Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Da lag er nun also vor mir, der dicke Schinken, an den ich mich heranwagen wollte. Mit seinen 1000 Textseiten und dem hundertseitigen Anhang ein schon ungewöhnlicher Vertreter seiner Art, wenn man den Buchmarkt aufmerksam beobachtet. Eine Biografie in solch epischen Ausmaßen findet man nicht allzu häufig. Autoren haben sich wohl mit der langsam schwindenden Aufmerksamkeitsspanne der Lesenden abzufinden und bei neu erscheinenden Monografien die unsichtbare Grenze von 400 – 500 Seiten nicht zu überschreiten. Und nun dies! Ein flapsig als „Fat Book“ zu bezeichnendes Sachbuch, das auch noch auf der Nominierungsliste des Bayerischen Buchpreises steht, der in wenigen Tagen in München verliehen wird, muss etwas ganz Besonderes sein. Und so saß ich als Buchblogger, der diesen Literaturpreis begleitet, vor einem Mammutwerk.

Karl Kraus – Der Widersprecher“ von Jens Malte Fischer sollte mein Lesen für ein paar Tage in seinen Bann ziehen und mich gleichzeitig zum Eremiten mutieren lassen, weil ich in dieser Zeit allen anderen Büchern entsagen musste. Hat es sich gelohnt? Ist die Auseinandersetzung mit dem Begründer der Fackel und Kritiker Karl Kraus in der heutigen Zeit zwingend erforderlich? Ist er noch relevant, oder richtet sich dieses Buch vornehmlich an die sogenannten „Aficionados“ des großen Wieners, der fast schon in Vergessenheit geraten ist? Ich habe zuvor wenig von ihm gehört, nichts von oder über ihn gelesen und war ein unbeschriebenes Blatt, auf dem sich nach dem Lesen Notizen und Zitate gesammelt hatten, die ich hier zusammenfassen möchte. Vorab. Es hat sich gelohnt. Ich hatte nie den Wunsch, das Lesen abzubrechen und fühle mich bereichert und für meine eigenen künftigen Widersprüche besser gerüstet.

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Jens Malte Fischer beginnt sein Opus Magnum äußerst ungewöhnlich. Er lädt uns zu einer Wohnungsbesichtigung bei Karl Kraus ein. Alles ist unverändert, Kraus war erst vor wenigen Tagen verstorben und wir erhalten einen intimen und sehr persönlichen Zugang zu den Räumen, in denen er bis kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Bilder an der Wand, Manuskripte auf dem übervollen Schreibtisch und seine Ottomane für die kurzen Pausen zwischendurch. So sah es 1936 aus. Sein Nachlass, der Bände sprach, füllt nun diesen Band. Hier beginnt die Reise zu jenem „Widersprecher„, der mehr als vier Jahrzehnte lang gegen jeden Missbrauch der Sprache kämpfte, der leere Phrasen in Politik und Kultur anprangerte und sich dadurch viele Feinde gemacht hatte. Es sind diese Räume, durch die wir in unserer Vorstellungskraft geführt werden, damit wir nicht nur einer Theorie, sondern einem Menschen begegnen. Ein gelungener Einstieg.

Jens Malte Fischer holt weit aus, und das ist angebracht, wenn man das Leben von Karl Kraus verstehen möchte. Seine jüdische Herkunft, das Elternhaus, seine Versuche, als Schauspieler Fuß zu fassen und seine frühe Begabung, mit einzigartiger Stimme als Vorleser zu überzeugen, sind Teile eines Mosaiks, das sich langsam zusammenfügt. Es ist das Wien der Nachkriegsjahre, das ihn prägt und verändert. Er beginnt, sich mit den intellektuellen Größen seiner Zeit anzulegen, stellt den Missbrauch der Sprache an den Pranger und macht die Presse für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich. Aus dem konservativen Denker wird ein überzeugter Pazifist. Aus dem Juden wird ein konvertierter Katholik. Aus dem Vorkriegsmitläufer wird der Chefankläger der Sprache, die einen Krieg erst möglich machte. Aus seiner Zeitschrift wird eine Kampfschrift. Die Fackel wird zum gefürchteten Medium, in dem er sich mutig gegen alle Wellen wirft..

