„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

(Off-Topic) Warum bin ich eigentlich kein Rassist?

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist

Seit Jahren engagiere ich mich in meinem Lesen, Leben und Schreiben gegen die Ausgrenzung oder Unterdrückung von Menschen, die einfach anders sind. Dabei scheint es doch in der Geschichte der Menschheit fast nichts zu geben, was einfacher ist, als Andersdenkende, Andersgläubige oder Andersfarbige zu sozialen Underdogs zu machen, ihnen die Schuld für alle Missstände in die Schuhe zu schieben und selbst vor lauter Wohlgefallen an der eigenen Perfektion in einen intellektuellen Dämmerschlaf zu verfallen. Ich bin anders, denke anders, fühle anders und bin absolut davon überzeugt, dass niemand aufgrund seiner Herkunft ein besserer oder schlechterer Mensch ist.

Da kann ich mir ganz schön auf die Schulter klopfen. Das habe ich in den mehr als fünf Jahrzehnten meines Lebens ja prima hinbekommen. Diese tiefe Einsicht muss ich bereits seit meiner frühen Kindheit für mich entdeckt und kultiviert haben, denn ich kann mich nicht daran erinnern, jemals anders gedacht zu haben. Ich bin so großartig! Dabei habe ich mir ganz selten die Frage gestellt, ob das eigentlich nur mein Verdienst ist. Ob ich hier ganz eigenständig zu einem frei denkenden Menschen geworden bin, oder ob es auch in meinem Leben Stellschrauben gab, an denen jemand so lange gedreht hat, bis ich in meiner jetzigen Geisteshaltung verwachsen war.

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Erwin Kostedde

Beim Lesen des Buches Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland aus der Feder von Lucas Vogelsang entdeckte ich viele Beispiele für Alltagsrassismus, der in meiner Jugend gang und gäbe war. Aber das ist lange her. Warum war es für mich so normal, dass mit Erwin Kostedde erstmals ein dunkelhäutiger Fußballer das Trikot der deutschen Nationalmannschaft trug? Warum nur habe ich damals keine Witze darüber gemacht? Das war 1974. Ich war erst 12 Jahre alt und schon so weltoffen. Wow. Und das in einer Zeit, in der ich mich mehr für meine Pickel und junge Mädels, als für meine anscheinend humanistische Weltsicht interessiert habe. War ich schon so?

Warum hatte ich so viel Verständnis für einen Jimmy Hartwig, den Fußballer aus Offenbach, der es als Spieler des HSV 1979 ebenfalls in unser Nationalteam schaffte. Und wohlgemerkt, auch das als dunkelhäutiger Sohn eines afroamerikanischen Gis. Es spricht ja wohl schon wieder für mich, dass ich verstehen konnte, wie schwer der Weg für ihn war und welchen Anfeindungen er ausgesetzt war. Die Presse war da noch viel harmloser als der geneigte Fußballfan von der Straße. Bimbo und Negerlein. Mit diesen und ähnlichen herabwürdigenden Begriffen musste Jimmy Hartwig damals leben. Auch damit, dass er langfristig kein Standing im Nationalteam hatte. Die Zeit war noch nicht reif dafür. Ich war es schon. Ich bin ja auch ein Held im Kampf gegen den Rassismus.

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Jérôme und Jimmy

Nur zu verständlich, dass ich heute mit dem guten Nachbarn Boateng leide, wenn er mal wieder zum Opfer einer Kinderschokolade-Schlammschlacht wird und nur allzu logisch, dass ich vehement dagegen ankämpfe, wenn unser Mesut Özil wegen seines Glaubens Ziel von rassistischen Angriffen und Verunglimpfungen wird. Nicht mit mir. Es ist einfach nicht akzeptabel, da ich schon seit meiner Kindheit der geborene Kämpfer in Sachen „Wir sind alle gleich“ bin. Und hier ist Fußball nur ein Beispiel. In der Schule und später im Beruf stellte sich heraus, dass ich ebenso großartig liberal war, wie ich es mir von frühauf anerzogen habe. Da muss ich echt den Hut vor mir ziehen, dass ich nie auf die (aus meiner Sicht) falsche Spur geraten bin.

Warum schaffen andere Menschen das nicht? Warum werden sie zu Rassisten? Was fehlt ihnen, was ich bei mir zu finden denke? Ist es so einfach, eine Antwort auf so eine Frage zu finden? Kann man sie so überhaupt stellen? Ich als geborener Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit muss doch fragen dürfen. Ich verdanke mir doch selbst, dass ich heute so bin wie ich bin. Da werden doch andere auch mal nachdenken dürfen, was sie falsch gemacht haben. Das sind Gedanken, die ich lesend entwickelte, bevor meine Erinnerung Bilder vor meinem geistigen Auge ablaufen ließ, die schon längst verdrängt waren. Nicht, weil ich sie vergessen hatte, sondern weil sie so selbstverständlich waren.

Ich sehe meinen Vater. Berufssoldat und als Spieß in der besonderen Verantwortung für die Menschen in seinem beruflichen Umfeld. So erinnere ich mich an ihn. Ich sehe ihn noch heute vor mir, im Wohnzimmer mit seinen Kameraden und Kumpels, wenn es wieder einmal hieß, eine Übung vorzubereiten. Raus ins Gelände zu gehen oder wenn es galt, über Rekruten der Kompanie zu sprechen, die Probleme hatten. Fair ist er mir dabei immer vorgekommen. Beharrlich, nachdrücklich und klar. Er hatte eine Linie, an der ich mich auch als Sohn ausrichten konnte. War er im Job die Mutter der Kompanie, so hat er mir als Vater den Proviant mit auf den Weg gegeben, von dem ich noch heute zehre.

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Der Spieß und seine Jungs

Diese Bilder sind für mich immer verbunden mit einem seiner besten Freunde. Ich sehe ihn noch heute als Teil meiner Familie, seit ich sieben oder acht Jahre alt war. Er war der Sohn eines dunkelhäutigen GIs. Willy ist schwarz und er ist der Beginn meines Lebens ohne Vorurteile oder rassistisches Denken. Ich höre immer noch meinen Vater, der ihm klar machte, er müsse in jeder Beziehung besser sein als andere, wenn er sich durchsetzen wolle. Ich erlebe die beiden Männer noch heute in tiefen Gesprächen über den Wert aller Menschen, das eigene Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit einer Freundschaft. Und ich höre immer noch tuschelnde Nachbarn, für die es wohl auf keinen Fall normal war, dass „bei Stroschers ein Neger ein und aus geht.“

In dieser Normalität wuchs ich auf, langsam begreifend, dass es nicht so normal war, wie ich es empfand. Später realisierend, dass es prägend für mein Leben war und noch heute weiß ich nur zu gut, dass die Zeit damals eigentlich nicht reif für die konsequente Haltung meines Vaters war. Vorurteile gab es nicht in meiner Familie. Anderssein war kein Wort des Sprachgebrauchs. Ausländer war man selbst, wenn man andere Länder bereiste und Freundschaft wurde nicht nur in guten, sondern gerade auch in schweren Zeiten zelebriert. So empfand ich auch keine Eifersucht, als Willy meinen Vater später einfach auch mit Vater anredete.

Und? Nun? Ist mein Weltbild auf meinem Mist gewachsen? Habe ich es nur mir zu verdanken, wie ich denke, fühle und handle? Welche Lehren habe ich daraus gezogen und ist es mir gelungen, diese Werte an meine Kinder weiterzugeben? Ich weiß nur zu gut, warum ich kein Rassist bin, warum ich ein Weltbild habe, das noch heute vom Bild meines Vaters geprägt ist. Ich weiß, dass ich mir nichts zu verdanken habe und dass es mir eine Ehre und eine Verpflichtung ist, diesem Vorbild nachzueifern. Eigentlich kann ich nichts für meine Prägung. Bei meinem Vater verliefen diese inneren Prozesse wohl viel bewusster. Die Brüder als Soldaten einer Nazi-Diktatur verloren, selbst erlebt, was es hieß in einem ideologisch normierten Umfeld aufzuwachsen. Selbst anerzogen, was er später weitergab. Ein SelbstBewusster individueller Königsweg.

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Eines der letzten Bilder

Ich musste das mal niederschreiben, nicht dass irgendjemand denken könnte, ich würde hier einer inneren Stimme folgen und wäre in der Lage gewesen, mich selbst so zu sozialisieren, wie ich mich heute empfinde. Ich habe nicht viel damit zu tun. Ich bin kein Rassist, weil es mir so vorgelebt wurde. Und ich danke meinem Leben dafür, dass es so war.

Daddy, Willy, das musste mal gesagt werden. Hut ab… Jungs.

Lebenslang dem Erinnern verschrieben – Gegen das Vergessen…

Nachtrag: Meine Gedanken zu „Haltungsschäden“ finden Sie hier. Lesenswert ist vielleicht auch eine kleine Reportage über mich als Literaturblogger in Verbindung mit meinem beruflichen Selbstverständnis als Offizier. Gegen das Vergessen schreibe ich weiter an. Für das Erinnern trete ich weiter ein. Und ich lebe nicht in der Illusion, dies in einem immer absolut intakten Umfeld leisten zu können. Augen auf. Nach innen und außen. Die Maxime unserer Zeit.

Innere Haltung bewahren heißt auch immer wieder um Haltung zu ringen.

Off-Topic – Hier geht´s bald mit weiteren Themen weiter…

Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa – „Nebel im August“

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Gegen das Vergessen. Unter dieser Überschrift bemühe ich mich seit Jahren, Bücher vorzustellen, die sich dem Erinnern an die Opfer des Holocaust widmen. Dabei sind es insbesondere Berichte von Zeitzeugen und Opfern selbst, deren Tagebücher und auch fiktionale Texte, die mich beschäftigen und rastlos recherchieren lassen. In einer Zeit, in der die Stimmen der Überlebenden zusehends verstummen ist es wichtig, das Erinnern nur an der Wahrheit auszurichten. Authentizität ist das Maß der Dinge, dem ich absolut alles unterordne.

Den Holocaust als reine Kulisse herzunehmen, in der man lediglich eine spannende Geschichte erzählen kann, wird weder den Opfern noch ihrem Andenken gerecht, weil immer mehr Fakten verdreht werden. Beispiel gefällig? Lesen sie einfach meine Artikel zu Czesława Kwoka und vergleichen sie zwei Bücher miteinander. Eines von ihnen, aus der Feder von Reiner Engelmann, der Wahrheit verpflichtet. Das andere Werk zeichnet sich dadurch aus, dass seine Autoren die Abläufe im Konzentrationslager Auschwitz zu dramatisieren versuchten, um sie noch besser in Szene setzen zu können.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Den Holocaust dramatisieren? Ein Gedanke, der mir die Nackenhaare aufstellt. Hier gibt es nichts zu dramatisieren und wer der Meinung ist, die brutale Massenvernichtung menschlichen Lebens bedürfe zusätzlicher Spannungsbögen, der vergeht sich wissend um diese historischen Verfälschungen an den Opfern, Überlebenden und Nachfahren. HoloKitsch. Dieser Begriff charakterisiert treffend, was eine solche Überzeichnung für mich bedeutet. Eine solche Kulissenschieberei wird der Dimension des Schreckens im Dritten Reich nicht gerecht. Und sie ist überflüssig.

Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa unter dem Titel Nebel im August“ aus der Feder von Robert Domes ist über jeden Verdacht erhaben, ein schiefes Bild eines real existierenden Opfers des Nationalsozialismus zu zeichnen. Zu intensiv hat der Autor in mühevoller Kleinarbeit recherchiert. Zu bewusst hat er Spekulation und Interpretation in seinem Buch eine Absage erteilt. Zu aufrichtig nähert er sich einem Menschen, dessen einzige Lebenszeichen heute Fotos sind, die die Zeit überdauert haben. Domes hat hier nicht dramatisiert. Sein Buch lässt die Automatismen der Euthanasie wirken und bringt Leser dazu, sich Ernst Lossa so anzunähern, wie er es zu Lebzeiten nicht erlebt hat.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Wir müssen das Buch von Robert Domes als Roman bezeichnen, weil der Autor es mit der systematischen Auslöschung Ernst Lossas aus den Geschichtsbüchern einer Zeit zu tun hat, in der das sogenannte unwerte Leben spurlos verschwinden sollte. Hier existiert kein Tagebuch, aus dem man auf die Gefühlslage eines Jungen schließen darf. Es finden sich keine Aufzeichnungen, die über sein tatsächliches Verhalten Aufschluss geben und alle Dialoge und Interaktionen im Buch folgen dem recherchierten Bild, das sich Robert Domes von Ernst Lossa gemacht hat. Weiter geht er nicht. Der Autor kennt seine Grenzen und dichtet nichts hinzu, was nicht haltbar wäre.

Die Stationen des kleinen Jungen, der als Zigeuner in die Fänge der Nazis geriet, ziehen sich wie ein roter Faden durch den „Nebel im August“ und belegen, dass dem Euthanasieprogramm T 4 keineswegs nur behinderte oder schwerstkranke Kinder der Generation „Rassenwahn“ unterzogen wurden. Nein. Man beseitigte alles, was nicht zu 100 Prozent zur Ideologie passte. Psychisch auffällig, schwer erziehbar, aufsässig und ein Zigeuner zu sein, reichte da schon deutlich aus, um als asozialer Psychopath aus dem Kinderheim in eine sogenannte Heilanstalt verlegt zu werden.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

So zeichnet Robert Domes den Weg des eigentlich kerngesunden Jungen bis zu dessen letzter Lebensstation nach. Ernst Lossa wurde im August 1944 ermordet. Die tödliche Injektion setzte einem Leben ein Ende, das bis zu diesem Zeitpunkt isoliert von der Welt hinter den Mauern von Irrenhäusern und Pflegeanstalten verborgen blieb. Das Verdienst des Romans „Nebel im August“ ist es, nicht nur Ernst Lossas Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren, sondern die Euthanasie als Ganzes in den Mittelpunkt zu rücken und das perfide Vorgehen als Vorstufe des Holocaust darzustellen. Die Täter in den Euthanasie-Anstalten wurden aufgrund ihrer Erfahrungen zu den Speerspitzen der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern.

Nebel im August“ nun in seiner filmischen Adaption zu sehen, stellte eine neue Herausforderung für mich dar. Das Buch kennend war ich davon überzeugt, dass die literarische Steilvorlage völlig ausgereicht hätte, um einen einfühlsamen Film zu drehen und hier im Klartext dieses Romans Zeichen zu setzen. Regisseur Kai Wessel scheint jedoch der eigentliche Inhalt nicht gereicht zu haben, denn neben der Orientierung am Buch muss ihm wohl das ein oder andere Element gefehlt haben, das sich nun im Film wiederfindet. Wo Robert Domes der inneren Dramatik seines Schützlings vertraut, da wird Ernst Lossa im Film zum Widerstandskämpfer gegen das System stilisiert. Wo wir nur wissen, dass er zumeist in seiner Einsamkeit gefangen war, da wird aus der kleinen Nandl im Buch plötzlich eine Hauptrolle im Film. Eine romantische Rolle zudem. Bilder, die Ernst Lossa wohl nie erleben durfte. Hier greift der Kitsch nach meinem Verstand.

Nebel im August und Sonnenschein – T4 im Brennpunkt

Damit nicht genug. Nicht belegte Wahrheiten breiten sich im Film aus, als gelte es Historisches zu korrigieren. Da versuchen Ordensschwestern die Tötung der Kinder zu verhindern (dafür finden sich keine Belege), da plant Ernst Lossa seine Flucht mit seiner Nandl und er wagt es sogar, den Direktor der Anstalt  als Mörder zu bezeichnen. An diesen Stellen hätte ich mir die intelligente Zurückhaltung eines Robert Domes sehr gewünscht. Er hat nichts beschrieben, was er nicht belegen konnte. Er ging die Schritte nicht, die den Film durch die Kulissen holpern lassen. Eine historisch belegte Geste ist dagegen nicht Teil des Films. Leser des Buches werden wissen, wovon ich spreche.

Und doch ist der Film sehenswert, da die Darsteller bestechen. Alle Nuancen des Leids von Ernst Lossa sind im genialen Schauspiel von Ivo Pietzcker fühlbar. Alleine schon Sebastian Koch als Dr. Walter Veithausen (im Buch finden wir die historischen Namen der Täter – der Film fiktionalisiert) ist es wert, sich den Film anzuschauen. Hier zeigt sich die väterlich vertrauenswürdige Fratze des Todes. Man muss ihn fast mögen. Man muss ihn fast bewundern. Unglaublich stark gespielt. Und doch bleibe ich beim Buch. Es bedarf keiner Dramatisierung der Geschichte. Sie ist dramatisch genug.

Anton und Ernst – Bücher im Dialog

Eine zweite Stimme zum Buch lichtet den Nebel: Anja schreibt auf Zwiebelchens Plauderecke: „Beim Lesen bildet sich mehr als einmal ein Kloß im Hals. Hoffnung, Wut und Trauer bilden eine Kaskade an Gefühlen, die ich beim Lesen durchlaufen habe.“

Peggy Steike hat sich der Aufgabe verschrieben, den Opfern der Euthanasie auf ihre ganz eigene Art und Weise wieder ein Gesicht zu geben. Ihr Projekt nötigt mir allen Respekt dieser Welt ab, weil ich weiß, wie viel Kraft es sie kostet. Schaut bitte bei ihr vorbei. Hier geht´s zum Atelier des Erinnerns.

Peggy Steike und die Macht der Bilder

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri

Ein besonderes literarisches Stilmittel zur Bekämpfung klischeehafter Vorstellungen ist die multiperspektivische Beschreibung von ungeklärten Sachverhalten. Nehmen wir zum Beispiel den Tod eines jungen Menschen, der Fragen aufwirft. Aus einer einzigen Sichtweise heraus mag es vielleicht unerklärlich sein, was sich abgespielt hat, aber eine Erweiterung des Horizonts auf unterschiedliche Betrachtungsweisen führt uns näher an das eigentliche Ziel. Diese Erzählkonstruktion hat viel von Polizeiarbeit und schließt am Ende Spekulationen und Interpretationen weitgehend aus.

Die Bücher Dann mach ich eben Schluss“ von Christine Fehér oder „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher sind vielleicht die absoluten Paradebeispiele, wie man sich als Schriftsteller in einer ganz besonderen Konstruktion dem eigentlichen Kasus eines Romans vorsichtig nähert. Der Selbstmord junger Menschen steht im Vordergrund der Betrachtung. Doch wer trägt Schuld, wer hätte es wissen müssen und was geschah in den letzten Minuten dieses tragischen Lebensweges? Fragen, die sich allen Beteiligten stellen und Antworten, die dabei so unterschiedlich aussehen. In der Schnittmenge der Aussagen liegt der Zauber eines solchen multiperspektivischen Romans. Indizien und Fakten verdrängen die pure Vermutung. Vorurteile lösen sich auf und Erkenntnis heißt der Zugewinn des Lesers.

„Alles, was ich nicht erinnere“ – Multiperspektivisch verwandte Romane

Jonas Hassen Khemiri scheint sich auf den ersten Blick in seinem Roman Alles, was ich nicht erinnere (DVA) für dieses Stilmittel entschieden zu haben und dabei in der Tradition der oben aufgeführten literarischen Vorbilder seine eigene Geschichte zu entwickeln. Es wirkt wie ein Film, in dem unterschiedliche Kamerapositionen ein jeweils ganz neues Licht auf ein Ereignis werfen, das in sich immer ungeklärt belieben wird. Es ist jedoch nicht ganz so einfach, wie man es sich auf den ersten Blick vielleicht vorstellt. Denn der Sohn eines tunesischen Vaters und einer schwedischen Mutter und einer der unbestrittenen Stars der schwedischen Literaturszene fordert seine Leser nicht nur auf, diesen unterschiedlichen Perspektiven zu folgen. Nein. Er drückt uns quasi die Kamera in die Hand und lässt uns oftmals im Ungewissen, wen wir eigentlich im Blick haben. Es ist der Zauber seines Erzählraumes, dass er ohne die üblichen „Samuel sagt“ oder „Sie erwiderte“ auskommt.

Wir sind gefordert. Wir sind diejenigen, die in seinem dynamischen Roman erkennen müssen, wer gerade erzählt. Wir müssen uns in die Stimmen der Protagonisten und in ihre Perspektiven hineinversetzen und dann die Fragmente der Erkenntnisse zu einem großen Puzzle zusammensetzen, dessen Teile am Anfang überhaupt nicht zueinander zu passen scheinen. Sie haben keine Form, keine Ausbuchtungen, nichts hält sie und nur ganz wenig scheint sie zu verbinden. Von Seite zu Seite jedoch entsteht ein einzig denkbares Bild, in das sich immer mehr Puzzleteile einfügen, die wir lesend gesammelt haben.

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri

Das zentrale Puzzleteil trägt den Namen Samuel und im ersten Lesemoment passen die ersten erlesenen Teile ganz gut in das entstehende Puzzle seiner Persönlichkeit. Er ist ein fürsorglicher Enkel, sehr verliebter Gefährte und guter Freund. Schade nur, dass er schon zu Beginn des Romans tot ist. Ein Unfall, sagen die einen. Selbstmord, sagen die anderen. Im Auto seiner Großmutter frontal gegen einen Baum. Das allein steht fest und ist unstrittig, aber die Umstände seines Todes bleiben verborgen. Solange, bis ein Schriftsteller mit seiner Recherche für ein Buch beginnt, in dem er den Tod Samuels in seine Bestandteile zerlegen und das Geheimnis lösen möchte.

Hier begegnet Jonas Hassen Khemiri sich selbst in seinem Roman und stellt alle Kontakte her, von denen er sich Aufklärung erwartet. Die Jugendfreundin Panther, den besten Freund Vandad und Samuels große Liebe Laide sind die zentralen Figuren in dem tragisch endenden Spiel, das Leben hieß. Khemiri befragt sie intensiv, lässt sie zu Wort kommen und beschießt seine Leser mit den ständig wechselnden Sichtweisen auf einen jungen Mann, der nicht mehr widersprechen oder zustimmen kann. Es ist zu Beginn leicht verwirrend, diese Menschen auseinanderzuhalten, weil der Autor uns mit ihnen  alleine lässt. Er führt sie nicht ein. Sie konturieren sich gegenseitig. Perspektiven entwickeln ihre ganz eigene Dynamik und Wucht.

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri

Und so finden wir uns in einem literarischen Puzzle mit 1000 Teilen. Wenn man die einzelnen Teile benennen müsste, dann trügen sie folgende Namen. Stockholm, Berlin, Multikulti, Kunst, Kleinkriminalität, Liebe, Beziehung, Enttäuschung, Leidenschaft, Hass, Scham, Gewalt, Diskriminierung, Verrat, Flucht, Fürsorge und Trennung. Sie fügen sich langsam zusammen. Das Muster ist brillant und das Gesamtbild in seiner Emotionalität bestechend. Khemiri überrascht in vielfacher Hinsicht. Seine Story entzieht sich in jeder Hinsicht dem Versuch, sie zu kategorisieren. Dafür ist sie zu facettenreich angelegt. Es fühlt sich an, wie das wahre Leben.

Wie starb Samuel? Diese Frage trägt den kompletten Spannungsbogen des Romans. Sie bleibt nicht unbeantwortet. Der literarische Dreh, mit dem Khemiri hier in doppelter Hinsicht arbeitet, hebt den Roman aus den Angeln. Schließlich kommt jemand zu Wort, mit dem man gar nicht mehr gerechnet hätte. Welche Sichtweise auf Samuels Tod nun der Realität entspricht und welches Bild von ihm bleibt, das gilt es selbst zu erlesen. Es ist ein Spiel mit Erinnerungen, eine Frage des Gedächtnisses und ein Spiegelbild einer dementen Großmutter, das unsere Erinnerungen an Samuel über die letzte Seite einer sprachlich großartig erzählten Geschichte hinaus bestimmt. Samuel bleibt bei uns, auch wenn der Buchtitel verdeutlicht, dass es in „Alles, was ich nicht erinnere“ deutlich zu erkennende Grauzonen gibt, die sich der Erinnerung widersetzen.

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri

Am Ende des Romans stellt man sich die Frage, wessen Geschichte man eigentlich gelesen hat. Diese Frage ist umso bedeutender, weil man hier auch auf die Spur eines Schriftstellers und seiner Motivation zu schreiben kommt. Man darf sich getrost auf das Spiel von Jonas Hassen Khemiri einlassen. Am Ende fehlt kein Puzzleteil und doch hat man plötzlich ein fertiges Bild vor Augen, das zu einem anderen Bild gehört. Es ist echt. So fühlt es sich an. Es ist authentisch. So liest es sich. Es ist realer als real. Das denke ich mir. Es ist eigentlich viel mehr als nur ein Roman.

Wer Jonas Hassen Khemiri liest, sollte sich darauf gefasst machen, keine leichte literarische Schonkost serviert zu bekommen. Wer ihm vertraut, der wird einen Weg durch diese Geschichte finden, der sich mit dem eigenen Lebensweg verknüpfen lässt. Wer auch nur einmal im Leben diesen Satz gefühlt hat, wird wissen was bleibt wenn es sich nicht mehr wie ein Ganzes anfühlt.

„… wir hatten uns getroffen, wir hatten jemanden gefunden, der machte, dass wir uns weniger halb fühlten, einen Menschen, der nicht perfekt war, aber wir wollten keine Perfektion, wir waren die Perfektion leid…“

Lesenswert.

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri

„Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

„Er ist dick, hässlich – aber es ist hoffnungslos, heute wie vor 20 Jahren habe ich den Eindruck einer schrecklich starken geistigen Verwandtschaft mit ihm, ehrlich gesagt, habe ich Angst… Es ist eine Art Gehirnvergiftung…“

Dorothea (Mopsa) Sternheim über Gottfried Benn an Betty George im September 1952

Faszination bis zur Hirnvergiftung. Zeilen, die viel andeuten, ohne etwas zu verraten. Zeilen aus der Feder einer Frau, deren Leben von der obsessiven Zuneigung zu einem Mann geprägt war, der sich ihr nie zugeneigt hatte. Zeilen aus der Feder von Dorothea Sternheim, die jeder nur liebevoll Mopsa nannte. Zeilen, die am Ende ihres bewegten Lebens zeigen, wie sehr sich das Gift der Leidenschaft in Körper und Geist eingenistet hatte und wie hilflos sie dieser fatalen Begierde gegenüberstand.

Fünfunddreißig Jahre, nachdem sie Benns Stimme zum ersten Mal gehört hatte, beendete sie einen Brief an ihn, wieder voller Ausflüchte und Unwahrheiten, mit dem Satz:

„Ich lege mich dem Meister zu Füßen.“

Dorothea (Mopsa) Sternheim an Gottfried Benn im Oktober 1952

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

Die beiden Zitate lassen auf eine lebenslange verzweifelte Leidenschaft schließen, die in ihrer Einseitigkeit unerwidert blieb. Eigentlich der perfekte Stoff für einen Roman, sollte man meinen. Wenn man jedoch die Namen der beiden Protagonisten betrachtet, dann ahnt man schnell, dass es hier keiner Fiktionalisierung bedarf, wenn man über die Widersprüchlichkeit von Gefühlen schreiben möchte. Lea Singer hat sich dieser beiden Menschen angenommen und ihnen in ihrem aktuellen Buch „Die Poesie der Hörigkeit“ ein literarisches Denkmal gesetzt, an dem man jederzeit rütteln darf.

Lea Singer stellt nicht so sehr die Hörigkeit oder die Obsession ins Zentrum ihrer Geschichte. Sie nähert sich dem Dichter Gottfried Benn und „Mopsa Sternheim, der Tochter des Bühnenautors Carl Sternheim, behutsam und versucht zu erklären was aus heutiger Sicht nicht erklärbar scheint. Tagebücher, Briefwechsel und Gedichte sind die Basis für die wuchtige Aussagekraft ihres Buches. Menschenkenntnis, tiefe Empathie, das Verständnis des historischen Kontextes und die Fähigkeit, Ursache und Wirkung in ihre molekularen Bestandteile zu zerlegen, machen aus einer geheimen Obsession das Psychogramm einer verzweifelt einsam Liebenden.

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Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

Ich lerne Mopsa schon im Alter von 12 Jahren kennen und schlage mich schnell auf ihre Seite. Was sie bisher erlebt hat und auch im Jahr 1917 zu erleiden hat, ist prägend für ihr weiteres Leben. Schaut man sich Fotos von Mopsa aus dieser Zeit an, dann fällt ihre tiefe Verletzlichkeit auf, die alles überstrahlt. Die sexuellen Übergriffe ihres Vaters bestimmen ihren Alltag. Es gibt keinen Fluchtpunkt. Es gibt keine Privatsphäre und ihre Mutter Thea verschließt die Augen. Der einzige Mann, der sich nicht für sie interessiert und der nichts von ihr will, ist ein Gast im Hause ihrer Eltern. Gottfried Benn.

Abstoßend wirkt er und doch eilt ihm ein Ruf voraus, der die Frauenwelt seiner Zeit elektrisierte. Thea Sternheim erliegt der Faszination, himmelt den Dichter an und nimmt die Sorgen und verzweifelten Nöte der eigenen Tochter nicht wahr. Auch Mopsa verfällt dem grobschlächtigen Frauenarzt und Schriftsteller ohne sich erklären können, warum. Gottfried Benn ist unnahbar, abweisend und extrem gefühlskalt. Und doch entbrennt ein unsichtbarer Kampf zwischen Mutter und Tochter um einen Mann, der sich in der Rolle des angehimmelten Poeten mehr als gefällt.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

So beginnt 1917 eine Liebesgeschichte, die uns bis ins Jahr 1954 trägt. Einseitig und unerfüllt ist das Hoffen der jungen Mopsa. Eifersucht gegenüber ihrer Mutter Thea wird zur Triebfeder ihrer eigenen Triebe, die intellektuelle Verehrung für die Poesie des Wortmagiers übersteigt das Fassbare und mit zunehmendem Alter steigt das Maß der inneren Hörigkeit. Fortan ist es ein emotionaler Dämmerschlaf, der Mopsa einhüllt, wie das Leichentuch der Hoffnungslosigkeit. Die Weltgeschichte passt sich Mopsas Leben an. Was in der Depression des verlorenen Ersten Weltenbrandes beginnt, setzt sich in der menschenverachtenden Ideologie des Dritten Reiches fort.

Das Psychogramm Mopsa Sternheims ist so konturiert gezeichnet, dass man früh erkennen kann, wie sehr sie sich im eigenen Leben verstricken wird. Lea Singer führt uns beharrlich, drastisch und in eigenem Sprachrhythmus durch dieses zum Scheitern verurteilte Leben. Immer wieder scheint Mopsa kurz zu erwachen. Immer wieder stößt sie genau in diesen lichten Momenten jenseits der Drogen, der Gefühlskälte gegenüber anderen Männern und der Beziehungsunfähigkeit auf Gottfried Benn. Diese konstante Obsession führt sie in den Untergang.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit – Wenn Worte zu lebendigen Bildern werden (hier klicken)

Wo Mopsa Stabilität und Sicherheit sucht, wird sie bitter enttäuscht. Wo sie sich nur anlehnen möchte, trifft sie auf kalte Schultern und wo sie die letzte Chance wittert, Gottfried Benn ihre ewige Liebe zu gestehen, steht ihr die eigene Mutter erneut im Weg. Lea Singer skizziert kein Leben, sie zeichnet es und malt es aus. Wir gehen mit Mopsa in den politischen Widerstand gegen das Dritte Reich, werden mit ihr gefoltert und auch deportiert. Wir werden an ihrer Seite schwer traumatisiert aus Ravensbrück befreit und sagen mit ihr vor Gericht gegen die Täter aus. Doch immer, wenn wir hoffen, sie möge sich von Gottfried Benn lösen können, sehen wir, dass genau dieser Schritt unmöglich ist.

Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ hat eine ganz eigene Melodie, der man sich hingeben muss, wenn man Mopsa Sternheim kennenlernen möchte. Der Stil ihres Romans ist poetisch und verzaubernd, als würde die Autorin Traum und Alptraum mit Worten zu einer Geschichte verdichten. Gottfried Benns Gedichte bringen das Fass der überbordenden Gefühle zum Überlaufen, wenn Mopsa in ihnen nach sich selbst sucht. Ein faszinierender Künstlerroman, der in Konstruktion, Aussagekraft und Sprache hörig macht. Die Poesie der Hörigkeit wirkt wie eine Droge im Kampf gegen das Vergessen eines kleinen Mädchens, dem der eigene Vater die Sicherheit der Gefühle genommen hatte. Ein Verlust, den Mopsa nie wieder kompensieren konnte.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer im Dialog mit Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten. Nur trug Mopsa einen weiteren Dämon in sich: Den Dichter Gottfried Benn, den Folterknecht und Henkersmeister ihres hilfesuchenden Lebens.

Auch Constanze Matthes hat Ihren Blog Zeichen und Zeiten in hellHörigkeit versetzt.