„Unendlicher Spaß“ – Ein Lebenstraum wird hörbar wahr

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Dieser Artikel sei mir bitte bereits verziehen, bevor er geschrieben wurde, dient er doch hauptsächlich der Beweihräucherung meines eigenen Egos. Selten kommt es vor, dass ich mich bei Rezensionen oder Buchvorstellungen in den Mittelpunkt stelle, jedoch hier gestehe ich, ich kann nicht anders. Wenn ein Lebenstraum real wird, der nur mir im tiefsten Inneren das Gefühl verleiht am Ziel angelangt zu sein, dann sei es gestattet darüber zu schreiben. Besonders, wenn es sich um die rein literarische Traumerfüllung eines leidenschaftlichen Liebhabers handelt.

David Foster Wallace als einen meiner Lebensautoren vorzustellen oder seine Bücher als meine Seelenbücher zu präsentieren, gleicht an dieser Stelle dem sprichwörtlichen Tragen gefiederter Nachtvögel in die griechische Hauptstadt. Freunde von AstroLibrium wissen seit vielen Jahren, was mich antreibt, bewegt, erschüttert, begeistert und immer wieder emotional in die Tiefe meines Geistes abtauchen lässt, wenn ich von David und seinen Büchern schreibe oder spreche. Man weiß inzwischen allzu gut, wie lange mich der „Unendliche Spaß“ beschäftigt hat, wie viele Bücher ich nicht lesen konnte, weil ich mich fast drei Monate in einen weißen Klotz verabschiedete, der mich nie wieder ganz ins freie Lesen entlassen hat. Wer dies wirklich alles nachlesen möchte, der möge bitte den unten angefügten Links folgen, die diesen Lebensweg flankieren.

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Doch was bleibt am Ende des Lesens? Was bleibt von mir nach dem letzten Satz im letzten Kapitel eines Buches, das er gerade noch schrieb, als er beschloss, freiwillig in den Tod zu gehen? Bleiben nur die Bücher in meinem Foster-Wallace-Regal? Bleiben nur die Artikel, die ich schrieb? War ich wirklich Teil eines Lebensweges oder habe ich nur passiv konsumiert? Wo war ich aktiv? Wo habe ich Spuren hinterlassen? Fragen, in die ich oftmals tief versank, ohne sie zufriedenstellend beantworten zu können. Warum ich dies so ausführlich beschreibe? Weil ich eine Antwort fand, einen Ausweg, der nicht nur in der Welt des Internets Spuren hinterlässt, sondern greifbar zeigt, dass ich David Foster Wallace nicht nur passiv meinen Tribut gezollt habe.

Und dabei begann es doch im Internet. Ich entdeckte das größte Hörbuchprojekt für Fans der Bücher von David Foster Wallace eher zufällig und war sofort begeistert. Das OnlineAudioProjekt von WDR3, Bayern 2, Deutschlandfunk und Kiepenheuer und Witsch basierte auf der Idee, selbst Teil vom „Unendlichen Spaß“ werden zu können. Man durfte sich eine Seite dieses Romans reservieren, um diese dann wie ein normaler Hörbuchsprecher einzulesen. Und schon war man dabei. Das Besondere des Projektes war die Realisierung eines Wunschtraums von David Foster Wallace. Er hat sich für die Hintergrunduntermalung immer eine „Goldene Maschine“ vorgestellt, die rund um die Uhr Musik komponiert. Und genau so ist der musikalische Background entstanden. So wird „Der Unendliche Spaß“ mit der „unendlichen Komposition“ zum „unendlichen Spiel“.

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Ich bin doppelt dabei. Zwei Seiten habe ich eingelesen. James Incadenzas Vortrag über ein skurriles Tennisspiel unter Aufsicht seiner Mutter und mit aufgeschürftem Knie; Seite 243. Das Tennisspiel mit Schürfeffekt kann man hier hören: Kapitel/Szene 1550. Diese Szene dauert fast eine Stunde und ich bin ab Minute 53,48 zu hören. Die zweite Passage handelt von Orin unter einem umgedrehten Glas; Seite 1396. Für alle Welt hörbar in Kapitel/Szene 28188. Soweit, so gut, könnte man vielleicht meinen, doch was nach Abschluss des Online-Projektes im Hause Der Hörverlag geschah, hätte ich nicht erwartet. Das gesamte so entstandene Hörspiel wurde tatsächlich auf CDs gepresst, in einer hochwertigen Edition veröffentlicht und ist jetzt greifbar. Antastbar.

Nun steht der Schuber mit seinen 10 CDs vor mir. Als Gold-Auflage könnte man es bezeichnen, was hier greifbar das Licht der Hörbuchwelt erblickt hat. 80 Stunden eines unendlichen Spaßes wurden hier auf einen Schlag veröffentlicht. 1400 Seiten mit 1400 Sprechern in einer goldenen Kassette mit einem Booklet, in dem das gesamte Projekt beschrieben ist und alle Sprecher namentlich Erwähnung finden. Es ist vollbracht. Hier schlägt mein Ego Purzelbäume des Stolzes, Pläne für eine eigene Lesereise entstehen und Signierstunden spielen sich in meinem Kopf ab. Nicht nur in der Welt des Digitalen. Nein. Diesmal ganz in echt steht ein Werk von David Foster Wallace vor mir, das mein ganzes Lesen verändert hat. Darf ich das für mich feiern? Darf ich es zelebrieren, auch wenn dieses Hörspiel sicher nicht für jeden Hörer geeignet erscheint? Ich denke schon, denn das hat diese Produktion mit dem Buch gemeinsam. Es ist für Liebhaber verfasst. Es taugt nicht für den Mainstreamgeschmack. Es ist eigen. Das macht es für mich aus.

Und jetzt her mit dem Deutschen Hörbuchpreis 😉

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

David Foster Wallace und mein Lesen – Eine komplexe Artikelwelt

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Alles ist grün – KiWi
Am Beispiel des Hummers – KiWi
Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – KiWi
Der bleiche König hält Hof in Deutschland – Eine Vorschau auf sein letztes Buch
Der bleiche König – Die Reise durch das Buch – KiWi
Ein erstes Gedicht – Wie alles begann – The Viking Poem
Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich– Goldmann
Signifying Rappers– KiWi
The Pale King – Eine Kolumne – Pulitzerpreis – Verweigerung 2012
Unendlicher Spaß – KiWi
Unendliches Spiel – Eine besondere Hörspielaktion zum unendlichen Spaß
Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ – KiWi
Der große rote Sohn – Kiwi

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

1400 Seiten. 3 Monate Lesequarantäne. Autistisches¹ einsames Insellesen. So und nicht anders kann ich den Herbst des Jahres 2009 beschreiben. Eine Zeit, die mir noch sehr lebhaft in Erinnerung ist, weil ich eine bewusste Lese-Entscheidung traf, die mein Leben nachhaltig verändert hat. Ich griff zu einem Buch, das zu diesem Zeitpunkt in den Fokus des intellektuellen Interesses gerückt war und von dem viele sprachen, das aber doch scheinbar von niemandem gelesen wurde. Es galt als elitär und en vogue, diesen weißen Literaturklotz zu besitzen, darüber zu fabulieren und ihn zur Schau zu stellen.

Die Rede ist vom Roman „Unendlicher Spaß“, dem Opus Magnus von David Foster Wallace, jenem US-amerikanischen Autor, der sich nur ein Jahr zuvor suizidal von der großen Bühne der Weltliteratur absentiert hatte. Er wurde nur 46 Jahre alt. Und nun lag sein Vermächtnis vor mir. Weiß, nicht sonderlich pflegeleicht, eigentlich viel zu schwer, um es einfach so in die Tasche zu stecken. Eine Buch-Immobilie im besten Sinne des Wortes. Wirklich kein Buch für unterwegs und darüber hinaus auch noch eine absolute Vollbremsung für Vielleser, wie mich.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Ich denke noch heute daran, wie viele Bücher ich wohl hätte lesen können, wenn ich nicht ganze drei Monate im „Unendlichen Spaß“ verbracht hätte. Ich denke aber auch sehr oft daran, welche Bücher ich wohl nie gelesen hätte, wäre diese literarische Mutprobe nicht gewesen. Kurz gesagt, ich fühlte mich damals wie ein Eremit in einem Fass. Total abgeschottet von der Welt, staunend, über welche Bücher meine Freunde so sprachen und jede Kontaktaufnahme mit einem der Besitzer des weißen Ziegelsteins endete mit der kopfschüttelnden Bemerkung: „Nee… das ist doch nicht lesbar!“

Doch! Es war, ist und wird immer lesbar sein! Der „Unendliche Spaß“ hat mich in der Tiefe meiner Lese-Seele berührt und mich verändert aus dem Buch entlassen. Am Ende der 1400 Seiten fühlte ich mich wie nach der Mount-Everest-Erstbesteigung ohne Sauerstoff. Ich trug den Stolz eines Lesepioniers vor mir her und war mir meiner Rolle als Leser und Buchliebhaber bewusster als jemals zuvor. David Foster Wallace hat mich seit diesen Tagen nicht mehr verlassen und über keinen zweiten Autor schrieb ich so viele Artikel. Meine DFW-Bibliothek ist fast vollständig und sie wächst, obwohl er schon so lange schweigt.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel - Der große Rote Sohn

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel – Der große Rote Sohn

Seine Kurzgeschichten, Essays und Auftragsarbeiten bieten auch heute noch einen reichhaltigen Fundus an potenziell neu zu übersetzenden Werken. Zuletzt war es Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“, der uns in Davids Depressionen entführte, und bald wird mit Der große rote Sohn eine ganz wichtige Lebensphase des Autors bei Kiepenheuer und Witsch erscheinen. Er besuchte hier im Auftrag einer Zeitung eine ganz besondere Veranstaltung und allein die vorbereitenden investigativen Recherchen haben ihn nachhaltig geprägt.

Die Verleihung der Adult Video News Awards, die Oscars der Pornoindustrie in Las Vegas, plus die dazugehörende Pornomesse sind Gegenstand seiner Betrachtung und wer vergleichbare Auftragsarbeiten von ihm kennt, der weiß ganz genau, worauf sich der jeweilige Auftraggeber einstellen kann. Auf alles, nur nicht das Erwartete. Also darf man auch hier davon ausgehen, dass sich Interviews mit Branchenriesen und intensive Nachforschungen zu einer gestohlenen Trophäe in eine ganz eigene Richtung bewegen werden. Es wird schmutzig lustig und extrem doppelmoralisch.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Exemplarisch sei hier „Am Beispiel des Hummers“ erwähnt. Auch hier wurde aus der beabsichtigten Reportage vom größten Hummer-Festival Amerikas für ein Gourmet-Magazin eher eine Streitschrift für Tierschützer, als der erhoffte kulinarische Literatur-Leckerbissen. Man darf sich also schon sehr auf einen Schriftsteller in Bestform in einer Parallelgesellschaft der besten Formen freuen. Und so darf der geneigte Fan von David Foster Wallace auch in Zukunft mehr als gebannt darauf warten, welche Texte aus dem endlichen Nachlass des Schriftstellers ihren Weg zu uns finden werden. Bis es dann vorbei ist mit dem „Unendlichen Spaß“.

Tja, ohne diesen „Unendlichen Spaß“ hätte ich wohl niemals dieses unendliche Lesen erleben dürfen. Vielleicht wäre ich heute nicht so nachdenklich und kritisch, sicherlich hätte ich nicht so viel Verständnis für Lebensentwürfe, die sich erheblich von gesellschaftlichen Normen abheben und ganz bestimmt wäre ich ein ärmerer Mensch. David Foster Wallace ist stilistisch und inhaltlich zu einem Teil von mir geworden. Wir wären heute im selben Alter. Er ist mein Jahrgang. Das macht traurig und immer noch einsam, da kaum jemand aus meinem Freundeskreis mehr als nur einen Satz von ihm gelesen hat. Dann müssen wir den Weg eben zu zweit alleine weitergehen. Unendlich weit.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Umso schöner war es für mich, als ich das Projekt Unendliches Spiel entdeckte. Hier konnte ich wirklich zum Teil einer Welt werden, die mich gefangen hält. Hier fühlte ich mich zuhause und angekommen, als es darum ging, mit meiner Stimme zum wohl größten Hörbuchprojekt beizutragen, das jemals Online gestartet wurde. Das Projekt von WDR 3, Bayern 2, Deutschlandfunk und dem Kiwi-Verlag basiert auf der Idee, dass viele Menschen zum Teil des „Unendlichen Spaßes“ werden. Man konnte sich eine Seite des Romans reservieren und sie wie ein Hörbuch einlesen. Und schon war man dabei. Dieses Projekt ist noch nicht finalisiert. Zwar wurden inzwischen alle Seiten von unzähligen Fans vertont, der Zusammenschnitt und die Untermalung mit Musik gehen nun in die letzte Phase. Die WELT schreibt dazu… hier lesen.

Ich bin doppelt dabei. Zwei Seiten sind bereits eingelesen. Eine Episode ist sogar schon hörbar. James Incadenzas Vortrag über ein fatales Tennisspiel unter mütterlicher Aufsicht und mit aufgeschürftem Knie; Seite 243. Das Tennisspiel mit Schürfeffekt kann man hier hören: Kapitel/Szene 1550. Diese Szene dauert fast eine Stunde und meine Stimme ist ab Minute 53,48 zu hören. Meine zweite Passage ist noch in der Technik. Es handelt sich hier um eine surreale Passage, die Orin unter einem umgedrehten Glas hörbar macht; Seite 1396.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Die Hintergrundmusik mag seltsam anmuten, aber sie wird David gerecht. Er hat sich immer eine „Goldene Maschine“ vorgestellt, die rund um die Uhr komponiert. Und genau so ist diese Musik entstanden. Auf diese Art und Weise wird Der Unendliche Spaß mit der „unendlichen Komposition“ zum „unendlichen Spiel“. Für mich eine sehr wichtige Etappe auf meinem langen Weg an der Seite von David Foster Wallace. Und wir sind noch nicht am Ende angelangt. Das kann man sich auch anhören².

„Alles Unerträgliche ist im Kopf, weil der Kopf nicht in der Gegenwart verweilt, sondern die Mauern hochklettert, Erkundigungen einzieht und mit unerträglichen Nachrichten zurückkommt, die man dann irgendwie glaubt.“

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Und nun ist es soweit: Hier ist das Ding… Eine goldene Edition

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Autistisches Lesen¹ – Eine ganz persönliche Definition:

Ich definiere es für mich literarisch ganz vorsichtig so, dass ich ein Buch nur für mich erlebe. Eingeschlossen in einer eigenen Welt mit eigener Wahrnehmung. Ohne Zuversicht auf Verständnis im Umfeld. Abgekapselt. Und doch ist die Wahrnehmung auf dieser Insel unglaublich scharf und leuchtend. Bei diesem Buch kam es mir für mich so vor. Womit ich dem medizinischen Begriff nur metaphorisch nahekommen möchte. Ich mag hier nur ein Bild erzeugen, das ich selbst greifen kann. Ich möchte niemandem zu nahe treten, der an dieser Krankheit leidet. Aber ich stelle es mir vereinfacht so vor, dass dieses Bild treffend sein könnte.

Das kann man sich auch anhören²:

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache als Rezension für Ohr.

Mit nur einem Klick zur Audiofassung eines Artikels

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben [D.T. Max]

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

„Ein Leser sollte von Literatur absolut keine Ahnung haben, sonst ist er für den Schriftsteller verloren.“

Besser kann ich das Gefühl nicht beschreiben, das mich beim Lesen der Biografie Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von D.T. Max auf jeder Seite immer fester zu umklammern schien. Besser kann ich nicht erklären, warum mich dieses Buch aus dem Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch so betroffen gemacht hat und auch, warum es mich so getroffen hat.

David Foster Wallace und AstroLibrium - Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace und AstroLibrium – Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace ist ein wichtiger Teil meines Leselebens. Seine Romane und Kurzgeschichten begleiten mich durch warme, kalte, sonnige und dunkle Lesetage. Seine Bücher haben in mir Gedanken und Gefühle freigesetzt, die kein anderer Autor zutage gebracht hätte. Und dies alles, weil ich keine Ahnung von Literatur habe.

Wie ein kindlich naiver Erstleser bin ich David durch Unendlicher Spaß gefolgt, kehre mit dem „Besen im System“ immer noch meine verstaubten Gedanken frei und habe mich gelangweilt, als ich Der bleiche König war. Seine legendäre Anstiftung zum Denken – Das hier ist Wasser (Rede vor Absolventen des Kenyon Colleges) ist lebenslang verantwortlich für meine Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Ich habe sehr mit David gelitten, als ich in und zwischen den Zeilen seine tiefen Depressionen erlesen konnte. Habe mit ihm gejubelt, wenn ich im Buch merkte, dass sein Schreiben euphorisch Fahrt aufnahm und reagiere immer noch emotional, wenn man mich fragt, was ich angesichts seines Selbstmordes fühlte und fühle. Ich habe keine Ahnung von Literatur. Ich bin ihm blind gefolgt, weil er meine Seele traf. Ich habe ihn nicht analysiert. Dafür bin ich zu gering.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich bin den Geschichten gefolgt, so wie sie mich ereilt haben. Nicht chronologisch sortiert, nicht am Leben von David Foster Wallace ausgerichtet. Und schon gar nicht vor dem aufgeblasen trockenen Pseudo-Hintergrund rein theoretischer Überlegungen zur Literaturwissenschaft. Darf ich bitte so naiv sein? Darf ich auch einfach nur traurig sein, dass die Geschichten von David endlich sind? Es kommt kein neues Buch, es folgt kein neuer Gedanke, er schweigt seit seinem Suizid im Jahr 2008. Es folgen nur noch letzte Zuckungen in neu entdeckten Kurzgeschichten, die erstmals auch Deutschland erreichen.

Und nun lese ich eine Biografie, die mir den Menschen und Schriftsteller David Foster Wallace noch näher bringen möchte, als dies emotional bereits der Fall ist. Das ist schweres Lesen für mich, da ich meine Bilder habe, meine Illusionen, meine Tränen. Ich hätte David gerne kennengelernt. Ihn einmal nur gesehen, vielleicht. Und doch ahne ich, dass er durch seine Depressionen ein anderer Mensch war, als ich ihn mir als Erzähler vorgestellt habe.

Ich hatte Angst davor, dass D.T. Max David Foster Wallace seziert, ausweidet und gnadenlos interpretiert, weil er sich ja nun nicht mehr wehren kann. Widerspruch ist zwecklos. Sichtlich verständlich. Ich hatte Angst davor, dass ich eine rein literarisch wissenschaftliche Krankengeschichte lesen muss, die mir ein Bild vermittelt, das in der Lage sein könnte, meine Foster Wallace Bücher zu verbrennen. Sie mit den Gedanken eines anderen zu überfrachten und mein Gefühl zu zerstören.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich möchte mein Verhältnis zu David nicht theoretisieren, ich mag es absolut nicht versachlichen und ich mag es um Himmels Willen schon gar nicht verstehen. Ich hatte eine unglaubliche Angst davor, diese Biografie zu lesen. Insofern spiegelt der Titel „Jede Liebesgeschichte ist auch eine Geistergeschichte“ mein Verhältnis zu diesem Buch wider.

Ich habe vorsichtig gelesen. Ich habe auf mich aufgepasst und war ständig bereit, es zu beenden, wenn mein Lesen in Gefahr geraten sollte. Ich ließ es sogar zu, das D.T. Max behutsam begann, mir das Schreiben von David Foster Wallace chronologisch geordnet und an sein Leben angelehnt zu vermitteln. Ich ließ es zu, eine Kette von Erzählungen, Texten, Geschichten, Reportagen vor Augen geführt zu bekommen, die ich so bisher nicht wahrgenommen habe.

Ich habe mich auf diese Biografie eingelassen und bin ihrem Weg gefolgt. Ich habe all meine Bücher von David wiedergefunden. Alle Kurzgeschichten und auch sein erstes Gedicht, das Viking Poem, verfasst im Alter von sechs Jahren. Ich habe mich lesend mit diesen Büchern umgeben, als wollte ich sie der Biografie vorstellen. Ich habe meine Lebensartikel über David gelesen, die schon immer einen großen Teil meines Schreibens ausgemacht haben.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich konnte mich nicht mehr bremsen, weil D.T. Max behutsam mit mir umgegangen ist. Und nicht nur mit mir. Er geht auch mit David Foster Wallace behutsam um. Ich fühlte, dass dieser Biograf ebenso intensiv mit meinem Idol verbunden sein muss, wie ich es für mich in Anspruch nehme. Selbst seinem Schreibstil ist anzumerken, welcher Schriftsteller ihn mehr als beeinflusst haben mag. Und zwischen den Zeilen habe ich die Achtung gegenüber einem Menschen gespürt, die für mich der Türöffner zu dieser Biografie war.

Nun habe ich die letzte Seite beendet und sitze heulend vor einem Lebensweg. D.T. Max hat nichts in mir zerstört. Er hat mich bereichert um Hintergründe, Briefe, Korrespondenzen und Aussagen von Menschen, die David persönlich kannten. Er hat mir Anknüpfpunkte aufgezeigt, die vorher eher lose Enden waren. Er hat mir die lebenslange Unsicherheit, das Zweifeln, Zaudern und Verzweifeln eines Schriftstellers so nah gebracht, dass es schmerzte.

Er hat mir Zitate von David mit auf meinen zukünftigen Weg gegeben, die mir unbekannt waren, weil sie in Briefen versteckt ruhten. Zitate, die mich fortan begleiten werden und meine Beziehung zu David Foster Wallace vertieft haben.

„Es ist fast unmöglich, über das echte Leben zu schreiben, davon gibt es einfach so viel!“

Er hat mir Davids Beweggründe mehr als verdeutlicht. Die Gründe aus denen er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Richtung bewegt hat. Und darüber hinaus hat er den realen Menschen um David herum eine Identität gegeben, die mein Idol so gerne verschleiert hat, um sie und sich zu schützen.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben von D.T. Max

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Natürlich wird man diese Biografie an Universitäten und Schulen dazu hernehmen, ein Phänomen zu erklären. Natürlich werden Leser mit neutraler Ausgangsposition auf einer sachlichen Ebene in ausgesprochen seriöser und fundierter Art und Weise über einen der außergewöhnlichsten Schriftsteller unserer Zeit umfassend informiert.

Und ja – auch die Verliebten werden mitgenommen. Bis zum bitteren Ende. Bis zu jenem 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien. Ein zweiseitiger Abschiedsbrief – eine Garage voller Notizen und Manuskriptseiten – zwei Hunde – eine Ehefrau und eine Literaturwelt, die ins Mark getroffen war. Und Leser, wie mich…

Als im „Unendlichen Spaß“ jemand stirbt, wird er mit Hochgeschwindigkeit über die Glaspalisaden nach Hause katapultiert und schwebt nach Norden, und er stößt „einen glockenhellen und fast mütterlich besorgten Ruf zu den Waffen in allen bekannten Zungen der Welt aus“.

Daniel.T. Max hat diesen Ruf hörbar gemacht.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich darf meine Artikel zu David ans Herz legen, womit ich auch seine Bücher ans Herz lege. Eine in Deutschland unbekannte Kurzgeschichte von David wird 2015 bei KiWi erscheinen. Ich werde sie lesen. In all meiner Naivität und Liebe.

Sehr lesenswert auch der Artikel von Jochen Kienbaum auf „Lustauflesen… Lasst euch überraschen. Man kann auch sachlich über David Foster Wallace schreiben. Eine Gabe, die ich verloren habe 😉

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Der bleiche König” (orig. The Pale King) – der totale literarische Gegenentwurf zu Unendlicher Spaß von David Foster Wallace hat mich viele Wochen lang begleitet und tiefe Eindrücke hinterlassen. Es ist ebenjener David Foster Wallace, der am Ende seiner Kraft, gezeichnet vom unerträglichen Leidensdruck seiner Depressionen und nach unzähligen vergeblichen Therapieversuchen seinem Leben am 12. September 2008 ein Ende setzte und sang- und grablos von der großen Bühne der Weltliteratur verschwand.

Es ist jener David Foster Wallace, der unvollendet aus seinem Leben schied. Er ließ neben seiner geliebten Frau und seinen beiden Hunden eine ganze Garage voller Manuskript-Fragmente zurück, die erst nach sehr intensiver und umfassender Sichtung durch Experten einem neuen Werk zugeordnet werden konnten. Es sind seine allerletzten Worte als Schriftsteller. Es sind mehr als große Worte und sie stellen sein literarisches Vermächtnis dar. In den USA avancierte der Roman The Pale King zum viel bejubelten Bestseller, wurde sogar für den Pulitzer-Preis nominiert und selbst schärfste Foster Wallace-Kritiker strecken inzwischen reihenweise ihre Waffen.

David Foster Wallace hat mit seinem großen Lebenswerk meinen Lebensweg verändert, so wie seine legendäre College-Abschlussrede Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken das Leben junger Schulabgänger verändert hat. Seinen letzten Roman lesend, wurde mir jedoch schnell klar, dass ich dieses große Fragment-Puzzle nicht rezensieren kann, wie einen in sich geschlossenes Roman. Ich habe meinen Weg in seinen Etappen für mich festgehalten und veröffentliche meine Gefühle, Assoziationen und Erlebnisse als Leser von „Der bleiche König“ (Kiepenheuer und Witsch). Aber auch dieses Mosaik ergibt ein Bild – Das Bild meines Lesens!

foster wallace spacer astrolibrium

Vielleicht kann ich auch Euch verführen – und wenn nicht, dann warne ich vor den Büchern von David Foster Wallace… Im Folgenden könnt ihr sehen, was sie mit ihrem Leser anstellen. Lasst uns einfach beginnen:

Emotional wird „Der bleiche König“ für mich bereits im Vorwort des Autors. Er tritt erstmals in einem seiner Bücher persönlich auf und spricht mich an. Nach einem langen gemeinsamen Lesensweg, und um das tragische Ende seines Lebensweges wissend, ist dies ein Moment, der sich tief ins Herz eingräbt:

„Aber das bin ich jetzt als echter Mensch, David Wallace, vierzig Jahre alt… und ich wende mich an sie, um ihnen mitzuteilen: Dies ist alles wahr. Dieses Buch ist wirklich wahr.“

HALLO DAVID, SCHÖN DICH ZU LESEN. Ich lasse mich auf Dein Spiel ein… jetzt.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Was für ein wundervolles Spiel… was für eine einzigartige Verwirrung… was für eine Konfusion, die mich schon zu Beginn des Romans beschleicht:

„Die in diesem Buch beschriebenen Figuren und Ereignisse sind fiktiv!“

Diesen Haftungsausschluss kennt man ja schon. Was aber, wenn der Autor eines Romans eigenhändig auf Seite 73 auftaucht (und damit natürlich auch wieder als fiktiv zu bewerten ist) und behauptet: „Dies ist alles wahr“ (was natürlich demnach ebenfalls fiktiv ist). Umschlossen vom Haftungsausschluss liest man diese fiktiven Zeilen und taucht tief in der Welt eines David Foster Wallace…

Aber er wäre nicht er, wenn er nicht für helle Aufregung sorgen würde, indem er still und leise behauptet, dass das einzige fiktive Element des Romans der vorgebrachte Haftungsausschluss im Impressum des Buches sei.

Damit hebt er den Roman selbst auf die Ebene eines Sachbuches, ja, gar einer Autobiografie und wir dürfen nur zweifeln, ob er das auch wirklich so meint, wie er es schreibt. Denn wenn dem so sein sollte, dann ist der Haftungsausschluss der kürzeste Roman der Literaturgeschichte und ist doch nur Einleitung für ein eigenständiges biografisches Werk.

Herrlich – traue nie einer Verpackung, lasse dich in den Inhalt treiben und dort warten die wahren Überraschungen. Wie im Leben ereilt den Leser auch hier die Erkenntnis an einer Stelle im weit fortgeschrittenen Flickenteppich eines prachtvollen Gobelins aus meisterlicher Feder. Im Vorwort des Autors… auf Seite 73 unmittelbar nach Kapitel (§) 8!!!

Anmerkung [1]: Diese Zeilen von mir sind nicht fiktional… Absolut nicht… Nur ich selbst bin inzwischen fiktiv, womit sich ein Haftungsausschluss völlig erübrigt…

David zu lesen ist für mich immer noch eine Mischung aus purem Vergnügen und harter geistiger Betätigung. Es erschöpft und befreit zugleich. Und dabei ändert jede Zeile die Selbsteinschätzung und den tiefen Glauben an die absolute Perspektive in einer großen Geschichte… Entschuldigung, ich beginne wieder abzuschweifen, aber es geht nicht anders…. Absentiertes Lesen führt zu isolierten Bildwelten…..

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Es geht nur langsam… Das Lesen unter intensiven Bedingungen… immer mal ein paar Seiten. Aber wenn ich dann in den ruhigen Minuten in „Der bleiche König“ von David Foster Wallace eintauche, dann komme ich genau in diesen Minuten in einer eigenen Welt an und betrete eine einsame Insel.

Protagonisten fliegen an mir vorbei und hinterlassen dauerhafte Spuren. Die kleine Toni Ware, ein junges Mädchen, dessen Leben von Missbrauch gekennzeichnet ist und unter dem Motto „Im einen Auto gezeugt – im anderen geboren“ steht. Ein junger Mann, der so gut und warmherzig ist, dass er seine Umgebung mit seinem Gutmenschentum in den Wahnsinn treibt und ein junges Pärchen, dem der Mut zur Liebe fehlt, was einem ungeborenen Leben das ungeliebte Leben kosten wird.

Es geht langsam – das Lesen – aber jedes Wort auf dieser einsamen Insel erinnert mich an vieles und weckt Gefühle, die ich kenne, wenn ich mich in David verliere. Es ist ein abstinentes Lesen, da man anderen Büchern für lange Zeit entsagen muss. Es ist ein weitgehend einsames Lesen, da man kaum auf Menschen trifft, die David in der Hand halten.

Es ist ein einzigartiges Lesen, da es einzig ist und bleibt. Während vieles andere verschwimmt und sich entgrenzt… David ist und bleibt David…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Nachdem man schier verzweifelt auf der Suche nach dem eigentlichen Protagonisten des Romans ein wenig unschlüssig über der Druckfahne liegt, beginnt sich die Einsicht mit Donnerhall seinen Weg zu bahnen…

In zeitlosen Rückblenden und Zeitsprüngen von Schicksal zu Schicksal zeigt sich die eigentliche Dynamik der Handlung. Wenn eine starre Steuerbehörde als Institution den Kern des Buches bildet, dann sind alle Individuen die eigentlichen Protagonisten und wir erfahren, dank David Foster Wallace, mehr von ihnen, als uns lieb sein kann. Sie purzeln an uns vorbei, aber sie hinterlassen bleibende Eindrücke.

Es handelt sich nicht um Abziehbilder ihrer Selbst… Sie sind greifbar mit all ihren Schwächen und der einzigartigen Vita, die jedem Charakter zugrunde liegt. Erst so können wir uns vorstellen, welche Einzelschicksale sich in der Behörde versammelt haben, um ihrem langweiligen Job nachzugehen…

Nehmen wir David Cusk, dem es in seiner Jugend eigentlich ganz gut geht. Wäre da nicht ein Leiden, das ihn – in sich und in seinem Umfeld – zum Außenseiter werden lässt. Er schwitzt. Er transpiriert nicht, nein, er schwitzt wie ein Schwein und das in den unmöglichsten Situationen. Der Schweiß fließt ihm in endlosen Sturzbächen über das verzweifelte Gesicht und er versucht unzählige Tricks, um sein Leiden zu besiegen.

Er hält sich von Heizungen fern, geht nur im Hemd durch die winterliche Landschaft oder packt sich in Zwiebelschichten aus Bekleidung ein, um mehr ausziehen zu können, wenn das Wasser fließt. Und das Schlimmste überhaupt… je mehr er an seine Schwäche denkt, desto intensiver wird die Gefahr eines Schweißausbruchs. Es ist wie mit jedem Schicksalsschlag… je mehr Gedanken man verschwendet, desto größer wird die Angst…

Und schon fließen auch dem Leser die ersten zarten Rinnsale den Rücken herunter und man erwischt sich, wie man sich die Stirn immer häufiger abwischt… Im Schweiße meines Angesichts lese ich weiter und versuche dabei absolut erfolglos die Gedanken an Schweißperlen zu verdrängen….

Und noch mehr verdränge ich den Gedanken daran, wie dieser Junge später in feinem Anzug in einer Steuerbehörde überleben kann…. Da läuft mir der kalte Schweiß den Rücken runter….

Jetzt transpiriere ich schon wieder vor mich hin. Es fließt halt einfach so…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Ein Roman, in dessen Mittelpunkt die oberste Steuerbehörde eines Landes steht beschäftigt sich fast zwangsläufig auch mit denjenigen „Kunden“ dieser Institution, die ein lockeres Verhältnis zur geltenden Rechtsauffassung haben.

Und hier ist David so zeitlos und präzise, wie man es sich nur wünscht. Denke ich an einen ganz bestimmten „Steuersünder“ in unserem Land, der kaum verstehen kann, warum eine Selbstanzeige nicht automatisch einen (auch moralischen) Freispruch nach sich zieht, dann empfehle ich die folgenden Zeilen genau zu lesen und sie sich auf der geneigten Steuerzahler-Zunge zergehen zu lassen:

„Wenn Sie die Einstellung eines Menschen zu Steuern kennen, dann können Sie sich einen Begriff von (seiner) ganzen Philosophie machen. Wenn man das Steuerrecht erst einmal durchdrungen hat, umfasst es das ganze Wesen des (menschlichen) Lebens: GIER, POLITIK, MACHT, GÜTE, BARMHERZIGKEIT…“

Diese Zeilen im Kopf ändern meine Perspektive deutlich. David Foster Wallace schickt seine Botschaft auch nach Bayern. Man muss sie nur verstehen, dann versteht man die Maßlosigkeit anders… nämlich als selbst gewähltes Maß der Dinge… Ich denke zu viel in diesen Tagen, aber auch das geht vorbei…

Besonders interessant ist dieser Gedanke, wenn man sich vor Augen hält, dass ebenjener mutmaßliche Maßlose vor Jahren einem nicht ganz namenlosen Fußball-Trainer wegen Drogenkonsums Unzuverlässigkeit in allen Lebenslagen unterstellt hat…. pars pro toto… Nun muss er Ähnliches zu seiner Integrität erdulden… moralisch im Abseits… und die Schiedsrichter haben es bereits gepfiffen

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Wo liegt die wesentliche Stärke eines Jahrhundertromans?

Einerseits sollte er einzigartig sein und andererseits mit völlig neuen Perspektiven aufwarten. Nehmen wir zum Beispiel den komplexen Apparat der US-amerikanischen Steuerbehörde. Fragt man die Bürger des Landes, dann handeln in ebendieser Behörde absolut gesichtslose Akteure, die im System so sehr aufgegangen sind, dass sie ihre Identität nur noch an der eigenen Steuernummer festmachen.

Und nun kommt ein Autor, der nicht nur den Blick hinter die Kulissen wagt, sondern sich selbst in die Rolle eines dieser kleinen Institutions-Rädchen versetzt. Er erzählt aus seiner Sicht und verleiht den bleichen Schicksalen der Behörde eine ungeahnte Tiefe. Wer sich auch immer verzweifelt auf die Suche begeben mag, wer denn nun der wahre „Held“ des Romans ist, der wird sich schnell mit dem Gedanken anfreunden, dass die Suche nach dem Ganzen den Blick auf das Mosaiksteinchen schärft und es auf diese Weise gelingt, jedes noch so kleine Steinchen zum Hauptdarsteller mutieren zu lassen.

Allein die Vorstellung, dass man am Ende des Buchs nicht nur unfassbar viele Akteure mehr als gut kennt, versteht und nicht beneidet.. Man hat ihren Weg verfolgt und liest sich in ein System hinein, das nicht ansatzweise so komplex ist, wie jeder einzelne seiner Mitarbeiter.

David Foster Wallace gelingt wirklich ein großer literarischer Wurf... Er spiegelt einen Roman in Richtung seiner Leser, denn wer von uns hatte noch nie das Gefühl, nur anonymer Teil einer Masse zu sein… unterzugehen im System und schließlich auch ersetzbar durch das nächste willfährige Rädchen, das sich frisch geschmiert in Rotation versetzen lässt?

Ein gesellschaftspolitisches Meisterstück, weil man gar nicht merkt, dass es eines ist. Indirektes Lesen… das Verständnis kommt ungezügelt genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet… Und so macht er den Protagonisten seines Romans das schönste Geschenk: er verleiht ihnen Identität; Kontur; Ecken und Kanten…. sie leben….Und weil sie leben, beginnen auch die Leser des Romans wieder zu leben… aufzuatmen und sich nicht mit dem System abzufinden… großartig

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace ist kafkaesk….

Was er aber mit Franz Kafka gemeinsam hat? Ein Versuch der Annäherung:

Kafka gehört zu den größten, aber auch umstrittensten deutschen Autoren. Von Schülern gleichermaßen ungern gelesen, zutiefst gehasst und verflucht, da sie sich der Deutungshoheit der allwissenden Lehrkörper zu unterwerfen haben. Doch Kafka trifft keine Schuld.

Kafka hatte testamentarisch die Veröffentlichung seiner fragmentarischen Romane untersagt. Er wollte nicht, dass sie gelesen, gedeutet, zerfleddert oder kritisiert werden. Kafka muss genau gewusst haben, was mit seinen Unvollendeten passiert. David Foster Wallace nahm sich das Leben, bevor „Der bleiche König“ beendet war. In der Garage fand man die Manuskriptseiten, ordnete sie und veröffentlichte sie in der Hoffnung, dem Fragment einen Sinn gegeben zu haben.

Er konnte sich nicht dagegen wehren und falls heute jemandem dieses Buch nicht gefällt… immer daran denken… es ist kafkaesk, weil unvollendet und es lag nicht in der Absicht des Verfassers es so veröffentlicht zu sehen. Dies sollte man bedenken, wenn man leichtfertig schreibt… „unverständlich… unlesbar… was soll das…“

Davids Fragment ist ein fast fertiges Mosaik... ein gewaltiges Bild, auf und in dem man sich bewegen kann. Ein Kunstwerk – ich bin froh, dass man ein Buch daraus gemacht hat! Sehr froh… Franz Kafka und David Foster Wallace – Fragmentaristen auf der Suche nach dem großen Ganzen…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Nun hatte er endlich seinen schillernden ersten Auftritt. Der bleiche König, derjenige, der im undurchschaubaren System der US-amerikanischen Steuerbehörde alles, aber auch wirklich alles zu durchschauen scheint. Ja, die ultimative graue Eminenz Glendenning lässt im Gespräch mit ahnungslosen Mitarbeitern Weisheiten vom Stapel, die den Kern jeder modernen Demokratie im Kern erschüttern.

„Frag nicht was dein Land für dich tun kann… frag dich, was du für dein Land tun kannst!“ Diesen legendären Ausspruch von John F. Kennedy als roten Faden in der Hand haltend erteilt uns David Foster Wallace aus der klaren Perspektive Glendennings einen staatsbürgerlichen Unterricht allererster Güte.

David knüpft hier an die unfassbare Tiefe seiner legendären College-Abschlussrede Das hier ist Wasser – eine Anstiftung zum Denken an, die in ihrem genialen Perspektivwechsel Generationen junger Studenten beeinflusst und spiegelt dabei seine Haltung gegenüber Regierungen und Regierenden auf den Leser zurück.

David Foster Wallace - Das hier ist Wasser - Eine Anstiftung zum Denken

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken

Allein dieses Kapitel macht das gesamte Werk mehr als lesenswert.

Die Individualisierung des Menschen, der ständig wachsende Ich-Bezug und die Kritik am gewählten System sind Ursachen für die Wurzeln des Übels einer Demokratie. Nicht mehr das Gemeinwohl zählt… nein… durch Votum bei einer Wahl überträgt man diese sozialen Aufgaben dem Staat. Nur um dann genau gegen diese gesellschaftlich übertragenen Aufgaben zu rebellieren.

Steuerhinterziehung, Umweltverschmutzung und Kriminalität... Symptome einer kranken Gesellschaft, in der jeder nur noch auf sich schaut, aber doch voll berechtigtes Mitglied einer Gesellschaft sein möchte, wenn es darum geht, Sozialleistungen zu empfangen…Man sollte David zuhören… er spricht nicht nur von den USA… ein unfassbar facettenreiches Buch…!

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Es tut nicht weh!!!!!!!

Kaum kümmert sich das Feuilleton um den letzten Roman von David, kaum werden intellektuelle Leseschleifen angelegt, da entsteht auch schon der bleibende Eindruck, dass man es mit einem Buch für die literarische Elite unseres Landes zu tun hat. Vergleiche und Interpretationsansätze scheinen bezwecken zu wollen, dass der jeweilige Kritiker mit seinen jeweiligen Ergüssen signalisiert, dem Werk gewachsen und damit auch würdig zu sein.

DIESES BUCH IST NICHT ELITÄR!

Ich selbst gehöre definitiv nicht zur geistigen Elite dieses Landes – ich lese gerne ganz normale Romane und vertiefe mich in leicht greifbare Stoffe. Ich lese David Foster Wallace so leidenschaftlich gerne, weil ich ihn verstehe und er mich anspricht. Nicht gefährlich ist dieses Buch – wie man auf dem Bild sieht, man kann es sogar anfassen, ohne dass es dem Leser die Hand verbrennt. Es ist keine obskure Scharlatanerie, die hier betrieben wird und es ist in sich verständlicher als manch leicht zugängliches Werk.

ABER: Es verankert sich tief im Gedächtnis, es haftet sich fest, nistet sich ein und in den alltäglichsten Situationen wird man von Bildern angesprungen, die man eben noch gelesen hat. Das ist nicht elitär. Man ist auch niemand Besonderes, wenn man sich mit der Aura dieses Romans umgibt. Es ist letztlich nur ein Buch. Eines in einer ganz besonderen Art und von unfassbar seltener Struktur. Nicht der Autor gibt den Weg des Verstehens vor. Der Leser darf dies ganz alleine bewerkstelligen. Man legt sein eigenes Mosaik und ist Herr der eigenen Deutungshoheit.

WANN HAT MAN DAS SCHON?

Ich habe es angefasst und lege genau diese Hand für David Foster Wallace ins Feuer.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Wobei ich ja finde, ab einem gewissen Punkt sollte man einfach die Zähne zusammenbeißen und das Blatt, das man vom Leben erhalten hat, nach bestem Wissen und Gewissen ausspielen.“

Chris Fogle im 22. und absolut längsten Kapitel des Romans.

Die Annäherung an diesen jungen und rebellischen Mann fällt nicht leicht. Es ist umständlich, ihm durch Drogenkonsum und hunderte verpasste Lebenschancen, von Schulabbruch zu Schulabbruch zu folgen und sich dabei selbst als Spielball seiner Eltern sehend. Wir hätten ihn der sogenannten 68er Generation zugeordnet. Rebellisch und sich gegen Autoritäten auflehnend und trotzdem wie die Made im Speck im Hause der Eltern lebend. Ein Kampf gegen das System – aus dem System heraus. Bequem eben.

Und dann steuert dieses Kapitel mit Vater und Sohn in einen U-Bahnschacht… man ist in Eile… die Bahn muss erreicht werden, doch der Sohn lässt sich in stillem Protest ein bisschen zuviel Zeit. Vater wartet eine Sekunde zu lange. Eine Tür schließt sich. Ein Arm des Vaters im Wagen, der Rest des Vaters auf dem Bahnsteig. Langsame Abfahrt. Langsames Laufen. Doch bei ganz genau 87 km/h kann man das Laufen nicht mehr als solches bezeichnen.

Der Tod kommt rasend schnell und doch in einer literarischen Genialität verfasst, dass man eigentlich fliegt und doch in Zeitlupe zuschaut. Der Tod kommt unfassbar brutal. Ebenso brutal wie jahrelange Rechtstreite mit Bahnbetreibern und Gutachtern. Verantwortungskultur in Reinform.

Der Schuldige….? Nun, er muss damit leben, einen kleinen Moment zu lange zu still und zu langsam gegen den Vater protestiert zu haben. Eine tragische und tödliche Sekunde, die alles verändert.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

An manchen Lesetagen verfestigen sich Zitate aus dem großen letzten Buch unseres Lieblingsautors. Sätze wie Donnerhall, die eigentlich dem Schauplatz des Romans gelten: der amerikanischen Steuerbehörde und ihren Eigenarten als Institution nach innen und außen. Die Rolle der Mitarbeiter? Ganz klar auf den Punkt gebracht in einem Schlagwort, und genau diese Zeilen nimmt man mit in den Alltag. Fragend und zweifelnd – lachend wenn es nicht so ist, aber doch wachsam. Denn wehret den Anfängen:

„Wir suchen Zahnräder – keine Zündkerzen!“

Menschen in der aberwitzigen Welt unmenschlicher Großraumbüros:

„Das Auffallendste daran war die Stille. In dem Saal saßen mindestens 150 Männer und/oder Frauen, allesamt hoch konzentriert bei der Arbeit, und doch war der Saal so still, dass man eine Unregelmäßigkeit in der Türangel hören konnte… An die Stille erinnere ich mich am meisten, weil sie gleichzeitig sinnlich und unstimmig war…“

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Auf der Suche nach meinem Highlight des Lesens werde ich bei „Der bleiche König“ sehr schnell fündig. Zurückgezogen und allein gelesen… intensiv inhaliert und täglich neu verarbeitet… tausende von Eindrücken gespeichert und eine unglaubliche Vielzahl von Inspirationen auslösend. Fühlend, riechend, schmeckend, schwitzend und rasend bin ich dem Roman gefolgt – und er mir.

DER BLEICHE KÖNIG von David Foster Wallace ist ein Buch, das auf den ersten Blick wie eine uneinnehmbare Festung wirkt, die aber beim intensiven Blick in jeden einzelnen Raum des Komplexes ganz neue Perspektiven gestattet und eine Welt voller Emotionen zeigt. Mit David hat für mich vieles begonnen. Seine Bücher haben mir die Augen geöffnet.

Unendlicher Spaß“ war für mich Zeichen meines persönlichen Aufbruchs in eine Zeit an der literarischen Seite eines besonderen Menschen. „Der bleiche König“ stellt, wie ein sich schließender Kreis, den Schlusspunkt dieses Weges dar. Alles begann mit David und alles endet fünf Jahre später mit ihm. Was nicht endet, ist mein Weg an seiner Seite, denn ich hinterließ keine Garage voller Manuskripte. Ich trage sie immer bei mir. Auch wenn der letzte Satz geschrieben und das letzte Wort gesagt ist. Mein Lebenszitat aus seiner Feder wird zeitlos bleiben:

„Sie hat das Gesicht eines weiblichen Engels, weniger sexy als engelhaft, als hätte sich das Licht der ganzen Welt verdichtet und Gesichtsform angenommen. Oder so.“

Danke David – für alles…

David Foster Wallace - Mit einem Klick zu meiner ganzen Artikelwelt und mehr

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – Verlag Kiepenheuer & Witsch

Was ist, wenn man einen Schriftsteller vorbehaltlos verehrt? Was, wenn man fast alle seine Bücher und Essays gelesen hat? Was, wenn er Selbstmord begeht? Was, wenn euch dann jemand in einer Biografie diesen Menschen näherbringen möchte?

Ich hatte große Angst davor, dass diese Biofgrafie meine Bilder zerstört und mit Eindrücken überlagert, die ich niemals gewinnen wollte.

Warum ich die Angst verlor….

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben