„George“ von Alex Gino

George von Alex Gino

George von Alex Gino

„Für dich, als du das Gefühl hattest, nicht dazuzugehören.“

Diese Widmung von Alex Gino könnte schon der Titel des Debüt-Romans dieses ganz besonderen Menschen sein. Sie ist so allumfassend und steht für jedes in der Folge zu lesende Wort, wie kaum ein zweites Zitat aus diesem Buch. Diese Widmung spricht nicht nur den Menschen an, dem sie wohl zugeeignet ist. Jeder Leser darf sie als persönlichen Willkommensgruß empfinden und auf diese Weise wird mit einfachen und tiefen Worten ein Gefühl vermittelt, das man selten spürtt, bevor man ein Buch zu lesen beginnt.

Nicht mehr ausgeschlossen, allein und isoliert zu sein. Schon mit diesem Satz, der noch vor dem ersten Satz des Romans ins Auge sticht, fesselt Gino die Leser, da jeder von uns dieses Gefühl schon am eigenen Leib erfahren hat. Jeder sehnt sich danach, akzeptiert und anerkannt zu werden. Jeder fühlt sich schlecht, wenn Ausgrenzung oder Isolation zum Wegbegleiter seines eigenen Lebens werden. Und jeder sollte eigentlich verstehen, wie leicht es sein kann, anderen Menschen dieses Gefühl zu ersparen.

Doch weit gefehlt. In einer Gesellschaft, die immer noch nach Außenseitern sucht, die am besten funktioniert, wenn man eigene Unzulänglichkeiten verschleiern kann, indem man sie auf Underdogs abwälzt, ist Ausgrenzung der beste Automatismus, um selbst dazuzugehören. Klingt komisch, ist aber so. Jede Gruppe funktioniert so. Hat man erst einmal einen gemeinsamen Feind gefunden, wächst der Zusammenhalt. Es ist wirklich leicht zu durchschauen, funktioniert aber im Großen, wie im Kleinen.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

George“, das literarische Debüt von Alex Gino, wird dieser Widmung gerecht.

Als Alex Gino im Jahr 2003 damit begann, diesen Roman zu schreiben, gab es im Bereich der Jugendliteratur nur ganz wenige Protagonisten, bei denen ihre Schöpfer es gewagt hatten, sie in allen Facetten ihres schwulen oder lesbischen Lebens der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei sind es gerade Bücher für junge Leser, die aus der Sicht von Alex Gino dazu in der Lage sind, Verständnis zu wecken und Blickwinkel auf andere Sichtweisen zu eröffnen. Was Alex Gino damals aber gar nicht vorfand, waren Bücher, die sich den Themen Transgender oder Genderidentitäten widmeten.

Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die nicht in das System unserer Geschlechterrollen passten. Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht in dem Geschlecht wahrgenommen werden, dem sie sich selbst zugehörig fühlen. Unabhängig von äußeren Geschlechtsmerkmalen. Es war damals undenkbar, diese Gedanken auch nur zu denken. Darüber zu schreiben und zu hoffen, publiziert zu werden, war erst recht undenkbar.

Und doch begann Alex Gino mit diesem Buch. Schritt für Schritt entstand George, weil es an der Zeit war, den nächsten Schritt in der öffentlichen Akzeptanz zu gehen. Alex Gino bezeichnet sich selbst als genderquer und empfindet sich als Mensch, der die gewohnte Dualität von Mann und Frau um die eigene Geschlechtsidentität erweitert. Ist die Zeit jetzt reif für George? Sind wir bereit für den Roman eines Schriftstellers, der sich in Interviews und im privaten Leben genderneutral mit „THEY“ anreden lässt und sich anstelle von Mr. oder Mrs. für die Höflichkeitsform „Mx“ entschieden hat?

Ich denke, ja. Die Zeit ist reif. Wir sind reif. Wir sollten es sein.

George von Alex Gino - Transgender-Literatur

George von Alex Gino – Transgender-Literatur

Die Literatur hat den Weg geebnet. Menschen haben den Weg geebnet. Wir sind es nun, die diesen Weg gehen sollten. Vorbehaltlos, vorurteilsfrei und offen. Empathie darf nicht zum leeren Fremdwort verkommen und gegenseitiges Verständnis kann nur dann entstehen, wenn wir dazu bereit sind, uns diesen sensiblen Themen zu öffnen. Ich war bereit für „George“. Es ist nicht mein erstes Buch zum Thema Transgender. Ich habe schon viel darüber geschrieben.

The Danish Girl von David Ebershoff und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson haben mich sensibilisiert. Zuletzt habe ich im Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose das Schicksal von Lou Villars erlesen. Und jetzt erforderte es einen weiteren großen Schritt, um mich „George“ zu nähern. Denn George ist erst zehn Jahre alt. Ein Alter, in dem Kinder nicht ernst genommen werden. Ganz besonders dann nicht, wenn es um ihre Selbstwahrnehmung im geschlechtlichen Rollenbild geht. Hier ist unsere dogmatische Rollenverteilung zu dominant und wirkt wie unüberwindbare Mauern.

Oder wäre jemand von euch bereit, auf die Farben Rosa und Blau zu verzichten, bis der geliebte Nachwuchs alt genug ist zu entscheiden, in welcher Identität er oder sie sich wahrnimmt? Oder entsprechen wir eher unseren eigenen Rollenbildern? Sind wir in der Lage, Abweichungen zu akzeptieren, wenn sie uns selbst betreffen? Wie sollten wir das dem geneigten Umfeld erklären? „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Das ist doch keine Frage, auf die man mit „Das stellt sich noch raus!“ antwortet. Oder?

