Hemingway – Die große Hörspiel-Edition zum 120. Geburtstag

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Hemingway – Die große Hörspiel-Edition

Idaho, die Kleinstadt Ketchum am 2. Juli 1961. Eigentlich ein ruhiger Sonntag. Bis ein Schuss plötzlich die Stille zerfetzt und nicht nur die ländliche Idylle zerstört, sondern die gesamte Weltliteratur in Aufruhr versetzt.

Ernest Hemingway (61), Literaturnobelpreisträger und zu dieser Zeit der populärste Schriftsteller nicht nur seines Landes, hatte seinem Leben ein lautstarkes Ende gesetzt. An einem Punkt angekommen, der keinen Ausweg mehr offenließ, an dem der Alkohol und die Depression die grenzenlose Fantasie eines Genies endgültig besiegten, sah er nur diesen einen Weg – diese eine Schrotflinte…

Ein einziger Schuss. Ein Volltreffer ins Herz von zahllosen Lesern und Fans. Nicht jedoch das Ende, sondern vielmehr die Geburtsstunde einer Legende. Hemingway lebt in seinen Büchern weiter. In seinen großen Erfolgen, seinen brillanten Kurzgeschichten und den posthum erschienenen Romanen wie “Die Wahrheit im Morgenlicht”.

“Der alte Mann und das Meer” erhob ihn in den Olymp der Weltliteratur. Unzählige Auszeichnungen und Ehrungen wurden zu treuen Wegbegleitern des Schriftstellers und doch wurde sein Geist von unzähligen Zweifeln geplagt. Versagensangst, Verzweiflung und melancholische Rückblicke auf gescheiterte Beziehungen sowie ein extrem wildes und ausschweifendes Leben kennzeichneten die letzten Jahre von Ernest Hemingway.

Am 21. Juli würde Hemingway 120 Jahre alt. Nur die Hälfte dieses Jubiläums hat er schadlos überstanden und doch hallt seine mächtige Stimme bis heute nach. Kaum ein zweiter Schriftsteller wird so oft zitiert, kaum ein zweiter wird so nachhaltig gefeiert und kaum einem zweiten Autor widmet man noch heute brandaktuelle Romane, die sich mit seinem Leben, seinen Romanen, seinen Ehefrauen, seinen Beziehungen oder mit den Anfängen seines Schaffens in Paris auseinandersetzen. Vielschichtig ist mein Lesen an seiner Seite. Meine Hemingway-Bibliothek kommt eigentlich nie zur Ruhe. Seine Werke stehen hier in Reih und Glied mit den Romanen über ihn. Beispiele gefällig?

Über Hemingway:
Und alle benehmen sich daneben
von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Hemingway & ich von Paula McLain

Von Hemingway
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta“ von Ernest Hemingway

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Ein Zitat aus seiner Feder wurde für mich persönlich zur Richtschnur meines Lesens und auch des eigenen Schreibens. Kein anderes Zitat erklärt so tiefgreifend, warum er einen solchen Erfolg hatte, was seine Bücher so unvergleichbar macht und wie er sich von anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen unterscheidet. Betrachtet man diese Worte als Richtschnur des guten Lesens, dann macht man nichts falsch. Dann hat man verinnerlicht, was uns Ernest Hemingway mit ins Leben geben wollte:

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Wie kann man Hemingways 120. Geburtstag besser feiern, als ihn indirekt selbst zu Wort kommen zu lassen? Wie kann man diesen Tag begehen, ohne sich in Gedanken nach Paris zu begeben, in der Buchhandlung Shakespeare & Company ein ruhiges Plätzchen zu suchen und seinen großen Geschichten zu lauschen. Mein Lieblingsort in der Seine-Metropole ist ein magischer Ort. Man denkt, sie wären immer noch hier. Die Hemingways, Fitzgeralds und Elliots, die der legendären Buchhändlerin und Verlegerin Sylvia Beach alles zu verdanken haben. Hier bin ich nun und höre:

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition (Der Audio Verlag)

Hier sind sie in einer Edition vereint. Seine wichtigen Romane und Erzählungen, die seinen Weltruhm begründen. Den Charme dieser Hörspieledition mit den Stimmen von Rosemarie Fendel, Peter Lieck und vielen anderen verdankt die Editions- Neuauflage auch ihrem Alter. Der typische Hörspielsound der 1950er Jahre schmiegt sich an diese Texte an, wie ein guter alter Straßenschuh, den Ernest Hemingway selbst getragen hat. Hier ist noch heute nichts angestaubt, nichts klingt antik und doch vermitteln alle Texte dieser Sammlung eine ganz besondere Authentizität. Dabei sind sie auf den wesentlich inhaltsbestimmenden Kern der Originale verkürzt, um uns zügig in das Universum des Schriftstellers zu entführen.

8 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 8 Stunden und 48 Minuten lassen uns also in überschaubarer Zeit 8 Werke aus der Feder von Hemingway hautnah erleben.

Die Box enthält:

»Der Unbesiegte«, SDR (heute SWR) 1953
»In einem andern Land«, WDR 1958
»Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber«, SDR 1951
»Schnee auf dem Kilimandscharo«, SDR (heute SWR) 1977
»Haben und Nichthaben«, SDR (heute SWR) 1955
»Wem die Stunde schlägt«, SWF (heute SWR) 1948
»Der alte Mann und das Meer«, SWF (heute SWR) 1953
»Um eine Viertelmillion«, SDR (heute SWR) 1952

Dabei knüpfen diese Erzählungen an die Romane an, die heute über Hemingway geschrieben werden. Der Kriegsberichterstatter und Abenteurer manifestiert sich im spanischen Bürgerkrieg, den Hemingway an der Seite von Martha Gellhorn erlebte. In Paula McLains Roman Hemingway & ich erfahren wir alles über die Entstehung des Romans „Wem die Stunde schlägt“. Hier schließen sich viele Kreise. „Der alte Mann und das Meer“ ist symbolisch für den ewigen Kampf des Menschen mit und gegen die Natur. Ein Leitmotiv, das Hemingway seit „Fiesta“ faszinierte. An der Novelle „Schnee auf dem Kilimandscharo“ lässt sich exemplarisch Hemingways Zerrissenheit ablesen. Im Leben an den wichtigen Fragen gescheitert, in der Liebe orientierungslos und nur in freier Wildbahn zu klaren Gedanken fähig. Starke Texte. Stark inszeniert.

Ich bin Ernest gerade wieder begegnet. „Propaganda“ von Steffen Kopetzky zeigt, wie groß sein Einfluss auf die heutige Literatur immer noch ist. Er ist relevant. Er spielt eine mehr als wichtige Rolle in der Aufarbeitung von Kriegen, gilt als Symbolfigur eines Kriegsberichterstatters, der alle Grenzen überschreitet, um selbst Grenzerfahrungen zu erleben. In Propaganda folgt man ihm ins Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Man will sein Charisma nutzen, man will ihn für Propagandazwecke instrumentalisieren. Ernest Hemingway spielt auch in diesem Roman eine Hauptrolle. Meine Rezension folgt, wenn Propaganda erschienen ist. (August 2019 / Rowohlt). Ein wenig Geduld, dann geht´s weiter mit dem alten Mann und der Literatur. Happy birthday, Nesto…

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Space Girls von Maiken Nielsen

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Space Girls von Maiken Nielsen

50 Jahre – Der erste Mann auf dem Mond. Ein besonderes Jubiläum. Ein Meilenstein. Wissenschaft und Mensch in perfekter Symbiose und nach jahrelangen Vorbereitungen endlich Sieger über die Schwerkraft und die lebensfeindliche Umgebung im Weltall. So wird Geschichte geschrieben. Menschheitsgeschichte. Oder handelt es sich bei diesem epochalen Ereignis mal wieder nur um Männergeschichte? Das Weltraumprogramm ist eine Männerdomäne in den 1960er Jahren. Die NASA ist eine Ansammlung führender Wissenschaftler und Testpiloten, die sich auf die Mission vorbereiten. Mercury Seven. Sie gehen in die Geschichte ein. Sieben handverlesene Astronauten, die schon 1959 in Washington präsentiert werden und den Kern der bemannten Weltraumfahrt darstellten.

BEMANNT. Nicht befraut. Schon klar. Raumfahrt ist ein Männerding. Zumindest in diesen Jahren. Die NASA war ein Männerding und die Mondlandung 1969 war es auch. Alan P. Shepard. Einer der Mercury Seven – Astronauten. Einer der Wegbereiter. Neil Armstrong – Der erste Mensch (Mann) auf dem Mond. Nichts dran zu rütteln. Ehrlich? Und was ist mit Mercury 13? Nie etwas davon gehört? Dann wird es Zeit. Die „13“ sagt etwas über die Anzahl der Beteiligten an diesem Programm aus. Und das ist jetzt mehr als interessant, denn diese Mission ist ein FRAUENDING! Pilotinnen. Astronautinnen und Weltraumpionierinnen. Nur kurz nach Bekanntgabe der legendären „Seven“ fand ein zweites Auswahlverfahren statt. Das Ziel: Den Beweis anzutreten, dass Frauen die Tests ebenso gut bestehen würden, wie ihre männlichen Vorreiter. Space Girls. Heute ein fast verschwundener Baustein der Weltraumfahrt. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

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„Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann!“

Diese und ähnlich lautende Aussagen im Rahmen einer offiziellen Anhörung vor einem NASA-Subkomitee beendeten den Traum vieler Frauen, gleichberechtigter Teil der Weltraumgeschichte zu werden. Und das nachdem 13 von ihnen bewiesen hatten, dass sie die Eignungstests ihrer männlichen Kollegen mit vergleichbaren Ergebnissen absolvieren konnten. Der Beweis war erbracht und trotzdem traf jene Frauen die Keule männlicher Ignoranz. Ihre Geschichte wurde immer nur am Rande erwähnt. Die Folgen dieser Ablehnung jedoch spürten sie nachhaltig. Arbeitslosigkeit, weil sie unerlaubt am Auswahlverfahren teilgenommen hatten. Gesundheitliche Spätfolgen, weil sie in dieser Testreihe mit radioaktivem Material belastet wurden. Und menschliche Enttäuschung.

Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Zeit, das Mäntelchen des Schweigens zu lüften und den „Space Girls“ Ehre zu erweisen. Zeit, der Hamburger Autorin und Fliegerin Maiken Nielsen in ihren Roman zu folgen und Teil dieser legendären Mercury 13 Crew zu werden. Sie setzt den Pionierinnen ein literarisches Denkmal. Und gar nicht so ganz nebenbei zeichnet sie das Rollenbild der Frau in den 1960er Jahren am Beispiel dieser Männerdomäne exemplarisch auf. „Space Girls“, erschienen im Wunderlich Verlag, ist alles, nur kein Frauending. Ich habe das Buch gelesen und erweise dem Roman meine Referenz, weil ich ihn für relevant, lehrreich und in höchstem Maße unterhaltsam halte.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls ist im klassischen Sinne ein historischer Roman, weil er dem verbrieften Setting fiktionale Charaktere hinzufügt, an deren Seite wir das Geschehen hautnah und unmittelbar erleben können. Maiken Nielsen hat hierdurch zweierlei erreicht. Einerseits legt sie kein reines Sachbuch oder eine trockene Dokumentation der Ereignisse vor und zum Zweiten gelingt es ihr, mit ihren Protagonistinnen gleichzeitig eine Ebene erzählbar zu machen, die ihren Roman zu einem komplexen Kaleidoskop der US-amerikanischen Weltraumgeschichte macht. Es sind die beiden deutschen Weltkriegsflüchtlinge Martha und ihre Tochter Juni, die den eigentlichen Erzählraum Mercury 13 erweitern. Hier wird der Anteil deutscher Wissenschaftler am US-Weltraumprogramm deutlich. Hier verwebt die Autorin ihre Fäden von Wernher von Braun zur Raketenforschung der Nazis, bis in die Zwangsarbeiterlager und die Entwicklung der V-2 Vernichtungswaffe. Hier erzählt sie von zwei Frauen, die das Land verlassen haben, weil sie um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, ebenso wie Junis Großvater im Arbeitslager liquidiert zu werden.

Hier erzählt die Schriftstellerin eine Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht nur historisch relevant ist, sondern die Motivation von Juni greifbar werden lässt, sich am Auswahlverfahren von Mercury 13 zu beteiligen. Sie folgt ihrem hingerichteten Großvater. Sie will in einer Rakete fliegen, an deren Entwicklung er bis zu einem Verrat beteiligt war. Sie wirft alles in die Waagschale. Hier skizziert die Autorin keine einfache Romanfigur. Sie stattet Juni mit allem aus, was man sich von einer Heldin im positiven Sinne erhofft. Ecken und Kanten, Kampfgeist bis zum Letzten und einen Charakter, an dem man sich während der gesamten Handlung orientieren kann. Wer Juni nicht mag, dem ist literarisch nicht weiterzuhelfen. Maiken Nielsen öffnet in „Space Girls“ gleich zwei Fässer, die man bei der NASA gerne ganz tief im Keller verstecken würde.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Die Tatsache, dass die spätere Apollo-Mission auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die man der Nazi-Diktatur zu verdanken hat und, dass man der Leistung einiger hochtalentierter Frauen einen unverzeihlichen Riegel vorgeschoben hat. Beide Fässer beinhalten den Stoff, aus dem gute Romane gemacht sind. Perfekte Recherche, sicher verbriefte historische Personen und ganz eigene Protagonisten, die authentisch aus der Zeit in unsere Hände fallen. Der Blick, den sie uns durch diesen Roman auf die frühen Phasen der Weltraumfahrt gewährt, ist unschätzbar. Das Lesetempo wird von einer in jeder Beziehung bewundernswerten jungen Frau vorgegeben. An Junis Seite erleben wir Verzweiflung, Hoffnung, Niederlage und ein ungebrochenes Kämpferherz. Hätte es Juni wirklich gegeben, sie hätte es verdient ein legendäres Zitat in abgewandelter Form zur Erde zu schicken.

Dies ist ein kleiner Schritt für eine Frau, aber ein riesiger Sprung für die Frauen.

LESENSWERT. Kein Frauending. Gerade auch für Männer erhellender Lesestoff.

