„Die Wahrheit über Monster“ von Tim Dowling

Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling - AstroLibrium

Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Man kann es ja mit den Ängsten unserer Kleinsten halten, wie man will. Man kann sie ignorieren, herunterspielen, sich darüber lustig machen, oder sie ernstnehmen. Sie wirken sich jedoch nicht nur belastend auf Kinder aus, sondern verkomplizieren unsere Vorstellung vom ganz normalen Alltag. Eltern können mehrere Lieder davon singen. Es sind schlaflose Nächte an der Seite des verängstigten Nachwuchses, es sind Nächte in denen das eigene Bett von bibbernden kleinen Wesen erobert wird und Abende, die es in sich haben, weil es nicht gelingt, den eigenen Kindern glaubhaft die Ängste davor zu nehmen, das Kinderzimmer sei voller schrecklicher Monster…

So wird das Einschlafen zur Qual. Es gibt nun viele Möglichkeiten, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Sie einfach zu ignorieren hilft nicht weiter. Also greift man zu den bewährten Hausmitteln, beschwichtigt, verharmlost und als letzte Eskalationsstufe geht man dazu über, den Kleinen Lügen aufzutischen. Richtig gelesen. Lügen. Das reicht im Allgemeinen, um sie zu beruhigen. „Es gibt keine Monster. Du kannst ganz beruhigt im Dunklen schlafen. Nachts ist noch nie was passiert. Das sind ganz normale Geräusche. Keine Angst.“ Kennen wir alles, weil wir es in unserer Kindheit selbst gehört haben. Und jetzt schmunzeln wir über die Ausflüchte unserer Eltern und retten uns in vergleichbare Verhaltensmuster.

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Monsterpulver wird gekauft. Das Kinderzimmer wird mit magischen Abwehrritualen in Nullkommanichts zur monsterfreien Zone erklärt und das abendliche Einschlafritual wird zur Nervenprobe für alle Beteiligten. Dabei gibt es weitere Möglichkeiten, sich mit Angst auseinanderzusetzen. Bücher. Gemeinsames Lesen, pädagogisch wertvolle Tipps und Denkimpulse, die gerade in Bilderbüchern besser funktionieren, als in der Realität. Hier finden wir unterschiedliche Wege, die dem Nachwuchs Auswege aus ausweglosen und beängstigenden Situationen aufzeigen. Man muss nur den richtigen Weg wählen. Zwei denkbar gute Alternativen möchte ich vorstellen. Zwei Varianten der Angstbewältigung, die aus meiner Sicht gute Chancen auf Erfolg haben.

MONSTA“, geschrieben von Dita Zipfel und illustriert von Mateo Dineen, ist vom Tulipan Verlag als rezeptfreie Therapie für Monsterängste aller Art in Umlauf gebracht worden. Ich habe dieses Bilderbuch bereits vorgestellt. Es basiert auf dem Ansatz, den Kindern gegenüber zuzugeben, dass es durchaus Monster gibt. Nur eben nicht hier bei ihnen. Dazu liegt dem Buch gar ein handschriftliches Kündigungsschreiben von Monsta bei, mit dem sich leicht nachweisen lässt, dass die Luft endgültig rein ist. Ich mag diese Idee. Ich mag die Vorstellung vom gelangweilten Monster, das frustriert abhaut und sich auf die Suche nach ängstlicheren Kindern macht. Ob diese Methode jedoch immer hilft, muss der Praxistest erweisen.

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Ein anderer Denkansatz stammt aus der Feder von Tim Dowling, der Kindern Die Wahrheit über Monster erzählt. Auch hier haben wir es mit einem Bilderbuch zu tun, in dem Text und Illustrationen Hand in Hand gehen, um das Leben der kleinsten Leser zu erleichtern. Beiden Werken ist der philosophische Ansatz gemeinsam, die Existenz solcher Monster nicht einfach zu leugnen. Kinder werden ernst genommen, ihre Ängste werden nicht heruntergespielt, man zeigt eben nur auf, wie man jene Monster besiegen kann. Entweder, wie bei „Monsta“, indem man einfach zu tapfer und mutig war und das gruselige Wesen sich gelangweilt vom Acker gemacht hat, oder, und das ist der Ansatz von Tim Dowling, indem man den Kindern zeigt, wie Monster wirklich gestrickt sind.

Hier kommt die kleine Luna ins Spiel. Tja, und wie es so ist im richtigen Leben, ist es das kleine Mädchen, das eigentlich das wahre Monster im Haus ist. Sie ist ungezogen, frech und hat es faustdick hinter den Ohren. Und sie hat eines ganz sicher nicht: Angst vor Monstern. Sie freut sich sogar, wenn sie den Unwesen begegnet. Aber wie groß ist ihre Enttäuschung, als sie feststellen muss, wie wohlerzogen, brav und ängstlich diese Gesellen doch in Wirklichkeit sind. Dagegen ist jedes kleine Kind ein Schreckgespenst. Hier hält der Autor unseren Kindern auf sehr sympathische Art und Weise den Spiegel vors Gesicht und stellt ganz offen die Frage, wer denn eigentlich schlimmer ist. Unsere lieben Kleinen oder die größten Fantasiemonster, die man sich nur vorstellen kann.

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Ein greifbarer Ansatz, wissen wir doch selbst, wozu unsere Kleinen fähig sind. Es macht Spaß, „Die Wahrheit über Monster“ zu erfahren und die Lehren dieses Buches ins eigene Leben zu übertragen. Der Ansatz ist pädagogisch wertvoll, weil wir uns nicht über die Ängste lustig machen, sondern viel eher darüber nachdenken, wie schlimm ein Monster wirklich sein kann. Und während bei „Monsta“ das gefrustete Schreckgespenst das Haus verlässt, ziehen kleine und große Monster bei Luna im Zimmer ein. Sie finden ein neues Zuhause. Sie sind brav und jagen niemandem einen Schrecken ein. Sie sind alles andere als frech. Jetzt haben sie ihre kleine Lehrmeisterin vor Augen. Luna kann ihnen sicher einiges beibringen.

Die Zeiten des Monsterpulvers sind vorbei. Zwei, im Ergebnis sehr unterschiedliche Bücher können für ruhige Nächte in vielen Kinderzimmern sorgen. „Monsta“ macht die Bude monsterfrei und „Die Wahrheit über Monster“ (Bohem Verlag) sorgt dagegen für einen Zuwachs an freundlichen und harmlosen Monstern unter dem Bett. Beide Bücher nehmen die Angst, anstatt sie zu leugnen. Beide Bilderbücher nehmen die Ängste ernst und spielen sie nicht herunter. Es ist der Umgang mit der eigenen Angst, den wir hier in spielerischer Art und Weise lernen und vermitteln können. Wer also wieder einmal eine ruhige Nacht ohne verängstigte Kinder erleben möchte, der sollte zu einem Bilderbuch greifen. Erstens ist der gemeinsame Spaß vorprogrammiert und zweitens gibt es nichts Schöneres als ein befreites Kinderlächeln beim Einschlafen…

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Man kann den Versuch ja schon zum Weihnachtsfest wagen. Eines dieser beiden Bilderbücher würde sich gut auf dem Gabentisch machen. Beide zusammen sollte man jedoch nicht verschenken. Sie widersprechen sich doch zu sehr in der Lehrmeinung. So ist es ja immer in der Monster-Wissenschaft. Frohes Fest. Mit oder ohne Monster.

Bilderbuchwelten in der kleinen literarischen Sternwarte

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„Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es ist schon so ein Kreuz mit Trilogien. Spätestens im Mittelband merkt man, wohin der Hase läuft, was man vom Ende erwarten darf und ob die zuvor investierte Lesezeit verschwendet war. Mittelbände lügen nicht. Entweder dienen sie als Story-Streckmittel, oder sie greifen relevante Fäden auf und man merkt als Leser, dass die Trilogiestruktur extrem sinnvoll war. „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist an der Stelle angelangt, an der sich die literarischen Geister normalerweise scheiden. Am Ende eines starken Mittelbandes lag so viel Potenzial in der Luft, dass ich es nur kaum erwarten konnte, das Ende endlich lesen und hören zu dürfen. Meine Rezension leitete in die offenen Fragen über, die der Schlussband zu beantworten hatte…

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe ihre Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns wieder… Versprochen…“

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ich löse mein Versprechen ein. Hier bin ich wieder. Und nun am Ende des Lesens und damit am Ende der „Vernon-Subutex-Trilogie“ angelangt. Es ist nicht leicht, im Rückblick auf drei Bücher ein schlichtes Fazit zu ziehen. Virginie Despentes hatte mehr mit ihren Lesern vor, als man erwarten konnte. Das weiß ich jetzt. Sie hat nicht nur eine Aussteiger-Story erzählt. Sie hat uns nicht nur die Türen zu Menschen aufgestoßen, die in jeder Hinsicht für das moderne Frankreich in all seiner Zerrissenheit stehen. Wir sind der Erzählerin Despentes auf den literarischen Leim gegangen, denn während sie uns manchmal mit Nebenkriegsschauplätzen und scheinbar Belanglosem einlullte, bereitete sie den großen Anschlag auf unser Lesen vor.

Während wir davon ausgingen, Vernon Subutex und seine Freunde einfach noch ein wenig länger durch Paris begleiten zu dürfen, waren wir in Wirklichkeit schon Teil eines großen Plans, der im Schlussband der Trilogie gnadenlos aufging. Ja, diese Trilogie ist zutiefst politisch. Ja, sie ist ein Breitspektrum-Literarikum, das vom sozialen Zentrum ausgehend, alle extremen Ränder berührt. Ja, sie ist ein gesellschaftlicher Sandkasten, in dem uns ein Paris vor Augen geführt wird, das nur noch an der Oberfläche halbwegs intakt ist. Dabei bröckelt es schon an allen Ecken und Enden und nicht nur die Metro ist dabei, die Stadt weiter zu unterhöhlen. Jetzt fallen die Fassaden, jetzt wird der Plan der Autorin offensichtlich.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

All die Menschen, die uns im Roman zuvor begegnen, all die kleinen und großen Geschichten münden in eine Geschichte, die uns nur zu gut bekannt sein sollte. Wir begegnen dem Terror in Paris. Wir erleben die Auswirkungen des ersten Anschlags auf die Seele der Stadt. Noch indirekt, aber spürbar. Was mit Charlie Hebdo beginnt, setzt sich im Bataclan fort. Wir erleben eine Stadt in Schockstarre, im Lähmungszustand, im Taumel. Wir fühlen mit den Protagonisten des Romans, wie der Stolz böckelt und jedes Empfinden von Sicherheit verlorengeht. Virginie Despentes hat uns die Türen geöffnet, hinter denen sich jetzt jeder zu verstecken versucht. Und doch geht die Handlung mehr als verzweifelt weiter. Die Subkultur rund um den neuen Heilsbringer Subutex wird zur verschworenen Gemeinschaft, in der die Musik einer längst vergangenen Zeit um sich greift. 

Alte Rechnungen werden beglichen und die Subkultur frisst ihre Kinder. Mit dem Chaos in Paris fallen auch alle persönlichen Schranken. Terror wird gesellschaftsfähig. Eine zweite große französische Revolution lässt Köpfe rollen. Ein ganzes Land verliert seine Unschuld und während wir noch denken, im finalen Schlussakkord angekommen zu sein, geht Virginie Despentes einen Schritt weiter. Sie führt uns in ein Szenario, das ich literarisch nur mit der „Roten Hochzeit“ von George R.R. Martin vergleichen kann. Den realen Anschlägen folgt nun ein fiktiver. Erfunden. Den Islamisten folgen die neuen Rechten. Die Opfer, erfunden. Fiktiv. Und doch so authentisch und plausibel, als hätten wir gerade eine Nachrichten-Sondersendung gesehen. So greifbar und ultimativ, als sei es wirklich passiert. So schockierend, weil wir die fiktiven Opfer kennen.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ein Finale Furioso, das ich so niemals erwartet hätte. Ein Ende, das der Trilogie die Krone aufsetzt und ihr gleichzeitig alle Zacken aus der Krone bricht. Nichts ist Virginie Despentes heilig. Nicht mal die Struktur ihres eigenen Romans. Aus einer realsozialen Ausgangssituation für eine erfundene Geschichte erwächst eine Gesellschaftsutopie, in deren Fortgang die französische Autorin alle Grenzen sprengt. Am Ende bleiben keine Fragen offen. Auf dieses Spiel lässt sich diese Autorin nicht ein. Ebenso wenig, wie sie einer möglichen Fortsetzung eine Chance einräumt. Sie ist nicht denkbar. Ende.

Ich kann diesen letzten Schritt nur von Herzen empfehlen. Ich hörte und las. Meine Gedanken waren oft in Paris in diesen Tagen. Wie geht es Vernon Subutex? Kommt er jemals wieder auf die Füße? Gelingt es Celeste und Aicha, sich vor dem rachsüchtigen Dopalet zu verstecken? Was macht die Vero mit dem unerwarteten Reichtum? Gelingt es Max, den aufflammenden Rassismus im Zaum zu halten und wie ergeht es anderen Charakteren, denen wir in dieser Trilogie begegnet sind? Keine Sorge, Sie werden alles erfahren. Restlos. Am Ende der Trilogie versammelten sich die Bücher meines Lesens, die von „Vernon Subutex“ tangiert wurden zu einem Abgesang auf diese Trilogie. Und ganz am Ende höre ich die letzten Worte der Hörbuchfassung, die wie ein Lamento des herrausragenden Sprechers Johann von Bülow dem Abgesang eine persönliche Note geben. Seine Stimme steht wie der Arc de Triomphe über dieser Trilogie und trägt sie.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Vernon Subutex berührt nicht nur Leser. Er tangiert viele Bücher meines Lebens.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse
Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris
Unterwerfung von Michel Houellebecq

Paris… Ans Herz gewachsen…

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

„Die Rache“ – Nach Japan mit Shugoro Yamamoto

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon machte mich mit den Sitten und Bräuchen am japanischen Kaiserhof vertraut. Die Indiskretionen dieser japanischen Hofdame und die geheimen Gedanken der jungen Frau waren meine Wegweiser in die Literatur über das geheimnisvolle Land. Ich lernte mit Jean-Marc Ceci Kraniche falten und Probleme aus einer anderen Perspektive heraus als Chance zu betrachten. „Herr Origami‘ ist ein guter Lehrmeister. Ich lernte an der Seite von Paulo Coelho die Kunst des Kyūdō. „Der Weg des Bogens“ zeigte mir, dass Pfeile nicht immer ihr Ziel treffen müssen, wenn es darum geht, kunstfertig zu sein. „Sadako“ zeigte mir, wie sehr man sich entfalten kann, wenn man sich dem Falten tausender Origami-Kraniche hingibt. „Ein einfaches Leben“ verdeutlichte mir, dass nicht nur ich selbst fremd in diesem Land sein kann. Auch aus der Sicht einer koreanischen Familie ist es schwer bis unmöglich, in Japan heimisch zu werden.

Über allem jedoch steht meine Reise nach Japan, als das Land völlig abgeschottet war. „Seide“ ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens, weil mich die sprachlose Begegnung einer japanischen Frau mit einem Europäer so nachhaltig geprägt hat, wie kaum eine andere Geschichte. Ich las Murakami und Yoko Ogawa. Ich folgte Autoren auf ihren Reisen nach Japan und wusste schon vorher, auf welche Konflikte sie stoßen würden. Interkulturell hat mich das Lesen in meinem japanischen Lesezimmer in jeder Beziehung bereichert. Ich freue mich immer wieder darauf, neue Erzählräume betreten zu dürfen, neue Geschichten zu entdecken und scheue auch nicht mehr davor zurück, wenn es sich hierbei um Erzählungen aus dem Herzen der japanischen Seele handelt.

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Die Rache“ von Shugoro Yamamoto, erschienen bei Cass, ist ein schmaler Band, der es in sich hat. Es sind gerade einmal 55 Seiten mit vier Illustrationen, die der Autor sich gönnt, um eine Geschichte zur Entfaltung zu bringen, die sich meinem westlichen Denken nicht entzieht. Sie ist nicht sperrig, philosophisch oder kryptisch. Sie basiert auf gelebter Tradition und einem erfrischenden Missverständnis. Hier prallen keine Welten aufeinander, es ist eher das Aufeinanderprallen japanischer Verhaltenserwartungen mit einem jungen Mann, der sich außerhalb dieser Normen bewegt. Das ist erfrischend zu lesen, weil ich hier feststelle, dass nicht nur ich von einem Fettnäpfchen zum nächsten springe. Auch im traditionellen Japan können Missverständnisse für große Geschichten sorgen. Schmunzeln garantiert inklusive.

Dabei befinden wir uns im Jahr 1645. In der Welt der Abschottung, der Samurai und der überbordenden Ehrbegriffe in Japan. Eigentlich kein Spielraum für einen Ausbruch aus dem sozial vorgegebenen Normenkatalog. Und doch lernen wir einen jungen Mann kennen, der uns in der kleinen Erzählung wahrlich ans Herz wächst. Iwata. Sein Vater wird vom größten Schwertkämpfer seiner Zeit abgeschlachtet. Iwata selbst wird von der eigenen Familie verstoßen. Er ist einfach unwürdig, möchte gerne Koch sein, was dem dahingemetzelten Vater gar nicht schmeckte. Iwata bleibt nur noch ein Ausweg. Betteln. Und so lässt er sich in einer ärmlichen Hütte am Wegesrand nieder und bettelt. Das war es dann mit den hochfliegenden Träumen von einem schönen Leben als Koch mit einer wundervollen Frau an seiner Seite. O-Kita wäre seine Frau geworden. Aber so? Bettler sind wenig ehetauglich…!

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Aus dieser verzweifelten Ausgangssituation konstruiert Shugoro Yamamoto eine Geschichte, die lange in Erinnerung bleibt. Sie benötigt nicht viele Seiten, um sich entfalten zu können. Sie ist wie ein Origami, das man auseinanderfaltet und in dessen Muster wir alle Wendungen des Schicksals erkennen können. Kein Weg verläuft linear. Kreuzungen und Abwege bestimmen das Bild. Iwata erlebt am eigenen Leib, wie sehr man sich täuschen kann, wenn man einen vorbestimmten Weg einschlägt. Hier spielen ihm die Tradition und die Erwartungshaltung seiner Mitmenschen ein sehr erfreuliches und unverhofftes Schnippchen. Er erhält pausenlos Besuch in seiner Hütte. Er wird von seinen Besuchern reich beschenkt. Gold, Silber und wertvolle Speisen finden den Weg zu ihm. Als auch noch die liebliche O-Kita auftaucht, um ihn frisch einzukleiden, keimt ein Verdacht in Iwata. Die denken doch wohl nicht, er wolle…? Einen Samurai?

Grandios erzählt. Frisch erzählt und dabei schon vor so langer Zeit erzählt. 1952 erschien die Geschichte in Japan. Seitdem gehört sie zu den Klassikern japanischer Literatur. Dabei wirkt der Schriftsteller Shugoro Yamamoto selbst schon ein wenig wie sein tragikomischer Protagonist. Der 1967 verstorbene Autor brauchte lange, um in der Literaturszene anzukommen, und als er es endlich geschafft hatte, lehnte er fortan jede Auszeichnung und Anerkennung ab. Auch so ein Missverständnis. Was ihm schreibend gelang, ist zeitlos. Seine Dialoge sind nicht verstaubt, wenig traditionell und wenn Iwata das Wort ergreift, muss man auch mal herzhaft lachen…

Die Rache von Shugoro Yamamoto

„Hä?“ Iwata spuckte aus. „Was war das denn? Ist der noch richtig im Kopf?… Sie vertreiben mich nicht? Was sagt man dazu?… Und dann krieg ich auch noch eine Silbermünze. Wollen die mich auf den Arm nehmen?“

Ja, hier reibt man sich ob der sprachlichen Frische die geneigten Leseraugen. Es ist ein Kleinod aus Japan, das hier in deutscher Erstausgabe vorliegt. Vier Illustrationen aus der Feder von Hideki Nagai runden das Rache-Erlebnis ab. Ein Buch nicht nur für Japan-Liebhaber oder Samurai-Fans. Einfach ein Roman mit einer kurzen Geschichte, die im Gedächtnis bleibt. Diese Geschichte entledigt sich vieler Klischees und unterhält bravourös. Wer das Bogenschießen beherrscht, Origamis falten kann und sich traut, als Gaijin eine Lesereise nach Japan zu unternehmen, der sollte herausfinden, warum der junge Bettler so reich beschenkt wird, was sich die schöne O-Kita vom gar nicht armen Iwata erhofft und wie diese Geschichte endet. Es lohnt sich. Nehmt Rache…

Hai… das heißt auch in der kleinen literarischen Sternwarte JA. Zu Japan… 

Die Rache von Shugoro Yamamoto

„Versteckt unter der Erde“ – Eine Lesung gegen das Vergessen

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Nein. Heute kein wie und warum ich beharrlich Gegen das Vergessen schreibe. Kein erhobener Zeigefinger mit dem Ausruf „Nie wieder“ und auch keine Hinweise, das aktuelle Geschehen im Auge zu behalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Kein verzweifelter Appell, alternative politische Strukturen im Auge zu behalten, bevor es zu spät ist und die zugedrückten Augen plötzlich blau unterlaufen sind. Die Geschichte hat ausreichend viele Hämatome in den Gesichtern der Opportunisten hinterlassen. Heute neigt man wieder dazu, alle blauen Flecken fein zu überschminken und ganz locker zur Tagesordnung überzugehen. Ich bin heute kein Rufer im Wald. Ich verstecke mich.

Aber ich werde nicht müde, besondere Bücher vorzustellen, die den Holocaust, seine Ursachen und Folgen ins Zentrum des Betrachters rücken. Voller Angst blicke ich dabei in die Zukunft, weil mit dem Tod der letzten Zeitzeugen und Überlebenden immer mehr Publikationen auf den Büchermarkt kommen, die lediglich nach Kulissen für spannende Romane suchen. Die Romantisierung und Dramatisierung der Massenmorde des Nazi-Regimes schreitet voran. Wobei mit Dramatisierung gemeint ist, den schrecklichen und lebensgefährlichen Alltag der damals ausgegrenzten Menschen dramaturgisch so stark aufzupeppen, dass ein neuer literarischer Mainstream entsteht. Ich bezeichne das ganz einfach nur als „HoloKitsch“. Deshalb werde ich mich heute verstecken.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Versteckt unter der Erde. Hier liegt uns ein Überlebensbericht vor, der sich deutlich von vergleichbaren authentischen Zeitzeugenerzählungen unterscheidet. Es ist indirekt, mittelbar, auf Umwegen und aus zweiter Hand, was uns in diesem Buch von Dina Dor-Kasten erzählt wird. Und doch ist es die wohl ungewöhnlichste Form der Konfrontation mit der Verfolgung des jüdischen Volkes im Dritten Reich, die ich jemals erlesen durfte. Denn die Autorin des Buches war zum Zeitpunkt der Ereignisse gerade einmal 2 Jahre alt. Ihre eigenen Erinnerungen sind eher schemenhaft. Albträume, Bild-Fragmente und dunkle Schatten. Dina Kor-Kasten wurde 1940 in Bukaczowce als erste Tochter eines jüdischen Ehepaars geboren. Jossel und Lina Kasten lebten in der damaligen Ukraine in Erwartung des Sturms, der damals über das jüdische Volk hereinbrach.

Dina Dor-Kasten hat die Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben. Dabei hat sie sich der sichersten Quelle bedient, die man sich vorstellen kann. Sie hörte ihrer Mutter zu. Sie folgte ihrem eigenen Traum, eines Tages die dramatische Geschichte der Jahre 1941 bis 1948 für die Nachwelt festzuhalten und selbst mehr über jene Zeit zu erfahren, die ihr ganzes Leben verändert hat. Da, wo andere Eltern schwiegen, hat Lina Kasten alles erzählt. Aus ihrer Perspektive, in der Erzähltradition der mündlichen Überlieferung, erfährt Dina Dor-Kasten, was damals wirklich geschah, wem sie und ihre Geschwister ihr Leben zu verdanken haben und welche Traumatisierungen sich tief in ihrer Psyche festgebissen haben. Es ist zutiefst persönlich, was wir erfahren. Es ist der Bericht eines Überlebens, das über Jahre am seidenen Faden hing. Dina Dor-Kasten wird in diesem Buch zur Stimme ihrer Mutter. Unverfälscht und liebevoll. Sie vollendet auf diese Weise den Kampf um das nackte Überleben und setzt damit ihren Eltern ein Denkmal.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

„Versteckt unter der Erde“ ist ein erdrückender Erlebnis- und Überlebensbericht aus dem dunkelsten Zeitalter, das jüdische Menschen durchleben mussten. Wir erleben im Verlauf der Schilderungen nicht nur den schleichend zunehmenden Antisemitismus im Machtbereich der Nazis. Wir erleben auch die Feindlichkeit der ukrainischen Menschen in dieser Zeit. Hier kommt das Hitler-Regime genau zur rechten Zeit. Man kann sich an den jüdischen Nachbarn bereichern, darf endlich den Hass offen ausleben und wird so zum Erfüllungsgehilfen der braunen Diktatur. Pogrome, Verfolgungen und Entrechtung werden zum täglichen Horrorszenario einer jungen Familie. Enteignung, Vertreibung in Sammellager, Ghettoisierung, Deportation und Liquidation sind die Konsequenzen, auf die sich die jüdische Bevölkerung einzustellen hat. Schutz gibt es nicht mehr. 

Jossel Kasten entschließt sich zur Flucht. Er will seine Familie nicht tatenlos opfern. Das Ghetto Rohatyn ist die Vorstufe zur endgültigen Hölle. Wir erleben dort schon die Hölle auf Erden ohne dass man glauben könnte, dass es noch schlimmer werden kann. Mordaktionen, Zwangsarbeit und Hunger sind tägliche Wegbegleiter der Inhaftierten. In größter Not flieht die kleine Familie kurz bevor alle Juden umgebracht werden. Das Ziel ihrer Flucht ist der Witan-Wald, in dem man Partisanen vermutet und sich Hilfe erhofft. Unter der Erde findet die Familie Unterschlupf. Ein dunkles Erdloch wird für zweieinhalb Jahre zum Versteck. Hunger, Todesängste, Kälte und Krankheiten sind Determinanten des Überlebens. Schilderungen, die schon lesend kaum zu verkraften sind. Lebend am eigenen Leib erfahren – unvorstellbar.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Diese Überlebensgeschichte lässt den Leser nicht mehr los. Das liegt nicht nur an den unmenschlichen Bedingungen, sondern auch an der schonungslos offenen Art und Weise, in der Lina Kasten ihr eigenes Versagen thematisiert. Sie erzählt ihrer Tochter, wie sich das Dahinvegetieren auf die Psyche der Eltern auswirkte. Hier blickt man tief in die Abgründe einer traumatisierten Seele, die an bestimmten Stellen sogar dazu bereit ist, die eigenen Kinder zurückzulassen, um selbst zu überleben. Der Kraftakt, das alles zu überstehen, wird von Seite zu Seite nachvollziehbarer. Absolut übermenschlich ist, was Jossel und Lina Kasten gelingt. Es ist ein Kampf. Eine Schlacht gegen sich selbst und die lebensfeindliche Umwelt. Und es sind die kleinen Wunder der Humanität, es ist die Hilfe von Menschen, die selbst bedroht sind, die der jüdischen Familie Kasten das Leben retten.

Am Ende steht die Befreiung. Hier genau wird aus der Überlebensgeschichte erneut ein Meilenstein der Verarbeitungsliteratur, weil Freiheit nicht Freiheit ist. Es ist die harte Landung in einer neuen Realität. Man hat überlebt. Gerade so. Und schon ist man dort angekommen, wo der Kampf vor Jahren begann. Unerwünscht. Heimatlos. Es beginnt eine Flucht, die uns heutige Flüchtlingsschicksale vor Augen führt. Schlepper, Illegale, geschlossene Grenzen, Schleuser, Fluchtrouten. Nichts wird sich verändern. Alles lebt wieder auf. Nur für die Kastens gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Israel. Sie sollten dieses Buch aus dem Metropol Verlag lesen. Es schließt viele Kreise in einer Geschichte, die unvergessen bleiben muss.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Die Buchhandlung Lesezeichen Germering, die dortige Stadtbibliothek, die VHS und der Schauspieler und Sprecher Uwe Kosubek haben sich am 9. November zu einer kraftvollen Allianz gegen das Vergessen vereint und dieses Buch im Rahmen der Lesung „Versteckt unter der Erde“ vorgestellt. Meine Reportage zu diesem Abend bei Literatur Radio Bayern umfasst neben einem Interview mit den Initiatoren der Lesung auch Fragestellungen zur besonderen Rolle eines Sprechers bei einer Buchvorstellung ohne Autorin, zur Relevanz solcher Veranstaltungen im öffentlichen Leseraum und zur Sortimentauswahl in Buchhandlungen.

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Meine Gesprächspartner sind:

Katrin Schmidt – Buchhandlung Lesezeichen Germering
Christine Förster-Grüber – Leiterin der Stadtbibliothek Germering

Uwe Kosubek – Sprecher und Schauspieler – Die Stimme des Abends
Andrea Franke – VHS Germering

Fotos in der Dia-Show vom Abend: Helen Hoff.

Begeben Sie sich mit uns in ein Versteck unter die Erde, das man heute verraten muss, um andere davor zu bewahren, sich jemals verstecken zu müssen.

Hier geht es zum PodCast bei Literatur Radio Bayern

Versteckt unter der Erde – Die Radio-Reportage

„Des Lebens fünfter Akt“ – Volker Hage über Arthur Schnitzler

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt“ von Volker Hage, erschienen im Luchterhand Verlag, kann als biografischer Roman und intimes Portrait zugleich verstanden werden. Hier sind es die letzten Lebensjahre des österreichischen Arztes, Erzählers und Dramatikers Arthur Schnitzler, die den Kern der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit einem großen Schriftsteller seiner Zeit darstellen. Die dramaturgische Struktur von Theaterstücken ist hier das Mantra eines gesamten Romans. Der fünfte Akt umfasst im klassischem Sinne die Katastrophe. Nach dem Aufstieg und dem Höhepunkt folgt der freie Fall, dem eine katastrophale Schluss-Sequenz die literarische Krone aufsetzt. Alles zuvor Erlebte wird auf diese Weise zur Zündschnur, die das Pulverfass im Schlussakt zur Explosion bringt.

Ein gut gewählter Titel. Schon beim Lesen der ersten Seiten kommt man nicht auf die Idee, auf das gute Ende einer Lebensgeschichte zuzusteuern. Die Tragik tritt allzu offen in den Vordergrund und der Spielraum für ein Happy End im klassischen Sinn wird von Seite zu Seite geringer. Einzig verantwortlich für die bevorstehende Ex- oder Implosion scheint der Schriftsteller Arthur Schnitzler selbst zu sein. Der Bewunderte, Geliebte und Angebetete konnte und kann nicht widerstehen. Nicht den Verlockungen der Frauen, in die er sich fortwährend Hals über Kopf verliebt. Nicht den süßen Träumen einer ewigen Jugend, die durch immer jüngere Weggefährtinnen untermauert werden. Seine Eitelkeit ist die Basis, die scheinbar nicht ins Wanken gerät. Er fällt ihr beharrlich zum Opfer und im Jahr 1928 gerät das gesamte Lebensgebäude Schnitzlers in akute Einsturzgefahr.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Schnitzler hat noch drei Jahre zu leben. Was er nun erlebt, ist der Abgesang auf ein langes Leben in Saus und Braus. Er ist inzwischen 66 Jahre alt, zweifelt intensiv daran, noch ein einziges Werk in seinem Leben vollenden zu können, fühlt sich unverstanden, und erlebt neben den vermeintlich letzten Zuckungen seiner literarischen Kreativität die Verwerfungen seines Privatlebens. Lawinen, die er in den vorausgegangenen Akten im schillernden Autoren-Leben selbst losgetreten hat und die ihn nun einholen. Es sind die Frauen, denen er so sehr verfallen war, die ihm nun zusetzen. Es sind Verflossene und aktuelle Verliebte, die ihm zusetzen. Es sind Beziehungen, die er so sehr auf die Probe stellte, die ihn nun einengen, herausfordern und an den Rand des Wahnsinns treiben.

Volker Hage gelingt es nicht nur, Arthur Schnitzler in dessen letzten Lebensjahren zu porträtieren. Er flechtet rückblickend die Erosionen ein, die für die Erdrutsche am Ende verantwortlich sind. Er lässt die großen Lieben im Leben des Schriftstellers schaulaufen und zeigt dabei deutlich auf, wie unwiderstehlich Schnitzler lebenslang auf Frauen allen Alters gewirkt haben muss. Diese Anziehungskraft hat er nie verloren. Was er jedoch in diesem Jahr verliert, ist der letzte Anker im Leben, ohne den er nun beharrlich abdriftet. Seine Tochter Lili begeht im Alter von 18 Jahren Selbstmord. In Venedig, der Stadt der großen Romanzen. Was ihm bleibt, sind die zahllosen Tagebücher seiner Tochter, die nicht nur ihr Leben, sondern auch sein eigenes skizzieren. In ihnen versinkt er.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Volker Hage greift nicht nur die zentralen Themen im Leben Schnitzlers auf. Ihm gelingt eine literarisch feine Auseinandersetzung mit Themen, die unabhängig vom hier betrachteten Protagonisten, feinfühlig und interessant erzählt sind. Wie trauert man um die eigene Tochter, wenn die Beziehung zur ehemaligen Frau und Mutter von Lili mehr als zerstört ist. Wer darf in Patchwork-Beziehungen überhaupt trauern? Bringt Verlust Menschen wieder zusammen, deren Wege sich schon lange getrennt haben? Und wie reagiert das neue Umfeld auf diese Annäherung. Olga Schnitzler, bis 1921 mit Arthur verheiratet, kommt mit dem Verlust der Tochter nicht zurecht. Sie will zurück in ihr altes Leben.

Und so gerät Arthur Schnitzler zwischen alle Fronten. Clara Katharina Pollaczek, seine Lebensgefährtin seit der Scheidung, auf der einen Seite. Seine Ex-Frau Olga auf der anderen. Mühlsteine, die ihn zu zermahlen drohen. Jetzt auch noch selbst den Tod der eigenen Tochter zu verarbeiten, weiter literarisch zu wirken, Kontakte zu wichtigen Weggefährten zu pflegen und Verleger von seinem Schaffen zu überzeugen, schwierig. Ablenkung findet er, symptomatisch für seine Vita, bei anderen Frauen. Platonisch oder leidenschaftlich. Egal. Hauptsache, seine Libido ist in Bewegung. Ein indiskretes Buch, dessen Veröffentlichung Schnitzler niemals zugestimmt hätte. Ein psychologisch in sich geschlossener Roman, der mehr beschreibt, als einen Künstler im letzten, fünften Akt.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt ist nicht für Schnitzler-Liebhaber geschrieben. Ich selbst habe bisher (Schande über mich) keinen seiner Romane gelesen, keines seiner vielen Theaterstücke gesehen und bin ihm nur indirekt begegnet. „Ein Winter in Wien“ spielt im Hause Schnitzler. In der Sternwartestraße 71 zu Wien. Petra Hartlieb lässt uns im Jahr 1910 hinter die Kulissen dieser Familie blicken, wobei sie nicht Arthur Schnitzlers Geschichte erzählt, sondern die seines Kindermädchens. Lili war gerade erst zur Welt gekommen. Kaum 18 Jahre später begegne ich ihr nur noch flüchtig auf dem jüdischen Friedhof von Venedig. Katastrophe. Dieser fünfte Akt. Ein Väter-Roman und die große Geschichte vergangener und kommender Leidenschaften. Ein Sittengemälde einer Zeit, in der die Wiener Moderne um sich greift, Freud seine Freude hat und Hofmannsthal im Leben von Schnitzler für Berg und T(h)alfahrten sorgt.

Ein Künstlerroman, der Zweifeln, Krisen und dem ewigen Kampf um eine positive Außenwirkung viel Raum verschafft. Ein Literaturroman, der Leser von Schnitzler im Kontext seiner Werke vielleicht aus einer anderen Perspektive heraus begeistern wird. Innenansichten eines Schriftstellers in einer melancholischen Stadt, die von einer tiefen Traurigkeit geprägt sind und so viel über einen Menschen verraten, dem man sich eben nur auf diese Weise annähern kann. Volker Hage verführt dazu, sich intensiver mit dem Mann zu beschäftigen, dem er seine Recherchen gewidmet hat. Er verführt dazu, jene vier Akte vor der Katastrohe zu beleuchten. Und er verführt dazu, mit wachem Blick auf die eigene Familie zu schauen. Das hätte Schnitzler zeitlebens sicher geholfen. Es war nur nicht leicht für ihn, weil immer irgendeine Frau im Weg stand.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Was mir bleibt ist eine herrliche Aussage Arthur Schnitzlers zum Charakter von Literaturkritikern und Rezensenten. Ich hoffe, dass sich die Zeiten geändert haben und wir Blogger ein wenig von den Vorbehalten abbauen konnten, die er zeitlebens vor uns Amateuren aufgebaut hatte.

„Der Kritiker ist in seinen Augen immer auch <Kunsthistoriker>, Versteher von Zusammenhängen, selber Künstler. Den Rezensenten kennzeichnen Halbtalent, Missgunst, Übelwollen, Rachsucht und Unbildung. Reporterdeutsch genügt.“

Herrlich, wenn man das auf sich wirken lässt. Meine Rezension mag von Halbtalent und Unbildung geprägt sein. Missgunst, Übelwollen, Rachsucht oder Reporterdeutsch liegen mir jedoch fern. Ich hoffe, das liest auch Volker Hage so. Und da ich selbst nicht im fünften Akt meines Lebens durch die Sternwartestraße hüpfe, kann ich ja auch noch ein wenig an mir arbeiten. Schnitzler lesen. Eine Aufgabe für die Zukunft. Wer weiß. 

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage – AstroLibrium

Immerhin bin ich in der Liebesbriefkollektion Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ fündig geworden. Ein Liebesbrief an Arthur Schnitzler aus dem späten zweiten Akt des Lebens zeigt, wie sehr er damals von einer Schauspielerin verehrt wurde, die in einem seiner Theaterstücke die Hauptrolle spielte. Kann man sich diesen Zeilen entziehen?

„Kann man denn ein Wesen, das man liebt, genug seh`n?“

Adele Sandrock an Arthur Schnitzler – Wien, 2. Januar 1894, 1 Uhr nachts.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…