„Das letzte Lesezeichen“ – Aus dem Zyklus LesensEnde

Das letzte Lesezeichen

Sie war ihm vor ein paar Tagen zum ersten Mal aufgefallen. Das lag weniger an der Frau selbst, als an ihrem ungewöhnlichen Verhalten, das genau an diesem Ort fehl am Platz war. Natürlich war es ruhig hier. Was auch sonst. Man wurde nicht gestört, es gab keine Ablenkungen und, ja, es war im eigentlichen Sinn auch der richtige Platz an dem man innehalten konnte. Er selbst war täglich hier. Mal mit einer kleinen Feldblume aus dem eigenen Garten, mal mit einer Kerze und manchmal auch einfach nur so. Er wäre allerdings niemals auf die Idee gekommen, hier zu lesen. Er hätte in dieser Ruhe nicht die Ruhe gefunden, sich auf ein Buch zu konzentrieren. Egal welches Genre, es wirkte hier einfach falsch. Konnte man auf einem Friedhof lesen? Sollte man das? Durfte man es? Ihr schien dies egal zu sein. Sie saß auf der Bank vor dem frischen Grab und las.

Anfangs dachte er, sie würde einfach nur so lesen. Still in sich zurückgezogen. Das jedenfalls war sein oberflächlicher Eindruck, wenn er sie aus der Ferne beobachtete. Er war selbst ein ausgemachter Bücherliebhaber. Er las oft an eher ungewöhnlichen Orten und versetzte Menschen dadurch in Erstaunen. Besonders, wenn er sich inmitten einer unüberschaubaren Menschenmenge in ein Buch vertiefte und laut auflachend oder tief schluchzend seinen Gefühlen beim Lesen freien Lauf ließ. Aber hier? Am Grab seiner Frau würde er nie auf die Idee kommen, sich in eine spannende oder emotionale Story zu vertiefen. Was jedoch die Frau betraf, die er neugierig aus dem Augenwinkel heraus beobachtete, steckte wohl mehr dahinter. Das sollte sich sehr schnell bewahrheiten.

Es hatte angefangen zu regnen. Nicht unerwartet und so hatte er sich schon zuhause entschlossen, seinen Schirm mitzunehmen. Als er dann im zunehmenden Regen immer noch ungläubig die Inschrift auf dem Grabstein verinnerlichte und die Zeit zwischen den Jahreszahlen 1975 bis 2018 mit Erinnerungen an Sarah füllte, sich dann abwandte und unbewusst in Richtung der lesenden Frau blickte, war ihm klar, dass hier etwas nicht so war, wie es schien. Sie saß ungerührt, ungeschützt und immer noch in ihr Buch vertieft auf ihrem angestammten Platz und las. Jeder bibliophile Mensch hätte sich wohl in der Zwischenzeit in Sicherheit gebracht. Wenn schon nicht, um sich selbst ins Trockene zu bringen, so doch wenigstens um das Buch zu retten. Es würde sich niemals von dieser Sturzflut erholen. Die Frau jedoch ließ sich nicht beindrucken und las. So jedenfalls sah es aus.

Er näherte sich ihr behutsam. Er hatte einen Schirm und wollte ihr seinen Schutz und ein wenig Geborgenheit anbieten. Wenn sie sich schon nicht um sich selbst kümmerte, was bei Trauernden oft der Fall war, dann konnte doch er vielleicht… Er hielt mitten im Gehen inne. Er verharrte wenige Meter bevor er sie erreicht hätte und hörte zu. Sie las nicht. Sie las laut. Betont und fein nuanciert, emotional und ergriffen. Fast so, als würde sie hier auf dem Friedhof ein Hörbuch einsprechen. Er hatte sich geirrt. Er hatte es hier nicht mit einer normalen Leserin zu tun. Aber welchen Grund konnte es dafür geben, an diesem traurigen Ort einem Buch stimmlich Leben einzuhauchen? Es war die Mischung aus reiner Neugier und angeborenem Beschützerinstinkt, die ihn nähertreten ließ. Leise und sehr langsam. Er kannte das Buch, er kannte die Stelle, an der sie angelangt war.

„Ich habe nie König Lear gelesen, und zwar absichtlich nicht. Wäre ich einmal
sehr krank, brauchte ich mir nur zu sagen < Du kannst noch nicht sterben, du
hast den Lear noch nicht gelesen > und ich bin sicher, dass mich das wieder
auf die Beine bringen würde“

Das war Christopher Morley. Das war die kleine Geschichte von einer Idee, wie man sich selbst das Leben retten könnte, wenn man ein richtiger Büchernarrr wäre. Es war die Geschichte von einem Notfallbuch, das man für den Fall der Fälle wegsperren und niemals lesen sollte, bis es so weit wäre. Er konnte sich so gut daran erinnern. Er hatte „Das Haus der vergessenen Bücher“ verschlungen, inhaliert und geliebt. Dass er genau hier mit diesem Klassiker konfrontiert würde hatte er nicht erwartet. Aber was sollte das und was bezweckte die Frau? Sie riss ihn abrupt aus seinen Gedanken, weil sie nichts mehr sagte. Stille breitete sich aus. Dann blickte sie sich um und sah ihm in die Augen.

Das letzte Lesezeichen

Hätte sie jemand beobachtet, er hätte sich sehr über das skurrile Bild gewundert. Eine Frau im strömenden Regen. Mit einem geöffneten Buch auf einer Bank vor einem frischen Grab und ein Mann mit Schirm, der ihr zuzuschauen schien, während sie völlig durchnässt wurde. Beide einander zugewandt, sich anschauend und in einen stummen Dialog vertieft. Ein seltsames Bild, nicht nur weil der Schauplatz dieser Begegnung ein Friedhof war. Aber sie wurden von niemandem beobachtet. Der Ort der Stille war stiller und menschenleerer als an allen Tagen zuvor. Stürme fegen Friedhöfe leer. Die einzig denkbaren Zufluchtsorte sind hier jenen vorbehalten, die der Regen nicht mehr stört.

