„Maria Stuart – Königin von Schottland“ in Buch und Film

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Saoirse Ronan. Mehr muss ich kaum sagen. Ihr Name rüttelte mich auf, als ich ihn auf der Besetzungsliste des Films „Maria Stuart. Königin von Schottland“ entdeckte, der in diesen Tagen leinwandfüllend unsere Kinos erobert. Die Schauspielerin, die mich mit ihrer Darstellung in der Literaturverfilmung „Brooklyn“ fast umgehauen hat, und die mit ihrem Können (Abbitte, Lady Bird) für Aufsehen und drei Oscarnominierungen sorgte, spielte sich mit ihrer scheinbaren jugendlichen Unbekümmertheit in mein Herz. Sie jetzt als „Maria Stuart“ im Kino zu sehen, machte mich nachdenklich. Vielleicht ist sie perfekt geeignet für diese Rolle, weil sie ebenso alt ist, wie das historische Vorbild. Im Alter von 25 Jahren entschied sich auch das Schicksal von Maria Stuart. Zumindest wurden erste unumkehrbare Entwicklungen eingeleitet, die zwangsläufig auf dem Schafott endeten.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland mit Saoirse Ronan

Saoirse Ronan folgt nun auf der Leinwand vielen Schauspielerinnen, die in dieser Rolle ihren Kopf verloren haben. Vanessa Redgrave und Camille Rutherford seien hier nur beispielhaft für jene Vertreterinnen ihrer Zunft genannt, die Maria verkörperten. Im weiten Feld der Literatur hat die schottische Königin ebenso viele Spuren hinterlassen. Friedrich Schiller widmete ihr eines seiner bedeutendsten Dramen und lieferte damit die Steilvorlage für die spätere Auseinandersetzung mit dem historischen Stoff. Ich bin Maria Stuart in vielen historischen Romanen begegnet, habe einige Male mit ihr Intrige um Intrige überstanden und sah sie dann doch am Ende ihres Weges kopflos scheitern. Margaret George hat sowohl dem Verursacher des gesamten Dramas „Heinrich VIII“, als auch „Maria Stuart“ selbst epische biografische Romane gewidmet. Brillant erzählt, fundiert recherchiert und als Standardwerke meiner historisch geprägten Bibliothek fast unverzichtbar…

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Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

So ist man historisch bestens gerüstet, wenn einem die rothaarige Schönheit im späteren Lesen über den Weg läuft. Hier jedoch oftmals in Nebenrollen, da allein die Erwähnung ihres Namens sinnbildlich für einen Thronfolgestreit und Religionskriege im England des 16. Jahrhunderts steht. Hier konnte man wunderbare Intrigen spinnen, ein paar gewiefte Spione erfinden und Protagonisten einflechten ohne weit auszuholen, da ihr Schicksal als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Maria Stuart ist die Titanic des Elisabethanischen Zeitalters. So erahnen wir sie ganz am Rand der Handlung von Mac P. Lornes Der Pirat über Sir Frances Drake und erleben sie ausgiebig in Ken FollettsDas Fundament der Ewigkeit“. Nun lebt Maria Stuart wieder auf und drängt aus ihrer Rolle der literarischen Statistin wieder in den Vordergrund. Und das in einem opulenten Historienspektakel in Starbesetzung. Und das heute. In einer Zeit, in der die historische Genauigkeit immer mehr verlorengeht und komplexe Zusammenhänge eine dramatisch zunehmende Simplifizierung erfahren.

Nicht mit mir. Also, das habe ich mir zumindest vorgenommen. Ich mag mich nicht von Stars und Sternchen ablenken lassen. Mir reichen keine epischen Schlachtenbilder oder perfekt ausgestattete Settings. Ich will historisch verbriefte Spuren erkennen, in authentischen Rahmenbedingungen Dramen erleben, die nicht dramaturgisch geschönt werden müssen, weil sie der eigentliche Urquell jeder Dramaturgie sind. Ich möchte im Film die Spurenelemente der Wahrheit finden, weil eine Adaption geschichtlicher Stoffe sehr schnell die historische Realität ablöst und zu Allgemeinbildung mutiert. Also Augen auf, wenn der Vorhang die Kinoleinwand freigibt und jedes Popcorn-Rascheln für einen kleinen Moment verstummt. Am Ende der Vorschauen und der Werbungen geht es nun um mehr. Um ein kleines Maß an Verantwortung der Geschichte gegenüber.

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Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Was möchte ich im Film wiederfinden? Was kann der Film nicht leisten? Wo stößt er an seine Grenzen? Was ist unverzichtbar? Keine einfachen Fragen und sicher keine eindimensionalen Antworten. Ich erwarte keine genealogischen Abhandlungen über die Stammbäume des englischen Königshauses zur Tudor-Zeit. Das versteht man sowieso nur, wenn man einen Stammbaum vor sich liegen hat und hochkonzentriert Linien zieht. Nein. Das erwarte ich gar nicht. Maria Stuart und Elisabeth I. sind über verschlungene Wege miteinander verwandt. Maria Stuart ist die Tochter von Elisabeths Cousin. Sie als Schwestern oder Halbschwestern zu bezeichnen geschieht häufig, ist aber grundfalsch. Entfernt verwandt, aber blutsverwandt. Das muss reichen. 

