GlockenbachWelle – Heidi Rehn

GlockenbachWelle - Heidi Rehn - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Herzlich willkommen zur vierten Ausgabe der GlockenbachWelle. Unser PodCast beginnt in München und zieht dann mit großem Gefolge nach Berlin. Es ist die Autorin Heidi Rehn, die uns zu einer hörbaren Vernissage ihres Schreibens verführt. Es sind ihre historischen Romane, die in München spielen, es sind Stadtspaziergänge mit der Wahlmünchnerin und es ist ihr neues Buch, das diesem PodCast seinen Namen gibt.

Die vierte GlockenbachWelle – „Vor Frauen wird gewarnt“ – Heidi Rehn

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und eine Autorin im Gespräch

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Heidi Rehn

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz

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GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Heidi Rehn…

Die studierte Germanistin und Historikerin hat ihre Wahlheimat München in den letzten Jahren immer mehr zum Deutschen Eck der Literatur werden lassen. Aus dem Zusammenfluss von Mosel und Rhein, an dem sie einst aufgewachsen ist, wurde immer mehr die beschauliche Isar, die sich durch ihre Romane schlängelt. Und das mit gutem Grund. Hier geht sie ihrer wahren Profession auf die Spur, beleuchtet die gravierenden politischen Umbrüche, die in Deutschland (und in hohem Maße in München) begannen und die Welt in Krieg und Verderben stürzten. Ihre Romane genießen noch kurz einen „Sommer der Freiheit“ vor dem Ersten Weltkrieg, um nach Kriegsende im „Tanz des Vergessens“ zu versinken und sich dem „Spiel der Hoffnung“ hinzugeben. Für Heidi Rehn wird der historische Kontext nie zur Kulisse ihrer Romane. Es ist umgekehrt. Ihr Schreiben zeigt die Auswirkungen der politischen Verwerfungen zu Beginn des längst vergangenen Jahrhunderts auf die kleinen Leute, die uns Lesern nahestehen.

Und Heidi Rehn schreibt nicht nur. Sie flaniert mit Lesern zu den Schauplätzen der Romane, die in München spielen. Ihre Spaziergänge sind inzwischen echter Kult in der Kulturmetropole an der Isar. Frei nach dem Motto: Mit Mark Twain zum Mississippi? Leider nicht möglich! Mit Ernest Hemingway nach Pamplona? Zu spät. Mit Jane Austen zum Landhaus von Mr. Darcy? Nein, echt nicht machbar. Aber: mit Heidi Rehn durch München? Jederzeit! Wir folgten der Schriftstellerin zu den Spuren ihres Romans Tanz des Vergessens. Die Radioreportage gehört noch heute zu unseren absoluten Highlights als „Radio-Aktive“ Blogger. Hier kann man sie hören.

Das Schreiben von Heidi Rehn ist, wie ihre Haltung, niemals unpolitisch und doch immer unterhaltsam. Wenn sie in einem „Lichtspielhaus“ den Projektor bedient, wird aus einem Roman ein sozio-politisches Kaleidoskop seiner Zeit. Wenn sie die Tochter des Zauberers ins Feld führt, nähert sie sich Erika Mann als Exilkünstlerin in den USA an und lässt die Tochter von Thomas Mann schon 1936 gegen das Nazi-Regime in der Heimat ankämpfen. Biografische Stoffe liegen Heidi Rehn. Sie verwebt Geschichten zu Geschichte. So auch in ihrem aktuellen Roman „Vor Frauen wird gewarnt„, in dem sie der Schriftstellerin Vicki Baum neues Leben einhaucht. Hier setzt unser PodCast an.

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GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Worauf Sie sich im Podcast freuen dürfen:

  • Von Herzen kommende Buchempfehlungen von Heidi Rehn
  • Spannende Einsichten in das Leben einer Erfolgsautorin
  • München, Heidi Rehn und Steffis Frage… „Liebt Dich Deine Stadt?“
  • Heidi im Crossover mit allen Glockenbachwellenreitern
  • Eine Schreibmaschine, ein Paternoster und eine heikle Verlagsfrage
  • Die Sprengkraft im Schreiben von Vicki Baum
  • Die wilden Zwanziger in Berlin und Flapper Girls wie Zelda Fitzgerald
  • Biografisch oder Autobiografisch – Rezensentenfehler, die keine sind
  • Buchtipps der Glockenbachbuchhandlung
  • Der erste Gast bei der Aufzeichnung und vieles mehr…
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GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Besonders wertvoll ist erneut die Sichtweise von Buchhändlerin Pamela Scholz. Es sind nicht nur ihre Buchtipps, die sich an den Roman von Heidi Rehn anschmiegen. Nein, es sind diesmal auch ihre Fragen zur Stimme von Vicki Baum, die sie aktiv ins Gespräch eingreifen lassen und Wellen schlagen. .

Die Buchhändlerinnen-Tipps:

MOABIT“ von Volker Kutscher – Illustriert von Kat Menschik – Galiani Verlag
Stern 111“ von Lutz Seiler – Suhrkamp Verlag
Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ von Erich Kästner – Atrium Verlag

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Mehr Informationen finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Wellenreiter:innen…

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
GlockenbachbuchhandlungNur Lesen ist schöner und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn
oder besuchen Sie Heidi Rehn

Spätestens jetzt sollten Sie vor Frauen gewarnt sein: Der vierte PodCast ist on

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt…

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Diesmal jedoch bin ich nicht allein. Ich fühle mich nicht allein, weil ein anderer Gaijin an meiner Seite ist und mir eine Geschichte erzählt, die so japanisch ist, wie kaum eine zweite in meinem bisherigen Lesen. Es ist der legendäre Filmemacher und Schriftsteller Werner Herzog, der nach vielen Jahren des Schweigens ein literarisches Signal in die Welt sendet, das aufhorchen lässt. Es ist „Das Dämmern der Welt“ dem er den Kampf ansagt. Es ist der einsame Kampf eines verlorenen japanischen Soldaten auf einer fast einsamen Insel, die am Ende des Zweiten Weltkrieges auch am Ende der Befehlskette der Kaiserreichs angelangt ist. Vergessen, aufgegeben und wertlos, da der gottgleiche Kaiser am 02. September 1945 die Waffen vor den USA gestreckt und kapituliert hatte. Ein unerhörter Vorgang. Nicht vereinbar mit japanischer Tradition, mit den Ehrbegriffen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft, die genau das nicht kennt: Aufgeben.

Eine kriegerische Nation, deren Vorstellung von Treue, Ehre und Loyalität immer noch mit Samurai, rituellen Selbstmorden und Kamikaze-Piloten in Verbindung gebracht wird, erlebte das absolute Horroszenario. Die unehrenhafte Niederlage. Nur ein paar wenige Japaner blieben davon verschont. Soldaten, die auf den abgeschnittenen Außenposten ihres Landes nichts vom Ende des Krieges erfuhren und mit den letzten Befehlen ihrer Offiziere ausharrten, um ihr Fleckchen Erde bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. „Das Dämmern der Welt“ erzählt die Geschichte eines solchen Soldaten. Es ist nicht nur die Geschichte eines Leutnants, der in seiner Ahnungslosigkeit mehr als 29 Jahre lang seine kleine Insel Lubang gegen einen nicht mehr existierenden Feind verteidigte. Es ist die Geschichte von Menschen deren Kadavergehorsam einer Einordnung in den Wertekanon einer Gesellschaft bedarf, um sie nicht als selbstvergessene Trottel in die Geschichte eingehen zu lassen. Werner Herzog gelingt diese Einordnung.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist Hiroo Onoda, den uns Werner Herzog ins Leben schreibt. Es ist ein realer und leibhaftiger Mensch, der sich jeglicher Fiktionalisierung entzieht, da es ihn wirklich gab. Seine Geschichte ist im kollektiven Gedächtnis seines Landes verankert, für uns jedoch so fremd, als würden wir von der Verteidigung eines Planeten erfahren. Herzog lässt es dämmern über der Insel, er macht uns zu Zeugen einer letzten Befehlsausgabe an den viel zu jungen Soldaten. Es sind Durchhalteparolen und Guerilla-Anweisungen, die ihn für die nächsten 29 Jahre zum unsichtbaren Gespenst auf dieser Insel machen. Es ist die Natur, mit der er verschmelzen muss. Es ist seine Intelligenz, die ihn zum absoluten Überlebenskünstler macht. Es sind seine Empathie und die Leaderqualitäten, die dabei helfen, die wenigen versprengten Soldaten unter seinem Kommando zu halten. Es ist ein Leben ohne Freund-Feind-Kennung, das ihn in Atem hält, weil er niemandem mehr vertrauen kann. Es sind mehr als hundert Hinterhalte, die gelegt werden und denen er entkommt. Es sind Versuche, ihn zur Aufgabe zu bewegen, Manipulation, Propaganda und Betrug. Alles prallt an ihm ab. Er zieht sein Ding durch.

Werner Herzog gelingt auf schmalen 128 Seiten eine facettenreiche Annäherung an einen Mann, der zur Legende wurde. Zeitebenen verschieben sich, Gegenwärtiges und Zukünftiges verschmelzen in der Wahrnehmung des einsamen Kämpfers. Er lebt in der eigenen Zeitzone des Kommandosoldaten, dem alles erlaubt ist, um im Besitz der Insel zu bleiben. Anschläge, Morde, Plünderung. Alles drin im kaiserlichen Freifahrtschein. In letzter Konsequenz ein abschreckendes Beispiel für einen Verblendeten, der als einzig Sehender „Das Dämmern der Welt“ zu durchschauen glaubt. Und doch macht Werner Herzog klar, dass dieser Kampf alternativlos ist. Tief verankert in der Seele jener, die in ihrer Treue fehlgeleitet und instrumentalisiert werden. Es sind unglaubliche Erlebnisse, die wir an der Seite von Hiroo Onada und einigen wenigen Kameraden machen, die er nach und nach verliert. Es sind bewegende und skurrile Momente, die wir erleben, als der einsame Kämpfer gefunden und vom Ende dies Krieges überzeugt wird. Es ist ein besonderer Moment, den uns Werner Herzog literarisch erschließt. Keine letzte Klappe des großen Regisseurs könnte dem letzten Kapitel aus seiner Feder das Wasser auch nur ansatzweise reichen. Herzog ist nicht nur ein König des Films, er ist im literarischen Hochadel unseres Landes ein Autor, für den man sein letztes Buch bis zur letzten Seite verteidigen würde.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Die Essenz dieses Romans ist der Extrakt eines Begriffs, dem man sich kaum noch neutral nähern kann. Wie sollte ein Krieg aussehen? Welche Regeln sollten gelten und wie könnte man einen Krieg auf das Wesentliche reduzieren. Es sind tiefgreifende und bewegende Erkenntnisse, die den Geist Japans greifbar und begreifbar machen. Es ist der Blick zurück auf die große Tradition der Samurai, es sind Pfeil und Bogen, die im Gefecht von Ehre und Treue zum Kaiserreich erzählen. Es ist der Verrat am Krieg, den moderne Schusswaffen begehen. Es ist das Eigenleben des Krieges, dem Herzog im Herzen seines Protagonisten begegnet. Gerade im Hinblick auf aktuelle Konflikte kann dieses Buch die Dämmerung über so manchem Kriegsschauplatz lichten. Wenn es hell wird, bleiben die Verblendeten und es dauert lange, bis sie die Erkenntnis trifft. Oftmals hat die Geschichte ihre Krieger vergessen. Krieger jedoch vergessen ihre Heimat nicht. Das klingt vielleicht pathetisch, aber nach 38 Jahren im Dienste einer Armee, weiß ich was ich hier schreibe. Viele waren auf verlorenem Posten. Leutnant Hiroo Onada ist kein Einzelfall in der Geschichte.

