„Und es schmilzt“ von Lize Spit – Vorsicht vor diesem Buch

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah man unzählige Videos von Menschen, die sich Eiswürfel über den Kopf schütteten. Es war die Zeit der Ice Booket Challenge. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich es für absolut ausgeschlossen hielt, dass ich mich selbst einer solchen Herausforderung stellen würde. Dass ich jedoch eines Tages beim Lesen eines Romans an diese virale Online-Aktion denken würde, hätte ich auch nicht gedacht. Genau das jedoch ist mir nun passiert. Doch es kam dann ganz anders, als ich es mir gedacht habe.

Und es schmilzt“ von Lize Spit ist die Ice Book Challenge unserer Tage. Leser in Deutschland und Holland überschütten sich mit dem Schmelzwasser eines Eisblocks, den sie so schnell nicht wieder aus den Köpfen bekommen, nachdem sie den Thriller aus dem Hause S. Fischer Verlag schockgefrostet verlassen haben. Was man vorher jedoch mit der Protagonistin des Romans durchzumachen hat, ist mehr, als so manch zartes Leserherz zu verkraften in der Lage ist. Ein Buch aus der Kategorie „Ist es zu hart, bist du zu weich!„.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Und sagt nach dem Lesen nicht, Ihr hättet keine Ahnung gehabt. Die Warnungen des Verlages sind zu eindeutig. Da reicht ein Blick auf das eisige Buchcover und jeder erfahrene Leser weiß, was er vom Inhalt zu erwarten hat. „Diese Geschichte packt Sie an der Kehle“, „Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen Schatten wirft, und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt“, „…besetzt eine besondere Stelle in Ihrem Kopf, irgendwo zwischen Behaglichkeit, Unruhe, Vertrautheit und Entsetzen“, so das Presseecho aus den Niederlanden. Und nicht zuletzt prangt dieser Slogan über diesem Psychothriller „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.

Normalerweise gehören diese Blurbs ja ins Reich der Legende, denn wer druckt schon so negative Äußerungen, wie „Langatmig“ oder „Netter Versuch“ auf ein Cover, möchte man diese Zitate aus professionellem Munde doch verkaufsfördernd einsetzen? Diesmal jedoch bin ich eher verleitet diese Prädikate nicht zu kritisieren, da sie jedes für sich im Kern einen Punkt berühren, der diesen Roman so außergewöhnlich macht und dafür sorgt, dass man ihn nicht so schnell vergessen kann. Er verlangt wirklich alles von seinem Leser: Durchhaltevermögen, einen langen Atem und gestählte Nerven, wenn es darum geht, am Ende der Story bei klarem Verstand zu bleiben.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Worum geht es eigentlich, was macht dieses Buch so gefährlich? Schauen wir uns doch einfach einmal die Ausgangssituation ganz in Ruhe an und überlegen dann weiter, ohne vorschnelle Rückschlüsse zu ziehen. Denn wenn diese Story eines gar nicht mag, dann sind es vorschnelle Urteile. Allein der Begriff „vorschnell“ ist mit diesem Thriller in keiner Weise zu vereinbaren. Also fangen wir ganz von vorne an. Eine junge Frau kehrt nach neun Jahren zurück in ihr Heimatdorf, das sie fast vollständig aus ihrem Leben zu verdrängen versucht hat bis eine Einladung eines ihrer beiden ältesten Jugendfreunde Eva zur Rückkehr veranlasst.

Und so kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück. An den Ort, an dem sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist, den Ort, an dem ihre Eltern noch wohnen und an den Ort, der sie und ihre beiden besten Freunde Laurens und Pim nur als „Die drei Musketiere“ kannte, so eng waren sie einander verbunden. Einer für alle, alle für einen. Das war seit Anbeginn des Denkens das gemeinsame Mantra. Doch was nimmt eine junge Frau mit, wenn sie nach so langer Zeit beschließt, der Einladung von Pim zu folgen, wissend, dass auch Laurens anwesend sein wird? Was hat man im Gepäck?

Eva reist mit einem langsam schmelzenden Eisblock im Kofferraum nach Hause.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Schon bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich Euch gerne mit diesem Roman alleinelassen würde, nicht jedoch ohne einige rezensorische Hinweise zu geben, die mir das Lesen erleichtert hätten. Lize Spit nimmt sich Zeit, ihren Thriller zu entwickeln. Sie nimmt sich viel Zeit, was in der heutigen schnelllebigen Zeit vielleicht oftmals gar nicht so gut ankommt, möchte man doch immer schnell zum Punkt kommen, um dann wieder in andere Geschichten einzutauchen. Das ist nicht drin bei Lize Spit. Evas Rückkehr in ihr Heimatdorf lüftet jenes Geheimnis, das seit 13 Jahren in ihr verborgen ist, im tiefsten Inneren gärt, brodelt und nie zum Ausbruch kam. Ihr Weg zurück ist ein weiter Weg, für den es keine Abkürzung gibt. Schon gar nicht in diesem Roman.

Der Eisblock schmilzt nicht schnell im Winter ihrer Heimkehr. Es ist manchmal ein quälend langsamer Prozess, dem sich Eva in der Rückschau auf ihr Leben aussetzt. Es ist ein quälend langsamer Prozess, der sie selbst zu der Frau gemacht hat die sie heute ist. „Und es schmilzt“ ist ein steter langsamer Fluss an Schmelzwasser, der sich unter uns ausbreitet wie eine Pfütze und Eva zum Kern der Ereignisse von damals vorstoßen lässt. Ihre besten Freunde werden sich wundern, was es mit diesem Eisblock auf sich hat. Wir reißen die Augen auf, wenn wir lesend erkennen, was Eva mit diesem Klotz im Kofferraum ihres Autos bezweckt. Und wir alle, weder die Weggefährten von einst, noch die Leser von heute werden jemals vergessen, welchen Plan Eva verfolgt.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Geben Sie Lize Spit die Zeit, die sie selbst der Geschichte einräumt, um Eva zu verstehen. Verzagen Sie nicht, wenn Sie das Gefühl haben, einen Handlungsfaden in Händen zu halten, der Sie nicht weiterbringt. Und wiegen Sie sich nie in Sicherheit, weil Sie verleitet sein könnten, es hier mit einem herkömmlichen Entwicklungsroman zu tun zu haben. Das ist es gerade nicht, was Ihnen begegnet, wenn Sie die Füße schon tief im Schmelzwasser der Geschichte stehen haben. Lize Spit erzählt im schonungslosen und beklemmenden Klartext von einer Zeit, in der die jugendlichen Spiele ihre Unschuld für immer verlieren. Machen Sie sich auf Beschreibungen gefasst, die Sie zu Beginn dieses Romans nicht für möglich gehalten hätten.

„Und es schmilzt“ ist ein aßergewöhnlicher Thriller, der unvorhersehbar bleibt, bis das Schmelzwasser des Eisblocks seine Leser in tiefe Schockstarre versetzt. Emotional sind wir ganz nah bei Eva und wünschen uns dabei doch oftmals, wir hätten ihr nicht so gut zugehört. Wir wünschten uns, wir hätten uns geirrt. Aber Lize Spit ist gnadenlos. Es ist eine Geschichte, die keine Gnade kennt, weil Gnade das Letzte ist, wovon Lize Spit hier erzählt. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Sagen Sie nur das nicht. Aber sagen Sie auch nicht, ich hätte es Ihnen nicht empfohlen, denn genau das ist mein Ziel,

Litze Spit lässt am Ende des Schreibens keine Fragen offen. Leider.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

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„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.

„Heimkehren“ von Yaa Gyasi – Lesen und Hören

Heimkehren von Yaa Gyasi – AstroLibrium

Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen auf gesetzlicher Grundlage vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden. Trifft das zu? Ist diese Definition richtig, wenn wir die Geschichte der Versklavung menschlichen Lebens betrachten oder muss man sogar einen Schritt weiter gehen? Reicht die Macht der Sklavenhalter nicht sogar über das Leben der versklavten Person hinaus und damit sogar bis in die Generationen hinein, die eigentlich nicht mehr in Ketten liegen? Das ist eine Frage, die nur dort beantwortet werden kann, wo die Herkunft der meisten Sklaven zu finden ist. Dort, wo sich ganze Gesellschaften mit Arbeitskräften versorgt haben und die Sklaverei gleichzeitig zum legalen Wirtschaftsmodell erhoben. In Afrika.

Ist es möglich, frei zu sein, frei zu werden und die Freiheit zu behalten, wenn man allein durch die Hautfarbe und die leidvolle Vergangenheit das Stigma der Sklaverei mit sich trägt? Können Schwarze in einer Welt der Weißen darauf hoffen, anders gesehen zu werden als mit der Brille des Rassismus und wie geht man als Betroffener damit um, sich nie wieder von Ketten befreien zu können, die vor Generationen bereits gesprengt wurden? Ta-Nehesi Coates hat das in seinem offenen Brief an seinen Sohn unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ aus der Perspektive eines schwarzen Vaters im von Rassismus geprägten Amerika unserer Tage beschrieben. Flucht ist unmöglich. Frei ist man nie und allein die Hautfarbe definiert noch heute den gesellschaftlichen Status der Nachfahren von versklavten Generationen.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie hat sich dieses Menschheitsbild entwickelt? Wie haben die Betroffenen und die Generationen nach ihnen dies erlebt und gefühlt? Fragen, die nicht unbeantwortet und unerhört bleiben müssen, wenn man den neuen Stimmen aus Afrika folgt. Autoren, die jenen eine Stimme geben, die stimmlos miterleben mussten, wie sie entrechtet wurden. Stimmen, die artikulieren, dass die Generationen nach der Befreiung jene unsichtbaren Ketten der Sklaverei noch immer tragen, spüren und fühlen. Stimmen, denen wir heute zuhören sollten. Es sind lautstarke Stimmen, die aufrütteln und die Welt verändern oder zumindest ein wenig zurechtrücken können. Es sind Schriftstellerinnen, wie Yaa Gyasi, die uns mit Geschichten konfrontieren, die man einfach an sich heranlassen muss.

Heimkehren ist eine solche Geschichte. Das Debüt der 1989 in Ghana geborenen und im Süden der USA aufgewachsenen Schriftstellerin Yaa Gyasa gehört zu den wohl aufsehenerregendsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei und ihren Folgen. Der Roman ist in seiner gebundenen Fassung im DuMont Buchverlag und als Hörbuchproduktion bei Der Audio Verlag erschienen. Ich habe gehört und gelesen, bin in eine längst vergangene Welt eingetaucht und habe aus verschiedenen Perspektiven erleben dürfen, was es bedeutet versklavt zu sein und was es nicht bedeutet, befreit zu werden. Dieser Roman hat mich in Ketten gelegt und wird mich nicht mehr in ein Leben entlassen, das so ist, wie es vorher war.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie stellt sie dies an? Wie erreicht Yaa Gyasi ihre Leser? Was unterscheidet diese Geschichte von anderen Romanen über die Geschichte der Sklaverei? Vielleicht ist es gar keine Geschichte der Sklaverei, die hier erzählt wird. Vielleicht ist es viel eher eine Geschichte von Menschen, ihren individuellen Lebenswegen und der Vorbestimmung, die sie zeitlebens verfolgt. Es ist eine Geschichte zweier Familien, die 1764 in Ghana beginnt. Es ist die Geschichte der Schwestern Effia und Esi, die sich nie begegnen und deren Lebenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Es sind die Geschichten ihrer Nachkommen, die ihre Brücken bis in unsere Zeit schlagen. 14 Perspektiven sind es, denen Yaa Gyasi ganz eigene Stimmen verleiht. Sieben Generationen dieses ganz besonderen Stammbaums zeugen davon, dass man sich niemals von den Wurzeln der eigenen Familie trennen kann. So sehr man dies auch versucht.

Diese mosaikartige Konstruktion macht diesen Roman so greifbar, da er keine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Es sind vierzehn einzelne Lebenswege, die sich uns erschließen und nur wir Leser wissen, was keiner der Protagonisten ahnt. Nur wir haben das Ganze im Blick. Wir sehen beide Äste des Stammbaums und erkennen die Wurzeln, Motive und Charaktere, die sich so sehr bedingen. Es sind diese Menschen und ihre Familien, denen wir begegnen. Die Nachfahren der Geschwister Effia und Esi und damit zugleich Erben zweier Lebenswege, denen fortan niemand mehr entrinnen kann. Effia, die als junges Mädchen mit einem englischen Offizier verheiratet wird und Esi, die zur gleichen Zeit versklavt wird. Zwei Wege, die das Leben ihrer Nachkommen bis in unsere Zeit definieren.

Heimkehren von Yaa Gyasi - AstroLibrium

Heimkehren von Yaa Gyasi

Es gibt also einen Familienzweig der freien Menschen, der sich schnell als fatal und ebenso wenig frei herausstellt, wie der Familienzweig, der in Sklaverei versinkt. Effia ist nur ein Spielzeug für den englischen Kolonial-Offizier. Seine schwarze Dirne, während er in England standesgemäß verheiratet ist. Damit reiht sich Effia in die Schlange jener Frauen ein, die den weißen Herren zu Diensten waren und deren illegale Kinder nur als Bastarde und Mischlinge zu sehen waren. Und doch meint es das Schicksal gut. Effias Sohn wird von seinem Vater anerkannt, nach England geschickt, ausgebildet und kehrt in seine Heimat Ghana zurück. Effias Sohn soll seinem Vater nachfolgen. Aus einem Kind Ghanas soll ein britischer Sklavenhändler werden.

Während Effia in der trügerischen Sicherheit einer Dirne lebt und dabei doch mehr Gefühle ins Spiel kommen, als je vermutet, liegt im Hafen ein Frachtschiff vor Anker, in dessen Rumpf sich Sklaven stapeln. Mitten unter ihnen, Esi, die Schwester Effias. Hier betreten wir mit Yaa Gyasi die abscheuliche und mehr als ekelhafte Welt des Handelns mit Menschen. Hier beginnt der Leidensweg von dem sich auch die Nachfahren Esis nie wieder befreien können. Hier macht die Autorin klar, was es bedeutet, in Sklaverei geboren zu werden und wie unmöglich es scheint, dieses Stigma abzulegen. Die Zeit heilt keine Wunden. Der amerikanische Bürgerkrieg nicht, John F. Kennedy nicht und keine noch so aufgeklärte Epoche danach. Hier entspricht der Roman in seinem Kern den Aussagen von Ta-Nehisi Coates. Freiheit schmeckt anders.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Folgen Sie Yaa Gyasi auf einen Streifzug durch sieben Generationen, erleiden Sie Ungerechtigkeiten ohne Beispiel, werden Sie zu Hoffnungsträgern einer Generation im Kampf gegen Vorurteile. Und erleben Sie, wie sich diese Lebenswege immer wieder zu kreuzen scheinen, ohne sich zu begegnen. Alles kehrt zurück zu seinen Wurzeln, alles folgt einer Bestimmung und afrikanische Legenden von Feuerfrauen erzählen nicht nur hohle Floskeln, sondern gehen tiefer. „Heimkehren“ ist ein außergewöhnliches Buch, das uns selbst verleitet, einen neugierigen Blick in unseren Stammbaum zu werfen. Wo hat alles angefangen, warum bin ich der, der ich bin und welchen Weg habe ich selbst gewählt? Fragen, die unabhängig von unserer Hautfarbe von unseren Vorfahren selbst beantwortet werden könnte. Schade, dass sie schweigen…

Ich habe „Heimkehren“ nicht nur gelesen, sondern hauptsächlich gehört. Hier ist eine Hörbuchproduktion gelungen, die genau diesem Buch die Krone aufsetzt. Es sind vierzehn prominente Sprecher und Sprecherinnen, denen es nicht nur gelingt, uns die Geschichte näherzubringen, sondern ihr eine solch tiefe Individualität zu verleihen, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Hier werden es vierzehn Charaktere mit eigener Stimme und mit eigenen Gefühlen, die uns an die Hand nehmen und durch schöne, aber eben auch grausame Zeiten führen. Großes Kino für Herz und Verstand. Alle Sprecher legen alles in diese Charaktere. Allein jedoch Jule Böwe (die für mich immer Julia sein wird, die Tochter von „Augustus“ von John Williams) als Esi, das Frachtstück an Bord eines Sklavenschiffes begleiten zu können, gehört für mich zu den emotionalsten Momenten, die ein Hörbuch vermitteln kann. Und Stefan Kaminski morpht sich mit seiner Stimme erneut in mein Hirn. Ein Hörbuch, das Maßstäbe setzt, und ein Roman, der Grenzen in unserem Verstand zu überschreiten vermag. So sehr empfehlenswert.

Heimkehren von Yaa Gyasi – Afrika und AstroLibrium

Afrika in der kleinen literarischen Sternwarte. Ein ganz eigener Lesekontinent.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu HÖREN sind

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Was waren das noch für Zeiten. Jugendbücher wurden zu ihrem Erscheinungstermin mit Geldtransportern ausgeliefert. Schwer bewacht von allzu grimmigen Buchhändlern. Ein Hype, der heutzutage eher der Vergangenheit angehört. Details der Fortsetzungen wurden nicht verraten und die ganze Welt wartete ungeduldig darauf, dass wieder eine neue Geschichte von Harry Potter das Licht der Bücherwelt erblickte. Und von wegen Jugendbuch! Nicht nur die jüngsten Leser fieberten in langen Harry-Potter-Nächten den neuen Büchern von einer britischen Autorin entgegen, die ihren weltweiten Erfolg vielen Zufällen und einer brillanten Idee zu verdanken hatte. Joanne K. Rowling.

Zu Beginn der Zauberwelle war die Welt nur von ihren Büchern geprägt. Es galt zu lesen, was das Zeug hielt, um am „Goldenen Schnatz“ zu bleiben. Bilder spielten sich nur in unseren Köpfen ab und jeder stellte sich Harry, Hermine und Ron so vor, wie es seine eigene Fantasie erlaubte. Als die Verfilmungen der Romane das Universum von Hogwarts um eine weitere Dimension erweiterten, gab es gar kein Halten mehr. Leser, die von der ersten Seite an Weggefährten von Harry waren, galten als alte Hasen und Joanne K. Rowling badete in dieser Woge des Erfolges. Ein Erfolg, den man ihr so sehr gönnte.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und was wir in der Hoch-Zeit dieser Woge so alles freudig zu uns nahmen. Harry Potter war allgegenwärtig und die Wartezeit sorgte nicht nur in Deutschland für wildeste Spekulationen. Stirbt Harry am Ende, sind es wirklich nur sieben Teile und was machen wir am Ende von alledem? Fragen, mit denen sich jeder HP-Fan mindestens ein Mal in seinem Leben auseinandergesetzt hat. Gut, dass Joanne K. Rowling selbst immer ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt hatte, ihre Leserschar mit neuen Inhalten zu füttern. So kam es 2001 auch zu den legendären kleinen Bändchen, die ganz frisch aus der Schulbibliothek von Hogwarts entschlüpft zu sein schienen.

Wollten wir nicht immer schon ein echtes Schulbuch aus der Zauberschule in den eigenen Händen halten? Bestenfalls auch noch eines, in dem gelangweilte Schüler in und zwischen den Zeilen handschriftliche Kommentare und kleine Späße hinterlassen haben? Vielleicht sogar eines mit den Spuren unserer jungen Helden? Lebensbeweise und Nahrung für unsere Phantasie. Beide Wünsche wurden uns erfüllt und seitdem war es wichtig, die kleinen aber feinen Schulbücher „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ und „Quidditch im Wandel der Zeit“ in die eigene Potter-Bibliothek zu integrieren.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und sind wir doch mal ehrlich! Was wären die Generationen von Zauberlehrlingen in Hogwarts ohne diese Schulbücher gewesen? Aufgeschmissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Quidditchspiel hätte je regelkonform stattfinden können und die Herkunft der unglaublichen Tierwesen, die ein gewisser Newt Scamander auf der ganzen Welt zusammengetragen, kategorisiert und beschrieben hatte, wäre bis heute ungeklärt. Im Vergleich zu unseren Schulbüchern (also aus reiner Muggelsicht natürlich) ein wahrer Schatz der Schulbuchliteratur, den man verinnerlicht haben muss.

Der Hintergrund für diese beiden Werke war durchaus ernster. Joanne K. Rowling wollte teilen. Nicht nur ihr Wissen um die Welt, die sie geschaffen hatte. Nein. Sie war bestrebt, ihren Erfolg zu teilen und wohltätige Organisationen zu unterstützen, die wohl bis heute unentdeckt geblieben wären, hätte sie sich nicht in die Bresche geworfen. Ein großer Teil der Erlöse aus dem Verkauf dieser Bücher ging an Comic Relief, eine der angesehensten karitativen Einrichtungen in Großbritannien. Albus Dumbledore sagte mal dazu:

„Die Markscheine und Galleonen, die Sie hinblättern, verrichten magische Werke, welche sogar die Kräfte von Zauberern übersteigen.“

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Nun sind einige Jährchen ins Land gegangen, seit die Saga um Harry Potter zum Abschluss gelangt ist. Die Bücher sind geschrieben, die Filme wurden abgespult und weltweit atmet die inzwischen erwachsene Fangemeinde der großen Autorin nach wie vor die gute Luft der Magie aus ihrer Feder. Dass jetzt aber ausgerechnet eines dieser Schulbücher für Furore sorgt, sich verselbständigt und eine Geschichte erzählt, die uns zurück zu den Wurzeln von Harry Potter bringt, das hätte wohl niemand erwartet.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ wird gerade weltweit gefeiert, weil nicht nur das kleine Schulbüchlein im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, sondern Joanne K. Rowling selbst ihr Debüt als Drehbuchautorin für die Verfilmung des Stoffes gab. Alle Fans empfinden dieses Sequel inzwischen als legitime Fortsetzung der Saga, die beendet schien. Die Welle war erneut erstaunlich. Die Bücher wurden dem Carlsen Verlag aus der Druckpresse entrissen, das originale Schulbuch erlebte ein Revival und die Verfilmung mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle als Newt Scamander sprengte in aller Welt die Kinokassen.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Mich erreichte der neue Hype auf Umwegen. Ein Geschenk meiner Mutter an meine Tochter; alle Harry-Potter-Verfilmungen in einem Schuber; gemeinsame Staunstunden und die Entdeckung der Verfilmung der phantastischen Tierwesen; mein Griff ins Regal der Harry-Potter-Werke; ein kleines feines rotes Tierwesen-Schulbuch im Original aus dem Jahr 2001 und eine Hörbuchfassung von Der Hörverlag mit der Synchronstimme von Eddie Redmayne. Man kann sich vorstellen, welcher Welle ich mich erneut hingab und welche Woge der Begeisterung ich damit auslösen konnte. Alles war greifbar, alle Ausgaben in allen möglichen Varianten verfügbar und der Genuss war grenzenlos.

Timmo Niesner spricht den Newt Scamander, wie man ihn aus dem Film kennt. Er verkörpert den ruhigen und introvertierten Gelehrten, dem es um die Belange der Tiere geht, die er entdeckt und kategorisiert hat. Das Schulbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sindkommt in seiner Hörbuchadaption in Echsenhautoptik und mit einem grandiosen Sounddesign daher. Beides sorgt für Gänsehaut. Die Echse rein haptisch, die Soundeffekte mit phantastischen Tiergeräuschen akustisch. Hier vergeht die Zeit wie im Flug des Phoenix. Zwei Stunden auf zwei goldenen CDs mit Hippogreif und Basislisk werden zur Tour de Raison durch die phantastische Tierwelt, die Joanne K. Rowling auf die Welt der Zauberer losgelassen hat.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Ein perfektes Geschenk für Muggel, denen der Glaube fehlt. Perfekt für Fans von Harry Potter, die denken, schon alles zu haben. Ein tolles Geschenk für Freunde guter Audiobücher mit tollem Sounddesign und natürlich der mehr als perfekte Start für eine eigene Recherche, sollte man sich am Loch Ness mal fragen, woher denn das Monster stammt. Newt Scamander weiß Rat….

„Krieg und Frieden“ – Lew Tolstoi – Das Hörspielerlebnis

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Lust auf ein kleines literarisches Rätsel? In welchem Klassiker der Weltliteratur sind wir gefangen, wenn uns folgende Situationen begegnen?

* Ein fettleibiger russischer Adeliger wird zum Schlachtenbummler
* Ein russischer Offizier liegt mit seiner Flagge dem großen Napoleon zu Füßen
* Väterchen Frost führt die Grande Armée aufs Glatteis
* Lebenslustiges russisches Mädchen verlässt Verlobten für den zweitbesten Kosaken
* Russischer General wünscht dem Gegner Pferdefleisch an den Hals
* Moskau brennt für Napoleon – im wahrsten Sinne des Wortes
* Die Armee des Zaren gewinnt einen Krieg, ohne eine Schlacht gewonnen zu haben
* Der russische Adel tanzt während das Volk stirbt.

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Richtig! „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi. War jetzt auch nicht so schwer, oder? Immerhin hatte ja jeder Literaturbegeisterte schon mal mit diesem Klassiker Kontakt, ob lesend, schauend oder hörend. Unzählige Male wurde das Buch verfilmt, gedruckt oder in Theatern aufgeführt, als Hörbuch eingelesen oder gar als Comic publiziert. Zeitlos in seiner pazifistischen Botschaft von der Sinnlosigkeit aller Kriege ist Lew Tolstois Roman aus dem Jahr 1868, der in einem fulminanten Streifzug das zaristische Russland in den Jahren 1805 – 1812 beschreibt. Ein Russland, das so geeint war, wie nie zuvor, weil es der Expansionspolitik Napoleons körperlich trotzen musste. Kriegsjahre.

Ich las den 1600 Seiten dicken Wälzer und war begeistert. Ich sah die Verfilmung in ihren epischen Dimensionen und fühlte mich zu Audrey Hepburn hingezogen, die ihrer Rolle der Natascha Rostowa so viel Authentizität einhauchte, dass selbst Tolstoi seine wahre Freude gehabt hätte und ich hört eine Lesung zu „Krieg und Frieden“, in der ich allerdings bei der Vielzahl der Akteure in der Einstimmigkeit des Sprechers manchmal den Faden verlor. Warum also sollte ich mich erneut in eine Hörspielproduktion wagen, die noch dazu im Jahr 1965 vom Westdeutschen Rundfunk aufgenommen wurde?

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Das Zauberwort liegt hier im Begriff „Hörspiel“. Wo mich ein Sprecher verlor, ist es doch möglich, dass mich ein ganzes Ensemble bei der Stange hält. Wo die Dimension der großen Völkerschlachten in einer Lesung vielleicht an Wucht verliert, da konnte es doch sein, dass eine aufwendige Inszenierung dem Kopfkino ein Sprachkino zur Seite stellt, das diesem Meisterwerk gerecht wird. Und wenn dann auch noch Stimmen zum Zuge kommen, die vor mehr als 50 Jahren zu den bekanntesten ihres Faches gehörten und die auch heute noch Gänsehaut erzeugen, wenn man sie hört, dann sollte sich das Wagnis Hörspiel doch lohnen.

Ebenso, wie das Dramatis Personae dieses großen Klassikers liest sich die Liste der Schauspieler und Synchronsprecher, die sich 1965 im Tonstudio versammelten und ihr Bestes gaben, um „Krieg und Frieden“ als symphonisches Hörspiel in die Welt zu tragen.

Beispiele gefällig?

Heinz Bennent als Napoleon
Klausjürgen Wussow als Fürst Andrej Bolkonskij
Willy Birgel als der alte Fürst Bolkonskij
Volker Brandt als Nikolaj Rostow
Gustl Halenke als Natascha Rostowa
und der blutjunge Marius Müller-Westernhagen als Nikolaj Bolkonskij

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Über vierzig Sprecher sind namentlich aufgeführt. Das Stimmorchester wird in der episch angelegten Produktion mit einer Gesamtlänge mehr als acht Stunden unterstützt durch eine Vielzahl von Stimm-Statisten, einem großen Orchester und Spezialisten in Sachen Geräusch- und Sounddesign. So war man in der Lage, alle relevanten Figuren dieses Romans mit einer individuellen Stimmfarbe herauszuheben, ganze Ballszenen im zaristischen St. Petersburg musikalisch zu inszenieren und die großen Schlachten von Austerlitz und Borodino zu wahren Attacken auf die Ohrmuscheln mutieren zu lassen.

Russlands Standesdünkel. Das Luxusleben der Adeligen. Napoleons Vormarsch. Die Schlachten und das Schlachten. Niederlagen der glorreichen Zarenarmee. Verwundete und Tote reißen Löcher in die russische Gesellschaft. Moskau fällt. Die Bauern erheben sich. Der Winter bricht herein. Aus den Eroberern werden marodierende Flüchtende. Die große französische Armee geht unter und reißt zahllose Gefangene mit in den Tod. Kosaken in der neuen Rolle von Freischärlern reiben die Reste von Napoleons Armee auf. Dieser ist in Paris, als das Sterben beginnt. Und mittendrin drei russische Familien, ihre Liebe, ihr Hoffen und die Verzweiflung. Natascha Rostowa wird zum Symbol der Entwicklung von einer lebenslustig naiven jungen Frau zur sanften Mutter. Die Zukunft Russlands.

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Das ist Krieg und Frieden. Und nicht anders hört es sich an. Im Auto hörend fuhr ich über die Schlachtfelder, angetrieben vom hundertfachen „Hurrräääh“ und den Signalen der Trompeten rauschte ich durch den Schlachtenlärm. Kanonenkugeln detonierten in meiner Nähe, Geschossgarben zischten über meinen Kopf und in all diesem Lärm war ich Zeuge der Unterhaltungen von großen Männern und einfachen Soldaten. Wenn der Zar in seiner Kutsche das weite Land bereiste, hörte ich die angespannten Pferde und vernahm die Glöckchen an ihren Geschirren. Zu Silvester tanzte ich in St. Petersburg und fühlte die unbeschwerte Jugend. In emotionalen Momenten erlebte ich den Tod in seiner vollen Dramatik. Hier ist das Hören so, als säße man mit verbundenen Augen im Kino. Besser kann ich kaum beschreiben, wie ich dieses Hören erlebte.

Ich möchte dieses Erlebnis nicht missen. Es war intensiv und so sehr Tolstoi, wie ich es mir erhofft hatte. Wer mir nicht glaubt, der sollte hören…

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel