Der Distelfink von Donna Tartt – Film, Buch, Hörbuch

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Fünf Jahre sind seit dem Lesen vergangen. Fünf Jahre, in denen mir ein Buch nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Fünf Jahre, die ich jedoch habe verstreichen lassen, ohne einen der relevantesten Romane meines Lebens zu rezensieren. „Der Distelfink“ von Donna Tartt liegt in der Erstausgabe aus dem März 2014 immer noch in Griffweite. Er ist durchzogen mit PostIts eines vergangenen Lesens und ein kleines ScriptBook für die Rezension liegt seitdem im Giftschrank der kleinen literarischen Sternwarte. Auf der ToDo-Liste meines Lesens steht dieser Artikel seit fünf Jahren ganz oben, und doch ist es mir bis heute nicht gelungen, meine Gedanken zu bündeln und dem Pulitzer-Roman meine Referenz zu erweisen.

Warum jetzt? Was treibt mich an, den „Distelfink“ mit neuen Augen zu sehen und ihm 2019 Raum zu geben? Hat sich das Fußkettchen endlich gelöst, das den kleinen Vogel mit der Fußstange vor dem grauen Deckelkasten verband? Ist es die Verfilmung, die im Oktober auf mich zukommt? Ist es meine Urlaubsreise nach Delft, die mir schmerzhaft in Erinnerung ruft, dass ich dem Bild von Carel Fabritius im Mauritshuis in Den Haag begegnen werde? Oder liegt es auch daran, dass ich mich inzwischen in einem kleinen Schreibprojekt der niederländischen Heimatstadt des großen Malers angenähert habe? Delft und die große Katastrophe des Jahres 1654. Jener Delfter Donnerschlag in dem der Künstler den Tod fand? 

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Der Distelfink von Donna Tartt

Es ist wohl eine Mischung aus allen Faktoren, die mir den „Distelfink“ erneut vor Augen führt. Ohne die Explosion des Pulvermagazins in Delft und den Tod des Malers Fabritius hätte sich Donna Tartt für ein anderes Kunstwerk im Mittelpunkt ihres Romans entschieden. Die Parallele zwischen dem Künstler und dem Beginn ihrer Geschichte ist einfach zu relevant, um sie zu vernachlässigen. Denn hier startet alles. Hier erhebt sich der „Distelfink“ wie der Phoenix aus der Asche und wird zum Symbol einer Erzählung, die mich nachhaltig geprägt hat. Es ist ein heftiger Donnerschlag, der das New Yorker Metropolitan Museum erschüttert. Es ist ein terroristischer Donnerschlag, der alles in Schutt und Asche legt, dem erst 13jährigen Theodore Decker die Mutter raubt und sein Leben für alle Zeiten verändert.

Da ist der alte Mann, dem er beim Sterben hilft. Da ist dessen Nichte Pippa, die den Anschlag gerade so überlebt hat. Da ist die drängende Bitte des Sterbenden, Theodore solle das Gemälde Der Distelfink in einer Plastiktüte an sich nehmen und zuletzt ist da neben dem Ring, der ihm geschenkt wird, eine Adresse, an die sich der Junge wenden soll. Die Antiquitätenwerkstatt, die der Verstorbene mit seinem Geschäftspartner James Hobart betrieben hatte. Mit diesem Urknall beginnt eine Geschichte, in der ein Gemälde und dessen unrechtmäßiger Besitzer fortan lebenslänglich miteinander verbunden sind, wie der Distelfink mit seiner Sitzstange. Es ist der laute Doppelknall, der die Explosion eines Delfter Pulverturms mit einem New Yorker Museum verbindet. Kunst und Leben sind untrennbar miteinander verbunden.

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Hier vermischen sich Handlungsebenen und Wahrnehmung zu einem grandiosen Mix aus Kunstleidenschaft, rauschhafter Wahrnehmung und fetischistischer Qual. Theo und das gestohlene Gemälde kommen nicht mehr voneinander los. Seine Odyssee seit dem Tod seiner Mutter entwickelt sich zur Irrfahrt des Heranwachsenden mit all seinen Lieben, Leidenschaften und Traumata. Ist sein Distelfink zunächst die letzte Erinnerung an die noch lebende Mutter, so wird das Gemälde langsam zum Faszinosum, dem sich Theo nicht mehr entziehen kann. Er versteckt das Bild auf seinem weiteren Lebensweg und macht sich selbst zum Sklaven seines großen Geheimnisses. Unfassbar dicht und empathisch erzählt. Donna Tartt spielt mit ihren Lesern. Jeder hat seinen Distelfinken. Jeder verbirgt den Schatz seines Lebens vor den Augen anderer Menschen. Und jeder würde so reagieren, wie Theo, als die Wahrheit über das Kunstwerk ans Licht kommt.

Man kann sich ein Bild eine Woche lang anschauen
und nie wieder daran denken. Man kann sich ein Bild
eine Sekunde lang anschauen und es sein Leben lang
nicht mehr vergessen…“
 

In diesen Momenten fand ich mich wieder in diesem Roman. Mein Distelfink hängt im Lenbachhaus zu München, entstammt der Zeichenfeder von Franz Marc und ist als Blaues Pferd weltbekannt. Ich kann persönlich nachvollziehen, welche Faszination ein Gemälde auf seinen Betrachter ausüben kann. Ich kann den Bann nachvollziehen, der den Betrachter gefangen nimmt. Und ich kann Theodore gut verstehen, der angesichts des ganz eigenen Lebensweges an der Seite seines Distelfinks zu allem bereit ist, um ihn nicht zu verlieren. Donna Tartt konfrontiert uns mit einem Entwicklungsroman, der die verschiedenen Lebensphasen ihres Protagonisten begleitet. Sie lässt uns mit ihm in rauschhafte Zustände verfallen, sie zeigt die verstörende Wirkung auf ihn, als der lange verschollene Vater plötzlich auftaucht und sie begleitet uns an seiner Seite in ein Leben als gewiefter Geschäftsmann. Zweifel, Selbstbetrug, Leugnung und Läuterung werden zu den Wegmarken eines Lebens, das eine explosive Wendung nahm.

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Jetzt sitze ich hier mit dem Buch und meinem ScriptBook vor Augen. Es fühlt sich gerade an, wie eine Zeitreise in mein vergangenes Lesen. Die Puzzlesteine finden sich und Bilder entstehen erneut in meinem Kopf. Da sind die Bilder des Todes von Mathew Brady, die den Amerikanischen Bürgerkrieg auf Glasplatten einbrannten. Da taucht Las Vegas als Ziel des Roadtrips mit Theos Vater auf. Die Chance auf ein neues Leben mit einem trockenen Alkoholiker. Da wird der Betrug wieder greifbar, mit dem man sich an Theo bereichern will. Da wird seine Flucht zurück nach New York wieder lebendig. Der Laden hinter dem Laden und die illegalen Geschäfte, Drogen, Sehnsüchte und unerfüllt gebliebene Liebe. Pippa, das Mädchen, das wie Theo den Anschlag überlebte wird zur Fata Morgana des „Was-hätte-sein-Könnens“.

Pippa war das vermisste Königreich, der unverletzte Teil meiner selbst. Sie war der goldene Faden in allem, eine Linse, die die Schönheit vergrößerte, sodass die ganze Welt gebannt war. Sie war wie die kleine Meerjungfrau, zu zerbrechlich, um an Land zu laufen…“

Hier berührt Donna Tartt sprachgewaltig und voller Tiefgang. Es gibt keinen Weg zurück. Es bleibt nur die Flucht nach vorne. Und letztlich ist nichts mehr so, wie es mal schien. Am Ende überstrahlt die Unfreiwilligkeit die Läuterung des Protagonisten. Es ist wie im wahren Leben. Die Unausweichlichkeit der Ereignisse öffnet die Augen und der letzte Ausweg wird zum Königsweg. Donna Tartt dreht und wendet das Schicksal, wie in der griechischen Mythologie. Ob ihr dabei ein Happy End gelang? Hier darf und kann man getrost streiten. Ich werde das Ende des Romans vor Augen haben, wenn ich bald in Delft vor einem Gemälde stehe. Ich weiß schon jetzt, dass aus dem kleinen Bild des zu früh verstorbenen Malers ein völlig neues Gemälde für mich entsteht. Ich werde den Ruß der Explosion sehen. Ich werde wissen, wo das Bild versteckt war. Und ich muss ganz sicher an Theodore Decker und Pippa denken. Nichts davon ist wahr. Und doch wird es für mich immer die Wahrheit hinter dem „Distelfink“ sein.

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Zur Vorbereitung auf den Film vertiefte ich mich im Hörbuch zu „Der Distelfink“. Ich wollte nochmal in die Atmosphäre eintauchen. Wollte nachempfinden, was ich einst so an dieser Geschichte liebte. Ich wollte schreibend in Schwung kommen, um meinen Erinnerungen wieder auf die Sprünge zu helfen. Ich wollte gerne New York, Las Vegas, Greenwich Village und Amsterdam neu erleben. Bei alldem wollte ich das Gemälde im Gepäck spüren. So, wie ich mein Blaues Pferd in Gedanken bei mir trage. Ich wollte für die neuen Eindrücke des Films bereit sein. Und ich wollte zurückblicken auf die Zeit, in der mein Blog AstroLibrium das Licht der Welt erblickte. Vor mehr als fünf Jahren war ich intensiv mit diesem neuen Kapitel meines Lebens beschäftigt. „Der Distelfink“ blieb damals auf der Strecke. Jetzt hat er sein Recht eigefordert. Man trifft sich mehrmals im Lesen.

Das Hörbuch: So, wie „Der Distelfink“ seinen Besitzer immer tiefer in einen Sog aus Lügen, Fehlentscheidungen und Fluchtbewegungen treibt, so ist es auch die Hörbuchfassung, die mit einer Spieldauer von 33 Stunden und 26 Minuten einen ganz eigenen Kosmos dieser Erzählung entfaltet. Wie die Buchvorlage ist auch das Hörbuch nichts für den schnellen Genuss für zwischendurch. Nichts für das beiläufige Zuhören, sondern vielmehr ein literarisches Hörereignis, auf das man sich mit Haut, Haaren und Ohren einlassen muss. Matthias Koeberlin verleiht der Erzählperspektive Theodore Deckers eine fast schon staatstragende Tiefe. Aus seiner Sicht entwickelt sich alles im Rückblick auf sein eigenes Leben. Im Amsterdamer Hotelzimmer, in dem es eigentlich endet, beginnt die Reise nach New York. Koeberlin wird dieser Rolle gerecht. Er weiß wovon er spricht, als wäre es seine eigene Geschichte in der Rückschau. Sentimentale und melancholische Facetten vertiefen diesen Eindruck. Ja, es ist ein Rückblick auf ein Leben das anders verlaufen wäre, wenn doch nur seine Mutter überlebt hätte. Stark!

Der Film: Bislang kann man nur den Trailer bestaunen. Zum Release gibt es immer noch widersprüchliche Aussagen. Aber ob Ende September oder Anfang Oktober, das ist letztlich fast unerheblich. Entscheidender ist, dass „Der Distelfink“ fast zeitgleich in den großen Kinoländern USA, England und Deutschland erscheinen wird. Das kommt recht selten vor und hilft uns dabei, den Film exklusiv, und nicht schon mit Kritiken aus anderen Ländern überlagert, betrachten zu können. Der Trailer lässt den Lesegefühlen von einst ausreichend Freiraum, sich in der Szenerie einzuleben. Das wirkt authentisch und gut umgesetzt. Hierfür steht auch der Name des Regisseurs: John Crowley. Seine filmische Adaption von „Brooklyn“ nach dem Roman von Colm Tóibín war brillant. Er hat ein feines Händchen für große literarische Stoffe. 

Der Cast sieht ebenfalls vielversprechend aus. Ansel Elgort als Theo trifft für mich punktgenau auf den Charakter zu, der hier schauspielerisch durch die Handlung trägt. Spätestens seit „Das Leben ist ein mieser Verräter“ weiß man, wie facettenreich und tiefgründig Elgort agieren kann. Ihm zur Seite stehen neben Nicole Kidman und Sarah Paulson auch Luke Wilson und Aneurin Barnard. Namen, die bei Kinofreunden den Puls schon leicht beschleunigen. Ob der Film funktioniert? Ob er die facettenreiche und tiefgründige Geschichte im Kinoformat so erzählen kann, dass er dem Roman gerecht wird? Das wird sich erst beantworten lassen, wenn der Vorhang fällt.

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Und spätestens dann werde ich allen Fragen auf den Grund gehen. Versprochen. Wie habt ihr den „Distelfink“ erlebt, habt Ihr den Roman noch in guter Erinnerung? Geht Ihr ins Kino und welche Gefühle begleiten Euch dabei? Schreibt mir und wir werden im Herbst dieses Jahres erleben, ob sich Hoffnungen erfüllen oder ob sich der alte Spruch „Der Film ist immer schlechter als das Buch“ mal wieder bewahrheitet. Stay tuned.

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Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind - Buch, Hörbuch und Film - AstroLibrium

Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Na das kann jedem mal passieren. Man (in diesem Fall Frau – in diesem speziellen Fall die glücklich verheiratete Mutter Emmi Rothner) möchte mittels EMail ein Zeitungs-Abonnement kündigen. Ein kleiner Schreibfehler in der Adresse ist dafür verantwortlich, dass nicht der Verlag, sondern ein völlig Unbeteiligter (in diesem Fall Mann – in diesem ganz besonderen Fall der alleinstehende Sprachpsychologe Leo Leike) nicht nur diese Nachricht erhält, sondern auch deutlicher werdende Nachfragen, warum die Kündigung nicht endlich akzeptiert wurde.

Das Missverständnis lässt sich noch schnell aus der Welt räumen, nicht jedoch die bisher geschriebenen Worte und ihre rein intellektuelle sprachliche Anziehungskraft, die beide sofort gepackt hat. Aus ersten recht zaghaften Fragen entwickelt sich in kürzester Zeit ein mehr als intensiver Onlineflirt, der von Mail zu Mail beginnt, Emmis Gefühlswelt zu dominieren und alles infrage zu stellen und andererseits Leos sprachpsychologische Theorien über den Haufen wirft. Die zeitlichen Abstände zwischen ihren elektronischen Mails werden kürzer und definieren sowohl die Intensität des Inhalts, die entstehenden Schmetterlinge im Bauch und das Zögern bei allzu verfänglichen Themen.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Kann man sich unter Ausklammerung der üblichen Wahrnehmungsebenen nur in Worte verlieben? Ist es möglich, sich in kürzester Zeit in der scheinbaren Anonymität elektronischer Zeichen fallen zu lassen und letztlich den Halt zu verlieren? Wo bleibt die Ratio, warum bremst das reale Leben den Sturz nicht, wieso übersteigt die Faszination dieser Mail-Beziehung alles bisher Dagewesene? Bohrende Fragen, die sich nicht nur Leo und Emmi stellen – verstörende Fragen, die sich der Leser stellt, besonders, wenn er selbst Erfahrung im Umgang mit Onlineforen oder Mail-Briefkästen besitzt. Man fällt mit, wird getrieben, versteht, fühlt und begreift jeden Unterschied zwischen Innen- und Außenwelt – versteht die Fluchten aus der realen Welt auf die einsame Insel und spürt die magnetische Anziehungskraft der Illusion.

Soll man sich öffnen? Darf Gefühl entstehen? Ist es in Ordnung, dass dem wahren Leben außerhalb des Mail-Briefkastens die Grundlage entzogen wird? Darf man im Sog der EMails untergehen und auf einer Sehnsuchtswelle reiten, die Familien zerstört? Wo sind die Grenzen? Was passiert, wenn man den Schützengraben hinter dem Computer verlässt und sich im wahren Leben begegnet? Zerstört jener Moment das zuvor Erlebte und Erträumte? Wozu sind Worte in der Lage? Liebe? Leidenschaft? Ist es wirklich von Bedeutung, wie der Mensch aussieht, dessen Schreiben wir verehren? Ein wilder Tanz der Spekulation beginnt:

Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Können Bücher Leben verändern?Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer ist dazu in der Lage. Ich reflektierte mein persönliches Schreibverhalten. Ich fragte mich, wie meine Mails so aussehen und auf ihre Adressaten wirken. Ich blendete mich in den Dialog ein und hatte das Bedürfnis, mich gedanklich einzumischen. Es fällt schwer, sich als Leser oder Hörer auf die passive Rolle einzulassen. Es ist zu verführerisch, weiter zu denken, weiter zu schreiben. Es ist mehr als schwer nach dem Buch, der Originalität des eigenen Schreibstils treu zu bleiben und Emmi oder Leo auszublenden. Sie bleiben im Ohr, sie klingen nach. Ihre inneren Konflikte treffen auf die bisherige Exklusivität des selbst Erlebten und halten den Spiegel der Erkenntnis in die Höhe, wie schnell man sich verlieren kann. Jeder von uns, der eigene Erfahrungen oder einen persönlichen Bezug zum Inhalt hat, sei eindringlich gewarnt.

Ein brillantes Buch ohne Schnörkel. EMails und Zeitangaben. Text und Antwort – Frage und Warten – Tempo und Nähe. All das vermittelte mir das Gefühl, selbst am Rechner zu sitzen und Teil zu sein. Aufwühlend und emotional, aber nicht ungefährlich. In der Hörbuchfassung bringen Andrea Sawatzki und Christian Berkel eine gewaltige stimmliche Emotionalität als Dimension ein, die dem Buch fehlt. Emmi und Leo werden fühlbar, spürbar und ohne jemals kitschig zu sein, romantischer als andere Paare in den großen Liebesgeschichten der Moderne. Das große Verführungspotenzial des Romans liegt in der Erkenntnis, dass man sich in den Geist eines anderen Menschen verlieben kann, ohne ein Bild von ihm zu haben. Es sich holen zu können, birgt alle Konflikte, die wir zu ertragen in der Lage sind. Die Versuchung überlagert das Leben. Gefährlich und verlockend zugleich.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Während der gesamte Roman in der Frage gipfelt, ob sich Emmi und Leo treffen, platzen wir vor innerer Anspannung. Obwohl wir hoffen, bangen und ahnen, dass es bei dieser Begegnung zu mehr kommen würde, dreht sich der Nordwind und bläst uns mit frischer Brise ins Gesicht. Die Dimensionen des Miterlebens sind vielschichtig. Lesend gehört uns alles. Jedes Bild, jeder Atemzug, jeder Zwischenton. Hörend wird aus Emmi & Leo sehr schnell Andrea & Christian. Gefährlich, weil wir die Stimmen im Buch nie hörten. Eigentlich schon zu viel des Guten. Und doch ist das Hörbuch so brillant, weil es in der Unmittelbarkeit der Atmosphäre besticht. Jetzt den Film mit Nora Tschirner und Alexander Fehling zu sehen, bedeutet für mich, die Dreidimensionalität einer Story zu erleben und erfühlen. Ich bin mehr als gespannt auf diese Verfilmung.

Worauf wir uns einlassen beim Film ist eine moderne Adaption des Romans. War es im Buch das Biotop der Ruhe am Computer, die dem Mail-Verkehr den Stempel der Romanze aufdrückte, so interagieren Emmi und Leo im Film nun mit Smartphones. Wo sie sich im Buch auf die wenigen verborgenen Minuten des Tages beschränkten, wird jetzt die ständige Verfügbarkeit der allgegenwärtigen Verführung zum Schrittmacher der Geschichte. Das ist zeitgemäß und richtig in Szene gesetzt, ob es jedoch dem Charme der Buchvorlage die Magie entzieht, bleibt abzuwarten. Der Trailer ist vielversprechend und die Besetzung passt zum Kopfkino des Jahres 2006, dem Jahr meines ersten und nicht letzten Kontaktes zu „Gut gegen Nordwind„. Ich persönlich hätte die Fortsetzung mit dem Titel „Alle sieben Wellen“ aus dem Jahr 2009 nicht gebraucht. Ich hätte gerne darauf verzichtet, weil sie mir zu weit ging. Ob ich den Film gebraucht hätte, werde ich Euch verraten, wenn ich ihn gesehen habe.

Ich befürchte jedoch, dass ein Smartphone im Film die Dimension und die Magie des Wartens in der Originalstory ebenso zerstört, wie die digitale Fotografie der analogen jeden magischen Funken der Faszination genommen hat, die man empfand, wenn man einige Tage nach der eigentlichen Aufnahme das fertige Foto endlich in Händen halten durfte. Wir werden sehen. Ich schrieb mein Fazit mitten in der Nacht. Ich war bewegt.

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Da saß ich nun, nachdem der Vorhang gefallen war und versuchte meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Was hatte ich hier gerade gesehen? Eine Literaturverfilmung? Sicher nicht. Eher einen Film frei nach dem Roman „Gut gegen Nordwind“. Aus einem literarischen Gleichgewicht zweier Charaktere im Roman wurde im Kino ein 40 Minuten lang dominierender Leo Leike. Seine Lebensumstände, seine Beziehung, seine Arbeit und unsichtbar aus dem Off ab und an die Stimme der unbekannten Emmi, die ihn mit Kündigungsmails belästigt. Emmi Rothner taucht erst nach einer gefühlten Ewigkeit auf. Wo das Buch sofort mit einer grandiosen Sogwirkung zuschlägt, schleppt sich der Film doch eher mühsam bis zu den geschriebenen Dialogen, die uns so sehr fesselten. Hier ein Smartphone im Einsatz zu sehen, war verstörend. Es war die zurückgezogene und abgeschiedene Welt hinter dem Computer, die Leo und Emmi in literarische Höhen der Kommunikation trieb. Hier ist es die Omnipräsenz im Alltag, die ständige Verfügbarkeit, die diesen Dialog in weiten Teilen auf die Ebene eines WhattsApp-Chats reduziert.

Klingt enttäuscht? Soll es nicht, denn dem Film gelingt mit seinen ganz eigenen Mitteln die Charakterstudie zweier Menschen, die für neue Impulse im Leben bereit sind. Hier brilliert besonders Nora Tschirner als Emmi. Sie ist die Suchende, neckend Herausfordernde, Verzweifelte und Verführte, wie ich sie mir vorgestellt habe. Bilder in geschickten Schnittfolgen, starke Musik und die Atmosphäre des Besonderen zeichnen diesen Film aus. Wo das Buch uns auf Distanz hält, blicken wir in Emmis Augen, hören Leos Stimme und wissen alles. Es gibt sie, die ganz großen Momente im Film. Szenen, die man nicht mehr vergisst. Die Nordwind-Sequenz einer einschlafenden Emmi gehört ebenso dazu, wie ihre Reaktion auf den einen veränderten Buchstaben in ihrem Namen aus dem Mund ihres Ehemanns. Großes Kino.

Ja, der Film ist anders. Er muss anders sein. Er würde kaum funktionieren mit zwei Menschen hinter ihren Computern. Es sind auch hier die geschriebenen Worte, die sie dazu bringen, sich in ein anonymes Gegenüber zu verlieren und zu verlieben. Es sind Worte und Empathie, die den Film dominieren. Szenisch brillant umgesetzt, wenn eine Mail am regennassen Fenster oder an der Wand zu lesen ist. Atmosphärisch packend und bewegend. Schauspieler, die dem Rollenbild entsprechen, das ich im Herzen trug. Eine Szene unter der Bettdecke, die den Nordwind zum Drehen bringt und mich rührte. All dies führt dazu, dass ich mich wohl fühlte im Kino. Das Ende jedoch mag zu diesem Film passen. Das Ende jedoch überschreitet eine Grenze, die für mich unverrückbar im Buch gezogen war. Das Ende ist für Leser gewöhnungsbedürftig und überraschend. In jeder Beziehung. Schaut Euch den Film an. Er bereichert das Erlesene. Aber wappnet Euch gut. Er wird nicht jeder Erwartung gerecht.

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Club der roten Bänder – Wie alles begann (Der Film)

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Es ist nicht schlimm zu sterben.
Es ist schlimm sein Leben nicht zu leben.

(Benito)

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Vielleicht wird das jetzt persönlicher, als es bei einer Filmvorstellung sein sollte. Vielleicht ist dies aber auch der einzige Zugang, der es mir ermöglicht erneut über eine TV-Serie zu schreiben, die mit meinem Leben extrem verwoben ist. Drei Staffeln haben wir Leo, Jonas, Emma, Alex, Toni und Hugo begleitet. Wir haben sie in ihren Rollen als Anführer, zweiter Anführer, Mädchen, der Hübsche, der Schlaue und guter Geist erlebt. Wir kennen sie als „Club der roten Bänder“. Wir haben dreißig Folgen der Geschichte verfolgt und kennen das Werk von Albert Espinoza, der sein Schicksal zur Vorlage der weltweit erfolgreichen Fernsehproduktionen werden ließ. Am 11. Dezember 2017 habe ich das Ende der Geschichte gesehen und war der Meinung, wirklich am Ende zu sein. 

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Selten hat mich eine Serie um Krankheiten, Klinikalltag und Freundschaft dermaßen gefesselt und berührt. Und doch habe ich in meinem Artikel im Jahr 2016 beschrieben, dass diese roten Bänder für mich und meine Familie in einer lebensbedrohlichen Phase mit jenen aus der Serie nur wenig gemein hatten. Sie verbanden meine Tochter mit der Außenwelt, die sehnsüchtig auf sie wartete. Sie zogen mein Mädchen aus dem Koma, aus der Klinik und hinein in ein neues und unbeschwertes Leben. Die Bänder haben es geschafft, ihr im Krankenhaus jenen Halt zu geben, den sie später umso mehr zuhause benötigte. Die Bänder haben gehalten. Bis heute, auch wenn unser wichtiges Band mit unserem Border Collie „Schneeflocke“ nur noch in unserer Erinnerung besteht. Er hat Lena zurück ins Leben gezogen, sie aus dem Rollstuhl gebellt und bei ihr gelegen, als sie keine Kraft mehr hatte. Puh… es schreibt sich schlecht, wenn man weint…

„Wir sind Kinder in einem Krankenhaus. Wir haben schlechte Tage. Wir haben gute Tage. Und dann gibt es Tage, die sind voller Wunder.“ (Hugo)

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Alles Geschichte, könnte man meinen. Alles vorbei und vergangen. Und doch holt einen die Vergangenheit mit einem gewissen zeitlichen Abstand wieder ein und lässt es zu, sich mit den Erinnerungen an diese Tage in der Klinik zu befassen. Und so passt es auch zu den Roten Bändern, wie ich sie erlebt habe, dass sie nun ihren Weg ins Kino finden. Wir haben es hier nicht mit einer Fortsetzung oder einem verzweifelten Versuch zu tun, dem Fernseherfolg auch den Kassenschlager folgen zu lassen. Es geht hier um das Prequel, die Vorgeschichte der jungen Menschen, die erst im Krankenhaus zu dem werden, was wir so gut kennen. Dem Club der roten Bänder….

„Du kannst hier drinnen an Krebs sterben, aber auch an Langeweile. Das sag ich dir.“ (Leo)

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Ein Jahr nach dem letzten Dreh versammelte man die Schauspieler der Serie, um mit der Arbeit am neuen Film zu beginnen. Der Club der roten Bänder – Wie alles begann. Ein tiefer Blick in die Vergangenheit der Einzelschicksale. Ein Blick zurück in eine Zeit, die noch nicht von Krankheit geprägt war. Oder zumindest in die Zeit, die sich noch außerhalb der Klinik abgespielt hat. Ein Leben ohne rote Bänder, Operationen mit oder ohne Hoffnung auf Erfolg und ein Leben ohne die Station als Heimatersatz. Es ist ein Rückblick, den man selbst erst wagt, wenn eine Krise überstanden ist. Oder, wenn man an einen Punkt gelangt ist, sich an jemanden zu erinnern, um den man trauert. Im Film treffen wir auf begeisterte Fußballspieler, Jugendliche, die sich nach Freundschaft sehnen oder einfach nur auf einen Jungen, der von einem Zehn-Meter-Turm springen möchte. Wir wissen, wo all dies endet. Und doch schärft es unseren Blick, weil wir jene Menschen mit einer Vergangenheit erleben, denen das Schicksal keine große Zukunft schenkt.

Von zehn Leuten überleben neun diese Art von Krebs, sagte mein Arzt Schön, sage ich, ich bin dabei!

Der Club der roten Bänder und die roten Geheimnisse

Ohne Magersucht, das Asperger-Syndrom, den Krebs, ein Koma oder ein krankes Herz hätten sich die Mitglieder dieses denkwürdigen Clubs niemals kennengelernt. Hier haben wir die Chance, in einem bewegenden Film den Anfang einer Geschichte sehen zu können, die uns seit der Ausstrahlung der Serie begleitet hat. Ich freue mich schon darauf, diesen jungen Menschen erneut zu begegnen. Ich freue mich darauf, erneut zu spüren, dass sich die Geschichte von Albert Espinoza auf die Schauspieler ausgewirkt und sie verändert hat. Hier entstand etwas Einzigartiges, das im Fernsehen Wellen und Wogen geschlagen hat. Ich hoffte sehr darauf, dass es dem Film ebenfalls gelingt. Und ich wurde nicht enttäuscht. Unser kleiner Lebens-Club ist einerseits kleiner geworden. Flocke fehlt an allen Ecken und Enden.

Und er hat sich um Menschen erweitert, die das rote Band in die Hand genommen haben, von dem nur noch ein loses Ende vorhanden war. Lebensgefährten und wahre Herzensmenschen nun an der Seite „unserer Kinder“ zu wissen, ist ein wundervolles Gefühl. Wir gehen zusammen ins Kino und erzählen danach, wie es früher bei uns war. Ohne die Serie hätten wir nie die Zeit der Erkrankung von Lena aufarbeiten können. Es geht sicher nicht nur uns so. Jeder hat ein rotes Band. Jeder wurde vom Schicksal und dem Zufall an die Seite wichtiger Menschen gespült, die man braucht, um zu überleben. Nun wird es Zeit, für den letzten Vorhang dieses Filmprojekts. Licht aus. Taschentücher bereit. Film ab…

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Die Filmrezension

Man kann mir erzählen, was man will. Natürlich kann man sich den Film anschauen, ohne auch nur eine Folge der Serie vorher gesehen zu haben. Es geht durchaus, aber für mich liegt die Magie dieses Prequels eben darin verborgen, dass die Zuschauer, die dem Zauber der vorherigen Staffeln erlegen sind, nun einfach alles wissen, was auf die Protagonisten des Films zukommen wird. Man verleiht uns fast „seherische“ Qualitäten und versetzt uns in die Lage, die Macht der Zufälle im Leben neu zu erkennen. Wir sind es, die Zusammenhänge herstellen, wo der Film die Bildsequenzen liefert. Wir sind es, die in einem Szenenwechsel auf der Straße eine Verbindungslinie zwischen einem Opa mit seinem autistischen Enkel, einer schlanken Joggerin, einem aufgewühlten Biker und anderen Menschen ziehen. Wir wissen, dass sie sich sehr bald begegnen werden. Wir wissen, dass sie durch ein rotes Band miteinander verbunden sein werden. Das ist der magische Aspekt des Films.

Emotionen und Empathie entstehen genau in diesem Mehrklang aus Bekanntem und Neuem. Dabei blickt der Film hinter die Kulissen der Charaktere und öffnet uns die Augen für persönliche Geschichten, die jeder gerne für sich behalten hätte. Wir haben vieles geahnt, viel vermutet, versucht zu verstehen, warum Leos Vater sich in der Klinik rargemacht hat. Jetzt verstehen wir. Das normale Leben wird durch Diagnosen zerstört, normale Fußballspiele werden zum Alptraum und familiäre Enttäuschungen münden in Magersucht. Dieser Blick zurück auf das Vorher bewirkt, dass wir mit einem Gefühl aus dem Kino gehen, das mehr als wertvoll ist. Das Leben zu genießen, weil man nicht alle Zufälle beherrschen kann, ist der Schlüssel zum persönlichen Glück.

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

Wie alles begann“ ist in vielerlei Hinsicht ein großer cineastischer Wurf. Man spürt der gesamten Crew an, dass hier etwas Magisches fortgesetzt wird. Die Atmosphäre dieser Verfilmung knüpft nahtlos an die Staffeln an, denen sie eigentlich den Weg bereitet. Es wühlt auf, treibt uns die Tränen in die Augen und besticht in Dialogen und Bildern. Dazu ein grandios aufspielender Jürgen Vogel, den man anfänglich hassen und dann später lieben muss. Das fehlende rote Band ist gefunden. Ein absolutes Muss für alle Fans. In jeder Beziehung gelungen und viel mehr als ein simples Prequel. Und wer ganz genau hinschaut, der erkennt am Ende des Films sogar jemanden, der hier mehr als nur eine kleine Gastrolle spielt. Einer der vielen Wow-Momente dieses Films. Nach dem Film ist vor dem Film. Raus aus dem Kino und hinein in die „alten“ Staffeln. Ich konnte einfach nicht anders. „Club der roten Bänder – Wie alles begannist eine Initialzündung für einen erneuten Blick auf eine Serie, die uns verändert hat. Großartig!

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Club der roten Bänder – Wie alles begann

„Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Hermann Hesse

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Ich bin sicher nicht der Leser mit dem grünen Daumen“. Und doch habe ich bereits einen literarischen Ausflug in eine Gartenlandschaft gewagt, der mir gezeigt hat, wie es sich auf Körper und Geist auswirken kann, wenn man sät, pflanzt und erntet. Oder sich ganz einfach an der bunten Blütenpracht berauscht, der man eine Heimat gegeben hat. Gärten können kontemplative Atmosphäre erzeugen, entschleunigen und den Geist vor Überlastung schützen. „Der Garten von Hermann Hesse“ sollte eigentlich mein letztes Gartenbuch sein. Dachte ich. Und nun stehe ich kurz davor, das Jahr 2019 zu meinem Lesejahr des Gartens auszurufen. Wie kommt es dazu?

Nun, die Literatur bringt viele Überraschungen mit sich. Während Hermann Hesse mir zeigte, wie kreativ man in der Gestaltung von Gartenwegen sein kann (er befestigte sie mit unaufgefordert zugeschickten Rezensionsexemplaren), las ich mich ohne ahnen zu können, was mich künftig erwarteten sollte, durch meine MinaLima-Bilbiothek. Von „Peter Pan“ über „Die Schöne und das Biest“. Bis mitten hinein ins „Dschungelbuch“ und „Die kleine Meerjungfrau“ führte mich mein Lesen in die Fantasiewelt der großen klassischen Kinder- und Jugendbücher. Als ich dann die Fortsetzung dieser magischen Buchreihe entdeckte, war es um mich geschehen. The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett erblickte in London das Licht der Welt und schon auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich einen ersten Blick auf das deutsche Cover werfen.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Der geheime Garten wird als Buchkunstwerk aus dem Hause Coppenrath Verlag diese MinaLima-Reihe auch bei uns fortsetzen. Grüner Daumen hin oder her. Es ist unausweichlich, mich in diesen Garten zu begeben. Zuerst erreichte mich ein geheimes Buchpaket aus London, um meine Neugier im Zaum zu halten. Dann erfuhr ich, was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Und jetzt sitze ich wie angepflanzt in einer Oase der Literatur und entwickle mich zum Gärtner meines grünen Lesens. Schon 2019 wird nun die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers mit Colin Firth in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat Der Audio Verlag ein atmosphärisches Hörspiel im Programm, das dieses Abenteuer brillant in Szene setzt. Ich hatte keine Chance. Nach meinem Ausflug in die wundervolle Hörspielwelt von „Peter Pan“ wollte ich mich gerne hörend in den Garten begeben.

Hier bin ich nun. Das Original von MinaLima in Händen, auf die Verfilmung und die Übersetzung des Buches wartend und bereits am Ende des Hörens eines Hörspiels. Ja. Ich konnte nicht warten. Ich zog mich für eine gute Stunde zurück und hörte mich in die Welt der 10jährigen Mary Lennox hinein. Mehr als hundert Jahre alt ist die Geschichte und eigentlich könnte man annehmen, sie sei in die Jahre gekommen. Angestaubt oder zumindest leicht antiquiert. Mit unseren Heutigen schwer in Einklang zu bringen und für Kinder des 21. Jahrhunderts vielleicht wenig zeitgemäß. Weit gefehlt. Sehr weit. Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass ich die Lese- und Hörzeit in diesem geheimen Garten genau richtig investiert habe und noch investieren werde.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Heute lege ich mein Ohrenmerk auf die 2018 bei Der Audio Verlag veröffentlichte SWR 2 – Produktion aus dem Jahr 1999. Hörspiele sind cineastische Inszenierungen fürs Ohr. Ein vollständiges Ensemble muss seine Zuhörer schon von Beginn an mit der klar erkennbaren Rollenverteilung überzeugen. Hier bleibt kein Raum für „Mary sagte“ oder ähnliche Zuordnungen und Hilfen. Hier muss man Mary und andere Protagonisten sofort heraushören, als unverkennbar für die Folgehandlung einstufen, in jedem Aufzug der Handlung wiedererkennen und sogar aus dem Chor verschiedener und sich häufig überlagernder Stimmen klar identifizieren können. Gelingt dieser Spagat aus Hören und Inszenierung nicht, sorgt dies gerade bei jungen Zuhörern nur für Verwirrung. Es ist als würde man einen Film mit geschlossenen Augen verfolgen. Einzig ein Erzähler wird als Bindeglied zwischen Handlung und Schauspiel fürs Ohr eingeflochten. Ihm kommt hier eine große Verantwortung zu. Lenken, leiten, erklären, erläutern und überleiten. Regie und Inszenierung vermögen hier einen Kosmos zu gestalten, dem man folgen kann. In einigen Fällen jedoch gelingt diese Gratwanderung nur bedingt. Hier schon!

In „Der geheime Garten“ unter der Regie von Götz Fritsch haben wir es immerhin mit elf Charakteren zu tun, die für die Handlung von großer Bedeutung sind. Hier ist die Erzählerin Doris Schade unsere Vermittlerin zwischen Ohr und Roman. Dieses Hörspiel bringt uns junge Stimmen näher, die wir den heute erwachsenen Sprechern im ersten Moment des Hörens nicht zuordnen würden. Was schon vor fast zwanzig Jahren aufgenommen wurde, entwickelt allein schon hier einen frischen und zeitlosen Charme. Das Ensemble des Hörspiels besteht aus:

Doris Schade (Erzählerin)
Solvej Krause (Mary)
Samuel Teixeira (Colin)
Tobias Schmidt (Dickon)
Jaschka Lämmert (Martha)
Helga Grimme (Mrs. Medlock)
Peter Fricke (Sir Archibald Craven)
Fritz Lichtenhahn (Ben Weatherstaff)
Christine Davis (Mrs. Crawford)
Hans Treichler (Mr. Pitcher)
Klaus Hemmerle (Dr. Craven)
Joachim Hall (Roach)

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Die Handlung des Romans wurde im Hörspiel natürlich verknappt und auf seinen wesentlichen inhaltlichen Kern reduziert. Und doch gelingt es, dieses komplexe und tief angelegte Jugendbuch authentisch zu erzählen. Die junge Mary, die verwaist in die englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verwitweten und verbitterten Onkel Archibald Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, erweicht das Hörerherz. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. Der geheime Garten wird für beide zu einem wichtigen Zufluchtsort und zum Sanatorium für die Seele. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken..

Solvej Krause und Samuel Teixeira verleihen ihren Figuren so viele Facetten, die diese Verletzungen verdeutlichen, dass man schon ab einem Alter von acht Jahren gut nachvollziehen kann, was in ihren Herzen vor sich geht. Trauer und Angst sind die Bestimmungsgrößen ihres Alltags. Eine eingebildete und verwöhnte Zicke trifft auf den eingebildeten kranken Jungen. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. Freunde müssen erst zu Freunden werden, um helfen zu können. Das Wunder wartet am Ende des Gartens. Es ist die alte Botschaft von Frances Hodgson Burnett, die auch nach mehr als hundert Jahren noch zu uns durchdringt. Alleine schafft man es nicht aus Krisen zu entkommen und erst, wenn man sich anderen anvertraut, sich öffnet und zuhört, gelingt ein Wunder.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – Ab März beim Coppenrath Verlag

Gemeinsames Hören, vielleicht sogar im Garten, wird hier zum Erlebnis. Ich mag auf diesem Hörspiel aufbauend in das Buch mit dem Originaltext eintauchen. Ich werde mir die Literaturverfilmung anschauen und erlaube mir, Euch einfach mitzunehmen. Ein Jahr voller Gartenlesetage wartet auf uns und so wie ich mich kenne, wird sich noch so manche andere Geschichte diesem Weg anschließen. Es grünt so grün, wie unsere Bücher blühen… Ich glaub` jetzt hab` ich`s… Bis bald. Im Garten.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - 2019 als Film mit Colin Firth

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – 2019 als Film mit Colin Firth – AstroLibrium

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„Maria Stuart – Königin von Schottland“ in Buch und Film

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Saoirse Ronan. Mehr muss ich kaum sagen. Ihr Name rüttelte mich auf, als ich ihn auf der Besetzungsliste des Films „Maria Stuart. Königin von Schottland“ entdeckte, der in diesen Tagen leinwandfüllend unsere Kinos erobert. Die Schauspielerin, die mich mit ihrer Darstellung in der Literaturverfilmung „Brooklyn“ fast umgehauen hat, und die mit ihrem Können (Abbitte, Lady Bird) für Aufsehen und drei Oscarnominierungen sorgte, spielte sich mit ihrer scheinbaren jugendlichen Unbekümmertheit in mein Herz. Sie jetzt als „Maria Stuart“ im Kino zu sehen, machte mich nachdenklich. Vielleicht ist sie perfekt geeignet für diese Rolle, weil sie ebenso alt ist, wie das historische Vorbild. Im Alter von 25 Jahren entschied sich auch das Schicksal von Maria Stuart. Zumindest wurden erste unumkehrbare Entwicklungen eingeleitet, die zwangsläufig auf dem Schafott endeten.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland mit Saoirse Ronan

Saoirse Ronan folgt nun auf der Leinwand vielen Schauspielerinnen, die in dieser Rolle ihren Kopf verloren haben. Vanessa Redgrave und Camille Rutherford seien hier nur beispielhaft für jene Vertreterinnen ihrer Zunft genannt, die Maria verkörperten. Im weiten Feld der Literatur hat die schottische Königin ebenso viele Spuren hinterlassen. Friedrich Schiller widmete ihr eines seiner bedeutendsten Dramen und lieferte damit die Steilvorlage für die spätere Auseinandersetzung mit dem historischen Stoff. Ich bin Maria Stuart in vielen historischen Romanen begegnet, habe einige Male mit ihr Intrige um Intrige überstanden und sah sie dann doch am Ende ihres Weges kopflos scheitern. Margaret George hat sowohl dem Verursacher des gesamten Dramas „Heinrich VIII“, als auch „Maria Stuart“ selbst epische biografische Romane gewidmet. Brillant erzählt, fundiert recherchiert und als Standardwerke meiner historisch geprägten Bibliothek fast unverzichtbar…

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

So ist man historisch bestens gerüstet, wenn einem die rothaarige Schönheit im späteren Lesen über den Weg läuft. Hier jedoch oftmals in Nebenrollen, da allein die Erwähnung ihres Namens sinnbildlich für einen Thronfolgestreit und Religionskriege im England des 16. Jahrhunderts steht. Hier konnte man wunderbare Intrigen spinnen, ein paar gewiefte Spione erfinden und Protagonisten einflechten ohne weit auszuholen, da ihr Schicksal als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Maria Stuart ist die Titanic des Elisabethanischen Zeitalters. So erahnen wir sie ganz am Rand der Handlung von Mac P. Lornes Der Pirat über Sir Frances Drake und erleben sie ausgiebig in Ken FollettsDas Fundament der Ewigkeit“. Nun lebt Maria Stuart wieder auf und drängt aus ihrer Rolle der literarischen Statistin wieder in den Vordergrund. Und das in einem opulenten Historienspektakel in Starbesetzung. Und das heute. In einer Zeit, in der die historische Genauigkeit immer mehr verlorengeht und komplexe Zusammenhänge eine dramatisch zunehmende Simplifizierung erfahren.

Nicht mit mir. Also, das habe ich mir zumindest vorgenommen. Ich mag mich nicht von Stars und Sternchen ablenken lassen. Mir reichen keine epischen Schlachtenbilder oder perfekt ausgestattete Settings. Ich will historisch verbriefte Spuren erkennen, in authentischen Rahmenbedingungen Dramen erleben, die nicht dramaturgisch geschönt werden müssen, weil sie der eigentliche Urquell jeder Dramaturgie sind. Ich möchte im Film die Spurenelemente der Wahrheit finden, weil eine Adaption geschichtlicher Stoffe sehr schnell die historische Realität ablöst und zu Allgemeinbildung mutiert. Also Augen auf, wenn der Vorhang die Kinoleinwand freigibt und jedes Popcorn-Rascheln für einen kleinen Moment verstummt. Am Ende der Vorschauen und der Werbungen geht es nun um mehr. Um ein kleines Maß an Verantwortung der Geschichte gegenüber.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Was möchte ich im Film wiederfinden? Was kann der Film nicht leisten? Wo stößt er an seine Grenzen? Was ist unverzichtbar? Keine einfachen Fragen und sicher keine eindimensionalen Antworten. Ich erwarte keine genealogischen Abhandlungen über die Stammbäume des englischen Königshauses zur Tudor-Zeit. Das versteht man sowieso nur, wenn man einen Stammbaum vor sich liegen hat und hochkonzentriert Linien zieht. Nein. Das erwarte ich gar nicht. Maria Stuart und Elisabeth I. sind über verschlungene Wege miteinander verwandt. Maria Stuart ist die Tochter von Elisabeths Cousin. Sie als Schwestern oder Halbschwestern zu bezeichnen geschieht häufig, ist aber grundfalsch. Entfernt verwandt, aber blutsverwandt. Das muss reichen. 

Ich erwarte auch nicht, dass sämtliche Thronfolgefragen nach Heinrich VIII. lückenlos vermittelt werden. Auch das versteht man nur im Selbststudium. Ein König, der sich in schneller Serie seiner Ehefrauen entledigt, um endlich einen männlichen Stammhalter zeugen zu können, der die Religion seines Landes von der katholischen Kirche trennt, um dies zu legitimieren, verursacht Verwerfungen in der Thronfolge, die Generationen von Wissenschaftlern beschäftigten. Ich erwarte, dass man im Film erfährt, wie sehr an der Rechtmäßigkeit der Thronfolge durch Elisabeth I. gezweifelt werden durfte. Formal war alles in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass sie die Tochter von Anne Boleyn und Heinrich VIII. war. Der ließ sich von seiner Frau scheiden und sie gleich auch noch im Kerker schmachten und hinrichten. Tja. Und sie war eben seine zweite Frau. Damit war aus Sicht des Papstes die Tochter illegitim und durfte nicht Königin werden. Deshalb ja auch die Abspaltung von der katholischen Kirche und alles war gut… Thronfolge- und Religionsstreit gingen fortan Hand in Hand.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Verstanden? Nein? Nicht schlimm… Elisabeth I. war umstritten. Maria Stuart war nun zum gleichen Zeitpunkt völlig unbefleckt, was die Thronfolge anging. Katholisch in jeder Beziehung, von direkter Abstammung und als direkte Nachfahrin der Schwester von Heinrich VIII. über alle Zweifel erhaben. Und damit ein Dorn im Auge der lieblichen Elisabeth I. Konfliktpotenzial war also ausreichend vorhanden. Berater walteten ihres Amtes und Intrigen hatten den besten Nährboden. Maria Stuart sollte fortan Schottland gehören, Elisabeth England. Wäre zu einfach gewesen. Sie erkannten ihre Ansprüche nicht an und schon konnte der epischste Zickenkrieg beginnen, den der englische Adel jemals erlebt hat. Hier betreten wir die Bühnen der großen Theater und Kinos. Hier wird es spannend. Hier beherrschen zwei junge Frauen in besonderen Zeiten die Szenerie und lassen nichts aus, um die Konkurrentin direkt oder indirekt zu Fall zu bringen. Eine Spur dieser Realität möchte ich in den Romanen und Filmen wiederfinden. Man darf es vereinfachen. Keine Frage. Aber verfälschen sollte man es nicht, weil nur ein falscher Faden die gesamte komplexe Geschichte ins Wanken bringen würde. Nichts ist so gut, wie die wahre Geschichte. Und sie lässt trotzdem noch ausreichend Freiraum für reine Fiktion… Wohlan. Vorhang auf.

Der Kern muss schmelzen. Der Ur-Konflikt um die Macht muss spürbar sein und der unglaubliche Druck, der auf zwei jungen Frauen lastet, sollte das Schauspiel hier prägen. Hier können Charaktere geformt, Stempel aufgedrückt und Interpretationen für Furore sorgen. Hier beginnt, was William Shakespeare als das wahrlich große Theater betrachtete. Sind wir in der Situation angekommen, dann lassen wir uns aufsaugen und verzaubern. Hier, und erst hier beginnt der Wirkungsgrad einer Schauspielerin. Hier ist sie gefragt. Hier brilliert sie oder sie scheitert und man kauft ihr die Rolle nicht ab. Hier wird sie zu Maria Stuart und wie Esther Schweins mir mal in einem Interview über die wahre Qualität einer schauspielerischen Leistung offenbarte:

Ich versuche in dem was ich tue, den Rahmen nicht zu verlassen, sondern kann eine Emotion tragen lassen und weiß, dass ich nicht das „Gesetz breche“. Maria Stuart soll nicht auf der Bühne weinen. Das Publikum soll unten weinen!

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Scala – Kino & Lounge, Fürstenfeldbruck, ein trister Samstagabend in meinem edlen Hometown-Cinema, in dem ich seit Jahren alle Hochs und Tiefs meiner cineastischen Leidenschaft erleben durfte. Groß angekündigt. Kleiner Saal. Großes Publikum. Maria Stuart – Der Name zieht an. Ebenso, wie der Cast zu begeistern weiß. Saoirse Ronan, Margot Robbie und David Tennant. Klangvolle Namen für einen klangvollen Film, dem Max Richter (Hostiles, Werk ohne Autor, Taboo) die Filmmusik widmete. Großes Kino. Aber war es das wirklich? Zumindest hatten die Vorschauen ein sehr heterogenes und vielschichtiges Publikum angezogen. Schwer miteinander in Einklang zu bringen.

Die Filmrezension

Überraschend. So lautet das Fazit. Man spürt in jeder Filmszene, dass Josie Rourke eigentlich Theaterregisseurin ist. Dieser Film leistet sich historischen Hintergrund und politische Lehrstunde zugleich. Eine Geschichtsstunde, die sich am realen Geschehen orientiert und nicht mit platten Allgemeinplätzen daherkommt. Und dabei überzeugt der Film mit atemberaubenden Bildern, einer Farbkomposition, die den Schauspielerinnen einen unglaublichen Glanz verleiht und einer Filmmusik, die den historischen Charakter dieser Produktion hervorhebt. So entsteht ein visueller Erzählraum, den zwei mehr als brillante Hauptdarstellerinnen zu wahren Charakterstudien der realen Vorbilder nutzen. Saoirse Ronan wirkt zerbrechlich, erotisch, bestimmt und verzweifelt. Sie spielt um ihr Leben, wie Marie Stuart versuchte, ihre Macht auszudehnen.

Margot Robbie überzeugt durch den Mut zur Hässlichkeit, weil sie geschminkt bis zur Unkenntlichkeit der ungeschminkten Wahrheit der Erkrankung von Elisabeth tief ins Auge blickt. Ferngesteuert vom jeweiligen Hofstaat und als Frauen eigentlich nur als die Schachfiguren auf dem Spielfeld der Macht gesehen, brillieren beide Schauspielerinnen mit der Vehemenz, mit der sich beide gegen die männlichen Ratgeber durchsetzen und behaupten wollen. So schlägt ein Thema den Bogen ins Jetzt. Hier stehen keine naiven Quotenfrauen auf der Weltbühne. Was damals Diplomatie war, sind heute Fake-News. Lügengeflechte, Verleumdungen und Intrigen werden im Film so greifbar, als würde es sich um einen heutigen Fall von Königinnen-Mobbing handeln. Ein Kampf, der niemals zum gemeinsamen Kampf wurde.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Saoirse ronan - astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Brillante Schauspielerinnen, plausibles historisches Setting und die Atmosphäre des ganz großen Kinos machen diesen Film zum Erlebnis. Und nein, Maria Stuart hat auf der Bühne nicht geweint. Das überlässt Saoirse Ronan den Zuschauern, die ja schon vom ersten Moment an ahnen, wie der Film endet. Und doch gelingt es ihr, dem Ende ihren Stempel aufzudrücken. Episch, authentisch, fesselnd und perfekt. Das hatte ich nicht unbedingt so erwartet. Die finale Begegnung der Rivalinnen (auch wenn es nie bewiesen werden konnte, ob sie sich jemals begegneten) gehört zu den Highlights des Films, weil sie nur so stattgefunden haben kann. Ich kann nur empfehlen, sich auf eine historische Reise zu begeben, die man in dieser Art und Weise selten im Kino erlebt.

Ganz nebenbei und doch aufsehenerregend setzt der Film ein Zeichen! Wurden doch in einer Zeit, in der die „Whitewashing„-Diskussion Hollywood beherrscht, einige wichtige Rollen mit dunkelhäutigen und asiatischen Akteuren besetzt. In dieser Dichte fand man diese Exoten sicher nicht an den Königshöfen Schottlands und Englands vor. Die Branche zuckt zusammen, weil hier aufgezeigt wird, dass Hautfarbe und Herkunft selbst in einem historischen Filmspektakel nicht über der schauspielerischen Leistung stehen. Eine wichtige Botschaft, die mit filmischen Mitteln Gleichberechtigung fordert.

Auch, wenn sich die deutsche Film-Promotion wirklich Mühe gegeben hat, Fehler zu machen, sollte man sich vom wahren Wert des Films selbst überzeugen. Hier wurde in der Hochglanz-Broschüre davon berichtet, Schottland sei von Elisabeth regiert, was im Film gottlob und historisch richtig niemals so behauptet wurde. Allein dieser Satz ist allerdings geeignet, kritische Leser zu verprellen. Auch der deutsche Titel greift an der Absicht vorbei, Maria als die legendäre Figur eines Volkes zu beschreiben. „Queen of Scots“ meint nicht Königin von Schottland. Gemeint ist die ewige Königin des Herzens. Letztlich ist Filmwerbung wie ein schlechter Klappentext und der Titel nur Überschrift für einen komplexen Verkaufsprozess. Wir sollten da nicht den Kopf verlieren. Überlassen wir das doch lieber Maria Stuart. Sehenswert… 

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film –