Eine ungewöhnliche Geschichte für Werner Herzog? Eher nein. Es war ein Wunsch des Schriftstellers und Regisseurs, jenem Hiroo Onada zu begegnen. Ein Wunsch, der sich erfüllte. Ein direkter Draht sei zwischen ihnen entstanden. Ein Wunder? Nein. Hier begegneten sich zwei Einzelkämpfer. Einer, der seinen Dschungel bewaffnet überlebte und einer, der ihn mit seiner Kamera festhielt. Zwei ergebene Kämpfer, die für das Alte und gegen die neuen Einflüsse ins Gefecht zogen. Ein Japaner, der sicher aufmerksam lauschte, als ihm der Deutsche von einem Dampfer erzählte, den er durch den Urwald von einem Fluss zum anderen ziehen ließ. Eine Geschichte von einem Opernhaus im peruanischen Dschungel mag den japanischen Veteran ebenso begeistert haben, wie der deutsche Filmveteran von der Verteidigung der verlorenen Insel begeistert war. Ob nun alles wahr ist, wie es geschrieben steht?

Werner Herzog ist ein wahrer Meister seiner Fächer. Er schreibt im Vorwort dazu:

„Viele Details stimmen, viele stimmen nicht. Dem Autor kam es auf etwas
anderes an, auf etwas Wesentliches, wie er es bei seiner Begegnung mit
dem Protagonisten dieser Erzählung zu erkennen glaubte..“

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess – Astrolibrium

NSU – Der Nationalsozialistische UntergrundKaum eine Wortschöpfung hat uns in den letzten Jahren aus rechtsradikaler Sicht so sehr in Atem gehalten, wie diese. Diese rassistische Gruppierung, die im Jahr 1999 aus fremdenfeindlichen Motiven gegründet wurde und zum Ziel hatte, Menschen mit Migrationshintergrund zu ermorden, schockte unsere Republik nicht nur durch ihre reine Existenz. Es war viel mehr das perfide und hinterhältige Vorgehen von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, ihre Morde über viele Jahre hinweg so aussehen zu lassen, als stünden sie ausschließlich mit dem direkten Umfeld der Opfer im Zusammenhang. Nie wurde im rechtsradikalen Raum ermittelt, immer mussten sich die Familien der Opfer damit auseinandersetzen, dass die Polizei in den Bereichen organisierter Kriminalität und Drogendelikte fahndete und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Morden kategorisch ausschloss.

Der Nationalsozialistische Untergrund verübte zehn Morde, drei Bombenanschläge und 15 bewaffnete Raubüberfälle. Die Opfer der Mordanschläge waren ein griechischer und acht türkische Geschäftsmänner sowie eine deutsche Streifenpolizistin. Dem NSU konnten darüber hinaus im gesamten Zeitraum des terroristischen Handelns weitere 43 Mordanschläge zugeordnet werden. Was 1998 mit dem Untertauchen in Chemnitz und Zwickau begann und seine Blutspur durch ganz Deutschland zog, endete im November 2011 in Eisenach. Ein erweiterter Suizid nach einem Raubüberfall bedeutete das Ende von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die nicht an diesem Überfall beteiligte Beate Zschäpe versuchte am gleichen Tag, die Spuren des NSU zu verwischen, entzündete in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau einen Brandsatz und wurde am 8. November bei Jena gestellt und verhaftet. Niemand konnte sich vorstellen, was die Ermittlungen in der Folge ans Tageslicht bringen sollten. Die Verhandlung gegen Beate Zschäpe und einige mutmaßliche Unterstützer des NSU wurde als Jahrhundertprozess bezeichnet und fand von Mai 2013 bis Juli 2018 in München statt.

SAAL 101“ das Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Ihm ist dieses Hörspiel gewidmet. Die Dokumentation dieses Prozesses auf 12 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 10 Stunden und 23 Minuten wirft schnell die Frage nach dem WARUM auf. Und zwar die Frage: Warum sollte ich mich jetzt mit einem Prozess auseinandersetzen, dessen Urteile längst gefällt, dessen tägliche Horror-Schlagzeilen lange verrauscht und dessen medialer Wirbel seit drei Jahren durch andere Ereignisse abgelöst wurde? Wissen wir nicht genug? Haben wir nicht in Sondersendungen und in Diskussionsrunden alles, aber wirklich alles erfahren? Waren wir nicht fast dabei, wenn sich die Anklage in München auf die Verteidigung der letzten NSU-Überlebenden warf? Waren wir nicht sprachlos, wie man solche Taten überhaupt verteidigen konnte? Waren wir nicht sprachlos, zu erfahren, wie nah der Staatsschutz zeitweise mit diesem Trio in Verbindung stand? Haben wir nicht langsam genug von den Morden und Attentaten in einer nie zuvor dagewesenen Kette rechtsradikal motivierter Taten? Und was bringt es den Opfern, wenn man das alles nochmal hochkocht.

Ja, genau, wird man sagen. Den Opfern. Die Hinterbliebenen jener grausamen Taten leiden sicher immer noch. Und jetzt hat man doch Recht gesprochen. Recht so. Deckel zu und weg mit den ganzen Akten, Protokollen und Niederschriften des Prozesses. Was schreibe ich hier eigentlich? Habt Ihr das gelesen? Von welchen Protokollen ist hier die Rede in einem Justizsystem, das solche Protokolle nicht vorsieht. Da bleibt nichts übrig nach dem Urteilsspruch. Keine offiziellen unterlagen zum Recherchieren. Null. Nur die Niederschriften der zugelassenen Gerichtsreporter und -reporterinnen. Ihre Dokumente erlangen einen Stellenwert, der sie zu zeitgeschichtlichen Unterlagen erhebt. Hier liegt einer der Gründe für das ZUHÖREN. Nein, wir waren eben nicht dabei. Wir erlebten in weiten Teilen nur das mediale Blitzlichtgewitter und kurze Sequenzen. Einen Überblick über den Prozess erhielten wir nie. Und jetzt zurück zu den Opfern. Die Täter sind uns im Gedächtnis geblieben. Kennt ihr noch die Namen der Ermordeten? Einen?

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

ENVER ŞIMŞEK
ABDURRAHIM ÖZÜDOĞRU
SÜLEYMAN TAŞKÖPRÜ
HABIL KILIC
MEHMET TURGUT
ISMAIL YAŞAR
THEODOROS BOULGARIDES
MEHMET KUBAŞİK
HALIT YOZGAT und
MICHÈLE KIESEWETTER

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Hier kommen wir zum eigentlichen Punkt. Hier sollten wir zuhören. Hier werden die Menschen in den Mittelpunkt gestellt, die im Prozess nur Randfiguren waren. Hier werden ihre offenen und bohrenden Fragen schonungslos gestellt. Hier werden wir in einer schmerzhaften Aufarbeitung durch Themenkomplexe geführt, die sich die Hand reichen, ohne dass dies jemals jemand wahrhaben wollte. Nach außen wirkte damals vieles wie eine inszenierte Show. Nur ohne Blick in den SAAL 101. Nebelkerzen zur Ablenkung wurden gezündet, Nebenkriegsschauplätze wurden eröffnet und oft dachte man, es sei Absicht, wenn man den Überblick verlor. Hier setzt dieses Hörspiel an. Es hat sich dem Ordnen und der Struktur verschrieben. Es bietet diesen Überblick, ohne dabei an ein verstaubtes Gerichtsdokument zu erinnern. Es lässt Opferangehörige in der Konfrontation mit der Verteidigung zu Wort kommen. Es legt Finger in die Wunden unseres Rechtssystems und hebt hervor, wo die wesentliche Leistung des Richters zu finden ist, und wo er versagte. Man muss kein Jurist sein, um dem folgen zu können.

Es bleibt so vieles im Gedächtnis nach dem Hören dieser Inszenierung. Es ist und bleibt grotesk, wenn man darüber nachdenkt, dass die Verteidiger der Neonazis Namen tragen, die wie eine Ironie des Schicksals klingen. Heer, Sturm, Stahl. Kann man sich das ausdenken? Nein. Unvergessen bleiben die Anklagen der Hinterbliebenen und die Unklarheiten, warum man keine Zusammenhänge erkannte. Das ragt über das Hörspiel hinaus in die gelebte Realität unserer Zeit. Ich werde hellhörig, wenn nach einem Mord sofort Schlussfolgerungen in den Raum gestellt und Zusammenhänge verneint werden. Man beobachtet die „Rechte Szene“ aufmerksam, weil man die Netzwerke erst erkennt, wenn man sie sehen möchte. Wollte der Staatsschutz das damals? Es bleiben sicher Fragen offen, aber es werden auch viele Fragen geklärt. Die Psychologie der Täter und ihre Begabung, harmlos im Untergrund zu leben werden hell erleuchtet. Man fragt sich, ob man dieses Mördertrio auf einem Campingplatz an der Ostsee wirklich erkannt und mit den Taten in Verbindung gebracht hätte. Nein, sicher nicht.

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SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Man sollte dieses Hörspiel hören. Man sollte sich diesen Prozess dokumentieren lassen. Man sollte endlich den Saal 101 betreten, der nur wenigen Beobachtern des Prozesses zugänglich war. Hier wird begreifbar, wie sich der NSU aus dem Untergrund an die Oberfläche einer freien Gesellschaft mordete und dabei mehr als nur Hass und Zwietracht säte. Hier werden die Automatismen der Fremdenfeindlichkeit sichtbar, die so verheerend wirken, wenn man ihnen auf den Grund geht. Hier wird das perfide Spiel mit den Vorurteilen erkennbar, weil es so gut funktioniert, wie vor 70 Jahren. Hier sind es die Opfer und die Hinterbliebenen, denen (vielleicht endlich) Recht widerfährt, weil wir ihnen zuhören können. Für mich ist das die größte Leistung einer Inszenierung, die Maßstäbe setzt und mit ihren Stilmitteln überzeugt. Hier löst sich diese Produktion von der Dogmatik einer klar definierten Rollenzuordnung und befreit die brillanten Stimmen von den Zwängen einer klischeehaften Interpretation. Das Ensemble stellt sich in den Dienst eines Prozesses. Das persönliche Brillieren steht weit im Hintergrund. Ein ganz großes Kompliment an:

Michael Rotschopf, Katja Bürkle, Thomas Thieme, Bibiana Beglau,
Barbara Nüsse, Martina Gedeck, Florian Fischer, Thomas Schmauser,
Ercan Karacayli, Gonca de Haas, Gabriel Raab, Kathrin von Steinburg

SAAL 101“ das Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess geht über die Rolle einer dokumentarischen Aufarbeitung hinaus. Es ist Zeitgeschichte und Lehrstück einer im tiefsten Herzen demokratischen Gesellschaft. Deshalb müssen Fragen offen bleiben. Das ist das Schmerzhafte in einem Rechtsstaat, weil er seinem juristischen Rahmen verpflichtet ist. Das unterscheidet ihn von seinen Gegnern. Das wird hier sehr klar.

Nachtrag: Nachdem heute der Bundesgerichtshof die Revisionsanträge gegen die Urteile des NSU-Prozesses zurückgewiesen hat, ist natürlich auch diese Rezension in jeder Hinsicht rechtskräftig und unanfechtbar. Die Urteile gegen Beate Zschäpe und ihre NSU-Unterstützer wurden bestätigt. Recht gegen Rechts. Das hat was. Danke.

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Das gesamte Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess ist derzeit noch in der ARD-Audiothek verfügbar – Hier geht´s zum vollständigen PodCast in 24 Teilen.

Die Produktion wurde inzwischen von der Jury der hr2-Hörbuchbestenliste zum Hörbuch des Jahres 2021 gewählt.

„Eine dokumentarische Glanzleistung mit historischem Wert.“

Abendflüge von Helen Macdonald

Abendflüge von Helen Macdonald - Astrolibrium

Abendflüge von Helen Macdonald

Ich war literarisch hin- und hergerissen, als ich Helen Macdonald zum ersten Mal begegnete. Einerseits faszinierte mich die wahre Geschichte ihres Greifvogels, den sie zähmen wollte, andererseits stieß mich die Opferrolle ab, in der sich die Schriftstellerin zu baden schien, während sie an der Wildheit von Mabel verzweifelte. „H wie Habicht“ polarisierte und begeisterte in gleichem Maß. Selten schrieb eine Autorin so offenherzig über den verzweifelten Wunsch, den Tod ihres eigenen Vaters kompensieren zu wollen und dabei ausgerechnet dieser schier unlösbaren Aufgabe verfallen zu sein. Selten ist es einer Autorin so facettenreich gelungen, mich hinter die wahren Beweggründe ihres Handelns blicken zu lassen. Und nie zuvor habe ich die wilde Schönheit eines Vogels so intensiv erlesen dürfen. Nichts war mit diesem Habicht vergleichbar.

„Für mich war sie etwas Helles, Lebendiges, etwas,
das seinen sicheren Platz für sich gefunden hatte.
Sie sprühte geradezu vor Leben…“
 

Als kurz danach das eigentlich viel früher geschriebene Buch „Falke – Biographie eines Räubers“ erschien, schloss sich ein Kreis in meinem Lesen. Hatte ich Mabel als Teil einer autobiographischen Erzählung sehr lebendig wahrgenommen, und war ich hinsichtlich der theoretischen Grundlagen der Greifvogel-Zähmung völlig unbeleckt, so zeigte dieses Buch den geschichtlichen und ornithologischen Hintergrund der Falknerei, der es mir noch leichter machte, der Faszination von Mabel endgültig zu erliegen. Seit vier Jahren nun stehen diese beiden einzigartigen Bücher in meinem Bücherregal und flattern ab und zu mit ihren Seiten, wenn neue Geschichten über Vögel oder Federn in der kleinen literarischen Sternwarte landen. Jetzt jedoch ist das Buchgeflatter zu einem wilden Sturm mutiert… Aus gutem Grund… Helen Macdonald hebt wieder ab. 

Abendflüge von Helen Macdonald - Astrolibrium

Abendflüge von Helen Macdonald

Jetzt sind sie vereint, jetzt sind sie zu dritt, wenn sie von der Liebe zur Natur, von der großen Erzählkunst einer Autorin und der unendlichen Magie der Welt berichten, die sich uns fast nur noch im Hörensagen erschließt. Der Natur. Es sind Essays, die Helen Macdonald in den vergangenen Jahren zu diesem Themenkreis verfasst hat, die sich in dieser Edition unter der Überschrift „Abendflüge“ zu einem literarischen Formationsflug vereinen, der den Habicht und die Falken in die Flugmanöver einschließt. Wir finden 41 extrem lesenswerte und inspirierende Texte, in denen unsere Perspektiven verschoben, Wahrheiten aufgerüttelt und Gefühlsebenen neu erschlossen werden. Dieses Buch ist ein gebundener Umweltaktivist, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, sondern durch den aktiven Prozess des Lesens zu überzeugen und zu fesseln weiß. Wir erleben etwas, das nicht mehr erlebbar ist, weil wir uns der Natur nicht mehr ausliefern. Wir sind nur noch Zuschauer. Betrachter. Hier legt Helen Macdonald ihre Finger in eine Wunde, die wir nicht verleugnen können.

Sie schreibt keine Anklageschriften, formuliert keine Thesen oder Forderungen. Sie erzählt von sich, aus ihrem Leben, lässt uns teilhaben an ihrer Unsicherheit, wenn es um die Liebe zur Natur geht. Sie beschreibt die veränderte Wahrnehmung, wenn in ihrer Erinnerung die Natur ihrer Kindheit mit der heutigen Realität kollidiert. Die Essays wirken wir kleine Schneebälle. Zuerst wirken sie erfrischend, lassen uns aufatmen und öffnen unsere Herzen für die kleinen Begebenheiten im Leben der Autorin. Doch dann wird aus den Flocken und Bällen eine Lawine, der wir uns nicht entziehen können. Es gelingt Helen Macdonald fast spielerisch in ihren Texten Zusammenhänge zu erklären, für die manches Sachbuch ganze Kapitel benötigen würde. Man muss sich einfach auf die „Abendflüge“ einlassen, wenn man zuvor dem Habicht und den Falken folgte. Es ist ein erhellender Hochgenuss, in der ersten Abenddämmerung zum Wesen der Natur vordringen zu können.

„Ich wünschte, es gäbe mehr Magie auf dieser Welt.
Und dann tauchen die Hirsche und Rehe auf und sagen: Bitte sehr.“

Abendflüge von Helen Macdonald - Astrolibrium

Abendflüge von Helen Macdonald

Helen Macdonald lässt uns einen Blick in die Wunderkammer ihrer Erinnerungen werfen. Ihre Essays gleichen wertvollen Exponaten in Schaukästen der Naturschützer und doch sind sie voller Leben, weil die Autorin sie nicht hinter Glas präsentiert. Es ist leicht, ihr in ihre Erzählungen zu folgen, erlernte Sichtweisen zur Natur abzulegen und sie wieder so zu fühlen, wie wir es als Kinder einst erleben durften. Ihre Essays sind in jeder Hinsicht perfekt geeignet, um uns in ihnen zu verlieren und Dinge zu entdecken, die wir nie wieder sehen würden. Welche Rolle spielt ein Nest für einen Vogel? Haben wir uns als Kinder gefühlt wie Nesthäkchen und was bedeutet es, flügge zu werden? Was sind eigentlich Haustiere? Wie bestimmen wir das Fremde in der Natur? Kennen wir die wilden Tiere noch oder verlassen wir uns auf Kataloge? Wo ist das Wissen der Großeltern hin, für die Wald und Natur keine Rätsel waren? Was ist mit dem Staunen über unsere Wahrnehmung, wenn sie sich an der Realität zu reiben beginnt?

Es sind viele Texte, die tief in Erinnerung bleiben. Es ist die Orientierungslosigkeit von Vögeln, die wir gerne in Kauf nehmen, wenn ein Wolkenkratzer in bunten Farben angestrahlt wird. Es ist die Lichtverschmutzung, die wir verursachen und die für jeden Vogel, der den Luftraum mit uns teilt zum Desaster wird. Wie gehen wir Menschen in unserer Wahrnehmung mit dem Verlust von Licht um? Kann eine Sonnenfinsternis in uns Urängste und Traumatisierungen auslösen? Und neben diesen Ängsten bleibt Platz für die Schönheit. Es bleibt Raum für Schwanenzählungen, für Feldhasen und Wild im Scheinwerferlicht. Wir begegnen Mauerseglern, Falken und Glühwürmchen. Wir sehen die Naturwunder vor unseren Augen und bemerken, dass sie eigentlich immer sichtbar waren. Wir haben nur weggeschaut. „Abendflüge“ ist Fernglas und Brille zugleich. Es ist die kollektive Wahrheit der einzelnen Geschichten, die zu einer Lawine aufwächst, für die wir im ersten Moment kaum Worte finden. Ein Vogelschwarm macht uns stumm und ehrfürchtig…

„Wird man mit derart gewaltigen Scharen schlagender Flügel konfrontiert,
muss Sprache scheitern.“

Abendflüge von Helen Macdonald - Astrolibrium

Abendflüge von Helen Macdonald

Von Verlagen getrennt liegt nur das kleine Gesamtwerk von Helen Macdonald in unseren Händen. Cover- und Buchdesign gehen hierbei Hand in Hand und sprechen eine deutliche Sprache. Diese Bücher gehören in eine gemeinsame Voliere des guten Lesens. Man darf sie nicht einsperren und sollte sie nicht zähmen. Sie sind jetzt schon fast ein kleiner Bücherschwarm, der uns zum Schwärmen verleitet. Die Autorin schließt weitere Kreise zu ihrem früheren Schreiben und das Auftauchen einer kleinen Ziege in einer kurzen Geschichte zeigt, wie sehr die Erinnerung an den eigenen Vater auch hier von großer Bedeutung ist. Es zeigt aber auch, wie heilsam sich das Schreiben im Lauf der Zeit auf die Autorin ausgewirkt hat. „Abendflüge“ ist ein Grundnahrungsmittel einer gesunden emotionalen Intelligenz, ohne die wir die Welt nicht richtig wahrnehmen. Ich kann diese Sammlung wertvoller Essays nur von Herzen empfehlen. Nicht nur für uns selbst sind diese Texte wertvoll.

Abendflüge von Helen Macdonald - Astrolibrium

Abendflüge von Helen Macdonald

Sie sind das perfekte Rüstzeug für die ganz kleinen und neuen Beobachtungen der Natur an der Seite von Kindern. Nehmt sie mit auf die Abendflüge und zeigt ihnen die Wunderkammern eurer Erinnerungen. Die Natur wird es euch danken.

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Abendflüge von Helen Macdonald

Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten – Helga Schubert

Vom Aufstehen - Ein Leben in Geschichten - Helga Schubert - Astrolibrium

Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten – Helga Schubert

Wie kann man ein ganzes Leben erzählen? Wie schafft man es, seine Leserschaft mit der eigenen ereignisreichen Lebensgeschichte zu konfrontieren und dabei nicht nur bestens zu unterhalten, sondern zu bewegen, aufzurütteln, in ungläubiges Staunen zu versetzen und aus der Summe der eigenen subjektiven Erinnerungen den literarischen Extrakt einer Epoche herauszupressen, die als Deutsch-Deutsche-Geschichte nur noch verschwommen wahrgenommen wird? Wie schreibt man als Schriftstellerin, die sich im Herzen zweier Deutscher Staaten ungeteilter Aufmerksamkeit sicher sein konnte, über dieses geteilte Leben? Fragen wir nicht. Lesen wir doch einfach, weil die Antworten auf diese Fragen gefunden sind. Es sind 29 Erzählungen, es ist ein Leben in Geschichten, es sind gerade einmal 220 Buchseiten, in die uns Helga Schubert entführt, um uns zu Zeitzeugen ihrer Geschichte zu machen.

Natürlich ist mir klar, dass sich gerade diese Autorin nicht selbst ausliefert, ohne ihre eigene Geschichte fiktional zu verfremden und sich durch einen Schleier vor allzu neugierigen Blicken zu schützen. Autobiographisches Schreiben ist ein Balanceakt, in dem das Scheitern immer zu einer der beiden Seiten der Medaille gehört. Hier jedoch muss man diese gekonnt vorgetragene Mischung aus Wahrheit und Erfindung einfach richtig einordnen können. Was sollte eine Autorin, die mehr als ein Jahrzehnt lang von der STASI intensiv beobachtet wurde, deren persönlicher und literarischer Freiraum in einer sozialistischen Diktatur an die kurze Leine genommen wurde, jetzt dazu bringen, unverblümt und ohne Rückfallposition für die eigene Psyche Farbe zu bekennen? Nein. Sie legt uns mit ihrem Buch „Vom Aufstehen“ sicher kein Sachbuch in die Hände. Sie liefert sich weder uns noch den Deutungshoheitssuchenden der Deutschen Geschichte aus. Sie bleibt die typische Helga Schubert. Sie lädt uns dazu ein, sie zu interpretieren.

Vom Aufstehen - Ein Leben in Geschichten - Helga Schubert - Astrolibrium

Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten – Helga Schubert

Dabei tritt das Groteske eines Lebens als Schriftstellerin in einem geteilten Land schon im Titel dieses Buches zutage. „Vom Aufstehen“ ist jene Erzählung, mit der Helga Schubert im Jahr 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Die Resonanz auf diesen Text war so gewaltig, dass es nur allzu logisch erschien, ihn endlich auf den deutschsprachigen Olymp zu heben. Diese Geschichte allein beinhaltet schon 80 Jahre eines Lebens. Sie besticht durch die Verzögerung eines Vorgangs, der im Titel doch in aller Klarheit beschrieben ist. Nein. Eine Helga Schubert steht nicht einfach auf. Sie blickt zurück auf entscheidende Sequenzen ihres Lebens und macht ihren Frieden mit der Frau, die ihr Leben geprägt hatte. Aus einer Abrechnung wird ein Aufstehen in eine neue Zeit ohne Schuldzuweisungen. Ja, es ist grotesk, dass Helga Schubert mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde, zu dem sie 1980 nicht einmal anreisen durfte. Die DDR hatte ihr die Grenzen aufgezeigt. Begründung:

„Durch den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb soll das derzeitig von feindlichen Kräften betriebene Weiterbestehen einer einheitlichen deutschsprachigen Literatur weiter hochgespielt werden.“

Brillant war der Text, mit dem sie gewann. Und doch liest er sich unvollendet und in Teilen nicht ganz auserzählt. Er wirft Fragen auf, auf die wir gerne weiter eingegangen wären. Es ist ein fragmentarischer Text, der wie die Einladung zu mehr wirkt, ohne uns zu verraten, wann und wo dieses „Mehr“ zu finden sein wird. Jetzt gibt sie die Antwort. „Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten“ löst das Versprechen ein, das sie uns im Jahr 2020 gab. Die letzte Geschichte des Buches kennen wir. Sie in vollem Umfang zu verstehen ist das Privileg, das wir nun genießen dürfen, wenn wir uns dem Anfang allen Erzählens nähern. Dieses Buch ist also rückwärts erzählt. Wir sammeln die losen Fäden eines Lebens auf, die wir ganz am Ende zu dem Teppich zusammenfügen, auf dem wir uns nach dem Aufstehen aufrichten. Allein diese Konstruktion ist preiswürdig.

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Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten – Helga Schubert

„Mein idealer Ort ist eine Erinnerung“

Mit diesen Worten fängt sie mich. Mit diesen Worten hat mich Helga Schubert schon auf der ersten Seite im Spinnennetz ihrer Erzählungen eingewoben und beginnt in sehr einfühlsamen Worten den Moment des Aufwachens nach dem Mittagsschlaf im Garten ihrer Großmutter zu beschreiben. Es ist die erste Erinnerung, der alle Erinnerungen im Gefolge treu ergeben sind. Es ist der lichtdurchflutete Moment, der nach Sommerferien schmeckt, einen Sehnsuchtsort vor dem geistigen Auge mit neuem Leben erfüllt und in einer wahren Kaskade aus lebenswichtigen Impulsen dem Erinnern Schwung verleiht. Neben den rein inhaltlichen Aspekten des Schreibens gelingt es Helga Schubert, ihren eigenen Gedankenprozess auf den Lesenden zu übertragen. Ich schließe das Buch in Gedanken an meine Sehnsuchtsorte, an meine Orte der prägenden Erinnerungen und an die Menschen, die mir beim Aufstehen halfen. „Vom Aufstehen“ ist eines der ganz wenigen Bücher, das mich dauerhaft unter Strom setzt, weil ich die Impulse fühle, die meine Erinnerungen wie mit einem Memoiren-Defibrillator wiederbeleben.

Dabei sind Helga Schuberts Bilder relevant. Ihre Betrachtungen thematisieren nicht nur das Fehlen ihres eigenen Vaters im Gesamtgefüge ihres Lebens, die fehlende und kaum zu kompensierende moralische Leitschnur und das Trauma ihres Lebens. Es ist die Betrachtung über das allgemeine Fehlen, die hier ihren Anfang nimmt. Freiheit und Freiraum, Meinung, Haltung und Reise. Alles auf der Negativseite des Lebens. Hier ist es eine selbstkritische Schriftstellerin, die auch mit ihrer Rolle als Autorin in der DDR nicht zimperlich umgeht. Sie schreibt von richtungsweisenden Entscheidungen, die sie selbst bei der Wahl der Fahrrichtung in einem Zug nicht mehr vergessen kann. Es sind die augenscheinlich kleinen und privaten Erzählungen der Autorin, die so viel verraten, ohne sie zu demaskieren. Pathos: Fehlanzeige. Bedauern nur dann, wenn es Freiheit betrifft, die sie im geteilten Land nicht erleben durfte.

„Es gab ja so viele Freiheiten, die wir nicht hatten.“

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Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten – Helga Schubert

Helga Schubert legt sich selbst auf den Objektträger der Geschichte. Uns fällt es als Betrachter oftmals leicht, sie zu erkennen, dann wieder verschwimmt das Bild und wir justieren die Schärfe am Beispiel unserer eigenen Erinnerungen. So werden diese Geschichten und Erzählungen zum Sinnbild für Erinnerungen, denen man sich stellen muss:

„Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel. Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.“

„Vom Aufstehen“ ist kein literarischer Altweibersommer einer Autorin, die sich in ihrer Altersweisheit sonnt. Ganz im Gegenteil. Es ist die Zeit, die solche Erinnerungen aus dem Sand des Alltags herauswäscht. Manchmal findet sich dabei Gold, oftmals ist es nur eine unscheinbare Versteinerung, die sichtbar wird. Es sind solche Bücher, die wir sehr genau lesen sollten. Sie nehmen vorweg, was wir später zu erzählen haben. Vielleicht sind unsere Erinnerungen nicht so weltbewegend, nicht von großer medialer Aufmerksamkeit flankiert und letztlich völlig unbedeutend. ABER… Es werden unsere Erinnerungen sein und sie werden unsere Geschichten erzählen. So, wie uns Monika Helfer von ihrer Bagage und ihrem Vati erzählte. So, wie uns Helga Schubert etwas „Vom Aufstehen“ erzählte. Keine Erinnerung ist es wert, unausgesprochen zu sein.

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Sarah Kirsch – Christa Wolf – Ein geteiltes Land in ungeteilten Briefen