„Der Mann im Leuchtturm“ von Erik Valeur

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch.
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Schönere Worte lassen sich kaum finden, wenn es darum geht, Leuchttürme zu beschreiben. Kontinuität, lebenswichtige Wegweiser und Orientierungshilfen. Einfach Fixpunkte, die in stürmischen Zeiten dafür sorgen, dass man das tosende Meer wieder hinter sich lassen kann um in den sicheren Hafen einzulaufen. Mein Leuchtturmlesen steht als kontinuierliches Projekt genau für diese Stabilität in unruhigen Zeiten. Ich lebe gerne für eine bestimmte Zeit auf einem Leuchtturm und lasse die Stürme an den Ufern meiner kleinen Leseinsel anbranden. Und da ich stets auf der Suche nach Büchern bin, die sich diesen ewigen Lichtzeichen verschreiben, darf es auch nicht überraschen, den aktuellen Roman von Erik ValeurDer Mann im Leuchtturm“ hier zu finden. 

Ich habe Leuchttürme in der Literatur in ihrer metaphorischen Ebene immer auch als Rückzugsgebiete für diejenigen empfunden, die hier leben, das Leuchtfeuer am Leben halten und anderen auf hoher See durch die Signale Halt geben. Ein einsames und zurückgezogenes Leben im engen Rund eines Außenpostens der Menschheit. Ich liebe die Vorstellung, während des Lesens selbst zum Leuchtturmwärter zu werden, in jeder Beziehung der Hektik des Alltags zu entfliehen und doch eine sinnvolle Aufgabe erfüllen zu dürfen. Und ich liebe gute Geschichten, die sich um diese Fixpunkte ranken.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Nicht umsonst hat Erik Valeur den Schauplatz seines aktuellen Krimis auf einem Leuchtturm angesiedelt. Er vereint die Abgeschiedenheit des Protagonisten mit allen szenischen Aspekten, die man von einem Skandinavien-Roman erwarten darf. Er lässt seine Leser in der Einsamkeit der Küste Dänemarks auf einen seltsamen Kauz stoßen, der sich für sein Eremiten-Leben einen Leuchtturm ausgesucht hat. Viggo Larssen ist nicht leicht zu fassen, seine Tage verlaufen geruhsam und geregelt. Er ist der einsame Leser auf einer Bank vor dem Leuchtturm auf der Insel Røsnæs. Was sich nur langsam entwickelt, ist ein vielschichtiges Mosaik, das zu keinem Zeitpunkt ahnen lässt, welches Bild die einzelnen Steine am Ende ergeben werden.

Ebenso, wie man sukzessive Details aus Viggos Vergangenheit erfährt, erlebt man im entfernten Kopenhagen das Verschwinden einer alten Dame aus einem Pflegeheim. Nichts verbindet den Leuchtturm mit der Hauptstadt und doch spürt man, dass hier alle Fäden zusammenlaufen werden. Die Frau bleibt verschwunden. Spurlos. Lösegeld wird nicht gefordert, was bei einer Entführung zu erwarten wäre. Denn, dass ein Verbrechen hinter ihrem Verschwinden steckt, muss man ja vermuten. Schließlich ist sie die Mutter der beiden mächtigsten dänischen Politiker. Palle und Poul Blegman. Während man im Trüben fischt bei der Polizei, die Presse immer lauter die Unfähigkeit der Ermittler in die Welt schreit, dreht Erik Valeur sein Kaleidoskop aus Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Erinnerungsfetzen so lange, bis wir Zusammenhänge erkennen.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Die Mosaiksteinchen, die wir nun berühren tragen die Aufschrift Schuld, Verlust, Vergangenheit und Scham. Sie deuten auf eine Vielzahl von Katastrophen hin, die im Leben von Viggo Larssen um sich gegriffen haben. Katastrophen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der hier versucht, dem Unfassbaren auf die Spur zukommen. Dass der Leuchtturm nicht zum Refugium seiner letzten Lebensphase wird, erkennt er sofort, als er vom Verschwinden der alten Frau Blegmann erfährt. Wer an dieser Stelle denkt, es mit einem normalen sachlich/faktisch aufgebauten Krimi zu tun zu haben, der sieht sich schnell getäuscht. Valeur platziert mit Malin eine mysteriöse Frau ins Herz des Buches und macht sie zu den Augen und Ohren seiner Leser. Sie folgt scheinbar einer Mission. Sie taucht plötzlich an der Küste auf. Sie beobachtet Viggo Larssen, bricht bei ihm ein und liest für uns in den Zeugnissen seiner Vergangenheit und den Briefen, mit denen er versucht, in dieser schweren Situation seine Dämonen zu beherrschen.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Selten habe ich so lange drüber gerätselt, in welche Richtung sich die Handlung des Romans entwickeln würde. Zu viele falsche Fährten sind gelegt. Zu viele Andeutungen verleiten dazu, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Dabei ist es so klar. Es ist so augenscheinlich und doch so gut verborgen. Ein gelbes Stück Plastik, ein Vogelkäfig und ein altes Exemplar von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, ein Friedhof und Verbrechen, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. All diese Mosaiksteine in meiner Hand sah ich deutlich vor mir. Nur ganz am Ende war es möglich, sie zu einem schlüssigen Bild zu formen, das keine Fragen offenließ. Es lohnt sich, an die dänische Küste zu reisen. Es lohnt sich, im Leuchtturm einzuziehen und die dichte Atmosphäre eines spannenden Romans aufzusaugen.

Ein Roman, der sich aus meiner Sicht nicht als Thriller oder Krimi greifen lässt, weil Erik Valeur der Rezeptur dieses Spannungsmenüs ein paar Zutaten beigibt, die ich nicht erwartet hätte. Nennen wir es mystische Vorahnung, Verheißung oder Traum. Die Offenbarungen aller Geheimnisse aus der Vergangenheit mögen mysteriös wirken, in Wirklichkeit jedoch gehen sie Hand in Hand mit Malin, die diesen Roman auf eine ganz besondere Ebene hebt. Hier mündet alte Schuld nicht in ziellose Rache. Es gibt keinen Gewinner in „Der Mann im Leuchtturm“. Nur uns. Die Leser.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Vielleicht legt ihr die „Wächter der See“ neben diesen Roman. Hier könnt ihr euch den passenden Leuchtturm aussuchen, einziehen und die Gedanken schweifen lassen. Kein Leuchtturmlesen ohne dieses Standardwerk.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

„Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen,
aber ein großer Sprung für die Menschheit
!“

Der Adler war gelandet und mit diesen salbungsvollen Worten verließ Neil Armstrong am 21. Juli 1969 die Landefähre und betrat als erster Mensch die Mondoberfläche. Ich saß gebannt vor dem Fernseher, bewunderte die verwaschenen schwarzweißen Bilder und konnte vor Aufregung kaum mehr schlafen. Der ersten Mondlandung waren einige Apollo-Missionen vorangegangen. Testflüge, Annäherungen, Fast-Landungen und eine finale Mission mit dem Namen „Apollo 11“. Dass diese komplexe Expedition ins All im Jahr 2019, also passend zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung sinnbildlich für die Struktur eines sinnlichen Romans stehen würde, hätte man sicher nicht gedacht.

Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk ist nun mit Sicherheit kein Raumfahrt- oder Mondlandungsroman. Beileibe nicht. Wobei man bei genauer Betrachtung denken muss, dass sich der Autor sehr gut überlegt hat, welches historisches Szenario er dem Roman zur Seite gestellt hat, um ihn mit entsprechender Schubkraft zu versorgen. Wir befinden uns im Kölner Vorland. Wir befinden uns im Jahr 1969 und wir befinden uns in einer Zeit der klar definierten mittelständischen Frauenbilder. Heim und Herd sind hier die wesentlichen Bestimmungsgrößen für den Alltag der von ihren Ehemännern perfekt versorgten und gehegten Ehefrauen. Die damalige Job-Description war recht simpel. In jeder Beziehung verlässlich, treusorgend und gute Mutter. Reicht aus.

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Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Zumindest im Kölner Umland änderte sich wenig, auch wenn die ganze Welt gerade einen Wandel durchlebte. Die Familie Ahrens ist hier sicher ein gutes Beispiel. Sie sind es, denen wir in diesem Sommer begegnen. Konservativ, finanziell abgesichert und im besten Sinne eine ganz normale Familie – zumindest was man damals unter „im besten Sinne“ verstehen konnte. Alles läuft (wie gleichzeitig bei einer Weltraummission) in sehr geregelten Bahnen. Vater Walter bringt das Geld nach Hause, Mutter Eva versorgt ihre Lieben und der elfjährige Tobias (zugleich auch der Ich-Erzähler des Romans) fiebert in freudiger Erwartung der Mondlandung entgegen. Ein behütetes Elternhaus, mehr kann man sich kaum wünschen.

Ulrich Woelk bringt diesen kleinen Kosmos gehörig durcheinander. Dazu benötigt er in seinem atmosphärischen Erzählraum nur neue Nachbarn, die so anders sind, wie man es nur sein kann. Zumindest neben der Familie Ahrens. So wie der Mond sich von der guten Erde unterscheidet, so sehr wirkt sich die Anziehungskraft der Leinhards auf ihre neuen Nachbarn aus. Und diese Leinhards bringen Schwung in den Laden. Auf der einen Seite Kommunisten, andererseits aber auch Verfechter einer eher schwerelosen Leichtigkeit, in der selbst die berufstätige Uschi Leinhard ihren Lebensinhalt findet. Hier prallen Welten aufeinander, während sich zeitgleich die Welt auf den Mond zubewegt.

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Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Wie die Landekapsel an der Spitze der Weltraumrakete, schlägt Rosa, die Tochter der Leinhards, im Leben von Tobias auf. Und nicht nur das. Sie erobert den Jungen mit Haut und Haaren, verkörpert die erste ungezielte Leidenschaft des Jungen und wird zu seiner allerersten großen Liebe. Landung geglückt. Planet Tobias in erobert. Wie er das aus seiner Warte erzählt, ist pubertierend herrlich naiv und von allem Glück und der Verwirrung eines Heranwachsenden geprägt. Tobias Welt gerät in jeglicher Hinsicht ins Wanken. Womit er jedoch niemals gerechnet hätte, sind die Veränderung, die er an der eigenen Mutter wahrnimmt. Eva eignet sich das Motto der ersten Mondlandung an und startet durch.

Per aspera ad astra – Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen. In ihrer neuen Nachbarin Uschi erkennt sie, was sie selbst hätte werden können, wenn sie in der Lage wäre, sich von ihrer Trägerrakete abzukoppeln. Durch Uschi werden Sehnsüchte wach, die bisher unter der Decke der treusorgenden Ehefrau und Mutter verborgen waren. Im schwülen und dunstigen Sommer entdeckt sie neue Seiten an sich selbst. Wie in einer Weltraummission stabilisiert sich zuerst die Flugbahn, Annäherungen werden geprobt, Testläufe gemacht und die Fühler in neue Welten ausgestreckt. Doch was im Juli 1969 auf der Mondoberfläche gelingt, droht bei Eva zu scheitern. Nur darf sie auf keinen Fall „Houston, wir haben ein Problem“ rufen. Der Skandal wäre zu groß. Undenkbar, was ihr da widerfährt. Während alle in den Himmel starren, durchlebt sie, was aus Sicht von Tobias als „Der Sommer meiner Mutter“ in die Familiengeschichte eingeht und seine Welt für immer verändert. Mehr als Rosa, mehr als die Mondlandung und mehr als alles Vorstellbare.

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Ich habe diese Zeit gut in Erinnerung. Mein Familienbild stimmt weitgehend mit jener Lebensweise der Ahrens überein. Ich konnte mich gut in Tobias hineindenken. Was er damals erlebte, war Initialzündung und Rohrkrepierer zugleich. Eine Zeit, in der man so schnell erwachsen wird, wie man es sich nicht vorstellen kann. Ulrich Woelk hat einen provinziellen, weltoffenen, erotischen und wissenschaftlichen Roman geschrieben. Der Mond steht für den Aufbruch. Die Landefähre für die Menschen und die Erde für alles, was man hinter sich lassen muss, wenn sich das Leben ändern soll. Ohne Opfer kann man den Fortschritt vergessen. Das Opfer, das dieser Roman kostet ist gigantisch.

Der Sommer meiner Mutter“, erschienen im Beck Verlag, entfaltet auch Sogwirkung, wenn man die Mondlandung nicht aus dem selbst Erlebten in Erinnerung hat. Mich hat die tiefe Charakterzeichnung der kleinen Rosa fasziniert. Ich wäre ihr im Jahr 1969 mit Haut und Haaren verfallen. Ich kann nur empfehlen, sich dem Countdown dieses guten Romans auszusetzen. Ein brillanter Mix aus Coming-of-Age- und Initiationsroman. Sowohl aus Sicht von Tobias, als auch aus der Perspektive seiner Mutter.

Drei.. Zwei… Eins… Zündung…

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Bleiben Sie doch noch ein wenig. Es gibt viel zu entdecken:

Sommer-Literatur bei AstroLibrium

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geht weiter
Der endlose Sommer“ – Ein Requiem von Madame Nielsen
Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ von Crystal Chan

Der Mond und das Leben bei AstroLibrium

Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

„Maria Stuart – Königin von Schottland“ in Buch und Film

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Saoirse Ronan. Mehr muss ich kaum sagen. Ihr Name rüttelte mich auf, als ich ihn auf der Besetzungsliste des Films „Maria Stuart. Königin von Schottland“ entdeckte, der in diesen Tagen leinwandfüllend unsere Kinos erobert. Die Schauspielerin, die mich mit ihrer Darstellung in der Literaturverfilmung „Brooklyn“ fast umgehauen hat, und die mit ihrem Können (Abbitte, Lady Bird) für Aufsehen und drei Oscarnominierungen sorgte, spielte sich mit ihrer scheinbaren jugendlichen Unbekümmertheit in mein Herz. Sie jetzt als „Maria Stuart“ im Kino zu sehen, machte mich nachdenklich. Vielleicht ist sie perfekt geeignet für diese Rolle, weil sie ebenso alt ist, wie das historische Vorbild. Im Alter von 25 Jahren entschied sich auch das Schicksal von Maria Stuart. Zumindest wurden erste unumkehrbare Entwicklungen eingeleitet, die zwangsläufig auf dem Schafott endeten.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland mit Saoirse Ronan

Saoirse Ronan folgt nun auf der Leinwand vielen Schauspielerinnen, die in dieser Rolle ihren Kopf verloren haben. Vanessa Redgrave und Camille Rutherford seien hier nur beispielhaft für jene Vertreterinnen ihrer Zunft genannt, die Maria verkörperten. Im weiten Feld der Literatur hat die schottische Königin ebenso viele Spuren hinterlassen. Friedrich Schiller widmete ihr eines seiner bedeutendsten Dramen und lieferte damit die Steilvorlage für die spätere Auseinandersetzung mit dem historischen Stoff. Ich bin Maria Stuart in vielen historischen Romanen begegnet, habe einige Male mit ihr Intrige um Intrige überstanden und sah sie dann doch am Ende ihres Weges kopflos scheitern. Margaret George hat sowohl dem Verursacher des gesamten Dramas „Heinrich VIII“, als auch „Maria Stuart“ selbst epische biografische Romane gewidmet. Brillant erzählt, fundiert recherchiert und als Standardwerke meiner historisch geprägten Bibliothek fast unverzichtbar…

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

So ist man historisch bestens gerüstet, wenn einem die rothaarige Schönheit im späteren Lesen über den Weg läuft. Hier jedoch oftmals in Nebenrollen, da allein die Erwähnung ihres Namens sinnbildlich für einen Thronfolgestreit und Religionskriege im England des 16. Jahrhunderts steht. Hier konnte man wunderbare Intrigen spinnen, ein paar gewiefte Spione erfinden und Protagonisten einflechten ohne weit auszuholen, da ihr Schicksal als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Maria Stuart ist die Titanic des Elisabethanischen Zeitalters. So erahnen wir sie ganz am Rand der Handlung von Mac P. Lornes Der Pirat über Sir Frances Drake und erleben sie ausgiebig in Ken FollettsDas Fundament der Ewigkeit“. Nun lebt Maria Stuart wieder auf und drängt aus ihrer Rolle der literarischen Statistin wieder in den Vordergrund. Und das in einem opulenten Historienspektakel in Starbesetzung. Und das heute. In einer Zeit, in der die historische Genauigkeit immer mehr verlorengeht und komplexe Zusammenhänge eine dramatisch zunehmende Simplifizierung erfahren.