Ich erwarte auch nicht, dass sämtliche Thronfolgefragen nach Heinrich VIII. lückenlos vermittelt werden. Auch das versteht man nur im Selbststudium. Ein König, der sich in schneller Serie seiner Ehefrauen entledigt, um endlich einen männlichen Stammhalter zeugen zu können, der die Religion seines Landes von der katholischen Kirche trennt, um dies zu legitimieren, verursacht Verwerfungen in der Thronfolge, die Generationen von Wissenschaftlern beschäftigten. Ich erwarte, dass man im Film erfährt, wie sehr an der Rechtmäßigkeit der Thronfolge durch Elisabeth I. gezweifelt werden durfte. Formal war alles in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass sie die Tochter von Anne Boleyn und Heinrich VIII. war. Der ließ sich von seiner Frau scheiden und sie gleich auch noch im Kerker schmachten und hinrichten. Tja. Und sie war eben seine zweite Frau. Damit war aus Sicht des Papstes die Tochter illegitim und durfte nicht Königin werden. Deshalb ja auch die Abspaltung von der katholischen Kirche und alles war gut… Thronfolge- und Religionsstreit gingen fortan Hand in Hand.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Verstanden? Nein? Nicht schlimm… Elisabeth I. war umstritten. Maria Stuart war nun zum gleichen Zeitpunkt völlig unbefleckt, was die Thronfolge anging. Katholisch in jeder Beziehung, von direkter Abstammung und als direkte Nachfahrin der Schwester von Heinrich VIII. über alle Zweifel erhaben. Und damit ein Dorn im Auge der lieblichen Elisabeth I. Konfliktpotenzial war also ausreichend vorhanden. Berater walteten ihres Amtes und Intrigen hatten den besten Nährboden. Maria Stuart sollte fortan Schottland gehören, Elisabeth England. Wäre zu einfach gewesen. Sie erkannten ihre Ansprüche nicht an und schon konnte der epischste Zickenkrieg beginnen, den der englische Adel jemals erlebt hat. Hier betreten wir die Bühnen der großen Theater und Kinos. Hier wird es spannend. Hier beherrschen zwei junge Frauen in besonderen Zeiten die Szenerie und lassen nichts aus, um die Konkurrentin direkt oder indirekt zu Fall zu bringen. Eine Spur dieser Realität möchte ich in den Romanen und Filmen wiederfinden. Man darf es vereinfachen. Keine Frage. Aber verfälschen sollte man es nicht, weil nur ein falscher Faden die gesamte komplexe Geschichte ins Wanken bringen würde. Nichts ist so gut, wie die wahre Geschichte. Und sie lässt trotzdem noch ausreichend Freiraum für reine Fiktion… Wohlan. Vorhang auf.

Der Kern muss schmelzen. Der Ur-Konflikt um die Macht muss spürbar sein und der unglaubliche Druck, der auf zwei jungen Frauen lastet, sollte das Schauspiel hier prägen. Hier können Charaktere geformt, Stempel aufgedrückt und Interpretationen für Furore sorgen. Hier beginnt, was William Shakespeare als das wahrlich große Theater betrachtete. Sind wir in der Situation angekommen, dann lassen wir uns aufsaugen und verzaubern. Hier, und erst hier beginnt der Wirkungsgrad einer Schauspielerin. Hier ist sie gefragt. Hier brilliert sie oder sie scheitert und man kauft ihr die Rolle nicht ab. Hier wird sie zu Maria Stuart und wie Esther Schweins mir mal in einem Interview über die wahre Qualität einer schauspielerischen Leistung offenbarte:

Ich versuche in dem was ich tue, den Rahmen nicht zu verlassen, sondern kann eine Emotion tragen lassen und weiß, dass ich nicht das „Gesetz breche“. Maria Stuart soll nicht auf der Bühne weinen. Das Publikum soll unten weinen!

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Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Scala – Kino & Lounge, Fürstenfeldbruck, ein trister Samstagabend in meinem edlen Hometown-Cinema, in dem ich seit Jahren alle Hochs und Tiefs meiner cineastischen Leidenschaft erleben durfte. Groß angekündigt. Kleiner Saal. Großes Publikum. Maria Stuart – Der Name zieht an. Ebenso, wie der Cast zu begeistern weiß. Saoirse Ronan, Margot Robbie und David Tennant. Klangvolle Namen für einen klangvollen Film, dem Max Richter (Hostiles, Werk ohne Autor, Taboo) die Filmmusik widmete. Großes Kino. Aber war es das wirklich? Zumindest hatten die Vorschauen ein sehr heterogenes und vielschichtiges Publikum angezogen. Schwer miteinander in Einklang zu bringen.

Die Filmrezension

Überraschend. So lautet das Fazit. Man spürt in jeder Filmszene, dass Josie Rourke eigentlich Theaterregisseurin ist. Dieser Film leistet sich historischen Hintergrund und politische Lehrstunde zugleich. Eine Geschichtsstunde, die sich am realen Geschehen orientiert und nicht mit platten Allgemeinplätzen daherkommt. Und dabei überzeugt der Film mit atemberaubenden Bildern, einer Farbkomposition, die den Schauspielerinnen einen unglaublichen Glanz verleiht und einer Filmmusik, die den historischen Charakter dieser Produktion hervorhebt. So entsteht ein visueller Erzählraum, den zwei mehr als brillante Hauptdarstellerinnen zu wahren Charakterstudien der realen Vorbilder nutzen. Saoirse Ronan wirkt zerbrechlich, erotisch, bestimmt und verzweifelt. Sie spielt um ihr Leben, wie Marie Stuart versuchte, ihre Macht auszudehnen.

Margot Robbie überzeugt durch den Mut zur Hässlichkeit, weil sie geschminkt bis zur Unkenntlichkeit der ungeschminkten Wahrheit der Erkrankung von Elisabeth tief ins Auge blickt. Ferngesteuert vom jeweiligen Hofstaat und als Frauen eigentlich nur als die Schachfiguren auf dem Spielfeld der Macht gesehen, brillieren beide Schauspielerinnen mit der Vehemenz, mit der sich beide gegen die männlichen Ratgeber durchsetzen und behaupten wollen. So schlägt ein Thema den Bogen ins Jetzt. Hier stehen keine naiven Quotenfrauen auf der Weltbühne. Was damals Diplomatie war, sind heute Fake-News. Lügengeflechte, Verleumdungen und Intrigen werden im Film so greifbar, als würde es sich um einen heutigen Fall von Königinnen-Mobbing handeln. Ein Kampf, der niemals zum gemeinsamen Kampf wurde.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Saoirse ronan - astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Brillante Schauspielerinnen, plausibles historisches Setting und die Atmosphäre des ganz großen Kinos machen diesen Film zum Erlebnis. Und nein, Maria Stuart hat auf der Bühne nicht geweint. Das überlässt Saoirse Ronan den Zuschauern, die ja schon vom ersten Moment an ahnen, wie der Film endet. Und doch gelingt es ihr, dem Ende ihren Stempel aufzudrücken. Episch, authentisch, fesselnd und perfekt. Das hatte ich nicht unbedingt so erwartet. Die finale Begegnung der Rivalinnen (auch wenn es nie bewiesen werden konnte, ob sie sich jemals begegneten) gehört zu den Highlights des Films, weil sie nur so stattgefunden haben kann. Ich kann nur empfehlen, sich auf eine historische Reise zu begeben, die man in dieser Art und Weise selten im Kino erlebt.

Ganz nebenbei und doch aufsehenerregend setzt der Film ein Zeichen! Wurden doch in einer Zeit, in der die „Whitewashing„-Diskussion Hollywood beherrscht, einige wichtige Rollen mit dunkelhäutigen und asiatischen Akteuren besetzt. In dieser Dichte fand man diese Exoten sicher nicht an den Königshöfen Schottlands und Englands vor. Die Branche zuckt zusammen, weil hier aufgezeigt wird, dass Hautfarbe und Herkunft selbst in einem historischen Filmspektakel nicht über der schauspielerischen Leistung stehen. Eine wichtige Botschaft, die mit filmischen Mitteln Gleichberechtigung fordert.

Auch, wenn sich die deutsche Film-Promotion wirklich Mühe gegeben hat, Fehler zu machen, sollte man sich vom wahren Wert des Films selbst überzeugen. Hier wurde in der Hochglanz-Broschüre davon berichtet, Schottland sei von Elisabeth regiert, was im Film gottlob und historisch richtig niemals so behauptet wurde. Allein dieser Satz ist allerdings geeignet, kritische Leser zu verprellen. Auch der deutsche Titel greift an der Absicht vorbei, Maria als die legendäre Figur eines Volkes zu beschreiben. „Queen of Scots“ meint nicht Königin von Schottland. Gemeint ist die ewige Königin des Herzens. Letztlich ist Filmwerbung wie ein schlechter Klappentext und der Titel nur Überschrift für einen komplexen Verkaufsprozess. Wir sollten da nicht den Kopf verlieren. Überlassen wir das doch lieber Maria Stuart. Sehenswert… 

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film –

2019 – Ins neue Jahr mit der kleinen literarischen Sternwarte

AstroLibrium – Ein neues Jahr bricht an

Nun hat es doch noch gewaltig gekracht in der vergangenen Nacht. Das feuerlose zamonische Feuerwerk, wie es Walter Moers noch vor den Feiertagen empfohlen hatte, blieb ein Wunsch, der zum Rohrkrepierer wurde. Nun gut. Das hätten wir hinter uns und nun wird alles anders. Echt jetzt? Besser, bunter, toller? Ich möchte es mal hoffen. Nur hier in der kleinen literarischen Sternwarte wird sich nicht viel ändern. Ich halte auch im sechsten Jahr des Bloggens an Bewährtem fest. Ich freue mich auf ein tolles erlesenes Jahr voller literarischer Highlights, auf zwei große Buchmessen und eine Menge kleiner und großer Überraschungen.

Das vergangene Jahr war gekennzeichnet von rechtlichen Anpassungen unserer Bloggosphäre. Wer hat nicht sein ganz eigenes Lied von der Umsetzung der DSGVO gesungen, wer hat nicht Datenschutzerklärungen verfasst und lebte nicht seit Mai in der ständigen Angst vor willkürlichen Abmahnungen? Was folgte waren Unkenrufe über ein Ende des Bloggens. Die Hohezeit der Internet-Rezensenten sei vorüber und es gelte in der Zukunft neue Wege zu finden. Blogs verschwanden aus dem Netz, tauchten ab um in der Folge nur zaghaft wieder Flagge zu zeigen. Ich habe auch angepasst, formuliert und rechtskonform gedacht. Nur eines habe ich nicht getan: die Philosophie geändert. 

