„Krokodilwächter“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Für mich gibt es sie ja eigentlich gar nicht. Diese Kategorisierungen von Thrillern in die Schubladen der regionalen Schauplätze. Typische Skandinavien-Thriller sind meist gar nicht so typisch und ein Kopenhagen-Thriller muss sich nicht zwangsläufig von den guten Krimis unterscheiden, die in anderen Hauptstädten angesiedelt sind. Assoziation verstellt mir hier oft den klaren Blick auf das eigentliche Geschehen. Nein. Für mich ist das eigentlich ganz einfach. Es gibt gute oder schlechte Thriller. Intelligent konstruierte oder an den Haaren der Opfer herbeigezogene. Thriller mit interessanten Protagonisten oder eben solche mit stereotypen Allerweltstypen, die in ihren Klischees verhaftet sind.

Nein. Ich denke nicht sofort an Schwermut, Kälte, landschaftliche Idylle, Alkohol, Lethargie, Kälte, Brutalität oder andere Ingredienzien, wenn ich einen Thriller lese, der mit einem Gütesiegel aus Skandinavien angepriesen wird. Ich schaue mir den Plot und sein Setting an, versuche herauszufinden, ob mich das Thema reizt und dann erst schlage ich erbarmungslos zu. Meine literarische Wünschelrute schlägt noch nicht aus, wenn allein schon ein Landstrich oder eine Stadt als Synonym für Spannung herhalten muss. Und so halte ich nun keinesfalls einen „Kopenhagen-Thriller“ in der Hand, den ich euch hier vorstellen möchte. Nein, es ist ein guter und lesenswerter Thriller, der als Auftakt einer neuen Serie im Diogenes Verlag erschienen ist.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich möchte euch den „Krokodilwächter“ von Katrine Engberg ans Herz legen. Ich kann an dieser Stelle versprechen, dass dieser Thriller für beschleunigten Puls sorgen wird. Kopenhagen hat sich die dänische Autorin als Schauplatz ausgesucht und damit aus meiner Sicht eine perfekte Wahl getroffen. Eigentlich scheinen Krokodile ja in der skandinavischen Metropole eher selten zu sein und nur im Zoo vorzukommen, aber ihr könnt euch darauf verlassen, dass Katrine Engberg diesen Titel nicht willkürlich für den Auftakt ihrer Krimi-Serie ausgewählt hat. Er steht jedoch nicht so sehr für das Reptil, in dessen Haut eigentlich niemand gerne stecken würde. Der Titel des Romans entwickelt sich erst gegen Ende der Geschichte zur einprägsamen Metapher für ein symbiotisches Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Die Ausgangssituation verspricht alleine schon für sich Hochspannung. Ein Mord erschüttert ein beschauliches Mehrfamilienhaus im Herzen der Stadt. Julie wohnt noch nicht so lange in Kopenhagen. Und nicht allein die Tatsache, dass sie ermordet wurde schockiert die Bewohner des Hauses, auch die Begleitumstände ihres Todes sind mehr als außergewöhnlich. Jemand hat sie nicht nur erstochen, sondern auch ein Kunstwerk aus filigranen Messerschnitten in ihrem Gesicht hinterlassen. Ob die junge Frau schon tot war, als ihr die Schnitte zugefügt wurden, ist nur eine der vielen offenen Fragen für die Ermittler der Kopenhagener Mordkommission.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

Doch genau diese Diskrepanz ist der Brennstoff im Triebwerk dieses Thrillers. In kurzer Zeit zeigen sich erste Ermittlungserfolge. Der Personenkreis möglicher Täter ist nicht sonderlich groß. Profiler grenzen ihn plausibel ein und als sich bei der Besitzerin des Hauses, Esther de Laurenti, ein Thriller-Manuskript findet, scheinen sich die Kreise zu schließen. Wird doch in ihrem Buch der Mord an einer jungen Frau genauso verübt, wie es sich im Fall der jungen Julie zugetragen hat. Auch im Manuskript findet man ein junges Mädchen mit einem tödlichen Schnitt-Kunstwerk im Gesicht vor. Nun gilt es das Manuskript zu lesen und daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Kørner und Werner legen los.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Schnell scheinen sich Motiv und Profil zu decken. Schnell findet man im Umfeld der Professorin einen möglichen Täter auf den alles passt, der jedoch ebenso schnell wie endgültig von der Bildfläche des Thrillers verschwindet. Ermordet. So nah dran. So weit entfernt. Und als dann auch noch Esther de Laurentis Thriller-Manuskript in den Tiefen des Internets wie von Geisterhand weitergeschrieben wird, stehen Kørner und Werner wieder am Anfang der Ermittlungen. Der Wechsel aus Handlungsfaden und Manuskript verleiht dem Buch eine besondere Dynamik. Man rätselt mit, kombiniert und entwickelt ganz eigene Theorien. Was Katrine Engberg natürlich nicht daran hindert, mit uns Katz und Maus zu spielen.