„Darf ich Ihnen den Schirm halten? Sie sind ja klatschnass!“

Statt einer Antwort auf seine Frage, begann sie ungerührt und mit traurigem Blick zu erzählen. Schon nach ihren ersten Worten setzte er sich ungefragt neben sie, hielt den Schirm wie ein Schutzschild über sie beide und hörte einfach zu.

„Er hätte diese Stelle geliebt. Er hätte vielleicht sogar diese Idee in die Tat umgesetzt und sich gerettet. Aber so weit ist er nicht mehr gekommen. Er hat immer Angst vor der letzten Stelle in einem Buch gehabt an der sein Lesen enden würde. Er hat viel darüber gesprochen, dass es sich in seinem Zustand nicht mehr lohnen würde, eine Trilogie zu beginnen. Er hat dabei gelacht und doch hat er sich ganz bewusst Bücher ausgesucht, bei denen er noch die Chance gefühlt hat, sie beenden zu können. Ich habe ihn immer beruhigt und gescherzt, dass er sogar noch das Ende vom „Lied von Eis und Feuer“ in seinen Lesesessel gekuschelt erleben würde. Und dann musste ich ihm versprechen…“

Sie stockte. Sie spielte selbstverloren mit einem wundervollen Lesezeichen, von dem die Regentropfen wie Tränen abperlten. Sie hatte die Stelle im Buch markiert, die wohl sein Lesensende war. Bis zu dieser Stelle konnte man PostIts und kleine Zettel sehen, die sich zwar unregelmäßig, jedoch einer ganz eigenen Farbenlehre folgend, durch den Roman geschlängelt hatten. Bis zu jenem Punkt, an dem sie plötzlich aufhörten. Wobei man denken konnte, dass der Leser in jedem Augenblick zurückkehren würde, um sein Lesen fortzusetzen. Die Frau steckte das Lesezeichen genau an dieser Stelle zwischen die Seiten, räusperte sich kurz und kehrte zu ihrer Erzählung zurück…

„Ich musste ihm versprechen, dass ich ihm die noch ungelesenen Kapitel seines letzten Buches vorlesen würde. Deshalb bin ich hier. Deshalb sitze ich hier und lese. Wobei ich selbst gar keine große Leseratte bin. Und jetzt habe ich mich dabei erwischt, wie ich das Buch von Anfang an gelesen habe, weil ich selbst wissen wollte was ich ihm hier vorlese. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass es ihm gar nicht um dieses Buch ging. Vielleicht wollte er mich an sein Lesen fesseln und mich für etwas begeistern, was mir bisher eher unwichtig war. Vielleicht hatte er Angst, dass ich seine Bücher weggebe und all seine Lesens- und Lebenszeichen darin vernichte. Ich glaube, er hat es wirklich geschafft. Irgendwie. Ich suche ihn hier zwischen den Zeilen und fange langsam an, die Stellen zu markieren, die ihm gefallen hätten. Was halten Sie von dieser? Sollte ich hier das erste Zeichen meines Lesens setzen und damit seinen Weg fortsetzen?“

Er lachte nur, statt zu antworten. Er wusste, dass sie unabhängig von seiner Antwort ihren Weg gefunden hatte. Schade, dass er diesem Leser nie selbst begegnet war. Und doch hatte er ihm viel zu verdanken. Er hätte diese Frau nie kennengelernt. Eine Frau, die ein letztes Lesezeichen in ein Lebenszeichen verwandeln konnte.

„Ja“, sagte er leise. „Ich würde die Stelle markieren. Aber sie ist nichts im Vergleich zu dem, was Sie in Ihrem Lesen noch erwartet.“

AstroLibrium – LesensEnde

(Ein Text aus dem Zyklus „LesensEnde“ – TextManufaktur – Arndt Stroscher 2018)

AstroLibrium – Die TextManufaktur

„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – Ein Weckruf

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Ich bin loyal. Das stelle ich einfach mal in den Raum. Loyal gegenüber Schriftstellern, die mich schon mehrfach aus der Komfortzone meines Denkens befreien konnten und mir mit ihren Werken neue Sichtweisen, unvergessliche Lese- sowie Hörmomente oder einfach nur gut erzählte Geschichten ins Leben geschrieben haben. Sie genießen den Vertrauensvorschuss, den sich ein „neuer“ Autor in meinem Lesen erst erwerben muss. Ihnen liefere ich mich gerne aus, weil ich aus eigener Erfahrung abschätzen kann, dass ich nicht enttäuscht werde. (Diese Rezension kann man auch im Radio hören. Hier.)

Loyalitäten von Delphine de Vigan – Die Rezension fürs Ohr

Ja, Leser können loyal sein. Sie gehen mit ihren Herzensschriftstellern Allianzen ein, die man fast schon als heilig bezeichnen könnte. Sie folgen ihnen ergeben, treu, integer und ziehen, wenn erforderlich, auch für sie in die Schlacht. In diesem besten Sinne der literarischen Loyalität gehöre ich zum linientreuen Gefolge von Delphine de Vigan. Ja, man kann mir für die nun folgende Rezension durchaus Befangenheit unterstellen. Mir bliebe nichts übrig, als mich in allen Punkten der Anklage für schuldig zu bekennen. Ich folgte der französischen Schriftstellerin, egal in welchem Verlag sie veröffentlicht wurde und stellte dabei immer wieder fest, dass ihre Bücher auch über diese Grenzen hinaus eng miteinander verbunden sind. Ein Lebenswerk im besten Sinne des Wortes.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Mir ist bereits vor zehn Jahren Lou Bertignac über den Weg gelaufen. Sie war das „Ich“ in Delphine de Vigans Meisterwerk „No & ich“. Sie war das behütete Mädchen im zerrissenen Paris, das zwischen Kultur und Subkultur changierte. Sie war es auch, die von der obdachlosen No auf die andere Seite jenseits aller Komfortzonen gezogen und dort losgelöst von allen Konventionen festgehalten wurde. Dieser Roman hat mich auf die widersprüchlichen Welten innerhalb einer einzigen Stadt aufmerksam gemacht und nachhaltig geprägt. Diesem Roman verdanke ich eine faszinierende Reise nach Paris und Romane, die ich ansonsten nie für mich entdeckt hätte.

Ich bin Delphine de Vigan weiter gefolgt. Ich war stets fasziniert von ihrem Umgang mit der eigenen Vergangenheit, vom autobiografischen Aspekt ihres Schreibens. „Das Lächeln meiner Mutter“ und „Nach einer wahren Geschichte“ spielten auf höchstem Niveau mit meinen Gefühlen, mit meiner Wahrnehmung und meinem Denken bezogen auf Identität, Kontrollverlust und psychische Probleme. Keines dieser Bücher hat dabei enttäuscht. Jeder Roman hat neue Maßstäbe gesetzt und bleibt bis zum heutigen Tag tief in meinem Lesen verankert. Ihr neues Werk setzt diese Tradition nahtlos fort. Hier finde ich mich in dem Paris wieder, das Delphine de Vigan als Erzählraum kultiviert hat. Und ich finde mich in einer Geschichte wieder, die losgelöst von Raum und Zeit überall beheimatet sein könnte.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – DuMont Buchverlag

Herzlich willkommen erneut in Paris. Delphine de Vigan bleibt sowohl ihrer Stadt als auch dem soziokulturellen Setting des modernen Frankreichs gegenüber loyal. Es dient nicht nur als Kulisse für eine erneut brillant erzählte Geschichte. Die Stadt an der Seine ist zugleich Nährboden für die Handlung, wie schillernd verstörende Kulisse, in der sich die wahren Dramen des Alltags abspielen. Besonders für den zwölfjährigen Théo, dem alles fehlt, was man unter der Überschrift „behütete Kindheit“ subsummieren könnte. Er ist Trennungskind, wechselt wöchentlich die Territorien zweier tief verfeindeter Parteien und wird zum leidtragenden Grenzgänger zwischen der Welt seiner Mutter und der des Vaters. Wobei man gerade bei Letzterer nicht von Welt, sondern von Apokalypse reden muss.

Wie Delphine die Vigan die Zerrissenheit beschreibt, die Théos Leben prägt, ist für Väter besonders schwer zu verkraften. Das Versagen auf ganzer Linie steht für jenen Menschen, der seinem Sohn in einer solchen Lebensphase Halt und Zuversicht geben sollte. Hier findet Théo jedoch nur ein Loch vor, in dem er Woche für Woche einziehen muss. Selbstaufgabe, Arbeitslosigkeit, Armut und krankhafte Lethargie macht Delphine de Vigan so greifbar, als würden wir selbst die heruntergekommene Wohnung betreten. Die andere Seite bedient sich des Sohnes als Instrument nie verwundenen Schmerzes. Seine Mutter ist nie über die Trennung von ihrem Mann hinweggekommen. Wenn Théo vom Vater zur Mutter zurückkehrt, wird er behandelt, als käme er vom feindlichen Lager zurück in die eigenen Reihen. An ihm lässt sie den Hass gegenüber ihrem Ex aus. Hier zerreißt ein junges Leben zwischen den Fronten verfeindeter Eltern. Beklemmend.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Théos Loyalität wird von Woche zu Woche auf eine harte Probe gestellt. Einziger Fluchtpunkt ist sein gleichaltriger Freund Mathis, dessen Elternhaus dagegen wie eine heile Welt wirkt. Oberflächlich betrachtet. Hier ziehen sich die Risse eher subversiv und schwer zu erkennen durch das Leben seiner Familie. Die psychisch gestörte Mutter und ein Vater, der ein mediales Doppelleben innerhalb der gemeinsamen vier Wände führt, machen auch diesen Alltag zur Hölle. Die Jungs verbindet die fehlende Nähe, die Liebe und der Schutz, den nur Eltern bieten können. Beide flüchten sich in den Alkohol. Beide im Alter von 12 Jahren. Mathis, um Théo gegenüber loyal zu sein. Théo, um den finalen Ausweg aus der Unerträglichkeit zu finden. Delphine de Vigan lässt ihre Leser in einem Rausch aus Kälte und Wodka versinken. Sie zieht uns in den Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Würde sie nicht Hélène ins Feld führen. Die Lehrerin der beiden Jungs, die bemerkt, wie sehr sie langsam abdriften. Sie findet keine Beweise. Théo und Mathis bleiben loyal gegenüber jenen, die sie zuhause verraten. Die eigenen Eltern zu verraten kommt nicht in Frage. Als Hélène auf Spurensuche geht, stellt sie ihre eigene Loyalität infrage. Hier überschreitet sie Grenzen und Kompetenzen, hier stellt sie ein blindes Schulsystem auf die Probe. Hier spürt sie menschliche Katastrophen auf, ohne sie beweisen zu können. Hier wird nun auch sie zerrissen zwischen dem äußeren Schein und ihrem Verdacht. In letzter Konsequenz ist sie die einzig Sehende unter allen Blinden. Und ihr wirft man vor, sich alles einzubilden.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Vier Erzählperspektiven setzt Delphine de Vigan ein, um uns allwissend zu machen. Die Lehrerin, Théo, sein Freund Mathis und dessen Mutter kommen zu Wort. Methoden und Sichtweisen wechseln sich ab. Direkt, indirekt, mittelbar und unmittelbar. Ein Spiel auf höchstem literarischen Niveau. Ein beharrlicher Kampf gegen die Loyalitäten, deren Folgen Leben kosten können. Selbstverrat und gekündigte Allianzen wären die einzige Rettung. Der Blick hinter die Kulissen könnte das Schlimmste verhindern. Die Zeit läuft gegen die Lehrerin, weil man auch ihr gegenüber nicht loyal ist. Schwer zu verkraften. Besonders, wenn man eine eigene Vergangenheit mit sich schleppt, in der Missbrauch an der Tagesordnung war. Ein gebranntes Kind versucht Kinder vor dem Flächenbrand zu bewahren.

Ein wichtiges Buch über Entfremdung innerhalb von Familien. Ein Meisterwerk zu den Problemfeldern Trennungskinder und falsch verstandene Loyalität. Ein Roman, der dem Leser Kadavergehorsam abfordert, weil man sich ihm nicht entziehen kann. Väter sollten sich ein dickes Fell zulegen, bevor sie „Loyalitäten“ lesen. Dem Roman liegt ein desaströses Vaterbild zugrunde. Ein Bild, mit dem ich nur schwer zurechtkam, weil ich für mich zeitlebens versucht habe, die Folgen von Verrat und Illoyalität gegenüber der eigenen Familie zu bekämpfen. Dieser Roman liegt schwer auf meinem Denken. Man sollte ihn lesen, wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Ehe zu beenden. Man sollte ihn lesen, wenn man sie bereits beendet hat und sich einbildet, mit den gemeinsamen Kindern sei alles in Ordnung. Man sollte ihn lesen, wenn man mal wieder einem Lehrer unterstellt, er sähe Gespenster. Man sollte ihn auch dann lesen, wenn all dies nicht der Fall sein sollte. „Loyalitäten“ ist ein Weckruf. Ein empathisches Frühwarnsystem gegen alle Folgen des Verrats. Er ist ein Früherkennungssystem für eine verstörte Psyche, die sich zum Kampf erhebt und sich auflehnt. Dieser Roman kann Leben retten.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Paris in meinem Lesen

Das Leben des Vernon Subutex“ – Virginie Despentes
Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury
Die Schönheit der Nacht“ – Nina George
Ein Ire in Paris“ – Jo Baker
Dann schlaf auch du“ – Leïla Slimani

und viele weitere Titel, die unter dem unter dem Schlagwort „Paris“ zu finden sind.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

„Sechs Koffer“ von Maxim Biller

Sechs Koffer von Maxim Biller

Es gibt wohl kaum einen deutschen Schriftsteller, der in der breiten Öffentlichkeit kontroverser aufgenommen wird, als Maxim Biller. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lebens- und Literaturgeschichte, dass man ihn einerseits bejubelt und mit einer Sänfte durchs Land trägt, während man ihn gleichzeitig wie eine literarische Sau durchs Dorf treibt. Biller polarisiert. Biller provoziert und Biller weiß alles besser. Seine Auftritte im Literarischen Quartett haben ihn, den Schriftsteller und Erzähler, zu einem Kritiker werden lassen, der die Werke seiner Kollegen in ihre Bestandteile zerlegte und wertete. Das verhärtet die Fronten. Das macht aus einem Autor ein Amphibienfahrzeug im Literaturbetrieb. Schreiben und kritisieren. Ist das miteinander vereinbar? Kann man gleichzeitig fahren und schwimmen? Wie wird dann der neue Roman des Hybriden von jenen aufgenommen, deren Profession das Kritisieren ist und wie leben Kollegen damit, dass er nun den Anspruch erhebt, neutral gesehen und bewertet zu werden?

Es ist, wie es zu erwarten war. Einerseits bejubelt und auf der Sänfte der Shortlist des Deutschen Buchpreises durch die staunende Leserschar getragen, andererseits jedoch genau von jenen in die Tonne geklopft, von denen er als Kritiker stets Alles-oder-Nichts Literatur fordert, die zugleich wagemutig als auch komplex daherkommen soll. Hat hier ein subjektiv als negativ wahrgenommenes Fernseh-Image den Inhalt seines Romans überlagert? Steht Maxim Biller der alte Vorwurf im Weg, er selbst käme nicht mit Kritik zurecht? Ist es Futterneid auf der einen Seite, der zum Verriss tendiert und Verneigung vor einer wichtigen literarischen Stimme auf der anderen Seite, mit der man sich gut zu stellen hat, falls sie sich erneut zur Kritikerstimme erhebt? Kann man einen Roman, der von solchen Extremen flankiert wird eigentlich neutral betrachten? Nein. Das würde ihm nicht gerecht.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Billers Buch bleibt Billers Buch. Maxim Biller von seinem Werk zu trennen wäre, als würde man Günter Grass als Person ausblenden, um dann sein Lebenswerk zu wiegen und zu werten. Was man jedoch können sollte, ist einem Roman eine echte Chance zu geben, selbst wenn man Vorbehalte gegen dessen Verfasser hegt. Ebenso neutral und unvoreingenommen sollte man sich einem Werk von der anderen Seite her nähern. Die Lorbeeren, die seinen Weg säumen, sollten mit Bedacht und ohne Abwägen möglicher Konsequenzen zu einem Kranz geflochten werden. Das meine ich mit neutral. Das hat eigentlich jedes Buch verdient. Und damit auch jeder Schriftsteller. Hier hilft kein grüner Klee, über den er gelobt wird. Auch keine Antipathie, gegen die er nicht anzuschreiben vermag. Ich versuche es. Keine Alles-oder-Nichts Rezension und doch vielleicht mutig genug, um dem Werk nahezukommen.

Sechs Koffer“ von Maxim Biller, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch.

Maxim Biller geht ein sehr großes Wagnis ein. Er hebt die Immunität seiner Familie auf, um einen autobiografischen Roman über ein Familiengeheimnis zu schreiben, das bis heute wie ein großer Schatten die Vita des Schriftstellers bestimmt. Insofern handelt es sich hier um einen Familienroman mit historisch verbrieftem Setting. Es geht um die Geschichte einer jüdischen Familie, der es gelang dem Kommunismus zu entfliehen, in die Welt zu ziehen und ihr großes oder kleines Glück zu machen. Einziger Makel an der Geschichte ist das Opfer, das gebracht wurde, um sich loszueisen. Irgendjemand muss den Großvater Biller verraten haben. Irgendjemand hat ihn auf dem Gewissen. Ihn, den die sowjetische Geheimpolizei aufgespürt und 1960 hingerichtet hat.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Dabei waren es nur kleine Wirtschaftsdelikte, die man ihm nachweisen konnte. Ein paar geschmuggelte Nähmaschinen, ein bisschen Devisenschieberei. Vergehen, die in der Hochzeit des Kommunismus, und noch dazu von Juden begangen, drakonisch und endgültig bestraft wurden. Nun lastet die Frage, wer den Großvater denunziert hat auf den in alle Winde zerstreuten Billers. Verdächtig ist jeder. Jeder verdächtigt jeden. Wer kommt in Frage? Dem geht Maxim Biller in der Rolle des Ich-Erzählers nach, indem er sich in die Zeitscheiben der verworrenen Familiengeschichte begibt, um Spurensuche auf der Basis eigener Erinnerungen zu betreiben. Verdächtig sind sechs Personen. Der eigene Vater, dessen drei Brüder, die eigene Mutter und seine Tante. Sechs Verwandte kommen auf diese Weise zu Wort. Menschen, die zeitlebens auf gepackten Koffern und auf einem Geheimnis saßen, das es nun zu lösen gilt.

„Sechs Koffer“ öffnet Maxim Biller. Dabei handelt es sich für mich, bildlich gesehen, um eine umgekehrt proportional aufgebaute Matrjoschka-Puppe. Im kleinsten Koffer, den Biller aus Sicht seines erst fünfjährigen Ichs beschreibt, verbergen sich die immer größer werdenden Koffer mit immer relevanter werdendem Inhalt. Über die weite Welt hat es die Verdächtigen verstreut. In unterschiedlichen Zeitscheiben finden sich Fährten und Anhaltspunkte. Moskau hinter dem Eisernen Vorhang, Prag im Prager Frühling, ein freies westliches Hamburg, Zürich, Montreal und London. Schauplätze einer Reise, bei der die Perspektiven sich zu einem großen Verwirrspiel um Daten und Fakten, Abläufe und mögliche Motive verdichten.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Hier rekonstruiert Maxim Biller nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern in besonderer Weise auch die zeitgeschichtlichen Aspekte des Untergangs einer Diktatur, die jedoch zumindest noch den Großvater des Erzählers mit sich ins dunkle Grab zieht. Ja, es liest sich spannend. Ja, das ist geheimnisvoll genug, um einem Roman in einem stabilen Geflecht aus Handlungselementen Tragkraft zu verleihen. Und nein, es ist auf keinen Fall ausufernd oder episch in die Länge gezogen, was Maxim Biller hier erzählt. Etwas mehr als 200 Seiten gönnt er sich zur Spurensuche. Nicht besonders viel Raum, um einer vielschichtigen Geschichte auf den Grund zu gehen. Nicht viel Platz für einen Plot, der Geschichte und Familie, Religion und Vorbehalte, Flucht und Kriminalität, Tod und Intrigen miteinander zu einem Ganzen verwebt. 

Verwirrend wirken Elemente, die sich dem Zugriff des Lesers manchmal zu entziehen drohen. Es ist der erst fünfjährige Maxim, der das Innenleben seiner Eltern beschreibt, als sei er praktizierender Psychologe. Es sind die Widersprüche, die als Stilmittel eines Geheimnisses in den Sichtweisen der „Verdächtigen“ versteckt werden. Es sind Lieben und Leiden, die nicht nur Ländergrenzen, sondern auch die Anstandsgrenzen deutlich überschreiten. Biller scheint es manchmal nicht um Aufklärung zu gehen. Eigentlich ist dieses Geheimnis gar nicht dafür geeignet, gelüftet zu werden. Die Gegenwart zu leben und die Vergangenheit dabei nicht übermächtig werden zu lassen, das scheint für mich eine der zentralen Botschaften des Romans zu sein. Dass es trotzdem nicht gelingt, ist ebenso typisch für diesen Roman und die Authentizität mit der er in der Vita des Autors verankert ist.

Sechs Koffer von Maxim Biller – Der fehlende siebte Koffer

Ich habe mich an manchen Stellen des Romans nicht sehr wohl gefühlt in diesem Buch. Wo ich gerne ausführlicher gelesen hätte, war es zu minimalistisch. Wo ich dem fünfjährigen Ich-Erzähler nicht folgen wollte, hat mich der spätere und reifere Biller mit seinem rückblickenden Weitblick mehr begeistert. Wo ich Atmosphärisches vermisste wurde ich vom indirekten Charisma der Erzählung überrascht. Wo ich Betroffenheit und Empathie empfand, neutralisierte sich der Autor gegenüber der eigenen Familie. Er hat auf hohem Niveau mit mir gespielt. Er hat es gewagt, in den Mittelpunkt des jüdischen Miteinanders im Familienverbund das Schachern, Schmuggeln und Zweifeln zu stellen. Er hat sich vielleicht mit diesem Roman befreit, ohne dabei zu viel preiszugeben. Wer hat den Großvater verraten? Ein Leitmotiv des Romans, dem ich gerne auf den Grund gegangen wäre. Ein Buch, das lesenswert ist, für mich jedoch mit Einschränkung.

Jedenfalls darf man nicht erwarten, dass er dieses große Familiengeheimnis löst. Diesen siebten Koffer überlässt er seiner eigenen Schwester. Ihr Buch könnte diesem Geheimnis auf den Grund gehen. „In welcher Sprache träume ich? Die Geschichte meiner Familie“ wurde in Deutschland nur wenig beachtet. Könnte es sein, dass jetzt? Wäre es möglich, dass Leser nun beginnen, diesen siebten Koffer zu öffnen? Wäre es denkbar, dass Maxim Biller hier versucht, uns einen weiteren Koffer ins Bücherregal zu schmuggeln. Das wäre, der Familientradition folgend, nur logisch, aber wäre es legitim? Ich mag seinen Roman. Er verleitet mich jedoch nicht dazu, weiter in dieser Geschichte zu graben. Er ist zweifelsohne lesenswert. Eine Buchpreis-Bindung (Verzeihung für das Wortspiel) sehe ich jedoch nicht. Da hatte ich einen anderen Favoriten

Ich mag es nicht, wenn mir am Ende einer Geschichte zum zentralen Gegenstand des Spannungsbogens erzählt wird: „Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?“ Nö, hab` ich nicht verstanden!

