Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Anthologie

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Zehn Jahre ist es nun schon her, seit David Foster Wallace Selbstmord begangen hat. Unvergessen sind seine Werke, die sich mit jeder einzelnen Faser ihres Seins vom üblichen Mainstream abhoben. Unvergessen, der „weiße Klotz“, mit dem so viele Leser noch heute die größte Herausforderung ihres Lebens verbinden. „Unendlicher Spaß“, die wohl wichtigste Unterhaltungspatrone, die David jemals abgefeuert hat. Ein Roman, den man einfach besitzen musste, den man kaum wirklich greifen konnte und der doch so tief in meinem Gedächtnis verankert ist, weil er den eigentlichen Point-Of-No-Return meines Lesens darstellte. Fernab von allen fein konstruierten Geschichten entwickelten die Protagonisten dieses 1522 Seiten umfassenden Kultromans ein Eigenleben, das im Laufe des Lesens anderer Bücher immer wieder aufzuflackern schien. Drei Monate war ich mit diesem Werk beschäftigt. Es war für mich der Jakobsweg des Lesens. Literatur in ihrer höchsten Ausprägung. (Weiterlesen oder hören – Sie entscheiden selbst)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Rezension fürs Ohr

Seitdem sammle ich Bücher, Essays und andere Texte von David Foster Wallace. Im Wissen um die Tatsache, dass sein Lebenswerk überschaubar und endlich ist, weiß ich den Wert einer unveröffentlichten Kurzgeschichte aus seiner Feder zu schätzen und zelebriere jeden neuen Moment in und zwischen den Zeilen seiner Kompositionen. Seit vielen Jahren schreibe ich regelmäßig über David Foster Wallace. Wir sind beide 1962 geboren. Er sprach oft darüber, dass es eine große Herausforderung im Leben ist, sich nicht schon im Alter von dreißig oder fünfzig Jahren selbst zu erschießen.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

„Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.“

Dieses Zitat stammt aus seiner legendären Abschlussrede vor Absolventen des Kenyon Colleges, die er im Jahr 2005 hielt. Nur drei Jahre, bevor er freiwillig aus dem Leben schied. Unter dem Titel „Das hier ist Wasser“ wurde diese Rede veröffentlicht und gilt seitdem als die meist-zitierte Botschaft an junge Menschen, die am Ende ihrer schulischen Ausbildung auf die Menschheit losgelassen werden. Insofern haben diese Worte nachhaltige Wirkung auf kommende Generationen. Zeitlos, weil eine Rede eben nicht nur eine Rede blieb, sondern ihren Weg in ein kleines bedeutendes Büchlein fand. Zehn Jahre ist es nun her, seit diese bedeutende Stimme für immer verstummt ist. Und doch bleibt sie unvergessen, weil der Verlag Kiepenheuer und Witsch dem Nachlass dieses bedeutenden US-amerikanischen Schriftstellers treu bleibt.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Sein Lebenswerk findet man in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach nur hier. Von den großen Werken bis zu den kleinen Texten, von ersten Auftragsarbeiten bis zu literarischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Krankheit. Von der Langeweile bis zum Spaß. Ein Regalmeter meines Lesens gehört David Foster Wallace. Wobei ich mit jeder veröffentlichten Zeile ahne, dass es die letzte sein könnte, die publiziert wird. Der zehnte Todestag des Autors ist also in vielerlei Hinsicht Grund genug, an ihn und seine facettenreichen Texte zu erinnern. Dass man dies in Form einer Mammut-Anthologie all seiner Essays und Reportagen versucht, ist für mich eine literarische Sensation. Es sind fulminante 1088 Seiten, die fast alles umfassen, was David jemals neben seinem Hauptwerk geschrieben hat. Der Titel wird seinem Inhalt gerecht:

Der Spaß an der Sache

Es ist ein monumentales Buch, das wir in Händen halten dürfen. Es ist ein Buch, in dem sich Texte wiederfinden, die bereits als eigenständige Bücher literarisch für Furore gesorgt haben. Hier sind sie versammelt, wie an einem Lagerfeuer, das zum Gedenken an David entzündet wurde. Hier finden wir die großen und kleinen Gedankenflüge einer schriftstellerischen Karriere in einem „silbernen Klotz“ vereint. Neben seiner Rede „Das hier ist Wasser“ findet sich seine Kreuzfahrtreportage „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ und seine nachhaltig sarkastische Reportage über seinen Besuch eines Lebensmittel-Festivals. „Am Beispiel des Hummers“ ist in der Lage, aus absolut überzeugten Feinschmeckern eingefleischte Vegetarier zu machen. (Was für ein feiner Widerspruch.)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Am 12. September jährt sich der Tag, an dem er von seiner Frau Karen Green tot in der Garage gefunden wurde zum zehnten Mal. Ohne Abschiedsbrief, umgeben von den Manuskripten und Notizen, die sein künftiges Schreiben skizzierten. Es gibt kein Grab, es gibt kein Denkmal, es bleibt nur das Sehnsuchtszeichen seiner Frau, die den Verlust mit den Worten „Hard to fill“ und einem Foto von Davids Schuhen dokumentierte. Jetzt zeigt sich in einem Mammut-Buch, dass es wirklich schwer ist, diese großen Schuhe zu füllen, die er seinen literarischen Nachfolgern hinterlassen hat. Vielen sind sie ein paar Nummern zu groß. „Der Spaß an der Sache“ zeigt nachhaltig, was einen Schriftsteller ausmacht. Ein Lebenswerk, das nicht auf einen Schlag gelesen werden muss oder soll. Hier kommt es auf die Dosierung an. Das ist der unendliche Spaß, den man mit diesem Buch haben kann.

Worauf jedoch lässt man sich ein, wenn man sich den „silbernen Klotz“ ans Bein bindet? Ist das nur etwas für wahre Foster-Wallace-Fans oder kann man es mit einem kulinarischen Ausflug in die Haute Cuisine der Literatur vergleichen, der auch für ganz normale Leser taugt? Ich bin da aufgrund meiner Leidenschaft natürlich nicht neutral. In ein gut sortiertes Bücherregal gehört zumindest ein David-Foster-Wallace. Warum also nicht einer, der ihn gleich enzyklopädisch näherbringt? Warum nicht eine nach Themen sortierte Collage eines Lebenswerkes? Und diese Themen haben es in sich.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Man findet Essyas und Texte zu den Überschriften:

Tennis
Ästhetik, Sprache und Literatur,
Politik,
Film, Fernsehen und Radio,
Unterhaltungsindustrie und
Leben

Natürlich darf hier auch Der große rote Sohn nicht fehlen. Die facettenreiche und tiefgründige Abrechnung mit der amerikanischen Porno-Industrie. Hier ist nicht nur der Sohn rot, hier wird es auch der Leser. Garantiert. Und wer noch nicht genug von einem der wesentlichen Stilmittel Davids hat, der findet im Essay „Der Moderator“ einen wohl völlig neuen Zugang zu den zahllosen Fußnoten, die schon fast zum Synonym für sein Schreiben wurden. In diesem Text kann man mit Fug und Recht behaupten, dass jene Fußnoten den Umfang des eigentlichen Inhalts der kleinen Geschichte in den Schatten stellen. 

Selbst für mich gibt es in diesem Werk noch unglaublich viel Neues zu entdecken und ich kann schon jetzt vorhersagen, dass ich mich an besonderen Tagen aus reinem „Spaß an der Sache“ mit diesem Buch auseinandersetzen werde. Einatmen, ausatmen werden die Devisen für diese neuen Begegnungen sein. Ich weiß schon jetzt, dass ich längst nicht alles verstehen werde, was David geschrieben hat. Darum geht es für mich allerdings schon lange nicht mehr. Es ist eher das „Wie“ seines Schreibens, das mich mit jeder Faser dieses Mammut-Buches fesseln und inspirieren wird.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

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Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

„Unendlicher Spaß“ – Ein Lebenstraum wird hörbar wahr

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Dieser Artikel sei mir bitte bereits verziehen, bevor er geschrieben wurde, dient er doch hauptsächlich der Beweihräucherung meines eigenen Egos. Selten kommt es vor, dass ich mich bei Rezensionen oder Buchvorstellungen in den Mittelpunkt stelle, jedoch hier gestehe ich, ich kann nicht anders. Wenn ein Lebenstraum real wird, der nur mir im tiefsten Inneren das Gefühl verleiht am Ziel angelangt zu sein, dann sei es gestattet darüber zu schreiben. Besonders, wenn es sich um die rein literarische Traumerfüllung eines leidenschaftlichen Liebhabers handelt.

David Foster Wallace als einen meiner Lebensautoren vorzustellen oder seine Bücher als meine Seelenbücher zu präsentieren, gleicht an dieser Stelle dem sprichwörtlichen Tragen gefiederter Nachtvögel in die griechische Hauptstadt. Freunde von AstroLibrium wissen seit vielen Jahren, was mich antreibt, bewegt, erschüttert, begeistert und immer wieder emotional in die Tiefe meines Geistes abtauchen lässt, wenn ich von David und seinen Büchern schreibe oder spreche. Man weiß inzwischen allzu gut, wie lange mich der „Unendliche Spaß“ beschäftigt hat, wie viele Bücher ich nicht lesen konnte, weil ich mich fast drei Monate in einen weißen Klotz verabschiedete, der mich nie wieder ganz ins freie Lesen entlassen hat. Wer dies wirklich alles nachlesen möchte, der möge bitte den unten angefügten Links folgen, die diesen Lebensweg flankieren.

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Doch was bleibt am Ende des Lesens? Was bleibt von mir nach dem letzten Satz im letzten Kapitel eines Buches, das er gerade noch schrieb, als er beschloss, freiwillig in den Tod zu gehen? Bleiben nur die Bücher in meinem Foster-Wallace-Regal? Bleiben nur die Artikel, die ich schrieb? War ich wirklich Teil eines Lebensweges oder habe ich nur passiv konsumiert? Wo war ich aktiv? Wo habe ich Spuren hinterlassen? Fragen, in die ich oftmals tief versank, ohne sie zufriedenstellend beantworten zu können. Warum ich dies so ausführlich beschreibe? Weil ich eine Antwort fand, einen Ausweg, der nicht nur in der Welt des Internets Spuren hinterlässt, sondern greifbar zeigt, dass ich David Foster Wallace nicht nur passiv meinen Tribut gezollt habe.

Und dabei begann es doch im Internet. Ich entdeckte das größte Hörbuchprojekt für Fans der Bücher von David Foster Wallace eher zufällig und war sofort begeistert. Das OnlineAudioProjekt von WDR3, Bayern 2, Deutschlandfunk und Kiepenheuer und Witsch basierte auf der Idee, selbst Teil vom „Unendlichen Spaß“ werden zu können. Man durfte sich eine Seite dieses Romans reservieren, um diese dann wie ein normaler Hörbuchsprecher einzulesen. Und schon war man dabei. Das Besondere des Projektes war die Realisierung eines Wunschtraums von David Foster Wallace. Er hat sich für die Hintergrunduntermalung immer eine „Goldene Maschine“ vorgestellt, die rund um die Uhr Musik komponiert. Und genau so ist der musikalische Background entstanden. So wird „Der Unendliche Spaß“ mit der „unendlichen Komposition“ zum „unendlichen Spiel“.

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Ich bin doppelt dabei. Zwei Seiten habe ich eingelesen. James Incadenzas Vortrag über ein skurriles Tennisspiel unter Aufsicht seiner Mutter und mit aufgeschürftem Knie; Seite 243. Das Tennisspiel mit Schürfeffekt kann man hier hören: Kapitel/Szene 1550. Diese Szene dauert fast eine Stunde und ich bin ab Minute 53,48 zu hören. Die zweite Passage handelt von Orin unter einem umgedrehten Glas; Seite 1396. Für alle Welt hörbar in Kapitel/Szene 28188. Soweit, so gut, könnte man vielleicht meinen, doch was nach Abschluss des Online-Projektes im Hause Der Hörverlag geschah, hätte ich nicht erwartet. Das gesamte so entstandene Hörspiel wurde tatsächlich auf CDs gepresst, in einer hochwertigen Edition veröffentlicht und ist jetzt greifbar. Antastbar.

Nun steht der Schuber mit seinen 10 CDs vor mir. Als Gold-Auflage könnte man es bezeichnen, was hier greifbar das Licht der Hörbuchwelt erblickt hat. 80 Stunden eines unendlichen Spaßes wurden hier auf einen Schlag veröffentlicht. 1400 Seiten mit 1400 Sprechern in einer goldenen Kassette mit einem Booklet, in dem das gesamte Projekt beschrieben ist und alle Sprecher namentlich Erwähnung finden. Es ist vollbracht. Hier schlägt mein Ego Purzelbäume des Stolzes, Pläne für eine eigene Lesereise entstehen und Signierstunden spielen sich in meinem Kopf ab. Nicht nur in der Welt des Digitalen. Nein. Diesmal ganz in echt steht ein Werk von David Foster Wallace vor mir, das mein ganzes Lesen verändert hat. Darf ich das für mich feiern? Darf ich es zelebrieren, auch wenn dieses Hörspiel sicher nicht für jeden Hörer geeignet erscheint? Ich denke schon, denn das hat diese Produktion mit dem Buch gemeinsam. Es ist für Liebhaber verfasst. Es taugt nicht für den Mainstreamgeschmack. Es ist eigen. Das macht es für mich aus.

Und jetzt her mit dem Deutschen Hörbuchpreis 😉

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David Foster Wallace – Der große rote Sohn (FSK 18)

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

So kannten und so liebten wir ihn. David Foster Wallace, der sich zeitlebens auf der Suche nach der perfekten Story im Niemandsland zwischen grenzenloser Unterhaltung und endloser Langeweile getummelt hat und dessen literarische Begabung polarisierte, wie es kaum einem zweiten US-Schriftsteller jemals gelang. Entweder man liebt ihn und versteht ihn nicht, oder man hasst ihn und versteht ihn nicht. Deutlicher lässt sich wohl kaum zum Ausdruck bringen, welch ambivalente Gefühle sein Schreiben ausgelöst hat.

Der unendliche Spaß“ als fulminante Unterhaltungspratone und „Der bleiche König“ als der große Gegenentwurf in Sachen kultivierte Langeweile haben die Literaturwelt in ihren Grundfesten erschüttert und dem Schriftsteller, der sich am Ende aller Depression selbst aus dem unendlichen Spiel nahm, ein bleibendes Denkmal gesetzt. Aber es sind nicht nur die beiden dicken weißen Klötze, die er uns hinterließ. Es sind nicht nur diese Werke, die monatelange literarische Monogamie verursachen, wenn man sie liest, nein, es sind auch unzählige Essays und Fingerübungen, in denen er sein Talent zeigte und die immer noch für Erstaunen sorgen, wenn sie posthum veröffentlicht werden.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

Seine Kurzgeschichten, Essays und Auftragsarbeiten bieten auch heute noch einen reichhaltigen Fundus an potenziell neu zu übersetzenden Werken. Zuletzt war es „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“, der uns in Davids Depressionen entführte, und nun ist mit Der große rote Sohn eine Reportage bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, die eine ganz wichtige Lebensphase des Autors widerspiegelt. Auch hier handelt es sich erneut, wie in seinen beiden Büchern „Am Beispiel des Hummers“ und „Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“ um eine Auftragsarbeit, die aus Sicht des erneut überraschten Auftraggebers wieder Erstaunliches zutage förderte. Diesmal jedoch zu einem Thema, das David Foster Wallace schon seit den frühesten Anfängen als Autor immer wieder nachhaltig beschäftigte.

PORNOGRAFIE

Er besuchte 1998 im Auftrag der Zeitschrift Premiere eine außergewöhnliche und skandalträchtige Veranstaltung, über die man in seinen Kreisen weder schrieb, noch offen diskutierte. Eine Veranstaltung in Las Vegas, über die im Normalfall nur Reporter berichteten, die man als absolute Branchenjournalisten bezeichnen muss, die sich hier bereits einen Namen gemacht hatten und denen ein Blick hinter die skandalöse Kulisse der Szene gewährt wurde. Endlich war er am Ziel seiner Recherche. Endlich, kann man hier wirklich sagen.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

Die Unterhaltungsindustrie unter dem Zeichen des Rotlichts hatte ihn schon immer interessiert, aber allzu oft waren seine Recherchen ins Stocken geraten oder wurden in den Phasen des Schreibens an seinen Romanen in den Hintergrund gedrängt. Nun war es an der Zeit, in Begleitung mit allen Wassern gewaschener Branchenjournalisten Las Vegas zu besuchen und dem großen roten Sohn seine Aufwartung zu machen. Hier ist das kleine schmutzige Kind des Mainstreams gemeint. Der böse Zwilling Hollywoods und genau dort begegnete David Foster Wallace dem Who-is-Who der Pornobranche, die sich hier jährlich selbst feiert.

Die Verleihung der Adult Video News Awards, der Oscars der Pornoindustrie in Las Vegas, plus die dazugehörende Pornomesse sind Gegenstand seiner Betrachtung und wer vergleichbare Auftragsarbeiten von David kennt, der weiß ganz genau, worauf sich der jeweilige Auftraggeber einstellen kann. Auf alles, nur nicht das Erwartete. Also darf man auch hier davon ausgehen, dass sich Interviews mit Branchenriesen und intensive Nachforschungen zu einer gestohlenen Trophäe in eine ganz eigene Richtung bewegen werden. Es wird schmutzig, versaut, lustig und extrem doppelmoralisch.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

Hier lernen wir sie also kennen, die getunten Stars und Sternchen der Pornobranche, die Produzenten, die namenlosen Hilfskräfte (Fluffygirls genannt) und natürlich auch die Fans der Szene, in Fachkreisen liebevoll nur „Wichte“ genannt. Hier führt investigativer Journalismus in Reinkultur in eine ganz eigene Welt ein, die sich der Befriedigung rein sexueller Sehnsüchte verschrieben hat. Und ganz nebenbei gewähren uns die Autoren (also David und seine Fachbegleiter) wertvolle Hinweise auf das Branchenvokabular.

Was auf diese Art und Weise entstand, ist mehr als der liebevoll literarische Blick hinter die Kulissen. Es ist eine Reportage, für die man schon Steherqualitäten braucht und bei dem auch weibliche Leser ihren Mann stehen müssen, da dieses Thema ganz schön im Kommen ist. Klingt das jetzt schlüpfrig? Zweideutig? Na, egal. Es ist jedenfalls ein Buch, das in die Analen (nein – das ist kein Rechtschreibfehler) eingehen wird und bei dem man schon so einiges schlucken muss, wenn man sich in aller Tiefe ins Thema hineingleiten lassen möchte. Ups. Es ist skurril, heiter und absolut nicht jugendfrei.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

„Der große rote Sohn“ ist typisch für David Foster Wallace, denn hinter der oftmals humorvoll satirischen Betrachtung der Pornobranche und ihrer Protagonisten versteckt sich der kritische Verstand eines analytisch vorgehenden Schriftstellers. Er beschreibt die Ambivalenz in den Gefühlen der zahlenden Kundschaft, ihre Motivationen und auch die Abstrahierung des Lustbegriffes durch Abstumpfung und Übersättigung. Wohin geht die Entwicklung einer Branche, die nur durch den Hauch des Verbotenen zum Konsum reizt, wenn die Grenzen und Konventionen zu verschwimmen beginnen. Ist das Extrem künftig die Norm und was kann verkauft werde, um auf dieser Gratwanderung bestehen zu können? Werden Gewalt gegen und die Erniedrigung von Frauen zu Stilmitteln?

Foster Wallace enttarnt die Pornoindustrie, er wischt ihr Glanz und Glamour aus den verschwitzten Poren und entlarvt die bedienten Mechanismen der Lust. Er beschreibt eine niemals enden wollende Spirale der Befriedigung und einen Voyeurismus, der auf dem Rücken von Menschen ausgetragen wird, die mit kurzer Halbwertzeit in der dieser Industrie verbrannt werden. Und doch gesteht er dem Menschen all die Schwächen zu, über die er hier schreibt. Das macht ihn selbst menschlich, schwach und sympathisch. Dieses Buch ist in jeder Beziehung facettenreich und extrem lesenswert. David Foster Wallace macht den großen roten Sohn nicht gesellschaftsfähig, aber vielleicht ist er in der Lage mit diesem Buch die Gesellschaft fähig zu machen, genau hinzuschauen und hinter den Kulissen des Offensichtlichen nach Wahrheiten zu suchen.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

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Unendlicher Spaß – KiWi
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Der große rote Sohn – Kiwi

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

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Viel verbindet mich und meinen Lesensweg zu David Foster Wallace mit Bianca und Literatwo. Zum ersten Mal haben wir hier diesmal ein Buch von ihm gemeinsam erlesen. Ihre Meinung und die schönsten Stellen, die ihren Blog erobert haben, findet ihr hier

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David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

1400 Seiten. 3 Monate Lesequarantäne. Autistisches¹ einsames Insellesen. So und nicht anders kann ich den Herbst des Jahres 2009 beschreiben. Eine Zeit, die mir noch sehr lebhaft in Erinnerung ist, weil ich eine bewusste Lese-Entscheidung traf, die mein Leben nachhaltig verändert hat. Ich griff zu einem Buch, das zu diesem Zeitpunkt in den Fokus des intellektuellen Interesses gerückt war und von dem viele sprachen, das aber doch scheinbar von niemandem gelesen wurde. Es galt als elitär und en vogue, diesen weißen Literaturklotz zu besitzen, darüber zu fabulieren und ihn zur Schau zu stellen.

Die Rede ist vom Roman „Unendlicher Spaß“, dem Opus Magnus von David Foster Wallace, jenem US-amerikanischen Autor, der sich nur ein Jahr zuvor suizidal von der großen Bühne der Weltliteratur absentiert hatte. Er wurde nur 46 Jahre alt. Und nun lag sein Vermächtnis vor mir. Weiß, nicht sonderlich pflegeleicht, eigentlich viel zu schwer, um es einfach so in die Tasche zu stecken. Eine Buch-Immobilie im besten Sinne des Wortes. Wirklich kein Buch für unterwegs und darüber hinaus auch noch eine absolute Vollbremsung für Vielleser, wie mich.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Ich denke noch heute daran, wie viele Bücher ich wohl hätte lesen können, wenn ich nicht ganze drei Monate im „Unendlichen Spaß“ verbracht hätte. Ich denke aber auch sehr oft daran, welche Bücher ich wohl nie gelesen hätte, wäre diese literarische Mutprobe nicht gewesen. Kurz gesagt, ich fühlte mich damals wie ein Eremit in einem Fass. Total abgeschottet von der Welt, staunend, über welche Bücher meine Freunde so sprachen und jede Kontaktaufnahme mit einem der Besitzer des weißen Ziegelsteins endete mit der kopfschüttelnden Bemerkung: „Nee… das ist doch nicht lesbar!“

Doch! Es war, ist und wird immer lesbar sein! Der „Unendliche Spaß“ hat mich in der Tiefe meiner Lese-Seele berührt und mich verändert aus dem Buch entlassen. Am Ende der 1400 Seiten fühlte ich mich wie nach der Mount-Everest-Erstbesteigung ohne Sauerstoff. Ich trug den Stolz eines Lesepioniers vor mir her und war mir meiner Rolle als Leser und Buchliebhaber bewusster als jemals zuvor. David Foster Wallace hat mich seit diesen Tagen nicht mehr verlassen und über keinen zweiten Autor schrieb ich so viele Artikel. Meine DFW-Bibliothek ist fast vollständig und sie wächst, obwohl er schon so lange schweigt.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel - Der große Rote Sohn

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel – Der große Rote Sohn

Seine Kurzgeschichten, Essays und Auftragsarbeiten bieten auch heute noch einen reichhaltigen Fundus an potenziell neu zu übersetzenden Werken. Zuletzt war es Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“, der uns in Davids Depressionen entführte, und bald wird mit Der große rote Sohn eine ganz wichtige Lebensphase des Autors bei Kiepenheuer und Witsch erscheinen. Er besuchte hier im Auftrag einer Zeitung eine ganz besondere Veranstaltung und allein die vorbereitenden investigativen Recherchen haben ihn nachhaltig geprägt.

Die Verleihung der Adult Video News Awards, die Oscars der Pornoindustrie in Las Vegas, plus die dazugehörende Pornomesse sind Gegenstand seiner Betrachtung und wer vergleichbare Auftragsarbeiten von ihm kennt, der weiß ganz genau, worauf sich der jeweilige Auftraggeber einstellen kann. Auf alles, nur nicht das Erwartete. Also darf man auch hier davon ausgehen, dass sich Interviews mit Branchenriesen und intensive Nachforschungen zu einer gestohlenen Trophäe in eine ganz eigene Richtung bewegen werden. Es wird schmutzig lustig und extrem doppelmoralisch.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Exemplarisch sei hier „Am Beispiel des Hummers“ erwähnt. Auch hier wurde aus der beabsichtigten Reportage vom größten Hummer-Festival Amerikas für ein Gourmet-Magazin eher eine Streitschrift für Tierschützer, als der erhoffte kulinarische Literatur-Leckerbissen. Man darf sich also schon sehr auf einen Schriftsteller in Bestform in einer Parallelgesellschaft der besten Formen freuen. Und so darf der geneigte Fan von David Foster Wallace auch in Zukunft mehr als gebannt darauf warten, welche Texte aus dem endlichen Nachlass des Schriftstellers ihren Weg zu uns finden werden. Bis es dann vorbei ist mit dem „Unendlichen Spaß“.

Tja, ohne diesen „Unendlichen Spaß“ hätte ich wohl niemals dieses unendliche Lesen erleben dürfen. Vielleicht wäre ich heute nicht so nachdenklich und kritisch, sicherlich hätte ich nicht so viel Verständnis für Lebensentwürfe, die sich erheblich von gesellschaftlichen Normen abheben und ganz bestimmt wäre ich ein ärmerer Mensch. David Foster Wallace ist stilistisch und inhaltlich zu einem Teil von mir geworden. Wir wären heute im selben Alter. Er ist mein Jahrgang. Das macht traurig und immer noch einsam, da kaum jemand aus meinem Freundeskreis mehr als nur einen Satz von ihm gelesen hat. Dann müssen wir den Weg eben zu zweit alleine weitergehen. Unendlich weit.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Umso schöner war es für mich, als ich das Projekt Unendliches Spiel entdeckte. Hier konnte ich wirklich zum Teil einer Welt werden, die mich gefangen hält. Hier fühlte ich mich zuhause und angekommen, als es darum ging, mit meiner Stimme zum wohl größten Hörbuchprojekt beizutragen, das jemals Online gestartet wurde. Das Projekt von WDR 3, Bayern 2, Deutschlandfunk und dem Kiwi-Verlag basiert auf der Idee, dass viele Menschen zum Teil des „Unendlichen Spaßes“ werden. Man konnte sich eine Seite des Romans reservieren und sie wie ein Hörbuch einlesen. Und schon war man dabei. Dieses Projekt ist noch nicht finalisiert. Zwar wurden inzwischen alle Seiten von unzähligen Fans vertont, der Zusammenschnitt und die Untermalung mit Musik gehen nun in die letzte Phase. Die WELT schreibt dazu… hier lesen.

Ich bin doppelt dabei. Zwei Seiten sind bereits eingelesen. Eine Episode ist sogar schon hörbar. James Incadenzas Vortrag über ein fatales Tennisspiel unter mütterlicher Aufsicht und mit aufgeschürftem Knie; Seite 243. Das Tennisspiel mit Schürfeffekt kann man hier hören: Kapitel/Szene 1550. Diese Szene dauert fast eine Stunde und meine Stimme ist ab Minute 53,48 zu hören. Meine zweite Passage ist noch in der Technik. Es handelt sich hier um eine surreale Passage, die Orin unter einem umgedrehten Glas hörbar macht; Seite 1396.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Die Hintergrundmusik mag seltsam anmuten, aber sie wird David gerecht. Er hat sich immer eine „Goldene Maschine“ vorgestellt, die rund um die Uhr komponiert. Und genau so ist diese Musik entstanden. Auf diese Art und Weise wird Der Unendliche Spaß mit der „unendlichen Komposition“ zum „unendlichen Spiel“. Für mich eine sehr wichtige Etappe auf meinem langen Weg an der Seite von David Foster Wallace. Und wir sind noch nicht am Ende angelangt. Das kann man sich auch anhören².

„Alles Unerträgliche ist im Kopf, weil der Kopf nicht in der Gegenwart verweilt, sondern die Mauern hochklettert, Erkundigungen einzieht und mit unerträglichen Nachrichten zurückkommt, die man dann irgendwie glaubt.“

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Und nun ist es soweit: Hier ist das Ding… Eine goldene Edition

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Autistisches Lesen¹ – Eine ganz persönliche Definition:

Ich definiere es für mich literarisch ganz vorsichtig so, dass ich ein Buch nur für mich erlebe. Eingeschlossen in einer eigenen Welt mit eigener Wahrnehmung. Ohne Zuversicht auf Verständnis im Umfeld. Abgekapselt. Und doch ist die Wahrnehmung auf dieser Insel unglaublich scharf und leuchtend. Bei diesem Buch kam es mir für mich so vor. Womit ich dem medizinischen Begriff nur metaphorisch nahekommen möchte. Ich mag hier nur ein Bild erzeugen, das ich selbst greifen kann. Ich möchte niemandem zu nahe treten, der an dieser Krankheit leidet. Aber ich stelle es mir vereinfacht so vor, dass dieses Bild treffend sein könnte.

Das kann man sich auch anhören²:

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache als Rezension für Ohr.

Mit nur einem Klick zur Audiofassung eines Artikels

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David Foster Wallace – Der Planet Trillaphon und die Üble Sache

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache - David Foster Wallace

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – David Foster Wallace

Auch heute noch ist vieles Neuland für mich, wenn ich mich einem Buch nähere. Auch heute noch gibt es Gratwanderungen, die ich gangbar mache, um herauszufinden, wie weit ich mit mir selbst gehen kann. Über David Foster Wallace zu schreiben ist für mich eine Sache der puren Emotion und meine langjährigen Leser wissen, dass ich noch nie sonderlich sachlich über seine Bücher berichten konnte.

Ich wage mich einen Schritt weiter und habe für Literatur RADIO Bayern erstmals über eines seiner Bücher gesprochen. Ich lade euch dazu ein, die folgende Rezension zu lesen oder mir einfach zuzuhören und die Artikelbilder auf euch wirken zu lassen. Vielleicht könnt ihr dann hören was ich schreibend dann und wann verbergen kann. Ich kann mich nicht verstecken, wenn es um ihn geht…

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache - Mit einem Klick zur Audio-Rezension

Der Planet Trillaphon – Mit einem Klick zum Radio-Beitrag

„Ich nehme jetzt seit, mal überlegen, rund einem Jahr Antidepressiva, und ich würde mal sagen, da kann ich ganz gut einschätzen, wie die so sind. Sie sind eigentlich ganz okay.“

Eigentlich ganz okay, so die Worte eines Schriftstellers, der genau wusste worüber er schrieb als er diese Zeilen verfasste. Worte eines Mannes, die verharmlosend wirken, besonders vor dem tragischen Hintergrund seiner eigenen Lebensgeschichte. Worte eines Autors, der sich 1984 in der absoluten Frühphase seines Schaffens befand. 22 Jahre seines Lebens hatte er mehr oder weniger unfallfrei hinter sich gebracht und 24 weitere, weniger unfallfreie Jahre, lagen noch vor ihm.

David Foster Wallace blieben nur 46 Jahre, seine literarische Kraft zu entfalten, einer der meistdiskutierten, -geliebten und auch -ignorierten Schriftsteller der USA zu werden, bevor er 2008 seinem Leben ein Ende setzte. Unvergessene Werke wie Unendlicher Spaß, „Der Besen im System“ und unzählige Kurzgeschichten und Reflexionen, wie Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken kennzeichnen seinen Weg als Autor, und sein posthum erschienenes Buch Der bleiche König hat die Buchwelt erneut in Aufruhr versetzt und ganz im Stile seines Verfassers polarisiert.

Und wenn David Foster Wallace schreibt, dass Antidepressiva ganz okay sind, dann wissen die Kenner seines Stils, dass auf eine solche abgeschwächte These sehr schnell die komplette Wendung folgt, die in ihrer Tragweite allein durch diesen Quantensprung an Bedeutung gewinnt. Schon mit seinen 22 Jahren beherrschte er dieses ganz eigene Auf und Ab, das sich in seinem kurzen Schaffen oft wiederholt. Dabei stammen diese Zeilen tatsächlich aus einer der ersten Kurzgeschichten, die er veröffentlichen konnte.

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache - David Foster Wallace

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – David Foster Wallace

Sie sind ganz okay. Ja. Aus Sicht eines Menschen, der an tiefen Depressionen leidet und in Anbetracht von Alternativen, wie Elektroschock-Therapien, mag das so sein. Aber wie wenig okay diese Medikamente sind beschreibt David Foster Wallace in seiner Kurzgeschichte Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache aus dem Jahr 1984 noch auf der gleichen (allerersten) Seite:

„Sie sind eigentlich ganz okay, aber so, wie es okay wäre, auf einem anderen Planeten zu leben… Es wäre okay, aber es wäre natürlich nicht die gute alte Erde. Ich war jetzt fast ein Jahr nicht mehr auf der Erde, weil es mir auf der Erde nicht besonders gut ging.“

Ganz okay. Natürlich! Wenn man über Depressionen schreibt und selbst unter dieser Krankheit leidet, dann schlüpft man als Autor gerne in die Position eines Beobachters, der versuchen kann völlig neutral einen Blick auf und in einen Menschen zu werfen, der depressiv ist, als depressiv gilt und nach der Veröffentlichung einer solchen Geschichte auch noch autobiografisch an seiner Depression gemessen wird.

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache - David Foster Wallace

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – David Foster Wallace

Dieses Schlüpfen hat David Foster Wallace gar nicht erst versucht. Wenn wir hier seinem namenlosen Protagonisten zuhören, dann hören wir zwangsläufig David selbst zu und verstehen diese Geschichte als Erklärungsversuch dessen, was man sich als depressiver Mensch besser nicht selbst erklären sollte.Wir betreten an seiner Seite den Planeten Trillaphon, der nur deshalb so heißt, weil der Name so ähnlich klingt, wie das Medikament Tofranil, das er regelmäßig nehmen muss, aber wesentlich besser zu den elektrischen Geräuschen passt, die ihn plagen.

Geräusche von einer Intensität, dass es unmöglich scheint, sie zu unterdrücken oder ihnen zu entkommen. Und der Name passt auch besser zu der Lebensweise auf dem Planeten, der zum Zufluchtsort wird und doch keine Flucht vor der wahren Welt erlaubt, die sich parallel entfaltet. Geräusche sind nicht die einzigen Symptome der Erkrankung, die David letztlich selbst besiegte. Sie sind nicht die einzigen Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.

„Die Üble Sache“ ist komplexer und im Verhältnis zum Leben in der medikamentösen Welt auf einem anderen Planeten jeden Tag, jede Minute und in jeder Sekunde präsent. Die Üble Sache ist unkalkulierbar und gleicht einem Überfallkommando auf das eigene Denken. Das wahre Leben auf der Erde wirkt sich auch auf den Planeten Trillaphon als Brandbeschleuniger dieses psychischen Flächenbrandes aus. Familie, Gefühle, Schule, Akne und Liebe erscheinen völlig anders. Bedrohend. Zerstörend und ausweglos. Egal, wie okay die Medikamente sind.

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache - David Foster Wallace

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – David Foster Wallace

Wir erkennen auf den schmalen 57 Seiten dieser Kurzgeschichte sehr viel, vor dem wir vielleicht manchmal die Augen verschließen, wenn wir an Menschen denken, die von Depressionen geplagt werden. Wir denken unbewusst an all die Robert Enkes dieser Welt, für deren Selbstmord verzweifelt nach Gründen und nach Anzeichen gesucht wird, wann man diese hätte verhindern können.

David Foster Wallace macht uns im absoluten und unverschnörkelten Klartext deutlich, dass der Selbstmord eines depressiven Menschen der letzte Schritt ist, der nur noch bedeutet, Ordnung zu schaffen. Der eigentliche Suizid liegt oft lange vor diesem finalen Schritt. Er beginnt, als der kleine Steppke zum ersten Mal bemerkt, dass nicht die Üble Sache sein Leben dominiert, sondern dass er selbst die Üble Sache zu sein scheint. Er beginnt dort, wo selbst das Leben auf dem Planeten Trillaphon unerträglich wird.

„Der kleine Steppke hier hat ein Problem.“ Diesen Satz wird man so schnell nicht vergessen, wenn man diese Geschichte gelesen hat. Ebenso wenig wie den Begriff, den David in seiner Originalfassung dafür wählte: „troubled little soldier“. Ein Steppke, der mit seinen Waffen ganz allein versucht einen verlorenen Kampf zu führen und dem fast nicht zu helfen ist, weil jede Hilfe wie eine zusätzliche Bedrohung wirkt. Ich war David Foster Wallace selten näher als in diesen Momenten meines Lesens. Er ist immer dieser kleine „troubled little soldier“ geblieben, der uns mit seinen Büchern beschenkt hat. Und doch…

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache - David Foster Wallace

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – David Foster Wallace

Und doch sollte man nie vergessen, dass sie auf dem Planeten Trillaphon verfasst wurden. In einer Situation, die immer näher an den Moment seines „Ordnung-Machens“ heranrückte. Bücher mit denen er sich vielleicht befreien wollte, die aber selbst neue Symptome verursachten, die der Üblen Sache sehr zuträglich waren. Versagensangst, öffentlicher Druck und das lebenslange Gefühl, nicht alles gesagt zu haben. All dies gehört zu David.

Er schrieb nie klarer als in dieser Kurzgeschichte. Es gibt keinerlei Fußnoten, keine Abwege, keine umständlichen Metaphern, keine kryptischen Traumbilder. Es gibt diesen Steppke, der an seiner Akne verzweifelt, dessen erste Verliebtheit von der Üblen Sache gefressen wird und dem auch dann nicht mehr geholfen werden kann, als der „absolut lächerliche Vorfall“ ans Tageslicht kommt.

Eine Badewanne in die er zuvor „ungefähr dreitausend Elektrogeräte gezogen hatte“, sollte sein erster Aufschrei sein. Es war jedoch nicht der Versuch Ordnung zu schaffen. Aber es war die Startrampe zu einem Flug auf den Planeten Trillaphon. „Nun war ich praktisch die einzige Lichtquelle im Haus…“. Für mich hat David diesen Planeten nie verlassen. Für mich strahlt er noch heute lichthell. Für mich ist der Weg an seiner Seite nicht am Ende angelangt. Gebt ihm einfach eine Chance. Dieser zweisprachige kleine Band aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch bringt euch ohne Umwege zu ihm.

David Foster Wallace und AstroLibrium

David Foster Wallace und AstroLibrium

PS: Wenn David über Liebe schreibt, dann bedient er sich vor dem Hintergrund dieser Geschichte gewaltiger Worte: „Dass ich dieses Mädchen namens May kennenlernte und Bekanntschaft mit ihm schloss, ist bis heute die lebhafteste Erinnerung an meine letzte gute Erfahrung auf der Erde.“

Ach, David…

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Folgende Artikel sind David Foster Wallace gewidmet:

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

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