexität der Gedanken, die pfeilschnell und zielsicher treffen. Es wird schnell klar, dass ein Krieger des Lichts besser durch Leben kommt, wenn er auch den Weg des Bogens verinnerlicht hat. Übung schult das Auge und die Hand. Und doch führt sie nicht zu Routine, denn es gilt dem Alltäglichen und Unbedachten zu entsagen, um bei vollem Bewusstsein und konzentriert die richtigen Ziele anvisieren zu können. In wenigen und hochkonzentriert gebündelten Worten ohne jede Ausschweifungen ist das Buch so japanisch, wie man es sich nur wünscht. Es schmiegt sich an meine Bibliothek der Bücher an, die ihre Weisheiten aus diesem Kulturkreis schöpften. Japan.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Es ist immer wieder Japan, das mich in der Literatur fasziniert. Es sind Traditionen, Werte und eine ganz besondere Lebensphilosophie, die sich wie ein roter Faden durch jene Bücher zieht, die mich mit Japan verbinden. Ich bettete mein müdes Haupt auf das „Kopfkissenbuch„, faltete Papier-Kraniche mit „Herr Origami„, durchbrach auf meiner Suche nach echter „Seide“ die Seeblockade um Japan und erlebte mit „Sadako“ einen wahren Meilenstein gegen das Vergessen der Opfer von Hiroshima. Und doch hat auch gerade Paulo Coelho gezeigt, dass er nicht nur mit Lebensweisheiten brillieren kann. In „Die Spionin“ zeigt er eine ganz andere Seite seines Schreibens. Biografisch nähert er sich Mata Hari und wer nicht weiß, wer diesen Roman geschrieben hat, würde nicht auf Coelho als Verfasser kommen. Auch hier sind es die Zitate, die sich einprägen. Tief.

Es sind wie immer die wichtigen Zitate, die am Ende des Lesens vom gemeinsamen Weg mit Paulo Coelho bleiben. Viele Zitate, die selbsterklärend sind. Andere, die man sich hart erarbeiten muss und einige, die so sehr polarisieren, dass man sich an ihnen reiben kann. Das ist Literatur… Das ist Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Das macht ihn auch blogübergreifend so interessant. Er löst mit wenigen Worten in unterschiedlichen Menschen verschiedene Assoziationen aus. Es ist, als schriebe er in einer universellen Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Coelho kann sich auf seine Leser verlassen, da sie seine Worte richtig zu deuten wissen. Als Beweis für die These verweise ich einfach nur auf Literatwo. Ein Blog des Lichts, der den Bogen raus hat.

Danke für den japanischen „Schnee“ zum Bogen. Eine Lachenweinenlawine.

Der Weg des Bogens und Schnee – Von Blog zu Blog

So schließt sich mit dieser einhundertsten Buchvorstellung 2017 der Kreis eines ganz besonderen Lesejahres. Wie könnte man ein solches Traumjahr besser enden, wie es besser in ein neues übergleiten lassen, als mit einem gespannten Bogen aus der Feder von Paulo Coelho. Der Bogen ist das Synonym meiner Leidenschaft für die Welt der Literatur und der Pfeil steht für jedes Buch, das mich einerseits trifft, das ich mit der kleinen literarischen Sternwarte allerdings sofort wieder in die Sehne einlege und auf ein neues Ziel abschieße. Seid ihr dieses Ziel, ist es meine eigene Suche nach dem Buch der Bücher oder ist es letzlich gar nicht so wichtig? Suchen wir doch gemeinsam nach Antworten. Leb` wohl 2017, du warst ein erlesenes Jahr und herzlich willkommen 2018.

Ich hab´ dich im Visier...