Sechs Koffer von Maxim Biller auf der Shortlist. Mein Favorit ist raus…

Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

Man stelle sich vor, die großen Klassiker der Literaturgeschichte wären unter den gleichen Rahmenbedingungen entstanden, die heute den Berufsalltag eines Autors bestimmen. Man stelle sich vor, die großen Schriftsteller vergangener Epochen wären neben dem eigentlichen Schreiben auch noch der medialen Omnipräsenz ausgeliefert gewesen, die vom modernen Schriftsteller unserer Tage erwartet wird. Wenn wir diese Frage zulassen, müssen wir uns in der Folge auch damit beschäftigen, was wir unseren Schriftstellern zumuten, was wir von ihnen erwarten und wie sich ihr Schreiben dadurch verändert. Wenn wir zu diesem Gedankenexperiment bereit sind, müssen wir uns auch bereiterklären, den nächsten Schritt zu gehen. Wir müssen uns selbst hinterfragen und die Frage zulassen, welche Rolle wir als Leser einnehmen und welchen Einfluss wir auf die Literatur ausüben.

Waren die Kräfteverhältnisse früher noch klar verteilt, so ist heute sehr deutlich zu erkennen, dass der Leser aus der passiven Rolle des Konsumenten literarischer Werke zusehends in eine aktive Rolle geschlüpft ist. Soziale Medien und Marktdynamik haben hier erdrutschartige Verwerfungen zugelassen und es fällt Autoren, die sich selbst noch als solche im klassischen Sinn verstehen, immer schwerer nur zu schreiben. Und nach dem Schreiben Kraft zu tanken, Inspirationen zu sammeln und sich wieder in die Tiefen des Elfenbeinturms zurückzuziehen, um erneut zu schreiben. Ein anderer Autorentypus scheint gefragt zu sein. Jener, der schon schreibend greifbar, ja beeinflussbar ist. Hier gilt es heute allgegenwärtig präsent zu sein, den Lesern das Gefühl zu geben, Zeugen eines Prozesses zu sein, der sich zuvor im Verborgenen abspielte.

Nehmen wir doch für unser Experiment einfach mal Mark Twain und katapultieren ihn ins 21. Jahrhundert, statten ihn mit allen technischen Möglichkeiten aus, über die seine aktuell literarisch tätigen Kollegen und Kolleginnen verfügen und flankieren seine Schaffensphasen mit den Ansprüchen seiner Leser. Verschaffen wir uns Zutritt zu dem großen Erzähler, der nicht nur durch „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, sondern auch durch seine Reiseberichte, wie „Bummel durch Europa“ weltberühmt wurde. Wir schalten ihn mal in den sozialen Medien frei und geben ihm Zugriff auf einige Accounts, ohne die ein Autor heute nicht existieren kann.

Facebook:

Mark Twain – Schriftsteller – Die offizielle Seite – 32500 Follower
Mark Twain – Das private Profil – 1569 Freunde – davon 159 gemeinsame Freunde

Instagram:

MarkTwain1835_ich_bins_wirklich – 6500 Abonnenten

Twitter:

MississipiMark35 (alle anderen Twain-Accounts waren vergeben) – 25000 Follower

WordPress

MTwainDerBlog mit drei bis vier Artikeln monatlich

Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

Das müsste fürs Erste reichen, um ihn zu beschäftigen. Dann erweitern wir dieses Spektrum noch um einige echte Mark-Twain-Fanseiten, 56 Fake-Accounts, die Unruhe stiften und ergänzen das mediale Spektrum um mehrere Rezensenten-Plattformen, die ihm in Echtzeit Zugriff auf die Reaktionen seiner Leser bieten. Wir legen ihm auch noch einen Amazon-Account an, damit er (falls es ihm mal langweilig sein sollte) den echten Literaturkritikern begegnen kann. Darüber hinaus abonnieren wir die namhaften Online-Zeitungen mit ihren Feuilleton-Teilen. Schnell noch ein Smartphone in die Hand, einen versierten Online-Marketing-Ansprechpartner und eine Pressereferentin eines Verlages an die Seite und schon kann es losgehen mit dem kreativen Schreiben. 

Ach ja. Wir wollen doch nicht vergessen, im Impressum seines Blogs auch noch die reale Adresse und seinen Email-Account zu veröffentlichen, damit ihn auch Fragen und Wünsche erreichen, von denen er noch gar nicht zu träumen wagt. Ein wenig ratlos und unentschlossen wirkt er jetzt schon auf mich. Eigentlich hatte er vor, einen Roman über zwei Jungs am Mississippi zu schreiben, aber das muss er jetzt mal auf der Todo-Liste nach hinten schieben, da seine sozialen Medien seine Präsenz einfordern. Hier nur ein paar kleine Beispiele für Kommentare, Beiträge und Mails, die ihn gerade erreichen.

Mail vom Verlag

Hi, Mark…

Lesereise scheint etwas zäh zu verlaufen. Kaum Buchungen durch Buchhändler. Keine Interview-Anfragen seitens der SZ oder der Welt. Wir empfehlen, im sozialen Netzwerk selbst ein wenig die Trommel zu rühren. Den Arbeitstitel „Huckleberry Finn“ sollten wir überdenken. Das Lektorat hält den Namen des Protagonisten für ungeeignet. Wie wäre es mit „Malte“ oder „Jörn“… Grüße aus dem Verlag. PS: Abgabetermin nicht verpassen

LovelyBooks – Die aktuelle Aktion

Hallo Leser. Wir verlosen im Oktober 35 Leseexemplare zu Mark Twains Reisebericht „Bummel durch Europa“ und veranstalten dann mit dem Autor zusammen eine offene Leserunde, in der er uns 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche Rede und Antwort stehen wird. Natürlich könnt ihr ihm auch zu seinem neuen Roman „Die Abenteuer des Malte-Finn“ (vorläufiger Arbeitstitel des Verlages) Fragen stellen, der im nächsten Jahr erscheinen wird. Bewerbt euch…

Amazon-Rezension zu „Bummel durch Europa“ von Der BuchProfiRezensent

Ich vergebe hier nur einen Stern, weil das Buch einen Tag zu spät angekommen ist, der Karton Schrammen aufwies und ich dann gemerkt habe, dass ich solche Reiseberichte eigentlich gar nicht gerne lese.

Frage zum neuen Roman auf der Facebook-Seite

Hallo Herzensautor. Ich hätte so gerne auch ein Rezessionsexemplar zum neuen Buch, weil ich ein riessiger Fan von ihnen bin und ich von ihrer feinen Sprache so viel gelernt habe. Bittebitte… Deine Butterdoldenlatschenkiefer61

Twitter

@MississipiMark35 #totalepleite #drecksbuch #bummeldurcheuropa #wirsinddasvolk Selten so einen Müll gelesen. Zu romantisch und der beste Anreiz für Flüchtlinge diese beschriebene Route zu wählen.

Instagram

@MarkTwain1835_ich_bins_wirklich Supertolles Bild von dem Fluss, an dem „Maltes Abenteuer“ spielen soll. Aber warum ausgerechnet der Mississippi? Kann es nicht auch mal ein Fluss sein, den man sich leichter merken kann? Elbe oder Main. Nur mal so… Dein kerzenbastelfloh86

Nachricht von der Hörbuchproduktion

Lieber Mark. Haben jetzt die ersten Probe-Aufnahmen eingelesen. Sagt man eigentlich „Hackebärrie“ oder „Hucklebery„? Wir sind da unsicher. Malte wäre einfacher. Unser Sprecher verzweifelt gerade an dem „L“ mitten in Huckleberry. Liebe Grüße…

Die Verlagsseite

Im Januar 2019 bieten wir erstmals Spaziergänge mit Autoren an Originalschauplätzen ihrer Romane an. Den Auftakt macht unser beliebter Erzähler Mark Twain, mit dem ihr fünf Tage lang an der Elbe spazieren gehen könnt, um ganz nah dabei zu sein, wenn er euch die Hintergründe zu „Malte, Finn und der Schaufelraddampfer“ (Arbeitstitel) verrät.

Mark Twain – Schriftsteller – Die offizielle Seite –

Ich… öhm…

(2127 Likes, 115 Mal geteilt)

So könnte ich an dieser Stelle pausenlos weitermachen, aber ich habe ja immerhin einen Artikel zu schreiben. Wobei ich als Blogger das Privileg genieße, überhaupt zum Schreiben zu kommen, was mich von Mark Twain gerade sehr unterscheidet. Er ist ein wenig ratlos, wann er überhaupt die Zeit findet, sich ganz in Ruhe seinem Manuskript widmen zu können. Und bevor er überhaupt daran denken kann, es fortzusetzen, muss er ja auch noch überall Huckleberry durch Malte ersetzen und sich ein paar Orte an der Elbe genauer ansehen, nachdem das Lektorat den Mississippi verworfen hat. Ich habe gerade ein wenig das Gefühl, dass der Titel im Verlagsprogramm geschoben wird, bis Mark Twain auf der Frankfurter Buchmesse 2019 persönlich auftritt. Signierstunden, ein paar Meet&Greets, Interviews und einige offizielle Selfie-Termine wird er sich bestimmt aus den Rippen schnitzen können. Ist ja alles für die Leser.

Wenn ihr Fragen an ihn habt, könnt ihr ihm natürlich gerne auch hier schreiben. Mark Twain wird die Kommentare auf meinem Blog gerne beantworten. Zeit genug hat er ja. Und wenn es ein anderer Autor oder eine andere Schriftstellerin sein soll, dann stattet ihnen doch einfach einen kleinen Besuch ab. Sie sind ja da. Sie stehen zur Verfügung und haben nichts Besseres zu tun, als sich vom Schreiben abhalten zu lassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Leben und die Rollen von Autoren mehr verändern, als wir es wahrhaben wollen. Sie haben sich mit diesen Ansprüchen bestens arrangiert. Und doch mag ich mir manchmal nicht vorstellen, wie sie schreiben würden, wenn alle Einflussfaktoren der heutigen Zeit nur für einen kleinen Moment ausgeschaltet wären.

AstroLibrium – LesensFreude

(Ein Text aus dem Zyklus „LesensFreude“ / TextManufaktur / Arndt Stroscher 2018)

AstroLibrium – Die TextManufaktur

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Anthologie

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Zehn Jahre ist es nun schon her, seit David Foster Wallace Selbstmord begangen hat. Unvergessen sind seine Werke, die sich mit jeder einzelnen Faser ihres Seins vom üblichen Mainstream abhoben. Unvergessen, der „weiße Klotz“, mit dem so viele Leser noch heute die größte Herausforderung ihres Lebens verbinden. „Unendlicher Spaß“, die wohl wichtigste Unterhaltungspatrone, die David jemals abgefeuert hat. Ein Roman, den man einfach besitzen musste, den man kaum wirklich greifen konnte und der doch so tief in meinem Gedächtnis verankert ist, weil er den eigentlichen Point-Of-No-Return meines Lesens darstellte. Fernab von allen fein konstruierten Geschichten entwickelten die Protagonisten dieses 1522 Seiten umfassenden Kultromans ein Eigenleben, das im Laufe des Lesens anderer Bücher immer wieder aufzuflackern schien. Drei Monate war ich mit diesem Werk beschäftigt. Es war für mich der Jakobsweg des Lesens. Literatur in ihrer höchsten Ausprägung. (Weiterlesen oder hören – Sie entscheiden selbst)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Rezension fürs Ohr

Seitdem sammle ich Bücher, Essays und andere Texte von David Foster Wallace. Im Wissen um die Tatsache, dass sein Lebenswerk überschaubar und endlich ist, weiß ich den Wert einer unveröffentlichten Kurzgeschichte aus seiner Feder zu schätzen und zelebriere jeden neuen Moment in und zwischen den Zeilen seiner Kompositionen. Seit vielen Jahren schreibe ich regelmäßig über David Foster Wallace. Wir sind beide 1962 geboren. Er sprach oft darüber, dass es eine große Herausforderung im Leben ist, sich nicht schon im Alter von dreißig oder fünfzig Jahren selbst zu erschießen.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

„Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.“

Dieses Zitat stammt aus seiner legendären Abschlussrede vor Absolventen des Kenyon Colleges, die er im Jahr 2005 hielt. Nur drei Jahre, bevor er freiwillig aus dem Leben schied. Unter dem Titel „Das hier ist Wasser“ wurde diese Rede veröffentlicht und gilt seitdem als die meist-zitierte Botschaft an junge Menschen, die am Ende ihrer schulischen Ausbildung auf die Menschheit losgelassen werden. Insofern haben diese Worte nachhaltige Wirkung auf kommende Generationen. Zeitlos, weil eine Rede eben nicht nur eine Rede blieb, sondern ihren Weg in ein kleines bedeutendes Büchlein fand. Zehn Jahre ist es nun her, seit diese bedeutende Stimme für immer verstummt ist. Und doch bleibt sie unvergessen, weil der Verlag Kiepenheuer und Witsch dem Nachlass dieses bedeutenden US-amerikanischen Schriftstellers treu bleibt.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Sein Lebenswerk findet man in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach nur hier. Von den großen Werken bis zu den kleinen Texten, von ersten Auftragsarbeiten bis zu literarischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Krankheit. Von der Langeweile bis zum Spaß. Ein Regalmeter meines Lesens gehört David Foster Wallace. Wobei ich mit jeder veröffentlichten Zeile ahne, dass es die letzte sein könnte, die publiziert wird. Der zehnte Todestag des Autors ist also in vielerlei Hinsicht Grund genug, an ihn und seine facettenreichen Texte zu erinnern. Dass man dies in Form einer Mammut-Anthologie all seiner Essays und Reportagen versucht, ist für mich eine literarische Sensation. Es sind fulminante 1088 Seiten, die fast alles umfassen, was David jemals neben seinem Hauptwerk geschrieben hat. Der Titel wird seinem Inhalt gerecht:

Der Spaß an der Sache

Es ist ein monumentales Buch, das wir in Händen halten dürfen. Es ist ein Buch, in dem sich Texte wiederfinden, die bereits als eigenständige Bücher literarisch für Furore gesorgt haben. Hier sind sie versammelt, wie an einem Lagerfeuer, das zum Gedenken an David entzündet wurde. Hier finden wir die großen und kleinen Gedankenflüge einer schriftstellerischen Karriere in einem „silbernen Klotz“ vereint. Neben seiner Rede „Das hier ist Wasser“ findet sich seine Kreuzfahrtreportage „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ und seine nachhaltig sarkastische Reportage über seinen Besuch eines Lebensmittel-Festivals. „Am Beispiel des Hummers“ ist in der Lage, aus absolut überzeugten Feinschmeckern eingefleischte Vegetarier zu machen. (Was für ein feiner Widerspruch.)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Am 12. September jährt sich der Tag, an dem er von seiner Frau Karen Green tot in der Garage gefunden wurde zum zehnten Mal. Ohne Abschiedsbrief, umgeben von den Manuskripten und Notizen, die sein künftiges Schreiben skizzierten. Es gibt kein Grab, es gibt kein Denkmal, es bleibt nur das Sehnsuchtszeichen seiner Frau, die den Verlust mit den Worten „Hard to fill“ und einem Foto von Davids Schuhen dokumentierte. Jetzt zeigt sich in einem Mammut-Buch, dass es wirklich schwer ist, diese großen Schuhe zu füllen, die er seinen literarischen Nachfolgern hinterlassen hat. Vielen sind sie ein paar Nummern zu groß. „Der Spaß an der Sache“ zeigt nachhaltig, was einen Schriftsteller ausmacht. Ein Lebenswerk, das nicht auf einen Schlag gelesen werden muss oder soll. Hier kommt es auf die Dosierung an. Das ist der unendliche Spaß, den man mit diesem Buch haben kann.

Worauf jedoch lässt man sich ein, wenn man sich den „silbernen Klotz“ ans Bein bindet? Ist das nur etwas für wahre Foster-Wallace-Fans oder kann man es mit einem kulinarischen Ausflug in die Haute Cuisine der Literatur vergleichen, der auch für ganz normale Leser taugt? Ich bin da aufgrund meiner Leidenschaft natürlich nicht neutral. In ein gut sortiertes Bücherregal gehört zumindest ein David-Foster-Wallace. Warum also nicht einer, der ihn gleich enzyklopädisch näherbringt? Warum nicht eine nach Themen sortierte Collage eines Lebenswerkes? Und diese Themen haben es in sich.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Man findet Essyas und Texte zu den Überschriften:

Tennis
Ästhetik, Sprache und Literatur,
Politik,
Film, Fernsehen und Radio,
Unterhaltungsindustrie und
Leben

Natürlich darf hier auch Der große rote Sohn nicht fehlen. Die facettenreiche und tiefgründige Abrechnung mit der amerikanischen Porno-Industrie. Hier ist nicht nur der Sohn rot, hier wird es auch der Leser. Garantiert. Und wer noch nicht genug von einem der wesentlichen Stilmittel Davids hat, der findet im Essay „Der Moderator“ einen wohl völlig neuen Zugang zu den zahllosen Fußnoten, die schon fast zum Synonym für sein Schreiben wurden. In diesem Text kann man mit Fug und Recht behaupten, dass jene Fußnoten den Umfang des eigentlichen Inhalts der kleinen Geschichte in den Schatten stellen. 

Selbst für mich gibt es in diesem Werk noch unglaublich viel Neues zu entdecken und ich kann schon jetzt vorhersagen, dass ich mich an besonderen Tagen aus reinem „Spaß an der Sache“ mit diesem Buch auseinandersetzen werde. Einatmen, ausatmen werden die Devisen für diese neuen Begegnungen sein. Ich weiß schon jetzt, dass ich längst nicht alles verstehen werde, was David geschrieben hat. Darum geht es für mich allerdings schon lange nicht mehr. Es ist eher das „Wie“ seines Schreibens, das mich mit jeder Faser dieses Mammut-Buches fesseln und inspirieren wird.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

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Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace