Der Distelfink von Donna Tartt – Film, Buch, Hörbuch

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Fünf Jahre sind seit dem Lesen vergangen. Fünf Jahre, in denen mir ein Buch nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Fünf Jahre, die ich jedoch habe verstreichen lassen, ohne einen der relevantesten Romane meines Lebens zu rezensieren. „Der Distelfink“ von Donna Tartt liegt in der Erstausgabe aus dem März 2014 immer noch in Griffweite. Er ist durchzogen mit PostIts eines vergangenen Lesens und ein kleines ScriptBook für die Rezension liegt seitdem im Giftschrank der kleinen literarischen Sternwarte. Auf der ToDo-Liste meines Lesens steht dieser Artikel seit fünf Jahren ganz oben, und doch ist es mir bis heute nicht gelungen, meine Gedanken zu bündeln und dem Pulitzer-Roman meine Referenz zu erweisen.

Warum jetzt? Was treibt mich an, den „Distelfink“ mit neuen Augen zu sehen und ihm 2019 Raum zu geben? Hat sich das Fußkettchen endlich gelöst, das den kleinen Vogel mit der Fußstange vor dem grauen Deckelkasten verband? Ist es die Verfilmung, die im Oktober auf mich zukommt? Ist es meine Urlaubsreise nach Delft, die mir schmerzhaft in Erinnerung ruft, dass ich dem Bild von Carel Fabritius im Mauritshuis in Den Haag begegnen werde? Oder liegt es auch daran, dass ich mich inzwischen in einem kleinen Schreibprojekt der niederländischen Heimatstadt des großen Malers angenähert habe? Delft und die große Katastrophe des Jahres 1654. Jener Delfter Donnerschlag in dem der Künstler den Tod fand? 

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Der Distelfink von Donna Tartt

Es ist wohl eine Mischung aus allen Faktoren, die mir den „Distelfink“ erneut vor Augen führt. Ohne die Explosion des Pulvermagazins in Delft und den Tod des Malers Fabritius hätte sich Donna Tartt für ein anderes Kunstwerk im Mittelpunkt ihres Romans entschieden. Die Parallele zwischen dem Künstler und dem Beginn ihrer Geschichte ist einfach zu relevant, um sie zu vernachlässigen. Denn hier startet alles. Hier erhebt sich der „Distelfink“ wie der Phoenix aus der Asche und wird zum Symbol einer Erzählung, die mich nachhaltig geprägt hat. Es ist ein heftiger Donnerschlag, der das New Yorker Metropolitan Museum erschüttert. Es ist ein terroristischer Donnerschlag, der alles in Schutt und Asche legt, dem erst 13jährigen Theodore Decker die Mutter raubt und sein Leben für alle Zeiten verändert.

Da ist der alte Mann, dem er beim Sterben hilft. Da ist dessen Nichte Pippa, die den Anschlag gerade so überlebt hat. Da ist die drängende Bitte des Sterbenden, Theodore solle das Gemälde Der Distelfink in einer Plastiktüte an sich nehmen und zuletzt ist da neben dem Ring, der ihm geschenkt wird, eine Adresse, an die sich der Junge wenden soll. Die Antiquitätenwerkstatt, die der Verstorbene mit seinem Geschäftspartner James Hobart betrieben hatte. Mit diesem Urknall beginnt eine Geschichte, in der ein Gemälde und dessen unrechtmäßiger Besitzer fortan lebenslänglich miteinander verbunden sind, wie der Distelfink mit seiner Sitzstange. Es ist der laute Doppelknall, der die Explosion eines Delfter Pulverturms mit einem New Yorker Museum verbindet. Kunst und Leben sind untrennbar miteinander verbunden.

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Der Distelfink von Donna Tartt

Hier vermischen sich Handlungsebenen und Wahrnehmung zu einem grandiosen Mix aus Kunstleidenschaft, rauschhafter Wahrnehmung und fetischistischer Qual. Theo und das gestohlene Gemälde kommen nicht mehr voneinander los. Seine Odyssee seit dem Tod seiner Mutter entwickelt sich zur Irrfahrt des Heranwachsenden mit all seinen Lieben, Leidenschaften und Traumata. Ist sein Distelfink zunächst die letzte Erinnerung an die noch lebende Mutter, so wird das Gemälde langsam zum Faszinosum, dem sich Theo nicht mehr entziehen kann. Er versteckt das Bild auf seinem weiteren Lebensweg und macht sich selbst zum Sklaven seines großen Geheimnisses. Unfassbar dicht und empathisch erzählt. Donna Tartt spielt mit ihren Lesern. Jeder hat seinen Distelfinken. Jeder verbirgt den Schatz seines Lebens vor den Augen anderer Menschen. Und jeder würde so reagieren, wie Theo, als die Wahrheit über das Kunstwerk ans Licht kommt.

Man kann sich ein Bild eine Woche lang anschauen
und nie wieder daran denken. Man kann sich ein Bild
eine Sekunde lang anschauen und es sein Leben lang
nicht mehr vergessen…“
 

In diesen Momenten fand ich mich wieder in diesem Roman. Mein Distelfink hängt im Lenbachhaus zu München, entstammt der Zeichenfeder von Franz Marc und ist als Blaues Pferd weltbekannt. Ich kann persönlich nachvollziehen, welche Faszination ein Gemälde auf seinen Betrachter ausüben kann. Ich kann den Bann nachvollziehen, der den Betrachter gefangen nimmt. Und ich kann Theodore gut verstehen, der angesichts des ganz eigenen Lebensweges an der Seite seines Distelfinks zu allem bereit ist, um ihn nicht zu verlieren. Donna Tartt konfrontiert uns mit einem Entwicklungsroman, der die verschiedenen Lebensphasen ihres Protagonisten begleitet. Sie lässt uns mit ihm in rauschhafte Zustände verfallen, sie zeigt die verstörende Wirkung auf ihn, als der lange verschollene Vater plötzlich auftaucht und sie begleitet uns an seiner Seite in ein Leben als gewiefter Geschäftsmann. Zweifel, Selbstbetrug, Leugnung und Läuterung werden zu den Wegmarken eines Lebens, das eine explosive Wendung nahm.

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Jetzt sitze ich hier mit dem Buch und meinem ScriptBook vor Augen. Es fühlt sich gerade an, wie eine Zeitreise in mein vergangenes Lesen. Die Puzzlesteine finden sich und Bilder entstehen erneut in meinem Kopf. Da sind die Bilder des Todes von Mathew Brady, die den Amerikanischen Bürgerkrieg auf Glasplatten einbrannten. Da taucht Las Vegas als Ziel des Roadtrips mit Theos Vater auf. Die Chance auf ein neues Leben mit einem trockenen Alkoholiker. Da wird der Betrug wieder greifbar, mit dem man sich an Theo bereichern will. Da wird seine Flucht zurück nach New York wieder lebendig. Der Laden hinter dem Laden und die illegalen Geschäfte, Drogen, Sehnsüchte und unerfüllt gebliebene Liebe. Pippa, das Mädchen, das wie Theo den Anschlag überlebte wird zur Fata Morgana des „Was-hätte-sein-Könnens“.

Pippa war das vermisste Königreich, der unverletzte Teil meiner selbst. Sie war der goldene Faden in allem, eine Linse, die die Schönheit vergrößerte, sodass die ganze Welt gebannt war. Sie war wie die kleine Meerjungfrau, zu zerbrechlich, um an Land zu laufen…“

Hier berührt Donna Tartt sprachgewaltig und voller Tiefgang. Es gibt keinen Weg zurück. Es bleibt nur die Flucht nach vorne. Und letztlich ist nichts mehr so, wie es mal schien. Am Ende überstrahlt die Unfreiwilligkeit die Läuterung des Protagonisten. Es ist wie im wahren Leben. Die Unausweichlichkeit der Ereignisse öffnet die Augen und der letzte Ausweg wird zum Königsweg. Donna Tartt dreht und wendet das Schicksal, wie in der griechischen Mythologie. Ob ihr dabei ein Happy End gelang? Hier darf und kann man getrost streiten. Ich werde das Ende des Romans vor Augen haben, wenn ich bald in Delft vor einem Gemälde stehe. Ich weiß schon jetzt, dass aus dem kleinen Bild des zu früh verstorbenen Malers ein völlig neues Gemälde für mich entsteht. Ich werde den Ruß der Explosion sehen. Ich werde wissen, wo das Bild versteckt war. Und ich muss ganz sicher an Theodore Decker und Pippa denken. Nichts davon ist wahr. Und doch wird es für mich immer die Wahrheit hinter dem „Distelfink“ sein.

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Der Distelfink von Donna Tartt

Zur Vorbereitung auf den Film vertiefte ich mich im Hörbuch zu „Der Distelfink“. Ich wollte nochmal in die Atmosphäre eintauchen. Wollte nachempfinden, was ich einst so an dieser Geschichte liebte. Ich wollte schreibend in Schwung kommen, um meinen Erinnerungen wieder auf die Sprünge zu helfen. Ich wollte gerne New York, Las Vegas, Greenwich Village und Amsterdam neu erleben. Bei alldem wollte ich das Gemälde im Gepäck spüren. So, wie ich mein Blaues Pferd in Gedanken bei mir trage. Ich wollte für die neuen Eindrücke des Films bereit sein. Und ich wollte zurückblicken auf die Zeit, in der mein Blog AstroLibrium das Licht der Welt erblickte. Vor mehr als fünf Jahren war ich intensiv mit diesem neuen Kapitel meines Lebens beschäftigt. „Der Distelfink“ blieb damals auf der Strecke. Jetzt hat er sein Recht eigefordert. Man trifft sich mehrmals im Lesen.

Das Hörbuch: So, wie „Der Distelfink“ seinen Besitzer immer tiefer in einen Sog aus Lügen, Fehlentscheidungen und Fluchtbewegungen treibt, so ist es auch die Hörbuchfassung, die mit einer Spieldauer von 33 Stunden und 26 Minuten einen ganz eigenen Kosmos dieser Erzählung entfaltet. Wie die Buchvorlage ist auch das Hörbuch nichts für den schnellen Genuss für zwischendurch. Nichts für das beiläufige Zuhören, sondern vielmehr ein literarisches Hörereignis, auf das man sich mit Haut, Haaren und Ohren einlassen muss. Matthias Koeberlin verleiht der Erzählperspektive Theodore Deckers eine fast schon staatstragende Tiefe. Aus seiner Sicht entwickelt sich alles im Rückblick auf sein eigenes Leben. Im Amsterdamer Hotelzimmer, in dem es eigentlich endet, beginnt die Reise nach New York. Koeberlin wird dieser Rolle gerecht. Er weiß wovon er spricht, als wäre es seine eigene Geschichte in der Rückschau. Sentimentale und melancholische Facetten vertiefen diesen Eindruck. Ja, es ist ein Rückblick auf ein Leben das anders verlaufen wäre, wenn doch nur seine Mutter überlebt hätte. Stark!

Der Film: Bislang kann man nur den Trailer bestaunen. Zum Release gibt es immer noch widersprüchliche Aussagen. Aber ob Ende September oder Anfang Oktober, das ist letztlich fast unerheblich. Entscheidender ist, dass „Der Distelfink“ fast zeitgleich in den großen Kinoländern USA, England und Deutschland erscheinen wird. Das kommt recht selten vor und hilft uns dabei, den Film exklusiv, und nicht schon mit Kritiken aus anderen Ländern überlagert, betrachten zu können. Der Trailer lässt den Lesegefühlen von einst ausreichend Freiraum, sich in der Szenerie einzuleben. Das wirkt authentisch und gut umgesetzt. Hierfür steht auch der Name des Regisseurs: John Crowley. Seine filmische Adaption von „Brooklyn“ nach dem Roman von Colm Tóibín war brillant. Er hat ein feines Händchen für große literarische Stoffe. 

Der Cast sieht ebenfalls vielversprechend aus. Ansel Elgort als Theo trifft für mich punktgenau auf den Charakter zu, der hier schauspielerisch durch die Handlung trägt. Spätestens seit „Das Leben ist ein mieser Verräter“ weiß man, wie facettenreich und tiefgründig Elgort agieren kann. Ihm zur Seite stehen neben Nicole Kidman und Sarah Paulson auch Luke Wilson und Aneurin Barnard. Namen, die bei Kinofreunden den Puls schon leicht beschleunigen. Ob der Film funktioniert? Ob er die facettenreiche und tiefgründige Geschichte im Kinoformat so erzählen kann, dass er dem Roman gerecht wird? Das wird sich erst beantworten lassen, wenn der Vorhang fällt.

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Und spätestens dann werde ich allen Fragen auf den Grund gehen. Versprochen. Wie habt ihr den „Distelfink“ erlebt, habt Ihr den Roman noch in guter Erinnerung? Geht Ihr ins Kino und welche Gefühle begleiten Euch dabei? Schreibt mir und wir werden im Herbst dieses Jahres erleben, ob sich Hoffnungen erfüllen oder ob sich der alte Spruch „Der Film ist immer schlechter als das Buch“ mal wieder bewahrheitet. Stay tuned.

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Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind - Buch, Hörbuch und Film - AstroLibrium

Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Na das kann jedem mal passieren. Man (in diesem Fall Frau – in diesem speziellen Fall die glücklich verheiratete Mutter Emmi Rothner) möchte mittels EMail ein Zeitungs-Abonnement kündigen. Ein kleiner Schreibfehler in der Adresse ist dafür verantwortlich, dass nicht der Verlag, sondern ein völlig Unbeteiligter (in diesem Fall Mann – in diesem ganz besonderen Fall der alleinstehende Sprachpsychologe Leo Leike) nicht nur diese Nachricht erhält, sondern auch deutlicher werdende Nachfragen, warum die Kündigung nicht endlich akzeptiert wurde.

Das Missverständnis lässt sich noch schnell aus der Welt räumen, nicht jedoch die bisher geschriebenen Worte und ihre rein intellektuelle sprachliche Anziehungskraft, die beide sofort gepackt hat. Aus ersten recht zaghaften Fragen entwickelt sich in kürzester Zeit ein mehr als intensiver Onlineflirt, der von Mail zu Mail beginnt, Emmis Gefühlswelt zu dominieren und alles infrage zu stellen und andererseits Leos sprachpsychologische Theorien über den Haufen wirft. Die zeitlichen Abstände zwischen ihren elektronischen Mails werden kürzer und definieren sowohl die Intensität des Inhalts, die entstehenden Schmetterlinge im Bauch und das Zögern bei allzu verfänglichen Themen.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Kann man sich unter Ausklammerung der üblichen Wahrnehmungsebenen nur in Worte verlieben? Ist es möglich, sich in kürzester Zeit in der scheinbaren Anonymität elektronischer Zeichen fallen zu lassen und letztlich den Halt zu verlieren? Wo bleibt die Ratio, warum bremst das reale Leben den Sturz nicht, wieso übersteigt die Faszination dieser Mail-Beziehung alles bisher Dagewesene? Bohrende Fragen, die sich nicht nur Leo und Emmi stellen – verstörende Fragen, die sich der Leser stellt, besonders, wenn er selbst Erfahrung im Umgang mit Onlineforen oder Mail-Briefkästen besitzt. Man fällt mit, wird getrieben, versteht, fühlt und begreift jeden Unterschied zwischen Innen- und Außenwelt – versteht die Fluchten aus der realen Welt auf die einsame Insel und spürt die magnetische Anziehungskraft der Illusion.

Soll man sich öffnen? Darf Gefühl entstehen? Ist es in Ordnung, dass dem wahren Leben außerhalb des Mail-Briefkastens die Grundlage entzogen wird? Darf man im Sog der EMails untergehen und auf einer Sehnsuchtswelle reiten, die Familien zerstört? Wo sind die Grenzen? Was passiert, wenn man den Schützengraben hinter dem Computer verlässt und sich im wahren Leben begegnet? Zerstört jener Moment das zuvor Erlebte und Erträumte? Wozu sind Worte in der Lage? Liebe? Leidenschaft? Ist es wirklich von Bedeutung, wie der Mensch aussieht, dessen Schreiben wir verehren? Ein wilder Tanz der Spekulation beginnt:

Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Können Bücher Leben verändern?Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer ist dazu in der Lage. Ich reflektierte mein persönliches Schreibverhalten. Ich fragte mich, wie meine Mails so aussehen und auf ihre Adressaten wirken. Ich blendete mich in den Dialog ein und hatte das Bedürfnis, mich gedanklich einzumischen. Es fällt schwer, sich als Leser oder Hörer auf die passive Rolle einzulassen. Es ist zu verführerisch, weiter zu denken, weiter zu schreiben. Es ist mehr als schwer nach dem Buch, der Originalität des eigenen Schreibstils treu zu bleiben und Emmi oder Leo auszublenden. Sie bleiben im Ohr, sie klingen nach. Ihre inneren Konflikte treffen auf die bisherige Exklusivität des selbst Erlebten und halten den Spiegel der Erkenntnis in die Höhe, wie schnell man sich verlieren kann. Jeder von uns, der eigene Erfahrungen oder einen persönlichen Bezug zum Inhalt hat, sei eindringlich gewarnt.

Ein brillantes Buch ohne Schnörkel. EMails und Zeitangaben. Text und Antwort – Frage und Warten – Tempo und Nähe. All das vermittelte mir das Gefühl, selbst am Rechner zu sitzen und Teil zu sein. Aufwühlend und emotional, aber nicht ungefährlich. In der Hörbuchfassung bringen Andrea Sawatzki und Christian Berkel eine gewaltige stimmliche Emotionalität als Dimension ein, die dem Buch fehlt. Emmi und Leo werden fühlbar, spürbar und ohne jemals kitschig zu sein, romantischer als andere Paare in den großen Liebesgeschichten der Moderne. Das große Verführungspotenzial des Romans liegt in der Erkenntnis, dass man sich in den Geist eines anderen Menschen verlieben kann, ohne ein Bild von ihm zu haben. Es sich holen zu können, birgt alle Konflikte, die wir zu ertragen in der Lage sind. Die Versuchung überlagert das Leben. Gefährlich und verlockend zugleich.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Während der gesamte Roman in der Frage gipfelt, ob sich Emmi und Leo treffen, platzen wir vor innerer Anspannung. Obwohl wir hoffen, bangen und ahnen, dass es bei dieser Begegnung zu mehr kommen würde, dreht sich der Nordwind und bläst uns mit frischer Brise ins Gesicht. Die Dimensionen des Miterlebens sind vielschichtig. Lesend gehört uns alles. Jedes Bild, jeder Atemzug, jeder Zwischenton. Hörend wird aus Emmi & Leo sehr schnell Andrea & Christian. Gefährlich, weil wir die Stimmen im Buch nie hörten. Eigentlich schon zu viel des Guten. Und doch ist das Hörbuch so brillant, weil es in der Unmittelbarkeit der Atmosphäre besticht. Jetzt den Film mit Nora Tschirner und Alexander Fehling zu sehen, bedeutet für mich, die Dreidimensionalität einer Story zu erleben und erfühlen. Ich bin mehr als gespannt auf diese Verfilmung.

Worauf wir uns einlassen beim Film ist eine moderne Adaption des Romans. War es im Buch das Biotop der Ruhe am Computer, die dem Mail-Verkehr den Stempel der Romanze aufdrückte, so interagieren Emmi und Leo im Film nun mit Smartphones. Wo sie sich im Buch auf die wenigen verborgenen Minuten des Tages beschränkten, wird jetzt die ständige Verfügbarkeit der allgegenwärtigen Verführung zum Schrittmacher der Geschichte. Das ist zeitgemäß und richtig in Szene gesetzt, ob es jedoch dem Charme der Buchvorlage die Magie entzieht, bleibt abzuwarten. Der Trailer ist vielversprechend und die Besetzung passt zum Kopfkino des Jahres 2006, dem Jahr meines ersten und nicht letzten Kontaktes zu „Gut gegen Nordwind„. Ich persönlich hätte die Fortsetzung mit dem Titel „Alle sieben Wellen“ aus dem Jahr 2009 nicht gebraucht. Ich hätte gerne darauf verzichtet, weil sie mir zu weit ging. Ob ich den Film gebraucht hätte, werde ich Euch verraten, wenn ich ihn gesehen habe.

Ich befürchte jedoch, dass ein Smartphone im Film die Dimension und die Magie des Wartens in der Originalstory ebenso zerstört, wie die digitale Fotografie der analogen jeden magischen Funken der Faszination genommen hat, die man empfand, wenn man einige Tage nach der eigentlichen Aufnahme das fertige Foto endlich in Händen halten durfte. Wir werden sehen. Ich schrieb mein Fazit mitten in der Nacht. Ich war bewegt.

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Da saß ich nun, nachdem der Vorhang gefallen war und versuchte meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Was hatte ich hier gerade gesehen? Eine Literaturverfilmung? Sicher nicht. Eher einen Film frei nach dem Roman „Gut gegen Nordwind“. Aus einem literarischen Gleichgewicht zweier Charaktere im Roman wurde im Kino ein 40 Minuten lang dominierender Leo Leike. Seine Lebensumstände, seine Beziehung, seine Arbeit und unsichtbar aus dem Off ab und an die Stimme der unbekannten Emmi, die ihn mit Kündigungsmails belästigt. Emmi Rothner taucht erst nach einer gefühlten Ewigkeit auf. Wo das Buch sofort mit einer grandiosen Sogwirkung zuschlägt, schleppt sich der Film doch eher mühsam bis zu den geschriebenen Dialogen, die uns so sehr fesselten. Hier ein Smartphone im Einsatz zu sehen, war verstörend. Es war die zurückgezogene und abgeschiedene Welt hinter dem Computer, die Leo und Emmi in literarische Höhen der Kommunikation trieb. Hier ist es die Omnipräsenz im Alltag, die ständige Verfügbarkeit, die diesen Dialog in weiten Teilen auf die Ebene eines WhattsApp-Chats reduziert.

Klingt enttäuscht? Soll es nicht, denn dem Film gelingt mit seinen ganz eigenen Mitteln die Charakterstudie zweier Menschen, die für neue Impulse im Leben bereit sind. Hier brilliert besonders Nora Tschirner als Emmi. Sie ist die Suchende, neckend Herausfordernde, Verzweifelte und Verführte, wie ich sie mir vorgestellt habe. Bilder in geschickten Schnittfolgen, starke Musik und die Atmosphäre des Besonderen zeichnen diesen Film aus. Wo das Buch uns auf Distanz hält, blicken wir in Emmis Augen, hören Leos Stimme und wissen alles. Es gibt sie, die ganz großen Momente im Film. Szenen, die man nicht mehr vergisst. Die Nordwind-Sequenz einer einschlafenden Emmi gehört ebenso dazu, wie ihre Reaktion auf den einen veränderten Buchstaben in ihrem Namen aus dem Mund ihres Ehemanns. Großes Kino.

Ja, der Film ist anders. Er muss anders sein. Er würde kaum funktionieren mit zwei Menschen hinter ihren Computern. Es sind auch hier die geschriebenen Worte, die sie dazu bringen, sich in ein anonymes Gegenüber zu verlieren und zu verlieben. Es sind Worte und Empathie, die den Film dominieren. Szenisch brillant umgesetzt, wenn eine Mail am regennassen Fenster oder an der Wand zu lesen ist. Atmosphärisch packend und bewegend. Schauspieler, die dem Rollenbild entsprechen, das ich im Herzen trug. Eine Szene unter der Bettdecke, die den Nordwind zum Drehen bringt und mich rührte. All dies führt dazu, dass ich mich wohl fühlte im Kino. Das Ende jedoch mag zu diesem Film passen. Das Ende jedoch überschreitet eine Grenze, die für mich unverrückbar im Buch gezogen war. Das Ende ist für Leser gewöhnungsbedürftig und überraschend. In jeder Beziehung. Schaut Euch den Film an. Er bereichert das Erlesene. Aber wappnet Euch gut. Er wird nicht jeder Erwartung gerecht.

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[Thriller] Suche mich nicht von Harlan Coben

Suche mich nicht von Harlan Coben – AstroLibrium

Suche mich nicht von Harlan Coben

Es ist seine Masche. Er ist damit extrem erfolgreich. Er schreibt keine Buchreihen. Er setzt Geschichten in die Welt, die Sehnsuchtsmomente in den Mittelpunkt stellen. Er ist in der Lage, Serienmördern den blutigen Weg zu ebnen und gleichzeitig Gefühlswelten entstehen zu lassen, die uns mit den Opfern seiner Thriller mitfühlen lassen. Es geht in seinen Romanen immer wieder um zentrale Themen, wie Verlust, den Zusammenbruch einer vormals heilen Welt und die Suche nach dem Warum. „Ich vermisse dich“, „Ich schweige für dich“, „In deinem Namen“ und „In ewiger Schuld“. Seine Titel sind hier Programm. Sie stehen für seine Romane und die Protagonisten, die wir an seiner Seite durch die schwerste Phase ihres Lebens begleiten dürfen.

Harlan Coben. Mehr muss man fast nicht sagen. Thriller können romantisch sein. Es ist möglich, verzweifelt Liebende auf die Suche nach verschwundenen Menschen durch kriminelle Szenarien zu jagen und es wühlt immer wieder auf, was er uns erleben lässt. Nun greift er mit seinem neuen Roman nach den reinen und unbefleckten Vaterherzen. Er schreibt uns ein Desaster ins Stammbuch, das kaum zu verkraften ist und dem man sich nicht entziehen kann, wenn man nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt hat, was es heißt Vater zu sein. Er lässt eine Tochter verschwinden. Spurlos. Grundlos. Sie hinterlässt nur eine einzige Nachricht, die unmissverständlicher nicht sein kann und die man als Vater kaum verkraftet:

Suche mich nicht!

So lautet auch der Titel des neuen Thrillers aus der Feder von Harlan Coben. Und genau mit dieser Botschaft reißt er die ersten Lücken in die Verteidigungshaltung seiner Leser, die immer behaupten würden, „das kann mir nicht passieren“. Oh doch. Kann es. Ich würde diese Botschaft ignorieren, ich würde mich auf die Suche machen, ich würde alle Hebel in Bewegung setzen um sie zu finden. Und vor allem würde ich herausfinden wollen, warum sie ihre Eltern und ihre beiden Geschwister so plötzlich verlassen hat. In diesem Fall wäre das genau der Fall, der mich aus der Bahn werfen würde. Da bin ich ganz bei Simon. Vom ersten Moment an. Er ist der Vater von Paige. Er vermisst seine Tochter, er findet keinen Grund für ihre Flucht und er kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau ihm klarzumachen versucht, dass man das einfach mal zu akzeptieren habe.

Nein. Ingrid ist da keine große Hilfe. Sie ließ ihre Tochter gehen und jetzt liegt es am Vater, gegen den Widerstand seiner eigenen Frau und gegen den Willen seiner Tochter beharrlich nach seinem Mädchen zu suchen. Dabei ist New York nicht gerade perfekt, um jemandem auf die Fährte zu kommen, der untertauchen will. Deshalb dauert es ein halbes Jahr, bis er zufällig auf seine Tochter stößt. Das Szenario, mit dem uns Harlan Coben hier konfrontiert ist herzzerreißend, wenn man sich mit der Situation von Simon auseinandersetzt. Vaterliebe, Verantwortungsgefühl und alle Schutzfunktionen werden mit Füßen getreten, als er Paige begegnet.

Wir sind im Central Park. Strawberry Fields. Eine atmosphärische Ecke voller Musik, Straßenkünstler und alternativem Lifestyle. Wir sitzen gemeinsam mit Simon auf einer Parkbank und hängen den Erinnerungen nach, die ihn beschäftigen. Er denkt an seine Zeit mit Paige. Genau hier am „Imagine“-Mosaik. Fast vor einem halben Jahr. Seitdem sucht er und grübelt. Seitdem zweifelt er an allem, was eine Familie ausmacht, an der Liebe seiner Frau und an der Hoffnung, seine Tochter zu finden. Hier verbringt er seine Pausen. Hier kann er denken. Einzig störend ist die junge Frau, die den Platz mit einer grausamen Version „Penny Lane“ beschallt.

„Ihm gegenüber saß eine – wie nannte man sie heutzutage? Obdachlose? Berberin? Drogenabhängige? Psychisch Kranke? Bettlerin? – ganz nah am
berühmten Mosaik und spielte für Kleingeld Beatles-Songs.“
 

Eine verstimmte Gitarre, gelbe Zähne, eine krächzende Stimme. Wie kann man da zum Nachdenken kommen? Die Haare matt, verfilzt, eingefallene Wangen. Spindeldürr, zerlumpt, dreckig, ramponiert, obdachlos, verloren. Fast nichts Menschliches und ganz einfach derangiert. All das würde Simon kaum interessieren, wäre da nicht ein Bruch im Bild. Wäre da nicht eine Besonderheit, die sein Leben blitzartig in eine andere Richtung lenkt:

„Außerdem war sie Simons Tochter Paige!“

Hier beginnt, was sich im Fortgang der Geschichte als Break-Even-Point darstellt. Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Tiefer kann man nicht fallen. Hier beginnen die Fragen auszuufern. So greift Harlan Coben nach unserer Aufmerksamkeit und wirft ein ganzes Bündel von Handlungsfäden auf den Platz, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Würden wir es nicht besser wissen. Denn wo Coben draufsteht, ist immer Coben drin. Darauf können wir uns verlassen. Und wir können darauf vertrauen, dass wir am Ende des Thrillers zwar staunend, aber nicht ahnungslos die Kinnladen auf den Tisch fallen lassen. So war es schon immer.

Wir sind in diesem Moment ganz bei Simon. Wir sind bei ihm, als er versucht, seine Tochter anzusprechen, sie festzuhalten, sie an sich zu reißen. Wir sind an seiner Seite, als sich ein Drogenjunkie dazwischenwirft und Simon klarmacht, dass seine Tochter zu ihm gehört. Wir klatschen Beifall, als er dem Penner gegenüber handgreiflich wird. Was wir nicht ahnen können, Paige macht sich aus dem Staub, ein zufälliges Youtube-Video dieser Schlägerei „Reich gegen Arm“ geht viral und Simon wird angeklagt. Für ihn geht alles den Bach runter, wie man so schön sagt. Genau an der Stelle lässt Harlan Coben alle Bömbchen platzen, die der Dynamik der Story zusätzlichen Schwung verleihen.

Ein Killerpärchen, das seine Kreise zieht, ohne die Zusammenhänge zwischen den Opfern erkennen zu lassen. Eine Detektivin, die bei ihren Ermittlungen auf Simon stößt und eine Kette in Gang setzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Sekte, ein Geheimnis und pseudoreligiöser Eifer. Tatorte, die auf der Landkarte wuchern, ohne miteinander in Verbindung zu stehen. Und zum Höhepunkt für alle Coben-Fans ein alter Bekannter in ein einem neuen Fall. Napoleon (Nap) Dumas, der Polizist ausIn deinem Namen“ wird involviert, als die Mordserie seine Stadtgrenze erreicht. Was dies alles mit Simon und seiner Tochter zu tun hat? Das fragte ich mich lange, bis ich am Ende mit offener Kinnlade erkannte, was Coben unter der Oberfläche des Orkans verborgen hatte. Und dann musste ich mich zurücklehnen, einatmen, ausatmen und realisieren, dass er hier Neuland betreten hat, was das Ende seiner Thriller betrifft. Sagenhaft und bewegend.

Das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verbindet die bisherigen Fälle Harlan Cobens mit der Stimme von Detlef Bierstedt. Er ist das deutsche Sprachrohr eines Schriftstellers, dessen Romane einer ganz eigenen Melodie folgen. Er ist der Sound im Ohr des Hörers, der unmissverständlich und eindeutig vermittelt, Coben zu hören. Sein Timbre in der Stimme eines erfahrenen Polizisten, die jugendlich forschen Auftritte von Teenagern und die eindringlichen Warnungen kampferfahrener alter Veteranen. All dies ist signifikant für die Stimme von Detlef Bierstedt. Es sind seine Markenzeichen.

Ich freue mich auf mehr, blicke allerdings auch gerne auf Vergangenes zurück. Coben bleibt Coben. „Suche mich nicht“ vermittelt den Eindruck, er habe sich viel zugemutet, zu viele Spuren gelegt, die Handlung zu weitläufig gefasst. Am Ende jedoch bleibt die Erkenntnis. Er hat erneut die Kurve gekriegt. Und wie!

„Suche mich nicht“ von Harlan Coben
Hörbuch: Der Hörverlag / gekürzt / Detlef Bierstedt / 10 Std. 15 Min. / 14,99 Euro
Buch: Goldmann Verlag / dt von Gunnar Kwisinski / 480 Seiten / 15,00 Euro

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Er war der 56. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er schrieb gleich in mehrfacher Hinsicht Geschichte. Er war der erste Afroamerikaner in diesem Amt, man verlieh ihm den Friedensnobelpreis und er ließ seiner Amtszeit von 2009 bis 2013 eine zweite von 2013 bis 2017 folgen. Sein Slogan „Yes we can“ ging um die Welt und man romantisiert seine Präsidentschaft gerade in der heutigen Zeit, weil man ihn mit seinem Nachfolger Donald Trump vergleicht. Losgelöst von der politischen Kompetenz stehen gerade bei diesem Vergleich die soziale Kompetenz, die menschliche Wärme und sein unbestrittenes Charisma im Zentrum der Betrachtung. Hier lässt er seinen Nachfolger, auch aus Sicht internationaler Partner und Verbündeter, meilenweit hinter sich. Er war ein Ausnahmepräsident. Barack Hussein Obama.

Alles nur gefühlt? Alles nur emotional überlagerte Faktenlage oder belegbar? Können wir die Beliebtheit eines Präsidenten und seine Ausstrahlung wirklich bewerten oder ist es eher so, dass unsere Sympathien frei im luftleeren Raum hängen, wenn über einen Menschen urteilen, der aus unserer Sicht prägend für sein ganzes Land war? Vielleicht ist es so. Ich bin jedoch dankbar dafür, mich besser informieren zu können und mir auf diese Art und Weise (ganz besonders in Zeiten von Fake-News) ein ganz eigenes Bild machen zu dürfen. Ich bediene mich einer Kollektion von Primär- und Sekundärquellen, die in Gänze einen umfangreichen Blick auf den Menschen zulassen, der gerade heute im politischen Weltgefüge schmerzlich vermisst wird.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Barack Obama war der erste US-Präsident, der während der gesamten achtjährigen Amtszeit jeden Abend ausgewählte Briefe seiner Bürger las. Er hatte dazu ein eigenes Kommunikationszentrum installiert, in dem eine ganz besondere Crew die eingehende Postflut sichtete, sortierte und las. Der Lektüreraum im Weißen Haus war für insgesamt acht Jahre die Anlaufstelle abertausender E-Mails, Briefe und sonstiger Nachrichten. Er war der Ort, an dem darüber entschieden wurde, welche Briefe ihren Präsidenten ganz persönlich erreichen sollten und auf welche man mit standardisierten Antwortschreiben reagierte. Hier regierte nicht der Zufall. Hier steckte System hinter dem Chaos. Es gab Schlagwort-Wolken, Algorithmen und eben auch eine riesige Portion Empathie, die ins Feld geführt wurde, um den Präsidenten im Dialog mit seiner Nation zu halten.

10 Briefe am Tag. So lautete die Vorgabe von Barak Obama. 10 Briefe, hinter denen sich Menschen verbargen, Schicksale und Hoffnungen, Anliegen, Angst, Hoffnung und oftmals einfach auch nur der Wunsch, Dampf abzulassen. Dabei war schon zu Beginn dieses Kommunikations-Projektes klar, dass der Präsident nicht nur mit seiner Fanpost konfrontiert werden wollte. Ganz im Gegenteil. Barak Obama suchte nach Geschichten, die ihm sein Land zeigten, wie er es in der Abgeschiedenheit an der Spitze der Nation nicht mehr selbst erleben konnte. Die meisten Zuschriften mit den Worten: „Ich denke, Sie werden diesen Brief niemals lesen“ erreichten ihn tatsächlich nicht. Aber es gab da etwas, das sich schnell herumsprach und die Menschen dazu veranlasste, sich ihm anzuvertrauen. Barack Obama beantwortete die Briefe persönlich, handschriftlich und voller Einfühlungsvermögen.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas stellt den Versuch dar, nicht nur den Briefen auf die Spur zu kommen, nicht nur eine Kollektion aus Anliegen und antworten zu veröffentlichen. Die etablierte Journalistin geht in jeder Hinsicht weiter, als es der Buchtitel erwarten lassen würde. Sie veröffentlicht Briefe, die Obama erreichten und auf die er selbst antwortete. Sie hat ein Spektrum an Zuschriften ausgewählt, das die gesamte Bandbreite dieses Dialoges zeigt. Sie konfrontiert uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen, sie legt uns Beschwerden und Protestnoten vor, die den Präsidenten tief getroffen haben mussten. Sie zeigt uns Briefe und E-Mails, an denen sich Obama aufrichten konnte, weil sie die Auswirkungen seiner Politik auf den Einzelnen dokumentierten. Aber dann verlässt sie den Lektüreraum und spricht mit den Mitarbeitern dieser Dialog-Truppe, mit Praktikanten und Sonderbeauftragten im Weißen Haus, die an vorderster Front mit den Augen ihres Präsidenten lasen, schrieben, hörten und archivierten. 

Damit nicht genug. Parallel zu diesem intensiven und zutiefst menschlichen Blick ins Zentrum der Briefe, verlässt sie das Weiße Haus und begegnet den Menschen im weiten Land, die Antwort von ihrem Präsidenten erhielten. Sie erzählt ihre Geschichten und die Gründe, die dazu führten, dass man dem Präsidenten schrieb. Und dann zeigt sie, was seine Antworten kurz- und mittelfristig bewirkt, verändert und bedeutet haben. Diese multiperspektivische Betrachtung macht aus diesem Buch und der aufwendigen Hörbuchadaption mehr als nur eine Momentaufnahme. Sie hebt die Briefe, Antworten und Sachverhalte, die ihnen zugrunde liegen auf eine Ebene, die jenseits der Politik in der Lage ist aufzuzeigen, was diesen charismatischen Menschenfänger im positivsten auszeichnet. Seine menschliche Größe wird in jeder Antwort aus seiner Feder sichtbar. Sein Umgang mit Lob und Kritik, ja sogar mit wüstesten Beschimpfungen verdient jede Hochachtung. Und die Antworten aus seiner Feder waren in der Lage, das Leben derer zu verändern, die ihm schrieben.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Die persönlichen Begegnungen mit seinen „Brieffreunden“ gehören zu den ganz besonderen Höhepunkten dieses Buches. Ich werde die Mutter nicht vergessen, die ihm von ihrem ganz kleinen Leben erzählte, die ihm schrieb, wie schwer es ist das Geld für Familie, Haus und Krankenversicherung aufzutreiben. Die ihm mit auf den Weg gab, er möge sein Bestes geben, damit auch sie ihr Bestes geben kann. Ein Brief, der mehr erzählte, als eine einfache Geschichte. Er beschrieb die Lage der Nation. In einfachen Worten. Wie groß war die Überraschung dieser Frau, als sie von Barack Obama nach Washington eingeladen wurde, um seine Rede an die Nation zu hören. Wie groß muss ihre Überraschung gewesen sein, zu erkennen, dass ihr eigener Brief die Rede an die Nation war. Ein Meilenstein des Dialogs mit seiner Nation.

Jeanne Marie Laskas blickt in die Seelen und Herzen der Briefschreiber. Sie geht auf viele Mitarbeiter im Lektürezentrum zu und erzählt ihre Geschichten von Motivation, Betroffenheit und Liebe zu dieser Arbeit. Dabei hat sich die Autorin den denkbar besten Zeitpunkt für diese Reportage ausgewählt. Obama ist abgewählt. Trump steht kurz vor seinem Einzug in den heiligen Hallen. Die Zukunft des Briefprojektes ist ungewiss. Man räumt die Büros. Man räumt das Feld für jemandem dem man alles zubilligen kann, nur kein warmes Herz, keine Empathie und keinen Stil im Umgang mit Menschen. Es ist in jeder Zeile dieses Buches zu fühlen, wie der Abgesang auf eine Ära klingt. Alles ändert sich. Die Briefe in den letzten Amtstagen von Barack Obama sprechen eine deutliche Sprache. Acht Jahre dieser absolut beispiellosen Korrespondenz lassen den Untertitel „Das Porträt einer Nation“ zu.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Ich begann dieses Porträt hörend. Die Stimmen von Christian Baumann, Julia Cortis, Juliane Köhler und Franz Pätzold trugen mich durch die Flut der Briefe und vermittelten das Gefühl, direkt ins Lesen und Schreiben involviert zu sein. Ihre Stimmen ließen mich teilhaben an den Sorgen und Nöten der Bürger, sprachen mich aber auch als Präsident ganz direkt an. Fast 10 Stunden in der gekürzten Lesung breiteten die Wucht einer Zeit vor mir aus, die heute vergangen scheint. Diese acht CDs entsprechen acht Jahren im Amt. Eine kurze Zeit. Eine sehr lange Zeit. Eine extrem wichtige Zeit. Und doch musste ich neben dem Gehörten auf das Buch zurückgreifen, weil es handschriftliche Briefe, in Eile verfasste Notizen, E-Mails und die handsignierten Antworten von Barack Obama beinhaltet. Die Textgestaltung ist brillant und die Authentizität, die das Buch ausstrahlt macht es zu einem Dokument der Zeitgeschichte, in dem man immer wieder versinken möchte, wenn man den Glauben an das Gute in der Politik verloren hat.

Am Ende kommt er selbst zu Wort. Am Ende schließen sich Kreise beim ehemaligen Präsidenten. Jeanne Marie Laskas kann ihn zur Bedeutung der Briefe für sein eigenes Leben fragen, sie kann auf bestimmte Themen eingehen und beleuchten, wie die Post seine Haltung verändert hat. Barack Obama bleibt keine Antwort schuldig. Auch keine zur aktuellen Lage der Nation. „Briefe an Obama“ ist ein Muss für Menschen, die sich in sozialer und politischer Hinsicht mit der Welt auseinandersetzen. Ein Muss für Leser und Hörer, die Empathie als Grundlage von Führungsfähigkeit empfinden. Ein Muss in einer Zeit, in der diejenigen die Macht ergreifen, die Angst erzeugen, statt zu beruhigen oder Lösungen aufzuzeigen. Für mich ein Muss, weil mich die Themenvielfalt mehr als überrascht hat. Opfer von Amokläufen, Veteranen, Arbeitslose, verschuldete Menschen und Drogenabhängige, Inhaftierte, Alleinerziehende, Kranke ohne Versicherung, Mütter schwuler Söhne deren Väter Trump gewählt haben. Selten wird die Zerrissenheit eines Landes deutlicher. Selten wird ein Hoffnungsträger klarer erkennbar. Yes, we can. Das Mantra der Präsidentschaft Barack Obamas hallt lange nach.

Das Buch endet in Briefen. Das Hörbuch gönnt uns einen Ausschnitt von Barack Obamas Amtsantrittsrede 2009 im O-Ton. Gänsehaut garantiert..

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

„Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas
Hardcover: Goldmann Verlag
/ dt. von Nathalie Lemmens und Thorsten Schmidt / 544 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag 
/ gekürzte Lesung / 8 CDs / 9 Std. 43 Min / 22 Euro

„In deinem Namen“ von Harlan Coben – Ein Sehnsuchtsthriller

In deinem Namen von Harlan Coben

Wenn ich an Thriller denke, die mich emotional bewegt haben, dann denke ich an Harlan Coben. Wenn ich an spannungsgeladene Stories denke, die sich deutlich vom Mainstream abheben, in denen das Blut nicht von den Wänden läuft und die Sehnsucht das zentrale Erzählelement darstellt, dann lande ich in meinen Gedanken immer wieder in Romanen aus seiner Feder. Harlan Coben hat mich noch niemals enttäuscht. Er hat immer die hohen Erwartungen erfüllt und, was in diesem Genre außergewöhnlich ist, er hat mir Romane in die Seele geschrieben, die in meiner Erinnerung vollständig präsent sind. Wo zumeist nur Fragmente in Erinnerung bleiben, genügt ein Blick auf das Cover und ich bin wieder am Ort des Geschehens. Auf Augenhöhe.

Ich finde dich
Ich vermisse dich
Ich schweige für dich und
In ewiger Schuld

Ein Zitat aus „Ich finde dich“, das für mich das Schreiben Harlan Cobens treffend charakterisiert. Mir geht es mit seinen Thrillern, wie es seinen Protagonisten mit ihrer großen Liebe geht. Ich fühle mich magnetisch angezogen.

„… Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus.“

In deinem Namen von Harlan Coben

Thriller, die meine Sichtweise zu diesem Genre deutlich verändert haben. Thriller, die Spuren in meinem Lesen und Hören hinterlassen haben, weil ich eben nicht nur die Bücher, sondern insbesondere auch alle Hörbücher genossen habe. Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney, ist für mich zum Synonym für jene Thriller geworden. Facettenreich in seiner Modulation, im Timbre und dem emotionalen Zustand wird er dem Setting der jeweiligen Story mehr als gerecht. In der Rezension zu „Ich finde dich“ stellte ich mir die Frage, ob ein Thriller neben allen Stereotypen eines spannenden Pageturners auch knallhart romantisch sein darf. Meine Antwort lautet: Ja. Damals 2014, als ich Harlan Coben zum ersten Mal las und heute erneut. Ja. Ohne die tiefe, romantisch ausgeprägte Sehnsucht nach der großen Liebe eines Lebens wird es für mich keine Thriller geben, die das Prädikat Coben im Titel tragen.

In deinem Namen

Das fünfte Cover-Holzhaus, die fünfte Hütte, die ich nun betrete. Cover, die nicht in jedem Fall etwas mit den Inhalten der Romane zu tun haben, aber eben Cover, die sich zum Markenzeichen für viele Coben-Thriller gemausert haben. Brandbeschleuniger für den Verkauf. Optische Leckerbissen für das Bücherregal und visuelle Klammer für eine offene Buchreihe mit jeweils neuen in sich abgeschlossenen Thrillern, die nicht mal die Ermittler gemein haben. Jede Coven-Hütte ist eine neue Welt. Jede Hütte stellt für sich ein neues Erlesen und Erhören dar. Und doch haben die Hütten eines gemeinsam. Die ewige Suche nach einem wichtigen Menschen. So auch diesmal.

In deinem Namen von Harlan Coben

Und schon sind wir mittendrin im neuen Werk von Harlan Coben. Und schon sollte man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die ersten Zeilen liest, die erste Seite hört. Weit reicht die Traumatisierung von Napoleon (Nap) Dumas zurück. Bis heute ist der Detective einer Kleinstadt in New Jersey auf der Suche nach Antworten. Bis heute verfolgt ihn eine Nacht, die vor 15 Jahren sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Eine Nacht, die sein Leben mit der Überschrift Verlust versehen hat. In jener Nacht verlor er nicht nur seinen Zwillingsbruder Leo, sondern mit Maura auch die große Liebe seines Lebens. Doch während Leo gemeinsam mit seiner Freundin Diana auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst wurde, ist Maura einfach spurlos verschwunden.

Kein Abschied. Keine Begründung. Keine letzten Worte. Das gilt für beide Verluste. Doch während der Tod seines Bruders unabänderlich ist, hofft Nap seit 15 Jahren eine Spur oder ein Lebenszeichen von Maura zu finden. Grund genug für ihn damals Polizist zu werden. Doch vergebens. Bisher. Doch plötzlich kommt Fahrt in die Vergangenheit von Nap Dumas. Bei Ermittlungen in einem Polizistenmord findet man im Tatfahrzeug die Fingerabdrücke von Maura. Und nur weil er es war, der vor 15 Jahren die Abdrücke in die Polizeidatenbank eingespeist hat, wird er nun von den ermittelnden Polizisten in den Mordfall involviert. Die Vergangenheit holt ihn ein. Nap hofft, endlich Antworten auf die großen offenen Fragen seines Lebens zu erhalten.

In deinem Namen von Harlan Coben

Das ist Harlan Coben, wie er schreibt und lebt. Hier ist wieder die Ausgangsbasis für einen Thriller gelegt, der dem roten Faden seines Schreibens wie auf Schienen folgt. In jeder Sequenz wird spürbar, wie tief die Verletzungen verankert sind. In jedem Moment dieses Thrillers fühlt man die bohrende Last der ungeklärten Fragen. Die Triebfeder für Nap wird bis zum Bersten gespannt. Ebenso unsere Nerven. Denn die Ermittlungen im Polizistenmord scheinen nicht nur eine Spur zu Maura aufzudecken. Hier laufen Fäden zusammen, die vor 15 Jahren für eine Kette von Ereignissen verantwortlich waren, die bis heute völlig im Dunkeln liegen. Hier greift Harlan Coben in seiner Fantasie nicht ins Leere. Er verankert seinen Thriller in der Zeit und lässt ein plausibles Szenario vor den Augen seiner Leser entstehen, das einfach nur fesselnd ist.

Nap Dumas lebt auf. Er ermittelt im Vollgas-Tempo. Die Charakterzeichnung dieses Polizisten ist so tief angelegt, dass wir mal zurückschrecken und mal fasziniert sind. Er regelt die Dinge. Knallhart und auch mal außerhalb der Legitimation durch seinen Job. Nap ist Gerechtigkeitsfanatiker und wo seine Befugnisse als Polizist enden, da findet er kreative Wege, sie zu umgehen. Als er jedoch beginnt, die Fäden von einst in die Hand zu bekommen, führen ihn die ersten Antworten an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Alles hängt zusammen. Alle Spuren führen zurück in eine Zeit, die nun wieder lebendig zu werden scheint. Kein Verlust basiert auf Zufällen. Nap Dumas braucht alle Kraft der Welt, um das erneut durchzustehen.

In deinem Namen von Harlan Coben

Ein echter Coben! Mehr muss ich kaum sagen. Ein Thriller voller Geheimnisse, Gefühl und Hochspannung. Der Erzählraum einer amerikanischen Kleinstadt weitet sich enorm aus, wenn wir in die jüngere Vergangenheit blicken. Ein geheimer Raketenstützpunkt in neuer Verwendung, Überwachungskameras, Drogen und die ersten großen Lieben sind mehr als nur Randerscheinungen einer Geschichte, die ihre eigene Geschichte hat. Der Autor lässt keine Fragen offen. Auch das hat Tradition bei Harlan Coben. Er lässt uns in keinem seiner Fälle hängen. Vorhersehbar ist hier nichts. Kalkulierbar ist niemand. Und doch sagt man sich am Ende, man hätte es ahnen können, wenn es nicht so geschickt versteckt gewesen wäre.

Was mir nach dem Lesen und dem Hören bleibt ist erneut das gigantische Gefühl, einen großen Thriller erlebt zu haben. Was mir bleibt, sind die Sehnsuchtsmomente, in denen man Tränen in den Augen hat. Unvergessen wird es mir im Gedächtnis bleiben, einmal mit Mauras Augen einen Blick auf den Menschen zu werfen, den sie vor genau 15 Jahren verlassen hat. Unvergessen bleibt dieser Moment, in dem sie dem Schicksal das Angebot macht, alles zu ändern. Spätestens hier habe auch ich mich in sie verliebt. Unvergessen bleibt auch der eigentliche Adressat der Geschichte. Coben schreibt das Buch nicht für seine Leser. Nap Dumas erzählt diese Geschichte als endlosen Monolog für seinen Bruder Leo, in dessen Namen er der Vergangenheit den Schleier vom Antlitz reißen will. Großartig.

Es geht weiter mit „Suche mich nicht„… Harlan Coben in Höchstform…

In deinem Namen von Harlan Coben