Buchhandlung Calliebe und AstroLibrium

Buchhandlung Calliebe und AstroLibrium

AstroLibrium bleibt AstroLibrium. Auch im neuen Jahr. Gerade im neuen Jahr. Treu möchte ich mir und den Büchern und Hörbüchern bleiben, die mir auf meinem Leseweg begegnen. Treu möchte ich meinen ideellen Partnern aus der realen Welt bleiben. Eine grandiose Buchhandlung in Groß-Gerau wird mit ihrem Inhaber Thomas Calliebe ganz eng mit meinem Lesen verbunden sein. Unsere Initiative Blogger und Buchhandel hat einen Impuls gesetzt, den wir in vielen kleinen und großen Kooperationen wiederfinden. Wir machen weiter, wie wir begonnen haben. Freundschaftlich verbunden auf dem Weg durch ein fantastisches Jahr. Am Ende all meiner Artikel werdet ihr die Buchhandlung Calliebe finden. Ich bin stolz darauf, Teil der (er)Lesen-Welt von Thomas zu sein und quartalsweise im Online- und Print-Kundenmagazin vertreten zu sein. Weiter so. Immer weiter.

Und glaubt mir, es gibt unglaublich viel zu entdecken in diesem Jahr. Bis zum Juni reichen die Vorabexemplare, die sich inzwischen bei mir eingefunden haben. Sie haben viel zu bieten. Große Themen, spannende Zusammenhänge und Schwerpunkte, auf die ich mich ganz besonders freue. Fragen denen ich gerne literarisch auf den Grund gehe und lose Fäden meines vergangenen Lesens, die wieder aufgenommen werden. Meine großen Herzensschwerpunkte „Gegen das Vergessen“ und „Gegen Rassismus und jede Form von Ausgrenzung“ finden sich in vielen Büchern wieder, die 2019 auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen versuchen. Ich mag ihnen dabei behilflich sein. Und nicht nur das.

Die kleine literarische Sternwarte AstroLibrium

Die kleine literarische Sternwarte AstroLibrium

Schon auf der Frankfurter Buchmesse habe ich neue Themen entdeckt, denen ich mich im neuen Jahr widmen möchte. Wie funktioniert Trauer in Patchworkfamilien? Wie wird man dem Anspruch getrenntlebender ehemaliger Partner gerecht, wenn das Kind stirbt, das aus dieser längst vergangenen Beziehung stammt? Und welche Rolle dürfen die jeweils neuen Lebensgefährten einnehmen? Eine hochspannende Thematik, die ich schon in „Des Lebens fünfter Akt“ erstmals für mich entdeckt habe. Familien und ihre großen und kleinen Geschichten werden mich fesseln. Vom „Gezeitenwechsel“ bis zu „Was mein Vater mir nicht erzählte“ folge ich generationsübergreifenden Erzählungen und Handlungssträngen. Perspektivwechsel wecken meine Neugier. Der Roman „Alles still auf einmal“ nähert sich einem Amoklauf aus der Sicht eines Jungen, der überlebt. Ganz im Gegensatz zu seinem älteren Bruder. Ich bin gespannt. 

Ansonsten warten Jahrestage und Jubiläen auf uns. Herman Melville zum Beispiel würde seinen 200. Geburtstag feiern. „Die Reise nach Mardi“ wird im neuen Jahr sein Geschenk an diejenigen sein, die auf ihn anstoßen. Die James-Baldwin-Reihe geht in die nächste Runde. „Nach der Flut das Feuer“ wird dann schon der dritte Roman aus der Feder des großen afroamerikanischen Schriftstellers. Annie Ernaux wird nach den „Erinnerungen eines Mädchens“ in „Die Jahre“ kommen und mich weiter in ihr Leben entführen. Eine Autorin, die ich gerade für mich zu entdecken beginne. Ich werde mehr Reisen nach Sankt Petersburg unternehmen, als je zuvor. Ich kenne diese Stadt nur als Leningrad und möchte den zaristischen Glanz zur Jahrhundertwende erstmals erlesen. „Lubotschka“ und „Der Trompeter von Sankt Petersburg“ stehen ganz oben auf der Liste dieser Städtereise in die Vergangenheit.

AstroLibrium und Literatur Radio Hörbahn

AstroLibrium und Literatur Radio Hörbahn

Und das sind nur ein paar Beispiele für die Bücher und Hörbücher, die im Frühjahr auf mich und meine kleine literarische Sternwarte zurasen. Ich hoffe sehr, ein paar hell leuchtende literarische Fixsterne zu entdecken, mit denen das Lesen ein Fest wird. Die nachhaltige Unterstützung „meiner Verlage“ lässt mich freudig in die Zukunft schauen. Die unglaubliche Entwicklung meiner Leserzahlen im vergangenen Jahr stärkt mir den Rücken für künftige Projekte. Ich hätte nie gedacht, in diese Bereiche vorzustoßen und alle Rekorde der vergangenen Jahre um ein Drittel übertreffen zu können. Dieser Dank gilt ganz alleine Euch. Ohne Resonanz, ohne Leser und ohne das Gefühl, da draußen gelesen zu werden, wäre das Bloggen eine recht autistische Leidenschaft. Ich bin stolz, im Gefühl schreiben zu dürfen, dass ich im Jahresdurchschnitt einige Fußballstadien zu füllen vermag. Ausverkaufte Sternwarte. Das macht Spaß.

Und was mit Literatur Radio Hörbahn im neuen Jahr auf Euch zukommt, habe ich auf einer neuen Seite von AstroLibrium ausführlich beschrieben. Das Hören wird rund.

Last but not least erlaube ich mir auch 2019, meine kleine TextManufaktur weiter mit Leben zu füllen. Die eigenen Texte und Fingerübungen machen Spaß und ich bin fest davon überzeugt, dass ich hier Gedanken festhalten kann, die sich ansonsten nur allzu schnell verflüchtigen würden. Und wenn ich nicht schreibe? Wenn ich nicht lese? Na dann bleibt mir ja im Jahr 2019 noch das Kino, denn hier kommt eine ganze Menge auf uns zu. Literaturverfilmungen pflastern meinen Weg im nächsten Jahr und ich habe schon jetzt unglaublich viel Lust darauf, die Filme mit den gelesenen und rezensierten Büchern zu vergleichen.

Das Kinojahr 2019 mit AstroLibrium

Das Kinojahr 2019 mit AstroLibrium

Ein kleiner Vorgeschmack:

Maria Stuart – Königin von Schottland“ mit Saoirse Ronan
„Die Ehefrau des Nobelpreisträgers“ nach „Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer
„Der geheime Garten“ nach dem Buch von Frances Hodgson Burnett
Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ nach dem Roman von John Green
Auerhaus“ nach dem Bestseller von Bov Bjerg
Stoner“ nach dem Meisterwerk von John Williams
„Across the River into the Trees“ nach Hemigways letztem Roman
Beale Street Blues“ nach dem Roman von James Baldwin
„Der Diestelfink“ nach dem Buch von Donna Tartt
Der Club der roten Bänder“ – Das Prequel zur Erfolgsserie

Und dann noch völlig losgelöst von der literarischen Vorlage freue ich mich auf:

„Everest“ – Zum Jubiläum der Erstbesteigung (Dazu auch ein Bilderbuch bei mir)
„Mary Poppins kehrt zurück“ und „Peter Pan“. Ein Highlight jagt das nächste.

Mein Kinojahr 2019 wird ein Blog-Schwerpunkt des neuen Jahres. Nicht nur weil so viele Literaturverfilmungen das Licht der Leinwand erblicken, sondern gerade auch, weil sich mein Hometown-Cinema SCALA Kino & Lounge FFB als Partner an meine Seite gestellt hat, um den Schulterschluss zwischen Buch und Film gemeinsam zu wagen. Ihr werdet viel von uns lesen, sehen und hören. Macht es Euch bequem.

AstroLibrium 2019

AstroLibrium 2019

Ich freue mich auf Euch. Ich freue mich darauf, Euch hier zu begegnen, Euch auf den sozialen Plattformen zu treffen und Euch im echten Leben in Leipzig, Frankfurt oder bei mir in Bayern über den Weg zu laufen. Lasst uns das Jahr 2019 feiern als gäbe es bald kein Lesen mehr. Lasst uns neue Kapitel miteinander schreiben und das Buch unseres Lesens um viele wichtige Seiten erweitern. Lasst uns auf uns achten. Gemeinsam auf uns aufpassen, uns im Auge behalten. Die Literatur ist unser Leben, aber ohne unser Leben ist die Literatur eine Nachricht, die keinen Empfänger findet. Leben wir… !!!!

Astrolibrium 2019

Bleibt anhänglich…

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ (Buch und Film)

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Geht es euch auch manchmal so, dass ihr von Büchern heimgesucht werdet, die ihr vor langer Zeit gelesen habt? Manchmal sind es andere Bücher, manchmal auch nur Gedanken und Ideen die uns mit einem Werk in Verbindung bringen, das eigentlich ganz ruhig im Bücherregal des Lebens zu schlummern scheint. Aber glaubt mir. Bücher sind wie wilde Bestien. Sie warten auf den richtigen Moment im Leben und fallen dann erneut über ihr damaliges Opfer her und verzehren es mit Haut und Haaren. Besonders häufig ist dies bei Literaturverfilmungen der Fall. Im Schnitt liegen heutzutage zwischen der Veröffentlichung eines Romans und seiner filmischen Adaption ungefähr vier Jahre. Filmrechte gehen über den Tisch, Ein Drehbuch wird geschrieben, Schauspieler treffen sich zum Casting mit Produktionsgesellschaften und irgendwann geht es dann los.

Zuletzt war ich begeistert von Filmen wie „Wunder“ und „Raum“, weil sie einfach den Geist der Romanvorlagen in herausragender Art und Weise auf die Leinwände der Welt gezaubert haben. Wie gut solche Verfilmungen sein können, sieht man jährlich in Los Angeles, wenn es heißt And the Oscar goes to.“ Auch in diesem Jahr stehen die Verfilmungen von Bestsellern hoch im Kurs. Man erhofft sich dabei wohl, der Erfolg an den Kassen der Buchhandlungen möge sich im Kinosaal niederschlagen und im besten Fall sogar wiederholen. Ehrgeizige Projekte sind dabei. Verfilmungen, die ich nach dem Lesen eines Buches für nicht möglich gehalten hätte. Zu komplex, zu kompliziert und in vielerlei Hinsicht zu anspruchsvoll für das action-orientierte Kinopublikum sind Romane, die als Buch noch herausragend funktionieren. Eine Wirkung, die sie dann im Kino sehr oft einbüßen. Ihr kennt das sicher. Literaturverfilmungen und Romanvorlagen. Ein sehr heikles Thema.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Heikel mutet auch das folgende Filmprojekt an. Kann man einen Film auf den Markt bringen, in dem die Hauptrolle von mehr als zwanzig Darstellern verkörpert wird? Ist es dem Publikum auch visuell zu vermitteln, was einer Romanvorlage so exzellent gelang? Gelingt es im Kino, den Blick von den reinen Äußerlichkeiten auf das Innenleben eines Menschen zu lenken? Ist der Zuschauer in der Lage einem derart komplexen situativen Rahmen zu folgen? Ich hatte so meine Zweifel. Buch bleibt eben Buch und Vorstellung ist sicher nicht kompatibel zu den Bildern, die Regisseure und Produzenten vor Augen haben, wenn sie an einen Kassenerfolg denken. Doch worum geht es eigentlich?

Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan ging literarisch im Jahr 2014 durch die Decke. Ein Jugendbuch, wie ich es bis dahin nicht gelesen hatte. Eine Story mit einer tief angelegten Botschaft, die nicht nur junge Leser bewegte. Eine Story, die so einzigartig war, dass sie vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Buch, das sich so erfrischend vom Mainstream abhob, dass man sich zwischen seinen Seiten nur wohl fühlen konnte. Und nicht zuletzt ein Roman, dem ich eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban widmete. Jetzt holt mich das Universum im Kino wieder ein und glaubt mir, es ist mir gar nicht egal. Ich platze vor Neugier, wie man diese Geschichte verfilmen konnte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Es geht um A. Er ist kein normaler Jugendlicher, nicht mal ein normaler Mensch. A. ist eine Seele, die sich täglich eine neue Heimat suchen muss. Hier ist Seelenwanderung mit einer Odyssee vergleichbar, denn A. hat keinen Einfluss darauf, in welchem Körper er am nächsten Tag erwacht und mit / in wem er diesen einen Tag verbringen muss. Er hat sich an dieses Leben gewöhnt, weil er es nicht anders kennt. Nichts ist konstant. A. wandert nur jeweils in Körper, die seinem Alter entsprechen und bleibt dabei fast immer in der gleichen regionalen Umgebung. Alles andere kann wechseln. Geschlecht, Größe und Gewicht, Hautfarbe und Charakter. A. ist die Eintagsfliege im Inneren seiner Wirte. Er fühlt sich in sie hinein, lebt mit ihnen und verlässt sie ohne Spuren zu hinterlassen.

A. hat dabei eines gelernt. Nicht festhalten, keine Bindung eingehen und nicht hoffen, an diesem einen Tag im Körper eines anderen Menschen die Welt zu verändern. Bis er sich im Körper von Justin wiederfindet und dessen Freundin Rhiannon begegnet. Da ist Ende mit Vernunft. Hier ist Schluss mit Disziplin. A. verändert den Tag, indem er Justin sympathisch macht. Er geht auf die Wünsche seiner Freundin ein, nimmt sie ernst und zeigt Gefühle. Völlig neu für Rhiannon. Schade nur, dass am nächsten Tag keine Spur mehr davon übriggeblieben ist. Hier nimmt die Story richtig Fahrt auf, denn aus der heil- und ziellosen Seelenwanderung wird jetzt eine Reise, die A. immer wieder zu Rhiannon führt. Er hat sich verliebt. Doch wie soll er dem jungen Mädchen zeigen, dass er es ist, der ihr da täglich im neuen äußeren Erscheinungsbild begegnet?

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wir Leser leiden mit und hoffen pausenlos, dass Rhiannon die Wahrheit erkennt. Was zugegeben nicht einfach ist, denn A. ist vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Er muss mit dem Körper leben, der ihn beherbergt und genau in den wichtigen Situationen passt der so gar nicht zu seinen Wünschen. Wie soll er Rhiannon von seiner Liebe und seiner Situation überzeugen, wenn er ihr mal als schüchterner Nerd, als dunkelhäutige Schönheit, als homosexueller Junge, der sich nicht mit Mädchen treffen will oder in der Haut eines 140 Kilogramm schweren Jungen gegenübersitzt? Schon kompliziert, oder? Besonders, wenn man verliebt ist und sich von seiner besten Seite zeigen will.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ sprengt die Grenzen des Denkbaren. Und gleichzeitig schießt dieser Roman seinen Leser in eine Gefühlswelt hinein, die ihm zu keinem Zeitpunkt fremd ist. Wie gerne würden wir nur nach unseren inneren Werten beurteilt werden? Wie gerne würden wir Äußerlichkeiten abstreifen und der Liebe eines Lebens so begegnen wie wir wirklich sind? Wie schön wäre es, wenn unser Gegenüber unsere Makel nicht sehen wollte, weil er sich in unser Wesen verliebt hat. Dieses Buch beschäftigt nachhaltig. Spätestens als Rhiannon beginnt, die A. zu glauben. Spätestens als sie in den Menschen ihres Umfeldes nach seinem liebenswerten Wesen zu suchen. Und allerspätestens als sie realisiert, was genau dieses Umfeld davon hält, dass dieses ach so brave Mädchen täglich mit anderen Typen abhängt.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

„Kann es sein, dass der A, in den ich mich verliebt habe, jeden Tag in einem anderen Körper lebt? Aber wenn Glück sich so gut anfühlt, ist es eigentlich egal, ob es tatsächlich echt ist oder nicht.“

David Levithan ließ uns nicht mit dieser Geschichte alleine. Letztendlich geht es nur um dich“ ist die langersehnte Fortsetzung, die jedoch nicht mehr aus der Sicht des Körperwanderers, sondern aus der Perspektive von Rhiannon erzählt wird. Wer auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff ist, sollte in diesen Büchern sein Glück und allerbeste Unterhaltung suchen. Ich garantiere, dass keine der aufgeworfenen Fragen spurlos an euch vorübergehen wird. Ob die Verfilmung dem Universum jedoch egal ist oder nicht, das habe ich herausgefunden. Ich hatte meine Vorstellung von der Welt, die A. täglich neu erlebt. Der Film katapultiert mich jedoch auf die andere Seite der Körper und lässt mich A. in allen unterschiedlichen Daseinsformen erleben. Funktioniert das?

Und wie das funktioniert hat. Wenn der Film zum Déjà-vu-Erlebnis wird, man sich im Bilde fühlt und ein Eingriff des Regisseurs in die Handlung das zuvor Erlesene nicht in den Hintergrund drängt, dann hat man es mit einer sehr guten Adaption zu tun. Gefühle und Empathie gehören zu den Stärken des Romans und genau hier holt der Film seine Vorlage ab und visualisiert, was wir uns selbst ausgemalt hatten. Mit filmischen Mitteln gelingt der Spagat zwischen Erzählen und Zeigen brillant. Allein schon Angourie Rice als Darstellerin von Rhiannon verdient sich Bestnoten. In ihrem Gesicht kann man alles ablesen, was wir im Buch Wort für Wort aufgesaugt haben. Jedem Gefühl verleiht diese junge Schauspielerin Leben. Zweifel, Hoffen, Lieben, Leiden, Fliegen. Wenn man ihr in die Augen schaut, muss man nichts mehr erzählen.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Die Höhepunkte des Romans werden zu den Höhepunkten des Films. Lachen und Weinen gehen Hand in Hand. Alle Emotionen werden leinwandfüllend hervorgerufen. In jeder Sequenz funktioniert dieser Film so, wie schon das Buch funktioniert hat. Er packt uns und lässt nicht mehr los. Dabei handelt es sich hier nicht um EINE Buchverfilmung. Allein schon der Beginn des Films erinnert zu 100 Prozent an den Einstieg in Levithans Fortsetzungsroman „Letztendlich geht es nur um dich“. Rhiannons Perspektive prägt den Film mehr als die Erlebnisse des „Eintagsmenschen“ in den jeweiligen Gastgebern. Hier geht es darum, wie sie sich täglich finden können, wie Zuneigung entsteht und wie das Umfeld auf diese ungewöhnlichen Beziehungen reagiert.

Wir Leser wissen immer mehr. Wir sind privilegiert, wenn wir diesen Film sehen. Uns reicht der Blindenstock am Bett von A. um zu erkennen, was an diesem Tag schiefgeht. Uns muss man nicht alles erzählen. Wir sind auf Augenhöhe. Nichtleser sehen das mit anderen Augen. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Das ist mein Buch, mein Film und meine Welt der Fantasie, in der ich in aller Tiefe eintauchen und mitfühlen darf. Und am Ende wurde ich auch nicht enttäuscht, weil man dem Ende in all seiner Melancholie und Gegenläufigkeit zur Vorstellung eines Happy-Ends das Ende gönnte, das mich im Buch schon so sehr beschäftigte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wenn vergossene Tränen im Kino der Maßstab für die Qualität eines Films sind, dann hat „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ fünf Tränen von möglichen fünf verdient. Davon zwei fürs Lachen und drei für Rührung und Gefühl. Was will ich mehr?

„Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Ich denke, das kennt jeder von uns, der sein Leben seit langen Jahren mit einem Partner zusammen verbringt. Man wird morgens wach, schaut im Bett auf die rechte Seite und fragt sich, wer der fremde Mensch ist, der neben uns liegt. Oder man fühlt in besonderen Situationen eine plötzliche Befremdnis aufkommen, wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man es von ihm erwartet. Man fragt sich dann, ob es sich bei dem Menschen, den man ganz neu wahrnimmt, wirklich um den Lebensgefährten handelt, in den man sich vor Jahren verliebt hat. Wer ist der Fremde da in meinem Bett? Das habt Ihr euch doch sicher auch schon mal gefragt. Oder?

Was aber, wenn aus diesem plötzlichen Fremdeln heraus eine fixe Idee entsteht? Was, wenn man tatsächlich zu vermuten beginnt, dass sich eine fremde Person in das eigene Leben eingeschlichen hat. Was, wenn sich dieser Verdacht manifestiert und in ganz kleinen Mosaiksteinen ein Bild entsteht, das jeden Zweifel rechtfertigt? Was dann und wie weiter? Zieht man Vertraute ins Vertrauen? Geht man zum Psychiater oder ist man auf sich alleine gestellt, wenn sogar Verwandte und gute Freunde darauf beharren, dass man so langsam durchdreht? Klingt extrem spannend und habt Ihr vielleicht sogar bildlich vor Augen.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Könnt ihr euch an den Spielfilm „Sommersby“ erinnern? Könnt Ihr Euch an Jodie Foster und Richard Gere erinnern, die 1993 gemeinsam auf der Leinwand brillierten? Seht Ihr den zerlumpten Soldaten noch, der aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg nach Hause kommt und seine Frau nach vielen Jahren erstmals wieder in die Arme schließt. Könnt Ihr Euch noch an die zweifelnde Ehefrau erinnern, die gegen jedes innere Gefühl den Fremden bei sich aufnimmt, der behauptet, ihr Ehemann zu sein? Ein Verwirrspiel voller Wendungen sondergleichen. Immer, wenn man sich sicher war, Sommersby auf die Spur gekommen zu sein, überraschte er mit überzeugendem Wissen, über das man nur verfügen konnte, wenn man der echte Sommersby war.

Aus dem Wechselspiel der Gefühle wurde dank der brillanten Schauspieler eine große Psychostudie zweier Menschen, die zu den Gefangenen der Geschichten und Legenden ihres Lebens wurden. Spannend bis zur letzten Sekunde. Wusstet Ihr, dass dieser Film auf einem Roman basierte, der bereits 1941 erstmals veröffentlicht wurde? Janet Lewis schrieb unter dem Originaltitel „The Wife of Martin Guerre“ eine Novelle, die auf wahren Ereignissen beruhte. Heute müsste man jedoch sagen: „Oft kopiert, nie erreicht!“ Denn diese Story geht psychologisch tiefer, als diese bekannte Filmadaption. Endlich liegt das Buch in deutscher Übersetzung von Susanne Höbel bei dtv vor. Ich habe mich lesend schnell von allen Bildern verabschiedet, die ich aus der Verfilmung in Erinnerung hatte. Zu eigenständig ist das Buch. Zu weit entfernt erscheint die Adaption. Ein Lesen, das sich mehr als lohnt. Die Frau, die liebte“ – Eine Herzensempfehlung.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Janet Lewis holte psychologisch weiter aus, als sie einen Fremden im Bett ins Leben rief. Sie bringt einen situativen Kontext des Frankreichs im 16. Jahrhundert ins Spiel und entwickelt auf der Grundlage von komplex verflochtenen Familienstrukturen reicher Grundbesitzer den eigentlichen Nährboden für ihre Erzählung. Hier wird nicht einfach geheiratet. Hier werden Ehen arrangiert, Kinder versprochen und Hochzeiten dienen dem Erhalt des Reichtums. Patriarchat in Reinkultur. So wird auch Bertrande schon im zarten Kindesalter dem jungen Martin Guerre versprochen. Von Liebe kein Hauch zu erkennen. Auch einige Jahre später nach der Hochzeit begegnen sich eher Fremde im gemeinsamen Bett. Man arrangiert sich, auch wenn Martin sehr nach dem herrschsüchtigen Vater schlägt. Ein gemeinsamer Sohn festigt das Arrangement. Als Martin jedoch vom gemeinsamen Hof flieht, weil er seinen Vater betrogen hat, bleibt Bertrande wartend mit Kind zurück. Als Verlassene nicht viel wert. Nur Männer sind relevant für den Fortbestand des Besitzes.

Als Jahre später die Familie die Rückkehr des Martin Guerre feiert, ist Bertrande von allem überzeugt, nur nicht vom zufälligen Erscheinen ihres Gemahls. Hier setzen Mischgefühle ein, die den Gewissenskonflikt einer eigentlich zur Treue verpflichteten Frau widerspiegeln. Denn der neue Martin Guerre ist ganz anders, als derjenige, der sie vor Jahren verließ. Er ist sanftmütig, sympathisch und liebevoll. Und doch darf nie sein was sich hier abzuzeichnen droht. Bertrandes moralische Festungen stürzen ein. Sie wird schwanger und sucht Hilfe bei den Schwestern ihres vermeintlichen Mannes und beim Pfarrer. Doch steht sie allein mit ihrem Verdacht. Alle halten sie für verrückt und auch Martin Guerre kann nicht fassen, was sich hier zusammenbraut. Und selbst Bertrande wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher, als den neuen liebevollen Mann.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Auf dem Höhepunkt der Selbstzweifel tritt sie eine richterliche Untersuchung los und löst eine Kette von Ereignissen aus, die nicht mehr steuerbar sind. Brillant und stichhaltig erzählt. Das Wechselbad zwischen Gefühl, Hoffnung und Moral lässt keinen Spielraum für Bertrande. Lieber das Selbst opfern um der Verpflichtung zu entsprechen. Lieber auf den Mann verzichten, den sie zwar liebt, dem sie jedoch nicht verpflichtet ist. Ein Frauenbild, das katastrophaler nicht selbst interpretiert werden kann. Ein Moralbild, dem man nur erliegen kann. „Die Frau, die liebte“ muss im Herzen scheitern, egal wie sie sich entscheidet, egal welchen Weg sie geht und egal, was sie dabei fühlt.

Wer nun denkt, die Frage des echten Martin Guerre würde im Gericht geklärt, der sollte einfach dieses Buch lesen. Janet Lewis hat es sich nicht leichtgemacht. Sie hat in alten Prozessakten gestöbert und einen solchen Fall in der Vergangenheit gefunden, in dem sie die Inspiration verspürte, die Geschichte aus der Perspektive von Bertrande zu erzählen. Inneneinsichten einer verzweifelt Liebenden bietet sie uns auf 128 Seiten, die keine Frage offenlassen. Und doch stellt sie uns viele Fragen. Identität, Zuneigung und Selbstaufgabe stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Wie würde eine solche Geschichte heute enden? Wie würden wir entscheiden und wie würden wir am Ende reagieren? Im Leben wie im Lesen ist es so, dass es keine klare Antwort gibt. Nur ein Gefühl. Und das ist eigentlich untrüglich. Doch das Ende hätte auch ich nicht kommen sehen. Nicht so.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls