„Zusammen werden wir leuchten“ von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Habt ihr Euch schon mal gefragt, seit wann ihr eigentlich Jungen oder Mädchen seid? Jetzt mal ganz im Ernst. Wann hat das angefangen? Schon in der Wiege? Bei der Geburt oder noch früher? Ach so… Ihr denkt das ist ja biologisch völlig geklärt. Mit Verlaub gesagt reicht ein prüfender Blick in die eigene Unterhose, um diese Frage zu beantworten. Oder?

Wahrscheinlich ist es ja ganz einfach. Man kommt als Junge oder Mädchen zur Welt und findet sich vom ersten Augenblick seiner irdischen Existenz im dafür vorgesehen Ambiente wieder. Fein getrennt in Blau und Rosa. Fein aufgedröselt nach Spielsachen für beiderlei Geschlecht und ganz spezielle Spielsachen, die der zukünftigen Rolle im Leben zu entsprechen haben. Jungs spielen eben mit Eisenbahnen, Holzspielzeug und Fußbällen. Mädchen wachsen eher mit Puppen, Kinderwagen und Ballettschuhen auf. Völlig normal. Oder?

Ist es so? Ist es wirklich so? Oder werden wir direkt nach der Geburt und der freudigen Feststellung unseres Geschlechts in eine Rolle gesteckt, aus der wir nicht mehr fliehen können. Eine Rolle, die uns so fest in der gesellschaftlichen Normalität verankert, dass selbst kleine Abweichungen mit Argusaugen beobachtet werden. Mädchen, die gerne Fußball spielen gelten als eher „burschikos“ und Jungs, die von einer Ballettausbildung träumen rutschen schon fast an den Rand der Rabaukenwelt.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Na, aber da kann man noch gegensteuern. Das kann man lenken. Da können Eltern aus dem Vollen schöpfen und den Rest übernehmen dann die Kindergärten, Schulen, Gruppen und Cliquen. Da bringt man die kleinen Abweichungen schon wieder in die Spur und zurück auf die Schienen der alten gesellschaftlichen Rollenbilder von Jungen und Mädchen, aus denen schließlich Männer und Frauen werden sollen. Rollen sind da wichtig. Beruflich, sozial, zwischenmenschlich. Das ist so. Oder?

Was aber, wenn sich das eigene Ich nicht mit der Rolle identifiziert? Was ist, wenn die ersten Versuche aus diesen Bildern auszubrechen auf Widerstand stoßen? Was ist, wenn eine Gesellschaft sich zwar langsam an neues Normales gewöhnt, dann aber lange braucht, um die nächsten Schritte zu denken und zu gehen? Jungs verlieben sich plötzlich in Jungs, Mädchen in Mädchen und im Vergleich zu einem starren Rollenbild vor einigen Jahren weichen viele Positionen auf. Die Homo-Ehe wird gesellschaftsfähig.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist kein Tabu mehr. Politiker und Prominente haben viel bewegt. Eine Gesellschaft im Wandel beginnt die Normen zu überdenken. Zumindest oberflächlich. Die großen Weltreligionen tun sich da schwer. Schwerer vielleicht als vor vielen Jahren noch, weil sie feststellen, dass sich Tabus flächendeckend ändern. Und in Familien mit mehreren Generationen ist es eine Gratwanderung, von der vorgesehenen Rolle abzuweichen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

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Und nachdem man auf der höchsten Welle der neuen Akzeptanz angekommen scheint, wird man nun auch noch mit Menschen konfrontiert, die nicht mal in diese liberale Welt zu passen scheinen. Transgender ist ein Begriff, der auch heute noch für Verunsicherung sorgt. Der weiter von der Norm entfernt scheint, als es uns vorstellbar ist. Hier geht es nicht um schwul oder lesbisch sein. Hier geht es nicht darum, sich zu verkleiden und in den Klamotten des jeweils anderen Geschlechts durch die Welt zu laufen.

Hier geht es eigentlich um Menschen, die sich nicht allein aufgrund ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale in eine soziale Rolle als Mann oder Frau drängen lassen wollen. Sie fühlen sich gefangen im eigenen Körper, empfinden die Erwartungshaltung des Umfelds und der Gesellschaft als Käfig. Die sexuelle Erlebenswelt ist verwirrend und komplex. Transgender folgen ihrem Herzen und entscheiden sich oft für Menschen des anderen Geschlechts als Partner. Wenn sich eine augenscheinliche Frau, die sich aber nicht als solche fühlt, in eine Frau verliebt, empfindet sie als heterosexuell. Von Außenstehenden werden diese Beziehungen jedoch als homosexuell wahrgenommen. Verwirrt? Ich hoffe nicht.

Vielleicht jedoch sensibilisiert für ein Thema, das unglaublich komplex ist, sich der Beurteilung von außen weitgehend entzieht und Menschen sehr schnell an den Rand dessen drängt, was wir auch heute noch, aufgeklärt und fortschrittlich als nicht normal betrachten. Man stelle sich einfach Jugendliche vor, die spüren, dass sie nicht in die fest gefügten Rollenbilder passen. Junge Menschen, die in ihren Findungsphasen auf völliges Unverständnis stoßen und schon bei ihren Eltern an die Grenzen der Toleranz stoßen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Wenn Du dir jetzt vorstellen kannst, welche Konflikte in diesen Menschen toben, wie sehr sie befürchten müssen miss- oder unverstanden zu werden, wie schwer der Weg zum eigenen Ich sein kann und wenn Du dann noch den Schritt weitergehst und Dir die Reaktionen deiner Familie vorstellst, wenn Du dem stolzen Papa schonend beibringst, dass er die vergangenen Jahre nicht mit einem Sohn, sondern mit einer jungen Frau in dessen Inneren verbracht hat, dann bist Du bereit für den Roman Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson – Fischer FJB.

Wenn Ihr für dieses vielschichtige Jugendbuch bereit seid, dann öffnet Ihr Euch in aller Unbefangenheit einer Geschichte zum Thema Transgender, die fernab jeglicher Klischees, Oberflächlichkeit und reiner Effekthascherei durch ihre Charakterzeichnung und die verschiedenen Perspektiven der Betrachtung besticht. Dann seid Ihr bereit für David Piper, der mit 14 Jahren nur einen einzigen Wunsch hat. Er möchte endlich das nach außen leben, was ihm sein Inneres seit Jahren unmissverständlich klar macht.

Er möchte ein Mädchen sein. Und hier geht es ihm nicht um Äußerlichkeiten, es geht nicht um Verkleidung und oberflächliche Optik. Es geht David darum, tatsächlich in einer Geschlechtsrolle anzukommen und in ihr angenommen zu werden. Es geht ihm darum, die Grenze zu überschreiten und sich selbst zu finden. Mit allen Konsequenzen. Ihm fällt nur kein Weg ein, wie er seinen Eltern beibringen kann, was da in seinem Inneren tobt und seinen Weg ins Licht sucht. Ihm fehlt nur der Mut, aus dem Versteck herauszutreten und sich zu sich selbst zu bekennen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Erst als er Leo kennenlernt, der neu an seiner Schule ist, ändert sich alles. Nicht nur die Faszination, die er für den neuen Mitschüler empfindet versetzt seinem Leben einen ganz neuen Schub. Es ist genau dieser Leo, der David aus der wohl peinlichsten Situation seines Lebens rettet. Seine Mitschüler stehen kurz davor, Davids Geheimnis zu lüften und versuchen den „Freak“ in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Leo schreitet ein und es beginnt eine der wohl schönsten und doch kompliziertesten Freundschaften, die man sich vorstellen kann. Doch für Leo ist das alles nicht ungefährlich. Er hat nur diese eine Chance an seiner neuen Schule. Er darf nicht auffallen. Auf keinen Fall. Das wäre sein Ende.

Lisa Williamson schreibt nicht über das Unnormale. Sie nähert sich dem tiefen eigenen und verborgenen Wesen von Menschen in einer unglaublichen Empathie. Sie beschreibt das Unverständliche und kaum zu Begreifende. Sie lässt uns in die Haut von David schlüpfen und zeigt ihn aus der Sicht seiner Mitschüler und seiner Familie. Sie erklärt seine widerstreitenden Gefühle und beschreibt die Mechanismen von Mobbing. Wer anders ist, eignet sich gut zur Zielscheibe. Ein wichtiger Zeitgeistroman zu einem Thema, das sich ansonsten häufig auf der fließenden Grenze zwischen Peinlichkeit und Kitsch wiederfindet.

Ein Jugendroman über Bekenntnisse. Bekenntnisse zu sich selbst, zu Freunden und zur Familie. Ein Roman, der Verständnis für das Unverständnis weckt. Eine Geschichte voller innerer Zerrissenheit, in der sich das ganze Leben von Menschen widerspiegelt, die sich nur im Dunkeln selbst erkennen und im Hellen von der Gesellschaft gemieden werden. Ein Buch über Orientierung in desorientierten Lebensphasen und ein deutlicher Fingerzeig, dass der soziale Kompass nicht die Richtung jedes Menschen anzeigt.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Die Gesellschaft ist reif für viele Veränderungen. Sie ist reif dafür, alte Mauern und Ansichten über Bord zu werfen. Wir sind reif für dieses Buch. Zusammen werden wir leuchten heißt in der Originalfassung The Art of Being Normal“. Ich mag diesen Titel sehr. Er trägt alles in sich. Es ist eine Kunst, in unseren Zeiten normal zu sein. Und Kunst verändert sich mit der Zeit, ihrer Kultur und der Gesellschaft. Wir alle können Teil dieser Veränderung sein. Akzeptanz, Toleranz und Empathie sind die Pinselstriche für diese Herausforderung. Die Farben sind bunt. Das Gemälde ist das Leben.

Nachtrag:

Ich halte das Originalcover und den eigentlichen Titel des Buches für sehr mutig. Angesichts der Relevanz und Wichtigkeit des Themas Transgender hätte ich mir diese mutige Variante auch für unseren Buchmarkt gewünscht. Die allzu poppige Gestaltung und der irreführende deutsche Titel, der keinen inhaltlichen Bezug aufweist, lassen das Buch so erscheinen, als hätte es sich verkleidet, seinen Weg zu sich selbst noch nicht gefunden und sei noch nicht bereit, sich zu sich selbst zu bekennen. Hier ist David Piper schon einen Schritt weiter. 

zusammen werden wir leuchten_lisa williamson_astrolibrium_1

Das interessante Thema wir weiter verfolgt und zieht weite Kreise:

The Danish Girl – Das dänische Mädchen auf AstroLibrium

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

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12 Gedanken zu „„Zusammen werden wir leuchten“ von Lisa Williamson

  1. Wieder einmal eine tolle Buchbesprechung – ich hatte bisher nur bei dir öfters das Cover gesehen und die Andeutungen gelesen, hatte mich aber aus Zeitgründen noch nicht näher damit beschäftigt, außerdem machst du das ja mit deinen Rezensionen eh schon, da muss man gar nicht mehr so viel recherchieren 😉
    Auf jeden Fall gebe ich dir Recht: Ich hätte dem Cover nach nie so eine tiefgründige Geschichte erwartet…wobei auch der englische Titel noch nicht ganz alles ausdrückt, worum es geht, aber er kommt schonmal nicht so leise daher wie der deutsche Titel. Wobei ich auch sagen muss, dass ich das deutsche Cover sehr stark und wahnsinnig hypnotisch finde….die bunten Strahlen, die schon was andeuten…aber erst mit dem Klappentext eröffnet sich mehr…
    Danke dir auf jeden Fall sehr…hast gerade meine Mittagspause gerettet… 😉
    Achja…ich glaub, das brauch ich eigentlich nicht zu erwähnen, aber selbstverständlich landet das Buch ziemlich weit oben auf der Wunschliste. Das MUSS ich einfach lesen!

    • Der Inhalt ist magisch und tief. Aber von zusammen leuchten… kein Wort. Keine Spur. Das wird dem Inhalt nicht gerecht. Sie Originalausgabe wagt sich da weiter nach vorne.

      Der deutsche Titel suggeriert eine schmachtende Lovestory. Das ist es gottlob nicht.

      • Oder man hat sich bewusst dazu entschieden, weil es sich besser verkauft,als ein auch optisch schwieriger Titel. Keine Ahnung, aber ich denke, dass mutige Bücher auch selbst mutiger sein dürfen…

        Es ist in sich brillant und mehr als wichtig..

  2. Wie immer ein sehr guter Artikel bzw. Rezension … allerdings möchte gerne – zum Verständnis – anmerken, dass es Transgendern gerade nicht darum geht, ein Geschlecht abzulehnen, -zulegen und im anderen anzukommen, sondern die falschen körperlichen Erscheinungs- und geschlechtsspezifischen Wahrnehmungsmerkmale zu korrigieren, weil man sich schon IMMER dem jeweiligen Geschlecht zugehörig fühlt bzw. schon immer Mann oder Frau im falschen Körper IST.

    • So wollte ich das auch im Artikel verstanden wissen. Es geht nicht um Ablehnung, sondern um das Ankommen in dem Körper nach dem man sich immer gesehnt hat.

      Danke für deine Erläuterung… ein komplexes Thema, das nicht missverstanden werden darf.

      • Ja, es ist ein sehr komplexes Thema und aufgrund der urpersönlichsten und individuellsten privaten Empfindungen und Gefühlen in seiner Andersartigkeit sehr anspruchsvoll im Verstehenkönnen.

        Nachempfindbar ist es ganz sicher nicht.

        Um so wichtiger finde ich, dass dieses Thema enttabuisiert wird, um einen offenen, unverkrampften Dialog und eine gegenseitige Annäherung zu ermöglichen.

        Schön, dass Du einen Teil dazu beigetragen hast!

      • Ich werde dem Thema durch einige Bücher folgen. Ich mag weder Tabus noch Vorurteile. Ein brennend aktuelles Thema, das auf viele andere Konflikte ausstrahlt. Wir können noch viel lernen. Ich sowieso.

  3. Jetzt bin ich auf Grund der Verlinkung zu einem Post von „The Danish Girl“ doch neugierig geworden und hab mir diese Buchbesprechung angeschaut.

    Es ist ein sehr interessantes Thema, mit dem man sich beschäftigen sollte. Mich interessiert das Buch jetzt auch sehr, es landet auch auf meine Wunschliste (die wächst in den letzten Tagen immer weiter….). Ohne diese Buchbesprechung, hätte es das Buch nicht geschafft. Ich wäre daran vorbei gelaufen, denn das deutsche Cover hat nicht nur nichts mit dem Inhalt zu tun, sondern ist auch nicht besonders auffallend. Da hätte es sicherlich wesentlich bessere Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Da finde ich das Original viel aussagekräftiger.

    • Zum Cover und dem Titel hast du recht. Deshalb wollte ich auch so intensiv darauf hinweisen.Heute erscheint auch bei mir The Danish Girl und rate mal, was dort eine rolle spielen wird… 😉

      Danke für deinen Besuch….

  4. Pingback: The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff | AstroLibrium

  5. Pingback: „George“ von Alex Gino | AstroLibrium

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