„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Für uns sind Habichte und Falken einfach Greifvögel. Aus Laiensicht kann man bei dieser Einordnung eigentlich keine Fehler machen, dachte ich zumindest. Und doch ist es nicht so einfach, wie es scheint. Nur die Habichtartigen sind fleisch­fressende Vögel dieser Ord­nung, während die Falken­artigen eher mit Papageien verwandt sind. Na, wer hätte das gedacht? Wie ich darauf komme? Ganz einfach. In den letzten Tagen hat sich meine kleine literarische Stern­warte zum Tauben­schlag entwickelt, zumindest was die Präsenz der Jagdkönige der Lüfte betrifft. Und obwohl Habicht und Falke sich so sehr voneinander unterscheiden, wie Hund und Katze, widme ich ihnen hier einen Artikel.

Schuld daran ist Helen Macdonald, die sich zeitlebens der unglaublichen Faszination dieser Vögel ver­schrie­ben hat. Dabei sind im Lauf der Zeit zwei Bü­cher entstanden, die zwar durch Verlage getrennt sind, von uns Lesern jedoch vereint werden sollten, um in unserem Bücher­nest gemeinsam zu brüten, weil sie viel mehr beinhalten als man von Sach­büchern im eigentlichen Sinne erwarten kann. Sie beschreiben keine Sache, sind nicht als anthro­polo­gische Lehrschriften zu verstehen und werden niemals in unserem Leben im Bücherregal verstauben. Beide Bücher gehen Hand in Hand, wenn wir erneut mit der epischen Begegnung zwischen Mensch und Tier konfrontiert werden, die in der Literatur ihre tiefen Spuren hinterlassen hat.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Die Lebensaufgabe…

Bekannt wurde Helen Macdonald in Deutschland mit Mabel. So zumindest heißt der Greifvogel, den sie zähmen und mit dem sie, einer jahrhundertealten Tradition folgend, auf Jagd gehen wollte. H wie Habicht entwickelte sich schnell zum Bestseller. Nicht, weil die Leser dieses Buches davon träumten, plötzlich selbst Falkner zu werden. Eher, weil es Helen Mac­donald so anschaulich gelang, die Psychologie des Menschen in das Zentrum der Betrachtung zu rücken. Warum richtet man einen Greifvogel ab, warum ist es so schwierig, sich auf ein Tier einzu­lassen, das im eigent­lichen Sinn als uner­ziehbar gilt und was macht diese Leiden­schaft mit dem Menschen selbst? Hier wurde aus dem Habicht schnell eine gelungene Metapher für alle fast aussichts­losen Ziele, denen man im Lauf seines Lebens hinterher­jagen kann.

„Die Suche nach Habichten ist wie die Suche nach Gnade:
Sie wird einem gewährt, aber nicht oft,
und man weiß nie, wann oder wie.“

Der Habicht Mabel wird zur Lebensprüfung für Helen Macdonald. Ihr Buch „H wie Habicht“ liest sich wie der Mix aus einem Seelenstriptease der Autorin und der in sich geschlossenen Betrachtung der Heraus­for­der­ungen und Risiken, die für den Menschen bei der Kon­fron­tation mit der unzähmbaren Natur bestehen. Be­fremd­lich wirkt ihr Buch an vielen Stellen. Be­fremd­lich wirkt, wie man sich dem Habicht als solchem nähert. Als Außenstehender zuckt man unwill­kürlich zurück, wenn man liest, dass es das Größte ist „einen Habicht zu fliegen“. Das hört sich eher an, als hätte man es mit einem kleinen Modell­flugzeug zu tun.

Das Vorbild – „The Goshawk“ von T.H. White

Das gescheiterte Vorbild…

Verstörend ist es zu lesen, wie seit Jahrhunderten mit Greifvögeln umgegangen wird, um sie zu in­stru­men­tali­sieren und ihnen unseren Willen aufzuzwingen. Es klingt wie ein reiner Sport, zu dessen Ausübung man eben ein lebendiges Tier benötigt. Dies ist mit unserem Ver­ständ­nis vom Umgang mit „Haus­tieren“ nur schwer in Ein­klang zu bringen. Genau hier setzt Helen Macdonald mit ihrem fesselnden Erzählstil an und ihr gelingt, was aus der Distanz heraus eigentlich kaum zu erwarten war. Man versteht die tiefe innere Motivation der Autorin, sich völlig auf ihre Mabel einzulassen. Man fühlt die tiefe innere Verbindung, die sie eingehen muss, um eins mit dem Habicht zu werden.

„Während der Habicht zahmer wurde, wurde ich immer wilder.“

Die Grenzen zwischen Habicht und Falkner ver­schwim­men. Helen Macdonald ist so sehr auf ihren Vogel fixiert, dass sie sich rettungslos in ihm verliert. Die Realität verliert für sie jegliche Kontur. Freunde, ihr Job und Kontakte zu anderen Menschen – all diese Fak­toren gehen in der Beschäftigung mit Mabel verloren. Und Helen Macdonald geht diesen Weg bewusst, da sie nur zu gut weiß, was sie erwartet. Der von ihr oft im Buch zitierte Schrift­steller T.H. White scheiterte all­umfassend im Versuch, seinen Habicht „Goshawk“ abzurichten. Dieses Scheitern steht Helen Macdonald konstant vor Augen und vor dem Hinter­grund ihrer Un­sicher­heit entwickelt sich die Angst vor dem eigenen Versagen

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Die epische Begegnung…

Helen Macdonald schreibt eigentlich viel mehr über sich selbst, als über den Weg zum perfekt erzogenen Greifvogel. Die Trauer um ihren Vater treibt sie in die selbst gewählte Isolation. Mabel ist dabei die perfekte Ausrede, der erhoffte Fixpunkt und die Fluchttür in eine Welt, in der man versinken darf. Dabei wirkt die Autorin authentisch, in jeder Hinsicht selbst­kritisch und kon­se­quent in der Ehrlich­keit, die sie an den Tag legt. Hier erlangt „H wie Habicht“ die erzählerische Dimen­sion, die man aus den anderen epischen Begeg­nungen zwischen Mensch und wildem Tier kennt. Was Kapitän Ahabs Hass auf Moby Dick ist, entspricht hier dem Verlust von Helen Macdonald. Greifvogel und Wal sind Ventile für die Bedürf­nisse und Seelennöte von Men­schen.

Ich bin Helen Macdonald über die Felder gefolgt, über denen Mabel zum ersten Mal fliegen sollte. Ich spürte ihre Angst, den Vogel zu verlieren. Ich habe ihr dabei geholfen, Mabel hinters Licht zu führen, weil die ver­meint­liche Dunkelheit unter der Leder­haube den Vogel beruhigte. Ich habe mich den neugierigen Blicken der Menschen gestellt, die nicht verstehen konnten, auf welches Abenteuer sich die Autorin bewusst ein­gelassen hat. Aber ich war auch tief in den Instinkten von Mabel und wollte mir so oft vorstellen, wie schön es sein müsste, ohne Glöckchen und Fesseln frei sein zu dürfen. Ich spürte den Neid der Autorin auf diesen Platz, den ein Habicht im Leben gefunden hat:

„Für mich war sie etwas Helles, Lebendiges, etwas,
das seinen sicheren Platz für sich gefunden hatte.
Sie sprühte geradezu vor Leben…“
 

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Vom Habicht zum Falken…

Fesselnd ist dieses Buch. Sympathisch wurde mir die Sichtweise der Autorin nie. Oftmals hofft man auf ihr Schei­tern, wünscht sich, dass Mabel in die Lüfte entschwebt und entkommt. Und doch kann man dieses Buch nicht zur Seite legen, weil es sich liest wie der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, wie der Pakt zwischen Teufel und armer Seele. Wobei die Rollen niemals ganz klar zugeordnet sind, da der Habicht zur finalen Heimsuchung mutieren kann. Der Originaltitel des Buches „H is for Hawk“ klingt noch intensiver, als sei­ne Über­setzung. Als sei das H in seiner Aus­schließ­lichkeit für keinen anderen Begriff, als für den des Habichts reserviert, so gibt man sein Leben hin, wenn man ihn domestizieren möchte.

Wenn die Suche nach einem Habicht einer Gnade gleicht, dann wird sie uns Lesern in diesem Buch zuteil. Wenn wir dann noch mehr erfahren wollen über den Hintergrund und die Geschichte der Falknerei, ihre Tradition, die Abwege und die Menschen hinter den Greifvögeln, dann brauchen wir nicht lange zu suchen. Falke – Biographie eines Räubersstammt aus der gleichen Feder wie „H wie Habicht. Man muss Mabel nicht kennen, um sich den Falken anzuvertrauen. Und doch ist es wundervoll zu sehen, wo sich beide Bücher berühren. So unterschiedlich die Vögel sind, so sehr unterscheiden sich die beiden Werke. Sie sind wie Hund und Katze und doch weisen sie Parallelen in der Geschichte und Heran­gehensweise der Falknerei auf, die mehr als interessant zu lesen sind.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Literarisches Freifluggehege…

Wir begegnen in Falke. Biographie eines Räubers Menschen wieder, die wir aus H wie Habicht bereits kennen. Der Falke ist versachlichter als der Habicht. So kann man den wesentlichen Unterschied auf den Punkt bringen. Und wie bei der berühmten Frage nach Huhn und Ei, so ist es der Falke, der zuerst geschrieben wurde, bevor der Habicht seinen Sieges­zug antrat. Hier sieht man deutlich, dass Helen Macdonald nicht unbewusst in die Welt der Falknerei stolperte. Sie ließ sich sehenden Auges auf Mabel ein. Jedes Risiko war ihr be­wusst. Ob es sich gelohnt hat? Diese Frage sollten Sie sich nach dem Lesen selbst be­ant­worten.

Bauen Sie ein Nest in Ihr Bücherregal. Polstern Sie es gut, vermeiden Sie laute und unerwartete Geräusche und dimmen Sie das Licht dezent. Dann setzen Sie die beiden Buchschätze in ihrem Lesenest aus und beginnen Sie vorsichtig mit dem Brüten. Viele ent­behrungs­reiche und doch zugleich er­hellen­de Stunden warten auf Sie und auf dem Weg zu Mabel und den Falken werden Sie eins mit der Welt von Helen Macdonald. Sie werden viele Kontakte einbüßen und in der freien Natur anders atmen, als Sie viel­leicht je zuvor geatmet haben. Sie werden auf den Klang fliegender Glöckchen achten und es kann sein, dass Ihnen Feldmäuse als Beute erscheinen. Behaupten Sie also nie, dass ich Sie nicht vor diesen beiden Büchern gewarnt hätte. Sie sind ebenso gefährlich, wie die ungezähmte Natur, weil man sie kaum selbst zähmen kann.

Falke – Biographie eines Räubers – Helen Macdonald

PS: Bringen Sie kleine Glöckchen an den Buchrücken an. Das garantiert, dass Sie den Weg dieser beiden Werke nachverfolgen können, wenn sie zum Freiflug abheben. Hier sind sie wie Habicht und Falke… Räuber Ihrer Lesezeit und Bereicherung des Lebens.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald – Leseabenteuer

„Giacinta“ von Luigi Capuana – Eine verletzte Seele

„Giacinta“ von Luigi Capuana

Man nehme einen längst verstorbenen Schriftsteller mit einer leicht verschrobenen Vita, einen bereits 1879 er­schie­ne­nen Roman aus dessen Feder, etikettiere das Ganze als Literatur­klassiker mit skanda­lösem Inhalt und erobere den Bücher­markt. So oder so ähnlich könnte man den ver­lege­rischen Wagemut bezeichnen, der den Manesse Verlag motiviert haben könnte, Giacinta von Luigi Capuana übersetzt von Stefanie Römer ins gediegene Frühjahrs­programm auf­zunehmen. Weit ge­fehlt, auch wenn Capuana im lite­rarischen Universum fast schon in Vergessen­heit geraten ist, bleibt dieser Roman in verschiedener Hinsicht ein zeit­loses Meister­werk über die Psyche einer jungen Frau im Konflikt mit den gesell­schaftlichen Normen einer unaufgeklärten Zeit.

Capuana begann erst spät mit seinen eigenen Werken, war Literaturkritiker, Dozent und Bürger­meister, bevor er das eigene Schreiben kulti­vierte und mit „Giacinta“ einen echten Skandal­roman auf den Markt brachte. Aus­gerechnet er, möchte man sagen. Er, der in seiner Beziehung mit seiner Haus­hälterin mehrere uneheliche Kinder zeugte und diese post­wendend in ein Wai­sen­haus gab, schrieb über ein junges Mädchen, das seit seiner Geburt im elter­lichen Umfeld unerwünscht ist und zu einer Amme gegeben wird. Ausgerechnet er versetzt sich fortan in die ver­letzte Seele eines Kindes, für das dieses Auf­wachsen ohne liebe­volle Zuwendung durch die Eltern der erste Mosaikstein für eine ver­gewaltigte Kindheit wird.

Ausgerechnet er… Muss man sagen…

„Giacinta“ von Luigi Capuana

Skandalös ist und war dieser Roman, weil er über alle Elemente verfügt, die einen Skandal im wahrsten Wortsinn umfassen. Ein junges Mädchen in der un­schul­digen Blüte des Her­anwachsens. Eine unge­liebte elternlose Vergangenheit, verunsichert was Gefühle sind und wie man sie äußern kann und hineingeworfen in die unwirkliche Welt des Lebens in den gut situierten Kreisen ihrer Familie, als man sie schließlich aus den Händen der Amme befreit und ins immer noch lieblose Eltern­haus zurückbringt. Schon im Alter von 10 Jahren auf der Suche nach Zuwendung von einem Lauf­burschen allem beraubt, was eine Zukunft in diesen Kreisen sichern konnte. Ehre, Jungfräulichkeit und Ansehen. Giacinta zieht sich in ihr eigenes un­ver­schul­detes Leid zurück und durchlebt alle inneren Höllen­qualen eines befleckten Heran­wachsens.

An ihrer Seite finden sich später zahllose Männer, die um ihre Gunst buhlen. Ihre Eltern führen Giacinta in die Gesellschaft ein und erwarten endlich eine Verbindung, die der Familie gut zu Gesicht steht. Niemand jedoch kann sich in das Innenleben der Frau hinein­versetzen, deren Gefühl­swelt einem zerbrochenen Spiegel gleicht. Sie wirkt kühl, abweisend, ver­führerisch und spielt schein­bar mit den Männern aus ihrem Umfeld. Es ist der Tanz ums Goldene Kalb, den wir fortan erleben. Alte degenerierte Adelige sind es, die ihr den Hof machen, doch nur ein Mann weckt ihr emotionales Interesse. Für sie gibt es nur einen Weg sich auf ihn einzulassen. Die Angst vor der Entdeckung der nicht mehr vorhandenen Jung­fräu­lichkeit treibt sie in eine Todes­spirale der Psycho­logie. Nur ein paradox er­schei­nender Ehebruch scheint der erhoffte Befreiungs­schlag zu sein, der Giacinta zurück ins Leben spülen kann.

„Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden,
aber mein Ehemann, nein, niemals.“

„Giacinta“ von Luigi Capuana und „Die Poesie der Hörigkeit“ – Gemeinsamkeiten

Ausgerechnet er… Ja, ausgerechnet Luigi Capuana be­schreibt aus den tiefsten und plau­sibel­sten em­pathi­schen Tiefen heraus die Zerrissenheit einer jungen Frau, die sich in ihren verletzten Gefühlen verliert. Das Moral- und Sitten­bild stellt den Rahmen einer brillanten Erzählung dar, in der sich der Leser un­ein­geschränkt auf Giacinta einlassen muss, um ihre verdrehte Psyche verstehen zu können. Capuana zeigt uns hinsicht­lich aktueller Ehebruchs- und Ent­wicklungs­romane auf, wie viel­schichtig die Verletzung der Psyche sich auswirken kann, wie para­dox das Denken und Fühlen auf dieser Basis ist und wie un­wahr­scheinlich es ist, eine zer­brochene Kindheit durch gutes Zureden heilen zu können.

Giacinta ist vieles zugleich. Sie zieht Männer an, wie Motten das Licht und wehrt sie alle standhaft ab. Das Leben in einer Gesellschaft, in der Gerüchte über ihre geraubte Unschuld salon­fähig sind, lässt sie zu einer Frau werden, die Opfer und Täter zugleich ist. Sie zu lieben bedeutet den Untergang. Sie nicht zu lieben bedeutet den tiefen Fall in die Be­deutungs­losigkeit der Liebe. Sie nicht zu lesen bedeutet einen Verlust, der nicht kompensiert werden kann, wenn man an die wahre Macht der Liebe glaubt. „Giacinta“ zu lesen und sie zu vergessen ist unmöglich, weil man ihrer Faszination nicht entgehen kann. Das Buch un­beschadet zu ver­lassen, scheint ausgeschlossen….

(Rezi-Shortcut) „Giacinta“ von Luigi Capuana

Eine weitere verletzte Seele: Mopsa Sternheim in „Die Poesie der Hörigkeit

„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie komplett. Drei einzigartige Ausgaben von Jugendbuchklassikern haben ihren Weg aus England nach Deutschland gefunden und setzen Maßstäbe hin­sicht­lich ihrer optischen, haptischen und inhaltlichen Gestaltung. „Peter Pan und Die Schöne und das Biesthabe ich in der kleinen literarischen Sternwarte bereits ausführlich und vor dem Hintergrund ihres Stellen­wertes als Originalausgaben der großen Klassiker im Vergleich zur inhaltlich Verkür­zung, die diese Werke im Laufe der Zeit erfahren haben, vorgestellt. Walt Disney hat hier seine Spuren hinter­lassen. Aus dem filmischen Extrakt dieser Werke lassen die Bücher des Coppenrath Verlages wieder auf ihren Ursprung schließen.

Drei bibliophile Gesamtkunstwerke hat der britische Verlag Harper Design mit dem renommierten Illus­trations­studio MinaLima literarisch interaktiv ani­miert und somit auch den Kern dieser Klassiker reanimiert. Nun schließt sich der Kreis mit der vorerst letzten Ausgabe dieser Reihe, die für den deutschen Markt perfekt und detail­getreu umgesetzt und tadellos übersetzt wurde. „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling ist für mich das absolute Highlight dieser Kollek­tion, die eigentlich in keinem Bücherregal bibliophil veranlagter Menschen fehlen darf. Jeder kennt diese Geschichte. Jeder hat den Disney Film gesehen, mit Baloo getanzt, vor Shir Khan gezittert, mit Bagheera gejagt und mit Mowgli in die hyp­notischen Augen der Riesen­schlange Kaa geschaut. Unvergessen.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“. Ein Film-Ohrwurm, der uns noch heute begleitet, wenn wir an das Dschungel­buch denken. Und doch denken wir falsch. Wir denken mal wieder in den Dimensionen der Ver­einfach­ung und haben schon lange aus den Augen verloren, was das Dschungel­buch eigent­lich war. Vergessen wir Walt Disney. Besinnen wir uns mit der vor­liegenden Ausgabe auf das wahre und einzige Dschungel­buch, und besinnen wir uns darauf, dass es richtiger­weise „Die Dschungel­bücher“ sind, die vor mehr als 120 Jahren von Rudyard Kipling verfasst wurden. Es waren Geschichten und Gedichte, Gesänge und Legen­den der Tiere des Dschungels, die Kipling hier erdachte. Nur drei dieser Erzäh­lungen handeln von Mowgli, dem Findelkind. Nur diese drei sind in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Und das auch nur rudi­mentär.

Hiermit räumt „Das Dschungelbuch“ mit dieser Pracht­ausgabe auf! Erwartet also mehr. Hier ist es erlaubt, viel mehr zu erwarten, als man eigentlich erwarten dürfte. Das ist wohl die größte Leistung dieses Buches, nicht nur die Erzählung von Mowgli in ihrer ursprüng­lichen Fassung zu ver­öffent­lichen, sondern die authentische Struktur in sieben Geschichte mit ihren Gesängen und Gedichten zu präsen­tieren. Ein lite­rarisch­es Beben geht durch dieses Buch, da es so sehr verdeutlicht, in welch genialer Qualität Rudayrd Kipling fühlte, dachte und schrieb. Das Dschungel­buch legte den Grundstein für den im Jahr 1907 an ihn verliehenen Literatur­nobelpreis. Er ist noch heute der jüngste aller Preisträger in der Literatur­geschichte. Und er hatte das mit 42 Jahren mehr als verdient.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Der weltbekannte Film von Walt Disney war lediglich von Mowglis Geschichte und den tierischen Helden Kiplings inspiriert, hatte jedoch mit der litera­rischen Qualität des Buches so wenig zu tun, wie die Filmmusik mit den Gesängen der Tiere im Original. Es ist aus heu­tiger Sicht nur mit J.R.R. Tolkien zu vergleichen, was Rudyard Kipling schon viel früher leistete. Er erfand nicht nur tierische Protagonisten, er erweiterte den Be­griff der Fabel um die reine Fabulier­kunst seiner Charak­tere und bettete sie in eine Welt aus Legen­den und Mythen ein, die im ständigen Konflikt mit der Welt der Menschen lebt. Es ist Mowgli, der diese Welten in sich trägt. Adoptiert und groß­gezogen von Wölfen, in die Gesetze des Dschungels unterwiesen von Baloo, dem Bären und beschützt von einem schwarzen Panther namens Bagheera.

Der Weg des Jungen wird von Kipling so lebendig be­schrieben, als wäre er selbst an seiner Seite gewesen. Er lernt die Sprache der Wildnis, die Gesetz­mäßig­keiten des Lebens in einem Rudel und kombiniert seine Begabungen mit den Instinkten aller Tiere in seinem Umfeld. Die Angst vor dem Tiger Shir Khan eint alle Lebe­wesen. Der Konflikt mit seinem Rudel, die Flucht zu den Menschen und seine Ver­treibung aus ihren Reihen machen aus dem jungen Mowgli den charis­matischen Anführer und Befreier, der gegen alle Unter­drückung und Ausgrenzung kämpft. Ein großer Ent­wicklungs­roman in einem Szenario, das metaphorischer nicht sein könnte. Und dies so literarisch brillant verfasst, dass der Literatur­nobelpreis nur als logische Konsequenz des Schreibens erscheint.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Dieses Buch vereint die alte Struktur der Erzählungen mit Liedern und Gedichten mit dem neuge­stalteten Medium eines interaktiv gestalteten Buchkunstwerks. Illustra­tionen und Inlays heben die Besonder­heiten des Textes hervor. Die Gesetze der Tiere werden greifbar, weil man sie im wahrsten Sinne des Wortes entfalten kann. Der magische und grausame Hungertanz des Felsenpythons Kaa wird hypnotisch fühlbar. Und auch die Treib­jagd auf den grausamen Menschen­fresser Shir Khan wird durch die Hufabdrücke seiner Verfolger sichtbar. Ein mehrdimensionales Erlebnis für Groß und Klein. Hier wird greifbar, was diese Erzäh­lungen mit Ge­nera­tionen von Kindern seit 1894 angestellt und was sie ausgelöst haben.

Dabei sind die einzelnen Charaktere bei Kipling so tief angelegt, wie ihre Vorbilder in der Wildnis. Freund­schaften sind nicht ober­flächlich sondern leben­swichtig und eine unstill­bare Sehn­sucht nach der Welt der Menschen führt Mowgli fast in den Untergang. Wer diese drei Erzählungen mit ihren Liedern gelesen hat, wird die Tiere, die er erkennt ganz anders wahr­nehmen, als dies bisher der Fall war. Wir werden selbst zum Teil des Dschungels und erleben unser blaues und grünes Wunder. Gänsehaut inklusive, wenn die großen Reden an unsere Ohren dringen:

„Wir vom Dschungel trinken nicht, wo die Affen trinken; wir gehen nicht dorthin, wo die Affen hingehen; wir jagen nicht, wo sie jagen; und wir sterben nicht, wo sie sterben. Habe ich die Bandar-Log je zuvor auch nur erwähnt?“

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Rudyard Kipling infiziert uns mit dem großen frie­dens­stiftenden Mantra Mowglis, mit dem er in der Sprache aller Tiere Gefolgschaft einfordert und Schutz findet. Er lässt die Menschen tierischer aussehen, als die grausamsten Tiere und macht klar, wer der eigent­liche Feind allen Lebens ist. Nach jeder Erzählung ist man versucht, selbst jedem Tier zuzurufen:

“Du und ich, wir sind vom gleichen Blut.“

Besser können lehrreiche und fantasievolle Ge­schich­ten nicht erzählt werden. Es ist ein fast unbeschreib­liches Gefühl, sich durch dieses Dschungel­buch zu wühlen, als wäre man selbst in seinem tiefen Dickicht gefangen. Es ist ein wahres Wunder, wirklich mehr von diesem Buch erwarten zu dürfen, denn es endet nicht mit Mowgli. Es geht da weiter, wo die Dschungel­bücher weitergingen. Vier Er­zäh­lungen voller Weisheit setzen uns in der Wildnis aus und machen uns zu Weg­gefährten unvergess­licher Tiere. Allein die Geschichte „Die weiße Robbe“ ist so zeitlos und traurig schön, dass man vergisst, wann sie geschrieben wurde.

Der weißen Robbe Kotick auf ihrem Weg zu folgen macht Leser auch heute noch so zornig, wie es vor langer Zeit gewesen sein mag. Geholfen hat es wohl we­nig. Als Baby wird Kotick früh zum Zeugen der Robben­jagd, erlebt das Abschlachten ganzer Herden und macht sich auf die Suche nach einer Bucht, in der es keine Menschen gab, gibt und geben wird. „Lukan­non“, das Lied der Robben am Ende der Er­zäh­lung bleibt ganz tief im Herzen des Lesers ver­ankert.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie vereint. Drei Werke, die in ihrer Zeit zu Legenden wurden und in unserer Zeit nur noch fragmen­tarisch in Erinnerung sind. Ich durfte den Ursprung des Extraktes genießen und bin jetzt süchtig danach. Entdeckt doch die noch ungelesenen Welten in diesem Dschungel­buch, das eigent­lich Dschungel­bücher umfasst. Findet einen Mungo, behütet eine Elefanten­herde und lauscht den Unterhal­tungen der Lagertiere im Dienste ihrer Majestät. Ihr werdet neue Welten entdecken und nie wieder vom Dschungel­buch als Mowglis Geschichte sprechen. Es ist so viel mehr und wer jetzt diesen Trailer zum Buch anschauen kann, ohne dem Wunsch zu erliegen, es zu lesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Sieben Erzählungen warten auf Euch… Auf in den Dschungel.

PS: Sagte ich eingangs, sie sind jetzt komplett? Schaut mal hier. Ich bleibe am Ball.

(Rezi-Shortcut) Samuel Selvon – „Die Taugenichtse“

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium:  Die Taugenichtse von Samuel Selvon

„The Lonely Londoners“, so der Originaltitel des Ro­mans von Samuel Selvon, ist Rhythmus pur. Sprach­lich repräsentiert er den Sound der Einwanderer aus der Karibik, die in London versuchen ihr Glück zu finden. Inhaltlich wird er den Menschen gerecht, deren Streben nach einer besseren Zukunft mit dem Verlassen der Heimat und einem Neustart in einem völlig un­gewohn­ten Kultur­kreis beginnt. Die Taugenichtse nimmt nun in deutscher Übersetzung von Miriam Mandel­kow erstmals diese Sprach­melodie auf, zu der Samuel Selvon erst fand, nachdem er fest­stellte, dass er der Erzähl­stimme nur Gehör verschaffen konnte, wenn sie nach Trinidad und Jamaika schmeckt.

Lassen wir alle uns bekannten biografischen Fakten beiseite, dann würden wir mit aller Über­zeugungs­kraft davon ausgehen, dass dieses Buch erst vor ein paar Wochen geschrieben wurde. Es liest sich dynamisch, frisch, zeitlos und unglaub­lich modern. Es zieht seine Leser in einen rhyth­mischen Bann, der verdeut­licht, wie fremd man sich im Herzen des British Empire fühlen kann, wenn man in Bezug auf Sprache und Hautfarbe nicht der stereo­typen Vor­stellung eines typischen Engländers entspricht. Dieser Roman ist so schwarz wie seine Prota­gonisten und so lebensfroh wie eine Sommernacht in der Karibik. Was schert mich die Zukunft, wenn ich jetzt lebe? Ein Lebens­rausch wird zum Mantra der „Taugenichtse“.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Berücksichtigen wir alle biografischen Fakten, dann wissen wir, dass dieser Roman bereits 1956 in England publiziert wurde und sein aus Trinidad stammender Verfasser Samuel Selvon seit 1994 nicht mehr unter den Lebenden weilt. Dieses Wissen verhilft uns lesend zu der Erkenntnis, dass die verwendete karibische Sprach­melodie zu ihrer Zeit bahn­brechend gewesen sein muss und der Schrift­steller als literarische Hebamme einer englischen National­sprache mit völlig neuer Klangfarbe und Iden­tität fungierte. Es ist das London der Nach­kriegs­jahre, das sich mit einer Flut an Einwanderern aus dem gesamten Common­wealth konfrontiert sieht. Und genau in der wörtlichen Über­setzung dieses Empire-Gedankens liegt die An­ziehungs­kraft Londons für die Menschen aus der Karibik.

Der gemeinsame Wohlstand zieht die Erfolglosen, Träumer und Idea­listen an. Die Legenden vom besseren Verdienst, der guten Arbeit und dem auf der Straße liegen­den Reichtum tritt Welle um Welle der Emigranten­flut los und London wird zum heiligen Gral ihrer Flucht. Der „Wohlstaat“, so formuliert es einer der Pro­ta­gonisten wartet genau auf ihn. Und wenn man schon aus einer britischen Kolonie in das Mutterland der Sehn­sucht kommt, dann erfüllen sich alle Hoffnungen. Schade ist nur, dass neben den Emi­granten aus der Karibik auch halb Indien auf dem Weg nach London war. Und so galt es sich in die Schar der Nicht­skönner und Tauge­nichtse ein­zureihen, die zur Aus­beutung auf dem umkämpften Markt der Knochen­jobs wie geschaffen war.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Und so lernen wir sie kennen. Moses, den Brückenkopf aus Trinidad weil er schon so lange in London lebt und großherzig jedem Neuen mit Rat und Tat zur Seite steht. Bart, der das nächtliche London auf der Suche nach der geflüchteten Geliebten durchstreift, Tolroy, der ei­gent­lich nur seine Mutter aus Jamaika erwartet, dann aber seiner ganzen Familie gegen­über­steht. Cap, den Le­bens­­künstler, der sich selbst und der Welt beweist wie weit man kommt, wenn man acht Pfund mehrmals aus- und wieder verleiht. Lewis, der von Eifer­sucht getrieben seine Frau durchs Leben prügelt, als befände er sich noch in der Karibik. Und weitere Exoten ihrer ganz eigenen Art, die zum Leben erwachen, als in London der Frühling Einzug hält. Hier erfinden die Menschen sich selbst, ihre Heimat und das „Zentrum der Welt“ neu und hinter­lassen Spuren, die bis heute zu sehen sind.

Samuel Selvon slangt sich durch seinen Roman. So­ziale Unter­schiede prägen das Leben der Neuen in London, aber sie beginnen ihre neue Stadt ebenso zu prägen. Ein wundervoll skurriler Roman über ver­schro­bene und sym­pathische Menschen, die alles nicht so schwer nehmen, wie man es ihnen macht. Und wenn der Hunger die Finanzen übersteigt, dann werden in London die Tauben knapp. Lesen­swert und lieben­swert. Im Kontext der heutigen Dis­kussion über Menschen mit Mi­grations­hinter­grund ein Beweis für die Tatsache, dass jeder Flucht eine Flucht voraus­ging und jeder Flucht eine weitere folgte und folgen wird. Und trotzdem steht London auch noch heute. Ganz ehrlich.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Nachtrag…

Alleine und auf sich gestellt, so empfand ich die Men­schen aus der Karibik, denen ich in London begegnete. Lebens­künstler allesamt. Herzens­menschen von Gefühl und Sehn­sucht getrieben. Tauge­nichtse waren sie aus Sicht der Anderen. Für mich sind sie immer „The Lonely Londoners“.

„Einzig“ von Kathryn Evans

Einzig von Kathryn Evans

Wenn man sich vorbehaltlos auf die Ausgangssituation des Thrillers „Einzig“ aus der Feder von Kathryn Evans einlässt, dann steht dem un­einge­schränkten Lesespaß nichts im Wege. Sollte man jedoch eher auf der Suche nach Romanen sein, die in jeder Beziehung wissen­schaftl­ich wasserdicht sind und Probleme mit be­stim­mten Szenarien haben, die fernab der Realität liegen, dann sollte man sich und dem Buch den Gefallen tun, es nicht zu lesen. Hier gilt es, sich auf die Fantasie der Autorin einzulassen, ihr fast blind zu vertrauen und sich durch einen Thriller führen zu lassen, dessen Grundidee so faszinierend ist, dass sie diesen Roman zum „Einzig“artigen Leseerlebnis werden lässt.

Die Ausgangssituation:

Teva ist eine ganz normale Sechzehnjährige. Ein le­bens­lustiges Mädchen mit allem was man sich so vom Leben wünscht. Status: glücklich verliebt, beste Freun­din immer an ihrer Seite und schulisch läuft alles reibungslos. Wäre alles wunderbar, wüsste Teva nicht, dass ihr nur 365 Tage ihres eigenen Lebens bleiben, bevor für sie alles so endet, wie es bereits fünfzehn Mal sein Ende in einem neuen Anfang fand. Sie ist nicht einzig. Das bildet sie sich nicht ein, sie sieht es täglich mit eigenen Augen. Einmal im Jahr teilt sich der Körper, den Teva für ihren hält, lässt seine Vor­gänger­version zurück und geht hinaus ins Leben. Teva selbst hat „Fünf­zehn“ auf diese Weise verlassen und ihr Leben, ihren Freund, die beste Freun­din und das gesamte Umfeld erobert. Nun bleibt ihr genau ein Jahr, bis auch sie zurückgelassen wird.

Einzig von Kathryn Evans

„Ich bin stärker in ihr geworden.“

Dieser erste Satz des Thrillers mit dem Original­titel „More of me“ steht signi­fikant für die spannungs­geladene Story. Denn während diese Teilungen bei den jüngeren Tevas ohne großen Wider­stand verliefen, haben die Mädchen mit zun­ehmen­dem Alter wesent­lich mehr zu verlieren. Die Liebe ihres Lebens zum Beispiel. Das Versteckspiel dauert nun schon sech­zehn Jahre. Nur die aktuelle Version darf am Leben teilnehmen, während ihre Vorgänger­innen von der Mutter zuhause versteckt werden. Jedes Kind in dem Alter, in dem es zurück­gelassen wurde und jedes Kind zeitlos in dieser endlosen Schleife gefangen. Teva beschließt aus dem Kreislauf auszubrechen. Sie will ihr Leben leben und einen Ausweg aus der Einjahres-Spirale finden. Die einzigen Menschen, die ihr dabei helfen können ahnen nicht, dass sie mit einem Mädchen befreundet sind, das sie erst seit wenigen Wochen kennt und dessen Erinne­rungen aus dem Gedächt­nis der Vorgänger­innen stammt.

Teva übernimmt die beste Freundin und den Freund von „Fünfzehn“. Während die Zurückgelassene zuhause um ihr vergangenes Leben, um ihre Chancen und die große Liebe ihres Lebens trauert, muss sie erkennen, dass Teva alle Lücken geschlossen hat und niemand gemerkt hat, was passiert ist. Eifersucht ist eine mächtige Trieb­feder und Teva prallt bei „Fünfzehn“ auf eine un­erbitt­liche Gegnerin in den eigenen Reihen. Hier entbrennt ein Kampf an allen Fronten des Lebens. Wird Teva einen Ausweg finden der verhindert, dass sie zurück­gelassen wird und eine neue Variante sie zu „Sechzehn“ mit einem Leben im Ver­borgenen macht? Wird die Zeit reichen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen oder macht ihr „Fünfzehn“ einen gewaltigen Strich durch die Rechnung?

Einzig von Kathryn Evans

Oh ja, das klingt skurril und ist wissenschaftlich nicht haltbar, könnte man denken. Sicher ein Thriller, bei dem die Protagonistin am Ende feststellt, dass sie in einem ewig währenden Traum gefangen war und alles ganz normal ist. Oh nein. So leicht macht es sich die Autorin nicht. Sie konstruiert eine Ausgangs­situation, die eine Lawine möglich macht, in der jeder einzelne Charakter des Romans unterzugehen droht. Per­spek­tiven und ihr Wechsel machen diesen Thriller absolut lesens­wert. Wie fühlt sich ein Mensch, der realisieren muss, dass er nicht älter wird, nur ein Jahr lang am Leben teil­haben darf und dann von einer aktuelleren Version ersetzt wird? Wie fühlt man sich im Körper von Menschen, die zuvor in ihm gelebt haben und jetzt zusehen müssen, wie ihr Leben für sie hätte weitergehen können?

Und wie fühlt man sich in einem Leben, dem nur ein Jahr Zeit bleibt? Hier wirft die Autorin Fragen auf, die den geneigten Leser von Seite zu Seite atemloser durch diesen facetten­reichen Roman peitschen. Die Charak­tere sind plausibel angelegt, kämpferisch gezeichnet und in ihrer Hilflosigkeit dem Schicksal ausge­liefert. Die Szenerie verknappt die eigentlichen Fragen des Lebens auf den Zeitraum eines Jahres. Jeder Mensch fühlt sich in einer Zeit­scheibe gefangen, die endlich ist. Und doch strebt jeder nach Erfolg im Leben. Man häuft Reichtümer an, begnügt sich mit Ober­flächlich­keit und verschwendet lebens­wichtige Zeit. Darf es dann wundern, wenn auch Teva in ganz normale Muster in einem nicht normalen Leben verfällt?

Einzig von Kathryn Evans

Darf es verwundern, wenn sie Pläne macht, sich der Liebe öffnet und in der Schule erfolgreich sein will? Die Spirale ihres Lebens ist zeitlich klarer dimensioniert. Ein Jahr. Mehr bleibt ihr nicht. Die Flucht nach vorne ent­spricht nicht nur ihrem Charakter. In ihr liegt die kollektive Gefühls- und Gedächtniswelt ihrer Schwes­tern verborgen, die eben genau das nicht sind. Schwestern. Sie sind im weitesten Sinne eher mit Matrjoschka-Puppen zu vergleichen. Ineinander steckend, für sich selbst exis­tierend, aber niemals weiter wachsend. An diesem Bild kann man sich orientieren, wenn der Zweifel wächst. Ein Bild, das für mich diesen Thriller versinn­bildlicht. Auf mein Leben übertragen würde ich abends nach Hause kommen und 54 Vorgänger­versionen würden auf mich warten, würden mich argwöhnisch beobachten und neidisch auf dieses eine Jahr schauen, das mir alleine gehört.

Die zeitliche Nähe zum Vorgänger würde dabei das größte Konfliktpotenzial mit sich bringen. Was hat jemand aufgebaut, das er nicht fortsetzen kann? Worauf hat man sich gefreut und kann es doch nicht selbst erleben? Wo sind die Grenzen der eigenen Welt und wie enttäuscht ist man von Freunden und Geliebten, die gar nicht erkennen, dass man selbst nicht mehr vor ihnen steht? Wie weit könnte man gehen, um diesem Leben zu entfliehen? Fragen, die aus dem Buch springen und als Denkmodell der utopischen Ausgangslage be­wusst­seins­erweiternd sein können.

Einzig von Kathryn Evans

Teva stößt an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Existenz. Sie erlebt absolute Grenz­erfahrungen und versucht, alle Steine in Rollen zu bringen, um nicht nur ein einziges Jahr am Leben teil­haben zu können, bevor die nächste Variante schlüpft. Dabei greift sie zu drastischen Schritten, als die ersten An­zeichen von „Siebzehn“ sich Raum ver­schaffen. Nichts für schwache Nerven, nichts für Zart­besaitete und schon gar nichts für die hemmungs­losen Realisten, die nur glauben, was in Wikipedia steht. Man darf in diesem Thriller keine Lösung erwarten, die aus einer Utopie eine Realität macht. Aber man darf von Kathryn Evans am Ende allen Lesens ein Ende erwarten, das nicht so einfach gestrickt ist, wie man es oftmals vorfindet.

Ich habe der Autorin vertraut. Das Gedankenexperiment hat sich gelohnt. Ich war in jeder Sequenz dieses Thril­lers an der Seite von Teva, weil es leicht ist, mit ihr zu fühlen und zu denken, wenn man sich auf diesen Roman einlässt. Dann wird er „Einzig“ und bleibt lange im Gedächtnis, weil er sich erfreulich abhebt vom geistigen Einerlei, das in diesem Genre um sich greift. Lesens- und empfehlens­wert. Auch wenn wir uns noch nicht teilen können, die Leser­erlebnisse sind teilbar. Und das völlig risikolos…

Einzig von Kathryn Evans