Christine Fehér im exklusiven Interview zum Buxtehuder Bullen

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Das Interview

Dann mach ich eben Schluss„. So lautet der Titel des aktuellen Jugendbuchs aus der Feder der deutschen Erfolgsautorin Christine Fehér. Im Frühjahr begab ich mich auf die tiefe psychologische Reise in die Denkwelten eines suizidgefährdeten jungen Menschen, dessen augenscheinliche Hilferufe im Umfeld unbeachtet blieben.

Christine Fehér schreibt ihren Lesern mitten ins Herz. Sie beschönigt nicht, spricht eine klare Sprache, spricht von Schuld, Hilflosigkeit und Mitschuld, von Unvermögen und offener Teilnahmslosigkeit. Sie spricht aber auch von tiefer Zuneigung und von der Ausweglosigkeit eines Lebens, das nicht einmal die Liebe zu retten vermag.

Inzwischen wurde der brillante Roman mit dem renommierten Jugendbuchpreis “Buxtehuder Bulle“ ausgezeichnet, die offizielle Übergabe des schwergewichtigen Literaturpreises für das Jahr 2013 findet am Freitag den 21. November 2014 statt und es war ein Vergnügen, Christine Fehér auf der Frankfurter Buchmesse exklusiv zu ihrem Buch und der Bedeutung solcher Auszeichnungen interviewen zu dürfen.

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Das Interview (Foto: C. Fehér)

Angesichts der ununterbrochenen Erfolgsmeldungen möchte ich  gerne mit einer Frage außerhalb des Romans beginnen. Wenn man Ihnen vor fünf Jahren gesagt hätte, dass Sie die Preisträgerin des „Buxtehuder Bullen“ werden, was hätten Sie gedacht?

Nö… der spinnt…! Aber ich habe mich auch nie groß mit Preisen beschäftigt, da ich nicht gedacht habe, dass mein Name im Zusammenhang mit einem Literaturpreis fallen würde. Ich habe gedacht, das kriegen immer andere.

Jetzt stehen Sie allerdings auf einer illustren Liste namhafter Autoren, die dieses nun wirklich schwergewichtige „Tierchen“ für das beste Jugendbuch nach Hause schleppen mussten.

Ich freue mich schon sehr darauf, dass ich das bald machen darf. Die offizielle Preisverleihung ist am 21. November in Buxtehude und dann werde ich wohl mit dieser 12,5 Kilogramm schweren Auszeichnung ein richtiges Schwergewicht als Literaturpreis mit nach Hause nehmen dürfen.

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Zur Buchvorstellung

Können Sie sich noch an den Moment zurückerinnern, als die Idee zu „Dann mach ich eben Schluss“ geboren wurde? Gab es einen Auslöser für das Buch?

Es war nicht so, dass ich nachts hochgeschreckt bin und dachte, ich muss dieses Buch jetzt schreiben. Die Idee entstand bei einem Gespräch mit meiner Lektorin, als wir überlegt haben, was ich als nächstes schreiben könnte. Und diese Themenbücher zu ernsten und psychologischen Themen liegen mir gut. Realitybücher, kann man sagen, und so wurde der Gedanke gemeinsam im Dialog weiterentwickelt.

Mir war zu diesem Zeitpunkt sehr klar, dass Suizid eine der häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen ist (wenn nicht sogar die häufigste) und allein das ist ein guter Grund, ein Buch zu diesem Thema zu machen.

Sie haben mit Max einen Protagonisten entwickelt, der sich im Buch mehr oder weniger offensichtlich Seite für Seite vom Leben verabschiedet, ohne dass es jemand so richtig wahrhaben will. Ist das ein Fingerzeig von Ihnen – gerade auch an erwachsene Leser, die eigene Beobachtung zu schärfen?

Auf jeden Fall – das ist es eigentlich immer bei meinen Themenbüchern, egal ob es sich um Magersucht, Transsexualität oder Straßenkinder handelt. Ich versuche immer zu erreichen, dass Leser die Betroffenen besser verstehen und in diesem Fall war das natürlich mein besonderes Anliegen.

Durch Emails, Zuschriften und Rezensionen habe ich inzwischen auch von vielen Seiten erfahren, dass dies bei diesem Buch offenbar mehr als gut gelungen ist. Die Betroffenheit, die ausgelöst wurde, sorgt wohl dafür, dass man wieder genauer auf Details achtet. Man sollte eigentlich grundsätzlich viel mehr aufeinander achten. Vielleicht kann mein Buch dazu beitragen.

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Das Interview

In welcher Rolle sehen sie sich denn selbst in ihrem Buch? Neutrale Erzählerin von außen oder die Delia im Hintergrund, die alles weiß oder vielleicht auch ein wenig der gefährdete Max?

In Maximilian steckt ganz viel von mir. Er versucht es immer, allen gerecht zu machen und äußert sich nur selten, was er eigentlich selbst will. Dazu neige ich auch – das muss ich schon zugeben und diesen Vorwurf höre ich nicht selten. Aber auch in den anderen Figuren findet man mich wieder. Maximilian ist aber schon ganz besonders wichtig für mich.

Junge Mädchen suchen in dieser Geschichte ihre Rolle und aus Gesprächen weiß ich, dass die Perspektive von Delia ein wundervoller Fluchtpunkt innerhalb der Geschichte ist. Sie hat alles verstanden, niemand weiß von ihr, sie ist auf der Gefühlsebene ganz nah bei Maximilian und trauert schließlich heimlich. Haben Sie Rückkopplungen von Jungs bekommen, ob sie sich in Max wiederfinden?

Ich weiß leider von keinem einzigen Jungen, der das Buch gelesen hat und deshalb fehlt mir auch ganz persönlich ein solches Feedback. Ich habe viele Zuschriften von Mädchen bekommen und auch von männlichen Familienmitgliedern, aber eben nicht von Jungs in diesem Alter.

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Das Interview

Nun ist es ein noch gut gehütetes Geheimnis, dass sie gerade dabei sind, ein Drehbuch zu „Dann mach ich eben Schluss“ (cbj) zu verfassen. Ist das ein bereits spruchreifes Projekt?

Ich habe das ganze Jahr über Drehbuchseminare bei einer bestimmten Dozentin in Berlin belegt und habe schon sehr früh an diesem Stoff gearbeitet, weil ich denke, man könnte einen guten Film draus machen. Und wenn es soweit ist, dann möchte ich das Drehbuch selbst schreiben und es nicht aus der Hand geben. Damals habe ich natürlich nicht geahnt, dass ich mit diesem Buch diesen wichtigen Preis gewinnen würde. Das erhöht natürlich jetzt die Chancen, einen Produzenten zu finden auf jeden Fall. Darauf hoffe ich schon.

Wo liegt für sie der Unterschied zwischen Drehbuch und Buch – wo ist der Unterschied im Prozess des Schreibens zu finden? Wobei ich schon sagen muss, dass „Dann mach ich eben Schluss“ wie ein lebendiger Spielfilm vor meinem Leserauge abgelaufen ist, weil Sie sehr bildlich schreiben.

Man muss den Inhalt noch mehr auf das Wesentliche beschränken, weil man ja zeitlich bei einem Kinofilm oder einem abendfüllenden Spielfilm auf fast 90 Minuten festgelegt ist. Man muss von jeder Person aus dessen individueller Perspektive die wichtigsten Szenen auswählen, die am aussagekräftigsten sind und die Handlung am besten vorantreiben.

Und man muss das filmische Sehen und Denken im Kopf haben. Das ist eine völlig andere Technik. Darüber hinaus kann der Film nicht der Struktur des Buches gleichen. Die verschiedenen Perspektiven dürfen nicht nacheinander erzählt werden, sondern sie müssen durch ein verbindendes Element zusammengeführt werden, damit daraus die Handlung entsteht.

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Das Interview

Auch in Anbetracht der baldigen Auszeichnung muss die Frage erlaubt sein, ob „Dann mach ich eben Schluss“ auch aus ihrer persönlichen Sicht ihr wichtigstes Buch ist?

Ich glaube schon, dass es eins meiner wichtigsten Bücher ist. Mein erfolgreichstes Buch hat ja einen ähnlichen Titel und heißt „Dann bin ich eben weg“, ist die Geschichte einer Magersucht und hat sich bisher am besten verkauft. Der Roman wird immer noch nachgedruckt und auch in Schulen thematisiert. Die beiden Titel sind wohl auf der gleichen Ebene anzusiedeln.

Wie geht es weiter mit Christine Fehér? In welche literarische Richtung treibt es Sie jetzt gerade?

Das verrate ich nicht. (lacht) Es werden jedenfalls immer wieder Reality-Themen werden. Aus dem Leben gegriffen. Fantasy liegt mir überhaupt nicht. Ich muss keine andere Welt erfinden, da in unserer Realität so viel passiert, was erzählt werden kann. Dabei bleibe ich meiner Zielgruppe Jugendliche und junge Erwachsene sicher treu.

Auf welche Frage würden Sie gerne einmal antworten, einziges Problem, man hat sie Ihnen noch nie gestellt?

Ich gebe nicht so viele Interviews, dass ich über diese Frage nachdenken würde. Ich lasse alle Fragen auf mich zukommen und habe in dieser Richtung keine Wünsche.

Christine Fehér - Dann mach ich eben Schluss - Das Interview

Christine Fehér – Dann mach ich eben Schluss – Das Interview (Fotos: C. Fehér)

Christine Fehér ist inzwischen eine mehrfach ausgezeichnete Autorin. Zum begehrten „Buxtehuder Bullen“ gesellte sich nun auch noch der von Jugendlichen vergebene Literaturpreis Ulmer Unke„. Ein Leserpreis in Reinkultur steht bei Autoren hoch im Kurs… doch dieser hier ziert jetzt den Schreibtisch der Autorin in Berlin.

OUTTAKE:

In der Nachbereitung des Interviews blitzte der bezaubernde Humor der Berlinerin auf, als ich sie angesichts der Ulmer Unke und des Buxtehuder Bullen nach weiteren Autoren-Lebenszielen fragte. „Der Düsseldorfer Dackel, der Berliner Bär, der Erfurter Esel, die Göttinger Giraffe und das Münchener Murmeltier für das Lebenswerk.“ Und dies alles natürlich vor dem Hintergrund der Wertschätzung gegenüber dem Erreichten. Ich wünsche viel Glück, bleibe am Ball und danke für das tiefe Gespräch.

Christine Fehér und Mr. Rail - Toll gespiegelt bei cbt - Ein Klick reicht

Christine Fehér und Mr. Rail – Toll gespiegelt bei cbt – Ein Klick reicht

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2 Gedanken zu „Christine Fehér im exklusiven Interview zum Buxtehuder Bullen

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