Damit ist der Roman auch ein deutlicher Fingerzeig auf die heutige Gesellschaft. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine angemessen proportional gleiche Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen und Gleichberechtigung im Rollenbild hätten sich wohl drastisch anders entwickelt, hätte man nicht erst im Jahr 1983 mit Sally Ride die erste US-Amerikanerin mit der Challenger in den Weltraum geschickt. Übrigens: Walentina Wladimirowna Tereschkowa hat dies als Kosmonautin bereits 20 Jahre zuvor erlebt. Sie war 1963 die erste Frau im Weltraum und auch die einzige Frau in der Geschichte, die allein flog, also ohne Begleitung männlicher Kollegen. Und all das, während wir uns eher an den ersten Affen oder den ersten Hund im Weltall erinnern. Albert und Laika. Lässt sich die Benachteiligung von Frauen besser dokumentieren? Ich denke nicht!

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen / Wunderlich Verlag / 432 Seiten / 22 Euro

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Space Girls von Maiken Nielsen

Und jetzt noch die Gewinner des Mondeulen-Specials zum 50. Jubiläum:

„Sarah aus dem Elbtal“ und „Mikka Liest“. Herzlichen Glückwunsch. Unsere Eulen machen sich auf den Weg. Und dann wird es schwerelos bei Euch. Habt Spaß.

Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe das Hörbuch nicht gehört. Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza hat niemals den Eindruck hinterlassen, Leser einer Geschichte zu sein. Der Roman hat mich niemals denken oder fühlen lassen, erfunden zu sein. Deshalb versuche ich gar nicht, das Buch zu rezensieren oder Leseeindrücken freien Lauf zu lassen, weil ich eben nicht gelesen oder gehört habe. Ich empfand es als Einladung in eine Gastfamilie, die mich vorbehaltlos aufnimmt, ihre Geschichte, Ängste und Sorgen mit mir teilt und mich für einige Jahre in ihrem Kreis willkommen heißt. Nur so kann ich mich der Erzählung nähern, die unter dem Titel „Worauf wir hoffen“ in den Buchhandlungen darauf wartet, als Einladung verstanden zu werden. Ich habe sie nicht gelesen oder gehört.

Ich habe „Worauf wir hoffen“ erlebt.

Fatima Farheen Mirza macht es mir einerseits leicht, mich in meiner neuen Familie mehr als wohl zu fühlen. Die Eltern Rafik und Laila kümmern sich augenscheinlich sehr liebevoll um ihre drei Kinder. Hadia, Huda und Amar. Bevor ich noch viele Fragen über sie formulieren kann, versammelt man sich am Tisch und beginnt zu erzählen. Als läge ein Familienalbum vor mir, wird hin- und hergeblättert. Zeit spielt keine Rolle. Ich werde Zeuge der Kindheit der Geschwister, sehe sie heranwachsen, lerne viel über Rollenbild und Selbstverständnis der drei und schmunzle über so manche Anekdote. Ich bemerke, dass vieles anders ist in dieser Familie. Fühle, dass ich mich hereinfinden muss, da sie einem anderen Kulturkreis entstammt. Gläubige indisch-stämmige Muslime in den USA.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Warum ich mir nicht fremd vorkomme? Weil die Autorin mir als Wegbegleiter dieser Geschichte nicht voreingenommen gegenübertritt. Sie setzt voraus, dass ich Vorurteile an der Eingangstür abstreife und bereit bin, mich auf Menschen einzulassen, denen ich im wahren Leben wohl niemals so intensiv begegnen würde. Sie sind offen, haben kein Geheimnis vor mir und gehen sehr selbstkritisch mit ihrem Leben, den Erwartungen im Umfeld und den eigenen Ansprüchen an ihre Zukunft um. Sehr schnell bin ich als Gast auf der Hochzeit von Hadia eingeladen. Schnell bin ich im Zentrum der Geschichte, die sich langsam aber immer mitreißender entwickelt. Ich bin im Bilde und fühle mich sehr gut dabei.

Hadias Hochzeit ist nicht arrangiert. Gegen die Tradition hat sie einen Ehemann für sich gewählt, den sie liebt. Unproblematisch ist das nicht, sind doch ihre eigenen Eltern nur auf dem traditionellen Weg verheiratet worden und kurz nach ihrer Hochzeit in die USA ausgewandert. Ich sehe, wie auch hier Welten aufeinanderprallen, wie hart Hadia um ihre Zukunft kämpfen musste und welche Verluste ihr Leben prägten. Ich bin ganz bei ihr, als ihre erste große Liebe stirbt und sie zeitlebens nicht sicher ist, ob sie seither nur auf der Suche nach Ersatz ist. Heute, am Tag ihrer Hochzeit ist sie glücklich. Nicht nur weil ihr moderner Weg von der traditionellen Familie akzeptiert wird. Auch, weil ihr Bruder Amar zum ersten Mal seit Jahren auftaucht. Nach einem Streit mit seinem Vater blieb er verschwunden. Bis heute.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Fatima Farheen Mirza gelingt in ihrem facettenreichen Debütroman, was ich mir kaum hätte vorstellen können. Sie erzählt keine Migrantengeschichte, arbeitet nicht die eigene Familienvergangenheit auf und schiebt kulturelle und religiöse Unterschiede nicht in den Vordergrund. Sie erzählt eine Familiengeschichte, die so verständlich und nachvollziehbar ist, weil wir so viel miteinander gemeinsam haben. Natürlich wurden in meiner Familie keine Ehen arrangiert. Natürlich unterscheiden sich die Rollenbilder, die ich kennengelernt habe. Natürlich unterliegen Jungs und Mädchen meiner Familie nicht diesen traditionellen Anforderungen, was Freunde, Beziehungen und den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Natürlich bilde ich mir das ein, aber es war nie so.

Ohne Zustimmung meiner Eltern wohl keine Hochzeit, ohne Erwartungen bezüglich meiner Freunde, kein guter Umgang und ohne Warnungen und Appelle an Moral, Ehre und Anstand kein intensiver Kontakt mit jungen Mädchen. Fatima Farheen Mirza macht mir schnell klar, wie nah wir uns sind. Ob Muslime oder Christen. Die Familie steht hier im Mittelpunkt und da sind wir uns ähnlich. Dieser Roman ist eine ausgestreckte Hand für all jene, die in Religion und Tradition nur Trennendes, nur Differenzen sehen. Dabei würde sich diese Geschichte auch in meiner Familie ähnlich abspielen können. Ein von seinem Sohn enttäuschter Vater, Schwestern, die sich in den Vordergrund spielen und das Gefüge durcheinander bringen, eine Mutter, die der jungen Liebe ihres Sohnes den niederschmetternden Riegel vorschiebt und ein Umfeld, das zum Kriegsberichterstatter der Familienfehde mutiert. Kommt uns das nicht bekannt vor?

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Wir können uns ganz auf diese emotional tief angelegte Geschichte einlassen. Es ist leicht, sich mit Amar zu verbünden, der so aufrichtig liebt und nicht lieben darf. Es ist leicht, mit ihm auf die schiefe Bahn zugeraten, gegen das Leben zu rebellieren und sich aufzulehnen. Es ist einfach, abzuhauen und Trost in Drogen zu suchen. Ja, hier bin ich ganz Amar. Und dann ist es schwer, bei der Hochzeit seiner Schwester zu Gast zu sein und genau dort Amira über den Weg zu laufen. Der Frau seines Lebens. Hätte man ihn sein Leben leben lassen. Alle Fäden laufen hier zusammen. Die Eskalation ist schon im Vorfeld programmiert. Jetzt hängt es von der Familie ab, ob Vergebung, Hoffnung oder Hass die Zukunft bestimmen.

Fatima Farheen Mirza macht mich zum Teil ihrer Familie, wenn ich ihre Sprache zu verstehen glaube, mir das Glossar selbst erarbeite und verstehe, dann zeigt sie mir an einigen markanten Beispielen, was uns unterscheidet. Nicht nur im Inneren. Das World Trade Center und die einstürzenden Türme in Verbindung mit den Kopftüchern beider Schwestern, der aufkommende Hass gegen Muslime und die Haltung von Amar, als er stellvertretend für alle angegriffen wird. All dies öffnet die Augen für meine Welt, die für Vorurteile so anfällig ist. Dieser Roman schafft so viel Nähe. Er sensibilisiert und macht Verständigung möglich, wo vorher nur Fronten waren. Und gar nicht so ganz nebenbei erzählt er eine wundervolle tragische und traurige Liebesgeschichte, die mich fesselte.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich wollte absichtlich keine Rezension über einen Roman mit Migrationshintergrund schreiben, ich wollte nicht über eine muslimische Autorin schreiben, die versucht, mich zu integrieren. Ich wollte nicht das Trennende hervorheben. Ich wollte es so schreiben, wie ich es empfand. „Worauf wir hoffen“ ist ein Zeichen großer Gastfreundschaft, weil Fatima Farheen Mirza offen und differenziert mit ihrer eigenen Welt umgeht. Sie erzählt keine Märchen, sie beschönigt nichts und beschreibt detailliert den steinigen Weg einer jungen Frau im Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und Integration ohne jede Spur von Selbstaufgabe. Ist es das, worauf wir immer gehofft haben? Diese offene Tür zum Islam? Ich denke ja.

Die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag setzt mit einem vierstimmigen Erzählstrom Maßstäbe, wie man eine große Geschichte atmosphärisch erzählen kann. Es sind die wesentlichen Stimmen des Romans, die uns in die Familie entführen. Amar, Hadia, ihre Mutter Laila und ganz zuletzt das Familienoberhaupt Rafik. Dass dem Vater das große Schlusskapitel des Romans gehört, ist nur konsequent. Jeder Vater aus jeder Kultur mit jedem religiösen Hintergrund wird hier be- und getroffen lauschen. Und dann muss man sich hinterfragen, was man tun kann, um ein solches Schlusskapitel für sich selbst und seine anvertraute Familie zu verhindern. Das ist groß. Das ist Literatur.

„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza
Buch:
dtv Literatur / dt. von Sabine Hübner / 480 Seiten / gebunden / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / 14 Std. 39 Min. / Ungekürzte Fassung mit Gabriele Blum, Julia Nachtmann, Barnaby Metschurat, Heikko Deutschmann / 24 Euro

Am Tag davor von Sorj Chalandon [Montan-Literatur]

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Montan-Literatur. Seit Jocelyn Saucier und ihrem Roman „Niemals ohne sie“ für mich ein neuer (weil ja von mir geprägter) Begriff einer literarischen Stilrichtung. Hier sind es die Bergwerke, Kohlegruben und Zechen, die das Szenario für brillant erzählte Romane bestimmen. Es sind Kumpel, Steiger und ihre Kollegen unter Tage, die uns in die Tiefe mitnehmen. Hauer, die uns zeigen, wie hart ihr Leben ist, welche Risiken sie begleiten und wie unfair es sich anfühlt, den Reichtum eines Landes zutage zu fördern und dabei selbst an der Armutsgrenze zu leben. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Traditionen und Gefahren. Der Stoff, aus dem gute Geschichten gemacht sind.

Sorj Chalandon hat mit Am Tag davor einen solchen Montan-Roman verfasst, in dem wir eigentlich gar nichts anderes erwarten, als die ewig ungeklärte Frage zu klären, was am Tag vor einem großen Grubenunglück in Frankreich passiert ist. Das Unglück selbst ist verbriefte historische Tatsache. Die Geschichte, die Sorj Chalandon in dieses Szenario einbettet, hat es in sich. Sie geht tief unter die Haut und berührt alle Facetten menschlicher Anteilnahme. Ein verblüffender Roman über Schuld, Selbstvorwürfe und niemals bewältigten Verlust. Und zugleich ein Lehrstück über den Umgang mit eigenen Wahrheiten.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir schreiben den 26. Dezember 1974 und befinden uns auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Weihnachten ist gerade vorbei und der Routinebetrieb unter Tage läuft wieder an. Es ist der Tag, an dem der sechzehnjährige Michel voller Stolz mit Joseph, seinem großen Bruder, auf einem Moped durch die Straßen der Stadt fährt. Sie fühlen sich unbesiegbar und die Strahlkraft ihrer Jugend scheint ein Schutzschild zu bilden. Es ist der Stolz, der sie verbindet. Und auch die Angst, Joseph könnte in der Grube etwas zustoßen. Die Arbeitsbedingungen sind hart. Die Gefahr von Unglücken unkalkulierbar hoch. Es ist „Am Tag davor“, der die beiden Brüder auf der Welle gegenseitiger Liebe auf dem Moped vereint.

Am 27. Dezember 1974 ist alles anders. Eine Explosion erschüttert die Region. Es ist der Schacht, in dem sein Bruder arbeitet, der zusammenbricht. 42 Bergleute finden den Tod, wo sie eigentlich auf der Suche nach Kohle waren. Michel und seine Eltern warten auf Nachrichten, bis ihnen mitgeteilt wird, dass Joseph schwerverletzt überlebt hat. Hier lässt Sorj Chalandon einen Schacht nach dem anderen über der Familie einstürzen. Es ist unfassbar traurig, was er erzählt, wie er es erzählt und was er in uns auslöst. Joseph stirbt sechsundzwanzig Tage später in der Klinik. Er lässt verzweifelte Angehörige und eben seinen kleinen Bruder zurück. Die Geschichte hat keinen Platz für das Opfer, das so lange nach dem Unglück stirbt. Joseph wird nicht zu den Toten der Katastrophe von Liévin-Lens gezählt. Er starb im Bett.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Jorj Chalandon vermittelt ein dramatisches Gefühl der unterschiedlichen Formen von Trauer, die hier angebracht sind. Die Familie von Joseph kommt sich vor wie böse Trittbrettfahrer auf dem Zug der wahren Opfer. Entschädigungen werden gezahlt, aber eben nur den Toten des Tages. Hass brandet auf. Wut angesichts der Verursacher der Katastrophe. Chalandon führt hier die Ausbeutung der Kumpel ins Feld, die der Gefahr zu trotzen haben, damit die Zechenbetreiber im Reichtum baden. Der Atemhauch tiefer Ungerechtigkeit durchweht das Buch. Als Michel beschließt, seine Heimat zu verlassen, gibt ihm der Vater noch eine letzte Botschaft mit auf den Weg.

„Michel, räche uns an der Zeche.“

Hier erweitert Sorj Chalandon den Erzählraum um die Dimension Rache. Ein Erbe, das Michel in Paris verdrängt. Er heiratet, lebt ein normales Leben und doch merkt man ihm an, dass die Traumatisierung tiefer sitzt, als er es wahrhaben möchte. Andenken in einer Garage zeugen vom Verlust. Ein Altar für seinen Bruder entsteht und eine Suche nach den Schuldigen der Katastrophe setzt im Verborgenen ein. Als Michels Frau stirbt gibt es kein Halten mehr. Er kehrt zurück in die Heimat. Er hat einen Plan. Er hat sogar ein Ziel. Den Hauptverdächtigen, der damals für alles verantwortlich war.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir sind auf seiner Seite. Das hat der Autor geschafft. Wie könnten wir auch anders fühlen? Michel steht uns nahe. Der Verlust seines Bruders hat unser Lesen geprägt. Er wurde nicht nur um eine Zukunft, sondern auch um die Ehre betrogen, offizielles Opfer des Unglücks zu sein. Rache. Was liegt näher? Michel ist jetzt 57 Jahre alt. Grauhaarig und unbekannt in der Heimat. Zu viel Zeit ist vergangen. Vieles ist vergessen. Auch die Katastrophe von einst ist nur noch ein Mahnmal. Nicht mehr. Wir kennen die Menschen dieses Ortes, ihre Vergangenheit und die Zukunftslosigkeit unter der die Region leidet. Und genau hier schlägt Michel zu. Punktgenau. Er nimmt Rache.

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor“ von Sorj Chalandon / dtv / dt. von Brigitte Große / 320 Seiten / 23 Euro

Der dunkle Bote von Alex Beer

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Ich trage jetzt keine Hörbucheulen nach Athen, wenn ich betone, dass ich Bücher der österreichischen Schriftstellerin Alex Beer sehr gerne lese und auch höre! Es war und ist ein spannendes und atmosphärisches Vergnügen, ihr zu vertrauen und sich an ihrer Seite in Szenarien zu begeben, die nachhaltig faszinieren. Ich liebe Wien, wie sie es beschreibt. Ich liebe die Authentizität ihrer Romane im historischen Setting einer Zeitscheibe des vergangenen Jahrhunderts, die Österreich so sehr veränderte, wie nie zuvor oder danach. Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr, wie es war. Kein Stein ist noch dort, wo er sich in der KuK-Monarchie befunden hat. Aus einem Kaiserreich ist ein kleines bedeutungsloses Ländchen geworden. Kriegsverlierer.

Alex Beer siedelt genau in dieser Epoche ihre Krimi-Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich an. Zuletzt habe ich Die rote Frau, den zweiten Teil der Buchreihe vorgestellt. Genau das ist das Schöne, wenn man sich als Blogger über einen längeren Zeitraum mit einer Autorin und ihrem Werk auseinandersetzt. Ich muss nicht mehr weit ausholen, muss nicht mehr auf den facettenreichen Charakter ihres Protagonisten und die Menschen in seinem Umfeld eingehen. Ich darf, ebenso wie die Autorin, einiges als bekannt voraussetzen und kann gleich einsteigen. Wer liest schon eine Rezension über den dritten Band einer Krimiserie? Zumeist Leser, die sich schon zu den Weggefährten einer Autorin zählen. Ihnen sage ich hier herzlich willkommen zurück in Wien. Und falls sich jemand hierhin verirrt haben sollte, der noch nichts von August Emmerich gelesen oder gehört haben sollte… Es ist nie zu spät, in eine gute Story einzusteigen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nahtlos geht es weiter. Nahtlos schließt „Der dunkle Bote“ da an, wo uns Alex Beer im zweiten Teil ihrer Buchreihe zurückgelassen hat. Wir befinden uns in Wien. Wir sind im brutalen Winter des Jahres 1920 angelangt. Das ganze Land scheint im Vakuum zu versinken, das der verlorene Krieg erzeugt hat. Arbeitslosigkeit und Hunger haben tiefe Spuren hinterlassen. Kein Wunder, dass in diesen wirren Zeiten einzig die Kriminalität Hochkonjunktur feiert. Auch kein Wunder, dass die Wiener Polizei kaum in der Lage ist, den bestens organisierten Banden in der Hauptstadt etwas entgegenzusetzen. Wien ist ein wahres Feuchtbiotop für Kapitalverbrechen. Identitäten können gewechselt werden, wie die Unterwäsche, Spuren führen ins Nichts und die Mittel der Polizei sind begrenzt. Mit konventionellen Mitteln ist diese Welle nicht zu stoppen.

Außer man ist unkonventionell in der Wahl der Methoden. August Emmerich ist ein Synonym für unkonventionelle Ermittlungen. Er überschreitet Grenzen, wenn es gilt die Verbrecher dingfest zu machen, die keine Grenzen kennen. Emmerich kennt auch kein Pardon, wenn es um sich selbst geht. Recht und Gesetz ist alles unterzuordnen. Selbst die größten Probleme im eigenen Leben haben zurückzustehen. Und davon hat er eine große Portion im Gepäck. In genau diesem Nistkasten des Bösen siedelt Alex Beer die Verbrechen an, mit denen sie ihren Ermittler konfrontiert. Keine Schonkost. Es ist mehr als blutig und nervenaufreibend, was sie ihm vorsetzt. Auch in diesem Fall.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Leib und Leben“ (wir würden es Morddezernat nennen) stehen erneut im Mittelpunkt mehrerer Verbrechen, die auf dem Tisch von August Emmerich landen. Es ist nicht nur ein Mord, der die Stadt erschüttert, es sind die Rahmenbedingungen der Tat, die es in sich haben. Schrecklich zugerichtet und schockgefroren. So kann man den Zustand der Leiche beschreiben, die gleich mehrere Rätsel aufgibt. Dieser Mord entpuppt sich bald als erste Strippe einer ganzen Seilschaft von Verbrechen und Emmerich wirkt, als hätte er an einer chinesischen Losbude an allen Fäden zugleich gezogen. Freie Auswahl. Es treibt ihn in die Wiener Unterwelt, er begegnet seinen Informanten und alten Bekannten und sondiert im Treibsand des organisierten Verbrechens.

Die Spuren werden nicht wärmer. Er stochert im Dunkeln, bis ein Bekennerschreiben auftaucht, das diesen Mord zum Startpunkt einer beispiellosen Mordreihe macht. Beleg für die Echtheit des Schreibens ist ein Körperteil des Opfers, das am Tatort vergeblich gesucht wurde: Die Zunge. Was zunächst wie ein Racheakt an einem Einzelnen wirkt, entwickelt sich zu einem rasanten Wettlauf mit einem Serienmörder. Die Welt der Clans und Kriegsgewinnler gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen, doch August Emmerich wird das Gefühl nicht los, dass er völlig falsch liegt. Er sollte damit richtig liegen.

Der dunkle Bote von Alex Beer - AstroLibrium

Der dunkle Bote von Alex Beer

Alex Beer bleibt ihrer Linie treu. Sie entwickelt ihren Protagonisten beharrlich weiter und macht es dabei sich selbst und ihm nicht leicht. Ihr Spiel mit Identitäten und Spuren ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau. Ihr Spielfeld ist dabei grandios gewählt. Was sie erzählt, kann nur zu dieser Zeit und nur an diesem Ort so geschehen sein. Lokalkolorit und Plausibilität gehen hier Hand in Hand. Die Wendungen ihrer Story sind dabei kaum vorhersehbar, aber im Rückblick ausgesprochen logisch. Nichts ist konstruiert. Hier hat alles Hand und Fuß. Detailverliebt verliert sie das große Ganze nicht aus dem Auge. In dieser Reihe bestechen nicht nur die Kriminalfälle. Sie sind „Der dunkle Bote“ für eine inhaltliche Klammer, die uns den Menschen Emmerich näherbringt. Eine Klammer, die  über der Buchreihe liegt und alles zusammenhält.

Alex Beer bringt uns soweit, dass wir die Morde lieber vernachlässigen würden, um ihrem Inspektor zu helfen. Sie bringt uns soweit, dass wir uns mehr Gedanken um ihn selbst machen, als um die Kriminalität in Wien. Sie bringt uns soweit, dass wir ihm eine Zuneigung entgegenbringen, die er von sich weisen würde. Emotionen sind nicht seine Welt. Aber in diesem Fall bringt Alex Beer ihren August Emmerich zum Weinen. Stark erzählt, atmosphärisch dicht und in den Nebenrollen oscarreif besetzt. Es ist kein Zufall, dass man den nächsten Band der Reihe herbeisehnt, weil sich die Autorin einen Cliffhanger gönnt, der uns die Wartezeit bis zum vierten Fall für Leib und Leben wie eine Ewigkeit vorkommen lässt.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Großes Kopf- und Ohrenkino. Gut und Böse verschwimmen, Sympathie mit einem Täter kann das Ergebnis des Lesens und Hörens sein. Ein Gefühl, das Alex Beer hier zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Bitte mehr davon.

PS: Wer in der Beschreibung der politischen Wirren im damaligen Wien Parallelen zur aktuellen Situation entdeckt, der geht Alex Beer ganz direkt auf den Leim. Sie schreibt nicht nur Krimis. Sie spiegelt unsere Welt in einer Epoche, die wir für längst vergangen halten. Der Schuss sitzt. Volltreffer ins Leserhörergewissen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Bote – Alex Beer
Buch: Limes Verlag / 400 Seiten / Hardcover / 20 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzte Lesung mit Cornelius Obonya / 6 CDs / Laufzeit 7 Std. 37 Min. / 20 Euro

Bisher erschienen in der August-Emmerich-Reihe: Der zweite Reiter, Die rote Frau, Der dunkle Bote