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens – Das neue Jahr im Visier

„Die Hexenholzkrone 2“ von Tad Williams – Osten Ard erzittert

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Vieles ist passiert, seit ich die Hexenholzkrone (1)von Tad Williams gelesen und gehört habe. Ich habe die Welt von Osten Ard erneut für mich entdeckt, bin alten und neuen Weggefährten begegnet und habe mich nach 23-jähriger Abstinenz im Reich der Menschen, Nornen und Sithi wie zuhause gefühlt. Und ich hatte das einmalige Privileg, den Schöpfer dieser Legenden persönlich zu treffen und ihm in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse alle Fragen zu stellen, die mir auf dem Herzen lagen. Auch jetzt noch höre ich es mir immer wieder an, weil Tad Williams in diesem Interview ein paar Details verraten hat, die mir das Lesen und das Herz ein wenig leichter machen.

Zum Beispiel habe ich die Suche nach der Wölfin Quantaqa aufgegeben, weil mir ihr Schöpfer versichern konnte, dass sie in Binabiks Gesellschaft am Ende eines lange währenden Lebens friedlich eingeschlafen ist. Das tröstet, weil es eben in den Büchern nicht zu lesen ist und mir diese Wölfin ans Herz gewachsen war. Doch andere Suchen konnte ich nicht aufgeben und so stürzte ich mich freudig erregt in den zweiten Teil der Hexenholzkrone, wissend alle Handlungsfäden sofort wieder in Händen zu halten, die aus dem ersten Teil der auf vier Bände angelegten Reihe „Der letzte König von Osten Ard“ herausragten und nach mir griffen.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Hier sind wir nun angelangt. Am Ende der alten Legenden

„Der Drachenbeinthron“
„Der Abschiedsstein“
„Die Nornenkönigin“
und
„Der Engelsturm“

Am Ende des so wichtigen Sequels:

Das Herz der verlorenen Dinge

Das Herz der verlorenen Dinge und Die Hexenholzkrone von Tad Williams

Und auch am Ende des Auftaktes der epischen Fortsetzung

„The Witchwood Crown“ – „Die Hexenholzkrone 1 und 2

Und hiermit sind wir an der Schwelle zu den letzten beiden Teilen angelangt

„The Empire of Grass“ – „Das Graslandimperium“
„The Navigator´s Children“- „Die Kinder des Seefahrers“

Dann werden wir wissen, wer der letzte König von Osten Ard ist. Dann werden die Rätsel um die alten Prophezeiungen gelöst sein und wir können am Lagerfeuer unsere eigenen Geschichten erzählen, die uns mit diesen Legenden verbinden. Doch zunächst heißt es, der „Hexenholzkrone (2)“ die volle Aufmerksamkeit zu schenken, um auf der Höhe der Ereignisse zu bleiben und nicht das kleinste wichtige Detail zu verpassen. Die Rezension dieses Buches ist für mich gleichzeitig auch eine Lesensversicherung, die es mir leichter machen wird, das „Graslandimperium“ zu erobern.  

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Man kann von der Fortsetzung einer Buchreihe nach 23 Jahren viel erwarten. Mit neuen Welten in Berührung zu kommen, neue Abenteuer in der Tradition der Legenden von einst zu erleben und neben den alten Gefährten auf neue Charaktere zu treffen, die fortan die Geschichte prägen. Tad Williams jedoch leistet in seinem neuen Aufzug vor der Bühne von Osten Ard wesentlich mehr. Am Ende aller Entwicklungen lernen wir die Regentin Miriamel erst richtig kennen. Einst ein junges, verliebtes Mädchen aus gutem Hause agiert sie nun klug, listig, diplomatisch und weise, als sei dies schon immer ihre Bestimmung gewesen.

Ihr Königsgemahl Simon Schneelocke wirkt wie der Küchenjunge von damals an ihrer Seite und doch ist er es, der sie mit seiner Liebe in der Balance hält. Ohne ihn ist Miriamel nur eine Hälfte des Königreichs, ohne ihn würde ihr der Halt fehlen, den sie in schweren Zeiten so dringend benötigt. Das unerwartete Erwachen der Nornenkönigin leitet den finalen Akt der großen Saga ein und mit ihr kehrt die alte Feindschaft mit den Menschen zurück. Es entbrennt der Kampf um den Thron von Osten Ard. Wer wird der letzte König sein, der vom Hochhorst aus regiert? Wer gewinnt die Überhand? Nicht die einzige Frage, der sich „Die Hexenholkrone (2)“ in aller Tiefe widmet.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Was will die „Klaue“ der Nornenkönigin“ mit einem lebendigen Drachen? Was hat Baumeister Vyjeki zu erwarten? Welches Projekt soll er vollenden, um den Nornen zu alter Macht zu verhelfen? Wann und wo beginnt der erneute Krieg der Erzfeinde? Oder hat er bereits begonnen? Sind die kleinen Scharmützel an den Rändern der Handlung viel mehr als wir vermuten? Eingeflochten in diese Gefahr gehen neue und alte Helden ihren neuen und alten Leidenschaften nach. Graf Eolair wagt die gefahrvolle Reise zu den Verbündeten von einst, um dem Enkel von Simon und Miriamel zu beweisen, dass die alten Legenden wahr sind und Morgan seine Rolle als Thronfolger gegenwärtig zu machen.

Jiriki und Aditu nach 23 Jahren wieder zu begegnen und ihnen am Lagerfeuer zu lauschen ist zweifellos der Gänsehautmoment dieses Buches. Die Sithi-Geschwister waren damals die engsten Verbündeten des jetzigen Königs Simon Schneelocke. Doch warum haben sie seit dem Sieg über die Nornen geschwiegen? Was hat sich ereignet und welches sterbliche Geheimnis trägt Aditu in ihrem Körper? Jene unsterbliche Sitha, von der man früher immer sagte:

„Mit ihr zusammen zu sein, selbst in den furchterregendsten Momenten, hieß, Licht an einem dunklen Ort zu finden.“

Auch Nabban kommt nicht zur Ruhe. Eine heikle königliche Mission bringt Miriamel ins Zentrum eines Streits und damit ins Herz eines Landes, in dem Unwer seine Liebe und seine Heimat verlor. Angesichts eines Wolfsrudels im Wald jedoch zeigt sich seine wahre Herkunft. Eine alte Prophezeiung erfüllt sich Schritt für Schritt. Halbblut Nezeru und Jarnulf wagen den Kampf gegen einen Drachen. Fatal nur… ein Drachenbaby zu fangen ruft meist seine Mutter auf den Plan. Über allem steht Jarnulfs Schwur auf dem Spiel. „Nornen töten“. Doch wie soll er seiner Mission folgen, wo er sich doch gerade Nezeru mehr als verbunden fühlt?

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Diese Mosaiksteine formen sich zu einem immer komplexeren Bild von Osten Ard und wir lesen und hören uns auf der Wanderung durch diese epische Welt immer tiefer in die schwelenden Konflikte hinein. Die Lage erfordert die Trennung des Königspaars. Damit wird eine Lawine der Ereignisse losgetreten, die uns durch die folgenden Bände tragen wird. Ob wir lesen oder Andreas Fröhlich in der Hörbuchfassung folgen, egal, wir können nicht mehr entkommen. Zu ungewiss ist die Zukunft, zu unvorhersehbar ist das Schicksal unserer Weggefährten, zu spannend ist das Epos.

Wie die Hexenholzkrone (2) endet? Mit welchen Cliffhangern dieses Buch überleitet und welchen Spannungsbogen es auf den letzten Seiten unterbricht? Fragt mich nicht. Aus bester Erfahrung gönne ich es Tad Williams nicht, mich am Ende auf die Folter zu spannen. Oft musste ich zu lange auf seine Fortsetzungen warten. Oft war es einfach nicht auszuhalten, bis ich weiterlesen durfte. Ich habe genau 50 Seiten vor dem Ende aufgehört zu lesen und zu hören. Meine Notizen und diese Rezension tragen mich auf meiner Welle in die Zukunft. Und erst, wenn Das Graslandimperium erscheint, werde ich mir die Cliffhanger gönnen, mit denen mich Tad Williams in die Fortsetzung dieser grandiosesten aller Fantasy-Reihen treibt. Und nun beginnt das Warten…

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Ich möchte gerne sofort zur Sache kommen. Ich mag nicht in epischer Breite darauf hinweisen wie intensiv ich mich lesend, denkend, fühlend und handelnd mit Rassismus in der Literatur und im wahren Leben auseinandersetze. Wer meinen Spuren folgt, wird die tiefen Eindrücke erkennen, die ich in Büchern zu diesem Thema hinterlassen habe. Als mir nun der Roman „Mudbound. Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan angeboten wurde, hat mich schon der Originaltitel der US-Ausgabe neugierig gemacht. Den tränenreichen und für mich überflüssigen Zusatz habe ich gleich vernachlässigt, da er dem Buch auch in der Rückschau nach dem Lesen nicht gerecht wird. Sprechen wir lieber von „Mudbound“.

Zeitgleich zur Ausstrahlung der Verfilmung des Romans bei Netflix begann mein Lesen. Ob ich mir die cineastische Adaption anschauen würde, war zu diesem frühen Zeitpunkt meiner Auseinandersetzung mit diesem Roman noch völlig offen. Primär war ich auf den Plot gespannt, da die Inhaltsangabe vermuten ließ, mehr als nur eine Story voller Klischees vorzufinden. Darüber hinaus schloss „Mudbound“ eine Lücke, die seit Mein Name ist nicht Freitag, Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter bis zu Ta-Nehesi Coates offenem Brief an seinen Sohn „Zwischen mir und der Welt“ klafft. Ein Zeitfenster zwischen der Abschaffung der Sklaverei und den ersten Bürgerrechtsbewegungen unter Martin Luther King. Wir befinden uns im Jahr 1946 und schauen uns den amerikanischen Süden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an.

„Mudbound“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Es ist die Geschichte zweier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist die Geschichte der offenen Rassentrennung und der nie verheilten Wunden, die durch die Abschaffung der Sklaverei geschlagen wurden. Es ist die Zeit klarer Hierarchien im Mississippi-Delta. Vereint sind beide Familien in der Verwurzelung mit dem Land. Was sie trennt sind die Besitzverhältnisse. Henry und Laura McAllen besitzen das Land auf dem Baumwolle angepflanzt wird. Sie haben das Sagen und beschäftigen Pächter, die ohne eigenen Grund und Boden für die McAllens arbeiten. Hap und Florence Jackson träumen ihren eigenen kleinen Traum, zukünftig unabhängig zu sein und selbst einmal ein Stückchen Land besitzen zu können. Für Afroamerikaner ein unmöglicher Traum…

Hillary Jordan verbindet die Geschichten der beiden Familien zu einem Sittenbild des amerikanischen Südens. Sie beschreibt Hoffnungen, Sehnsüchte und Grenzen. Sie lässt uns die Zerrissenheit hinter den Fassaden erlesen und zeigt alles, was hinter den Kulissen verborgen sein sollte. Laura McAllen hat sich dieses Leben ganz anders vorgestellt. Sie sollte in der Stadt wohnen. Behütet mit ihren Töchtern. Henry sollte nur zur Feldarbeit auf der Farm sein. Als alle von ihm vorgegebenen Pläne scheitern bleibt der Familie nur die heruntergekommene Farm zum Leben. Es bleibt der Matsch. Es ist einsam, abgelegen und unwürdig, so zu leben. Und es bleibt ihr, sich damit abzufinden, dass Henrys rassistischer Vater bei ihnen lebt und ihnen dieses Leben zur Hölle macht.

„Wenn ich an die Farm denke, denke ich an Schlamm… Man kam nicht gegen ihn an. Der Schlamm bedeckte alles. Ich träumte in Braun.“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Für Florence Jackson hingegen ist das Land die Erfüllung ihres Traumes. Zukunft und Sicherheit sind eng mit der Existenz als Pächter verbunden. Und vielleicht kann die kleine Familie sich mehr aufbauen. Ein Unfall von Hap verschärft die Abhängigkeit  bis ins Unerträgliche hinein. Zwei Familien, ein Land, zwei starke Frauen, in deren Inneren gleich mehrere Kriege toben, prägen dem atemberaubend geschriebenen Roman ihren Stempel auf. Laura beginnt an ihrer Zuneigung zu Henry zu zweifeln, entwickelt immer mehr Abneigung gegen den Schwiegervater und träumt im Geheimen von einer Liebe, die alle Grenzen sprengen würde. Jamie, der Bruder ihres Mannes, ist Verheißung und Sehnsuchtsanker zugleich, weil er sie als Frau, nicht als Besitz, behandelt. Doch Jamie war als Kampfpilot im Krieg und von ihm fehlt jede Spur.

Florence hebt sich vom Frauen- und Rollenbild afroamerikanischer Klischees ab. Sie entspricht nicht der Vorstellung von der duldsamen Mommy, die sich mit allem nur abzufinden hat. Ihre Würde, ihr Stolz und ihre innere Auflehnung gegen den Rassismus machen aus ihr eine unglaublich starke Persönlichkeit. Einzig ihren Sohn Ronsel sehnt sie herbei. Von ihm verspricht sie sich die Rettung aus der Abhängigkeit. Er verkörpert alles, was ihrem Mann fehlt. Er ist das stolze Ebenbild seiner Mutter und er ist mehr als sie jemals erhofft hätte. Ronsel war im Zweiten Weltkrieg Kommandant eines Panzers, Sergeant und ausgezeichneter Held. Gegen alle Widerstände hat er in Europa gezeigt, was es heißt, für sein Land zu kämpfen.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Mudbound, das Matschloch, ist der Dreh- und Angelpunkt eines Romans, in dem alles zu versinken droht. Die Spirale droht, alles mitzureißen, bis Jamie und Ronsel nach Hause kommen. Sie vereint, was alle Konventionen überwindet. Der gemeinsam geführte Krieg auf den Schlachtfeldern Europas. Sie freunden sich an. Sie haben nicht mehr nötig, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ronsel erlebt am eigenen Leib, was es bedeutet, als dunkelhäutiger Sergeant in die rassistische Heimat zurückzukommen. Es sind nur die Rückbänke im Bus, die ihm vorbehalten sind. Die Hintereingänge im Haus der weißen Geschäftsleute und das brave Akzeptieren der Diskriminierung. Mehr wird nicht von ihm erwartet. Mehr darf er sich nicht leisten. Und die Freundschaft zu einem Weißen ist eine Schande. Für beide zugleich.

Mit Jamie und Ronsel sprengt Hillary Jordan die Ketten dieses Romans. Hier wird die Geschichte völlig neu geschrieben und hier nimmt sie Fahrt auf. Eine Freundschaft, die es nicht geben darf, hat sich zu beweisen. Zwei Familien im Mahlstrom der Gefühle und Ereignisse drohen im Matsch des Mississippi-Deltas zu versinken. Hier ist es mehr als hart, der Geschichte zu folgen. Hier schreibt Hillary Jordan den Rassismus an die Wand, wie sie den Teufel nicht nur an die Wand malt. Hier werden Hass und Hautfarbe zur Zerreißprobe des Lesens. Florence und Laura werden zu den Augen eines Orkans, der Ronsel und Jamie zu zerstören droht. Nichts für zarte Gemüter. Nichts für jene, die sich nach Romantik sehnen. Nichts für Mainstream-Liebhaber. Was im Matsch beginnt, endet im Matsch und doch erhebt sich die Hoffnung in aller Sprachlosigkeit. Gepeinigt und stumm. Mehr sei hier nicht verraten. Literatur pur.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Kann man diesen Klischee-Killer verfilmen? Kann man die Tiefe der Story und die Charakterzeichnung auf die Leinwand bringen? Ich musste das wissen und schaute mir „Mudbound“ auf Netflix an. Ich musste das sehen. Ich musste nach dem Lesen mit allen Sinnen erspüren, was der Film aus diesem Buch gemacht hat. Die Kritiken waren jedenfalls hervorragend. Die Auszeichnungen und Nominierungen für die Schauspieler schienen eine deutliche Sprache zu sprechen. Mehr als empfehlenswert, grandios und Meisterwerk, war überall zu lesen. Doch kann man diese Komplexität verfilmen? Was musste verdichtet werden und wo stößt das Medium Film an seine Grenzen? Oder war es andererseits vielleicht so, dass die Verfilmung mehr ist als eine übliche Adaption mit vielen inhaltlichen Mängeln?

Sehenswert. Das unterschreibe ich. Angemessen und beachtlich. Der Film wird in jeder Hinsicht dem Buch gerecht. Seine Schwächen liegen in den Aspekten, die kaum verfilmbar sind. Lauras innere Zerrissenheit, die Ängste, Zweifel und Gefühle wirken im Roman direkter auf den Leser ein, weil sie selbst zur Sprache kommt. Die Innenansicht ist dynamisch und intensiv. Im Film betrachten wir sie von außen. Die Enge, in der sie sich mit ihrem Schwiegervater zu arrangieren hat ist im Film spürbar. Im Roman ist sie sprachlich mit so starken Worten beschrieben, dass sie real zu schmerzen beginnt. Im Film finden sich viele originale Dialoge aus dem Buch. Untermalt durch brillante Musik erlangen die Worte auch hier eine besondere Wirkung. Und doch war mir Laura näher, als ich ihr lesend begegnete.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Die Stärken des Films liegen in seinen technischen Möglichkeiten. Hier brilliert er auf allen Ebenen. Was im Buch durch Kapitel getrennt, zeitlich aber auf einer Ebene zu verstehen ist, wird in der Filmfassung durch grandiose Schnitttechnik zu parallelen und zeitglich laufenden Ereignissen, die hierdurch in ihrer Wirkung extrem verstärkt werden. Stürze vollziehen sich nicht durch Kapitel voneinander getrennt, sondern simultan. Ein Sturz von einem Dach geht einher mit dem steten Sinkflug eines Kampfflugzeugs und dem Sprung aus einem Panzer. Dieses Abwärtstrudeln fängt der Film in einer Sequenz ein, die unvergessen bleibt. In jeder einzelnen Rolle brillant besetzt, überzeugt der Film rein schauspielerisch in herausragender Art und Weise. Eine perfekte Besetzung.

Rundum eine gelungene Adaption und damit für mich eine der sehenswertesten Literaturverfilmungen meines Lebens. Und doch empfehle ich beides, weil Film und Buch sich in vielerlei Beziehung komplementär ergänzen. Ich verstehe den Film besser, weil ich gelesen habe. Ich verliebe mich erneut ins Buch, wenn den Film sehe. Sie sind als Symbiose zu verstehen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Ein solches Gefühl habe ich selten am Ende von Buch und Film. Besonders dann, wenn sie sich in ihrem Ende, mit der letzten Klappe und im letzten Kapitel in einer wesentlichen Nuance unterscheiden.

Nein. Ich bin kein Freund von alternativen Endpunkten. Der Roman endet in vielen Perspektiven so komplex, wie er aufgebaut war. Facettenreich und voller Hintergründe. Mir war klar, dass dies im Film nur angerissen werden kann. Und doch endet das Buch mit einem Hoffnungsschimmer, den ich mir hoffnungsvoller gewünscht hätte. Ich liebe dieses Ende, weil es eben zum Roman passt, aber ich hatte so sehr auf etwas anderes gehofft. Im Film wurde mir dieses Ende mit einer letzten Szene geschenkt. Schaut den Film, lest das Buch und gönnt euch den literarisch cineastischen Luxus, vor dem Ende des Films das letzte Kapitel des Buchs ganz bewusst und laut zu lesen. Dann schaut euch das Ende des Films an. Ich weiß, welches Ende die Tränen fließen lässt. Ich weiß es so genau.

Das vermittelte Spannungsfeld eines dunkelhäutigen Soldaten im Einsatz für sein Land trotz aller Diskriminierung hat mich persönlich in meiner Haltung bestärkt. Die Grenzen kann man nur überschreiten, wenn man nicht alleine ist. Ich schrieb darüber und weiß immer noch sehr gut, warum ich kein Rassist bin. Auch das hat mit Hautfarbe zu tun.

„Mudbound“ von Hillary Jordan – Buch und Film