„In deinem Namen“ von Harlan Coben – Ein Sehnsuchtsthriller

In deinem Namen von Harlan Coben

Wenn ich an Thriller denke, die mich emotional bewegt haben, dann denke ich an Harlan Coben. Wenn ich an spannungsgeladene Stories denke, die sich deutlich vom Mainstream abheben, in denen das Blut nicht von den Wänden läuft und die Sehnsucht das zentrale Erzählelement darstellt, dann lande ich in meinen Gedanken immer wieder in Romanen aus seiner Feder. Harlan Coben hat mich noch niemals enttäuscht. Er hat immer die hohen Erwartungen erfüllt und, was in diesem Genre außergewöhnlich ist, er hat mir Romane in die Seele geschrieben, die in meiner Erinnerung vollständig präsent sind. Wo zumeist nur Fragmente in Erinnerung bleiben, genügt ein Blick auf das Cover und ich bin wieder am Ort des Geschehens. Auf Augenhöhe.

Ich finde dich
Ich vermisse dich
Ich schweige für dich und
In ewiger Schuld

Ein Zitat aus „Ich finde dich“, das für mich das Schreiben Harlan Cobens treffend charakterisiert. Mir geht es mit seinen Thrillern, wie es seinen Protagonisten mit ihrer großen Liebe geht. Ich fühle mich magnetisch angezogen.

„… Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus.“

In deinem Namen von Harlan Coben

Thriller, die meine Sichtweise zu diesem Genre deutlich verändert haben. Thriller, die Spuren in meinem Lesen und Hören hinterlassen haben, weil ich eben nicht nur die Bücher, sondern insbesondere auch alle Hörbücher genossen habe. Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney, ist für mich zum Synonym für jene Thriller geworden. Facettenreich in seiner Modulation, im Timbre und dem emotionalen Zustand wird er dem Setting der jeweiligen Story mehr als gerecht. In der Rezension zu „Ich finde dich“ stellte ich mir die Frage, ob ein Thriller neben allen Stereotypen eines spannenden Pageturners auch knallhart romantisch sein darf. Meine Antwort lautet: Ja. Damals 2014, als ich Harlan Coben zum ersten Mal las und heute erneut. Ja. Ohne die tiefe, romantisch ausgeprägte Sehnsucht nach der großen Liebe eines Lebens wird es für mich keine Thriller geben, die das Prädikat Coben im Titel tragen.

In deinem Namen

Das fünfte Cover-Holzhaus, die fünfte Hütte, die ich nun betrete. Cover, die nicht in jedem Fall etwas mit den Inhalten der Romane zu tun haben, aber eben Cover, die sich zum Markenzeichen für viele Coben-Thriller gemausert haben. Brandbeschleuniger für den Verkauf. Optische Leckerbissen für das Bücherregal und visuelle Klammer für eine offene Buchreihe mit jeweils neuen in sich abgeschlossenen Thrillern, die nicht mal die Ermittler gemein haben. Jede Coven-Hütte ist eine neue Welt. Jede Hütte stellt für sich ein neues Erlesen und Erhören dar. Und doch haben die Hütten eines gemeinsam. Die ewige Suche nach einem wichtigen Menschen. So auch diesmal.

In deinem Namen von Harlan Coben

Und schon sind wir mittendrin im neuen Werk von Harlan Coben. Und schon sollte man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die ersten Zeilen liest, die erste Seite hört. Weit reicht die Traumatisierung von Napoleon (Nap) Dumas zurück. Bis heute ist der Detective einer Kleinstadt in New Jersey auf der Suche nach Antworten. Bis heute verfolgt ihn eine Nacht, die vor 15 Jahren sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Eine Nacht, die sein Leben mit der Überschrift Verlust versehen hat. In jener Nacht verlor er nicht nur seinen Zwillingsbruder Leo, sondern mit Maura auch die große Liebe seines Lebens. Doch während Leo gemeinsam mit seiner Freundin Diana auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst wurde, ist Maura einfach spurlos verschwunden.

Kein Abschied. Keine Begründung. Keine letzten Worte. Das gilt für beide Verluste. Doch während der Tod seines Bruders unabänderlich ist, hofft Nap seit 15 Jahren eine Spur oder ein Lebenszeichen von Maura zu finden. Grund genug für ihn damals Polizist zu werden. Doch vergebens. Bisher. Doch plötzlich kommt Fahrt in die Vergangenheit von Nap Dumas. Bei Ermittlungen in einem Polizistenmord findet man im Tatfahrzeug die Fingerabdrücke von Maura. Und nur weil er es war, der vor 15 Jahren die Abdrücke in die Polizeidatenbank eingespeist hat, wird er nun von den ermittelnden Polizisten in den Mordfall involviert. Die Vergangenheit holt ihn ein. Nap hofft, endlich Antworten auf die großen offenen Fragen seines Lebens zu erhalten.

In deinem Namen von Harlan Coben

Das ist Harlan Coben, wie er schreibt und lebt. Hier ist wieder die Ausgangsbasis für einen Thriller gelegt, der dem roten Faden seines Schreibens wie auf Schienen folgt. In jeder Sequenz wird spürbar, wie tief die Verletzungen verankert sind. In jedem Moment dieses Thrillers fühlt man die bohrende Last der ungeklärten Fragen. Die Triebfeder für Nap wird bis zum Bersten gespannt. Ebenso unsere Nerven. Denn die Ermittlungen im Polizistenmord scheinen nicht nur eine Spur zu Maura aufzudecken. Hier laufen Fäden zusammen, die vor 15 Jahren für eine Kette von Ereignissen verantwortlich waren, die bis heute völlig im Dunkeln liegen. Hier greift Harlan Coben in seiner Fantasie nicht ins Leere. Er verankert seinen Thriller in der Zeit und lässt ein plausibles Szenario vor den Augen seiner Leser entstehen, das einfach nur fesselnd ist.

Nap Dumas lebt auf. Er ermittelt im Vollgas-Tempo. Die Charakterzeichnung dieses Polizisten ist so tief angelegt, dass wir mal zurückschrecken und mal fasziniert sind. Er regelt die Dinge. Knallhart und auch mal außerhalb der Legitimation durch seinen Job. Nap ist Gerechtigkeitsfanatiker und wo seine Befugnisse als Polizist enden, da findet er kreative Wege, sie zu umgehen. Als er jedoch beginnt, die Fäden von einst in die Hand zu bekommen, führen ihn die ersten Antworten an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Alles hängt zusammen. Alle Spuren führen zurück in eine Zeit, die nun wieder lebendig zu werden scheint. Kein Verlust basiert auf Zufällen. Nap Dumas braucht alle Kraft der Welt, um das erneut durchzustehen.

In deinem Namen von Harlan Coben

Ein echter Coben! Mehr muss ich kaum sagen. Ein Thriller voller Geheimnisse, Gefühl und Hochspannung. Der Erzählraum einer amerikanischen Kleinstadt weitet sich enorm aus, wenn wir in die jüngere Vergangenheit blicken. Ein geheimer Raketenstützpunkt in neuer Verwendung, Überwachungskameras, Drogen und die ersten großen Lieben sind mehr als nur Randerscheinungen einer Geschichte, die ihre eigene Geschichte hat. Der Autor lässt keine Fragen offen. Auch das hat Tradition bei Harlan Coben. Er lässt uns in keinem seiner Fälle hängen. Vorhersehbar ist hier nichts. Kalkulierbar ist niemand. Und doch sagt man sich am Ende, man hätte es ahnen können, wenn es nicht so geschickt versteckt gewesen wäre.

Was mir nach dem Lesen und dem Hören bleibt ist erneut das gigantische Gefühl, einen großen Thriller erlebt zu haben. Was mir bleibt, sind die Sehnsuchtsmomente, in denen man Tränen in den Augen hat. Unvergessen wird es mir im Gedächtnis bleiben, einmal mit Mauras Augen einen Blick auf den Menschen zu werfen, den sie vor genau 15 Jahren verlassen hat. Unvergessen bleibt dieser Moment, in dem sie dem Schicksal das Angebot macht, alles zu ändern. Spätestens hier habe auch ich mich in sie verliebt. Unvergessen bleibt auch der eigentliche Adressat der Geschichte. Coben schreibt das Buch nicht für seine Leser. Nap Dumas erzählt diese Geschichte als endlosen Monolog für seinen Bruder Leo, in dessen Namen er der Vergangenheit den Schleier vom Antlitz reißen will. Großartig.

In deinem Namen von Harlan Coben

„In ewiger Schuld“ von Harlan Coben

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ich finde dich, Ich vermisse dich und Ich schweige für dich. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle nicht mehr viel schreiben, da Thrillerfans sofort wissen von wem die Rede ist. Harlan Coben. Jener Schriftsteller, dem es immer wieder gelingt, neben den Szenarien eines typischen investigativen Thrillers auch Sehnsuchtsmomente und ganz große Gefühle in seine Romane einzubauen. Können Thriller auch romantisch sein? Ja. Wenn sie aus seiner Feder stammen, ist dies ein durchaus geeignetes Stilmittel um die weltweit steigende Fangemeinde nachhaltig zu begeistern. Hier sprudelt kein Blut, hier wird nicht gemetzelt, hier spielt sich in der Psyche der Leser ab, was Coben erzählt und genau dadurch erreicht er durch seine emotionale Ader einen ganz wunden Punkt beim Leser. Man kann diese Thriller nachempfinden. Fühlen. Spüren.

Nun hat er es wieder getan. Diesmal jedoch wird sein neuer Roman schon bei seiner Veröffentlichung in Deutschland von Schlagzeilen begleitet, die zuvor nicht so sehr im Fokus standen. Verfilmung geplant. Filmrechte verkauft. Julia Roberts sichert sich die Rechte am Thriller und plant selbst die Hauptrolle zu spielen. Das sind keine Gerüchte. Und abwegig ist dieser Gedanke ebenso wenig, weil ich schon kurz nach dem Einstieg in sein topaktuelles Buch daran denken musste, wer seine Protagonistin Maya in einem Film verkörpern könnte. Und – ja – Julia Roberts. Das passt in vielerlei Hinsicht. Sie ist kein junger Hüpfer mehr, kein Vorzeigemodell, spielt sich beharrlich ins Charakterfach hinein und kann in ihren schauspielerischen Facetten genau das, was Harlan Coben in Maya hineingeschrieben hat, umsetzen. Gefühl und Härte. Ein Balanceakt, den ich ihr durchaus zutraue.

In ewiger Schuld von Harlan Coben

In ewiger Schuld“. Diesmal kein ich schweige, ich vermisse oder ich finde. Diesmal kein Versprechen im Titel seines aktuellen Thrillers. Diesmal eher eine Überschrift, die eine Dimension andeutet, die weit über das Erzählte hinausreicht. Eben ewig. Ein Titel, der für die deutsche Fassung mit Bedacht gewählt wurde und sehr gut passt. Doch zu Beginn der Story geht es nicht um ewige Schuld oder Vermächtnisse und Versprechen. Es geht um eine Situation, die Maya Burkett um den Verstand bringen könnte. Könnte. Denn sie hat viel durchgemacht im Leben und nun scheint jemand in den Trümmern zu wühlen, um auch den letzten verbliebenen Rest zum Einsturz zu bringen.

Harlan Coben kommt direkt zum Punkt. Er holt nicht weit aus oder schreibt lange um den heißen Brei rum. Er kommt zur Sache und die hat es in sich. Maya hatte alles, was ein gutes Leben ausmacht. Einen guten Job, einen liebevollen Mann aus guter Familie und eine zweijährige Tochter. Nur die Tochter ist ihr geblieben. Mehr nicht. Den Job als Militärpilotin hat sie verloren, weil sie während eines Einsatzes Zivilisten tötete, um ein paar Kameraden rauszuhauen. Ihr Ehemann wurde vor zwei Wochen in ihrem Beisein erschossen. Ein Raubüberfall, so das Ergebnis der Polizei. Und nur ihre Tochter gibt ihr den Mut, sich weiter durchs Leben zu kämpfen. Da sie niemandem mehr vertraut, ist es nur konsequent, ihr Kindermädchen mit einer Nanny-Cam zu überwachen. Ein weiterer Verlust? Undenkbar. Mehr ist nicht verkraftbar.

Soweit die Ausgangssituation von In ewiger Schuld. Was dann jedoch geschieht zieht Maya den Boden vollends unter den Füßen weg. Die Realität verzerrt sich und es ist nichts mehr so, wie es gerade noch war, als Maya das Überwachungsvideo dieses Tages betrachtet. Seelenruhig spielt ihre Tochter auf dem Sofa. Die Nanny ist im Haus. Alles ist perfekt. Bis ein Mann im Bild erscheint, der nicht mehr in dieses Bild passt. Es ist die bekannte Hose, das bekannte Hemd und das bekannte Gesicht, das nicht mehr hier sein dürfte, das sie umhaut. Ihr ermordeter Mann spielt mit ihrer Tochter. Und das nur wenige Stunden bevor sie sich diese Bilder anschauen kann. Ihr toter Mann. Wie ist das nur möglich?

Harlan Coben fabuliert sich hier keinen Mystery-Roman von der Seele. Er bleibt in der Realität verhaftet und genau hier entwickelt sich der unglaubliche Sog einer Story, die niemanden kalt lassen kann. Schnörkellos und konsequent geht Harlan Coben den Weg durch diese Geschichte. Schnörkellos und ungekünstelt folgt ihm das eigentliche Opfer, dem wir von Seite zu Seite näher kommen. Maya. Und es gelingt Coben erneut, aus einer unglaublich wirkenden Ausgangssituation eine Handlung entstehen zu lassen, die keine Fragen offenlässt. Ich habe Detlef Bierstedt fast zehn Stunden lang zugehört und bin der Synchronstimme von George Clooney bis in die tiefsten Abgründe gefolgt. Immer wenn ich zweifelte, ob diese Story aufgehen könnte, wurde ich eines Besseren belehrt. Und in jedem Kapitel fand ich inmitten der puren Spannung auch die Sehnsucht einer Frau, die so sehr hofft, dass ihr die eigenen Augen keinen Streich gespielt haben.

Harlan Coben darf man sich anvertrauen. Ein weiteres Highlight auf dem Weg durch seine Thrillerwelt. Und auf den Film bin ich jetzt extrem gespannt. Ich werde sehen!

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ein spannender Nachtrag: Natürlich darf man bei der Rezension eines Thrillers nicht spoilern. ABER: Man darf auf Besonderheiten hinweisen, die insbesondere Hörer dazu verleiten könnten, meinem Weg zu folgen. „In ewiger Schuld“ von Harlan Coben in der Hörbuchfassung von Der Hörverlag verbirgt schon äußerlich ein Geheimnis, dem man auf die Spur gehen sollte. Dazu genügt schon ein Blick auf das Cover der CD. Gelesen von Detlef Bierstedt. Keine Überraschung. Das kennt man so bei Coben-Hörbüchern. Aber warum wird da ein zweiter Sprecher aufgeführt? Was hat das zu bedeuten? Was liest Thomas Petruo?

Die Antwort ist einleuchtend. Zumindest, wenn man diesen Thriller gehört hat. Es ist einleuchtend, weil die Entscheidung eine zweite Stimme zu Wort kommen zu lassen in unmittelbarem Einklang mit der Handlung des Romans steht. Das ist ein Stilmittel, das wir im Buch nicht finden. Das ist den Hörern vorbehalten. Und es ist mehr als gelungen, weil es einen emotionalen Schlusspunkt setzt, der dem Wendepunkt der Handlung die Audio-Krone aufsetzt. Na, neugierig geworden?

In ewiger Schuld von Harlan Coben – Ein zweiter Sprecher

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Eigentlich heißt das Buch ja „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“. Eigentlich. Denn unter diesem Namen ist der Weltbestseller in Deutschland weniger bekannt. Erst seine Adaption als erfolgreiche Fernsehserie unter dem Titel Club der roten Bänderhat für Aufsehen gesorgt und auch den Schriftsteller selbst bekannt gemacht. Eigentlich hat er nur seine Geschichte niedergeschrieben. Was aus diesem „Eigentlich“ wurde, ist inzwischen Fernsehgeschichte. Zwei Staffeln des Erfolgsformats durften wir bisher auf VOX bestaunen. Insgesamt 20 Folgen einer Geschichte, die mitten aus dem Leben des Autors Albert Espinosa gegriffen ist.

Ein Leben das sich in Kliniken abgespielt hat. Albert Espinosa wurde mehr als zehn Jahre lang als Krebspatient behandelt, verlor ein Bein, Hoffnung und Zuversicht. Einzig die im Krankenhaus entstandenen Freundschaften und Begegnungen gaben ihm Kraft, Halt und den Lebensmut zurück, der ihn die Krankheit überleben ließ. Er wollte mit dem Buch seine Erfahrungen weitergeben und jungen Menschen Wege aufzeigen, um ihren Lebensmut auch unter Lebensgefahr nicht zu verlieren.

Inspiriert von seinen realen Freundschaften und seinem Bündnis der Unheilbaren entstanden neben dem Buch Fernsehserien in Spanien, Italien, den USA und auch bei uns in Deutschland, die zum weltweiten Durchbruch der Geschichte beitrugen. Hierbei handelt es sich im klassischen Sinn nicht um eine Krankenhausserie. Weit entfernt von den üblichen Klischees stellt der Club der roten Bänder die jungen Patienten in den Mittelpunkt. Wer auch nur eine Folge der Serie gesehen hat, wird keinen dieser jungen Menschen mehr vergessen. Aus der Hoffnungslosigkeit entsteht ein Zweckbündnis, aus dem Freundschaften fürs Leben werden… Und darüber hinaus.

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Und so lernen wir sie kennen, die sechs Protagonisten einer Serie, die mehr ist, als nur gute Fernsehunterhaltung für die schönen Abendstunden. Sechs Schicksale lernen wir kennen. Sechs junge Menschen, deren Lebens- und Leidenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten und sechs Schauspieler, die alles in ihre Rollen investieren, um der Geschichte von Albert Espinosa gerecht zu werden. Wir lernen Krankheiten besser verstehen, erkennen die Ausweglosigkeit für jeden Einzelnen und fühlen von der ersten Sekunde an, wie lebensrettend es ist, schwere Situationen im Leben nicht alleine leben zu müssen.

Krebs; Amputationen; Magersucht; das Asperger-Syndrom; Herzkrankheiten und ein Koma bilden den Rahmen für eine Allianz der Hoffnung. Ängste dominieren hierbei die Denkwelt jedes einzelnen Patienten und erst das Eingeständnis dieser Ängste und die Öffnung nach außen wirken wie ein Befreiungsschlag aus aussichtsloser Situation. Die Jugendlichen entdecken sich selbst, indem sie aus dem Schneckenhaus getrieben werden, in dem sie ihr Selbstmitleid gefangen hielt. Jeder von ihnen findet im Club der roten Bänderseine Rolle. Jeder von ihnen findet einen Weg, weil sie nun zueinander finden und fühlen, wie wichtig sie füreinander sind.

Die eigentlichen roten Namensbänder fürs Handgelenk werden für Emma, Jonas, Leo, Alex, Toni und Hugo zu dem einen Band, das sie miteinander verbindet. Verluste und Rückschläge, Fortschritte und Stagnation werden gemeinsam erlebt und der „Club der roten Bänder“ wird täglich vor neue Herausforderungen gestellt. Dabei greift diese Serie den monotonen Klinikalltag und die instabile Psychologie kranker Menschen sehr authentisch auf. Man spürt, dass Espinosa aus eigener Erfahrung spricht. Man weiß es umso mehr, wenn man selbst einen jungen Menschen in einer solchen Extremsituation begleiten durfte (oder musste – je nachdem, wie man es betrachtet).

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Insofern mag man mir verzeihen, wenn ich Selbsterlebtes in den Kontext dieser Serie bringe, aber nur so gelingt es mir, ihre Relevanz zu unterstreichen. Nur so kann ich für mich ganz allein erklären, was Espinosas Geschichte für Menschen bedeuten kann, die alles andere als gesund sind. Seine Erfahrungen und die Botschaften, die er vermitteln möchte, sind weit entfernt von weltfremder Philosophie oder von Kalendersprüchen, die aufmuntern und motivieren sollen. Seine Weisheiten basieren auf den Faktoren, die der Realität entsprechen, wenn eine schwere Krankheit plötzlich zuschlägt.

Das gesunde Umfeld beginnt sich zurückzuziehen. Das normale Leben erscheint im Moment der Behandlung nur noch als Illusion. Routinen und Schulen verschwimmen zu immer blasser werdenden Bildern und Gesunde werden allzu neidisch betrachtet. Eltern und Ärzte stoßen mit ihren wohlmeinenden Durchhalteparolen sehr schnell an Grenzen und die Beziehung gerät ins Wanken, wenn die Krankheit des eigenen Kindes den Tag bestimmt. Nichts ist mehr normal. Man macht sich Vorwürfe, kapselt sich ab und nimmt kaum noch wahr, wie die Tage verlaufen.

Das sind die Tage an denen jeder seine eigenen roten Bänder braucht. Es sind die Tage an denen man erkennt, welche Wahrheiten in diesem Buch stecken. Es sind Tage des Erkennens und des Hoffens. Alleine geht es nicht. Es geht auch nicht, wenn man in sich selbst zurückgezogen dem gesunden Leben nachtrauert. Auch in der Krankheit ist es möglich, sich selbst zu finden. Espinosa hat sich nicht verloren. Er hat nach anderen Wegen gesucht und überlebt. Der „Club der roten Bänder“ ist keine heile kleine Welt. Mitnichten. Aber es ist eine Welt, die bei allen Verlusten und Rückschlägen beweist, wo man angreifen kann, wenn man beginnt den Mut zu verlieren.

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

So stehen die roten Bänder als Symbol für die Wege in der Ausweglosigkeit. Den wahren Wert von Espinosas Werk erkennt man, wenn man reflektiert, welche Bänder in haltlosen Zeiten für Stabilität gesorgt haben. Hier muss jeder seine Wege gehen und für sich allein entscheiden, was er zulässt und was nicht. Erst in der Rückschau wird klar, dass viele Elemente aus dem Buch und der Serie tragfähig sind. Die Suche nach den eigenen roten Bändern ist der erste Schritt aus der Passivität heraus. Hier ist viel mehr gemeint, als eine Kopie der Serie zu gestalten. Es geht darum, eigene Wege zu gehen. Eigene Prioritäten zu finden und sich doch ein ganz klein wenig anlehnen zu können. So klein die Schritte auch sind. Es sind Schritte. Fortschritte….

Wenn ich an die roten Bänder denke, die meiner Tochter in schwerster Zeit geholfen haben, dann sind sie nicht mit dem Buch zu vergleichen. Und doch gab es auch hier im weitesten Sinne einen Club, der mit einem unsichtbaren Band verbunden schien. Auch heute noch denke ich an die Phasen des Komas und der Rehabilitation zurück, wenn in der Serie vergleichbare Themen berührt werden. Und doch kam die Kraft, aufzustehen nicht nur aus der Klinik. Sie kam von außen. Durch Aufmerksamkeiten lieber Menschen und Zeichen, die unerwartet für neue Schubkraft sorgten. Es waren Lehrer, Mitschüler und Freunde, die einfach da waren und blieben. Und es war die große Liebe zum Sport, die Flügel verlieh. Auch Vereine und Facebook-Freunde können rote Bänder sein.

Und nicht zuletzt war es ein Hund, der alle Energien mobilisierte. Das alles schien so weit weg zu sein. Bis plötzlich ein Rückschlag in diesem Jahr alles auf Anfang setzte und schmerzhaft zeigte, dass Gesundheit allzu sehr am seidenen Faden hängt. Und ob man mir nun glaubt oder nicht. Genau in diesen Momenten waren unsere roten Bänder da. Genau in diesen Moment haben wir daran gedacht, was Albert Espinosa uns sagen wollte. Genau hier zeigt sich die Relevanz seiner Botschaft. Fernab jeder Unterhaltung im Abendprogramm, fernab aller Lebensweisheiten, die man eben schnell von sich gibt und fernab aller Klischees. Findet eure roten Bänder. Die Suche allein kann schon euer Leben retten.

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse- AstroLibrium

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse- AstroLibrium

Dieser Blick ist natürlich rein subjektiv, aber im Dialog mit vielen Menschen, die den „Club der roten Bänder“ gelesen oder gesehen haben, werde ich in meiner Sichtweise bestärkt. Die zweite Staffel ist ab dem 23.12.2016 als DVD-Box im Handel und ich bin mir sehr sicher, dass sie den Weg auf unseren Gabentisch finden wird. Die Qualität der Fortsetzung ist so grandios, dass man die Serie einfach mehrmals sehen muss. Wenn man darüber hinaus noch auf der Suche nach einem bibliophilen Weihnachtsgeschenk ist, kann und sollte man als Fan des Clubs der roten Bänder auf das aktuelle Buch von Albert Espinosa zurückgreifen. Die roten Geheimnissesind für mich der Extrakt der Botschaften und Hilfestellungen, die bleiben, wenn der Abspann schon längst über den Fernsehschirm geflimmert ist.

Dieses im Kailash-Verlag erschienene Buch ist inspirierend, ermutigend und hilft bei der Annäherung an das schwierige Thema Verlust. Auch hier weiß der Autor zu überzeugen, da er neben seinem Bein weitere schwerwiegende Verluste erlitt. Er verlor seinen Vater, den er im Sterben begleiten konnte. Und auch hier stellte er für sich fest, dass man sich auf diesem schweren Weg neu erfinden musste. Es gibt keine Ratgeber oder Anleitungen für den Umgang mit dem Sterben des eigenen Vaters. Wer an dieser Stelle ein trauriges und sentimentales Buch erwartet, der kennt Albert Espinosa nicht.

Denn nur wer das Leben so liebt wie er selbst, kann so positiv über seinen Umgang mit Verlust schreiben. Nur wer das Leben liebt, weiß was es bedeutet, wenn man einen geliebten Menschen loslassen muss. Dieses Buch ist tiefgründig, bewegend und mehr als positiv im Grundton. Hier finden wir Espinosas Geheimnisse, die uns verraten, wie leicht es sein kann, dem Leben die schönen Seiten abzugewinnen. Nennt es Ratgeber oder Anleitung, nennt es wie ihr wollt. Ich nenne es nur die Seele des Autors. Mehr als ein Geschenk.

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Der „Club der roten Bänder“ geht weiter. Im Herbst 2017 wird die dritte und letzte Staffel zu sehen sein. Es wird so sein, wie es bisher war. Wir werden lachen, weinen, hoffen und bangen. Wir werden erleben, wie das Leben der Freunde weitergeht, wenn einige von ihnen die Klinik verlassen. Wir werden erleben, ob Krankheiten überwunden werden und wie sich die Freundschaften bewähren, wenn die Klinik der Vergangenheit angehört. Wir werden sehen, ob die roten Bänder halten…

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Ich schweige für dich – Harlan Coben lesen und hören

Ich schweige für dich - Harlan Coben - AstroLibrium

Ich schweige für dich – Harlan Coben

Stell Dir vor, Du genießt Deine kleine heile Welt im Kreise Deiner Familie. Alles ist im Lot – zumindest scheint es so. Ein paar Alltagssorgen breiten sich natürlich überall aus, aber das ist normal. Im Großen und Ganzen jedoch bist Du glücklich mit Deiner kleinen heilen Welt. Du begleitest das Heranwachsen Deiner beiden Söhne, bist stolz auf ihre Persönlichkeit, ihre sportlichen Erfolge und ihr ganzes Wesen. Du genießt das Leben an der Seite Deiner Frau und fühlst Dich eingebettet in die Idylle eines typisch amerikanischen Vorstadtlebens. Alles ist gut und es könnte ewig so weitergehen.

Bis eines Tages ein Fremder auftaucht und Dich ganz beiläufig anspricht. Es ist nur ein einziger Satz, der Dich ganz leicht zum Wanken bringt. Nur ein Satz, der aus dem Zusammenhang gerissen scheint, wenig aussagt und doch eine Welle auslöst, die Dich völlig unerwartet trifft. Es ist dieser Moment, der Dein Leben in zwei Teile reißt. In denjenigen vor diesem Satz und den danach. Kannst Du Dir vorstellen, dass so etwas in Deinem Leben passieren könnte? Kannst Du Dir diesen einen Satz vorstellen, der dazu in der Lage ist, die Basis auf der alles aufgebaut ist, in Treibsand zu verwandeln?

Wenn das für Dich unvorstellbar scheint, dann solltest Du jetzt nicht aufhören zu lesen. Der Thriller Ich schweige für dich aus der Feder von Harlan Coben könnte Deine Sichtweise verändern, Dich vorsichtig machen und vielleicht sogar Dein Leben verändern. Ich weiß wovon ich rede, denn es ist nicht das erste Mal, dass genau dieser Harlan Coben mit meinem Selbstbewusstsein spielt. Seine Thriller Ich finde dich und Ich vermisse dich haben lesend mein Innerstes nach außen gekehrt, meine Gefühle durcheinander gebracht und mich völlig verändert zurückgelassen. Thriller, die ebenso spannend, wie einfühlsam sind.

Ich schweige für dich - Harlan Coben - AstroLibrium

Ich schweige für dich – Harlan Coben

Thriller, die auf der Basis tiefer Empathie ihren Weg in mein Innerstes gefunden und dort ein Chaos angerichtet haben, ohne dabei blutige Gemetzel zu beschreiben. Das hat Harlan Coben nicht nötig. Er thrillert mit Gefühl. Coben ist ein Meister darin, aus den scheinbar kleinen und beiläufigen Begebenheiten unseres Lebens ein großes Ganzes zu erschaffen, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Eben weil alles so alltäglich scheint, dass man jederzeit selbst in solche Situationen geraten könnte.

Coben weiß, dass wir unsere „Leichen“ nicht mehr im Keller haben. Er weiß, dass dieser Keller jetzt das Internet ist und wir immer noch der Meinung sind, den einzigen Schlüssel zu unseren Geheimnissen zu besitzen. Harlan Coben spielt mit dem Wissen, dass dieser Schlüssel zu unseren Lebens-Leichen nicht mehr an einem sicheren Platz aufbewahrt ist. Wahrlich nicht. Und hier setzt sein aktueller Thriller Ich schweige für dich(erschienen bei Goldmann) an. Genau an dieser Stelle. Was ist, wenn Dir jemand zeigt, dass er im Leichenkeller Deines Lebens war und Dich mit Dingen konfrontiert, von denen Du selbst keine Ahnung hast, die aber in der Lage sind, alles zu zerstören?

„Sie hätten nicht mit ihr zusammenbleiben müssen.“

Es ist dieser eine Satz, der die heile Welt von Adam Price implodieren lässt. Es ist diese eine Aussage des Fremden, die ihn vermuten lässt, dass etwas nicht stimmt. Ein Satz, der Zweifel sät. Und dabei bleibt es nicht. Dieser Satz ist nur der Appetithappen, der ihn ködern soll. Der Fremde zerstört Adams Welt nicht mit einem Schlag. Adam fragt nach und erhält detaillierte Hinweise auf sein eigenes Leben und das seiner Frau. Und ja! Da gab es eine Situation, in der er sich verpflichtet sah, bei ihr zu bleiben. Eine Situation, in der sie seine Hilfe brauchte, obwohl ihre Beziehung fast am Ende schien. Sollte damals alles Lug und Trug gewesen sein?

Ich schweige für dich - Harlan Coben - AstroLibrium

Ich schweige für dich – Harlan Coben

Adam beginnt zu recherchieren. Er begibt sich in den Leichenkeller, durchforstet das Internet, sucht in den Mails und Browserverläufen seiner Familie und er wird fündig. Sollte der Fremde die Wahrheit gesagt haben? Ist Adams ganzes Leben auf einer Lüge aufgebaut, die seiner Frau ermöglichte, die Beziehung zu retten? Als Adam seine Frau mit den Fakten konfrontiert, zerbricht nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Familie mit einem Schlag. Corinne verschwindet spurlos. Adam beschließt, den Kampf um die Wahrheit aufzunehmen. Er begibt sich auf die Suche und beschließt zu schweigen. Seinen Söhnen gegenüber und auch gegenüber dem Rest der Welt. „Ich schweige für dich“ – so lautet sein Mantra, um zu retten, was noch zu retten ist.

Adam ahnt jedoch nicht, dass der geheimnisvolle Fremde weitere Kreise zieht. Er sucht andere Opfer auf, denen er schonungslos die Augen öffnet. Er konfrontiert sie mit Wahrheiten und zwingt diese Menschen, sich ihrem Leben zu stellen. Gnadenlos. Einzig Adam Price scheint sich nicht mit diesem absolut wahnwitzigen Komplott gegen seinen Lebensentwurf abfinden zu wollen. Seine Suche wirft den ersten Dominostein in einer schier endlosen Reihe um und löst eine Lawine von Ereignissen aus, die sich nicht mehr stoppen lässt.

Wie weit darf man gehen, um die eigene Familie zu schützen? Was muss man ertragen, um sein Leben und das seiner Kinder zu schützen und wo sind die Grenzen, die man überschreiten muss, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Das sind die Fragen, denen sich nicht nur Adam zu stellen hat. Harlan Coben konstruiert brillant. Ausgehend von frei zugänglichen Informationen im Internet beschreibt er eine Situation, in die jeder Mensch geraten kann. Datenmissbrauch basiert immer auf der Naivität der Nutzer im Netz. Nichts bleibt geheim und wenn intime Informationen in falsche Hände geraten, dann ist auch die Tür für Erpressung durch die Habgierigen dieser Welt offen.

Ich schweige für dich - Harlan Coben - AstroLibrium

Ich schweige für dich – Harlan Coben

Doch Coben wäre nicht Coben, wenn er in einer ganz einfachen Gut-Böse-Zeichnung philosophieren würde. Er präsentiert seinen Lesern mit dem Fremden einen Täter, der eine ganz eigene Motivation hat, seine Opfer mit Wahrheiten zu konfrontieren, die ihr Leben auf den Kopf stellen. Nichts ist so wie es scheint und jeder Denkansatz kann der falsche sein. Ein Thriller mit dem Potenzial, das eigene Leben zu hinterfragen und dann den Kampf aufzunehmen.

„Ich schweige für dich“ ist an jeder Stelle greifbar und berührt durch seine tiefen Innenansichten. Dabei fließen die einzelnen Lawinen ineinander und drohen nicht nur die Opfer selbst ins Tal ihrer Existenz zu stürzen. Tief angelegte Charaktere und ein bis ins letzte Detail aufgehender Plot machen diese Story zu einer Ausnahmeerscheinung des Genres. Harlan Coben bleibt nicht nur sich, sondern eben auch seinen Lesern treu. Und nicht nur diesen. Ich habe mich intensiv mit den Hörbuchfassungen des Thrillers beschäftigt. Immer wenn meine Hände beim Lesen zitterten bin ich mit der Stimme von Detlef Bierstedt im Hörbuch verschwunden, um ganz in Ruhe am Ball zu bleiben.

Wer aber diesen Sprecher kennt und weiß, dass Bierstedt der Synchronsprecher von George Clooney ist, dann weiß man, dass es mit der Ruhe auch im Hörbuch sehr schnell vorbei ist. Wo wir schon atemlos zurückbleiben, zieht er durch. Er gönnt uns keine Pause. Er verkörpert alle Erzählperspektiven, betrachtet neutral als Erzähler von außen, fesselt die Hörer in lebendigen Dialogen und strahlt auch mal Ruhe aus. Das tut gut, auch wenn diese Stellen rar gesät sind in diesem temporeichen Plot. Besonders gelungen empfand ich die Cliffhanger, mit denen Bierstedt leicht und locker den Bogen Harlan Cobens in die nächsten Kapitel spannt. Mir war so, als würde er dabei ein wenig lächeln. Wissend, was er seinen Hörern gerade antut.

Ich schweige für dich - Harlan Coben - Mit einem Klick zum audible-Hörbuch

Ich schweige für dich – Harlan Coben – Mit einem Klick zum audible-Hörbuch

Der Hörverlag präsentiert „Ich schweige für dich“ in einer gekürzten Fassung, während man die ungekürzte Fassung bei audible zum Download findet. Ich mag ungekürzte Bücher. Insofern tendiere ich auch zu den vollständigen Umsetzungen ihrer Adaptionen. Allerdings sind die Streichungen auf der CD-Fassung moderat und lassen das Verständnis der gesamten Story zu. Hier entscheidet letztlich das Hörverhalten und auch das persönliche Budget, zu welcher Variante man greift. Ich mag es komplett.

Wichtig ist nur, dass die Stimmung des Thrillers unerhört hörbar wird. Das gelingt bei „Ich schweige für dich“ von Harlan Coben bestens. Ein grandioser Thriller, der sich multimedial ins Herz brennt. Ob selbst erlesen oder erhört. Man wird diesen Roman so schnell nicht vergessen, da man bereits nach den ersten Zeilen versucht ist, das eigene Leben zu hinterfragen.

Wo stecken meine Geheimnisse? Wer hat Zugriff auf sie? Was würde passieren, wenn Dinge ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, die man sehr gut verbergen möchte? Und wie sehr würde die eigene Welt aus den Fugen geraten, wenn sich Hacker Zutritt zu diesen Informationen beschaffen? Es ist gruselig, während des Lesens oder Hörens festzustellen, dass man selbst tiefe Spuren hinterlassen hat, die wirklich niemanden etwas anzugehen haben. Und doch sind sie frei zugänglich für all die Fährtenleser im Internet. Ganz leicht und ohne allzu viel Aufwand. Darüber sollte man wirklich einmal nachdenken. Coben zwingt uns dazu, diese unbequemen Gedanken zuzulassen. Mehr als nur ein Thriller.

Ich schweige für dich - Harlan Coben - AstroLibrium

Ich schweige für dich – Harlan Coben

In der Covergestaltung ergeben meine Cobens eine traumhafte Einheit, auch wenn die einsamen Häuser in der düsteren Atmosphäre im eigentlichen Sinn nichts mit den jeweiligen Inhalten zu tun haben. Sie symbolisieren viel mehr das eigene Zuhause, die Idealvorstellung des eigenen Lebens und die Idylle des Heims, die von diesen Thrillern in dunkle Ruinen ihrer selbst verwandelt werden. Wer einen Coben gelesen hat, sollte am Ball bleiben. Seine Schreibmuster sind zumeist unblutig, tief psychologisch und bleiben lange im Gedächtnis. Coben ist Coben. Coben bleibt Coben. 

Ich lösche jetzt schnell meinen Browserverlauf und sichere ein paar Daten. Ich glaube, dann fühle ich mich wohler…. Und mache mit „In ewiger Schuld“ weiter.

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The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Was bist du doch für ein wunderschöner Mann!“

Hört Mann das nicht gerne, wenn eine Frau diese magischen Worte haucht? Ist es nicht berührend, dies von seiner eigenen Ehefrau zu hören? Kann Liebe größer sein? Was aber, wenn dieses liebevolle Kompliment auf taube Ohren stößt? Was aber, wenn der Angesprochene alles empfindet, nur eben das nicht? Was aber, wenn der Mann dem diese Worte gelten sich selbst in einem falschen Körper gefangen fühlt?

Soie können auch zuhören - Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Sie können auch zuhören – Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Wenn die Männlichkeit zum Fluch verkommt, wenn Geschlechterrollen zu Fesseln werden und das Umfeld befremdet reagiert und sich hinter Klischees versteckt? Wenn Psychologen von Schizophrenie sprechen und die Plattitüde von der Homosexualität die Runde macht? Wenn die pralle Weiblichkeit neben dir den Reiz verliert? Wenn man sich in seiner ersehnten femininen Welt fallen lassen möchte und sich nicht verkleidet, sondern seinen Traum zu leben beginnt? Ja, was dann?

Transgender. Auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Auf dem Weg zum eigenen sexuellen und geschlechtlichen Rollenempfinden. Auch heute noch schwer zu verstehen. Immer noch nicht im empathischen Gedankengut verwurzelt. Desorientiert fühlt man sich selbst. Desorientiert reagiert das Umfeld. Wenn aber die Frau deines Lebens an deiner Seite bleibt und gegen alle Widerstände der Zeit den schwersten Kampf deines Lebens mit dir kämpft? Ist das nicht die wahre große Liebe jenseits aller Konventionen. Was aber, wenn dieser Kampf vor fast genau 100 Jahren auf dem konservativen Schlachtfeld der Bigotterie tobte?

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff erzählt genau diese wahre Geschichte. Eine Geschichte, die nicht nur durch den Roman, sondern durch dessen filmische Adaption gerade in aller Munde ist. Und dies nicht nur aufgrund seiner opulenten Bilder und der genialen Umsetzung, sondern weil man mit Eddie Redmayne einen Schauspieler auf die Leinwand bringt, der alle Facetten des Vorstellbaren fühlbar macht. Er ist ebenso der dänische Maler Einar Wegener, verheiratet und erfolgreich, wie auch die tief in ihm verborgene Frau, die pulsiert, vibriert und wie ein Vulkan aus ihm herausbrechen will. Lili Elbe.

Buch und Film erzählen hier auf ihre ganz eigene Art und Weise und mit ihren unvergleichbaren Stilmitteln die wahre Geschichte der ersten Geschlechtsumwandlung eines intersexuellen Menschen. Und dies zu einer Zeit, in der die Welt anscheinend ganz andere Sorgen hatte, als sich um das geschlechtliche Empfinden eines Menschen zu kümmern. Der Erste Weltkrieg war kaum überwunden, als schon die Vorzeichen neuer Konflikte erkennbar waren, als sich Einar Wegener 1931 in Dresden zum dritten Mal operieren ließ. In Begleitung seiner Ehefrau Greta, einer erfolgreichen Malerin.

Alles beginnt in Kopenhagen. Spielerisch. Kindlich naiv und doch faszinierend für das junge Ehepaar. Als Greta das Bild einer Sängerin vollenden möchte und diese selbst nicht Modell sitzen kann, bittet sie ihren Mann Einar, ihr doch nur ganz kurz seine Beine zu leihen. Natürlich in Seidenstrümpfen und Damenschuhen. Nur ganz kurz. Und auch das seidige Kleid soll er nur für einen Moment an seinen Körper schmiegen. Nur das. Nicht mehr.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

In diesem Moment erwacht Lili zum Leben. In diesem Moment wird aus der lange gefühlten inneren Verunsicherung sehr langsam die Gewissheit, und Einar beginnt in seinem Körper zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zu spüren. Er fühlt sich zerrissen, sexuell völlig überfordert und spürt, wie Lili immer mehr Raum in ihm selbst einnimmt. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an der Beziehung vorbei. Greta fühlt, dass sie etwas ausgelöst hat und lässt Lili zu.

„Sie fragte sich niemals, warum sie es zuließ, dass Lili sich in ihr Leben drängte. Wenn es Einar glücklich macht, ist alles erlaubt, sagte sie sich. Absolut alles.“

Greta realisiert schnell, dass es ihrem Mann nicht ums Verkleiden geht. Es ist kein Spiel. Sie spürt den ihr drohenden Verlust ihres Lebensgefährten und der Liebe ihres Lebens. Sie gibt Einar die Freiheit, um seine innere Seite zu leben. Sie akzeptiert Lilis Anwesenheit, ihre kleinen Eskapaden und die Suche nach Erfüllung. Sie toleriert sogar Lilis Ausflüge in eine ganz eigene Sexualität, die ziellos, unsicher und verschüchtert erfolgen. Greta Wegener kämpft nicht gegen Lili an. Der wohl größte Liebesbeweis, den eine Frau ihrem Partner machen kann.

Greta zeichnet Portraits von Lili. Voller Hingabe versucht sie all ihre Liebe in diese Gemälde einfließen zu lassen und merkt doch von Bild zu Bild mehr, wie sehr Einar verschwindet. Diese Gemälde machen sie berühmt. Ein gemeinsames Leben in Paris macht sie freier von Konventionen. Ein alter Jugendfreund von Einar gibt ihr Halt. Doch Einar selbst ist bereits ganz in Lili aufgegangen. Selbst seine eigene Malerei versiegt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

Der letzte Schritt zur Selbstfindung ist eine Operation, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gewagt wurde. Eine Geschlechtsumwandlung ist chirurgisches Neuland, doch während alle Ärzte lediglich Schizophrenie oder Homosexualität als Ursache für den inneren Konflikt vermuten, gibt es einen Arzt aus Dresden, der das Unmögliche wagt. In Dresden findet Einar Wegener seine Bestimmung. Beim Blick auf den Fluss findet er seinen vollen Namen. Lili Elbe. Begleitet von Greta stellt er sich der inneren Befreiung. Dem letzten denkbaren Schritt auf dem Weg zur Frau.

Für Greta bedeutet dies, den Tod des eigenen Mannes zu erleben. Für sie ist der Abschied brutal, während für Einar nur der quälende Lebensabschnitt endet, in dem er unfreiwilliger Gast seines Körpers war. Ob beide die Geburtsstunde Lilis erleben? Hier möchte ich an dieser Stelle weder dem Roman noch der Verfilmung vorgreifen. Beide gehen Hand in Hand und nutzen die gesamte Bandbreite des jeweiligen Mediums.

Wo der Film mit Bildkompositionen und der Klasse seiner Schauspieler brilliert, da schöpft der Roman aus der Geschichte der Beziehung. Innenansichten sind weniger interpretierbar, sondern im wahrsten Wortsinne erlesbar. Im Roman „Das dänische Mädchen“ ist die Entwicklung der Persönlichkeit von Lili ein lange angelegter Prozess. Schleichend und immer weiter raumgreifend. Einar und Greta wird mehr Geschichte eingeräumt, die vor Beginn der eigentlichen Handlung der Verfilmung angesiedelt ist. Tiefe entsteht in dieser Fassung auch durch Wissen.

Der größte Unterschied ist die Qualität der Beziehung zwischen Einar und Greta. Während sie im Film noch als verliebtes Pärchen gezeigt werden, das in der Sexualität befreit und glücklich ist, erzählt der Roman eine andere, differenziertere Geschichte. Hier steht schon früh im Mittelpunkt, dass dieses Paar keine Kinder bekommen wird, weil die geschlechtliche Beziehung brach liegt. Tiefe Konflikte liegen in der Luft und die Entwicklung vollzieht sich in eruptiven Kurven.

Allzu unvermutet entsteht aus der ersten Verkleidungsszene im Film der plötzliche Wunsch, nach dieser Lili zu suchen, die zufällig gefunden wurde. Und doch ist der Film ein Meisterwerk. Eddie Redmayne haucht unserem Bild von Lili Elbe Leben ein. Er wird dem realen Menschen, dessen Geschichte hier erzählt wird, ohne Überzeichnung und Verkitschung gerecht. Er ist die absolute Idealbesetzung für den Film, weil er aus jedem Augenblick einen großen Moment des Mitfühlens entstehen lässt.

Ebenso sehr liebe ich auch den Roman. Gefühle tragen die Handlung, Bilder werden greifbar und die sanft anmutende Erzählweise lässt die Mauern des Nicht-Verstehens einbrechen. Das FJB Jugendbuch Zusammen werden wir leuchten hat sich dieses Themas ebenso behutsam angenommen. Gemeinsame Leitmotive finden wir in beiden Geschichten und erkennen, wie schwer die Selbstfindung auch in unserer aufgeklärten heutigen Zeit noch ist.

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

The Danish Girl“ – Sehenswert. Prädikat: wertvoll.
Das dänische Mädchen“ – Lesenswert. Prädikat: Herzensbuch.
Beides gemeinsam – Liebenswert. Prädikat: Großes Kino für Herz und Verstand.
Und sehr relevant für die Oscar-Verleihung 2016 mit überraschendem Ausgang.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

SPOILER…

Ich schreibe eigentlich niemals über das Ende eines Romans oder eines Films. Ich möchte niemanden um die letzten Momente des Lesens oder Sehens berauben. Hier kann ich nicht anders. Im Buch und im Kinofilm nach Dresden zu reisen, um dort zu erleben, wie nicht nur Einar Wegener, sondern auch Lili Elbe ihr Leben verliert, war und ist einer der emotionalsten Momente meines Lesens und Sehens. Und doch war Lili, als sie ihre Augen für immer schloss ihrem eigenen Ich näher, als in Einar eine Lebenslüge weiterzuleben.

Es ist nicht schön, in Dresden zu sterben. Manche Bücher verlangen sehr viel von mir. Und auch wenn sich die Begleitumstände des letzten Atemzuges in Buch und Film unterscheiden, hier geht es nur um Lili. Das ist es was zählt. Nicht mehr…

Es war jener Moment, in dem aus dem Balkon von Europa der Balkon der ganzen Welt wurde. Der Welt von Lili Elbe.

Das Grab von Lili Elbe in Dresden

Ein Nachtrag: August 2018. Der Trinitatisfriedhof in Dresden. Ein warmer Sommertag. Ein Grab, das es erst seit der Verfilmung des Romans wieder gibt. Rekonstruiert an der Stelle, an der man es vermutete. Eine kurze Suche, dank der Wegbeschreibung meiner guten Freundin. Einer der emotionalsten Momente dieser Städtereise. Ein Moment, in dem der Film vor meinem geistigen Auge ablief, und das Buch sich ganz neu für mich öffnete. Ein schöner Ort, um an sie zu denken. Das Ende Einer Spurensuche.

Eine sehr schöne Geste, ihr Schminkutensilien oder einen Frauenschal mitzubringen. Ein Grab, das heute für so vieles steht. Ein wichtiger Ort in Zeiten, in denen Rollenbilder und Aspekte der sexuellen Selbstbestimmung immer wieder infrage gestellt werden.

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Editorischer Hinweis: Im wahren Leben hieß die Ehefrau von Einar Wegener GERDA. So auch im Film. Im Roman wird sie Greta genannt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff