The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Was bist du doch für ein wunderschöner Mann!“

Hört Mann das nicht gerne, wenn eine Frau diese magischen Worte haucht? Ist es nicht berührend, dies von seiner eigenen Ehefrau zu hören? Kann Liebe größer sein? Was aber, wenn dieses liebevolle Kompliment auf taube Ohren stößt? Was aber, wenn der Angesprochene alles empfindet, nur eben das nicht? Was aber, wenn der Mann dem diese Worte gelten sich selbst in einem falschen Körper gefangen fühlt?

Soie können auch zuhören - Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Sie können auch zuhören – Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Wenn die Männlichkeit zum Fluch verkommt, wenn Geschlechterrollen zu Fesseln werden und das Umfeld befremdet reagiert und sich hinter Klischees versteckt? Wenn Psychologen von Schizophrenie sprechen und die Plattitüde von der Homosexualität die Runde macht? Wenn die pralle Weiblichkeit neben dir den Reiz verliert? Wenn man sich in seiner ersehnten femininen Welt fallen lassen möchte und sich nicht verkleidet, sondern seinen Traum zu leben beginnt? Ja, was dann?

Transgender. Auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Auf dem Weg zum eigenen sexuellen und geschlechtlichen Rollenempfinden. Auch heute noch schwer zu verstehen. Immer noch nicht im empathischen Gedankengut verwurzelt. Desorientiert fühlt man sich selbst. Desorientiert reagiert das Umfeld. Wenn aber die Frau deines Lebens an deiner Seite bleibt und gegen alle Widerstände der Zeit den schwersten Kampf deines Lebens mit dir kämpft? Ist das nicht die wahre große Liebe jenseits aller Konventionen. Was aber, wenn dieser Kampf vor fast genau 100 Jahren auf dem konservativen Schlachtfeld der Bigotterie tobte?

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff erzählt genau diese wahre Geschichte. Eine Geschichte, die nicht nur durch den Roman, sondern durch dessen filmische Adaption gerade in aller Munde ist. Und dies nicht nur aufgrund seiner opulenten Bilder und der genialen Umsetzung, sondern weil man mit Eddie Redmayne einen Schauspieler auf die Leinwand bringt, der alle Facetten des Vorstellbaren fühlbar macht. Er ist ebenso der dänische Maler Einar Wegener, verheiratet und erfolgreich, wie auch die tief in ihm verborgene Frau, die pulsiert, vibriert und wie ein Vulkan aus ihm herausbrechen will. Lili Elbe.

Buch und Film erzählen hier auf ihre ganz eigene Art und Weise und mit ihren unvergleichbaren Stilmitteln die wahre Geschichte der ersten Geschlechtsumwandlung eines intersexuellen Menschen. Und dies zu einer Zeit, in der die Welt anscheinend ganz andere Sorgen hatte, als sich um das geschlechtliche Empfinden eines Menschen zu kümmern. Der Erste Weltkrieg war kaum überwunden, als schon die Vorzeichen neuer Konflikte erkennbar waren, als sich Einar Wegener 1931 in Dresden zum dritten Mal operieren ließ. In Begleitung seiner Ehefrau Greta, einer erfolgreichen Malerin.

Alles beginnt in Kopenhagen. Spielerisch. Kindlich naiv und doch faszinierend für das junge Ehepaar. Als Greta das Bild einer Sängerin vollenden möchte und diese selbst nicht Modell sitzen kann, bittet sie ihren Mann Einar, ihr doch nur ganz kurz seine Beine zu leihen. Natürlich in Seidenstrümpfen und Damenschuhen. Nur ganz kurz. Und auch das seidige Kleid soll er nur für einen Moment an seinen Körper schmiegen. Nur das. Nicht mehr.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

In diesem Moment erwacht Lili zum Leben. In diesem Moment wird aus der lange gefühlten inneren Verunsicherung sehr langsam die Gewissheit, und Einar beginnt in seinem Körper zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zu spüren. Er fühlt sich zerrissen, sexuell völlig überfordert und spürt, wie Lili immer mehr Raum in ihm selbst einnimmt. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an der Beziehung vorbei. Greta fühlt, dass sie etwas ausgelöst hat und lässt Lili zu.

„Sie fragte sich niemals, warum sie es zuließ, dass Lili sich in ihr Leben drängte. Wenn es Einar glücklich macht, ist alles erlaubt, sagte sie sich. Absolut alles.“

Greta realisiert schnell, dass es ihrem Mann nicht ums Verkleiden geht. Es ist kein Spiel. Sie spürt den ihr drohenden Verlust ihres Lebensgefährten und der Liebe ihres Lebens. Sie gibt Einar die Freiheit, um seine innere Seite zu leben. Sie akzeptiert Lilis Anwesenheit, ihre kleinen Eskapaden und die Suche nach Erfüllung. Sie toleriert sogar Lilis Ausflüge in eine ganz eigene Sexualität, die ziellos, unsicher und verschüchtert erfolgen. Greta Wegener kämpft nicht gegen Lili an. Der wohl größte Liebesbeweis, den eine Frau ihrem Partner machen kann.

Greta zeichnet Portraits von Lili. Voller Hingabe versucht sie all ihre Liebe in diese Gemälde einfließen zu lassen und merkt doch von Bild zu Bild mehr, wie sehr Einar verschwindet. Diese Gemälde machen sie berühmt. Ein gemeinsames Leben in Paris macht sie freier von Konventionen. Ein alter Jugendfreund von Einar gibt ihr Halt. Doch Einar selbst ist bereits ganz in Lili aufgegangen. Selbst seine eigene Malerei versiegt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

Der letzte Schritt zur Selbstfindung ist eine Operation, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gewagt wurde. Eine Geschlechtsumwandlung ist chirurgisches Neuland, doch während alle Ärzte lediglich Schizophrenie oder Homosexualität als Ursache für den inneren Konflikt vermuten, gibt es einen Arzt aus Dresden, der das Unmögliche wagt. In Dresden findet Einar Wegener seine Bestimmung. Beim Blick auf den Fluss findet er seinen vollen Namen. Lili Elbe. Begleitet von Greta stellt er sich der inneren Befreiung. Dem letzten denkbaren Schritt auf dem Weg zur Frau.

Für Greta bedeutet dies, den Tod des eigenen Mannes zu erleben. Für sie ist der Abschied brutal, während für Einar nur der quälende Lebensabschnitt endet, in dem er unfreiwilliger Gast seines Körpers war. Ob beide die Geburtsstunde Lilis erleben? Hier möchte ich an dieser Stelle weder dem Roman noch der Verfilmung vorgreifen. Beide gehen Hand in Hand und nutzen die gesamte Bandbreite des jeweiligen Mediums.

Wo der Film mit Bildkompositionen und der Klasse seiner Schauspieler brilliert, da schöpft der Roman aus der Geschichte der Beziehung. Innenansichten sind weniger interpretierbar, sondern im wahrsten Wortsinne erlesbar. Im Roman „Das dänische Mädchen“ ist die Entwicklung der Persönlichkeit von Lili ein lange angelegter Prozess. Schleichend und immer weiter raumgreifend. Einar und Greta wird mehr Geschichte eingeräumt, die vor Beginn der eigentlichen Handlung der Verfilmung angesiedelt ist. Tiefe entsteht in dieser Fassung auch durch Wissen.

Der größte Unterschied ist die Qualität der Beziehung zwischen Einar und Greta. Während sie im Film noch als verliebtes Pärchen gezeigt werden, das in der Sexualität befreit und glücklich ist, erzählt der Roman eine andere, differenziertere Geschichte. Hier steht schon früh im Mittelpunkt, dass dieses Paar keine Kinder bekommen wird, weil die geschlechtliche Beziehung brach liegt. Tiefe Konflikte liegen in der Luft und die Entwicklung vollzieht sich in eruptiven Kurven.

Allzu unvermutet entsteht aus der ersten Verkleidungsszene im Film der plötzliche Wunsch, nach dieser Lili zu suchen, die zufällig gefunden wurde. Und doch ist der Film ein Meisterwerk. Eddie Redmayne haucht unserem Bild von Lili Elbe Leben ein. Er wird dem realen Menschen, dessen Geschichte hier erzählt wird, ohne Überzeichnung und Verkitschung gerecht. Er ist die absolute Idealbesetzung für den Film, weil er aus jedem Augenblick einen großen Moment des Mitfühlens entstehen lässt.

Ebenso sehr liebe ich auch den Roman. Gefühle tragen die Handlung, Bilder werden greifbar und die sanft anmutende Erzählweise lässt die Mauern des Nicht-Verstehens einbrechen. Das FJB Jugendbuch Zusammen werden wir leuchten hat sich dieses Themas ebenso behutsam angenommen. Gemeinsame Leitmotive finden wir in beiden Geschichten und erkennen, wie schwer die Selbstfindung auch in unserer aufgeklärten heutigen Zeit noch ist.

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

The Danish Girl“ – Sehenswert. Prädikat: wertvoll.
Das dänische Mädchen“ – Lesenswert. Prädikat: Herzensbuch.
Beides gemeinsam – Liebenswert. Prädikat: Großes Kino für Herz und Verstand.
Und sehr relevant für die Oscar-Verleihung 2016 mit überraschendem Ausgang.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

SPOILER…

Ich schreibe eigentlich niemals über das Ende eines Romans oder eines Films. Ich möchte niemanden um die letzten Momente des Lesens oder Sehens berauben. Hier kann ich nicht anders. Im Buch und im Kinofilm nach Dresden zu reisen, um dort zu erleben, wie nicht nur Einar Wegener, sondern auch Lili Elbe ihr Leben verliert, war und ist einer der emotionalsten Momente meines Lesens und Sehens. Und doch war Lili, als sie ihre Augen für immer schloss ihrem eigenen Ich näher, als in Einar eine Lebenslüge weiterzuleben.

Es ist nicht schön, in Dresden zu sterben. Manche Bücher verlangen sehr viel von mir. Und auch wenn sich die Begleitumstände des letzten Atemzuges in Buch und Film unterscheiden, hier geht es nur um Lili. Das ist es was zählt. Nicht mehr…

Es war jener Moment, in dem aus dem Balkon von Europa der Balkon der ganzen Welt wurde. Der Welt von Lili Elbe.

Das Grab von Lili Elbe in Dresden

Ein Nachtrag: August 2018. Der Trinitatisfriedhof in Dresden. Ein warmer Sommertag. Ein Grab, das es erst seit der Verfilmung des Romans wieder gibt. Rekonstruiert an der Stelle, an der man es vermutete. Eine kurze Suche, dank der Wegbeschreibung meiner guten Freundin. Einer der emotionalsten Momente dieser Städtereise. Ein Moment, in dem der Film vor meinem geistigen Auge ablief, und das Buch sich ganz neu für mich öffnete. Ein schöner Ort, um an sie zu denken. Das Ende Einer Spurensuche.

Eine sehr schöne Geste, ihr Schminkutensilien oder einen Frauenschal mitzubringen. Ein Grab, das heute für so vieles steht. Ein wichtiger Ort in Zeiten, in denen Rollenbilder und Aspekte der sexuellen Selbstbestimmung immer wieder infrage gestellt werden.

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Editorischer Hinweis: Im wahren Leben hieß die Ehefrau von Einar Wegener GERDA. So auch im Film. Im Roman wird sie Greta genannt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Zusammen werden wir leuchten“ von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Habt ihr Euch schon mal gefragt, seit wann ihr eigentlich Jungen oder Mädchen seid? Jetzt mal ganz im Ernst. Wann hat das angefangen? Schon in der Wiege? Bei der Geburt oder noch früher? Ach so… Ihr denkt das ist ja biologisch völlig geklärt. Mit Verlaub gesagt reicht ein prüfender Blick in die eigene Unterhose, um diese Frage zu beantworten. Oder?

Wahrscheinlich ist es ja ganz einfach. Man kommt als Junge oder Mädchen zur Welt und findet sich vom ersten Augenblick seiner irdischen Existenz im dafür vorgesehen Ambiente wieder. Fein getrennt in Blau und Rosa. Fein aufgedröselt nach Spielsachen für beiderlei Geschlecht und ganz spezielle Spielsachen, die der zukünftigen Rolle im Leben zu entsprechen haben. Jungs spielen eben mit Eisenbahnen, Holzspielzeug und Fußbällen. Mädchen wachsen eher mit Puppen, Kinderwagen und Ballettschuhen auf. Völlig normal. Oder?

Ist es so? Ist es wirklich so? Oder werden wir direkt nach der Geburt und der freudigen Feststellung unseres Geschlechts in eine Rolle gesteckt, aus der wir nicht mehr fliehen können. Eine Rolle, die uns so fest in der gesellschaftlichen Normalität verankert, dass selbst kleine Abweichungen mit Argusaugen beobachtet werden. Mädchen, die gerne Fußball spielen gelten als eher „burschikos“ und Jungs, die von einer Ballettausbildung träumen rutschen schon fast an den Rand der Rabaukenwelt.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Na, aber da kann man noch gegensteuern. Das kann man lenken. Da können Eltern aus dem Vollen schöpfen und den Rest übernehmen dann die Kindergärten, Schulen, Gruppen und Cliquen. Da bringt man die kleinen Abweichungen schon wieder in die Spur und zurück auf die Schienen der alten gesellschaftlichen Rollenbilder von Jungen und Mädchen, aus denen schließlich Männer und Frauen werden sollen. Rollen sind da wichtig. Beruflich, sozial, zwischenmenschlich. Das ist so. Oder?

Was aber, wenn sich das eigene Ich nicht mit der Rolle identifiziert? Was ist, wenn die ersten Versuche aus diesen Bildern auszubrechen auf Widerstand stoßen? Was ist, wenn eine Gesellschaft sich zwar langsam an neues Normales gewöhnt, dann aber lange braucht, um die nächsten Schritte zu denken und zu gehen? Jungs verlieben sich plötzlich in Jungs, Mädchen in Mädchen und im Vergleich zu einem starren Rollenbild vor einigen Jahren weichen viele Positionen auf. Die Homo-Ehe wird gesellschaftsfähig.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist kein Tabu mehr. Politiker und Prominente haben viel bewegt. Eine Gesellschaft im Wandel beginnt die Normen zu überdenken. Zumindest oberflächlich. Die großen Weltreligionen tun sich da schwer. Schwerer vielleicht als vor vielen Jahren noch, weil sie feststellen, dass sich Tabus flächendeckend ändern. Und in Familien mit mehreren Generationen ist es eine Gratwanderung, von der vorgesehenen Rolle abzuweichen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Und nachdem man auf der höchsten Welle der neuen Akzeptanz angekommen scheint, wird man nun auch noch mit Menschen konfrontiert, die nicht mal in diese liberale Welt zu passen scheinen. Transgender ist ein Begriff, der auch heute noch für Verunsicherung sorgt. Der weiter von der Norm entfernt scheint, als es uns vorstellbar ist. Hier geht es nicht um schwul oder lesbisch sein. Hier geht es nicht darum, sich zu verkleiden und in den Klamotten des jeweils anderen Geschlechts durch die Welt zu laufen.

Hier geht es eigentlich um Menschen, die sich nicht allein aufgrund ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale in eine soziale Rolle als Mann oder Frau drängen lassen wollen. Sie fühlen sich gefangen im eigenen Körper, empfinden die Erwartungshaltung des Umfelds und der Gesellschaft als Käfig. Die sexuelle Erlebenswelt ist verwirrend und komplex. Transgender folgen ihrem Herzen und entscheiden sich oft für Menschen des anderen Geschlechts als Partner. Wenn sich eine augenscheinliche Frau, die sich aber nicht als solche fühlt, in eine Frau verliebt, empfindet sie als heterosexuell. Von Außenstehenden werden diese Beziehungen jedoch als homosexuell wahrgenommen. Verwirrt? Ich hoffe nicht.

Vielleicht jedoch sensibilisiert für ein Thema, das unglaublich komplex ist, sich der Beurteilung von außen weitgehend entzieht und Menschen sehr schnell an den Rand dessen drängt, was wir auch heute noch, aufgeklärt und fortschrittlich als nicht normal betrachten. Man stelle sich einfach Jugendliche vor, die spüren, dass sie nicht in die fest gefügten Rollenbilder passen. Junge Menschen, die in ihren Findungsphasen auf völliges Unverständnis stoßen und schon bei ihren Eltern an die Grenzen der Toleranz stoßen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Wenn Du dir jetzt vorstellen kannst, welche Konflikte in diesen Menschen toben, wie sehr sie befürchten müssen miss- oder unverstanden zu werden, wie schwer der Weg zum eigenen Ich sein kann und wenn Du dann noch den Schritt weitergehst und Dir die Reaktionen deiner Familie vorstellst, wenn Du dem stolzen Papa schonend beibringst, dass er die vergangenen Jahre nicht mit einem Sohn, sondern mit einer jungen Frau in dessen Inneren verbracht hat, dann bist Du bereit für den Roman Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson – Fischer FJB.

Wenn Ihr für dieses vielschichtige Jugendbuch bereit seid, dann öffnet Ihr Euch in aller Unbefangenheit einer Geschichte zum Thema Transgender, die fernab jeglicher Klischees, Oberflächlichkeit und reiner Effekthascherei durch ihre Charakterzeichnung und die verschiedenen Perspektiven der Betrachtung besticht. Dann seid Ihr bereit für David Piper, der mit 14 Jahren nur einen einzigen Wunsch hat. Er möchte endlich das nach außen leben, was ihm sein Inneres seit Jahren unmissverständlich klar macht.

Er möchte ein Mädchen sein. Und hier geht es ihm nicht um Äußerlichkeiten, es geht nicht um Verkleidung und oberflächliche Optik. Es geht David darum, tatsächlich in einer Geschlechtsrolle anzukommen und in ihr angenommen zu werden. Es geht ihm darum, die Grenze zu überschreiten und sich selbst zu finden. Mit allen Konsequenzen. Ihm fällt nur kein Weg ein, wie er seinen Eltern beibringen kann, was da in seinem Inneren tobt und seinen Weg ins Licht sucht. Ihm fehlt nur der Mut, aus dem Versteck herauszutreten und sich zu sich selbst zu bekennen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Erst als er Leo kennenlernt, der neu an seiner Schule ist, ändert sich alles. Nicht nur die Faszination, die er für den neuen Mitschüler empfindet versetzt seinem Leben einen ganz neuen Schub. Es ist genau dieser Leo, der David aus der wohl peinlichsten Situation seines Lebens rettet. Seine Mitschüler stehen kurz davor, Davids Geheimnis zu lüften und versuchen den „Freak“ in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Leo schreitet ein und es beginnt eine der wohl schönsten und doch kompliziertesten Freundschaften, die man sich vorstellen kann. Doch für Leo ist das alles nicht ungefährlich. Er hat nur diese eine Chance an seiner neuen Schule. Er darf nicht auffallen. Auf keinen Fall. Das wäre sein Ende.

Lisa Williamson schreibt nicht über das Unnormale. Sie nähert sich dem tiefen eigenen und verborgenen Wesen von Menschen in einer unglaublichen Empathie. Sie beschreibt das Unverständliche und kaum zu Begreifende. Sie lässt uns in die Haut von David schlüpfen und zeigt ihn aus der Sicht seiner Mitschüler und seiner Familie. Sie erklärt seine widerstreitenden Gefühle und beschreibt die Mechanismen von Mobbing. Wer anders ist, eignet sich gut zur Zielscheibe. Ein wichtiger Zeitgeistroman zu einem Thema, das sich ansonsten häufig auf der fließenden Grenze zwischen Peinlichkeit und Kitsch wiederfindet.

Ein Jugendroman über Bekenntnisse. Bekenntnisse zu sich selbst, zu Freunden und zur Familie. Ein Roman, der Verständnis für das Unverständnis weckt. Eine Geschichte voller innerer Zerrissenheit, in der sich das ganze Leben von Menschen widerspiegelt, die sich nur im Dunkeln selbst erkennen und im Hellen von der Gesellschaft gemieden werden. Ein Buch über Orientierung in desorientierten Lebensphasen und ein deutlicher Fingerzeig, dass der soziale Kompass nicht die Richtung jedes Menschen anzeigt.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Die Gesellschaft ist reif für viele Veränderungen. Sie ist reif dafür, alte Mauern und Ansichten über Bord zu werfen. Wir sind reif für dieses Buch. Zusammen werden wir leuchten heißt in der Originalfassung The Art of Being Normal“. Ich mag diesen Titel sehr. Er trägt alles in sich. Es ist eine Kunst, in unseren Zeiten normal zu sein. Und Kunst verändert sich mit der Zeit, ihrer Kultur und der Gesellschaft. Wir alle können Teil dieser Veränderung sein. Akzeptanz, Toleranz und Empathie sind die Pinselstriche für diese Herausforderung. Die Farben sind bunt. Das Gemälde ist das Leben.

Nachtrag:

Ich halte das Originalcover und den eigentlichen Titel des Buches für sehr mutig. Angesichts der Relevanz und Wichtigkeit des Themas Transgender hätte ich mir diese mutige Variante auch für unseren Buchmarkt gewünscht. Die allzu poppige Gestaltung und der irreführende deutsche Titel, der keinen inhaltlichen Bezug aufweist, lassen das Buch so erscheinen, als hätte es sich verkleidet, seinen Weg zu sich selbst noch nicht gefunden und sei noch nicht bereit, sich zu sich selbst zu bekennen. Hier ist David Piper schon einen Schritt weiter. 

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Das interessante Thema wir weiter verfolgt und zieht weite Kreise:

The Danish Girl – Das dänische Mädchen auf AstroLibrium

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Charlotte“ von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Charlotte Salomon und Raily

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang…
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz kam ich ins Stocken.

Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte ständig den Drang, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

David Foenkinos – Charlotte – DVA

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Wie sollte ich rezensieren, was er kaum niederschreiben konnte?
Wo sollte ich nach dem Lesen ansetzen?
Wie einen Roman, der aus bloßen Sätzen besteht, in meinem Stil besprechen?
Aus Sätzen, die durch Atempausen getrennt sind.
Um durchatmen zu können.
Durfte ich seinen Rhythmus zerstören?
Musste ich nicht selbst pausenlos durchatmen, um voran zu kommen?

Ist es nicht gerade dieser Rhythmus gewesen, der mich fesselte?
War es nicht dieser Zyklus aus Lesen und Atmen, der mich zu Charlotte führte?
Habe ich nicht die Beklemmung des Autors gespürt?
Hatte sie nicht in mir selbst Wurzeln geschlagen?
Ihre Atemlosigkeit und Angst in mich gekrallt?
Ich habe es gar nicht erst versucht, anders zu denken.
Ich begriff, dass ich diese Rezension genau so schreiben musste.

Charlotte Salomon.
Eine Heldin ist geboren.
Schreibt David Foenkinos in seinem Buch.
Ab dem 16. April 1917 durchschreit Charlotte jede Nacht.
Nicht einverstanden mit dem Licht der Welt.
Vielleicht weil sie als Neugeborenes schon ahnt…?

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Ihr Leben steht unter keinem guten Stern.
Mutter setzt dem ihren ein freiwilliges Ende.
Was man dem kleinen Mädchen verschweigt.
Grippe sei es gewesen. Lapidar erklärt.
Eine Wunde die nie heilt.
Der Vater in seiner Medizin versunken.
Flucht in den Beruf. Was sonst.
So schleppen sich die Jahre dahin.
In einer eigenen Welt.

Bis auch Charlotte eine findet, die für sie geschaffen scheint.
Charlotte zeichnet. Charlotte malt.
Sie lebt die Kunst. Sie ist begabt, wie keine Zweite.
Und das in einer Zeit, in der es doppelt schwierig wird.
Kunst wird entartet. Künstler verspottet und verboten. Verlacht. Verfolgt.
Seit 1933 bestimmt das Braune, welche Farben dominieren.
Und Charlotte Salomon ist Jüdin. Doppelt schwer.

Ihr Vater, frisch verliebt verkennt die Gefahr.
Und doch zieht sich das Leben enger um den Hals der jungen Frau.
Kultur und Kunst sind keine Fluchtburgen mehr.
Wenn Synagogen und Bücher brennen, dann brennen auch die Bilder.
Und wenn die Bilder brennen, gibt es keine Herzen mehr, die malen.
Charlotte kämpft um alles, was ihr lieb ist.
Sie liebt was in Gefahr ist.
Bis die Gefahr um sie herum sie zu verschlingen droht.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Der Krieg bricht aus. Gewalt bricht los. Es bleibt die Flucht.
Nach Frankreich. 1939. Zu den Großeltern, die vorher gingen.
Doch Sicherheit ist ein trügerisches Gut. Die Grenzen fallen.
Die Nazis sind da. 1940. Und mit ihnen kommt der Tod.
Verfolgung. Internierung.
Großmutter suizidiert sich in die selbstbestimmte Rettung.
Charlotte wird inhaftiert.
Kommt zufällig frei mit ihrem alten Opa und versinkt im Chaos.

Therapie und Kunst.
Zwei mächtige Gesellen begleiten ihre Angst.
Im Verborgenen malt sie wie eine Besessene.
Ihr Leben. In zwei Jahren entstehen über tausend Bilder.
Stationen der Angst.
Bilder als innerer Widerstand gegen das Reich der tausend Jahre.
Ein Arzt an ihrer Seite.
Eine Liebe auf ihrem Schoß.
Freiheit durch Kunst.

Sie malt, um nicht verrückt zu werden in all dem Theater.
Malt gegen sich und die Welt an.
Malt um zu erinnern.
So wie sie damals schrie nach der Geburt, malt sie nun die Gewalt.
Leben? Oder Theater. So heißt der Zyklus ihrer Bilder.
Das Leben weicht dem Rassebild des Feindes. Endlösung.
26 Jahre alt und wissend was kommt, vertraut sie ihrem Arzt die Bilder an.
Mit Worten die mich weinen ließen:

C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Ein Stolperstein

Was folgt war klar. Zumindest ihr.
Verrat. 1943. Ein Zug. Eine ewige Fahrt.
Eingezwängt. Deportation.
Charlotte schwanger, der Mann ihrer Liebe an ihrer Seite.
Bis zum Schild.
Arbeit macht frei.
Bis zur Rampe.
Selektion.
Beruf? Zeichnerin, ihre Antwort.
Das sei kein Beruf, bekommt sie zu hören.
Aber schwanger. Das ist ein Argument für den Nazi.

Sie zur einen Seite. Ihre Liebe auf die andere. Getrennt.
Er zerbricht an Zwangsarbeit und stirbt drei Monate später.
Charlotte stirbt sofort.
Zu zweit.
Im Gas.


Was bleibt, sind ihre Bilder.
Was bleibt ist dieses Buch.
Was bleibt, ist es zu lesen.

Foenkinos gelingt ein Wunder.
In der Verknappung liegt die Magie, in jedem Wort sein Zauber.
In jedem Satz brilliert er durch seine Nähe zu Charlotte.
Er schreibt sie uns ins Herz und in den Verstand.
Nicht anders hätte er schreiben können. Nicht schreiben dürfen.
Ich verneige mich tief vor diesem Buch, vor jedem Wort.

Charlotte Salomon und Peggy Steike

Charlotte Salomon und Peggy Steike

„Charlotte“ zu lesen ist wie in eine Lawine aus Zeit zu geraten.
Mitgerissen zu werden ohne sich selbst retten zu können.
Zu versinken und gleichzeitig emporzustreben.
Die Erinnerung festzuhalten, ihre Bilder zu betrachten.
Es ist ihr ganzes Leben. Es liegt nun in unseren Händen.

Finis

Diese Worte mit Atempausen sind „meiner Charlotte“ gewidmet.
Die atemlos getrieben Gegen das Vergessen malt.
Die nachts in dunkler Zeit versinkt.
Die an Menschen erinnert, die vergessen werden sollten.
Peggy Steike.

Wenn sie mir den Koffer mit ihren Bildern anvertrauen würde.
Mit all den Opfern, die sie malte und deren Würde sie bewahrte.
Ich weiß, was sie zu sagen hätte:

Das ist ihr ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Das war noch nicht das Ende, weil es nie ein Ende geben wird.
Nicht zu Charlotte.

Es wird die Dimension jenseits des Lesens und Sehens folgen.
Charlotte wir hörbar. In allen Klangfarben dieser Welt.
Im Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“.
Und als Audio-Rezension bei Literatur Radio Bayern.

Wer ihr Herz und Augen geschenkt hat, sollte die Ohren folgen lassen.

T o be continued...

Mit einem Klick zu meiner Radio-Rezension… Charlotte

Ein gewichtiges PS: Julias „Charlotte“-Rezension auf „Ruby`s Cinnamon Dreams“ zu lesen ist für mich, wie nach Hause zu kommen. Sie wird dem Buch so gerecht. Eine weitere interessante Stimme zum Hörbuch findet man auf der Kleinen Bücherinsel von Simone. Lesenswert. Auch Eva hat Chalotte auf Scatty´s Bücherblog verewigt.

Ein Koffer mit dem Vermächtnis seiner Besitzerin… Die tragische Gemeinsamkeit Charlottes mit der jüdischen Schriftstellerin Irène Némirovsky

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

[Gegen das Vergessen] – Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen - AstroLibrium

Der Finsternis entgegen – AstroLibrium

„Diese Frau wusste, dass sie mit jedem, der Hosen trug, fertigwerden würde.“

SOE-Agent George Millar über Vera Atkins.

Wenn ich heute an Konzentrationslager denke, dann sehe ich unzählige Geschichten von Opfern des Holocaust vor mir. Wenn ich die KZ-Gedenkstätten besuche, versuche ich mich in die Lage derer zu versetzen, die an diesen Orten vor gar nicht allzu langer Zeit unter qualvollen und menschenverachtenden Umständen den Tod fanden. Und ich denke an diejenigen, die als Überlebende dieses Genozids bis zum heutigen Tag kaum zu heilende Wunden und Traumatisierungen mit sich tragen.

Ich denke an jüdische Menschen, Behinderte, Sinti und Roma, Kriegsgefangene und all jene, die durch das ideologische Raster der Nazis gefallen waren und als unwertes Leben der gezielten Massenvernichtung zugeführt wurden. Hinter all diesen Menschen stehen große und kleine Geschichten. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal und mit jedem Verschwinden geht für mich die Verpflichtung einher, dafür einzutreten, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Gegen das Vergessen lesen und schreiben – eine meiner Lebensmissionen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Und doch denke ich manchmal nicht vollständig, sondern versehentlich lückenhaft, übersehe manche Details und Nuancen im Grauen, die bemerkenswert sind und den ganzen Schrecken eines solchen Systems auch aus anderen Perspektiven beleuchten können. Allzu fokussiert ist oft der Blick und so kommt es, dass man sogar vor Ort bei einem Besuch des Krematoriums der KZ-Gedenkstätte Dachau eine große Gedenktafel übersieht, die eigentlich nicht zu übersehen ist.

Und selbst wenn man sie bemerkt, dann fügt sie sich nicht in den Kontext dieses Lagers, sondern scheint isoliert und für sich zu stehen. Vielleicht, weil die Geschichten, die sich hinter ihr verbergen auf den ersten Blick exotisch wirken. Auf den zweiten Blick jedoch öffnen sie die Tür zu einer bisher fast völlig unbekannten Facette des Zweiten Weltkriegs. Einer Facette, die viele Menschenleben gekostet hat, die es aus Sicht aller am Krieg beteiligten Nationen schon aus völkerrechtlicher Sicht nie hätte kosten dürfen.

Die Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert an weibliche Angehörige des britischen Geheimdienstes, die bei ihrem Einsatz hinter den feindlichen Linien von der Gestapo festgenommen, brutal verhört und über das ganze Deutsche Reich verteilt wurden, um sie in einer sogenannten „Nacht-und-Nebel“-Aktion für immer verschwinden zu lassen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Von diesen weiblichen Agenten, ihren tapferen Einsätzen, ihrem Untergang und der Frau, die diese wagemutige Aktion koordinierte, handelt das gerade erschienene Buch von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel, die sich durch wahre Aktenberge bisher streng geheimer Dokumente recherchieren mussten, um die ganze Komplexität dieser scheinbaren Randgeschichte des Zweiten Weltkrieges greifbar zu machen. Und doch ist sie viel mehr. Für die Betroffenen und Angehörigen ist sie DIE Geschichte von tapferen Frauen im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Die spannende Dokumentation Der Finsternis entgegen – Die wahre Geschichte der Vera Atkins und ihrer wagemutigen Agentinnen (DuMont Buchverlag) wird dem Titel des Buches absolut gerecht. Es ist der Wahrheit verpflichtet, methodisch in jedem einzelnen Kapitel nachvollziehbar und schmerzhaft authentisch. Veröffentlicht werden ausschließlich gesicherte Details, die im Crossover-Verfahren durch mehrere Quellen belegt werden konnten und es spart Interpretationen und reine Spekulationen aus.

Akribisch könnte man es nennen. Ein reines Sachbuch könnte man sagen, und doch gelingt den beiden Autoren eine Konstruktion, die den Atem mehrmals stocken lässt. Sie beleuchten absolut alle Aspekte, die letztlich zur Etablierung der weiblichen Agenten im britischen Geheimdienst führten, analysieren perfekt die Entwicklung bis zum Ausbruch des Krieges und werfen dabei ein ganz besonderes Augenmerk auf die Gratwanderung, die das sogenannte Ministerium für unfeine Kriegsführung in einem Land zu bewältigen hatte, das vom „Fairplay-Gedanken“ geleitet wird. Sabotage und Unterwanderung waren in den offiziellen Führungskreisen der Armee verpönt.

Und dann noch Frauen. Unvorstellbar.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

„Der Finsternis entgegen“ ist im eigentlichen und tiefen Sinn die Geschichte der Vera Atkins, ihrer weit verzweigten Lebensgeschichte und ihres Aufstiegs im Geheimdienst seiner Majestät. Sie wird zur Koordinatorin und zum Führungsoffizier für insgesamt 39 Agentinnen, die angeworben wurden, um in den Reihen der französischen Resistance die Landung der Alliierten am D-Day 1944 vorzubereiten. Dabei öffnen die Autoren alle verfügbaren Akten, Vernehmungsprotokolle und Dokumente, die Zeugnis über die harte Ausbildung, die Motivation und den Einsatz dieser Frauen ablegen.

Und hier beginnt dieses Buch sich deutlich zu wandeln. Es wird höchst persönlich. Es schafft eine sehr emotionale Bindung, weil wir einige dieser Agentinnen auf ihrem langen Weg begleiten dürfen. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Einsatz hinter den feindlichen Linien. Wir werden Zeugen von aufopferungsvollen Kämpfen, schweren Fehlern, Verrat und einem heftigen Schlagabtausch mit der Spionageabwehr der Nazis. Und immer mittendrin, Vera Atkins, die alles versucht, um ihre „Mädchen“ aus der Ferne zu beschützen. 13 von ihnen werden nie wieder nach Hause zurückkehren.

13 junge Frauen werden enttarnt, verhaftet, gefoltert, verhört und als illegale Agenten einer sogenannten „Sonderbehandlung“ zugeführt. Man lässt sie spurlos verschwinden. Vera Atkins begibt sich nach Kriegsende auf die Suche nach diesen Frauen, die bei Nacht und Nebel der Finsternis entgegen getrieben wurden. Ihre Spuren führen von Gefängnissen der Gestapo über Transportlisten der Bahn bis zum unvorstellbarsten Ort, den sich Vera Atkins auch nur ausmalen konnte. Konzentrationslager.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen – Vielschichtiger Blick in die Vergangenheit

Weit entfernt und entrückt scheint die Geschichte dieser Frauen. Weit entfernt und vor 70 Jahren kämpften sie mit allem was sie hatten, um ihren Soldaten den sicheren Weg an die Strände der Normandie zu ebnen. Und doch wird Geschichte greifbar und rückt nah an den Leser heran, wenn man bei der Zugfahrt nach München plötzlich von einer Zugfahrt nach München liest. Wenn man dann ein letztes Umsteigen bezeugen kann und die letzten Kilometer nach Dachau verfolgt. Hier endet der Weg einiger dieser Agentinnen. Hier endet auch die Spur von Noor Inyayat Khan, einer jungen Frau mit indischen Wurzeln, die als britische Agentin von der Gestapo in Frankreich enttarnt wurde und nun Der Finsternis entgegen fährt.

Hier fühle ich die Geschichte, hier verführt sie mich, meine Augen zu öffnen und wahrzunehmen, was ich vorher übersah.

Eine Gedenktafel im Krematorium der KZ-Gedenkstätte Dachau, die an drei dieser Agentinnen erinnert, die in einer Septembernacht des Jahres 1944 hier auf brutale Art und Weise hingerichtet wurden. Bei Nacht und Nebel. Ganz in meiner Nähe. An einem Ort, an dem man nie nach Opfern suchen würde, die diesen Weg hinter sich haben. In England ausgebildet, in Frankreich eingesetzt, verraten und an die schrecklichsten Orte der Finsternis deportiert.

Vera Atkins bleibt nur, all diese Wege nachzuvollziehen, um den Angehörigen ihrer Agentinnen traurige Gewissheit zu verschaffen. Ihr bleibt nur, immer wieder darüber nachzudenken, welche Fehler im Einsatz gemacht wurden und sich pausenlos die Frage zu stellen, was eigentlich Gerechtigkeit ist. Besonders angesichts der Prozesse gegen das Personal der Konzentrationslager, die sie mitverfolgen muss. Uns bleibt nur zu lesen und mit wachem Auge für die Vergangenheit Wahrheiten im wahrsten Sinne des Wortes wahrzunehmen.

Ach Noor….

Eine literarische Spurensuche

Eine Spurensuche in Dachau für Literatur Radio Bayern. Hören Sie selbst

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Recherchieren Sie selbst. Erstaunliches bleibt erhalten, was sonst vergessen würde.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Hoffmann und Campe

Die Poesie der Hörihkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Stell Dir vor, Du bist blind. Nicht von Geburt an, sondern langsam erblindet. Stell Dir vor, Du kannst Dich noch an Farben und Formen erinnern, aber nun, im Alter von sechzehn Jahren hat Dich Deine Sehkraft endgültig verlassen. Und doch bist Du nicht hilflos. Stell Dir vor, Du hast einen Vater, der Dir ein Modell Deiner Stadt baut und Dich mit den Fingern so lange Deine Wege ertasten lässt, bis Du es schaffst, Dich auch alleine außerhalb dieser Miniaturwelt zurechtzufinden.

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Diese Rezension können sie auch hören… ein Klick genügt… Literatur Radio Bayern

Stell Dir einfach vor, wie es sein muss, ohne wirklich sehen zu können, so viel gezeigt zu bekommen, dass Du Deinen eigenen Weg findest. Stell Dir einen Vater vor, der Dich auf solch liebevolle Weise auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. Und stell Dir bitte vor, dass er einen sehr guten Grund hat, dies zu tun. Er weiß, dass Du sonst keine Chance hast, zu überleben.

Und stell Dir dann vor, Du lebst in Saint-Malo. Es ist der 7. August 1944 und die ganze Stadt ist in deutscher Hand. Die Landung der Alliierten in der Normandie gehört der Geschichte an, aber genau der Ort, in dem Du Zuflucht gesucht hast, gleicht einer Deutschen Festung. Nur Bomben können die Besatzer vertreiben – so die Sichtweise der Befreier. Zivile Opfer möchte man vermeiden und so lässt man Flugblätter vom Himmel regnen, bevor die Bomben folgen.

„Dringende Mitteilung an die Bewohner dieser Stadt. Begeben sie sich sofort aufs offene Land!“

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Rettet euch

Stell dir vor, Du spürst diese Blätter… Sie hüllen Dich ein und liegen Dir zu Füßen. Stell Dir vor, Du bist ganz allein und kannst die lebensrettende Botschaft nicht lesen. Stell Dir vor, dass sich an genau diesem Tag im August alle Kreise Deines Lebens zu schließen beginnen. Und stell Dir dann noch vor, dass sich in der Tasche Deines Mantels das größte Geheimnis befindet, das Dein Vater vor den Nazis verbergen konnte.

Wenn Du Dir dies alles vorstellen kannst, dann bist Du schon ganz nah bei Marie-Laure LeBlanc. Du stehst neben ihr, als sie den aufziehenden Flugzeuglärm hört. Du kannst fühlen, wie sehr sie zittert, als die Explosionen einsetzen. Und nur Du verstehst, warum für das blinde französische Mädchen in dem Moment, in dem sich für den Rest der Welt das Leben verdunkelt Alles Licht, das wir nicht sehen die Bombennacht von Saint-Malo erhellt.

Anthony Doerr entwirft in seinem großen Roman das explosive Szenario für eine schicksalhafte Begegnung zweier junger Menschen in einer dem Untergang geweihten Stadt. Es ist ein Bombenteppich, der sich über Saint-Malo zu legen scheint und alles in Rauch und Asche auflöst. Aber es ist nicht nur dieser gewaltige Teppich, den Doerr in bildgewaltiger Wortkunst geknüpft hat, um seine Leser dauerhaft zu fesseln. In bester Erzähltradition erschuf er einen literarischen Gobelin, einen Wandteppich, dessen einzelne Fasern aus allen Richtungen dem Zentrum des Kunstwerks zustreben. Und jeder einzelne Faden ist dabei eine Geschichte für sich.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Detailgetreu und empathisch verknüpft der US-amerikanische Autor die scheinbar losen Fäden seines Teppichs zu einem dichten Muster, das im entstehenden Bild vom Saint-Malo des Jahres 1944 eine sicht- und fühlbare Komplexität erlangt, die ich so nur sehr selten erlesen durfte.

Da ist ein weißhaariger Wehrmachtssoldat namens Werner, der mit seiner kleinen Schwester in einem Waisenhaus aufwuchs. Seine Bestimmung heißt Bergbau und am Ende würde er in irgendeinem Stollen auf der Suche nach Kohle ebenso sterben, wie sein Vater. Seine Talente werden nur zufällig entdeckt. Er kann quasi aus dem Nichts und mit nichts Radios bauen und versteht komplizierte elektronische Sachverhalte rein intuitiv. Die Nazis versuchen diese Begabung auszuschlachten und mit den von Werner konstruierten Peilsendern Partisanen abzuschlachten.

In Werner allerdings befindet sich alles im Aufruhr. Er bastelt aus Liebe, er fügt sich, um für seine Schwester zu sorgen, er lernt die Menschenverachtung des Systems in einer besonderen Schule auch am eigenen Leib kennen und sein jetziger Weg entspricht nicht dem Wertesystem seines Lebens. Aber was bleibt ihm übrig? Mitlaufen, um überhaupt laufen zu können? Ist das sein Weg? Das entscheidet sich im August 1944 in den Mauern von Saint-Malo, als zwei Lebenswege sich kreuzen, die einander völlig fremd sind.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Radiowellen

Da ist der Vater der blinden Marie-Laure. Er ist nicht nur Schlüsselverwalter eines der größten Museen in Paris. Gefühlvoll, zärtlich und sehr behutsam versucht er seiner Tochter das fehlende Augenlicht zu ersetzen, indem er ein Modell des Stadtviertels für sie konstruiert und ihr die großen Bücher von Jules Verne in Blindenschrift näher bringt. Und doch muss er ein großes Geheimnis vor aller Augen verbergen. „Das Meer der Flammen“ – den wertvollsten Diamanten der Welt – und noch dazu einen, der mit einem todbringenden Fluch belegt ist.

Als die Wehrmacht in Paris einmarschiert, flieht er mit seiner Tochter nach Saint-Malo und findet dort Unterschlupf bei seinem Onkel. Für Marie-Laure bastelt er zur Orientierung ein Modell der Hafenfestung und in einem kleinen Haus dieser Miniaturstadt versteckt er ein ganzes Meer. Den Diamanten, nach dem die Nazis bereits in ganz Europa suchen. Als ihr Vater von den Besatzern verschleppt wird, weiß nur noch das blinde Mädchen, was da in seinem Besitz ist. Als die Bomber in jenem August 1944 über Saint-Malo auftauchen ist der weißhaarige Soldat genau fünf Straßen von ihr entfernt.

Da ist der deutsche Wehrmachts-Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, der als der größte Diamanten- und Kunstexperte des Dritten Reichs gilt. Seine Streifzüge durch das besetzte Europa haben zum Ziel, die wertvollsten Kunstwerke für seinen „Führer“ in Besitz zu nehmen. Als er vom „Meer der Flammen“ erfährt, führt ihn sein Weg zuerst nach Paris und dann, im August 1944, schließlich nach Saint-Malo. Er nähert sich der Rue Vauborel No. 4, als die ersten Bomben fallen.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen – Mit einem Klick zu einem Spaziergang…

Da ist der Großonkel der blinden Mädchens. Etienne hat seit dem Tod seines Bruders im ersten Weltkrieg das Haus nicht verlassen. Die Rue Vauborel No. 4 ist sein Gefängnis vor der tristen Wirklichkeit. Als nun der Sohn seines Bruders mit seiner blinden Tochter auftaucht, gehen ihm endlich die Augen auf. Gemeinsam mit seiner Haushälterin beginnt er, etwas gegen die Besatzer zu unternehmen. Kleine Nadelstiche zuerst doch dann wird er zum Helfer der Resistance und übermittelt mit einem geheimen Sender die Geheimcodes zur Organisation des Widerstandes. Doch auch er fällt den Schergen zum Opfer und wird inhaftiert.

Und so ist Marie-Laure in jener Nacht völlig allein im Haus. In der Nacht, in der die Bomber kommen. In der Nacht, in der alles in Schutt und Asche vergeht. In der Nacht, als ein Stabsfeldwebel ihr Haus betritt. In der Nacht, in der ein junger deutscher Soldat verschüttet wird und verzweifelt beginnt einen kleinen Sender zu bauen. In der Nacht, in der sich das blinde Mädchen in das oberste Stockwerk des Hauses flüchtet und der geheimen Sendeanlage ihres Onkels gegenübersteht.

In der Nacht der Bomben im August 1944 sieht nur sie „All das Licht, das wir nicht sehen“, alle Wege führen zusammen und gipfeln im grellen literarischen Lichtblitz eines großen Romans, der nicht dort endet wo, wann und wie wir es erwarten!

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr - Intra muros

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Intra muros

„Intra muros“ heißt der Bereich innerhalb der Festungsmauern der heutigen Stadt Saint-Malo. Der historische Stadtkern, in dem sich die Geschichte von Anthony Doerr zugetragen haben könnte. Ihm haben wir zu verdanken, dass nicht alles hinter diesen dicken Mauern bleibt. Ihm haben wir Charaktere und weitere Schauplätze zu verdanken, die uns lebendig vor Augen führen, wie die Jugend des Dritten Reichs manipuliert wurde, welche Todesängste in den besetzten Gebieten vorherrschten und in welchem Ausmaß geplündert, gestohlen und gemordet wurde.

Aus dem Modell von Saint-Malo wird lesend die Realität. Ich bin in Gedanken mit Marie-Laure durch die Straßen der Stadt gegangen und habe versucht, mich nicht zu verlaufen. Ich habe gemeinsam mit Werner Radios und Sender zusammengebaut, um den Radiowellen hinaus in die Welt zu folgen und ich habe in „Das Meer der Flammen geblickt“ und war gefangen in seinem Glanz.

Anthony Doerr hat mit „Alles Licht, das wir nicht sehen(C.H. Beck) ein buchiges Kaleidoskop für alle Sinne geschaffen. Wir sehen, fühlen, riechen und schmecken diesen Roman. Er setzt sich in jeder Faser des Körpers fest und ist ganz besonders auch für jugendliche Leser ein grandioser inhaltsreicher Abenteuerroman mit großer Botschaft.

„Öffnet eure Augen und seht, was ihr könnt, mit ihnen, bevor sie sich für immer schließen!“

Alles Licht, das wir nicht sehen und die Karte meines Lesens - Ein Klick genügt...

Alles Licht, das wir nicht sehen und die Karte meines Lesens – Ein Klick genügt…

Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… dieses würde mir reichen… Und eine große Bitte an Rechteinhaber, Verleger und Profis im Verlagswesen: Macht ein Hörbuch aus diesem Roman, damit auch blinde Menschen ein Buch genießen können, in dem ihr Schicksal uns auf so bewegende Art und Weise vor (die oftmals allzu verschlossenen) Augen geführt wird!

Aktualisierung 31.12.2014

Ich stand bezogen auf diesen Appell sehr oft im Kontakt mit dem Verlag und nun ist es tatsächlich vollbracht. Audible.de – Hörbücher hat aus dieser großen Geschichte endlich eine ungekürzte Hörbuchfassung in bester atmosphärischer Qualität entstehen lassen.

Ihr könnt ab sofort 1 Stunde kostenlos genießen. Einer meiner großen Träume 2014 ist damit in Erfüllung gegangen.

Alles Licht, das wir nicht sehen - Endlich als Hörerlebnis bei audible

Alles Licht, das wir nicht sehen – Endlich als Hörerlebnis bei audible

Aktualisierung 21.04.2015

New York – Der Weltkriegsroman über die Begegnung eines französischen Mädchens und eines deutschen Jungen hat den Pulitzer-Preis 2015 gewonnen. Dem Buch „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr wurde in New York der 99. Pulitzer-Preis für Literatur zugesprochen. Damit hat sich die Jury meinem Urteil angeschlossen:

Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… dieses würde mir reichen…