Nicht mit mir. Also, das habe ich mir zumindest vorgenommen. Ich mag mich nicht von Stars und Sternchen ablenken lassen. Mir reichen keine epischen Schlachtenbilder oder perfekt ausgestattete Settings. Ich will historisch verbriefte Spuren erkennen, in authentischen Rahmenbedingungen Dramen erleben, die nicht dramaturgisch geschönt werden müssen, weil sie der eigentliche Urquell jeder Dramaturgie sind. Ich möchte im Film die Spurenelemente der Wahrheit finden, weil eine Adaption geschichtlicher Stoffe sehr schnell die historische Realität ablöst und zu Allgemeinbildung mutiert. Also Augen auf, wenn der Vorhang die Kinoleinwand freigibt und jedes Popcorn-Rascheln für einen kleinen Moment verstummt. Am Ende der Vorschauen und der Werbungen geht es nun um mehr. Um ein kleines Maß an Verantwortung der Geschichte gegenüber.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Was möchte ich im Film wiederfinden? Was kann der Film nicht leisten? Wo stößt er an seine Grenzen? Was ist unverzichtbar? Keine einfachen Fragen und sicher keine eindimensionalen Antworten. Ich erwarte keine genealogischen Abhandlungen über die Stammbäume des englischen Königshauses zur Tudor-Zeit. Das versteht man sowieso nur, wenn man einen Stammbaum vor sich liegen hat und hochkonzentriert Linien zieht. Nein. Das erwarte ich gar nicht. Maria Stuart und Elisabeth I. sind über verschlungene Wege miteinander verwandt. Maria Stuart ist die Tochter von Elisabeths Cousin. Sie als Schwestern oder Halbschwestern zu bezeichnen geschieht häufig, ist aber grundfalsch. Entfernt verwandt, aber blutsverwandt. Das muss reichen. 

Ich erwarte auch nicht, dass sämtliche Thronfolgefragen nach Heinrich VIII. lückenlos vermittelt werden. Auch das versteht man nur im Selbststudium. Ein König, der sich in schneller Serie seiner Ehefrauen entledigt, um endlich einen männlichen Stammhalter zeugen zu können, der die Religion seines Landes von der katholischen Kirche trennt, um dies zu legitimieren, verursacht Verwerfungen in der Thronfolge, die Generationen von Wissenschaftlern beschäftigten. Ich erwarte, dass man im Film erfährt, wie sehr an der Rechtmäßigkeit der Thronfolge durch Elisabeth I. gezweifelt werden durfte. Formal war alles in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass sie die Tochter von Anne Boleyn und Heinrich VIII. war. Der ließ sich von seiner Frau scheiden und sie gleich auch noch im Kerker schmachten und hinrichten. Tja. Und sie war eben seine zweite Frau. Damit war aus Sicht des Papstes die Tochter illegitim und durfte nicht Königin werden. Deshalb ja auch die Abspaltung von der katholischen Kirche und alles war gut… Thronfolge- und Religionsstreit gingen fortan Hand in Hand.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Verstanden? Nein? Nicht schlimm… Elisabeth I. war umstritten. Maria Stuart war nun zum gleichen Zeitpunkt völlig unbefleckt, was die Thronfolge anging. Katholisch in jeder Beziehung, von direkter Abstammung und als direkte Nachfahrin der Schwester von Heinrich VIII. über alle Zweifel erhaben. Und damit ein Dorn im Auge der lieblichen Elisabeth I. Konfliktpotenzial war also ausreichend vorhanden. Berater walteten ihres Amtes und Intrigen hatten den besten Nährboden. Maria Stuart sollte fortan Schottland gehören, Elisabeth England. Wäre zu einfach gewesen. Sie erkannten ihre Ansprüche nicht an und schon konnte der epischste Zickenkrieg beginnen, den der englische Adel jemals erlebt hat. Hier betreten wir die Bühnen der großen Theater und Kinos. Hier wird es spannend. Hier beherrschen zwei junge Frauen in besonderen Zeiten die Szenerie und lassen nichts aus, um die Konkurrentin direkt oder indirekt zu Fall zu bringen. Eine Spur dieser Realität möchte ich in den Romanen und Filmen wiederfinden. Man darf es vereinfachen. Keine Frage. Aber verfälschen sollte man es nicht, weil nur ein falscher Faden die gesamte komplexe Geschichte ins Wanken bringen würde. Nichts ist so gut, wie die wahre Geschichte. Und sie lässt trotzdem noch ausreichend Freiraum für reine Fiktion… Wohlan. Vorhang auf.

Der Kern muss schmelzen. Der Ur-Konflikt um die Macht muss spürbar sein und der unglaubliche Druck, der auf zwei jungen Frauen lastet, sollte das Schauspiel hier prägen. Hier können Charaktere geformt, Stempel aufgedrückt und Interpretationen für Furore sorgen. Hier beginnt, was William Shakespeare als das wahrlich große Theater betrachtete. Sind wir in der Situation angekommen, dann lassen wir uns aufsaugen und verzaubern. Hier, und erst hier beginnt der Wirkungsgrad einer Schauspielerin. Hier ist sie gefragt. Hier brilliert sie oder sie scheitert und man kauft ihr die Rolle nicht ab. Hier wird sie zu Maria Stuart und wie Esther Schweins mir mal in einem Interview über die wahre Qualität einer schauspielerischen Leistung offenbarte:

Ich versuche in dem was ich tue, den Rahmen nicht zu verlassen, sondern kann eine Emotion tragen lassen und weiß, dass ich nicht das „Gesetz breche“. Maria Stuart soll nicht auf der Bühne weinen. Das Publikum soll unten weinen!

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Scala – Kino & Lounge, Fürstenfeldbruck, ein trister Samstagabend in meinem edlen Hometown-Cinema, in dem ich seit Jahren alle Hochs und Tiefs meiner cineastischen Leidenschaft erleben durfte. Groß angekündigt. Kleiner Saal. Großes Publikum. Maria Stuart – Der Name zieht an. Ebenso, wie der Cast zu begeistern weiß. Saoirse Ronan, Margot Robbie und David Tennant. Klangvolle Namen für einen klangvollen Film, dem Max Richter (Hostiles, Werk ohne Autor, Taboo) die Filmmusik widmete. Großes Kino. Aber war es das wirklich? Zumindest hatten die Vorschauen ein sehr heterogenes und vielschichtiges Publikum angezogen. Schwer miteinander in Einklang zu bringen.

Die Filmrezension

Überraschend. So lautet das Fazit. Man spürt in jeder Filmszene, dass Josie Rourke eigentlich Theaterregisseurin ist. Dieser Film leistet sich historischen Hintergrund und politische Lehrstunde zugleich. Eine Geschichtsstunde, die sich am realen Geschehen orientiert und nicht mit platten Allgemeinplätzen daherkommt. Und dabei überzeugt der Film mit atemberaubenden Bildern, einer Farbkomposition, die den Schauspielerinnen einen unglaublichen Glanz verleiht und einer Filmmusik, die den historischen Charakter dieser Produktion hervorhebt. So entsteht ein visueller Erzählraum, den zwei mehr als brillante Hauptdarstellerinnen zu wahren Charakterstudien der realen Vorbilder nutzen. Saoirse Ronan wirkt zerbrechlich, erotisch, bestimmt und verzweifelt. Sie spielt um ihr Leben, wie Marie Stuart versuchte, ihre Macht auszudehnen.

Margot Robbie überzeugt durch den Mut zur Hässlichkeit, weil sie geschminkt bis zur Unkenntlichkeit der ungeschminkten Wahrheit der Erkrankung von Elisabeth tief ins Auge blickt. Ferngesteuert vom jeweiligen Hofstaat und als Frauen eigentlich nur als die Schachfiguren auf dem Spielfeld der Macht gesehen, brillieren beide Schauspielerinnen mit der Vehemenz, mit der sich beide gegen die männlichen Ratgeber durchsetzen und behaupten wollen. So schlägt ein Thema den Bogen ins Jetzt. Hier stehen keine naiven Quotenfrauen auf der Weltbühne. Was damals Diplomatie war, sind heute Fake-News. Lügengeflechte, Verleumdungen und Intrigen werden im Film so greifbar, als würde es sich um einen heutigen Fall von Königinnen-Mobbing handeln. Ein Kampf, der niemals zum gemeinsamen Kampf wurde.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Saoirse ronan - astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Brillante Schauspielerinnen, plausibles historisches Setting und die Atmosphäre des ganz großen Kinos machen diesen Film zum Erlebnis. Und nein, Maria Stuart hat auf der Bühne nicht geweint. Das überlässt Saoirse Ronan den Zuschauern, die ja schon vom ersten Moment an ahnen, wie der Film endet. Und doch gelingt es ihr, dem Ende ihren Stempel aufzudrücken. Episch, authentisch, fesselnd und perfekt. Das hatte ich nicht unbedingt so erwartet. Die finale Begegnung der Rivalinnen (auch wenn es nie bewiesen werden konnte, ob sie sich jemals begegneten) gehört zu den Highlights des Films, weil sie nur so stattgefunden haben kann. Ich kann nur empfehlen, sich auf eine historische Reise zu begeben, die man in dieser Art und Weise selten im Kino erlebt.

Ganz nebenbei und doch aufsehenerregend setzt der Film ein Zeichen! Wurden doch in einer Zeit, in der die „Whitewashing„-Diskussion Hollywood beherrscht, einige wichtige Rollen mit dunkelhäutigen und asiatischen Akteuren besetzt. In dieser Dichte fand man diese Exoten sicher nicht an den Königshöfen Schottlands und Englands vor. Die Branche zuckt zusammen, weil hier aufgezeigt wird, dass Hautfarbe und Herkunft selbst in einem historischen Filmspektakel nicht über der schauspielerischen Leistung stehen. Eine wichtige Botschaft, die mit filmischen Mitteln Gleichberechtigung fordert.

Auch, wenn sich die deutsche Film-Promotion wirklich Mühe gegeben hat, Fehler zu machen, sollte man sich vom wahren Wert des Films selbst überzeugen. Hier wurde in der Hochglanz-Broschüre davon berichtet, Schottland sei von Elisabeth regiert, was im Film gottlob und historisch richtig niemals so behauptet wurde. Allein dieser Satz ist allerdings geeignet, kritische Leser zu verprellen. Auch der deutsche Titel greift an der Absicht vorbei, Maria als die legendäre Figur eines Volkes zu beschreiben. „Queen of Scots“ meint nicht Königin von Schottland. Gemeint ist die ewige Königin des Herzens. Letztlich ist Filmwerbung wie ein schlechter Klappentext und der Titel nur Überschrift für einen komplexen Verkaufsprozess. Wir sollten da nicht den Kopf verlieren. Überlassen wir das doch lieber Maria Stuart. Sehenswert… 

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film –

„Serotonin“ – Michel Houellebecq provoziert meine Sinne

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die bei Captorix am häufigsten zu beobachtenden unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz.
Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er ein Buch geschrieben hat. Die Rede ist von Michel Houellebecq. Es ist vulgär, wird man sagen. Es ist absolut brillant, wird man schreiben. Es ist der Abgesang eines abgehalfterten Autors in der größten Krise seines Lebens, wird man titeln. Und all das, weil er einen Roman geschrieben hat. (Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn)

Serotonin von Michel Houellebecq - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq – Die Rezension fürs Ohr

Michel Houellebecq. Der ständig polarisierende und durch die zerrissene französische Gesellschaft mäandernde Intellektuelle provoziert sich mit „Serotonin“ erneut ins Herz aller Diskussionen. Hatte er zuletzt mit „Unterwerfung“ die politischen Kontroversen in seinem Heimatland mit einem islamhaltigen Brandbeschleuniger zum Kochen gebracht, so ist es nun die depressive und libidinöse Abrechnung eines Mitvierzigers, der in einer frauenverachtenden Rückschau auf sein bisheriges verkorkstes Leben zum Entschluss kommt, nur noch der finale Ausstieg wäre der geeignete Schlussstrich unter ein Kapitel, das ausschließlich durch die Höhe des Serotoninspiegels beherrschbar war.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Wir begegnen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt, erfolgreicher Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium und depressiv. Diese jungen Mädchen“ sind Auslöser der wohl größten Krise seines bisherigen Lebens und gleichzeitig Stoppschilder seiner den Alltag bestimmenden Lust auf Sex. „Diese jungen Mädchen“ sind es, denen er zur Seite steht, denen er hilft einen Reifen zu wechseln und bei denen er gleichzeitig sieht, dass er sich darüber hinaus NICHTS mehr von ihnen zu versprechen hat. Er, der schon seit geraumer Zeit, zur Bekämpfung anhaltender Depressionen, unter dem Einfluss von Captorix steht, hat jegliche Standfestigkeit in Bezug auf seine Männlichkeit verloren. Er leidet unter der Perspektivlosigkeit, wohl nie wieder eine Frau ins Bett zu bekommen.

Und das passiert ausgerechnet IHM. Dann schöpft er rückblickend aus dem Vollem seiner erotischen Erinnerungen, seiner Experimente, seiner Unfähigkeit Sex und Liebe miteinander in Einklang zu bringen. Hier sieht er sich plötzlich auf den Trümmern seiner Existenz, die sich in materieller Hinsicht eigentlich auf der Habenseite befindet. Es liest sich nur mit Schaudern, was Florent-Claude über die Frauen schreibt, mit denen er sich bisher auf welche Art und Weise, wo und wie auch immer gepaart hat. Sein Frauenbild ist menschenverachtend, oberflächlich und sprachlich vulgär katastrophal. Hier liegt der Schlüssel für den letzten Bilanzstrich des pornografischen Buchhalters seiner selbst.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Reißleine, Ausstieg, Flucht und die Sorge, zumindest immer ein Raucherzimmer in den Hotels auf seiner finalen Reise zu finden, werden zu den Bestimmungsgrößen des Schlussakkords, den Houellebecq so komponiert, dass man im Fluss der „sentimental journey“ seines Protagonisten nicht mehr aus dem Lesen hinauskommt. Erst ganz am Boden liegend, sich von aller Oberflächlichkeit befreiend, wird die Sehnsucht in Florent-Claude wach, an die Orte seines emotionalen Scheiterns zurückzukehren und sich der Frau anzunähern, die er vermisst, seitdem er sie schändlich betrogen und verloren hat. Klarsichtig und unverfälscht verläuft die Analyse des Scheiterns. Schonungslos betreibt der Aussteiger die Jagd nach seinem früheren Ich. Hotels werden zu seinem Zuhause.

Wir erleben nicht das strahlend schöne und wildromantische Frankreich, das wir uns so gerne vorstellen. Wir befinden uns nicht im Paris der Touristen und Lichter. Wir sind im Herzen der „Grande Nation“ angekommen, in der Gelbwesten ohne Westen auf Polizisten losgehen und sich todesmutig für eine bessere Zukunft aufopfern. Wir sind in dem Frankreich angekommen, in dem Virginie Despentes ihren Vernon Subutex zum vagabundierenden Obdachlosen und Grenzgänger zwischen sozialen Schichten macht, in dem Leïla Slimani literarischen Kindsmord betreibt und sich der Hass eines Antoine Leiris nicht haben lässt. Es ist das Paris einer Delphine de Vigan, die schon lange die Loyalität gegenüber der malerischen Kulisse an den Nagel gehängt hat. Es ist die Tour de France eines kettenrauchenden Bestsellerautors, der polarisierend provozierend die Werte herausarbeitet, die sein Florent-Claude mit Füßen getreten hat.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.

Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit ich Michel Houellebecq auf diesem Höllenritt folgen wollte. Sein Roman „Serotonin“ hat mich mit verstörenden Sequenzen oftmals zu sehr abgeschreckt. Ich habe mich dem Protagonisten in seinem Menschenbild kaum annähern können. Und doch verspürte ich von der ersten Seite an, dass ich zum Opfer eines literarischen Spiels werden sollte. Ich las weiter, mein Serotoninspiegel stieg, ich war in der Lage, verstörende Bilder zu verkraften und in den Kern des Wesens dieses Romans vorzustoßen, den ich nicht mehr erwartet hatte. Es ist die Tristesse, die man hinter sich lassen muss, um verlorene Werte zu erkennen. Es ist die hässliche Fratze, die man im Spiegel sieht, die es zu zerschlagen gilt, um einen Weg zu finden, der nicht mehr auf der Landkarte des Lebens verzeichnet ist.

Wenn alle Masken fallen und alle Fehler der Vergangenheit offenkundig werden, erst dann ist man soweit, am Ende der Bilanzierung eine Entscheidung zu treffen. Erst dann erschließt sich das eigene Leben für jene Menschen, die uns so gerne begleiten würden. Erst dann ist eine letzte Diagnose möglich. „Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“ Ich bin auf eure Meinung zu Serotonin sehr gespannt. Ein Roman, der nach Disput schreit, zur Diskussion anregt und polarisiert. In jeder Beziehung echte Literatur, weil die Oberfläche sich niemals kräuseln würde. Tiefe erzeugt Stürme. Nur sie…

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Können wir uns auf etwas einigen? Können wir uns der rein inhaltlichen Seite eines Romans zuwenden und die Optik der Covergestaltung und den Titel beiseitelassen? In dieser Buchpräsentation habe ich mir zum Ziel gesetzt, einen Roman für Lesergruppen zugänglich zu machen, die ihn aufgrund seines Layouts und des Titels vielleicht nicht in ihre Hände nehmen würden. Es handelt sich hierbei keineswegs um ein bloßes Gefühl oder eine Vermutung. Die Annahme basiert auf Gesprächen mit Buchhändlern und den klaren Fragen an die Lesergruppe, an der das Buch deutlich vorbeirauscht. Ich spreche hier von Männern. Beziehungsweise von Lesern, die ständig auf der Suche nach einem Buch sind, das starke männliche Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, an denen man sich reiben und mit denen man sich identifizieren kann. Romane für große Jungs eben.

Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale tauchte vor einigen Wochen als wahrer Eye-Catcher in den Buchhandlungen auf. Ein lieblicher Titel in einer Zeit, in der man tiefenentspannt auf das Weihnachtsfest zurauschte. Dazu ein Klappentext, der ein junges Mädchen in den Mittelpunkt stellt, dessen verzweifelte Lage sie in einen der wundervollsten Spielzeugtempel von London führt. Sie ist ungewollt schwanger, erst 15 Jahre alt und wir schreiben das Jahr 1906. Skandal. Cathy katapultiert ihr Schicksal an den Rand einer konservativen Gesellschaft. Einziger Ausweg: Eine Zeitungsannonce.

»Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Dann sind Sie bei uns richtig. Keine Erfahrung erforderlich. Kost und Logis inbegriffen. Willkommen bei Londons größtem Spielwarenhändler.
Papa Jacks Emporium«

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Hier trifft sie nicht nur auf Zinnsoldaten, Pappmaché-Bäume und fröhliche Vögel, sondern auf Papa Jack, den Besitzer des Emporiums und seine beiden Söhne Kaspar und Emil, die nicht nur um Zukunft des Spielzeugladens rivalisieren, sondern auch um die Zuneigung des schutzbedürftigen Mädchens. Hach. Klingt das romantisch. Und um diesen ersten Eindruck zu unterstreichen lässt man auf dem wundervollen Cover noch eine Ballerina mit auffälligem roten Tütü durch die Szenerie tanzen. Und nun stelle ich mir angesichts der bisher geschilderten offensichtlichen Verkaufsargumente für dieses Buch die Frage, welcher männliche Leser ab einem Alter von 16 Jahren hier zugreifen würde, weil er glaubt gefunden zu haben, wonach sein Abenteurerherz sucht? Keiner!

UND DAS – GENAU DAS – IST DER GRÖSSTE JAMMER DES LESEJAHRES. Hier wird in Design, Titelvergabe und Klappentext eine Zielgruppe für den Roman generiert, die sich sicherlich lesend sehr wohlfühlt in dieser fulminanten Geschichte. Andererseits schließt man jedoch mit genau diesen Äußerlichkeiten eine Zielgruppe aus, für die das Buch eine literarische Goldgrube wäre. Ich habe tief in dieser Grube geschürft. Ich bin der Zeitungsannonce gefolgt und habe mir das Originalcover und den originalen Titel ganz genau zu Gemüte geführt. Ein Spielzeugsoldat ersetzt hier bei „The Toymakers“ die zarte Ballerina und wird im ersten Augenschein der Handlung des Romans gerecht. Wir haben es hier nämlich mit einem Roman zu tun, der alle Maßstäbe sprengt und im Kern seiner Erzählebenen Magisches, Romantisches, aber eben auch zutiefst brutales Kriegerisches zu einem Kosmos vereint, in dem eine Ballerina fehl am Platz ist.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Womit wir es hier nämlich zu tun haben, ist einer der facettenreichsten Romane, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Ein Spielzeugladen, der magischer ist, als es erlaubt sein sollte. Eine Spielzeugmacherdynastie, deren Wunden aus einer verzweifelten Vergangenheit voller Verfolgung und Ausgrenzung durch die Macht der Fantasie geheilt wurden. Spielzeugarmeen, die seit Jahren im „Großen Krieg“ Schlacht um Schlacht miteinander austragen. Ein kaiserlicher Rittmeister, der als Prototyp der automatisierten Holzsoldaten den Rahmen des Vorstellbaren sprengt. Zwei Jungs, die miteinander konkurrieren und im Ergebnis die magischsten Spielsachen erfinden, ohne jedoch die Genialität ihres Vaters zu erreichen. Eine Philosophie, die uns Leser wieder zu Kindern werden lässt, weil nur diese unbefangene Perspektive das Leben rettet.

Liebe, Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Verzweiflung. Ein steter Kampf der Gefühle und eine junge Frau, die als ruhender Pol das gesamte Emporium beseelt. Und ein Drama, das sich schnell abzuzeichnen droht und in der Lage ist, die heile Welt für immer zu zerstören. Der Erste Weltkrieg fordert seine Opfer. Der Krieg verändert im Herzen der Menschen auch die Existenzberechtigung des Emporiums. Robert Dinsdale erreicht in seinem Erzählraum Weltkrieg eine Dimension, die man eher in Tagebüchern von Weltkriegsveteranen vermutet hätte. Gaskrieg, Traumatisierungen, die Diskrepanz zwischen dem, was man seinen Lieben zuhause anvertraut und dem echten Schrecken des Gemetzels und nicht zuletzt, die lebenslangen Folgen des Überlebens für den, der als einziger seiner Freunde zurückkehrt. Brillant, meisterhaft und voller Tiefgang.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Eingebettet in die magische Welt des Emporiums spielt Robert Dinsdale hier mit den Elementen seines zauberhaften Fantasy-Dystopie-Historienspektakels. Dort, wo man Reales erwartet, schlägt die pure Magie zu, dort wachsen Bäume aus Papier in den Himmel und Kisten werden zu Höhlen voller Geheimnisse. Da wird aus einem alten Buch das verzauberte Tagebuch eines Weltkriegssoldaten, der seine Erlebnisse quasi live nach London schicken kann. Distanz schrumpft, die Söhne des Spielzeugmachers bekriegen sich im Leben, in ihren Träumen und Gefühlen. Der „Große Krieg“ findet für die beiden Jungs kein Ende. Niemals. Der Kampf um Cathy dominiert ihr Leben. Leser finden in Emil und Kaspar herausragende Identifikationsfiguren im Roman.

Charaktere, in die man sich lesenslang hineinversetzen kann. Man kann mit Emil in London bleiben, darunter leiden kriegsuntauglich zu sein und darauf hoffen, dass Cathy ihn endlich erhört. Man kann mit Kaspar in den Krieg ziehen und dort die Schrecken an der Front erleben. Man kann beide nach dem Krieg erleben und mit ihnen hoffen, dass es ihnen gelingt, das Emporium in eine neue Zeit zu retten. Und atemlos kann man der Spur des kaiserlichen Rittmeisters folgen, der eine Spielzeugarmee zu der Bedrohung mutieren lässt, die dem Roman ihren Stempel aufprägt. Die Grenzen zwischen Realem und Fantastischen ist fließend in diesem Roman. Es geht hier nicht um kleine Wunder. Es geht um das große Ganze. Den ganz großen Konflikt. Um Liebe und Krieg. Dinsdale schreibt sich in eine Liga mit den ganz Großen der Weltliteratur.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Seine Beschreibung des Emporiums entspricht den Träumen eines Jules Verne. Die Magie der Spielzeugmacher wird jeden Fan von Harry Potter verzücken. Der Krieg dieses Buches ist in dieser Dimension bei Ernst Jünger spürbar. Und die tiefen Seelen einer Familienvergangenheit in Russland reichen an Tolstoi heran. Es wäre so schade, wenn dieses Buch nicht von allen Lesern entdeckt würde, die auf genau solche Bücher warten. Es wäre schade, diesen Roman auf eine Lovestory zu reduzieren. Es wäre für mich ein großer Verlust gewesen, wenn ich dem Cover und dem Titel alleine geglaubt und mich diesem Buchwunder verweigert hätte.

Vertraut mir, Jungs. Glaubt den herausragenden Rezensionen der Mädels. Es ist ein wundervolles Buch, das man ihnen ans Herz gelegt hat. Sie finden alles, was eine grandiose gefühlsbetonte und sehnsuchtsvolle Story zu bieten hat. Aber vertraut auch mir und wagt euch ins Emporium. Unverkitscht, psychologisch tief und im besten Sinne abenteuerlich wird Euch die Welt erscheinen, in die Ihr eintretet. Glaubt der Annonce in der Zeitung. Sie passt auch auf uns. Wir sind oftmals verloren, im Herzen ein Kind geblieben und ängstlich. Lasst uns „The Toymakers“ eine Chance geben. Vergesst die Ballerina. Zieht in den „Großen Krieg“ und rettet ein Mädchen und die letzten Reste einer Spielzeugwelt, die es nur in unserer Fantasie geben wird. Ihr werdet es niemals bereuen. Mein Wort drauf.

Und nicht nur meins… Siehe dazu Heikes Rezension bei Irve liest.

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