George von Alex Gino

George von Alex Gino

So sollten wir „George“ jedoch begegnen. Sonst wäre unser Lesen unaufrichtig und geheuchelt. So sollten wir unsere Kinder mit „George“ bekannt machen. Sonst wäre es nämlich so, dass wir dem „Anderssein“ nur zustimmen, wenn es uns nicht betrifft. Wir brauchen Mut für dieses Buch. Schranken gibt es genug auf dieser Welt. Daran haben Dogmatiker aller Länder und Religionen lange genug gearbeitet. Wenn ihr diesen Mut in die Waagschale des Lesens werft, dann wird euch „George“ nicht fremd erscheinen.

Denn SIE will alles, nur nicht fremd sein. SIE will dazugehören, aber eben nicht von anderen Menschen in Kategorien gepresst werden, die IHR nicht entsprechen. Auch im zarten Alter von erst zehn Jahren muss man „George“ so wahrnehmen, wie SIE sich selbst wahrnimmt. Als Mädchen im Körper eines Jungen. Eines Jungen, der schön brav jedem elterlichen Rollenbild zu entsprechen hat, um fein in der Norm zu bleiben.

Freunde findet man selten in diesen Situationen. Und wenn, dann sind sie mehr als ein Glücksgriff im Leben eines jungen Menschen, der sich in der zermürbenden Phase der Selbstfindung befindet. George hat Kelly. Sie urteilt nicht, wertet nicht, wiegt nicht und tut einfach das, was man von einer besten Freundin erwartet. Sie sieht „George“ mit den Augen, die aufrichtig und wahr sind. Sie erkennt „Melissa“ und ebnet ihr gegen alle Widerstände von außen einen Weg, der sonst undenkbar wäre.

George von Alex Gino

George von Alex Gino – Die Hauptrolle als Befreiuungsschlag

Kelly bestärkt ihre beste Freundin darin einfach so zu sein, wie sie sein will. Doch steht sie damit allein auf weiter Flur. Als George sich bei einer Schulaufführung für die Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin bewirbt, bricht der Sturm los. Alle Fragen werden gestellt. Normal? Unnormal? Was kann man nur dagegen tun? Was sagen die Anderen und wie stehen wir als Eltern da? Wo haben wir bei „George“ versagt? Und letztlich ist völlig offen, wie sie es verkraftet, ihr Outing auf offener Bühne zu erleben. Die Rolle der Spinne Charlotte im Theaterstück Charlotte`s Webist wie für sie gemacht. Aber ihre Familie, die Lehrer und „Georges“ Bruder – alle sind überfordert.

Kann Kelly zur Geburtshelferin von Melissa werden?

Gefühl und Empathie werden in diesem beeindruckenden Jugendbuch aus dem Fischer Verlag groß geschrieben. Bei aller Offenheit ist es doch kein leichter Weg durch dieses Buch, wenn man sich selbst hinterfragt, wie sehr man einengt oder in den alten sozialen Abziehbildern von Norm verhaftet ist. Alex Gino hat lange gebraucht, bis dieses Buch seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Vielleicht hat Gino die oben zitierte Widmung auch an sich selbst adressiert. Durch diese Rezension möchte ich nur zeigen, dass ich „George“ ernst- und wahrgenommen habe.

Mx. Alex Gino – THEY belong to us.

Anmerkung als Mann: Bei allem Verständnis für die Selbstfindung von George in diesem brillant erzählten Roman entspricht die Darstellung der „Männerwelt“ genau den Klischees, mit denen die Geschichte für ihren Protagonisten eigentlich aufräumen möchte. Väter haben sich schon lange von den Familien getrennt oder sind nicht in der Lage, unfallfrei für ihre Kinder zu kochen. Große Brüder sind Rabauken und bestechen durch den Satz „Habe ich dich beim Kacken gestört“ und die Schule ist eine bunte kleine Mädchenwelt, in der man Farben tanzt. Ich hätte mir hier einen ebenso neutralen Blick gewünscht, wie man ihn von mir als Leser letztlich erwartet. Das nur am Rande.

Hierzu lohnt sich auch der weibliche Blick auf „George“. Anja und Zwiebelchens Plauderecke im kreativen Gleichschritt in der Bewertung des Romans.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

Worte von „George“ / „Melissa“ die unvergessen bleiben:

„Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten Schmetterlinge in ihren Bäuchen.“

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Eigentlich hatte ich vor, eine Rezension zum Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose, erschienen bei C. Bertelsmann, zu verfassen. Eigentlich sollten 542 Seiten EINES Buches im Mittelpunkt dieses Artikels stehen und letztlich sollten diese Zeilen dazu verführen, mir nach Paris zu folgen. Das war der Plan. Eine bildgewaltige, spannungsgeladene und emotional geprägte Entführung in ein Paris, das sich dem Leser im Jahr 1924 voller Leidenschaft öffnet und ihn erst in unseren Tagen wieder am Stadtrand absetzt und ins normale Leben entlässt.

Soweit der Plan. Francine Prose hat mir jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht und so sitze ich nun hier vor ihrem Werk und habe nicht weniger als sieben Bücher zu besprechen. Ja. Sehr richtig gelesen. Genau sieben Bücher, die untrennbar miteinander verbunden sind, einen literarischen Dialog miteinander führen und in ihrer Essenz das eigentliche Kaleidoskop unter dem Titel „Die Liebenden im Chamäleon Club“ ergeben. Ein guter Einkauf. Wohl wahr. Denn mit nur einem einzigen Buch erhält man eine gebundene Matrjoschka Buch-Puppe, die in ihrem Inneren viele kleine Buch-Püppchen verbirgt.

Ich liste hier nur kurz auf, welche Bücher ich nun eigentlich rezensiere (und damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie sind alle Bestandteil des Erstgenannten)

„Die Liebenden im Chamäleon Club“ von Francine Prose

  • „Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois
  • „Erschaffen Sie sich neu“ von Lionel Maine
  • „Paris im Rückspiegel“ von Lionel Maine
  • „Die Memoiren der Suzanna Dunois Tsenyi“ von S. Dunois Tsenyi
  • „Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol
  • „Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor-Tsenyi-Archiv
Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Und ganz nebenbei, aber nicht nur am Rande, stelle ich einen Bildband vor, der nicht in den 542 Seiten dieses Romans beinhaltet ist, aber aus, in und zwischen den Zeilen herausstrahlt, als wäre er das eigentliche Lesezeichen dieses unvergleichlichen Buches. Brassaï – Flaneur durch Paris von Sylvie Aubenas. Ein Bildband, den ich mir unbedingt kaufen musste, um… Aber das verrate ich später… Jedenfalls stellt dieser Bildband für mich den Missing Link auf der gelungenen Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität dar, die Francine Prose mit ihren Lesern unternimmt.

Was sich nun anhört, wie eine halbe Lebensbibliothek ist das Grundgerüst eines Romans, der auf wahren Begebenheiten und realen Personen beruht, sich in seiner Fiktionalität jedoch verselbständigt hat. Das entspricht ganz der Intention der Autorin und deshalb erreicht sie gerade durch diese gezielte Einbindung der oben aufgeführten frei erfundenen Bücher eine Meta-Ebene der Authentizität, die ihren „historischen“ Roman Die Liebenden im Chamäleon Club erst so richtig lesenswert macht. Diese Bücher sind das Grundgerüst der Fassade, an der wir mit Francine Prose klettern dürfen. Von einem Pariser Fenster zum nächsten.

Lou Villars ist dieses Paris. Lou Villars ist dieser Roman. Sie ist alles. Lou Villars ist die Verbindungslinie zwischen den Menschen und ihren Geschichten. Sie ist das Opfer das zum Täter wird und so das Leben jedes Menschen, der mit ihr in Verbindung steht, nachhaltig verändert. Lou Villars. Sportlerin. Keine Schönheit. Burschikos ist definitiv untertrieben. Sexuell orientierungslos. Auf der steten Suche nach sich selbst. Erst das aufgeschlossene Paris der 20er Jahre bietet ihr den Raum, in dem sie sich wohlfühlt.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Hier kann Lou sie selbst sein. In Männerkleidung Nachtclubs besuchen. Ein anderes Leben führen. Der Faszination der Clubs im nächtlichen Paris erliegen. Ihrer sexuellen Zuneigung zum gleichen Geschlecht erliegen. Hier lernt sie die Menschen kennen, die sie verstehen, ihr den Weg ebnen. Hier findet sie sich. Und hier wird sie gefunden. Der ungarische Fotograf Gabor Tsenyi macht sie auf einem seiner Nachtclub-Bilder an der Seite ihrer großen liebe Arlette unsterblich. Die Familie Rossignol engagiert sie als die erste Auto-Rennfahrerin Frankreichs und vertraut ihr einen der schnellsten Boliden der damaligen Zeit an. Und der Schriftsteller Lionel Maine bringt sie mit dem schillernden Nachtleben der Stadt in Kontakt.

Lou Villars wächst in ihr neues Leben. Sie verändert sich und sucht Wege, sich nicht nur wie ein Mann zu kleiden, sondern auch genauso zu leben. Sie unterzieht sich einer Brustamputation, um noch besser hinters Lenkrad zu passen und schneller Rennen zu fahren. Sie verliebt sich völlig verzweifelt, unglücklich und folgenschwer in eine kleine Tänzerin im Chamäleon Club. Sie erlebt den Ritt auf der Rasierklinge zwischen Gesetz und Freizügigkeit, dem man sich im Nachtleben pausenlos zu stellen hat. Paris hat seine Schattenseiten.

Alles hätte so weitergehen können, doch mit dem Aufzug der Nazis im Nachbarland verändert sich Frankreich. Lou Villars wird zur Leidtragenden. Sie verliert die Lizenz als Rennfahrerin, sie wird in den Nachtlokalen zum Fremdkörper. Mit ihr gemeinsam auf Fotos zu sein wird gefährlich für die Menschen, die ihr viel bedeuten. Paris wendet sich von ihr ab. Am Ende scheint sie zu sein. Bis ihr Ruf nach Deutschland dringt, sie vom Führer zu den Olympischen Spielen in Berlin eingeladen wird und allen Versuchungen erliegt, denen man nur erliegen kann. Liebe zu einer deutschen Rennfahrerin und der Hass auf all das, was Paris ihr genommen hat, machen aus Lou Villars eine gefährliche Waffe in braunen Händen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Sie kehrt zurück. Nicht mehr in ihr Paris, sondern in die Idealvorstellung von einer anderen Stadt, nachdem sie gesäubert und gereinigt ist. Neu erfunden. Aus Asche neu konstruiert. Lou Villars spioniert nicht nur für die Nazis, sie wird nach der Besetzung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu einer monströsen Waffe der Gestapo und begegnet den Menschen wieder, die ihren Weg bestimmt, beeinflusst und gelenkt haben. Niemand ahnt, in welcher Funktion ihnen Lou Villars erneut begegnet. Ein altes Feuerzeug aus dem Chamäleon Club wird nun zum Folterinstrument – Lou Villars nimmt Rache.

So stellt Francine Prose eigentlich nur eine Lebensgeschichte in den Mittelpunkt ihres Romans und lässt dann in den eingewobenen Büchern all jene Menschen zu Wort kommen, die den Weg von Lou Villars gekreuzt haben. Jedes Steinchen passt zum sich entwickelnden Mosaik. Der Leser darf sich hier auf eine große Liebeserklärung an Paris freuen. Die 20er Jahre werden lebendig, Künstler und Laster skizzieren das wilde Bild einer brodelnden Metropole, die sich selbst zelebriert, bevor der Untergang droht. Und natürlich werden wir Zeugen der Vorboten des Zweiten Weltkrieges, erleben politische Veränderungen und zuletzt auch die französische Beteiligung am Holocaust.

Francine Prose gibt die Perspektiven frei. Sie lässt andere sprechen und erlaubt sich auf diese Art und Weise einen distanzierten Umgang mit den Realitäten im Roman. Aus den schwarz-weiß Fotografien von Gabor Tsenyi wächst das farbenprächtige Leben in allen Schattierungen. Und dabei basiert die reine Folge fiktionaler Erlebnisberichte auf dem Leben von Violette Morris. Sie ist die reale Vorlage für diesen Roman und im Fotografen erkennen wir den großen ungarischen Meister Brassaï. Hier holt uns die Realität ein. Hier leistet der Roman mehr, als ein Roman zu leisten vermag.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Man beginnt mit der eigenen Recherche, findet Fotos von Violette Morris, erkennt die Parallelität und stößt dann auf das Lebenswerk von Brassaï. Seine Paris-Bilder werden im Roman lebendig. Mit jedem Wort erkennt man die Szenen wieder, die er unsterblich gemacht hat. Genauso wie das legendäre Foto Lesbisches Paar im Le Monocle, 1932, das als Vorlage auch für den Romantitel diente. Niemand anderes als Violette Morris und ihre Freundin sind hier abgebildet.

Und für Leser des Romans wird es immer Lou Villars sein, die hier im Herrenanzug sitzt und den Hauch eines ganz normalen Lebens vermittelt. Eines Lebens, das sie nie führen durfte. Dieses Bild ist zugleich der melancholische Abgesang auf ihre Träume. In den wohl letzten Momenten eines Lebens, das für sie noch lebenswert erschien, bevor Frankreich auf die rasende Schussfahrt in den Untergang zusteuerte. Man findet diese Fotos auf Google. Man staunt, atmet intensiv und bewundert die grandiose Idee der Autorin, diese Impressionen so tief im Roman zu verankern.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Ich musste den Bildband „Brassaï – Flaneur durch Paris“ von Sylvie Aubenas einfach besitzen. Ihr kennt sicher dieses Gefühl eines ganz gezielten Lustkaufs. Wenn ich die Bilder betrachte, bin ich im Chamäleon Club, wenn ich das Buch lese, bin ich in den Bildern und wenn ich beides übereinander lege und meine Recherchen betrachte, bin ich wieder in der Realität angekommen, die Francine Prose zu einem Meisterwerk verdichtet hat. Ihr Spiel mit der Authentizität ihres Romans wird ganz am Ende auf die Spitze getrieben.

In einem Moment, in dem man denkt, vor weiteren Überraschungen sicher zu sein präsentiert die Autorin einen literarischen Kunstgriff, der mich sprachlos machte. Ich habe herzhaft gelacht, war bewegt und berührt, betroffen und nachdenklich, wie sie auf den letzten Seiten mit den Büchern ihres Buches spielt. Welches Spiel sie spielt? Ein meisterliches. Das kann ich versprechen. Es gelingt ihr die Brücke in die Realität zu schlagen, ohne auf ihre eigene Fantasie zu verzichten. Aber das macht sie nicht selbst. Hier erteilt sie jemandem das Wort, mit dem man sicher nicht mehr gerechnet hat. GRANDIOS….

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Geneigte Leser werden im Chamäleon Club oft an Lili Elbe denken. Hier hätte sie sich wohl gefühlt. Hier wäre das sie glücklich geworden. Das Dänische Mädchen und die Geschichte von Lou Villars sollten nebeneinander im Regal des Lebens stehen.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Die Liebenden im Chamäleon Club” von Francine Prose in Verbindung stehen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose - Die Bücherkette

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose – Die Bücherkette

The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Was bist du doch für ein wunderschöner Mann!“

Hört Mann das nicht gerne, wenn eine Frau diese magischen Worte haucht? Ist es nicht berührend, dies von seiner eigenen Ehefrau zu hören? Kann Liebe größer sein? Was aber, wenn dieses liebevolle Kompliment auf taube Ohren stößt? Was aber, wenn der Angesprochene alles empfindet, nur eben das nicht? Was aber, wenn der Mann dem diese Worte gelten sich selbst in einem falschen Körper gefangen fühlt?

Soie können auch zuhören - Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Sie können auch zuhören – Das dänische Mädchen bei Literatur Radio Bayern

Wenn die Männlichkeit zum Fluch verkommt, wenn Geschlechterrollen zu Fesseln werden und das Umfeld befremdet reagiert und sich hinter Klischees versteckt? Wenn Psychologen von Schizophrenie sprechen und die Plattitüde von der Homosexualität die Runde macht? Wenn die pralle Weiblichkeit neben dir den Reiz verliert? Wenn man sich in seiner ersehnten femininen Welt fallen lassen möchte und sich nicht verkleidet, sondern seinen Traum zu leben beginnt? Ja, was dann?

Transgender. Auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Auf dem Weg zum eigenen sexuellen und geschlechtlichen Rollenempfinden. Auch heute noch schwer zu verstehen. Immer noch nicht im empathischen Gedankengut verwurzelt. Desorientiert fühlt man sich selbst. Desorientiert reagiert das Umfeld. Wenn aber die Frau deines Lebens an deiner Seite bleibt und gegen alle Widerstände der Zeit den schwersten Kampf deines Lebens mit dir kämpft? Ist das nicht die wahre große Liebe jenseits aller Konventionen. Was aber, wenn dieser Kampf vor fast genau 100 Jahren auf dem konservativen Schlachtfeld der Bigotterie tobte?

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen von David Ebershoff erzählt genau diese wahre Geschichte. Eine Geschichte, die nicht nur durch den Roman, sondern durch dessen filmische Adaption gerade in aller Munde ist. Und dies nicht nur aufgrund seiner opulenten Bilder und der genialen Umsetzung, sondern weil man mit Eddie Redmayne einen Schauspieler auf die Leinwand bringt, der alle Facetten des Vorstellbaren fühlbar macht. Er ist ebenso der dänische Maler Einar Wegener, verheiratet und erfolgreich, wie auch die tief in ihm verborgene Frau, die pulsiert, vibriert und wie ein Vulkan aus ihm herausbrechen will. Lili Elbe.

Buch und Film erzählen hier auf ihre ganz eigene Art und Weise und mit ihren unvergleichbaren Stilmitteln die wahre Geschichte der ersten Geschlechtsumwandlung eines intersexuellen Menschen. Und dies zu einer Zeit, in der die Welt anscheinend ganz andere Sorgen hatte, als sich um das geschlechtliche Empfinden eines Menschen zu kümmern. Der Erste Weltkrieg war kaum überwunden, als schon die Vorzeichen neuer Konflikte erkennbar waren, als sich Einar Wegener 1931 in Dresden zum dritten Mal operieren ließ. In Begleitung seiner Ehefrau Greta, einer erfolgreichen Malerin.

Alles beginnt in Kopenhagen. Spielerisch. Kindlich naiv und doch faszinierend für das junge Ehepaar. Als Greta das Bild einer Sängerin vollenden möchte und diese selbst nicht Modell sitzen kann, bittet sie ihren Mann Einar, ihr doch nur ganz kurz seine Beine zu leihen. Natürlich in Seidenstrümpfen und Damenschuhen. Nur ganz kurz. Und auch das seidige Kleid soll er nur für einen Moment an seinen Körper schmiegen. Nur das. Nicht mehr.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

In diesem Moment erwacht Lili zum Leben. In diesem Moment wird aus der lange gefühlten inneren Verunsicherung sehr langsam die Gewissheit, und Einar beginnt in seinem Körper zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zu spüren. Er fühlt sich zerrissen, sexuell völlig überfordert und spürt, wie Lili immer mehr Raum in ihm selbst einnimmt. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an der Beziehung vorbei. Greta fühlt, dass sie etwas ausgelöst hat und lässt Lili zu.

„Sie fragte sich niemals, warum sie es zuließ, dass Lili sich in ihr Leben drängte. Wenn es Einar glücklich macht, ist alles erlaubt, sagte sie sich. Absolut alles.“

Greta realisiert schnell, dass es ihrem Mann nicht ums Verkleiden geht. Es ist kein Spiel. Sie spürt den ihr drohenden Verlust ihres Lebensgefährten und der Liebe ihres Lebens. Sie gibt Einar die Freiheit, um seine innere Seite zu leben. Sie akzeptiert Lilis Anwesenheit, ihre kleinen Eskapaden und die Suche nach Erfüllung. Sie toleriert sogar Lilis Ausflüge in eine ganz eigene Sexualität, die ziellos, unsicher und verschüchtert erfolgen. Greta Wegener kämpft nicht gegen Lili an. Der wohl größte Liebesbeweis, den eine Frau ihrem Partner machen kann.

Greta zeichnet Portraits von Lili. Voller Hingabe versucht sie all ihre Liebe in diese Gemälde einfließen zu lassen und merkt doch von Bild zu Bild mehr, wie sehr Einar verschwindet. Diese Gemälde machen sie berühmt. Ein gemeinsames Leben in Paris macht sie freier von Konventionen. Ein alter Jugendfreund von Einar gibt ihr Halt. Doch Einar selbst ist bereits ganz in Lili aufgegangen. Selbst seine eigene Malerei versiegt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

Der letzte Schritt zur Selbstfindung ist eine Operation, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gewagt wurde. Eine Geschlechtsumwandlung ist chirurgisches Neuland, doch während alle Ärzte lediglich Schizophrenie oder Homosexualität als Ursache für den inneren Konflikt vermuten, gibt es einen Arzt aus Dresden, der das Unmögliche wagt. In Dresden findet Einar Wegener seine Bestimmung. Beim Blick auf den Fluss findet er seinen vollen Namen. Lili Elbe. Begleitet von Greta stellt er sich der inneren Befreiung. Dem letzten denkbaren Schritt auf dem Weg zur Frau.

Für Greta bedeutet dies, den Tod des eigenen Mannes zu erleben. Für sie ist der Abschied brutal, während für Einar nur der quälende Lebensabschnitt endet, in dem er unfreiwilliger Gast seines Körpers war. Ob beide die Geburtsstunde Lilis erleben? Hier möchte ich an dieser Stelle weder dem Roman noch der Verfilmung vorgreifen. Beide gehen Hand in Hand und nutzen die gesamte Bandbreite des jeweiligen Mediums.

Wo der Film mit Bildkompositionen und der Klasse seiner Schauspieler brilliert, da schöpft der Roman aus der Geschichte der Beziehung. Innenansichten sind weniger interpretierbar, sondern im wahrsten Wortsinne erlesbar. Im Roman „Das dänische Mädchen“ ist die Entwicklung der Persönlichkeit von Lili ein lange angelegter Prozess. Schleichend und immer weiter raumgreifend. Einar und Greta wird mehr Geschichte eingeräumt, die vor Beginn der eigentlichen Handlung der Verfilmung angesiedelt ist. Tiefe entsteht in dieser Fassung auch durch Wissen.

Der größte Unterschied ist die Qualität der Beziehung zwischen Einar und Greta. Während sie im Film noch als verliebtes Pärchen gezeigt werden, das in der Sexualität befreit und glücklich ist, erzählt der Roman eine andere, differenziertere Geschichte. Hier steht schon früh im Mittelpunkt, dass dieses Paar keine Kinder bekommen wird, weil die geschlechtliche Beziehung brach liegt. Tiefe Konflikte liegen in der Luft und die Entwicklung vollzieht sich in eruptiven Kurven.

Allzu unvermutet entsteht aus der ersten Verkleidungsszene im Film der plötzliche Wunsch, nach dieser Lili zu suchen, die zufällig gefunden wurde. Und doch ist der Film ein Meisterwerk. Eddie Redmayne haucht unserem Bild von Lili Elbe Leben ein. Er wird dem realen Menschen, dessen Geschichte hier erzählt wird, ohne Überzeichnung und Verkitschung gerecht. Er ist die absolute Idealbesetzung für den Film, weil er aus jedem Augenblick einen großen Moment des Mitfühlens entstehen lässt.

Ebenso sehr liebe ich auch den Roman. Gefühle tragen die Handlung, Bilder werden greifbar und die sanft anmutende Erzählweise lässt die Mauern des Nicht-Verstehens einbrechen. Das FJB Jugendbuch Zusammen werden wir leuchten hat sich dieses Themas ebenso behutsam angenommen. Gemeinsame Leitmotive finden wir in beiden Geschichten und erkennen, wie schwer die Selbstfindung auch in unserer aufgeklärten heutigen Zeit noch ist.

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

The Danish Girl“ – Sehenswert. Prädikat: wertvoll.
Das dänische Mädchen“ – Lesenswert. Prädikat: Herzensbuch.
Beides gemeinsam – Liebenswert. Prädikat: Großes Kino für Herz und Verstand.
Und sehr relevant für die Oscar-Verleihung 2016 mit überraschendem Ausgang.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

SPOILER…

Ich schreibe eigentlich niemals über das Ende eines Romans oder eines Films. Ich möchte niemanden um die letzten Momente des Lesens oder Sehens berauben. Hier kann ich nicht anders. Im Buch und im Kinofilm nach Dresden zu reisen, um dort zu erleben, wie nicht nur Einar Wegener, sondern auch Lili Elbe ihr Leben verliert, war und ist einer der emotionalsten Momente meines Lesens und Sehens. Und doch war Lili, als sie ihre Augen für immer schloss ihrem eigenen Ich näher, als in Einar eine Lebenslüge weiterzuleben.

Es ist nicht schön, in Dresden zu sterben. Manche Bücher verlangen sehr viel von mir. Und auch wenn sich die Begleitumstände des letzten Atemzuges in Buch und Film unterscheiden, hier geht es nur um Lili. Das ist es was zählt. Nicht mehr…

Es war jener Moment, in dem aus dem Balkon von Europa der Balkon der ganzen Welt wurde. Der Welt von Lili Elbe.

Das Grab von Lili Elbe in Dresden

Ein Nachtrag: August 2018. Der Trinitatisfriedhof in Dresden. Ein warmer Sommertag. Ein Grab, das es erst seit der Verfilmung des Romans wieder gibt. Rekonstruiert an der Stelle, an der man es vermutete. Eine kurze Suche, dank der Wegbeschreibung meiner guten Freundin. Einer der emotionalsten Momente dieser Städtereise. Ein Moment, in dem der Film vor meinem geistigen Auge ablief, und das Buch sich ganz neu für mich öffnete. Ein schöner Ort, um an sie zu denken. Das Ende Einer Spurensuche.

Eine sehr schöne Geste, ihr Schminkutensilien oder einen Frauenschal mitzubringen. Ein Grab, das heute für so vieles steht. Ein wichtiger Ort in Zeiten, in denen Rollenbilder und Aspekte der sexuellen Selbstbestimmung immer wieder infrage gestellt werden.

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Editorischer Hinweis: Im wahren Leben hieß die Ehefrau von Einar Wegener GERDA. So auch im Film. Im Roman wird sie Greta genannt.

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

The Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff

„Zusammen werden wir leuchten“ von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Habt ihr Euch schon mal gefragt, seit wann ihr eigentlich Jungen oder Mädchen seid? Jetzt mal ganz im Ernst. Wann hat das angefangen? Schon in der Wiege? Bei der Geburt oder noch früher? Ach so… Ihr denkt das ist ja biologisch völlig geklärt. Mit Verlaub gesagt reicht ein prüfender Blick in die eigene Unterhose, um diese Frage zu beantworten. Oder?

Wahrscheinlich ist es ja ganz einfach. Man kommt als Junge oder Mädchen zur Welt und findet sich vom ersten Augenblick seiner irdischen Existenz im dafür vorgesehen Ambiente wieder. Fein getrennt in Blau und Rosa. Fein aufgedröselt nach Spielsachen für beiderlei Geschlecht und ganz spezielle Spielsachen, die der zukünftigen Rolle im Leben zu entsprechen haben. Jungs spielen eben mit Eisenbahnen, Holzspielzeug und Fußbällen. Mädchen wachsen eher mit Puppen, Kinderwagen und Ballettschuhen auf. Völlig normal. Oder?

Ist es so? Ist es wirklich so? Oder werden wir direkt nach der Geburt und der freudigen Feststellung unseres Geschlechts in eine Rolle gesteckt, aus der wir nicht mehr fliehen können. Eine Rolle, die uns so fest in der gesellschaftlichen Normalität verankert, dass selbst kleine Abweichungen mit Argusaugen beobachtet werden. Mädchen, die gerne Fußball spielen gelten als eher „burschikos“ und Jungs, die von einer Ballettausbildung träumen rutschen schon fast an den Rand der Rabaukenwelt.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Na, aber da kann man noch gegensteuern. Das kann man lenken. Da können Eltern aus dem Vollen schöpfen und den Rest übernehmen dann die Kindergärten, Schulen, Gruppen und Cliquen. Da bringt man die kleinen Abweichungen schon wieder in die Spur und zurück auf die Schienen der alten gesellschaftlichen Rollenbilder von Jungen und Mädchen, aus denen schließlich Männer und Frauen werden sollen. Rollen sind da wichtig. Beruflich, sozial, zwischenmenschlich. Das ist so. Oder?

Was aber, wenn sich das eigene Ich nicht mit der Rolle identifiziert? Was ist, wenn die ersten Versuche aus diesen Bildern auszubrechen auf Widerstand stoßen? Was ist, wenn eine Gesellschaft sich zwar langsam an neues Normales gewöhnt, dann aber lange braucht, um die nächsten Schritte zu denken und zu gehen? Jungs verlieben sich plötzlich in Jungs, Mädchen in Mädchen und im Vergleich zu einem starren Rollenbild vor einigen Jahren weichen viele Positionen auf. Die Homo-Ehe wird gesellschaftsfähig.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist kein Tabu mehr. Politiker und Prominente haben viel bewegt. Eine Gesellschaft im Wandel beginnt die Normen zu überdenken. Zumindest oberflächlich. Die großen Weltreligionen tun sich da schwer. Schwerer vielleicht als vor vielen Jahren noch, weil sie feststellen, dass sich Tabus flächendeckend ändern. Und in Familien mit mehreren Generationen ist es eine Gratwanderung, von der vorgesehenen Rolle abzuweichen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Und nachdem man auf der höchsten Welle der neuen Akzeptanz angekommen scheint, wird man nun auch noch mit Menschen konfrontiert, die nicht mal in diese liberale Welt zu passen scheinen. Transgender ist ein Begriff, der auch heute noch für Verunsicherung sorgt. Der weiter von der Norm entfernt scheint, als es uns vorstellbar ist. Hier geht es nicht um schwul oder lesbisch sein. Hier geht es nicht darum, sich zu verkleiden und in den Klamotten des jeweils anderen Geschlechts durch die Welt zu laufen.

Hier geht es eigentlich um Menschen, die sich nicht allein aufgrund ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale in eine soziale Rolle als Mann oder Frau drängen lassen wollen. Sie fühlen sich gefangen im eigenen Körper, empfinden die Erwartungshaltung des Umfelds und der Gesellschaft als Käfig. Die sexuelle Erlebenswelt ist verwirrend und komplex. Transgender folgen ihrem Herzen und entscheiden sich oft für Menschen des anderen Geschlechts als Partner. Wenn sich eine augenscheinliche Frau, die sich aber nicht als solche fühlt, in eine Frau verliebt, empfindet sie als heterosexuell. Von Außenstehenden werden diese Beziehungen jedoch als homosexuell wahrgenommen. Verwirrt? Ich hoffe nicht.

Vielleicht jedoch sensibilisiert für ein Thema, das unglaublich komplex ist, sich der Beurteilung von außen weitgehend entzieht und Menschen sehr schnell an den Rand dessen drängt, was wir auch heute noch, aufgeklärt und fortschrittlich als nicht normal betrachten. Man stelle sich einfach Jugendliche vor, die spüren, dass sie nicht in die fest gefügten Rollenbilder passen. Junge Menschen, die in ihren Findungsphasen auf völliges Unverständnis stoßen und schon bei ihren Eltern an die Grenzen der Toleranz stoßen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Wenn Du dir jetzt vorstellen kannst, welche Konflikte in diesen Menschen toben, wie sehr sie befürchten müssen miss- oder unverstanden zu werden, wie schwer der Weg zum eigenen Ich sein kann und wenn Du dann noch den Schritt weitergehst und Dir die Reaktionen deiner Familie vorstellst, wenn Du dem stolzen Papa schonend beibringst, dass er die vergangenen Jahre nicht mit einem Sohn, sondern mit einer jungen Frau in dessen Inneren verbracht hat, dann bist Du bereit für den Roman Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson – Fischer FJB.

Wenn Ihr für dieses vielschichtige Jugendbuch bereit seid, dann öffnet Ihr Euch in aller Unbefangenheit einer Geschichte zum Thema Transgender, die fernab jeglicher Klischees, Oberflächlichkeit und reiner Effekthascherei durch ihre Charakterzeichnung und die verschiedenen Perspektiven der Betrachtung besticht. Dann seid Ihr bereit für David Piper, der mit 14 Jahren nur einen einzigen Wunsch hat. Er möchte endlich das nach außen leben, was ihm sein Inneres seit Jahren unmissverständlich klar macht.

Er möchte ein Mädchen sein. Und hier geht es ihm nicht um Äußerlichkeiten, es geht nicht um Verkleidung und oberflächliche Optik. Es geht David darum, tatsächlich in einer Geschlechtsrolle anzukommen und in ihr angenommen zu werden. Es geht ihm darum, die Grenze zu überschreiten und sich selbst zu finden. Mit allen Konsequenzen. Ihm fällt nur kein Weg ein, wie er seinen Eltern beibringen kann, was da in seinem Inneren tobt und seinen Weg ins Licht sucht. Ihm fehlt nur der Mut, aus dem Versteck herauszutreten und sich zu sich selbst zu bekennen.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Erst als er Leo kennenlernt, der neu an seiner Schule ist, ändert sich alles. Nicht nur die Faszination, die er für den neuen Mitschüler empfindet versetzt seinem Leben einen ganz neuen Schub. Es ist genau dieser Leo, der David aus der wohl peinlichsten Situation seines Lebens rettet. Seine Mitschüler stehen kurz davor, Davids Geheimnis zu lüften und versuchen den „Freak“ in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Leo schreitet ein und es beginnt eine der wohl schönsten und doch kompliziertesten Freundschaften, die man sich vorstellen kann. Doch für Leo ist das alles nicht ungefährlich. Er hat nur diese eine Chance an seiner neuen Schule. Er darf nicht auffallen. Auf keinen Fall. Das wäre sein Ende.

Lisa Williamson schreibt nicht über das Unnormale. Sie nähert sich dem tiefen eigenen und verborgenen Wesen von Menschen in einer unglaublichen Empathie. Sie beschreibt das Unverständliche und kaum zu Begreifende. Sie lässt uns in die Haut von David schlüpfen und zeigt ihn aus der Sicht seiner Mitschüler und seiner Familie. Sie erklärt seine widerstreitenden Gefühle und beschreibt die Mechanismen von Mobbing. Wer anders ist, eignet sich gut zur Zielscheibe. Ein wichtiger Zeitgeistroman zu einem Thema, das sich ansonsten häufig auf der fließenden Grenze zwischen Peinlichkeit und Kitsch wiederfindet.

Ein Jugendroman über Bekenntnisse. Bekenntnisse zu sich selbst, zu Freunden und zur Familie. Ein Roman, der Verständnis für das Unverständnis weckt. Eine Geschichte voller innerer Zerrissenheit, in der sich das ganze Leben von Menschen widerspiegelt, die sich nur im Dunkeln selbst erkennen und im Hellen von der Gesellschaft gemieden werden. Ein Buch über Orientierung in desorientierten Lebensphasen und ein deutlicher Fingerzeig, dass der soziale Kompass nicht die Richtung jedes Menschen anzeigt.

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson

Die Gesellschaft ist reif für viele Veränderungen. Sie ist reif dafür, alte Mauern und Ansichten über Bord zu werfen. Wir sind reif für dieses Buch. Zusammen werden wir leuchten heißt in der Originalfassung The Art of Being Normal“. Ich mag diesen Titel sehr. Er trägt alles in sich. Es ist eine Kunst, in unseren Zeiten normal zu sein. Und Kunst verändert sich mit der Zeit, ihrer Kultur und der Gesellschaft. Wir alle können Teil dieser Veränderung sein. Akzeptanz, Toleranz und Empathie sind die Pinselstriche für diese Herausforderung. Die Farben sind bunt. Das Gemälde ist das Leben.

Nachtrag:

Ich halte das Originalcover und den eigentlichen Titel des Buches für sehr mutig. Angesichts der Relevanz und Wichtigkeit des Themas Transgender hätte ich mir diese mutige Variante auch für unseren Buchmarkt gewünscht. Die allzu poppige Gestaltung und der irreführende deutsche Titel, der keinen inhaltlichen Bezug aufweist, lassen das Buch so erscheinen, als hätte es sich verkleidet, seinen Weg zu sich selbst noch nicht gefunden und sei noch nicht bereit, sich zu sich selbst zu bekennen. Hier ist David Piper schon einen Schritt weiter. 

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Das interessante Thema wir weiter verfolgt und zieht weite Kreise:

The Danish Girl – Das dänische Mädchen auf AstroLibrium

Danish Girl - Das dänische Mädchen - David Ebershoff

Danish Girl – Das dänische Mädchen – David Ebershoff