Der Junge auf der Holzkiste – Leon Leyson und Schindlers Liste

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Ein kleines Mädchen in einem Schwarzweißfilm. Ein kleines Mädchen, das ganz allein und verlassen durch eine Stadt irrt, während Soldaten Menschen vor sich her treiben und wahllos erschießen. Ein kleines Mädchen, das man nur deshalb nie wieder aus den Augen verliert, weil es einen roten Mantel trägt. Der einzige Farbfleck im ganzen Film. Wer kennt diese bewegende Aufnahme aus dem Film „Schindlers Liste“ nicht? Eine Szene, die dem Holocaust eine ganz persönliche Dimension verleiht.

Die Individualisierung des Erinnerns. Keine Filmsequenz über den Holocaust steht meinem Schreiben und Denken Gegen das Vergessen näher. Keine Filmszene wühlt mehr auf und erlaubt doch den tiefen Blick auf die unglaubliche Größenordnung der Shoa. Dieses kleine Mädchen tritt aus der Masse heraus und fesselt unseren Blick. Das Grauen wird greifbar und der rote Mantel zum Symbol für den gesamten Holocaust. Aufkommende Beschützerinstinkte lassen uns verzweifeln angesichts der Hilflosigkeit des Kindes.

Leon Leyson verteilt in diesem Buch über sein eigenes Leben viele rote Mäntel. Er verleiht seiner Familie und ganz besonders seinen verlorenen Brüdern, den Menschen in ihrem Umfeld und ihrem Retter Gesicht und Identität. Er individualisiert und schärft den Blick auf das große Ganze. Schindlers Liste ist dabei viel mehr als nur ein Wendepunkt seines Lebens. Die Liste selbst rettet ihn, der Film lässt ihn die Sprache wiederfinden.

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

„Schindlers Liste“ von Steven Spielberg – ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Machthaber. Und gleichzeitig auch Auslöser einer besonderen Welle, die ohne die Verfilmung dieser wahren Geschichte Oskar Schindlers niemals losgetreten worden wäre. Jenem Oskar Schindler, der selbst Nationalsozialist war und im besetzten Polen durch Mut und Erfindungsreichtum mehr als 1200 jüdischen Zwangsarbeitern das Leben retten konnte, die ihm von den Machthabern zur Verfügung gestellt wurden.

Wer ein Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk. So lautete die Inschrift in dem Ring, den die überlebenden „Schindler-Juden“ ihrem Retter schenkten. Einer von ihnen hatte die Jahre der Verfolgung, der Todesangst und des Hungers ganz tief in sich verborgen. Seine Familie wollte er nicht mit den Verlusten seines Lebens überschatten. Wie so viele andere Überlebende schwieg er, bis ein Reporter im Rahmen einer Recherche seinen Namen auf einer Liste fand. Ein Reporter, der den Film gesehen hatte und sich dann auf die Spur der letzten Zeitzeugen machte.

Dieser Reporter riss den Mann aus dem Schweigen, der für alle nur „Der Junge auf der Holzkiste“ war. Leon Leyson, das Kind mit der Nummer 289 auf Schindlers Liste. Der Junge, der damals noch Leb Lejzon hieß.

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Leb Lejzon hätte am 15.09.1939 so gerne seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Er lebte jedoch zur falschen Zeit am falschen Ort, gehörte aus Sicht der neuen Machthaber einer falschen Religion an und fiel einem System des Grauens in die Hände. Leb Lejzon war Jude, lebte mit seiner Familie im polnischen Krakau und musste hilflos mit ansehen, wie die Nazis einmarschierten. Das ganze Leben veränderte sich von der einen auf die andere Minute. Denn mit den Nazis betrat der Holocaust das Land.

In seinem bewegenden Lebensbericht nimmt uns Leon Leyson mit auf seine ganz persönliche Zeitreise in ein Leben, das er verdrängt hatte und von dem er nie wieder reden wollte. Er erzählt von seinen Verlusten und Ängsten, lässt uns teilhaben an der Geschichte seiner Familie und öffnet sich den Menschen, denen seine Geschichte am Herzen liegt. An seiner Seite erleben wir die Veränderungen des Alltags der jüdischen Bevölkerung in Krakau, spüren, wie sich die Krallen der Nazi-Ideologie immer tiefer ins Fleisch der Opfer graben und begeben uns mit ihm auf den schwersten Weg, den man sich nur vorstellen kann.

Sie werden im Ghetto Krakau vor den Augen der Welt verborgen. 

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Ein Ghetto, das den zusammengepferchten Juden schonungslos vermittelt, wohin der Weg letztendlich führen wird. Umgeben von einer drei Meter hohen Mauer in Form jüdischer Grabsteine suggeriert sie den eingeschlossenen Juden, sich schon auf einem Friedhof zu befinden. Sofort beginnen willkürliche Ermordungen, Erniedrigungen und zermürbende Zwangsarbeit. Der Tod der Menschen im Ghetto ist Programm. Auch der junge Leb hat die ersten persönlichen Verluste zu beklagen. Zwei seiner Brüder verlieren ihr Leben.

Einziger Hoffnungsschimmer scheint ein deutscher Unternehmer zu sein, der mit den Nazis kooperiert um eine Fabrik betreiben zu können. Oskar Schindler ist selbst Nazi, feiert rauschende Feste mit den Machthabern und nutzt jüdischen Zwangsarbeiter aus. So zumindest der erste Eindruck. Dass er in Wirklichkeit versucht, die Menschen, die auf seiner Arbeiterliste stehen zu retten, ihre Familien zusammenzuhalten und die Deportation nach Auschwitz zu verhindern, erschließt sich nur langsam. Aber Leb Lejzon erkennt das schnell und greift nach dem Strohhalm Schindler.

Wer nur ein Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Ein Junge, der auf einer Holzkiste stehen muss, um eine Maschine zu bedienen, kann nur sehr schwer als unverzichtbarer Facharbeiter verkauft werden. Oskar Schindler gelingt dies. Mehr als 1200 jüdische Arbeiter kann er unter Einsatz seines Lebens retten. Mehr als 1200 Völker hat er gerettet und die Nachkommen dieser Menschen haben es ihm nie vergessen. Er liegt heute als einziger Angehöriger der Nazi-Partei auf dem Berg Zion bestattet und sein Grab hat sich zum Denkmal entwickelt.

Der Lebensbericht von Leon Leyson, der die Veröffentlichung dieses Buches nicht mehr erlebte, ist eines der wichtigsten Zeitdokumente eines Holocaust-Überlebenden. Es ist aus der unverfälschten naiv-kindlichen Sicht geschrieben, reflektiert jedoch den Schrecken des Holocausts in all seiner Tragweite. Es ist die bewegende Geschichte einer kleinen Familie, die schwer gezeichnet vom Verlust zweier Söhne den Weg in die Zukunft antreten durfte. Und es ist eine Geschichte die nicht mit der Befreiung endet.

Leon Leyson erzählt mehr. Er lässt uns teilhaben an seiner unglaublichen Wut. Einer Wut, die sich in ihm ausbreitet, als er feststellen muss, was es heißt in einem freien Land zu leben und Zeuge von Diskriminierung zu werden. Er konnte nicht fassen, dass es in amerikanischen Bussen Plätze gab, die nur weißen Menschen vorbehalten waren. Frei sein hatte er sich anders vorgestellt…

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson - Bücher gegen das Vergessen

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson – Bücher gegen das Vergessen

Es ist nicht nur meine Mission, die wahren Fixsterne am Bücherhimmel zu entdecken, sondern auch, sie mit euch zu teilen. Als Bibliothekar gegen das Vergessen werde ich immer wieder versuchen, von mir zum Thema Holocaust vorgestellte Bücher an euch euch weiterzugeben. Ihr könnt „Der Junge auf der Holzkiste“ sehr gerne in eurem Bücherregal begrüßen. Hinterlasst einfach einen Kommentar zu euren Gefühlen zum Mädchen mit dem roten Mantel im Film Schindlers Liste. Ich wähle dann den nächsten Leser des Buchs von Leon Leyson aus.

Dem Buch wird ein besonderes Lesezeichen beiliegen, um euch daran zu erinnern, dass man Ornamente lieben, sie aber auch missbrauchen kann. Die perfide Ghettomauer von Krakau darf nie wieder entstehen auf dieser Welt…

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