Ein Spiel auf hohem Niveau. Ein Spiel, das am Ende aller Ermittlungen keine Fragen offenlässt. Und ein Spiel, das weitere Leben kosten wird. Unser Kopenhagen-Streifzug führt uns in ganz besondere Kreise dieser pulsierenden Stadt. Er führt uns unweigerlich zu Geheimnissen, die ausreichenden Zündstoff für einen guten Page-Turner bieten. Im Moment des Erkennens, fallen uns kriminalistische Schuppen von den Augen. Katrine Engberg schreibt auf hohem Niveau. Sie konstruiert nicht wild vor sich hin und fabuliert keine Story, der es an Bodenhaftung fehlt. Der „Krokodilwächter“ hat es in sich. Zarte Leseseelen sollten nicht vor dem Thriller zurückschrecken. Blut fließt hier nur subtil und auch nur dann, wenn es für die Handlung erforderlich ist. Gewaltorgien zeichnen dieses Buch nicht aus. Es packt uns anders. Indirekt. Lesenswert.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich habe zu gleichen Teilen gelesen und gehört. Dietmar Bär macht aus dem Buch ein wahres Hörerlebnis. Er versteht es, uns die Handlung verstehen zu lassen und den Faden nicht zu verlieren. Und doch gelingt ihm eines nicht. Im Vorlesen verschwimmen die Grenzen zwischen dem eigentlichen Roman und dem eingeflochtenen Manuskript. Das Buch trennt diese beiden Stränge durch unterschiedliche Schriftarten. Ein zweiter Sprecher hätte hier gutgetan. Man muss zu genau hinhören, um die Grenze auszuloten. Dietmar Bär nuanciert seine Stimme meisterlich in der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag, aber hier hat das gebundene Diogenes-Werk einfach Vorteile, die sich stimmlich nicht aufholen lassen.

Ein besonderes Highlight zum Schluss. Die Schnitte auf dem Buchcover sind nicht nur aufgeprägt. Es sind tiefe Einschnitte in das Cover eines Thrillers, der auch für euch ein einschneidendes Erlebnis sein wird. Bleiben wir gespannt. Die Kopenhagen-Serie geht weiter.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Advertisements

„Nordwasser“ von Ian McGuire – Moby Dick 2.0

Nordwasser von Ian McGuire

Ich habe lesend schon auf so manchem Seelenverkäufer angeheuert. Ich war Teil der Besatzung an Bord von Kriegsgaleonen, Walfangschiffen und Expeditionskreuzern. Ich habe gelernt, in die Wanten zu gehen, im Orlopdeck zu schlafen, Rettungsboote im richtigen Moment abzufieren und Kanonen bei hohem Seegang zielgerecht abzufeuern. Ich habe es mit Kapitänen zu tun gehabt, die all ihre Neurosen an mir ausgelassen und mich an den Rand der Meuterei gebracht haben. Einige haben mit ihrem Orgelspiel die ganze Mannschaft um den Verstand gebracht und andere schlugen Dublonen in einen Mast, um dem weißen Schreckgespenst der Meere nachzujagen. Nemo, Ahab, Drake, um nur einige von denen zu nennen, unter deren Kommando ich stand. Ich dachte, ich sei gewappnet für meine nächste Seereise. Ich dachte, ich hätte bereits alles erlebt.

Weit gefehlt. Da schippert man auf den Weltmeeren umher, sieht Schiffe kommen und gehen, überlebt selbst die aberwitzigsten Situationen und lernt, selbst mit Kapitänen zu leben, die vom Pech verfolgt sind und absolut jedes Schiff auf Grund setzen. Ich dachte genügend gesponnenes Seemannsgarn entwirrt zu haben, um an Bord der Volunteer überleben zu können. Um es mit Elias zu sagen, der bereits einen gewissen Ismael vor der Fahrt mit der Pequod unter dem Kommando von Kapitän Ahab gewarnt hat: Nehmt Abstand von der Volunteer, wenn ihr sie im Hafen seht. Geht nicht an Bord. Heuert auf keinen Fall an, nehmt eure Beine in die Hand und rettet euch, bevor es zu spät ist. Eine Fahrt auf diesem Walfangschiff kann euch das Leben kosten. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann vertraut auf Ian McGuire. Lest das Logbuch der letzten Fahrt dieses Schiffes. Folgt ihm auf das Nordwasser und sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Nordwasser von Ian McGuire

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Seehafen Hull. Der traditionelle Walfang ist im Niedergang begriffen. Einerseits wurden die Weltmeere von zahllosen Walfangflotten leergefischt und andererseits beeinträchtigen Erdölfunde den Absatz von Tran als Schmiermittel und Lampenbrennstoff. Umso verwunderlicher mutet es an, dass gerade ein Schiff für eine große Walfangexpedition ausgerüstet wird. Die „Volunteer“ liegt bereits im Hafen, die Mannschaft wird angeheuert und das Schiff wird beladen. Es werden Harpuniere, Schiffsjungen, Zimmerleute, Maate und Matrosen benötigt. Einen Kapitän hat der Schiffseigner Baxter bereits gefunden. Brownlee haftet jedoch der Makel an, vom Pech verfolgt zu sein. Katastrophen pflastern seinen Weg.

Und doch vertraut man gerade ihm die Volunteer an. Und wie überall in den großen Hafenstädten dieser Zeit tummeln sich undurchsichtige Gestalten, die auf einem Schiff anheuern wollen. Gründe gibt es viele. Die Suche nach Reichtum, der Wunsch einfach mal eine Zeitlang unterzutauchen, oder die Sehnsucht nach der Weite des Meeres. So setzt sich auch die Mannschaft der Volunteer zusammen. Heterogen, könnte man fast sagen. Als katastrophal müsste man es bezeichnen, wenn man ehrlich ist. Denn neben dem vom Seepech geplagten Kapitän gehen ein perverserer Serienmörder und ein Arzt an Bord, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Henry Drax ist eine tickende Zeitbombe mit brutalsten Neigungen und Patrick Sumner therapiert sein Versagen auf dem indischen Kontinent, indem er der beste Kunde der eigenen Medikamente ist. Sie sind beide gleichermaßen süchtig. Gemeingefährlich ist nur Drax.

Nordwasser von Ian McGuire

Ian McGuire pfercht uns im Erzählraum Volunteer ein. Sie wird unser Schicksal und die Mission des Schiffes mündet in die Katastrophe. Spätestens als ein Schiffsjunge an Bord mehrfach vergewaltigt und auf bestialischste Art und Weise ermordet wird, wird es richtig eng auf der Volunteer. Jeder gegen jeden, so könnte man sagen und mittendrin ein Arzt, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt und dem Täter auf die Spur kommt. Hier schreibt uns der Autor in ein Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer hinein. Das Wagnis Walfang scheint ihm nicht zu genügen. Ian McGuire macht aus diesem Schiff ein schwimmendes rechtsmedizinisches Inferno. Man braucht gute Nerven, um angesichts der Taten bei Leseverstand zu bleiben. Hier geht es brutal und heftig zu. So behandelt man nicht Mal die gejagten Wale. Ehre ist ein Fremdwort.

Um dem gesamten Szenario die Spannungskrone aufzusetzen mischt Ian McGuire einige weitere eisige Zutaten in diese Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Das Nordwasser als Schauplatz der verwegenen Fahrt der Volunteer mutiert zum Szenario großer gescheiterter Expeditionen. Ernest Shackleton lässt grüßen, wenn das Eis droht, die Volunteer zu zerquetschen. „Wild“ von Reinhold Messner wird zum Setting, als die Kälte die Kabinen des Walfängers erreicht. „Everland“ von Rebecca Hunt könnte Pate gestanden haben, wenn es gilt auf verzweifelte Robben- und Bärenjagd zu gehen. Und „Moby Dick“ von Hermann Melville grüßt uns auf jeder Seite von „Nordwasser“. Keine Frage: Dies ist das facettenreichste vielschichtigste Abenteuer, auf das ich mich jemals einließ.

Nordwasser von Ian McGuire

Überlegt euch sehr gut, ob ihr das „Nordwasser“ befahren wollt. Stellt euch darauf ein, an Bord der Volunteer grausamste Verbrechen zu erleben. Rechnet damit, dass es kälter wird, als ihr es euch je vorstellen konntet. Lernt die Sprache der Eskimos. Wenn ihr ihnen im Roman begegnet, wisst ihr, wovon ich hier rede. Scheut nicht davor zurück, Robben zu jagen, Wale zu schlachten und Eisbären zu verfolgen. Bereitet euch darauf vor, das Indien der Kolonialzeit zu erleben, weil ihr nur so begreift, warum ein britischer Arzt unehrenhaft das Schlachtfeld räumen muss. Und habt keine Angst davor, an Bord an allem zu leiden, woran man nur leiden konnte, wenn man zur falschen Zeit nicht am richtigen Ort ist.

Spannender kann eine Schiffsreise nicht sein. Ian McGuire hat den bekannten und legendären Abenteuerklassikern die Krone aufgesetzt, indem er uns mit einer multiplen Szenerie konfrontiert. Es gibt keine Rettung aus seinem Erzählnetz. Wenn er die Leser harpuniert hat, gibt es kein Entrinnen. Weder an Bord, noch an Land könnt ihr gerettet werden. Ihr müsst schon bis zum finalen Showdown ausharren, die Augen offenhalten und den Mut nicht verlieren. Ich kann euch nur raten, euch dem Arzt anzuvertrauen. Er weiß, was er tut. Zumindest, wenn das Laudanum wirkt. Patrick Sumner ist in der Tiefe seines Charakters so treffend beschrieben, dass man sich am Ende der Reise mit ihm auf jede weitere Reise begeben würde. Ob das möglich ist? Ob er überlebt? Ob es ihm gelingt, den Orkan auf dem „Nordwasser“ zu besänftigen? Wer weiß, wenn man nicht liest? So ist es immer im Leben.

Nordwasser von Ian McGuire

Geht an Bord. Leinen los. Winkt euren Lieben ein letztes Mal und seid versichert, dass ihr gut versichert seid. Das ist allerdings auch das Einzige, das ich euch mit auf diesen Weg geben kann. Natur, Verbrechen, Hass, Glaube und Hoffnung gehen Hand in Hand in der Klaustrophobie dieser fulminanten Erzählung. Nur eines werdet ihr auf der Reise nicht finden. Romantik oder Liebe, Frauen oder Familien, die auf euch warten. Das hier ist eine Männerwelt, die allerdings geeignet ist, gerade weiblichen Lesern Gänsehaut in ihr beschauliches Leben zu zaubern. Hier gibt es kein „Frauen und Kinder zuerst“. Hier geht nicht der Kapitän als letzter Mann von Bord.

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Ich winke euch ein letztes Mal zu. Gute Reise. Ahoi ihr Mare – Landleseratten…

Nordwasser von Ian McGuire

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

Das Mädchen, das in der Metro las

Kann eine Reise das Leben verändern? Ich denke, ja. Bis vor wenigen Monaten war ich lediglich literarisch in den Straßen von Paris unterwegs, habe die Metropole an der Seine im Wandel der Zeit erlebt und bin in Kathedralen, Cafés und Buchhandlungen im Herzen der Stadt den wohl wichtigsten Schriftstellern meines Lesens begegnet. Ich sah den Louvre in Händen der Nazi-Besatzer, erlebte Krönungen und Revolutionen, spürte den vibrierenden Sound der Zwanziger Jahre, sah gekrönte Häupter den Kopf verlieren und wurde zum Zeugen des Scheiterns einer Heiligen Jungfrau, die Paris befreien und für ihren König erobern wollte. Jeanne d´Arc brannte für diese Stadt. All dies durfte ich ganz nah empfinden, als ich Paris erstmals mit eigenen Augen sah. All dies ließ ich auf mich wirken. Ich hatte lange davon geträumt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Stadt. Ich spürte, dass Bücher hier eine ganz besondere Rolle spielen. Nicht nur in Bibliotheken oder Buchhandlungen, sondern auf den Straßen von Paris. Fliegende Buchhändler verwandeln Bushaltestellen in feine und erlesene Treffpunkte für bibliophile Bewohner und Touristen. Bücherregale vor den Schaufenstern der großen Büchertempel vermitteln den bleibenden Eindruck, dass ein Buch in Paris ein willkommener spontaner Wegbegleiter ist. Überall wird gelesen. Es ist der Pulsschlag der Literatur, den ich dort gefühlt habe. Kein Ruhepuls, echt nicht. In der Metro dachte ich immer wieder daran, wen ich hier im Lauf der letzten Jahrzehnte wohl getroffen hätte. Wer in den Zügen jener unter- und überirdischen Linien unterwegs war, um Freunde zu treffen, die Stadt fluchtartig zu verlassen oder den Rausch der Nacht in vollen Zügen zu genießen. Eine Liste dieser besonderen Menschen habe ich ans Ende dieses Artikels gestellt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Es ist mir eine besondere Ehre, Euch eine ganz besondere junge Frau vorstellen zu dürfen, die aus literarischer Sicht am heutigen Tag das Licht der Welt erblickt. Eine junge Frau, der ich gerne in der Metro begegnet wäre, weil ich ganz genau weiß, dass wir uns gegenseitig ganz genau unter die Buchlupe genommen hätten. Sie würden die junge Frau schnell erkennen. Sie verbirgt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille und trägt einen riesigen blassblauen Schal, der auch den Rest ihres Gesichts vor den Augen der Welt schützt. Sie ist eine gute Beobachterin. Sie liest in den Menschen, die in der Metro lesen. Ihrem wachen Blick entgeht nichts. Nicht der Mann mit dem grünen Hut, der sein Buch zu atmen scheint. Nicht die Verliebte, die immer in Tränen ausbricht, wenn sie die 247. Seite erreicht hat. Und auch nicht die alte Dame, die immer das gleiche Kochbuch zu lesen scheint. Juliette findet sie alle. Diese…

„Wortschmetterlinge, die in dem überfüllten Metro-Waggon flatterten, bevor sie sich auf Juliettes Fingerspitzen niederließen“

Das Mädchen, das in der Metro las

Juliette ist „Das Mädchen, das in der Metro las“. Wobei sie eigentlich nie so richtig zum Lesen kommt, weil sie Menschen und Bücher beobachtet. Jedenfalls solange, bis sie ihre Arbeitsstelle erreicht. Eine Arbeit, die den Rhythmus des Lesens unterbricht, in eine Welt eindringt, die von Fantasie geprägt ist. Eine Arbeit die das Mädchen aus dem Lesen reißt. Bis Juliette eines Tages beschließt, der Metro früher zu entfliehen und ein wenig gedankenverloren durch die Straßen zu wandeln. Hier findet sie die Tür zu einer Welt, die sie noch nicht entdeckt hatte. Hier trifft sie auf Menschen, deren Leben einem bibliophilen Traum folgen. Sie begegnet Soliman und seiner Tochter Zaïde. Sie betritt eine Welt, die mit der Inschrift „Bücher ohne Grenzen“ wahrhaft paradiesisch anmutet. Eine Welt der Bücher, die von Soliman auf den Weg gebracht werden, um die richtigen Leser zu finden. Eine individualisierte Form des Bookcrossings. Soliman ist der Sucher im Büchermeer. Seine Mission könnte lauten: „Auf den Zufall warten? Dafür ist ihre Zeit zu schade. Ich PaarBooke jetzt“. Und Juliette kommt genau zur rechten Zeit. Ein neuer Kurier zur Vermittlung von Büchern wird dringend gesucht.

Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury legt uns „Das Mädchen, das in der Metro las“ ans Herz. Im Kosmos der bibliophilen Romane sicherlich ein Werk mit einer überzeugenden Idee. Im Kern des Romans, der wie eine Pralinenschachtel der Literatur anmutet, entwickelt sich die Geschichte zu einem Erzählraum, der den Menschen eine Heimat gibt. Die Literatur ist nicht das Leben. Das Leben ist nicht das Lesen. Ohne Bücher jedoch würden einige Menschen nicht zueinander finden. Ohne Inspiration würden sie einander nie so richtig erkennen und wahrnehmen. Und ohne die Fähigkeit sich in ein Buch einzufühlen, ist es schwer, Empathie für Menschen zu entwickeln. Die Bücher, die uns hier über den Weg laufen sind wie Grundnahrungsmittel für den Geist. Sie sind der Sauerstoff des Lesens. Ohne sie würden wir nie erfahren, ob „Das Mädchen, das in der Metro las“ ein guter Kurier des guten Lesens wäre und ob sie das Geheimnis lüftet, das hinter der Mission dieses belesenen Arabers mitten in Paris verborgen ist? Lassen Sie sich überraschen und nehmen Sie gleich den nächsten Zug der Metro. Es gibt keine Endstation für diese Geschichte.

Und vielleicht begegnen Sie ja nach diesem Buch einem jungen Mann, der in der Metro laut vorzulesen pflegt. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ und „Das Mädchen, das in der Metro las“ sind perfekt für das Lesen in vollen Zügen.

Das Mädchen, das in der Metro las

Wem ich auf einer Zeitreise durch Paris sicherlich in der Metro begegnet wäre:

Vernon Subutex auf seinem Roadtrip durch alle Schichten einer Gesellschaft.
Samuel Beckett,
der nicht warten konnte, wie sein späterer Godot.
Charlotte Salomon mit einem Koffer, der ihr ganzes Leben war.
Irène Nemirovsky
mit dem Manuskript ihrer „Suite Française“ auf dem Weg ins KZ.
Louise, einem mörderischen Kindermädchen auf dem Weg in ihr normales Leben.
Èdouard, dem Dichter der Familie, dem einfach der vor seiner Schreibblockade flieht.
Einem Mann, der den Gare d´Austerlitz zur Drehscheibe seiner Vergangenheit macht.
Ernest Hemingway, der sich endlich einmal kräftig daneben benehmen durfte.
Scott F. und Zelda Fitzgerald, die füreinander himbeersüße Tode sterben würden.
Catherine Meurisse auf dem Weg zurück in die Leichtigkeit nach den Attentaten.
Antoine Leiris auf seiner einsamen Fahrt zurück in ein Leben ohne Hass.
Pierrot, dem auf Hitlers Berghof die Heimatstadt Paris abhanden kommt.
Claire und Julie, die im Salz der gemeinsamen Tränen baden.
Einer Nachtigall, die in den Reihen der Résistance an Sabotage denkt.
Den Liebenden aus dem Chamäleon Club, die eher Blut, als Tränen vergießen.
Guylain Vignolles, der es liebt, laut vorlesend Metro zu fahren.
Julie, die Toilettenfrau, die einen USB-Stick mit ihrem Tagebuch in der Metro verlor.
Marie-Laure LeBlanc, das blinde Mädchen aus Paris, das in Saint-Malo Licht sieht.
Juliette, das Mädchen, das in der Metro las und Wortschmetterlinge züchtete.
Und nicht zuletzt hätte ich vielleicht den Hut des Präsidenten gefunden.

Fahren Sie mit der Metro durch Paris. Finden Sie ihr Lesen. Träumen Sie mit mir.

„Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Ich denke, das kennt jeder von uns, der sein Leben seit langen Jahren mit einem Partner zusammen verbringt. Man wird morgens wach, schaut im Bett auf die rechte Seite und fragt sich, wer der fremde Mensch ist, der neben uns liegt. Oder man fühlt in besonderen Situationen eine plötzliche Befremdnis aufkommen, wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man es von ihm erwartet. Man fragt sich dann, ob es sich bei dem Menschen, den man ganz neu wahrnimmt, wirklich um den Lebensgefährten handelt, in den man sich vor Jahren verliebt hat. Wer ist der Fremde da in meinem Bett? Das habt Ihr euch doch sicher auch schon mal gefragt. Oder?

Was aber, wenn aus diesem plötzlichen Fremdeln heraus eine fixe Idee entsteht? Was, wenn man tatsächlich zu vermuten beginnt, dass sich eine fremde Person in das eigene Leben eingeschlichen hat. Was, wenn sich dieser Verdacht manifestiert und in ganz kleinen Mosaiksteinen ein Bild entsteht, das jeden Zweifel rechtfertigt? Was dann und wie weiter? Zieht man Vertraute ins Vertrauen? Geht man zum Psychiater oder ist man auf sich alleine gestellt, wenn sogar Verwandte und gute Freunde darauf beharren, dass man so langsam durchdreht? Klingt extrem spannend und habt Ihr vielleicht sogar bildlich vor Augen.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Könnt ihr euch an den Spielfilm „Sommersby“ erinnern? Könnt Ihr Euch an Jodie Foster und Richard Gere erinnern, die 1993 gemeinsam auf der Leinwand brillierten? Seht Ihr den zerlumpten Soldaten noch, der aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg nach Hause kommt und seine Frau nach vielen Jahren erstmals wieder in die Arme schließt. Könnt Ihr Euch noch an die zweifelnde Ehefrau erinnern, die gegen jedes innere Gefühl den Fremden bei sich aufnimmt, der behauptet, ihr Ehemann zu sein? Ein Verwirrspiel voller Wendungen sondergleichen. Immer, wenn man sich sicher war, Sommersby auf die Spur gekommen zu sein, überraschte er mit überzeugendem Wissen, über das man nur verfügen konnte, wenn man der echte Sommersby war.

Aus dem Wechselspiel der Gefühle wurde dank der brillanten Schauspieler eine große Psychostudie zweier Menschen, die zu den Gefangenen der Geschichten und Legenden ihres Lebens wurden. Spannend bis zur letzten Sekunde. Wusstet Ihr, dass dieser Film auf einem Roman basierte, der bereits 1941 erstmals veröffentlicht wurde? Janet Lewis schrieb unter dem Originaltitel „The Wife of Martin Guerre“ eine Novelle, die auf wahren Ereignissen beruhte. Heute müsste man jedoch sagen: „Oft kopiert, nie erreicht!“ Denn diese Story geht psychologisch tiefer, als diese bekannte Filmadaption. Endlich liegt das Buch in deutscher Übersetzung von Susanne Höbel bei dtv vor. Ich habe mich lesend schnell von allen Bildern verabschiedet, die ich aus der Verfilmung in Erinnerung hatte. Zu eigenständig ist das Buch. Zu weit entfernt erscheint die Adaption. Ein Lesen, das sich mehr als lohnt. Die Frau, die liebte“ – Eine Herzensempfehlung.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Janet Lewis holte psychologisch weiter aus, als sie einen Fremden im Bett ins Leben rief. Sie bringt einen situativen Kontext des Frankreichs im 16. Jahrhundert ins Spiel und entwickelt auf der Grundlage von komplex verflochtenen Familienstrukturen reicher Grundbesitzer den eigentlichen Nährboden für ihre Erzählung. Hier wird nicht einfach geheiratet. Hier werden Ehen arrangiert, Kinder versprochen und Hochzeiten dienen dem Erhalt des Reichtums. Patriarchat in Reinkultur. So wird auch Bertrande schon im zarten Kindesalter dem jungen Martin Guerre versprochen. Von Liebe kein Hauch zu erkennen. Auch einige Jahre später nach der Hochzeit begegnen sich eher Fremde im gemeinsamen Bett. Man arrangiert sich, auch wenn Martin sehr nach dem herrschsüchtigen Vater schlägt. Ein gemeinsamer Sohn festigt das Arrangement. Als Martin jedoch vom gemeinsamen Hof flieht, weil er seinen Vater betrogen hat, bleibt Bertrande wartend mit Kind zurück. Als Verlassene nicht viel wert. Nur Männer sind relevant für den Fortbestand des Besitzes.

Als Jahre später die Familie die Rückkehr des Martin Guerre feiert, ist Bertrande von allem überzeugt, nur nicht vom zufälligen Erscheinen ihres Gemahls. Hier setzen Mischgefühle ein, die den Gewissenskonflikt einer eigentlich zur Treue verpflichteten Frau widerspiegeln. Denn der neue Martin Guerre ist ganz anders, als derjenige, der sie vor Jahren verließ. Er ist sanftmütig, sympathisch und liebevoll. Und doch darf nie sein was sich hier abzuzeichnen droht. Bertrandes moralische Festungen stürzen ein. Sie wird schwanger und sucht Hilfe bei den Schwestern ihres vermeintlichen Mannes und beim Pfarrer. Doch steht sie allein mit ihrem Verdacht. Alle halten sie für verrückt und auch Martin Guerre kann nicht fassen, was sich hier zusammenbraut. Und selbst Bertrande wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher, als den neuen liebevollen Mann.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Auf dem Höhepunkt der Selbstzweifel tritt sie eine richterliche Untersuchung los und löst eine Kette von Ereignissen aus, die nicht mehr steuerbar sind. Brillant und stichhaltig erzählt. Das Wechselbad zwischen Gefühl, Hoffnung und Moral lässt keinen Spielraum für Bertrande. Lieber das Selbst opfern um der Verpflichtung zu entsprechen. Lieber auf den Mann verzichten, den sie zwar liebt, dem sie jedoch nicht verpflichtet ist. Ein Frauenbild, das katastrophaler nicht selbst interpretiert werden kann. Ein Moralbild, dem man nur erliegen kann. „Die Frau, die liebte“ muss im Herzen scheitern, egal wie sie sich entscheidet, egal welchen Weg sie geht und egal, was sie dabei fühlt.

Wer nun denkt, die Frage des echten Martin Guerre würde im Gericht geklärt, der sollte einfach dieses Buch lesen. Janet Lewis hat es sich nicht leichtgemacht. Sie hat in alten Prozessakten gestöbert und einen solchen Fall in der Vergangenheit gefunden, in dem sie die Inspiration verspürte, die Geschichte aus der Perspektive von Bertrande zu erzählen. Inneneinsichten einer verzweifelt Liebenden bietet sie uns auf 128 Seiten, die keine Frage offenlassen. Und doch stellt sie uns viele Fragen. Identität, Zuneigung und Selbstaufgabe stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Wie würde eine solche Geschichte heute enden? Wie würden wir entscheiden und wie würden wir am Ende reagieren? Im Leben wie im Lesen ist es so, dass es keine klare Antwort gibt. Nur ein Gefühl. Und das ist eigentlich untrüglich. Doch das Ende hätte auch ich nicht kommen sehen. Nicht so.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

„Die Schönheit der Nacht“ von Nina George

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass alle Schriftsteller dieser Welt mit dem durchaus vergleichbaren Zeichenvorrat arbeiten. Es sind Buchstaben und Worte, in welcher Sprache auch immer, die auch uns zur Verfügung stehen. Im Unterschied zum Autor jedoch gelingt es uns nicht, diesen Zeichenvorrat so anzuordnen, dass daraus im Ergebnis Literatur oder Kunst entsteht. Stellen wir uns doch einfach mal eine Schmiede vor, in der Buchstaben gegossen und gehämmert werden. Sie werden anschließend im Rohformat auf dem Markt angeboten und stehen der Welt zur Verfügung. Es gibt dann Autoren, die sie polieren, aufhübschen und verzieren, sie zu Worten verbinden und das Ergebnis der Wortschöpfung als Geschichte bezeichnen. (Weiterhören? Hier…)

Die Schöheit der Nacht - PodCast bei Literatur Radio Bayern - AstroLibrium

Die Schönheit der Nacht – PodCast bei Literatur Radio Bayern – Hier geht´s lang…

Es gibt jedoch auch Schriftsteller, die lediglich mit dem Rohmaterial auskommen. Mit den unbearbeiteten Buchstaben und Wörtern, die sie ohne jegliche Verzierung oder Veredelung für sich selbst sprechen lassen, indem sie Verbindungen entstehen lassen, die ausschließlich durch den Prozess des Schreibens zu Kunstwerken werden. Ich bin der Autorin Nina George bisher lesend noch nicht begegnet. In der Literatur jedoch ist es nie zu spät für ein erstes Treffen. Ihr Roman „Die Schönheit der Nacht“ gehört nun eigentlich nicht unbedingt zu den Büchern, die mich inhaltlich dazu verführen, sie lesen zu wollen. Und doch bin ich dem Ruf der Seiten gefolgt, weil ich von guten Freunden in der Bloggerszene auf den besonderen Schreibstil von Nina George hingewiesen wurde. Schon bin ich beim Bild des Schmiedes angelangt. Bei einer Autorin, die es nicht nötig hat, die Rohstoffe Buchstabe und Wort an sich zu verkünsteln oder aufzuhübschen. Ich bin bei einer Schriftstellerin angekommen, die aus der ursprünglichen Rohmaterie eine Geschichte entstehen ließ, die sich deutlich von anderen Erzählungen abhebt.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Kein einziger Satz aus der Feder von Nina George klingt gewöhnlich. Kein Absatz wirkt so, als sei er in einem ungezügelten Schreibfluss entstanden. Mit Bedacht und mit unglaublichem Gefühl scheint sie Buchstaben und Worte zu arrangieren, Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen und Metaphern in völlig neuem Licht erstrahlen zu lassen. Hier sind es keine gestylten Kunstworte, die dem Text Glanz verleihen. Hier ist es die Magie der Komposition, die aus Buchstaben, Worten, Sätzen, Kapiteln und Seiten etwas ganz Besonderes entstehen lässt. Würde ich auf der Suche nach Zitaten aus diesem Buch jene auswählen müssen, die mir besonders gelungen scheinen, ich müsste den Roman an dieser Stelle wiedergeben. Müsste ich hervorheben, welche Passagen des Romans mich besonders beeindruckt haben, ich wüsste nicht, worauf ich mich beschränken und reduzieren könnte.

Der wahrhaft literarische Kreis schließt sich nun in der Verheiratung dieser Gabe mit einer Geschichte, die einfach erzählenswert ist. Die Begegnung zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bildet den Rahmen der Geschichte. Claire, 44 Jahre alt, etablierte Verhaltensbiologin, verheiratet und Mutter eines Sohnes, der selbst schon ein Mann ist, begegnet in einem Pariser Hotel dem 19-jährigen Zimmermädchen Julie. Klingt an sich nicht besonders aufregend. Wäre nicht Claire gerade nach einem erotischen Tête-à-Tête mit einem unbekannten Mann auf dem Rückweg in ihr normales Leben und würde sie nicht auf diese junge Frau stoßen, die sie dabei durchschaut. Aus dem Geheimnis ihres Lebens wird ein Augenblick des stillen Verstehens. Julie wird zur Komplizin der Momentaufnahme. Zur stillen Zeugin lauten Verlangens und damit sofort zur Gefangenen der neiderfüllten Vorstellung, so stark und selbstbestimmt zu sein, wie die Frau, die ihr im Hotelflur gegenübersteht.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Zwei Generationen, zwei Frauenbilder, zwei Rollen und letztlich zwei verletzliche Menschen werden auf dem Flur zu Gefährtinnen des Augenblicks.

„Die Gewordene.
Die Werdende.“

So beschreibt Nina George die beiden Frauen. So lässt sie uns eine Distanz fühlen, die sie scheinbar trennt. Und doch ist in der Schnittmenge der beiden Persönlichkeiten die Treibladung versteckt, die aus der Geschichte einer Begegnung die Geschichte von zwei Frauen macht, die nur Alter und Zeit voneinander trennen. Im Kern ihres Wesens jedoch sind sie sich näher, als sie es selbst wahrhaben wollen. Aus der Begegnung im Augenwinkel des Erkennens wird eine Begegnung im echten Leben. Das Geheimnis in der Verborgenheit des Hotelflurs wird jetzt zum dramaturgischen Spannungsbogen, als Claire die neue Freundin ihres Sohnes kennenlernt. Julie.

Aus den Komplizinnen des Augenblicks wird mehr. Die Werdende hütet das große Geheimnis der Gewordenen. Aus Vertrauen wird Zuneigung. In der Zuneigung werden alle Fragen des Lebens beantwortet und Julie verliert ihre Scheu, nicht nur sich selbst, sondern alles zu hinterfragen, was sie bisher am Leben gehindert hat. Seite an Seite begeben sich die beiden Frauen vor dem idyllischen Hintergrund der Bretagne auf die Selbstfindungsreise ihres Lebens. Die Gewordene an der Seite ihres Ehemannes, die Werdende an der Seite ihres Zukünftigen. Tiefgründig, poetisch und metaphorisch hält uns Nina George auf Augenhöhe mit den beiden Frauen. Sie gewährt tiefe Einblicke in das verborgene Intimste und lässt uns Sehnsucht, Verlangen und existenzielle Fragen des Lebens erfühlen, als würden wir sie uns selbst stellen.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

„Vier Sorten Salz.
Das Salz des Meeres.
Das Salz der Tränen.
Das Salz des Schweißes.
Das Salz des »Ursprungs der Welt«,
wie Gustave Courbet die dunkle Blüte einer Frau nannte.“

Es sind diese vier Sorten Salz, die uns Nina George schmecken lässt. Es ist „Die Schönheit der Nacht“, die sie in ihrem Roman ans Tageslicht bringt. Es sind Gemälde von unglaublicher Tiefenschärfe, die sie mit ihren Worten malt. Es ist das Meer, in dem das Leben entdeckt wird. Es ist das Meer, das beherrscht werden kann, wenn man sich freigeschwommen hat. Es sind zwei Frauen, die das Meer miteinander neu entdecken. Die Gewordene als Schwimmlehrerin, die Werdende als Nichtschwimmerin. Es sind die Ängste, die überwunden werden. Es ist das pure Nichts der Nacht, in dem Schönheit in aller Klarheit entsteht und es sind die Entscheidungen zweier Frauen, die uns am Ende eines fulminanten und emotionalen Romans nicht mehr fremd erscheinen.

Nina George macht uns zu Seelenverwandten ihrer Charaktere. Keine ihrer Fragen lässt uns kalt. Keine Betrachtung unseres oberflächlichen Miteinanders verfehlt uns. Es ist erstaunlich, wie tief Nina George unter der Oberfläche taucht, um fündig zu werden. Es ist erstaunlich, wie atemlos wir bereit sind mit einzutauchen, obwohl wir in unserem Leben oftmals nicht gewillt sind, die vier Sorten Salz zu kosten. Und es ist einfach mehr als grandios erzählt, was die beiden Frauen in den gemeinsamen Strudel zieht. Dieses Jahr habe ich für mich zum Lesejahr des Wassers und des Meeres erklärt. Maja Lunde hat mir „Die Geschichte des Wassers“ erzählt. Ein „Meeresroman“ hat mich auf hohe See entführt. Dass „Die Schönheit der Nacht“ das Meer mit solcher Wucht an meinen Lesestrand anbranden lässt, hätte ich nie vermutet.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich habe „Die Schönheit der Nacht“ für mich entdeckt. Ich bin zu nachtschlafender Zeit erneut in mein Paris gereist und an der Seite von Nina George in ein Nachtleben in der Metropole an der Seine eingetaucht, das eine ganz spezielle Vitalität versprüht. Ein Leben, das in den Silhouetten einer Stadt ihre wahre Schönheit offenbart. Schönheit ist auch ein Prädikat, das man diesem Roman verleihen kann. Eine Schönheit, die jedoch der Handlung nicht im Wege steht. Nichts wirkt künstlich überhöht oder verkitscht. Hier ist Platz für Emotion, Geheimnis, Missverständnis und hemmungslose Lust am Leben.

„Wie viele Frauen ist eine Frau?
Und wie viele Jahre fließen dahin, bis eine Frau das Eigene gefunden hat?
Und hat die Zeit dann noch eine Nische für das, wer sie wirklich ist, für ihre Pläne, ihre Gedanken, für den Reichtum ihrer Fähigkeiten – oder ist die Zeit zugeziegelt mit den Dingen, die sie tagtäglich tut und tun muss?“

Gehen Sie den Fragen selbst auf den Grund. „Die Schönheit der Nacht“ hilft bei der Beantwortung, schwingt sich jedoch nicht zum Almanach der weiblichen Psyche auf. Zum Abschluss noch ein Tipp, der mich selbst schon sehr traurig stimmt. Ich wäre gerne dabei, wenn Nina George bei meinem Herzensbuchhändler aus ihrem Roman liest. Ich hätte viele Fragen und wäre sehr gespannt darauf, in welchem Tempo sie mit welchem Timbre liest, was sich mir ins Herz gebrannt hat. Vielleicht gehen ja Sie selbst zur Lesung und erzählen mir davon… Das wäre schön…

Die Schönheit der Nacht von Nina George – Die Lesung

Nina George liest in Groß-Gerau
Nina George liest aus ihrem neuen Roman „Die Schönheit der Nacht“.

Wo: Stadtmuseum Groß-Gerau
Wann: 23.05.2018
Uhrzeit: 19 Uhr, Einlass ab 18 Uhr

Preis: 10 € im Vorverkauf, 12 € an der Abendkasse. (Inklusive eines Getränks)

Karten gibt es bei in der Buchhandlung Calliebe, über das Kartentelefon 06152 910235, per Mail an info@calliebe.de oder bei der Stadtbücherei Groß-Gerau.

PS: Thomas, nimmst Du meine Rezension mit zur Lesung? In Gedanken bin ich da!