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Was erst nur als Kampfschrift gegen Langeweile und Gedankenlosigkeit gedacht war, nimmt mit den Kraus´schen Stilmitteln Satire und Polemik einen Zeitgeist auf die Schippe, der in Apathie zu versinken drohte. Wien wurde wach. Seine Paukenschläge waren nicht zu überhören. Er schrieb gegen den Fortschrittswahn und den Glauben an die Technik. Der Untergang der Titanic war für ihn Sinnbild des Irrglaubens. Der Erste Weltkrieg Bestätigung für seine Vermutung, den Menschen der Technik zu opfern. Er kämpfte gegen ein vorherrschendes Frauenbild an, das die Frauen als Opfer sexueller Gewalt selbst an den Pranger stellte. Und er vertrat liberale Thesen zur Homosexualität. Einen Querdenker würden wir ihn heute nennen. Widersprecher nennt ihn Jens Malte Fischer. Wie auch immer, er wird uns von Seite zu Seite sympathischer. Mainstream war nicht seine Welt. Kultur, Politik und die Presse standen stets im Fokus der Worte, die er so treffend formulierte.

Jens Malte Fischer zieht Karl Kraus aus dem Schatten, der ihn heute verbirgt. Er beschreibt jeden Konflikt, der ihn charakterisiert, jede Zerrissenheit, an der er litt. Seine Haltung zu jener Religion, die er hinter sich ließ, ist bis heute umstritten. Karl Kraus gab den Juden eine große Mitschuld am Antisemitismus. Assimilation sah er als das einzig wahre Mittel, den Hass auf die jüdische Bevölkerung zu verhindern. Immer dann, wenn wir ein Fazit von Fischer erwarten, scheint er sich zu verweigern. Weder zur Frage des Antisemitismus, noch zur Relevanz des Widersprechers für unsere Zeit lässt sich Jens Malte Fischer dazu hinreißen, Urteile zu fällen oder Empfehlungen zu geben. Er fordert den aktiven Leser heraus, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Dabei liefert er harte und weiche Fakten aus den Ansichten eines stets bedrohten Denkers, die uns zeigen, wie wichtig seine Haltung auch heute noch sein kann. Vom Feuilleton bis hin zur politisch motivierten Rede, seine Botschaft lautet bis heute „Augen auf. Findet die Phrasen und zieht eure eigenen Schlüsse.“ Jens Malte Fischer legt seine Finger in jede Wunde, in der Karl Kraus schon gewühlt hat. Liest man dieses Buch und wirft dann einen wachen Blick auf z.B. den amerikanischen Wahlkampf, alle Automatismen werden sichtbar und Donald Trump hätte heute in Karl Kraus einen erbitterten Widersprecher gefunden.

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Die Fackel begann ab 1934 langsam zu erlöschen. Man sollte sich ihrer erinnern, wenn in heutigen Demokratien oder in der Literatur die leuchtenden Fackeln erlöschen und eine Sprache kultiviert wird, die nur Hass zur Folge hat. Dieses Buch ist ein Werk, in dem man sich verlieren kann. Durch seine klare Struktur vermeidet der Autor jedoch, dass wir selbst auf den gewagtesten Exkursionen den roten Faden verlieren. Sicherlich ein Standardwerk für alle Lesenden, die Karl Kraus schon kannten und verehren. Aber auch ein lesenswerter Weg für Interessierte. Täglich finde ich in den Medien Aussagen, die mich fortan an Karl Kraus erinnern. Worthülsen, denen geglaubt wird. Phrasen, in denen nichts steckt außer egozentrischer Populismus. Kraus nannte sie:

„Zur Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierungen von falschem Bewusstsein.“ 

Das Lebenswerk von Karl Kraus wird überdauern. Seine Bücher Die letzten Tage der Menschheit und Die dritte Walpurgisnacht sprechen weiter für ihn. Jens Malte Fischer hat mit dem Widersprecher nun ein Werk der Sekundärliteratur hinzugefügt, das für Lesende mit Goldgräbernatur einen Claim absteckt, der bisher im Verborgenen lag. Man sollte sich die Schürfrechte sichern. Der Phrasenkiller ist aktueller denn je.

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Jens Malte Fischers Biografie zu Karl Kraus ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, war es ein Muss, diesen dicken Schinken zu lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich bereits jetzt denke, dass die Biografie zu „Karl Kraus“ von Jens Malte Fischer echte Gewinnchancen hat? Weil ich mich auch als Widersprecher empfinde und den heutigen Populisten aufs Maul schaue. Ich fand grandiose Ansätze, dies in der Zukunft, untermauert durch die leuchtende Fackel des großen Kritikers, noch fundierter angehen zu können. Ein zeitlos nachdenklich machendes Opus Magnum…

UPDATE 19.11.2020 – Der Gewinner des Bayerischen Buchpreises – Sachbuch

Bayerischer Buchpreis 2020 - Sachbuch - Gewinner - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2020 – Sachbuch – Gewinner

Schwitters von Ulrike Draesner

Schwitters von Ulrike Draesner - AstroLibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Roman „Schwitters“ von Ulrike Draesner, dann begegnet man der Autorin sehr schnell in den Weiten des Internets und kann ihr aufmerksam zuhören, wenn sie über die Entstehungsgeschichte ihres Romans spricht und versucht, die Deutungshoheit über ihr Buch zu behalten. Ein spannender Prozess für Lesende, wenn sich eine Autorin offensiv mit dem eigenen Roman auseinandersetzt und tiefe Einblicke gewährt, was sie inspiriert hat, über Kurt Schwitters zu schreiben. Für sie stand eine Frage im Mittelpunkt: „Wie schreibt man ein Leben?“ Wie schafft man es, die Lebensgeschichte eines Künstlers in Worte zu fassen, der sich eigentlich jeder biografischen Betrachtung verweigert hätte? Was ist „Life Writing“ und wie kann man verhindern, dass die wesentlichen Themen im Leben des großen Dadaisten nicht in der alltäglichen Banalität untergehen?

Diese Fragen haben mich in diesen Roman getrieben. Diese Konfrontation mit dem eigenen Schreiben hat mich fasziniert. Darüber hinaus bin ich Ulrike Draesner schon in ihrem „Kanalschwimmer“ begegnet und war fasziniert von der sprachlichen Brillanz ihrer Erzählung. Nun schreibt sie also über einen kunstbesessenen, exzessiv lebenden Kreativen, dessen Leben sich jeder Einordnung entzieht. Ein Mann, der nur sich selbst, nicht jedoch den Menschen in seiner Nähe treu war. Ein Mann, dem das Schreiben im nationalsozialistischen Deutschland verboten wurde, dessen bildende Kunst für alle Zeit als „entartet“ diffamiert und bloßgestellt wurde und den man zur Flucht zwang, weil es in der Heimat einfach zu gefährlich für ihn wurde. Eine Flucht, die die für ihn zu einer Odyssee ohne Wiederkehr wurde.

Schwitters von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Es wird sehr schnell klar, wie sich Ulrike Draesner dem Künstler und Menschen Kurt Schwitters annähert. Sie schreibt nicht über ihn. Sie schreibt ihn. Sie spiegelt seine Wortwerke, Collagen, Skulpturen und Installationen in seinen Geist und lässt ihn zu Wort kommen. Er, der von der Kunst Getriebene, der Rastlose, der vom Verbot zu schreiben in die Flucht zur bildenden Kunst Gehetzte, der sich Verbarrikadierende und heimlich Erschaffende, der Unverstandene und Entartete. Er findet in der Autorin, die voller Empathie in ihn eintaucht, eine neue Stimme. Ulrike Draesner spielt mit uns und mit den Schubladen, in die wir das Buch gerne einsortieren würde. Ein Kunstroman? Sicher. Auf seine ganz eigene Weise. Ein biografischer Roman? Ganz bestimmt im Kern seines Wesens. Und doch spricht dieses Buch eine ganz andere Sprache. Hier wird zeitlos, was endlich war. Hier wird offensichtlich, was verborgen werden sollte.

Wir betreten an der Seite von Kurt Schwitters seinen Merzbau. Ein Biotop seiner Energie, ein Refugium des Staunens und ein avantgardistischer Kunstraum in der Villa in Hannover. Alltagsmüll, Fundstücke, Zeitungsschnipsel. Alles, was ihn inspiriert wird in dieser verborgenen Galerie zu Kunst. Jeder Vorwurf des Entarteten verpufft, da wir an der Seite der unsichtbar agierenden Schriftstellerin einen Zugang zu einem Menschen erhalten, der sein Publikum und letztlich auch sein Selbstwertgefühl verloren hatte. Hier wird die Kunst eines Kurt Schwitters zum Auge des Orkans, in dem er lebt. Und nicht nur das. Wir folgen den Flutwellen seiner Kreativität, beobachten die Außenwelt durch Spiegel, die er an seinem Haus angebracht hatte, um vor den braunen Schergen und ihrer Willkür gewarnt zu sein. Ulrike Draesner findet eine Erzählstimme, der man nicht entfliehen kann. Kurt Schwitters zeigt uns, wie entartet die Welt vor seiner Haustür ist.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

An diesem Punkt angelangt, wird aus dem Roman ein eigenständiger Merzbau„. Hier wird alles versammelt, was den Menschen Kurt Schwitters auszeichnet, bestimmt und in Erinnerung hält. Eine Collage zwischen zwei Buchdeckeln, die ein eigenes und nachhaltiges Leben voller Botschaften entwickelt. Ulrike Drasener wird in ihrem Buch zur Wortdadaistin, die ein Erbe anzutreten scheint, das Kurt Schwitters bisher verwehrt war. Sie lässt in unglaublich intensiven Rhythmuswechseln die Menschen aus seinem Umfeld zu Wort kommen. Die Ehefrau, den Sohn, seine spätere englische Frau. Wir sind gefangen im „Merzbau“ dieses Romans, wie in einem Künstlerarchiv, und folgen dem Leben Kurt Schwitters über die Etappen seiner Flucht. Eine Collage, die ihn im Lauf der Jahre so spiegelt, wie es gewesen sein könnte. Die ihn denken lässt, wie er gedacht haben mag. Eine „Life-Writing-Collage„, die aus der Art schlägt. Wohl das größte Kompliment für einen Roman über einen Dadaisten, der als entartet galt.

Schwitters zu folgen gleicht literarischer Magie. Zu erleben, was Entwurzelung bei einem Künstler bedeutet, dessen Kunst sich im Inneren seiner Villa manifestiert, schafft unglaubliche Nähe. Ihn mit seinem Sohn auf seiner Flucht nach Norwegen zu begleiten, zeigt die Ausweglosigkeit des Unterfangens. Die Wehrmacht ist omnipräsent. Und doch erschafft Kurt Schwitters an allen Orten seiner Flucht Merzräume, die Zeugnis ablegen. Seiner Frau Helma zu folgen, die in Hannover die Stellung hält, um den Merzbau gegen die Nazis zu verteidigen, gehört zu den bewegendsten Teilen dieser Collage. Sie wird Zeugin von Deportationen, erlebt Hausdurchsuchungen der heftigsten Art und erleidet die Bombardierung ihrer Heimatstadt in einem furiosen Kapitel des Romans. Nur Kurt Schwitters lebt in einer eigenen Welt. Norwegen, England, die dortige Inhaftierung als „Enemy Alien“ und der Befreiungsschlag an der Seite einer neuen Frau lassen ihn im Verlauf des Romans in einem Licht erscheinen, das er wohl selbst niemals angemacht hätte.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

SCHWITTERS von Ulrike Draesner – AstroLibrium

Es ist ein sprachliches Bravourstück, das Ulrike Drasener gelingt, indem sie Kurt Schwitters pulsierende Rückkehr zur feinen Wortkunst zu Papier bringt. Der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland fällt ihm kurz vor der Invasion in die Hände. In Lautschrift werden die Invasoren auf die deutsche Sprache vorbereitet und der einstig wortgewaltige Immigrant beginnt nun mit der englischen Sprache zu spielen. Hier wird Sprachkunst zur Erzählkunst. Ulrike Draesner erzählt eine Geschichte vom Verlust in den Wirren des Krieges. Sie erzählt von Untreue, Treue und Obsession. Ihr merkt man an, dass sie niemals im Sinn hatte, eine einfache Romanbiografie zu schreiben. Dafür ist „Schwitters“ zu komplex angelegt, zu facettenreich konstruiert und zu farbgewaltig in Szene gesetzt.

Was bewirkte dieses Buch in mir? Eine Frage, die mich begleitete. Nein, ich finde keinen inhaltlichen Zugang zum Dadaismus, zur Entkörperlichung von Gegenständen in einer abstrakten Umwelt. Mein Kunstverständnis findet in Franz Marc seinen Höhepunkt und auch schon seine Grenzen. Auch er galt als entartet. Seine Werke wurden mit den Collagen von Schwitters in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt. Würde ich nun einen Merzbau betreten, meine Perspektive wäre anders. Verständiger, emotionaler in Bezug auf die Menschen, die von dieser Kunst betroffen waren. Ulrike Draesner hat in mir etwas losgetreten, das vorher von Unverständnis charakterisiert war. Was kann in der Literatur schöner sein? Ich schaue mich um und erkenne in meiner Wohnung den Merzbau meines Lebens. Verwurzelt, immobil und vor aller Welt verborgen. Ich hoffe, dass sich Ulrike Draesner niemals in mich hinein recherchiert und denkt. Das vereint mich mit Kurt Schwitters. Diese Collage meines Lebens wäre zu tiefgründig.

Und bevor mir jemand moralisch kommt: Ja, auch ich hätte mich in Wantee verliebt, die englische Frau an der Seite von Kurt Schwitters, die nicht nur Lebensgefährtin und später dann Nachlassverwalterin wurde. Sie war alles, was ihr Spitzname impliziert.

Edith „Wantee“ Thomas hatte ihm gezeigt, dass want auch fehlen bedeutete. Englisch-logisch: Wantee hatte ihm gefehlt.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

Constanze von Zeichen & Zeiten schreibt: Ein großes Buch, dem man sich wieder und wieder widmen kann und sollte, weil es so reich in vielerlei Hinsicht ist.

Schwitters von Ulrike Draesner ist für den Bayerischen Buchpreis 2020 in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag)

Warum ich schon jetzt denke, dass Ulrike Draesner einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Ihr gelingt mit ihren Worten etwas, das sie in ihrem Buch eigentlich ihrem Protagnisten Kurt Schwitters zugeschrieben hat:

Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern und Uniformen schmelzen.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

UPDATE 19.11.2020 – Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Belletristik

Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises - Belletristik - Astrolibrium

Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Belletristik

Buchhandlung Lesezeichen Germering - Astrolibrium

Meine Partnerbuchhandlung zum Bayerischen Buchpreis

„Señora Gerta“ – Die Biografie eines Lebens von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

„Ich weiß nicht, warum ich mir das alles merken kann, aber es ist da, ich sehe es vor mir in allen Details.“

[An dieser Stelle können Sie auch gerne bei Literatur Radio Bayern weiterhören]

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Das sagt Gerta Stern im Alter von über 100 Jahren. Sie ist eine polyglotte Zeitzeugin des vergangenen Jahrhunderts, hat es auf zwei Kontinenten erlebt und blickt nun voller Energie auf ein Leben zurück, das noch lange nicht ausgelebt ist. Zu vital ist sie, zu viel Energie hat sie sich für diesen Schlussspurt aufgespart. Disziplin und Haltung, die harte Schule des Balletts der frühen Jugend, zahlen sich heute aus. Gerta Stern verfügt noch heute über die perfekte Präsenz eines Menschen, der das Rampenlicht gewohnt ist. Sie hat viel zu erzählen. Ihre Biografin Anne Siegel weiß ein Buch davon zu singen.

Señora Gerta“, erschienen im Europa Verlag, sticht auch mit dem Untertitel „Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste“ ins Auge. Hier ist die vielleicht einzige Schwäche der Biografie aus der Feder von Anne Siegel zu finden, denn dieses Buch ist nicht nur auf eine wichtige, aber eben doch nur kleine Episode im Leben einer bewundernswerten Frau zu reduzieren. Dieses Buch erfüllt den Anspruch, eine komplexe Lebensgeschichte in aller Vielfalt brillant zu erzählen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Eine Geschichte, die sehr lange gebraucht hat, um ihren Weg aus Panama zu uns zu finden und die so viel mehr beinhaltet, als den unglaublichen Mut einer Frau, der es in der entscheidenden Phase ihres Lebens gelungen war, ihren Mann vor den Nazis zu retten. Und genau hier trifft der Untertitel der Biografie ins Schwarze, bedeutet doch das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit für die Wiener Jüdin den größten Bruch ihres Lebens. Einen Einschnitt, der alles in ein Davor und Danach zerschneidet. Hier ist nicht nur das Austricksen der Nazis Schwerpunkt des Buches. Vielleicht ist es eher das Schnippchen, das Señora Gerta dem ganzen Leben schlägt, das uns in dieser Biografie fesselt und gefangen nimmt.

Um begreifen zu können, wie Gerta Stern dieses Husarenstück gelang, sollte man einfach verstehen lernen, wo sie aufwuchs, welche Werte ihr vermittelt wurden und was es für sie bedeutete, als Jüdin plötzlich entrechtet zu sein. Wenn man dieses Schicksal zu fassen bekommen möchte, dann sollte man erlesen, welche Lebenskraft diese Frau für die Zukunft schöpfte. Und wenn man dann begreifen will, warum sie auch im hohen Alter noch eine Suchende war, dann sollte man dieser Biografie folgen und ermessen, was es heißt, lebenslang auf der Suche nach der Antwort auf eine überlebenswichtige Frage zu sein:

Wer war damals jener unverhoffte Helfer in Naziuniform, der ihr half, das Leben ihres Mannes zu retten?

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Gemälde „Gegen das Vergessen“ by Peggy Steike

So entsteht im gemeinsamen Rückblick mit Gerta Stern eine epochale Biografie und Anne Siegel ist viel mehr als eine Chronistin. Sie betrachtet das Lebensalbum von Gerta und kitzelt angesichts der Bilder aus der Vergangenheit Emotionen, Details und Erinnerungen aus der innerlich jung gebliebenen alten Dame heraus. Was auf diese Art und Weise entsteht ist ein Mosaikbild, das sowohl die Geschichte zweier Kontinente im 20. Jahrhundert beschreibt. Es ist aber auch ein Dominospiel, das verdeutlicht, welche kleinen Steine alles in Bewegung setzen und wie persönliches Schicksal funktioniert.

Das Muster des Mosaiks reicht vom Bau des Panamakanals bis zu Charly Chaplin, es setzt sich fort in den Flüchtlingsströmen im Europa des Ersten Weltkriegs und führt von den reichen Bankiers-Dynastien der Rothschilds bis zu den Radikalisierungen, die von Gerta Stern Besitz ergreifen sollten. Eingebettet in diese Rahmenbedingungen zeichnet Anne Siegel ein gestochen scharfes, sympathisches und zutiefst menschliches Portrait einer Frau, die heute alle überlebt hat, die es zeitlebens zu schützen galt. Der Rahmen für dieses Portrait ist der Journalistin Anne Siegel ebenfalls brillant gelungen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Ein Fußballprofi im KZ Sachsenhausen

Wenn wir dann vor diesem Bild stehen und denken, diese Gerta Stern zu kennen, ihr Selbstwertgefühl abschätzen zu können und schon auf dem besten Weg sind, sie zu bewundern, dann verdunkelt Anne Siegel die Szenerie und entführt uns nach Hamburg. Wir scheiben den 9. November 1938 und wir wissen, dass dieser Tag in die Geschichte eingehen wird. Ein schlechter Tag für ein jüdisches Ehepaar in der Hansestadt. Ein Tag der Gerta und ihren Ehemann, den Profifußballer Moses Stern in den Fokus des Nazis rückt. Es ist die Reichspogromnacht.

Als Moses verhaftet und ins berüchtigte KZ Sachsenhausen deportiert wird, zeigt sich, mit wem es die braunen Machthaber zu tun haben, als Gerta Stern nicht in Trauer versinkt, sondern zu handeln beginnt. Ihr liegt die ganze Welt zu Füßen. Zumindest in dem Moment, in dem sie beschließt alle Botschaften der Welt abzuklappern, um einen neuen Platz für sich und ihren Mann zu finden. Und so macht sie sich auf den Weg von einer diplomatischen Vertretung zur nächsten. Denn Gerta Stern hat einen Plan, wie sie die Nazis austricksen kann.

Als sie jedoch einem Mann in Nazi-Uniform begegnet, scheint ihr Weg am Ende zu sein. Seine Frage Haben Sie keine Angst, sind Sie Jüdin? verändert die Welt.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Es ist die unfassbare Mischung aus überbordender Lebensfreude und Angst, die aus der Biografie Señora Gerta“ eine der lesenswertesten Geschichten Gegen das Vergessen macht. Der Autorin gelingt es, Gerta Stern ins Rampenlicht ihres eigenen Lebens zu stellen. Ihr gelingt, den Mut und den Tatendrang der Wienerin in die Herzen der Leser zu schreiben. Ohne Pathos und jegliche Glorifizierung. Was ihr noch gelingt? Uns heute klarzumachen, wie sich die Welt für jüdische Mitbürger fast stündlich änderte und wie wenige Menschen sich dagegen auflehnten. Anne Siegel schreibt nicht nur die Lebensgeschichte einer bewundernswerten Frau nieder, sie erzählt auch von einer Welt der Entrechtung und Ausgrenzung. Eine Welt, die so niemals wieder entstehen darf.

Gerta Stern ist heute Ehrenbürgerin von Panama City. Sie feiert ihr Leben, weil sie auch jeden Grund dazu hat. Melancholie – Fehlanzeige. Eine Frau, an der wir uns auch heute noch ein Beispiel nehmen können. Ein Buch, an dem wir uns gerade heute noch ein Beispiel nehmen können. Und eine Autorin, die beispielhaft recherchiert, grandios erzählt und quasi en passant die wichtigste Frage im Leben Gerta Sterns beantwortet: Die Frage nach dem Mann, der ihr damals half.

Wer auch nur einen Menschen rettet, der rettet ein ganzes Volk. Dieses Zitat trägt bis in unsere Zeit. Das sollten wir nie vergessen. Panama ist überall.

Literatur "Gegen das Vergessen" - Hamburg im Brennpunkt

Literatur „Gegen das Vergessen“ – Hamburg im Brennpunkt

Liebe Gerta Stern. Es war mir eine Ehre, Ihr literarischer STERNwärter zu sein.

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben [D.T. Max]

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

„Ein Leser sollte von Literatur absolut keine Ahnung haben, sonst ist er für den Schriftsteller verloren.“

Besser kann ich das Gefühl nicht beschreiben, das mich beim Lesen der Biografie Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von D.T. Max auf jeder Seite immer fester zu umklammern schien. Besser kann ich nicht erklären, warum mich dieses Buch aus dem Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch so betroffen gemacht hat und auch, warum es mich so getroffen hat.

David Foster Wallace und AstroLibrium - Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace und AstroLibrium – Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace ist ein wichtiger Teil meines Leselebens. Seine Romane und Kurzgeschichten begleiten mich durch warme, kalte, sonnige und dunkle Lesetage. Seine Bücher haben in mir Gedanken und Gefühle freigesetzt, die kein anderer Autor zutage gebracht hätte. Und dies alles, weil ich keine Ahnung von Literatur habe.

Wie ein kindlich naiver Erstleser bin ich David durch Unendlicher Spaß gefolgt, kehre mit dem „Besen im System“ immer noch meine verstaubten Gedanken frei und habe mich gelangweilt, als ich Der bleiche König war. Seine legendäre Anstiftung zum Denken – Das hier ist Wasser (Rede vor Absolventen des Kenyon Colleges) ist lebenslang verantwortlich für meine Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Ich habe sehr mit David gelitten, als ich in und zwischen den Zeilen seine tiefen Depressionen erlesen konnte. Habe mit ihm gejubelt, wenn ich im Buch merkte, dass sein Schreiben euphorisch Fahrt aufnahm und reagiere immer noch emotional, wenn man mich fragt, was ich angesichts seines Selbstmordes fühlte und fühle. Ich habe keine Ahnung von Literatur. Ich bin ihm blind gefolgt, weil er meine Seele traf. Ich habe ihn nicht analysiert. Dafür bin ich zu gering.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich bin den Geschichten gefolgt, so wie sie mich ereilt haben. Nicht chronologisch sortiert, nicht am Leben von David Foster Wallace ausgerichtet. Und schon gar nicht vor dem aufgeblasen trockenen Pseudo-Hintergrund rein theoretischer Überlegungen zur Literaturwissenschaft. Darf ich bitte so naiv sein? Darf ich auch einfach nur traurig sein, dass die Geschichten von David endlich sind? Es kommt kein neues Buch, es folgt kein neuer Gedanke, er schweigt seit seinem Suizid im Jahr 2008. Es folgen nur noch letzte Zuckungen in neu entdeckten Kurzgeschichten, die erstmals auch Deutschland erreichen.

Und nun lese ich eine Biografie, die mir den Menschen und Schriftsteller David Foster Wallace noch näher bringen möchte, als dies emotional bereits der Fall ist. Das ist schweres Lesen für mich, da ich meine Bilder habe, meine Illusionen, meine Tränen. Ich hätte David gerne kennengelernt. Ihn einmal nur gesehen, vielleicht. Und doch ahne ich, dass er durch seine Depressionen ein anderer Mensch war, als ich ihn mir als Erzähler vorgestellt habe.

Ich hatte Angst davor, dass D.T. Max David Foster Wallace seziert, ausweidet und gnadenlos interpretiert, weil er sich ja nun nicht mehr wehren kann. Widerspruch ist zwecklos. Sichtlich verständlich. Ich hatte Angst davor, dass ich eine rein literarisch wissenschaftliche Krankengeschichte lesen muss, die mir ein Bild vermittelt, das in der Lage sein könnte, meine Foster Wallace Bücher zu verbrennen. Sie mit den Gedanken eines anderen zu überfrachten und mein Gefühl zu zerstören.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich möchte mein Verhältnis zu David nicht theoretisieren, ich mag es absolut nicht versachlichen und ich mag es um Himmels Willen schon gar nicht verstehen. Ich hatte eine unglaubliche Angst davor, diese Biografie zu lesen. Insofern spiegelt der Titel „Jede Liebesgeschichte ist auch eine Geistergeschichte“ mein Verhältnis zu diesem Buch wider.

Ich habe vorsichtig gelesen. Ich habe auf mich aufgepasst und war ständig bereit, es zu beenden, wenn mein Lesen in Gefahr geraten sollte. Ich ließ es sogar zu, das D.T. Max behutsam begann, mir das Schreiben von David Foster Wallace chronologisch geordnet und an sein Leben angelehnt zu vermitteln. Ich ließ es zu, eine Kette von Erzählungen, Texten, Geschichten, Reportagen vor Augen geführt zu bekommen, die ich so bisher nicht wahrgenommen habe.

Ich habe mich auf diese Biografie eingelassen und bin ihrem Weg gefolgt. Ich habe all meine Bücher von David wiedergefunden. Alle Kurzgeschichten und auch sein erstes Gedicht, das Viking Poem, verfasst im Alter von sechs Jahren. Ich habe mich lesend mit diesen Büchern umgeben, als wollte ich sie der Biografie vorstellen. Ich habe meine Lebensartikel über David gelesen, die schon immer einen großen Teil meines Schreibens ausgemacht haben.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich konnte mich nicht mehr bremsen, weil D.T. Max behutsam mit mir umgegangen ist. Und nicht nur mit mir. Er geht auch mit David Foster Wallace behutsam um. Ich fühlte, dass dieser Biograf ebenso intensiv mit meinem Idol verbunden sein muss, wie ich es für mich in Anspruch nehme. Selbst seinem Schreibstil ist anzumerken, welcher Schriftsteller ihn mehr als beeinflusst haben mag. Und zwischen den Zeilen habe ich die Achtung gegenüber einem Menschen gespürt, die für mich der Türöffner zu dieser Biografie war.

Nun habe ich die letzte Seite beendet und sitze heulend vor einem Lebensweg. D.T. Max hat nichts in mir zerstört. Er hat mich bereichert um Hintergründe, Briefe, Korrespondenzen und Aussagen von Menschen, die David persönlich kannten. Er hat mir Anknüpfpunkte aufgezeigt, die vorher eher lose Enden waren. Er hat mir die lebenslange Unsicherheit, das Zweifeln, Zaudern und Verzweifeln eines Schriftstellers so nah gebracht, dass es schmerzte.

Er hat mir Zitate von David mit auf meinen zukünftigen Weg gegeben, die mir unbekannt waren, weil sie in Briefen versteckt ruhten. Zitate, die mich fortan begleiten werden und meine Beziehung zu David Foster Wallace vertieft haben.

„Es ist fast unmöglich, über das echte Leben zu schreiben, davon gibt es einfach so viel!“

Er hat mir Davids Beweggründe mehr als verdeutlicht. Die Gründe aus denen er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Richtung bewegt hat. Und darüber hinaus hat er den realen Menschen um David herum eine Identität gegeben, die mein Idol so gerne verschleiert hat, um sie und sich zu schützen.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben von D.T. Max

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Natürlich wird man diese Biografie an Universitäten und Schulen dazu hernehmen, ein Phänomen zu erklären. Natürlich werden Leser mit neutraler Ausgangsposition auf einer sachlichen Ebene in ausgesprochen seriöser und fundierter Art und Weise über einen der außergewöhnlichsten Schriftsteller unserer Zeit umfassend informiert.

Und ja – auch die Verliebten werden mitgenommen. Bis zum bitteren Ende. Bis zu jenem 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien. Ein zweiseitiger Abschiedsbrief – eine Garage voller Notizen und Manuskriptseiten – zwei Hunde – eine Ehefrau und eine Literaturwelt, die ins Mark getroffen war. Und Leser, wie mich…

Als im „Unendlichen Spaß“ jemand stirbt, wird er mit Hochgeschwindigkeit über die Glaspalisaden nach Hause katapultiert und schwebt nach Norden, und er stößt „einen glockenhellen und fast mütterlich besorgten Ruf zu den Waffen in allen bekannten Zungen der Welt aus“.

Daniel.T. Max hat diesen Ruf hörbar gemacht.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich darf meine Artikel zu David ans Herz legen, womit ich auch seine Bücher ans Herz lege. Eine in Deutschland unbekannte Kurzgeschichte von David wird 2015 bei KiWi erscheinen. Ich werde sie lesen. In all meiner Naivität und Liebe.

Sehr lesenswert auch der Artikel von Jochen Kienbaum auf „Lustauflesen… Lasst euch überraschen. Man kann auch sachlich über David Foster Wallace schreiben. Eine Gabe, die ich verloren habe 😉