Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben [D.T. Max]

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

„Ein Leser sollte von Literatur absolut keine Ahnung haben, sonst ist er für den Schriftsteller verloren.“

Besser kann ich das Gefühl nicht beschreiben, das mich beim Lesen der Biografie Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von D.T. Max auf jeder Seite immer fester zu umklammern schien. Besser kann ich nicht erklären, warum mich dieses Buch aus dem Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch so betroffen gemacht hat und auch, warum es mich so getroffen hat.

David Foster Wallace und AstroLibrium - Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace und AstroLibrium – Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace ist ein wichtiger Teil meines Leselebens. Seine Romane und Kurzgeschichten begleiten mich durch warme, kalte, sonnige und dunkle Lesetage. Seine Bücher haben in mir Gedanken und Gefühle freigesetzt, die kein anderer Autor zutage gebracht hätte. Und dies alles, weil ich keine Ahnung von Literatur habe.

Wie ein kindlich naiver Erstleser bin ich David durch Unendlicher Spaß gefolgt, kehre mit dem „Besen im System“ immer noch meine verstaubten Gedanken frei und habe mich gelangweilt, als ich Der bleiche König war. Seine legendäre Anstiftung zum Denken – Das hier ist Wasser (Rede vor Absolventen des Kenyon Colleges) ist lebenslang verantwortlich für meine Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Ich habe sehr mit David gelitten, als ich in und zwischen den Zeilen seine tiefen Depressionen erlesen konnte. Habe mit ihm gejubelt, wenn ich im Buch merkte, dass sein Schreiben euphorisch Fahrt aufnahm und reagiere immer noch emotional, wenn man mich fragt, was ich angesichts seines Selbstmordes fühlte und fühle. Ich habe keine Ahnung von Literatur. Ich bin ihm blind gefolgt, weil er meine Seele traf. Ich habe ihn nicht analysiert. Dafür bin ich zu gering.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich bin den Geschichten gefolgt, so wie sie mich ereilt haben. Nicht chronologisch sortiert, nicht am Leben von David Foster Wallace ausgerichtet. Und schon gar nicht vor dem aufgeblasen trockenen Pseudo-Hintergrund rein theoretischer Überlegungen zur Literaturwissenschaft. Darf ich bitte so naiv sein? Darf ich auch einfach nur traurig sein, dass die Geschichten von David endlich sind? Es kommt kein neues Buch, es folgt kein neuer Gedanke, er schweigt seit seinem Suizid im Jahr 2008. Es folgen nur noch letzte Zuckungen in neu entdeckten Kurzgeschichten, die erstmals auch Deutschland erreichen.

Und nun lese ich eine Biografie, die mir den Menschen und Schriftsteller David Foster Wallace noch näher bringen möchte, als dies emotional bereits der Fall ist. Das ist schweres Lesen für mich, da ich meine Bilder habe, meine Illusionen, meine Tränen. Ich hätte David gerne kennengelernt. Ihn einmal nur gesehen, vielleicht. Und doch ahne ich, dass er durch seine Depressionen ein anderer Mensch war, als ich ihn mir als Erzähler vorgestellt habe.

Ich hatte Angst davor, dass D.T. Max David Foster Wallace seziert, ausweidet und gnadenlos interpretiert, weil er sich ja nun nicht mehr wehren kann. Widerspruch ist zwecklos. Sichtlich verständlich. Ich hatte Angst davor, dass ich eine rein literarisch wissenschaftliche Krankengeschichte lesen muss, die mir ein Bild vermittelt, das in der Lage sein könnte, meine Foster Wallace Bücher zu verbrennen. Sie mit den Gedanken eines anderen zu überfrachten und mein Gefühl zu zerstören.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich möchte mein Verhältnis zu David nicht theoretisieren, ich mag es absolut nicht versachlichen und ich mag es um Himmels Willen schon gar nicht verstehen. Ich hatte eine unglaubliche Angst davor, diese Biografie zu lesen. Insofern spiegelt der Titel „Jede Liebesgeschichte ist auch eine Geistergeschichte“ mein Verhältnis zu diesem Buch wider.

Ich habe vorsichtig gelesen. Ich habe auf mich aufgepasst und war ständig bereit, es zu beenden, wenn mein Lesen in Gefahr geraten sollte. Ich ließ es sogar zu, das D.T. Max behutsam begann, mir das Schreiben von David Foster Wallace chronologisch geordnet und an sein Leben angelehnt zu vermitteln. Ich ließ es zu, eine Kette von Erzählungen, Texten, Geschichten, Reportagen vor Augen geführt zu bekommen, die ich so bisher nicht wahrgenommen habe.

Ich habe mich auf diese Biografie eingelassen und bin ihrem Weg gefolgt. Ich habe all meine Bücher von David wiedergefunden. Alle Kurzgeschichten und auch sein erstes Gedicht, das Viking Poem, verfasst im Alter von sechs Jahren. Ich habe mich lesend mit diesen Büchern umgeben, als wollte ich sie der Biografie vorstellen. Ich habe meine Lebensartikel über David gelesen, die schon immer einen großen Teil meines Schreibens ausgemacht haben.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich konnte mich nicht mehr bremsen, weil D.T. Max behutsam mit mir umgegangen ist. Und nicht nur mit mir. Er geht auch mit David Foster Wallace behutsam um. Ich fühlte, dass dieser Biograf ebenso intensiv mit meinem Idol verbunden sein muss, wie ich es für mich in Anspruch nehme. Selbst seinem Schreibstil ist anzumerken, welcher Schriftsteller ihn mehr als beeinflusst haben mag. Und zwischen den Zeilen habe ich die Achtung gegenüber einem Menschen gespürt, die für mich der Türöffner zu dieser Biografie war.

Nun habe ich die letzte Seite beendet und sitze heulend vor einem Lebensweg. D.T. Max hat nichts in mir zerstört. Er hat mich bereichert um Hintergründe, Briefe, Korrespondenzen und Aussagen von Menschen, die David persönlich kannten. Er hat mir Anknüpfpunkte aufgezeigt, die vorher eher lose Enden waren. Er hat mir die lebenslange Unsicherheit, das Zweifeln, Zaudern und Verzweifeln eines Schriftstellers so nah gebracht, dass es schmerzte.

Er hat mir Zitate von David mit auf meinen zukünftigen Weg gegeben, die mir unbekannt waren, weil sie in Briefen versteckt ruhten. Zitate, die mich fortan begleiten werden und meine Beziehung zu David Foster Wallace vertieft haben.

„Es ist fast unmöglich, über das echte Leben zu schreiben, davon gibt es einfach so viel!“

Er hat mir Davids Beweggründe mehr als verdeutlicht. Die Gründe aus denen er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Richtung bewegt hat. Und darüber hinaus hat er den realen Menschen um David herum eine Identität gegeben, die mein Idol so gerne verschleiert hat, um sie und sich zu schützen.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben von D.T. Max

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Natürlich wird man diese Biografie an Universitäten und Schulen dazu hernehmen, ein Phänomen zu erklären. Natürlich werden Leser mit neutraler Ausgangsposition auf einer sachlichen Ebene in ausgesprochen seriöser und fundierter Art und Weise über einen der außergewöhnlichsten Schriftsteller unserer Zeit umfassend informiert.

Und ja – auch die Verliebten werden mitgenommen. Bis zum bitteren Ende. Bis zu jenem 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien. Ein zweiseitiger Abschiedsbrief – eine Garage voller Notizen und Manuskriptseiten – zwei Hunde – eine Ehefrau und eine Literaturwelt, die ins Mark getroffen war. Und Leser, wie mich…

Als im „Unendlichen Spaß“ jemand stirbt, wird er mit Hochgeschwindigkeit über die Glaspalisaden nach Hause katapultiert und schwebt nach Norden, und er stößt „einen glockenhellen und fast mütterlich besorgten Ruf zu den Waffen in allen bekannten Zungen der Welt aus“.

Daniel.T. Max hat diesen Ruf hörbar gemacht.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich darf meine Artikel zu David ans Herz legen, womit ich auch seine Bücher ans Herz lege. Eine in Deutschland unbekannte Kurzgeschichte von David wird 2015 bei KiWi erscheinen. Ich werde sie lesen. In all meiner Naivität und Liebe.

Sehr lesenswert auch der Artikel von Jochen Kienbaum auf „Lustauflesen… Lasst euch überraschen. Man kann auch sachlich über David Foster Wallace schreiben. Eine Gabe, die ich verloren habe 😉

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25 Gedanken zu „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben [D.T. Max]

  1. Ich gebe zu, es ist unverschämt, aufzutauchen und zuerst zu motzen. Aber ich bin eine ehrliche Haut und würde ich es nicht loswerden, würde es in mir herumwurmen. Es ist das Layout dieses Blogs, das mir Unbehagen bereitet hat. Weil mich DFW und diese Biografie interessieren und ich gerade um Sachen herumschleiche, die ich wirklich zu erledigen hätte, habe ich es dennoch gelesen. Beim Schreibstil ging es dann weiter. Das ist mir alles zu manieriert, gerade wenn es um DFW geht, bei dem kein einziges Wort einfach dekorativ im Text steht. Aber dennoch interessant. Schön, dass er dir so viel bedeutet. Was mich manchmal wundert, ist dieses Bedauern, dass er nichts mehr schreibt. Weil er doch so viel geschrieben hat. Und dermaßen dicht und vielschichtig, dass man nicht nur immer wieder zu seinen Texten zurückkehren kann, sondern fast schon muss, um wenigstens ein Promille des Gehalts abzuschöpfen. Aber vielleicht bin ich auch einfach langsamer, als andere. Bestimmt gibt es viele, die seine Textmonster über diesen biografischen Ansatz zu zähmen versuchen, die wissen, dass er zum Kanon zeitgenössischer Literatur gehört, denen er aber zu ausladend und anstrengend ist, um aus ihren ambitionierten, emsigen Lesestapeln tatsächlich vor die Augen und ins Hirn zu kommen. Den Erfolg von „Das hier ist Wasser“ führe ich darauf zurück. Für mich ist es DFW im Geschenkbuchformat. Ganz sicher kein schlechter Text, dem Anlass wohl sehr angemessen, aber zwischen zwei Buchdeckel gepresst, doch etwas schmalbrüstig. Darüber hatte ich einmal geschrieben: http://kommentarblog.wordpress.com/2013/12/28/das-hier-ist-wasser-konrad-1/
    Danke aber, und beste Grüße

    Konrad

    • Nein, Konrad, das ist gar nicht unverschämt. David musste ganz andere Kritik einstecken.

      Wenn Layout und Schreibstil dir nicht zusagen, fehlen mir die Ansatzpunkte, woran das liegt. Ich mag Kritik, aber dann auch mit Angabe von Gründen.Unbehagen kannst du leicht umgehen. Artikel kopieren, auf Schriftgröße Arial 5 bringen und lesen (das sieht dann aus wie ich es bei Dir gesehen habe 😉 )

      Und wenn ich über David schreibe, muss ich nicht schreiben wie er, damit meine Leidenschaft sichtbar wird.

      Also nichts für ungut, aber „Das hier ist Wasser“ ist wenig Grundlage, das Lebenswerk zu reflektieren.

      Hast du den Unendlichen Spaß und den Bleichen König gelesen? Das wäre ein Austausch der mich unabhängig von optischen Kriterien interessieren würde…

      Beste Grüße

      Arndt

      Nach dem Lesen Deines Artikels sehe ich auch, dass wir stilistisch, wie sprachlich deutlich auseinander liegen. Ich liebe diese Vielfalt…

      Ich bedaure übrigens auch, dass Tolstoi nichts mehr schreibt. Dass er viel geschrieben hat ist kein Ersatz für mein Gefühl, dass ich gerne mehr lesen würde.

      • Schon, aber siehe Unten, bzw. „folge deinen Träumen“, irgendwann gibt es den „das hier ist Wasser“ bestimmt mit Aquarellen von Banksy…

  2. Das ist nicht leicht für mich, weil ich David Foster Wallace gar nicht gelesen habe. Aber ich kann verstehen wovor du dich gefürchtet hast. Das lässt sich auf jeden Leidenschaft übertragen, die man gar nicht genau ergründen will. Deine Reise mit ihm macht mich jedenfalls neidisch.

    Und über einen anderen Kommentar kann ich nur schmunzeln. Besonders wenn ich die beiden Web-Auftritte vergleiche. Das klingt so als würde ein Spartaner Unbehagen empfinden, wenn jemand in einem gemütlichen Haus wohnt. Hi 😉 Vielfalt. Das ist richtig, Arndt. Aber Kritik mit Niveau oder gar nicht.

    • O-la-la, Wespennestalarm! Jedem seine Gemütlichkeit. Klar mag der Spartaner es eher spartanisch.Nur dieses „Niveau“ von dem ich immer wieder lese, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln. Daran scheitere ich immer wieder…

      • Nun, zum Niveau kann ich nur sagen, wenn dein Gesprächsauftakt mit mir so laufen würde: „Du bist zwar hässlich, aber lass uns trotzdem mal reden“, dann hättest du dein Wespennest.

      • Klar kann man üben, aber es heißt auch, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben soll. In der Beziehung hat mich Elenas Kommentar auf den Boden der Tatsachen geschmettert: Meine Sache sind eben Geschenkbücher für Spartaner. C’est la vie! Generell kümmere ich mich gerne um Dinge, um die sich sonst keiner kümmert, von dem her passt das.
        Aber einen Einwand habe ich, Elena: Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man Unbehagen angesichts des Layouts eines Blogs zum Ausdruck bringt, oder jemanden als hässlich bezeichnet. Ein Layout sucht man sich aus, was das Aussehen betrifft, kann man lediglich oberflächlich Einfluss nehmen. Ich fand das Layout in dem Zusammenhang einfach erwähnenswert, weil ich die Textästhetik DFWs damit nicht unter einen Hut bringe. Ich habe aber nicht den Schimmer einer Erwartung, dass das Layout dieses Blogs deshalb ein anderes sein sollte und bin mir bewusst, wie subjektiv mein Eindruck ist, aber deshalb nicht weniger bemerkenswert. In der Hinsicht finde ich die jüngeren deutschen Ausgaben seiner Werke bemerkenswert: Inhalt und Verpackung gehen perfekt zusammen…

  3. Elli, ich sehe das auch so. Es ist übertragbar. Vielleicht wollte ich gar nicht zu viel wissen… vielleicht hatte ich über die Jahre zu viele Bilder im Kopf… Aber ich hatte Glück mit diesem Buch. Wirkliches Glück…

  4. Ich will das nicht lesen, weil ich dann noch mehr lesen muss und DFW steht auf der Liste ganz oben. Hört sofort auf. Das ist unfair, Arndt. Gute Nacht. Schmollmundmodus.

  5. Ein bisschen unverschämt ist es, David hin oder her. Aber wohldosierte Unverschämtheiten beleben das Miteinander. Insofern war mein Einstieg reine Rhetorik. Mein Unbehagen ist jedenfalls nicht so groß, dass ich direkt umformatieren muss, nur so groß, dass ich es zum Ausdruck bringen wollte. „Manieriert“ wäre das Stichwort in Bezug auf das Layout. Rähmchen, Collagen, jede Menge Schriftarten – ich stehe nicht so darauf. „Manieriert“ auch in Bezug auf den Stil, zumindest streckenweise. Aber darauf geschissen. Du hast Recht, Vielfalt siegt.

    Dass „Das hier ist Wasser“ nicht Grundlage sein kann, über ein Lebenswerk zu reflektieren, meine ich auch. Ich reflektiere nirgends über sein Lebenswerk. Das wäre in meinem Fall anmaßend. Unabhängiger Spass, ja, habe ich gelesen, in weiten Teilen zwei Mal, bis auf das Kapitel über Eschaton, damit kam ich nicht klar und das hängt mir bis heute nach. Bleicher König, nein. Sonst Oblivion, Kurze Interviews mit fiesen Männern, vor Urzeiten „Schrecklich amüsant“, später noch einige Essays aus „Consider the Lobster“… Aber das Lebenswerk muss ich anderen überlassen. Mein Zugang zu seinem Schreiben ist jedenfalls sehr emotional. Ich fühle (ebenfalls?) viel Sympathie, ein gewisses Verständnis, wenn es um das Querschalten von Sachen geht, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, gleichzeitig werde ich im Angesicht seiner Texte fast demütig, weil er so wahnsinnig klug und flink ist in seinen Wendungen. Das ist für mich das beeindruckendste: Gerade nach Langsteckentexten – diesen manchmal 200-300-Seitigen Abschnitten in Unendlicher Spass, die man einfach einatmet, in denen er keine Luft mehr holt und die dermaßen Zug haben – hatte ich immer wieder das Gefühl, dass meine Hirnwindungen richtiggehend durchgespült wurden, dass mein Denken und Fühlen danach PRÄZISER funktionierte, als vorher. Das einzige, was ich mit dieser Erfahrung vergleichen kann, sind meine marginalen Erfahrungen mit halluzinogenen Drogen. Damit steht DFWs Literatur weit heraus aus dem, was Literatur sonst in mir auslösen kann. Was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich sie generell für „besser“ halte, „am besten“ hängt bei mir ohnehin sehr vom Moment ab, sie ist einfach sehr speziell.

    Kein Problem habe ich auch mit deinem Bedauern dafür, dass DFW nicht mehr schreibt. Ich dachte nicht an dich, als ich das geschrieben habe. Du bist offenbar wirklich ein Afficionado. Ich dachte an meinen besten Literaturfreund, der etwas in der Richtung gesagt hat, als Buchhändler arbeitet, den Großteil von DFW nicht oder quer gelesen hat (wie viele aus diesem Gewerbe), und vor diesem Hintergrund fand ich die Aussage ein bisschen fad. Ich dachte auch an einiges, was ich auf Blogs gesehen habe, wo ich wirklich das Gefühl hatte, dass das Buch stellvertretend für sein Werk gelesen und gelobt wurde, weil viele Blogs eben auch vor allem schnell und viel lesen und schreiben, um viel Präsenz zu zeigen und viel Traffic zu erzeugen. Dagegen habe ich Aversionen. Ich schätze gediegene Leser, die sich wirklich von ihrem Wunsch, zu lesen und zu leben leiten lassen, und nicht von irgendwelchen Besucherstatistiken etc.. Und ich dachte auch wieder an meine Demut und das Gefühl, das bei mir nach der Lektüre seiner Texte bleibt: Dass sie mich gefüllt haben, ich sie aber nicht einmal ansatzweise durchdrungen. So weit… Auf den Vielfalter & Geschenkbücher!

  6. Hallo Konrad,

    viele deiner Erfahrungen habe ich auch gemacht. Menschen, die DFW nur angelesen haben oder Bücherregale, in denen der „Spaß“ als pseudointellektueller Schnickschnack präsentiert wird. Reden über ihn ist und war schwierig, weil ich immer das Gefühl hatte, niemand sonst habe ihn wirklich gelesen.

    Ich schrieb in meiner Rezi, dass auch ich für das Durchsteigen des Lebenswerks zu gering bin. Wenn ich David verstanden hätte in jeder seiner Zeilen, dann wäre das anders. Aber das wäre anmaßend.

    Ich bin oft verzweifelt, fühlte mich zu dumm und dann fand ich wieder Einstiege. Hatte lange Zeit das Gefühl, mich an der unendlichen Unterhaltungspatrone verschluckt zu haben und kam nach seinen Büchern immer wieder schwer in „andere“ Literatur rein.

    Ich liebe seinen Grammatikfimmel, seine Besessenheit unmögliche Satzkonstruktionen zur Serienreife zu bringen und war ebenso erfüllt von einigen Leitbildern, die mich bereichert haben. Dazu verknüpft sich das Lesen mit meinem Leben und Ereignissen und Bekanntschaften am Wegesrand, die eben durch seine Bücher begleitet wurden. Sehr persönlich das alles.

    Die Anstiftung zum Denken ist für mich der große Perspektivwechsel, den man verinnerlichen kann (vielleicht stehe ich auch deshalb so sehr auf positive Gesprächsatmosphäre und versuche mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen und nicht mit „wohldosierten Unverschämtheiten“ (Zitat) auf dem Prinzip der angesengten Erde gemeinsame Gedankensamen zu säen). Sei`s drum.

    Alle erhältlichen Kurzgeschichten habe ich gelesen – viele bedeuten mir etwas und diese Biografie ist für mich inzwischen unverzichtbar. Sie nähert sich an, ohne sich aufzudrängen und sie lässt Distanz, ohne sich zu entfernen. Nun aber genug zu diesen Theoremen. Das wahre Leben ruft. Ich schließe mit einer DFW-Anekdote, die mir viel gegeben hat.

    Sollte man beim Lesen seiner Bücher Probleme haben, keine Sorge. Die von ihm verlassenen Frauen haben auch immer nur die ersten 20 Seiten seiner Abschiedsbriefe gelesen 😉

  7. Die Anekdote ist aus der Biografie? Die ist schön. Bestimmt kein Sommerferienlager, mit ihm klarzukommen. Bestimmt immer zu viel. Vielleicht sollte die Biografie doch bald lesen. Gruß & unendlich viel Spass im wahren Leben. KG

    • Ja… Sie findet sich dort… wo? In einer Fußnote… herrlich, oder? Und ich denke auch, dass er schwierig war. Von nervig bis abweisend… über aufdringlich bis unstet… aber ich hätte mich gerne davon überzeugt. Wer ist schon einfach?

      Gruß zurück und danke für deine Gedanken zu David…

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  14. Ich mag dieses Genre, weil ich mich als „geschichtsinteressierte“ Person sehe und es z.B. Menschen gibt, die eine Geschichte haben, an der ich gerne auf diesem Wege Teil habe….

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