Welt in Flammen – Literarisches Kopfkino von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Man nehme ein beliebiges historisches Datum in der gar nicht jungen Vergangenheit (vielleicht den 25. Mai 1940) und versetze sich dann als Autor tief in die Denkwelt der Menschen, die genau zu diesem Zeitpunkt ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Dann wähle man sich ein wundervolles Land aus (Frankreich zum Beispiel), in dem die eigene Geschichte beginnen soll, und schon hat man den situativen Rahmen für einen Roman.

Danach konstruiere man eine fiktive, aber bitte sehr plausible Ausgangssituation, die tragfähig genug ist um eine immerhin 800-seitige Handlung in Schwung zu versetzen und mit einer solchen Dynamik auszustatten, die dem geneigten zukünftigen Leser die buchigen Schweißtropfen ins Gesicht zaubert. Dabei achte man darauf, das beachtliche Kunststück zu vollbringen, einen auf den ersten Blick historischen Stoff so zu erzählen, dass er eine zeitlose Dynamik erhält, und die Auswirkungen von Geschichte auf unsere Gesellschaft mehr widerspiegelt, als man es auf den ersten Blick wahrhaben möchte.

Was noch fehlt ist ein literarisches Erzählbiotop, in dem man die soeben gestaltete literarische Freiheit fast grenzenlos ausleben kann, ohne dabei jedoch auszuufern und den roten Faden zu verlieren. Ein geschlossener Erzählraum bietet sich hier an und schon kann es losgehen mit einem Roman, der mit Sicherheit nicht als „historisch“ bezeichnet werden kann, aber das Zeug dazu hat, selbst Geschichte zu schreiben.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Schon sind wir mittendrin in einem der wohl außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres. „Welt in Flammenvon Benjamin Monferat (Wunderlich Verlag), vereint die skizzierte Ausgangssituation mit der großen Erzählkunst eines Autors, der bisher unter dem Namen Stephan M. Rother in sehr vielen Facetten von sich Reden gemacht hat. Schauspieler, Autor historischer Romane, Journalist und vieles mehr. Also ein absolutes Multitalent besonderer Güte, das uns nun auf eine besondere Reise entführt.

Frankreich liegt am Boden. Der Zweite Weltkrieg scheint bereits zu Beginn des Jahres 1940 verloren zu sein. Das Land steht kurz vor der Kapitulation. Und was könnte die geschundene französische Seele mehr verletzen, als die eigene bittere Niederlage in jenem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne einzugestehen, in dem man noch vor wenigen Jahren die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelte?

Wenn schon den Krieg verlieren, dann doch zumindest noch der Nazi-Diktatur einen emotionalen Tiefschlag versetzen, so lautet das Ziel der Resistance und es gilt schnell zu handeln, um den „heiligen“ Waggon außer Reichweite der Besatzer zu bringen. Was liegt näher, als eben diesen Waggon an den letzten Zug anzukoppeln, der das bedrohte Paris verlassen kann. Der Simplon Orient Express wird zum Fluchtfahrzeug für eine nationale Legende.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Nun hat er seine Ausgangssituation und auch seinen geschlossenen Erzählraum. Was könnte geeigneter sein, als ein durch das fast besetzte Europa fliehender Zug mit einer Mission und einer illustren Schar von Mitreisenden, die der nun immer rasanter werdenden Handlung ihren unvergleichlichen Stempel aufdrückt? Stephan M. Rother hat mit einem genialen Kunstgriff die Basis geschaffen, seine Leser einzuschließen, ihnen den Fluchtweg zu versperren und die Notbremsen durch Cliffhanger unerreichbar zu machen. Ein Luxuszug als Erzählraum. Volldampf voraus.

Hier treffen wir auf die lebenden Anachronismen, die den Orient Express zu einem Panoptikum der damaligen Weltordnung mutieren lassen. Gekrönte Häupter, die jetzt damit leben müssen, Gemeinschaftstoiletten zu benutzen. Eingefleischte Kommunisten in einem Zug, der als DAS Synonym für den Begriff Luxus steht. Überlebende eines Zarenhauses, denen in der eigenen Heimat keine Zukunft mehr gegönnt ist. Anhänger des grausamen Nazi-Regimes in geheimer Mission. Katholische Würdenträger, die im tiefen Gewissenskonflikt zwischen Wegschauen und Mitwisserschaft des Holocaust hin- und hergerissen sind. Deutsche Widerstandskämpfer auf der verzweifelten Suche nach Unterstützung. Und doch ist niemand an Bord dieses Zuges derjenige, der er zu sein scheint oder vorgibt.

Die Summe der Widersprüche an Bord des Orient-Express lässt eine Schnittmenge entstehen, die eine explosive Stimmung erzeugt, und sollte es einmal ein wenig ruhiger sein im Zug, dann hängt man unterwegs einfach einen Gesellschaftswagen an, der diese Bezeichnung wahrlich konterkariert. Den Luxuswagen der Führung des Dritten Reichs mit einigen offiziellen Vertretern der 1000-jährigen Machthaber. Ein bizarres Wechselspiel um neue und alte Machtansprüche beginnt. Historische Konflikte wechseln sich mit völlig neuen Brandherden ab, und der gesellschaftliche Schmelztiegel Orient Express lässt sich nicht mehr bremsen. Eine tolle Fahrt. Steigen Sie ein, bevor es zu spät ist, denn im letzten Waggon tickt etwas, das dort gar nicht ticken dürfte. 

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ebenso wenig, wie „Welt in Flammen“ ein historischer Roman ist, kann man diese Rezension als eigentliche Rezension empfinden. Mich hat das Buch in der typischen Leseumgebung eingeholt. Ich las es auf meinen täglichen Fahrten in Zügen und S-Bahnen und insofern ist meine Perspektive eine mehr als individuelle. Ich saß plötzlich nicht mehr auf einer kaum gepolsterten Bank, empfand nicht mehr die Eiseskälte eines ungeheizten Nahverkehrszuges, suchte nicht weiter nach doch nicht vorhandenen Speisewagen und verzehrte mich nach der Anwesenheit prominenter Mitreisender, die etwas zu erzählen hätten.

Ich fühlte die Seide der dicken Polster, dinierte mit gekrönten Häuptern und reichen Amerikanern, wurde vom Personal bestens umsorgt, erlebte die abendliche Umrüstung meiner Sitzbank in die gemütliche Nachtkonfiguration und genoss mein eigenes kleines Abteil im Simplon Orient Express. Ich schreckte verwirrt auf, wenn Schüsse durch den Zug peitschten und half dabei, eine Leiche im Tunnel aus dem offenen Waggon zu werfen (wobei ich mich nicht unerheblich erkältete) und ich erwachte irritiert an den Endstationen meines Lesens, die mich in die Realität zurückwarfen.

„Welt in Flammen“ löste ein Kopfkino-Erlebnis der ganz besonderen Art bei mir aus und ich werde die Fahrten mit diesem Buch niemals vergessen. Diese Erlebnisse teilte ich in kleinen Stationen auf meiner Facebookseite mit und als dann der Autor persönlich neben mit Platz nahm, und mir ein wenig mehr über eine Burg und einen besonderen Säbel erzählte, spätestens da war dieses Lesen eine der wundervollsten Buch-Erfahrungen für mich. Wie grandios man doch heute unterhalten werden kann und wie grandios diese Fehleinschätzung von der puren Unterhaltung doch sein kann… Das habe ich am eigenen Leib erfahren, denn…

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

In dieser persönlichen Fehleinschätzung liegt für mich der wahre Wert und die Größe dieses Romans verborgen, denn er hinterlässt bei aller guten Unterhaltung und der kurzweilig spannenden Atmosphäre eine Vielfalt von Gefühlen, die man erfühlen muss, um heutige Konflikte besser verstehen zu können. Stephan M. Rother gelingt es wie kaum einem zweiten Schriftsteller, diese tiefe Gefühlsebene so direkt indirekt zu erreichen.

Ich habe gefühlt, was es für einen Russen bedeutet, wenn er von Heimat spricht. Habe mit der stolzen französischen Seele tief in die Wunden der Geschichte geschaut. Habe das schlechte Gewissen katholischer Geistlicher angesichts der Ignoranz des damaligen Papstes gegenüber dem unsäglich schrecklichen Holocaust ertastet. Habe die wirre Machtgier winziger Usurpatoren geschmeckt, denen auf der Verstandesebene nicht beizukommen ist. Wurde Zeuge von grenzenlosem Fanatismus, der ungesteuert im fatalen Extremismus endet. Und ich habe die Leidenschaft gefühlt, die oftmals mehr Triebfeder ist als jede Ideologie.

„Welt in Flammen“ erzählt vielleicht gar nicht von einer vergangenen Welt, die sich selbst flambiert hat. Nach dem Lesen bleibt eine Gefühlsebene zurück, von der wir uns zu oft entfernen, um den Dingen rein versachlicht auf den Grund zu gehen. Konflikte werden Lösungen zugeführt, die das Gefühl der Betroffenen in keinster Weise beachten. Diese indirekte Injektion hat gesessen und ich hoffe, dass viele Leser dieses Gefühl teilen, wenn sie den Orient Express verlassen. Denn man verlässt ihn verändert.

„Die Würde dieses Buches ist unantastbar“, weil es dem Wesen des Menschen im Gestern, Heute und Morgen vorurteilsfrei gerecht wird und Ideologien an den Pranger der Realität stellt. Ein großes Buch und eben weil es nicht rein historisch, sondern eher perspektivisch ist, auch ein Roman, dem ich in meiner ganz eigenen Leselandschaft Vergissmeinnicht unter den Büchern gegen das Vergessen einen großen Bahnhof mache.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ich liebe es, von Autoren mehrfach in eine ganz besondere Zeitmaschine verfrachtet zu werden und dann Kopfkino in Großformat zu erleben. Benjamin Monferat / Stephan M. Rother hat in seinem letzten Roman die „Welt in Flammen“ gesetzt und ich musste 1940 im Simplon Orient Express aus Paris fliehen, nur um erneut in die Stadt an der Seine zurückzukehren.

Gleicher Ort, gleicher Autor, doch irgendwer hat an der Uhr gedreht. Wir schreiben das Jahr 1889 und der Eiffelturm ist funkelnagelneu. Die Weltausstellung steht vor der Tür und es könnte so schön sein, wäre nicht genau diese Welt politisch aus den Fugen geraten.

Paris – Tummelplatz der Intrigen und Verschwörungen. Ich fürchte, der Herr Autor hat auch diesmal gewaltig gezündelt. Auf nach Paris. Ganz nach oben auf den Turm der Welt. Encore une fois.

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft...

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft…

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6 Gedanken zu „Welt in Flammen – Literarisches Kopfkino von Benjamin Monferat

  1. Ich habe das Buch mit vielen Gefühlen verlassen, könnte die aber nie so formulieren wie du es getan hast. Mir ist sehr nah gegangen, was man für seine Heimat Russland empfinden kann. Diese Beschreibung hatte was von Tolstoi. Deine Rezi, die gar keine ist und sein will ist purer Luxus.

    • Alexa, Danke für deine Zeilen. Ich habe Tolstoi intensiv gelesen vor Jahren und ich fühlte mich in seine Schreibstimmung versetzt, wenn ich jetzt las, wie ein Russe fühlt, wenn es fürihn um das Land seiner Väter geht. Da hatten wir den gleichen gedanken…

      Und zum Luxus… der hat gesessen…

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