„Die Badende von Moritzburg“ von Ralf Günther

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

„Und die Grenze zwischen dem Ich und dem Du ist eine scharf gezogene. Wenn ich einen Menschen ganz erfassen will, muss ich diese Grenze überschreiten. Ich muss er werden. Oder sie.“

Künstlerische Perspektive. So könnte man sich dem Zitat aus der Sommernovelle „Die Badende von Moritzburg“ von Ralf Günther nähern. Was er in seinem Buch in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, ist jedoch viel mehr als nur den Grenzverkehr zu Beginn den 20. Jahrhunderts. Ob in München, Paris oder Dresden, überall versuchten ambitionierte Künstler den althergebrachten und sehr versachlichten Kunstformen ihre individuellen Alternativen zur Seite zu stellen und den Aufbruch in eine neue Epoche in der Malerei einzuläuten.

Der Expressionismus verschaffte sich Raum. Die Auflösung des Gegenständlichen, die verzerrende Abstrahierung und der Versuch, ihren Betrachter mit einfachen Formen und verstärkter Farbgebung emotional zu berühren, verbinden die Avantgarde zu dieser Zeit. Ob Franz Marc und der Blaue Reiter oder Ernst Ludwig Kirchners Brücke, hier spiegelten sich die veränderte künstlerische Wahrnehmung und das Selbstbewusstsein von Menschen am Ende der Biedermeierzeit  wider, die nur wenig später im Vulkan des Ersten Weltkrieges in dunklen Rauchwolken ihr genaues Gegenteil erlebten.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Hier war die Kunst Spiegelbild der Gesellschaft. Grenzen wurden überschritten und Konventionen über Bord geworfen. Die Befreiung des Geistes von Moralvorstellungen eines vergangenen Jahrhunderts war das Ziel der bildenden Kunst und der Literatur zu dieser Zeit. Avantgarde. Die Garde geht voraus. So muss man den dichten Erzählraum von Ralf Günther sehen. So muss man sich den Rahmen für das Bild vorstellen, das er mit Worten zeichnet. Hier reiht sich ein Autor des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit einer Zeitreise in die Phalanx der Vordenker und Vorreiter von damals ein, um in dieser eigentlich ganz kleinen Erzählung die nur einen einzigen Tag des Jahres 1910 umfasst, das aufstrebende Lebensgefühl einer neuen Zeit auf den Punkt zu bringen.

Eine Sommernovelle. Ja, die Bezeichnung trägt, weil diese Geschichte etwas für ihre Zeit Neues erzählt. Sie überschreitet mit ihren stilistischen Mitteln moralische Grenzen und lässt uns aus heutiger Sicht den Aufprall zweier Welten nachvollziehen, fühlen und schmecken. Tradition, Moral und Selbstbild stehen auf dem sozialen Prüfstand und die neuen Perspektiven, Ansichten und Ideale begehren auf. Aus diesem Zusammenprall entstand ein neues Lebensgefühl, das sich in den Köpfen der Menschen zu verankern begann. Ein Lebensgefühl, das wir heute noch spüren können, wenn wir die Gemälde aus längst vergangener Zeit betrachten.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

„Die Badende von Moritzburg“ vereint eine große Portion Lokalkolorit, Lebensgefühl und Sittenbild des beginnenden 20. Jahrhunderts zu einem komplexen Bild auf nur 100 Seiten einer Erzählung, die nicht mehr Raum einnimmt als ein einziger Tag im Lauf der Welt. Sprachlich bewegt sich der Autor in seinen Beschreibungen und Dialogen, als sei er geistig mit der Jahrhundertwende verschmolzen. Distanz im Geschlechterdialog und die sozialen Schranken werden in seiner Sprache greifbar. Es verfestigt sich sofort der Eindruck, wie anders diese Zeit doch war, was es bedeutet plötzlich vom „Sie“ ins „Du“ zu wechseln und wie das Aufbrechen tradierter Normen auf Konservative gewirkt hat.

Dresden wird dabei zur Hochburg dieser Gratwanderung. Einerseits aufstrebend in Bezug auf Sanatorien und Kliniken, die den Menschen helfen, deren Erkrankungen im wahrsten Sinne des Wortes als Zivilisationskrankheiten gesehen werden mussten. Es wurde zu eng in der Welt des Biedermeier. Alles engte ein. Kleidung, Korsett, Haltung. Das Spießbürgertum befand sich bereits im Niedergang, ohne es selbst zu bemerken. Genau die richtige Zeit für Künstler, mit ihren Stilmitteln zum umfassenden Bildersturm zu blasen. Einem Aufbruch, der nach Skandal schmeckte, das Verbotene kultivierte und in schillernden Farben leuchtete. Verlockend und abstoßend zugleich. Die andere Seite.

Und genau hier soll die junge Clara Schimmelpfennick geheilt werden. Hysterische Atemnot, die Diagnose. Erstickungsanfälle, das Symptom… Der Ausweg scheint nah.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Es ist die Begegnung mit der Künstlergruppe um Ernst Ludwig Kirchner. Es sind Maler, die sich in die unberührte Natur zurückgezogen haben und der Leidenschaft des Schaffens frönen. Hier malen sie, hier baden sie, hier tanken sie ihre Energie. Aber so ganz anders, als es Clara mit ihrem sittsamen Moralbild vereinbaren kann. Kirchners Einladung, sich zu ihm und seinen Freunden zu gesellen, kann Clara nicht widerstehen. So wenig, wie sei dem widerstehen kann, was sie in dieser Form noch nie erlebt hat. Es ist ein Biotop der Zwanglosigkeit, das sie mit einer Atemlosigkeit ausfüllt, die sich völlig von derjenigen unterscheidet, an der sie zu leiden scheint.

Der Zusammenprall der Moderne mit dem Konservativen in dieser Sommernovelle macht den Reiz des Lesens aus. Man geht mit der Badenden selbst baden. Emotional und fasziniert, verstört und neugierig, angezogen ausgezogen. Um die Ressentiments wissend und die Konflikte vorausahnend, die dieser Badeausflug mit sich bringen wird. Das Lebensgefühl Kirchners trägt uns mit Clara durch das Schilf. Man kann sich dieser Gefühlsrevolution kaum verweigern. Und wenn Ralf Günther die Grenzen des damals Vorstellbaren und Schicklichen überschreitet, dann mit einem Bild, das man so schnell nicht wieder vergessen wird.

Die Badende von Moritzburg – Ernst Ludwig Kirchners Atelier…

Ich habe „mein“ Dresden schon in unterschiedlichen literarischen Aggregatzuständen erlebt. Ich bin mit Lili Elbe in einer Dresdner Klinik gestorben. Ein dänisches Mädchen, das mir Kopf und Herz verdreht hat, liegt noch heute dort begraben. Ich bin verzweifelt durch die Dresdner Bombennacht geflüchtet, den Angstmann fürchtend, den Krimi von Frank Goldammer verzehrend und auf ein glückliches Ende hoffend. Ich war selbst vor Ort. Besuchte Moritzburg, nahm es als Filmkulisse wahr und streifte durch eine Stadt, die mir ans Herz gewachsen war. Elbflorenz.

Die Badende von Moritzburg hätte ich gerne dort getroffen. Mit Kirchner hätte ich gerne einen Plausch gehalten, meinetwegen auch völlig nackt, und ihn gefragt, was er vom Blauen Reiter hält. Das Lebensgefühl auf der Schwelle zum Neubeginn hat Ralf Günther ebenso expressionistisch vermittelt, wie es Kirchner und seinen Freunden in ihren Gemälden gelang. Er hat die Flüchtigkeit dieses Augenblicks mit zarten Strichen skizziert und vieles festgehalten, was sich zu einem atmosphärischen Bild verdichtet.

„Malen muss eine Befreiung sein. So wie uns die Kleidung zwickt und zwackt, so wie dein Korsett dir fast den Atem nimmt, ist der Rahmen eine Beschränkung des Künstlers… Wahre Kunst befreit sich.“

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Der selbst gesteckte Rahmen von 100 Seiten in dieser Novelle hat Ralf Günther nicht in seiner Freiheit beschränkt, eine große kleine Geschichte zu erzählen.

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(Rezi-Shortcut) „Fiesta“ von Ernest Hemingway

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium: Fiesta von Ernest Hemingway

Vorbemerkung: Ein Rezi-Shortcut ist der Versuch der Annäherung an ein Buch, das in meinem Lesen von eher sekundärer Bedeutung ist. Hierbei werden im Wesentlichen die Bücher besprochen, die einen Leseweg kreuzen, ihn tangieren oder am Rande der aktuellen Beschäftigung mit einem Buch auftauchen und Spuren hinterlassen. Dabei ist die Kurzfassung der Buchvorstellung an sich kein Qualitätsmaßstab für das Werk.

Fiesta von Ernest Hemingway

Anlass für diesen Rezi-Shortcut: Meine Auseinandersetzung mit Ernest Hemingway und dem Beginn seiner Karriere als Schriftsteller. Bücher, die ihn in den Mittelpunkt der Betrachtung geraten lassen:

Direkte Hinweise auf den Ausgangspunkt der Legendenbildung:
Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Fiesta von Ernest Hemingway

Sein Weg von der Reportage über die Kurzgeschichte bis hin zum ersten Roman ist so außergewöhnlich, dass man nach dem Lesen der direkt mit dem Paris der wilden Zwanziger Jahre in Verbindung stehenden Werke gezwungen ist, Fiesta zu lesen. Es war Hemingways erster Roman und stellte den von vielen vorhergesagten Durchbruch in der Literaturszene dar.

Der Inhalt:

Britische Lady mit zweifelhaftem Ruf befindet sich in Begleitung von vier Männern im spanischen Pamplona, um das jährlich stattfindende Stierkampf-Festival zu erleben. In fast wahlloser Reihenfolge verdreht sie ihren Reisegefährten den Kopf, bricht ein Herz nach dem anderen und genießt die rauschhafte Zügellosigkeit jenseits der moralischen Normen des Jahres 1925. Die animalische Faszination der Sanfermines vermischt sich mit der aufbrandenden Eifersucht zwischen den Männern. Als sich Lady Brett Ashley in dem jungen Matadoren Pedro Romero den nächsten Liebhaber aussucht, fließt neben dem Blut der Stiere auch das der Reisebegleiter in den Sand der spanischen Arena.

Das bahnbrechend neue literarische Stilmittel:

Kurz, prägnant und im Verzicht auf ausschmückende Adjektive beginnt mit Fiesta ein neues Kapitel der sprachlichen Ausgestaltung von Romanen. Hemingway schreibt nicht, dass etwas „schön“, „warm“, „groß“ oder „blutig“ ist. Er erzählt so, dass man kein Eigenschaftswort benötigt, weil er seiner Beschreibung die Eigenschaften verleiht. Sein Satzbau ist gestrafft, von Wiederholungen geprägt und weist keine Schnörkel auf. Hier unterscheidet er sich von allen literarischen Größen seiner Zeit und folgt dem Einfluss der Pariser Literaturszene um Ezra Pound und Gertrude Stein.

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Fiesta von Ernest Hemingway

Kritik:

Die verlorene Generation verschafft sich Raum in „Fiesta“. Das Leben will gelebt werden. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges sind nicht überwunden. Jetzt muss man sich neu erfinden, gesellschaftliche Normen verwerfen, sich dem Rausch der Begierde und des Alkohols hingeben. Diese Atmosphäre fängt Hemingway in den Schauplätzen seines Romans Paris und Pamplona brillant ein. Sein erster Roman ist jedoch viel eher eine Reportage, als eine fiktionale Geschichte. Alles selbst erlebt, alles gut beobachtet und alles in „Fiesta“ eingebaut, was bei drei nicht auf dem Baum war.

„Fiesta“ macht aus dem Journalisten Ernest Hemingway den Schriftsteller. Dabei kopiert er alle Protagonisten aus dem Leben in diesen Roman hinein. Sein Abbild, der Ich-Erzähler Jack Barnes, wird dabei am deutlichsten verfremdet. Die Impotenz einer ganzen Epoche, ihre Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit manifestiert sich im einzigen Mann der Reisegesellschaft, der nicht zum Bettgespielen von Lady Brett Ashley taugt.

Fazit:

Lesenswert. Aus heutiger Sicht Lehrstück autobiografischen Schreibens geprägt vom Verzicht auf jegliche Beschreibungen, die der Leser nicht schon atmosphärisch in sich aufgesaugt hat. Ein verletzender Roman für diejenigen, die Hemingway kopierte. Eine atmosphärische Annäherung an den ewigen Kampf zwischen Mensch und Tier, die den Stierkampf aus Pamplona später auf hohe See verlegte. Hier schrieb der „Junge Mann und der Sand“, der bald der „Alte Mann und das Meer“ werden sollte.

Fiesta von Ernest Hemingway

„Ein Winter in Wien“ von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ist es in der heutigen Zeit möglich, Leser mit einer ganz einfach erzählten Romanze zu begeistern? Kann man einen Roman schreiben und publizieren, der in aller Zartheit wirkt wie ein scheues literarisches Reh, das sich kurz auf der bibliophilen Lichtung zeigt und sofort verschwindet, wenn es Gefahr wittert? Sind wir als Leser überhaupt noch in der Lage, eine Erzählung um ihretwillen zu schätzen, uns verzaubern zu lassen und sie nicht an reizüberflutenden und Herzschmerz verursachenden Lovestorys zu messen?

Ist es vermittelbar, dass man eine Geschichte erzählt, die in einem gesellschaftlich- historischen Kontext eingebettet ist, der aufgrund der Moralvorstellungen und der einst vorherrschenden Sittenbilder von Haus aus verhindert, dass wir zu Zeugen ausufernder erotischer Ausschweifungen werden? Haut uns ein solcher Stoff noch vom Hocker oder ist es der eher prüden Leserschar vorbehalten, den biederen Weg ins verschneite Wien des Jahres 1910 zu erlesen?

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Erstens gilt es festzuhalten, dass ich nicht bieder oder prüde bin. Zweitens vertiefe ich mich fast ausschließlich in Romane, die in der Lage sind, mich vom Buchhocker zu reißen. Und drittens darf für mich eine romantische Geschichte sehr gerne so erzählt werden, als sei sie aus der Zeit gefallen, in die sie geschrieben wurde. Das macht viele gute Erzählungen erst authentisch und vermittelt ein deutliches Bild davon, wie zaghaft sich die erste Annäherung zweier Menschen vollzog, die voneinander fasziniert waren.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb ist eine solche Geschichte. Wüsste man nicht, dass dieser Roman von einer quicklebendigen Schriftstellerin unserer Zeit geschrieben wurde, man könnte ihn für einen Fund aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Er spielt nicht nur im winterlichen Wien des Jahres 1910. Sowohl sprachlich als auch atmosphärisch lebt der Roman in einer Zeit, die durch die Klassenunterschiede im österreichischen Kaiserreich, ein überhöhtes Standesdenken und Wertebilder bestimmt war und heute auf uns wahrlich antiquiert wirkt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Es schneit in Wien. Es ist kalt und man friert, wenn man nicht zu den wenigen Reichen gehört, die sich den Luxus der Wärme leisten können. Die 18-jährige Marie Haidinger gehört nicht zu den vom Schicksal begünstigten Menschen, sie kommt von ganz unten. Mehr als ein entbehrungsreiches Leben auf einem Bauernhof stand für sie nie auf dem Plan. Und doch verschlägt es sie auf der Flucht vor dem Gefühl „Leibeigene“ zu sein in die Hauptstadt und sie ist in aller Bescheidenheit mit allem zufrieden, was das Leben ihr zu bieten hat. Aus der Schankmaid wird ein Hausmädchen und aus dem Hausmädchen wird ein Kindermädchen.

Für Marie schon ein Leben in Luxus. Ihre Kammer ist beheizt, die beiden Kinder sind ihr sehr schnell ans Herz gewachsen und die Hausherren behandeln sie so gut, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht behandelt wurde. Erst langsam erkennt sie, wer der Hausherr der Sternwartestraße im Wiener Cottage-Viertel ist. Sie lebt im Haus des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler, dessen Theaterstücke und Erzählungen in aller Munde sind. Und ausgerechnet sie, die arme Marie vom Land, darf seine beiden Kinder beaufsichtigen und erziehen.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Und wie sollte es in diesem Haushalt anders sein? Ein Buch verändert das Leben des liebenswerten Kindermädchens. Sie soll es nur für Arthur Schnitzler abholen. Ein harmloses Vorhaben, wäre da nicht der Blick des jungen Buchhändlers, wäre da nicht ein kleiner Funke, der in diesem Moment auf beide überspringt und wären da nicht alle moralischen Schranken, die es so schwer machten, sich unbefangen kennenlernen zu dürfen. Erst ein Geschenk macht das Unmögliche möglich. Ein Büchlein aus der Feder von Rainer Maria Rilke öffnet die Tür zum Herzen des jungen Mädchens.

„Mir zur Feier“ in einer wundervollen Ausgabe, deren Seiten unbeschnitten sind und die erst mit einem Messer getrennt werden mussten, bevor man es lesen konnte ist das wohl wertvollste Geschenk, das sie je in Händen hielt. Eine zarte Romanze beginnt den Winter in Wien wärmer erscheinen zu lassen und aus dem ersten beigelegten Brief wird der erste Spaziergang und aus dem ersten gemeinsamen Weg entwickelt sich der erste zarte Kuss, der auch den Leser wie eine schmelzende Schneeflocke berührt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb schreibt, als hätte sie Charles Dickens nach Wien entführt. Es mutet klassisch an, was doch gar nicht klassisch ist. Und doch garniert sie die zarte Romanze mit einem Spannungsbogen, der das Gleichgewicht zum Wanken bringen kann. Maries Leben steht unter Vorbehalt. Es gibt keine Garantie für eine unbeschwerte Zukunft und ein einziger Fehler kann sie alles kosten. Und genau dieser Fehler unterläuft ihr. Ob sie ihr Glück findet, sollte man sich schon selbst erlesen. „Ein Winter in Wien“ ist in jeder Hinsicht eine Lesereise wert.

Für einen literarischen Sternwärter ist ein Roman, der in der Sternwartestraße 71 spielt ja schon fast wie eine persönliche Einladung. Die Atmosphäre eines Wiener Winters im Jahr 1910 ist so fesselnd und bildhaft festgehalten, als würde man in einem Poesiealbum aus der Vergangenheit blättern. Sprachlich spürt man den Atemhauch der Geschichte und literarisch wird einem der ganz Großen der Literaturgeschichte Leben eingehaucht. Und wenn man dann noch, so wie ich, einen Rilke in seinem Bücherregal hat, der unbeschnitten ist und dessen erstes Gedicht „Mir zur Feier“ heißt, dann geht „Ein Winter in Wien“, erschienen bei Kindler, eine schon fast magische Beziehung zu meinem bisherigen Lesen ein. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb hat mit ihrem literarischen Selbstfindungstrip „Meine wundervolle Buchhandlungmein lesendes Herz im Sturm erobert. Ein wundervolles Interview in Frankfurt brachte mich ihr näher und ihre kuriose Widmung in ihrem Buch ist bis heute unvergessen. Vielleicht signiert sie mir ja irgendwann einmal „Ein Winter in Wien“. Ich habe mir fest vorgenommen, sie in diesem Fall nicht mit meinen Fragen abzulenken. Es wäre nicht auszudenken…

Und doch bleibt eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wenn Petra Hartlieb diesen Roman ihrer Großmutter Johanna Haidinger widmet, dann könnte es doch sein, dass jene Marie Haidinger vielleicht den ersten Funken bibliophiler Leidenschaft schlug, der heute in der Buchhandlung Hartliebs Bücher hell leuchtet.

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„Der Turm der Welt“ – Benjamin Monferats Monumentalroman

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Manchmal lassen sich Bücher sehr gut mit Filmen vergleichen. Beide Kunstformen haben bestimmte Wesensmerkmale gemeinsam, die das Kategorisieren erleichtern. Es gibt die klassischen Zwei-Personen-Kammerspiele, die in einem engen Erzählraum auf das Wesentliche reduziert, von ihren Dialogen und der sehr überschaubaren Anzahl an Schauspielern leben. Es gibt Low-Budget-Verfilmungen, die selbst in ihren Kulissen auf verschwenderische Dekoration verzichten müssen. Und zuletzt gibt es Filme, die in der Geschichte dieser Kunstform fast ausgestorben sind: Monumentalfilme.

Die hohe Anzahl an Hauptdarstellern und Statisten, ein reichhaltiger Fundus höchst authentischer Kostüme, Kulissen, die ihren Originalen in nichts nachstehen und extrem hohe Produktionskosten zeichnen dieses Genre der Filmkunst aus. Die epische Breite solcher Produktionen und die immensen Kosten schrecken Regisseure heute davon ab, das Risiko des Scheiterns einzugehen und so verschwinden diese Filme immer mehr in der Versenkung. „Die zehn Gebote“ und „Cleopatra“ sind längst Geschichte. Vielleicht sind „Der Hobbit“ und „Game of Thrones“ die letzten Monumentalfilme ihrer Art.

Und hier kommen wir zur Literatur. Wenn es Monumentalfilme gibt, dann ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ihre literarischen Vorlagen ebenso monumental angelegt sind, wobei sich Autoren während des Schreibens keinerlei Gedanken darüber machen, ob ihr Werk cineastisch umzusetzen ist. Ihre Kulissen kosten nichts, eine Besetzung mit Protagonisten und Statisten kann sich aus dem Füllhorn der Fantasie bedienen und die Gagen der Akteure sind überschaubar niedrig. Monumentalbücher bieten ihren Autoren das volle Spektrum eines epischen Szenarios für ihre jeweilige Geschichte.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt und Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Wenn ich an Monumentalromane in meinem Bücherregal denke, dann fallen sie oft schon durch ihren Umfang auf. Ich erinnere mich an wochenlanges Eintauchen in groß angelegte Erzählwelten, meine Versuche, das überbordende Dramatis Personae in den Griff zu bekommen und die anderen Bücher, die ich währenddessen nicht lesen konnte. Monumentalromane müssen sich für den Leser lohnen, sein Leben bereichern und auf keinen Fall nur dadurch episch erscheinen, weil sie mit Füllmaterial auf Länge getrimmt sind. „Welt in Flammen“ aus der Feder von Benjamin Monferat fällt mir sofort ins Auge, wenn ich daran denke, was einen solch imposanten Roman auszeichnet.

Genau dieser Benjamin Monferat würde wohl jeden Filmproduzenten zur Weißglut treiben, da die Komplexität seiner Bücher alles andere als sparsam mit Ressourcen an Mensch, Kulisse, Dekoration, Kostüm und Schauplätzen umgeht. Sein Schreiben kennt keine Grenzen und Leser müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich mit einem neuen Monferat anfreunden wollen. Sie sollten wissen, dass er am Ende seines Castings über eine Schar von Protagonisten verfügt, die er durch seine Geschichte und die facettenreiche angelegten Szenarien zu domptieren hat.

Der Turm der Welt“. So heißt sein neuester Schmöker (wie ein Monumentalbuch in der literarischen Umgangssprache auch bezeichnet werden kann). Mit seinen fast 700 Seiten verspricht der bei Wunderlich erschienene Roman einen erneut sehr opulenten Lesegenuss und viele Tage kontemplativer Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die zwar in ein historisch authentisches Szenario platziert wurde, jedoch keinesfalls als historischer Roman zu bezeichnen ist. Benjamin Monferat schreibt keine historischen Romane, er bettet seine Geschichten ein und lässt seiner kreativen Seele freien Lauf.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Herzlich willkommen also zur Pariser Weltausstellung von 1889. Sie ahnen schon, dass allein bei der Auswahl des historischen Kontextes für diesen Roman der erste und wichtigste Grund verborgen ist, warum man ihn als monumental bezeichnen kann. Die Welt wurde hier nicht ausgestellt, sie wurde verändert. Nachhaltig. Und ebenso wurde das Stadtbild von Paris verändert, denn ohne diese Weltausstellung kein Eiffelturm und ohne diesen „Turm der Welt“ kein Roman von explosiver Strahlkraft und historischer Genauigkeit in der Beschreibung der Rahmenbedingungen für einen Politthriller.

Benjamin Monferat gelingt es, die Stimmung dieser Zeit so spürbar zu transportieren, dass man als Leser mit dem Roman eine Eintrittskarte zur „Exposition Universelle“ in die Hand gedrückt bekommt und staunend in das neue Zeitalter wandern darf. Nicht nur der Eiffelturm gehört zu den Kulissen des Romans, auch die Ausstellungshallen selbst. Man bekommt schnell ein Gefühl dafür, an welcher Zeitenwende man sich befindet und welche Erfindungen, damals noch belächelt, heute unentbehrlich sind. Von Edison und seinem Phonographen bis hin zu Daimlers erstem Motor reichte das Spektrum und fast nebenbei gab sich das Who is Who der Weltprominenz ein Stelldichein in Paris.

Was dem monumentalen Personenregister des Romans einen weiteren Stempel aufdrückt. Denn neben gekrönten Häuptern, Erfindern und sonstigen Prominenten ist es auch ein gewisser Buffalo Bill, der mit seiner Wild-West-Show ganz Paris begeistert. Natürlich war diese Weltausstellung alles andere als unpolitisch, und genau an dieser Stelle setzt Benjamin Monferat auf der Grundlage bester Recherche an. Genau hier ist der Zündstoff zu finden, der mit einer 700 Seiten langen Zündschnur durch dieses Buch lodert. Das Hauptziel dieser Ausstellung war es, die Größe Frankreichs vor den Augen der ganzen Welt in den Vordergrund zu stellen. Eines Frankreichs, das umzingelt von Monarchien, die einzig funktionierende Republik Europas war und das Gefüge alter und neuer Allianzen auf dem Kontinent gehörig ins Wanken bringen konnte

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

So mutiert die Weltausstellung zum Stellvertreterkriegsschauplatz der Dynastien und Monferat beginnt nun diese explosive Mischung mit seinen fiktionalen Charakteren anzureichern, um ein hochexplosives Pulverfass zu gestalten, das im „Turm der Welt“ seine Metapher findet. Jeder strebt nach dem Höchsten und jedes Mittel ist recht. Was würde also passieren, wenn am Ende der Weltausstellung nicht nur ein Feuerwerk den Nachthimmel von Paris illuminieren würde, sondern just in dem Moment, in dem sich die Mächtigen der Welt auf dem Eiffelturm befinden, genau dieser pulverisiert würde?

Benjamin Monferat konstruiert eine Ausgangslage, die Paris zum Spielball aller nur denkbaren europäischen Geheimdienste macht und die französischen Ermittler auf der Jagd nach den potenziellen Attentätern zu Jägern und Gejagten gleichermaßen werden lässt. Das Panorama der Stadt wird dominiert durch diese Charaktere, die der Autor mit großem schriftstellerischem Geschick in die Zeit fallen lässt. Wir folgen ihnen durch die taumelnde Stadt, folgen einer Edelprostituierten in die Zentren der Macht, suchen mit einem deutschen Offizier nach seiner wahren Herkunft und erleben in den Reihen der französischen Polizei ein blaues Wunder nach dem anderen.

Als dann auch noch der britische Geheimdienst versucht, den eigens angereisten royalen Thronfolger in der Stadt der Liebe vor sich selbst zu schützen, gerät der Tanz um den „Turm der Welt“ zur Polonaise in den Tod. Monferat gelingt es meisterlich, die Akteure seines Romans interagieren zu lassen und aus einer Vielzahl von scheinbaren Zufällen einen großen Plan zu entwickeln, der sich dem Leser Seite für Seite offenbart. Die Kapitelüberschriften, wie „Zündung in 39 Stunden“, lesen sich wie der Countdown zum Unausweichlichen. Staunend und gebannt stehen wir am Ende dieses Romans am Fuße des Eiffelturms und warten auf den großen Knall. Und damit sind wir nicht alleine. 

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Benjamin Monferat gelingt es, das ganz große Kopfkino zu erzeugen. Sein Roman bietet neben Spannung und literarischer Dichte auch den historisch gesicherten Blick in eine Epoche, die als Vorreiter für die beiden großen Weltkriege gesehen werden muss. Darüber hinaus erweitert er das Bühnenbild um ein Szenario, der uns heute zu geläufig erscheint. Terrorismus. Es ist mehr als interessant zu erlesen, wie sich diese Gefahr in einer Zeit ausgewirkt haben muss, in der nur Gerüchte und Tageszeitungen als Quellen von Informationen in Frage kamen. Die Verunsicherung der Bevölkerung hatte hier eine völlig andere Dimension.

Der Turm der Welt ist in erster Linie allerbeste literarische Unterhaltung. Jedoch darf man eines nicht unberücksichtigt lassen. Die Relevanz des Buches außerhalb des reinen Lesegenusses liegt im Nachwort des Autors verborgen. Wer sich recherchierend durch das Paris unserer Zeit bewegt, um einen Roman zu schreiben in dessen Zentrum ein terroristischer Anschlag auf den Eiffelturm steht und wer dann erleben muss, wie die Realität von Terroranschlägen zerrissen wird, der hat als Autor viel zu verarbeiten. Die Widmung seines Romans trägt diesen Erlebnissen Rechnung. Lesenswert. Groß.

Ich werde Benjamin Monferat zur Frankfurter Buchmesse treffen und für Literatur Radio Bayern interviewen. Sein Nachwort hat mich nachdenklich gemacht und alleine schon daraus ergeben sich viele Fragen zu seinem Schreiben. Ich möchte jedoch auch dem Pseudonym auf den Grund gehen, das zu „Welt in Flammen“ noch geschlossen war, nun jedoch auch offiziell gelüftet wurde. Stephan M. Rother und Benjamin werden sich also „gemeinsam“ meinen Fragen stellen und ich bin schon sehr gespannt auf das Gespräch. Nachdem ich im Roman lesend Unmengen Absinth zu mir nehmen durfte, bin ich auch sehr gespannt, ob er dieses Kultgetränk dieser Zeit schreibend genoss. Es wird spannend…

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Hier geht es zum Buchmesseinterview am Stand des Rowohlt Verlages

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Coming soon: Das Interview mit Benjamin Monferat / Stephan M. Rother von der Frankfurter Buchmesse 2016 – Literatur Radio Bayern on the road.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat - Das Interview

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat – Das Interview

Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter – Eine Annäherung

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Wer die Nachtigall stört“ galt bisher als der einzige Roman von Harper Lee. Ein literarisches „One-Hit-Wonder“, das 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle ist legendär und Oscar-prämiert.

Der aufrechte Protagonist Atticus Finch kämpft hier als engagierter Anwalt gegen die Verurteilung eines Schwarzen, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus gibt seinen Kindern Werte mit auf den Weg, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre absolut nicht selbstverständlich waren. Ganz besonders nicht im Süden. Schon gar nicht in Alabama. Diese Romanfigur gilt bis heute als Vorbild für viele junge Menschen, selbst gegen Diskriminierung einzutreten, Jura zu studieren und mit wachem Blick gegen Rassismus zu kämpfen. Ein nationaler Mythos.

„Wer die Nachtigall stört“ erschien bereits 1960. Seitdem ist es ruhig um die heute 89-jährige Autorin. Bis man 2014 ein Manuskript entdeckte, das gerade unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächterveröffentlicht wurde und seitdem die Buchwelt in Atem hält. Das Urteil der Kritiker und Leser reicht von „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“ über „Die Nachtigall ist aber viel besser“ bis zu „Eine literarische Sensation“.

Womit haben wir es wirklich zu tun? Wie kann man sich dem Wächter nähern und was macht aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus dem „Giftschrank“ einer zurückgezogen lebenden alten Dame das fehlende Puzzlestück im Gesamtbild eines inzwischen aus zwei Bücher bestehenden Lebenswerks? Meine Annäherung an dieses Phänomen kann und soll mögliche Lesewege aufzeigen, die letztlich dazu führen, dass beide Bücher unter Berücksichtigung ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, ihrer literarischen Relevanz und ihrer zeitlosen politischen Brisanz für mich persönlich zu den größten Lese-Erlebnissen meines Lebens gehören.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Das eigentliche Debüt von Harper Lee ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dem Verlag war das Thema dieses Romans damals zu brisant. Er ist in den 1950er Jahren angesiedelt und der Rahmen für die Handlung wird durch die damalige Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes der USA definiert. Die Rassentrennung an Schulen wurde verboten und erhebliche Eingriffe in die Eigenverantwortung der Bundesstaaten sorgten für erhebliche Widerstände und Unruhen, die noch immer spürbar waren.

Der Verleger empfahl Harper Lee die Handlung in die 30er Jahre vorzuverlegen und die Geschichte der Finchs mit der Kindheit von Jean Louise (Scout) und ihrem Bruder zu beginnen. Der situative Rahmen wird durch konsequente Rassentrennung im bürgerlichen Leben und an Schulen definiert. Und doch war man rein juristisch in den dreißiger Jahren so weit, alle Menschen, gleich ihrer Herkunft vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Allerdings nur im eng gesteckten Rahmen der geltenden Konventionen der Trennung von Schwarz und Weiß.

So entstand „Wer die Nachtigall stört“, ein Destinations- und Kindheitsroman über Freundschaft, das Aufwachsen im guten alten Süden und ein großes sozial-juristisches Lehrstück über die Anfänge einer Gleichbehandlung von Schwarzen vor dem Gesetz. Atticus Finch wird zum Verfechter und Vorreiter der Rolle des „Menschenrechtlers“ und zum vorbildlichen Verteidiger eines schwarzen Angeklagten, dessen Schicksal ohne ihn durch Lynchjustiz entschieden worden wäre. Und obwohl er den Prozess trotz massiver entlastender Indizien verliert, prägt Atticus Finch das Bild des modernen Anwalts.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Dabei wird seinen Kindern klar, dass er diesen Prozess aus tiefster Überzeugung führt und sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn er kneifen würde. Seinen Kindern könnte er dann kein Vorbild mehr sein und diese Lehren werden zum prägenden Kindheitsbild ganz besonders für die junge Scout, die ihren Vater abgöttisch liebt und ihn mutig vor aller Welt verteidigt. Er stellt sich als Pflichtverteidiger gegen die meisten Menschen in Maycomb. Er riskiert viel und bleibt seinen Prinzipien treu.

„Ich könnte nicht mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen…“

„Diesmal kämpfen wir nicht gegen die Yankees, sondern unsere Freunde“

„Das ist mein Fall. Dass wir schon 100 Jahre vor Prozessbeginn besiegt wurden, ist kein Grund untätig zu bleiben!“

Und genau diesen Prozess beobachten die Kinder, erleben, wie sich ihr Vater für die Rechte der Schwachen einsetzt und erheben ihn fortan zum leuchtenden Vorbild ihres eigenen Lebens. Auch wenn er ein tragischer Held bleibt, er ist ein Held und sein Wort ist Dogma und Gesetz zugleich. Und doch tritt Atticus Finch zu keinem Zeitpunkt als Vordenker für die Gleichberechtigung der Schwarzen in seinem Staat ein. Ganz im Gegenteil

Er bezeichnet die sexuelle Annäherung zwischen dem Angeklagten und der weißen Klägerin, egal von wem sie ausging, als schlimmen Verstoß gegen ein tief verwurzeltes Recht und Gesetz und einen erheblichen Schlag gegen alle moralischen Vorstellungen. Er tritt für abstraktes Recht ein, wie so viele Anwälte, denen es nur wichtig scheint, ihren Fall zu gewinnen. Die gesellschaftlichen Ursachen für Straftaten sind egal oder werden schweigend akzeptiert. Doch das erkennt man erst auf den zweiten Blick. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein hintergründiger Roman der im zutiefst von Rassentrennung gekennzeichneten Süden spielt und dessen Protagonist diesen Rahmen zu keiner Zeit sprengt.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Ich werde niemals vergessen, wie ich damals mit Scout aufgewachsen bin, mit ihr gemeinsam ihren Vater bewundert habe. Ich habe an ihrer Seite Freundschaft um jeden Preis erlebt und hatte Angst vor dem gesichtslosen Boo Bradley in der Nachbarschaft. Ich sehe noch immer das Versteck im Baum und fühle das tiefe Band der schwarzen Gemeinde in Maycomb. Ich habe diesen großen Roman geliebt, liebe ihn noch immer und habe ihn erneut gelesen, unmittelbar bevor ich den „Wächter“ begonnen habe.

Ich kann nur jedem Leser raten, die Nachtigall erneut zu lesen, oder sich den Film anzuschauen und in Gedanken tief in den Maycomb-Mikrokosmos einzutauchen, um im „Wächter“ auf der Höhe der tiefen persönlichen Verbindungen zur Vergangenheit zu sein. Dieser Roman sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist die zweite Seite der Medaille, ohne die alles keine Bedeutung hat. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist, wie der Titel schon sagt, eine ganz genau definierte Beobachtungsposition, aus der die Vergangenheit neu bewertet wird und man sich in der Zukunft besser auf sein Urteil verlassen kann.

Der „Wächter“ also, das eigentliche Debüt, der Roman der zuerst da war, bringt uns nun in die 1950er Jahre zurück in unser Maycomb. Scout (Jean Louise) ist inzwischen 26 Jahre alt und kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihren inzwischen über 70-jährigen Vater Atticus zu besuchen. Von New York in den Süden. Auch in den fünfziger Jahren fast eine Weltreise, ganz besonders in diesen unruhigen Zeiten für den guten alten Süden. Mit der Aufhebung der Rassentrennung an Schulen stehen die schwarzen Mitbürger nun fast vor der Tür der vollwertigen Bürgerrechte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Und das ausgerechnet in Alabama, wo sie, die ehemaligen Sklaven, auch noch in der Überzahl sind und der Widerstand in der Bevölkerung wächst beharrlich. Es ist die pure Angst vor der Rache für Jahre der Knechtschaft und die Angst vor der Beteiligung von Schwarzen an öffentlichen Ämtern und vielleicht sogar an der Regierung. Unvorstellbar. Aber Jean Louise weiß ihren Vater auf der richtigen Seite. Als aufrechten Kämpfer und Volksvertreter für Gleichberechtigung. Auch der Mann, den sie vielleicht einmal heiraten würde entspricht diesem Bild. Nicht umsonst arbeitet er in der Kanzlei ihres Vaters und ist der geborene Nachfolger im Amt und im Leben.

Was Scout allerdings dann erleben muss, schlägt nicht nur dem Fass den Boden aus, sondern wirft ihr Weltbild durcheinander, lässt alles aus den Fugen geraten und macht aus dem kleinen naiven Wildfang von einst eine Furie im Kampf um die eigene Weltanschauung. Ihr Vater auf Seiten der Befürworter der Rassentrennung? Ihr Vater als Vorsitzender eines der berüchtigten Bürgerräte, die alles in Bewegung setzen, die Diskriminierung der Schwarzen fortzusetzen? Ist das ihr Vater, der nun im Besitz von Hetzschriften ist und seiner Tochter zu vermitteln versucht dass es keinen anderen Weg für den Süden gibt? Die Erkenntnis reift um 14:18 Uhr an diesem Tag. Danach ist alles anders. Alles.

Denn auch ihr Freund ist auf der falschen Seite! Sich opportunistisch anpassend an die lokalen Gegebenheiten, weil er ja in dem kleinen Ort leben und arbeiten will? Alle auf der falschen Seite, nur nicht Jean Louise, die den Idealen ihres Vaters bisher ebenso sklavisch folgte, wie er nun zu versuchen scheint den Großteil der Bevölkerung klein zu halten? Nur aufgrund der anderen Hautfarbe? Jean Louise Finch steht am Scheideweg ihrer eigenen Existenz und beschließt zu handeln. Ganz im Stile ihres Vaters und dabei macht sie intellektuell kurzen Prozess mit ihm. Eine ganz eigene Verhandlung in Sachen Finch gegen Finch. Und ihr Schlussplädoyer wird noch lange nachhallen. Das kann ich versprechen.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist mehr als ein Manuskript. Es ist die Fortsetzung einer großen Geschichte, die schon geschrieben war, bevor die Geschichte begann. Schwungvoll geschrieben, voller Ironie, Humor und unglaublichem Tiefgang führt uns Harper Lee zurück in die Kindertage der „Nachtigall“ und bringt uns klarsichtiger als zuvor in die Gegenwart der fünfziger Jahre zurück. Farbenblind – nur so kann man den Zustand bezeichnen, der Scout damals gefangen hielt. Die Bewunderung weicht dem Zorn und sie fühlt sich völlig verloren in einer Fremde, die einst ihre Heimat war.

Die großen Aussagen kommen nun von ihr. Der wehmütige Blick zurück führt uns in einen Roman, den man einfach lieben musste. Und doch liebte ich viele Jahre lang nur eine Seite eines Reißverschlusses. Nun habe ich die zweite Seite gefunden und Scout Finch ist der Verschluss, der alles verbindet. Harper Lee hat es sich auch mit diesem Roman sicher nicht leicht gemacht. Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung vermag man nur zu verstehen, wenn man mit offenem Herzen liest. Besonders gegen Ende des Wächters schillern diese beiden Nichtfarben in allen Nuancen, die nur vorstellbar sind.

Für mich eine literarische Sensation. Für mich ein außerordentlich intensives Lesen und das Gefühl, nach Hause zu kommen und dann mit Scout plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen. Für mich ein sehr politisches Lesen, angesichts der rassistisch motivierten Vorfälle unserer Zeit. Für mich zwei hell leuchtende Bücher, die verstehen helfen, was es für die USA bedeutet einen schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt zu haben. Emotionales lesen, weil ich schon immer ein wenig in Scout verschossen war. Und es ist ein grandioses Hörerlebnis, weil Sprecherin Nina Hoss diesem Roman in der Hörbuchfassung (Der Hörverlag) eine mehr als persönliche Note verleiht, die man sich anhörten sollte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Was ich persönlich von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in Erinnerung behalte? Einen verrutschten Gummibusen bei einem ausgelassenen Tanzabend; eine mehr als verstörende Wolke aus Gesprächsfetzen bei einem Kaffeekränzchen, das Scout zeigt, wie fremd sie sich in Maycomb fühlt; einen peinlichen Unfall im Schlafwagen, der zeigt dass man auch dort besser ein Höschen tragen sollte; das warme Wiedersehen mit der guten Calpurnia und den absolut dramatischen Perspektivwechsel auf dem Balkon des Gerichtssaals, der Scout ihren Vater von einst erleben lässt, während dieser nun, fast zwanzig Jahre später der Vorsitzende einer Versammlung radikaler „Negerhasser“ ist. Grandioses Gefühlskino.

Gehe hin, stelle einen Wächter (DVA Verlag) verbirgt weitere Geheimnisse, denen ich beim Harper-Lee-Abend des Verlages im Literaturhaus München auf den Grund gegangen bin. Interviews mit Verlagsmitarbeitern werden in der nächsten Woche als RadioPodcast bei Literatur Radio Bayern veröffentlicht, um das Bild abzurunden und Sie zum Lesen zu verführen.

Und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach den ganz kleinen Häkchen, die den Reißverschluss des Lesens ein wenig zu stören scheinen, wie der Ausgang des Robinson-Vergewaltigungs-Prozesses, der in beiden Büchern unterschiedlich endet. Es ist noch viel zu entdecken. Die Reportage bringt weiteres Licht ins literarische Dunkel und wir gehen sogar der Frage nach, ob das Wächter-Zitat „Someone is walking over my grave“ in seiner wörtlichen Übersetzung „Jemand ist über mein Grab gegangen“ besser funktioniert, als die gute alte deutsche Gänsehaut.

Beginnen Sie doch bis dahin mit der Nachtigall (Rowohlt) und begegnen Sie dann dem Wächter. Dieser Roman hat das Potential, ein ganz individueller Wächter des persönlichen guten Gewissens zu werden! Es lohnt sich. Bis bald.

Mit einem Klick zur Radioreportage vom "Harper Lee Abend"

Mit einem Klick zur Radioreportage: Der  „Harper Lee Abend“ in München

Und nun eine kleine Vorschau auf unsere Literatur Radio Bayern Reportage, die hier zu hören ist.

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Hier geht es zu meinem literarischen Sternystem der verlorenen Mädchen!