The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Was bist du doch für ein wunderschöner Mann!“

Hört Mann das nicht gerne, wenn eine Frau diese magischen Worte haucht? Ist es nicht berührend, dies von seiner eigenen Ehefrau zu hören? Kann Liebe größer sein? Was aber, wenn dieses liebevolle Kompliment auf taube Ohren stößt? Was aber, wenn der Angesprochene alles empfindet, nur eben das nicht? Was aber, wenn der Mann dem diese Worte gelten sich selbst in einem falschen Körper gefangen fühlt?

Soie können auch zuhören - Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Sie können auch zuhören – Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Wenn die Männlichkeit zum Fluch verkommt, wenn Geschlechterrollen zu Fesseln werden und das Umfeld befremdet reagiert und sich hinter Klischees versteckt? Wenn Psychologen von Schizophrenie sprechen und die Plattitüde von der Homosexualität die Runde macht? Wenn die pralle Weiblichkeit neben dir den Reiz verliert? Wenn man sich in seiner ersehnten femininen Welt fallen lassen möchte und sich nicht verkleidet, sondern seinen Traum zu leben beginnt? Ja, was dann?

Transgender. Auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Auf dem Weg zum eigenen sexuellen und geschlechtlichen Rollenempfinden. Auch heute noch schwer zu verstehen. Immer noch nicht im empathischen Gedankengut verwurzelt. Desorientiert fühlt man sich selbst. Desorientiert reagiert das Umfeld. Wenn aber die Frau deines Lebens an deiner Seite bleibt und gegen alle Widerstände der Zeit den schwersten Kampf deines Lebens mit dir kämpft? Ist das nicht die wahre große Liebe jenseits aller Konventionen. Was aber, wenn dieser Kampf vor fast genau 100 Jahren auf dem konservativen Schlachtfeld der Bigotterie tobte?

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff erzählt genau diese wahre Geschichte. Eine Geschichte, die nicht nur durch den Roman, sondern durch dessen filmische Adaption gerade in aller Munde ist. Und dies nicht nur aufgrund seiner opulenten Bilder und der genialen Umsetzung, sondern weil man mit Eddie Redmayne einen Schauspieler auf die Leinwand bringt, der alle Facetten des Vorstellbaren fühlbar macht. Er ist ebenso der dänische Maler Einar Wegener, verheiratet und erfolgreich, wie auch die tief in ihm verborgene Frau, die pulsiert, vibriert und wie ein Vulkan aus ihm herausbrechen will. Lili Elbe.

Buch und Film erzählen hier auf ihre ganz eigene Art und Weise und mit ihren unvergleichbaren Stilmitteln die wahre Geschichte der ersten Geschlechtsumwandlung eines intersexuellen Menschen. Und dies zu einer Zeit, in der die Welt anscheinend ganz andere Sorgen hatte, als sich um das geschlechtliche Empfinden eines Menschen zu kümmern. Der Erste Weltkrieg war kaum überwunden, als schon die Vorzeichen neuer Konflikte erkennbar waren, als sich Einar Wegener 1931 in Dresden zum dritten Mal operieren ließ. In Begleitung seiner Ehefrau Greta, einer erfolgreichen Malerin.

Alles beginnt in Kopenhagen. Spielerisch. Kindlich naiv und doch faszinierend für das junge Ehepaar. Als Greta das Bild einer Sängerin vollenden möchte und diese selbst nicht Modell sitzen kann, bittet sie ihren Mann Einar, ihr doch nur ganz kurz seine Beine zu leihen. Natürlich in Seidenstrümpfen und Damenschuhen. Nur ganz kurz. Und auch das seidige Kleid soll er nur für einen Moment an seinen Körper schmiegen. Nur das. Nicht mehr.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

In diesem Moment erwacht Lili zum Leben. In diesem Moment wird aus der lange gefühlten inneren Verunsicherung sehr langsam die Gewissheit, und Einar beginnt in seinem Körper zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zu spüren. Er fühlt sich zerrissen, sexuell völlig überfordert und spürt, wie Lili immer mehr Raum in ihm selbst einnimmt. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an der Beziehung vorbei. Greta fühlt, dass sie etwas ausgelöst hat und lässt Lili zu.

„Sie fragte sich niemals, warum sie es zuließ, dass Lili sich in ihr Leben drängte. Wenn es Einar glücklich macht, ist alles erlaubt, sagte sie sich. Absolut alles.“

Greta realisiert schnell, dass es ihrem Mann nicht ums Verkleiden geht. Es ist kein Spiel. Sie spürt den ihr drohenden Verlust ihres Lebensgefährten und der Liebe ihres Lebens. Sie gibt Einar die Freiheit, um seine innere Seite zu leben. Sie akzeptiert Lilis Anwesenheit, ihre kleinen Eskapaden und die Suche nach Erfüllung. Sie toleriert sogar Lilis Ausflüge in eine ganz eigene Sexualität, die ziellos, unsicher und verschüchtert erfolgen. Greta Wegener kämpft nicht gegen Lili an. Der wohl größte Liebesbeweis, den eine Frau ihrem Partner machen kann.

Greta zeichnet Portraits von Lili. Voller Hingabe versucht sie all ihre Liebe in diese Gemälde einfließen zu lassen und merkt doch von Bild zu Bild mehr, wie sehr Einar verschwindet. Diese Gemälde machen sie berühmt. Ein gemeinsames Leben in Paris macht sie freier von Konventionen. Ein alter Jugendfreund von Einar gibt ihr Halt. Doch Einar selbst ist bereits ganz in Lili aufgegangen. Selbst seine eigene Malerei versiegt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

Der letzte Schritt zur Selbstfindung ist eine Operation, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gewagt wurde. Eine Geschlechtsumwandlung ist chirurgisches Neuland, doch während alle Ärzte lediglich Schizophrenie oder Homosexualität als Ursache für den inneren Konflikt vermuten, gibt es einen Arzt aus Dresden, der das Unmögliche wagt. In Dresden findet Einar Wegener seine Bestimmung. Beim Blick auf den Fluss findet er seinen vollen Namen. Lili Elbe. Begleitet von Greta stellt er sich der inneren Befreiung. Dem letzten denkbaren Schritt auf dem Weg zur Frau.

Für Greta bedeutet dies, den Tod des eigenen Mannes zu erleben. Für sie ist der Abschied brutal, während für Einar nur der quälende Lebensabschnitt endet, in dem er unfreiwilliger Gast seines Körpers war. Ob beide die Geburtsstunde Lilis erleben? Hier möchte ich an dieser Stelle weder dem Roman noch der Verfilmung vorgreifen. Beide gehen Hand in Hand und nutzen die gesamte Bandbreite des jeweiligen Mediums.

Wo der Film mit Bildkompositionen und der Klasse seiner Schauspieler brilliert, da schöpft der Roman aus der Geschichte der Beziehung. Innenansichten sind weniger interpretierbar, sondern im wahrsten Wortsinne erlesbar. Im Roman „Das dänische Mädchen“ ist die Entwicklung der Persönlichkeit von Lili ein lange angelegter Prozess. Schleichend und immer weiter raumgreifend. Einar und Greta wird mehr Geschichte eingeräumt, die vor Beginn der eigentlichen Handlung der Verfilmung angesiedelt ist. Tiefe entsteht in dieser Fassung auch durch Wissen.

Der größte Unterschied ist die Qualität der Beziehung zwischen Einar und Greta. Während sie im Film noch als verliebtes Pärchen gezeigt werden, das in der Sexualität befreit und glücklich ist, erzählt der Roman eine andere, differenziertere Geschichte. Hier steht schon früh im Mittelpunkt, dass dieses Paar keine Kinder bekommen wird, weil die geschlechtliche Beziehung brach liegt. Tiefe Konflikte liegen in der Luft und die Entwicklung vollzieht sich in eruptiven Kurven.

Allzu unvermutet entsteht aus der ersten Verkleidungsszene im Film der plötzliche Wunsch, nach dieser Lili zu suchen, die zufällig gefunden wurde. Und doch ist der Film ein Meisterwerk. Eddie Redmayne haucht unserem Bild von Lili Elbe Leben ein. Er wird dem realen Menschen, dessen Geschichte hier erzählt wird, ohne Überzeichnung und Verkitschung gerecht. Er ist die absolute Idealbesetzung für den Film, weil er aus jedem Augenblick einen großen Moment des Mitfühlens entstehen lässt.

Ebenso sehr liebe ich auch den Roman. Gefühle tragen die Handlung, Bilder werden greifbar und die sanft anmutende Erzählweise lässt die Mauern des Nicht-Verstehens einbrechen. Das FJB Jugendbuch Zusammen werden wir leuchten hat sich dieses Themas ebenso behutsam angenommen. Gemeinsame Leitmotive finden wir in beiden Geschichten und erkennen, wie schwer die Selbstfindung auch in unserer aufgeklärten heutigen Zeit noch ist.

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

The Danish Girl“ – Sehenswert. Prädikat: wertvoll.
Das dänische Mädchen“ – Lesenswert. Prädikat: Herzensbuch.
Beides gemeinsam – Liebenswert. Prädikat: Großes Kino für Herz und Verstand.
Und sehr relevant für die Oscar-Verleihung 2016 mit überraschendem Ausgang.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

SPOILER…

Ich schreibe eigentlich niemals über das Ende eines Romans oder eines Films. Ich möchte niemanden um die letzten Momente des Lesens oder Sehens berauben. Hier kann ich nicht anders. Im Buch und im Kinofilm nach Dresden zu reisen, um dort zu erleben, wie nicht nur Einar Wegener, sondern auch Lili Elbe ihr Leben verliert, war und ist einer der emotionalsten Momente meines Lesens und Sehens. Und doch war Lili, als sie ihre Augen für immer schloss ihrem eigenen Ich näher, als in Einar eine Lebenslüge weiterzuleben.

Es ist nicht schön, in Dresden zu sterben. Manche Bücher verlangen sehr viel von mir. Und auch wenn sich die Begleitumstände des letzten Atemzuges in Buch und Film unterscheiden, hier geht es nur um Lili. Das ist es was zählt. Nicht mehr…

Es war jener Moment, in dem aus dem Balkon von Europa der Balkon der ganzen Welt wurde. Der Welt von Lili Elbe.

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Editorischer Hinweis: Im wahren Leben hieß die Ehefrau von Einar Wegener GERDA. So auch im Film. Im Roman wird sie Greta genannt.

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28 Gedanken zu „The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff

  1. Pingback: “Zusammen werden wir leuchten” von Lisa Williamson | AstroLibrium

  2. Eine wunderschöne Beschreibung/Besprechung von Film und Buch. DIe dazugehörigen Bilder sind direkt vor meinen Augen abgelaufen. Auf den Film werde ich wohl noch ein wenig warten müssten, unser Kino hängt da immer etwas hinten dran. Aber sie haben mir versprochen, ihn zeitnah zu zeigen. Ich freue mich sehr. Jetzt noch viel mehr, denn wer vorher noch unschlüssig war, ist spätestens jetzt nach lesen deiner Texte davon überzeugt worden, sich zumindest den Film anzuschauen.

    Und zu Eddie Redmayne muss ich nicht mehr viel sagen. Ein wunderbarer und talentierter Schauspieler, den ich immer wieder gerne sehe und dem ich auch dieses Jahr den Oscar für seine schauspielerische Leistung gönne. Und das, obwohl ich den Film noch nicht gesehen habe.

    Den Spoiler hab ich jetzt schnell übersprungen 🙂

  3. Deine bisherigen Worte VOR diesem Artikel, bescherten mir eine Gänsehaut.
    Die Worte in deinem Artikel, bescherten mir eine Gänsehaut.

    Aber…

    Die Worte am Ende des Artikels – die Worte unter dem Wort Spoiler…

    Arndt – diese Worte bescherten mir keine Gänsehaut – diese Worte überzogen mich mit einem Film der Emotionalität und ließen meine Augen lachen und weinen. Eine Komposition des uns – diese bedarf keine weiteren Worte. Manchmal genügt auch ein Blick.

    Ich blicke dir schreibend aus Dresden entgegen.

    Bini

  4. Dieser Film ist ein Kunstwerk. Jede Einstellung ein Gemälde. Das Ende hat mich sehr berührt. Letztlich fand ich einige der Kritiken in den Medien, die den Film verrissen haben, etwas fraglich. Es bleibt womöglich allerdings erst einmal nur eine Hoffnung, dass der Film etwas verändern kann und Transsexualität toleriert wird.

    • Constanze, ich stimme dir zu. Was du zum Film schreibst, trifft das Zentrum meiner Empfindungen. Das Buch geht den Weg konsequenter zuende. Aber das ändert nichts an meiner Liebe zum Film.

      In der Akzeptanzfrage ist beides ein Mosaiksteinchen, das wir brauchen. Alleine jedoch wird die Welt nicht verändert.

      Aber die Hoffnung ist teilbar…

  5. „Zusammen werden wir leuchten“ hat mich ja schon sehr berührt. Dies scheint die perfekte Leseergänzung hierfür zu sein. Vielleicht sogar noch ein wenig intensiver… Das Buch wandert auf jeden Fall auf die Wunschliste. Den Film habe ich bisher nicht gesehen, doch ich denke, ich werde zuerst das Buch lesen…allerdings eher aus Zeitgründen denn der Reihenfolge wegen…

    Kann es sein, dass in jüngster Zeit die Themen Transsexualität oder Homosexualität häufiger in guten Büchern – auch Jugendbüchern – behandelt werden oder ist dies nur so ein persönliches Gefühl aufgrund meiner eigenen Buchauswahl?

    • Ja, Anja… dieses Thema erobert sich einen Platz und wird entsprechend wahrgenommen. In Leipzig wirst du feststellen, dass wir noch viel dazu lesen werden in diesem Jahr und ich denke wir haben dann das richtige „Rüstzeug“, wenn man das so sagen darf…

  6. Pingback: [Sonntagsleserei]: Januar 2016 – Lesen macht glücklich

  7. Nun ließ es mein Körper endlich zu, den Laptop aufzuklappen und am Schreibtisch Platz zu nehmen. Da musste ich natürlich sofort endlich Lili einen Besuch abstatten…
    Der Film steht ja bereits ganz oben auf meiner Liste, nun hat sich das Buch dazu gesellt!
    Eddie Redmayne hat mich damals in „Les Miserables“ schon überrascht, da ich nicht auf so viele Facetten gefasst war, die er Marius spielerisch verleihen konnte.
    Bei deinem kleinen Wort „Spoiler“ überlegte ich erst und las dann doch weiter. Und ich kann gut verstehen, warum du das nicht auslassen konntest…
    Ich bin gespannt auf Buch und Film…

    • Danke für dein Spoiler-Verständnis. Es ist eigentlich kein Spoiler, weil man Lilis Leben in Wikipedia nachlesen kann.

      Aber ohne dieses Ende in meinem Artikel hätte ich kein Ende gefunden.

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