Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther - astrolibrium

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Auch die kleine literarische Sternwarte kommt ohne gute Weihnachtsgeschichte nicht aus! Mein Anspruch ist hoch. Ich möchte die besinnliche vorweihnachtliche Zeit nicht mit Banalitäten verbringen und Geschichten folgen, die den Buchmarkt überfluten, um noch mal eben schnell den Gabentisch zu bereichern. War ich im letzten Jahr noch mit Maja Lunde und ihrer legendären Geschichte „Die Schneeschwester“ unterwegs, so wollte ich auch in diesem Jahr, meiner persönlichen Tradition folgend, niveauvoll ins Fest aller Feste gleiten. Ich wollte den Geist der Weihnacht beschworen wissen. Wollte mich in einer Erzählung fallenlassen, die aus ihrer Zeit gefallen ist und die ganz einfach nach Plätzchen und Vanille riecht, nach Glühwein schmeckt, wie eine Christbaumkugel funkelt und trotzdem im tiefsten Inneren des Herzens ein Gefühl erzeugt, das nicht nur die Weihnachtszeit bestimmen sollte. Hohe Ansprüche. Ich weiß…

Eine Kiste voller Weihnachten stach mir sofort ins Auge. Und dies aus mehreren Gründen: Eine illustrierte Weihnachtsgeschichte mit ansprechenden Bildern fasziniert mich ganz einfach, weil sie dazu einlädt, gemeinsam gelesen und betrachtet zu werden. Sie erschließt sich nicht nur über den Text und wird dem Anspruch Das Auge liest mit in besonderer Weise gerecht. Es ist Dresden, mein Herzensort, Ziel vieler Reisen, das am Heiligabend des Jahres 1890 zum Schauplatz der Geschichte wird. Sehnsuchtsorte und Stimmungen verschmelzen bei mir schnell zu emotionalen Lesemomenten. Es sah gut aus. Weihnachten schien gerettet. Nicht zuletzt, weil ich wusste, dass Ralf Günther in der Lage ist, mich zu fesseln, mich aus meiner Zeit herauszureißen und mir ein paar Impulse mit auf den Weg zu geben, nach denen ich suchte.

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Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Die Badende von Moritzburg hat sich einen besonderen Platz in meinem Lesen erobert. Eine Sommernovelle, ein Künstlerroman und ein absoluter Sehnsuchtsort, den ich bereits mehrfach besucht habe, brachten mich dem Lebensgefühl einer Kolonie von kreativen Aussteigern näher, als ich es den gerade einmal 100 Seiten dieser Erzählung zugetraut hätte. Vertrauensvoll begab ich mich also gerne erneut in seine Hände. Voller Vorfreude blätterte ich in dem Kleinod aus dem Kindler Verlag. Auch hier sind es wenig mehr als 120 Seiten, die sich der Autor für den weihnachtlichen Erzählraum gönnt. Und selbst diese werden noch bereichert durch die Illustrationen von Andrea Offermann. In gediegener literarisch optischer Harmonie werden wir durch das vorweihnachtliche und doch recht geschäftige Dresden des Jahres 1890 geführt. 

Stilistisch wird die Kiste voller Weihnachten sofort auffällig. Es sind Begriffe und Formulierungen, die schon lange aus unserem Sprachgebrauch verschwunden zu sein scheinen und doch schlummern die Erinnerungen an diesen sympathisch altmodischen Ton noch tief in uns. Diese Erinnerrungen gepaart mit der Erzählung schmiegen sich in der sich entwickelnden Geschichte ganz zart aneinander und vermitteln ein Gefühl von Authentizität. Wir sind im Dresden des 19. Jahrhunderts. Am Wendepunkt der Technik angelangt. Die Fuhrwerke und Trambahnen werden noch von Pferden gezogen, haben sich jedoch die Straßen mit den Automobilen zu teilen, die das Stadtbild zunehmend zu prägen scheinen. Und diese Stadt war hungrig, so wie Ralf Günther es beschreibt. Ein ständiger Hunger, der den Lieferverkehr aus dem Erzgebirge auch am Heiligen Abend kaum zum Erliegen kommen lässt.

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Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Das Elbflorenz floriert an allen Ecken und Kanten und genau in dieser geschäftigen Umgebung setzt uns der Autor fast ohne Vorwarnung aus. Unvermittelt treffen wir hier auf zwei Menschen, deren Lebenslinien sich an diesem Heiligen Abend zum ersten Mal kreuzen und deren Wege wir genau einen Tag lang begleiten dürfen. Die erst elfjährige Lisbeth und den Besitzer einer Manufaktur für „Dresdner Pappen“, Vincent Storch. Beide haben alles andere als eine ruhige Weihnacht vor Augen. Vincent hat im letzten Moment eine Kiste mit Weihnachtsschmuck entdeckt, die versehentlich nicht zugestellt wurde, und auf die man im fernen Zinnwald nun vergeblich warten würde. Die Blamage mag er nicht auf sich sitzen lassen und beschließt, selbst zu liefern.

Und Lisbeth ist auf der Suche nach einem fahrbaren Untersatz, der sie nach Hause zum Vater und den Geschwistern bringt. Dem verzweifelten Auftrag ihrer Mutter folgend macht sie sich allein auf den Weg, bis sie ein Fuhrwerk entdeckt, das nur eine Kiste zu transportieren scheint. Lisbeth springt auf, verbirgt sich unter einer Plane und die Reise des alten Mannes und des scheinbar hilflosen Mädchens nimmt ihren Lauf. Wenn man meint, dass 124 Seiten nicht ausreichen, um zwei Charaktere zu entwickeln, der sollte Ralf Günther vertrauen. Er hat die Zügel dieser Geschichte in der Hand und schreibt in der vollendeten Tradition eines Charles Dickens. Hier ist genügend Raum für den Geist der Weihnacht. Hier trifft der mürrische und desillusionierte Weihnachtshändler auf ein Mädchen, das in doppelter Sorge um Vater und Mutter nichts Weihnachtliches fühlt.

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Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Ralf Günther schreibt uns diese beiden Menschen ans Herz. Nicht sentimental oder gestelzt. Nicht romantisch verklärt oder gekünstelt. Nein. Vincent und Lisbeth wachsen in dieser Geschichte aneinander und zusammen. Ein Entwicklungsroman, der uns den Glauben an die Magie der Weihnacht zurückgibt, sollte er verlorengegangen sein. Eine Geschichte, die es sich selbst und den beiden Protagonisten nicht leichtmacht, weil sie nicht schönredet, was Standesunterschiede, Armut und Einsamkeit ausrichten können. Und genau an den Stellen, an denen wir eine kurze Pause gut gebrauchen können, um nachzudenken und nachzufühlen, da sind die Illustrationen platziert, die trotz der Kälte der Umgebung eine wundervolle Wärme verströmen.

Hier fühlt sich Ralf Günther an wie der gute alte Charles Dickens, der im Christmas Carol seinen Ebenezer Scrooge für alle Zeiten zum Weihnachtsliebhaber therapiert. In der „Kiste voller Weihnachten“ sind es nicht nur Dresdner Pappen, die goldglänzende Christbaumdekoration darstellen. Hier ist alles Gold was glänzt. Wort und Bild ergeben einen Gleichklang der Weihnachtsbotschaft. Ein Hauch von Dresden erfüllt die Herzen im vorweihnachtlichen Lesen. Lasst Euch entführen. Besteigt das Pferdefuhrwerk, reitet durch die Nacht, lernt die Menschen am Wegesrand kennen und rettet die Weihnacht.

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Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Durchbruch von Ronan Farrow (Der Weinstein-Skandal)

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Durchbruch von Ronan Farrow

Es kommt nicht oft vor, dass man ein Buch in Händen halten darf, das im Bereich „investigativer Journalismus“ als Meilenstein betrachtet werden muss. Es kommt nicht oft vor, dass man sich sogar als Zeitzeuge des beschriebenen Geschehens selbst ein Bild der Ereignisse machen kann. Und es kommt nicht oft vor, dass man im eigenen Lesen auf den Ursprung einer Bewegung stößt, die sich in den letzten beiden Jahren in allen Ländern der westlichen Hemisphäre ausgeweitet hat. Gemeint ist ein Skandal im Herzen von Hollywood. Gemeint ist der systematische jahrelange sexuelle Missbrauch von Frauen in der Filmbranche. Gemeint ist Harvey Weinstein, der Medienmogul, dem zahllose Frauen vorwerfen, sie in ihrer Abhängigkeit von seiner Macht ausgenutzt und vergewaltigt zu haben. Hier beginnt, was wir heute als MeToo-Bewegung kennen.

Es ist ein wahrer „Durchbruch“ der hier von Ronan Farrow beschrieben wird. Ein Durchbruch, der sich wie der Durchbruch eines bösartigen Geschwürs anfühlt. Hier hat man es mit einem Buch zu tun, das faktenbasiert, recherchetreu und absolut waghalsig einen Skandal beschreibt, der von einem Journalisten aufgedeckt wurde, der hier seine gesamte berufliche Reputation aufs Spiel setzte, da er sich mit den echten Größen der Branche anlegte. Und nicht nur das. Er kämpfte einen Kampf auf verlorenem Posten in einem Umfeld, das so perfekt vernetzt war, dass es kaum gelingen konnte, die wahren Ausmaße des Missbrauchs auch nur im Geringsten aufzudecken.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Toxische Männlichkeit steht im Mittelpunkt des Meisterwerks aus der Feder von Ronan Farrow. Ein gesellschaftliches Phänomen, das die zumeist patriarchalische und damit maskuline Entscheidungsstruktur von Konzernen als Machtbasis für Machtspiele gegenüber weiblichen Mitarbeitern nutzt. Abhängigkeit und berufliche Perspektive sind die Triebfedern der Ohnmacht gegenüber jenen, die ihre Macht ausnutzen, Gewalt und Unterdrückung ausüben, und mit der vollen Wucht eines verflochtenen Systems gegen jene vorgehen, die ihr Schweigen brechen und Anklage erheben wollen. Wir reden hier von Männern, für die es selbstverständlich ist, sexuelle Gegenleistungen einzufordern, wenn sie ihre Entscheidungen treffen. Ob es um Filmrollen geht, um die Karriere in der Firma oder schlichtweg um die stressfreie weitere Beschäftigung. Toxisch. Giftig.

Ronan Farrow legt diesen Durchbruch vor, nachdem er 2018 für seine Recherchen mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“ ausgezeichnet wurde. Auf dem Höhepunkt seiner Recherchen war er bereits durch die Stahlbäder der Faktenprüfung gegangen. Die im Buch aufgeführten Fälle sexuellen Missbrauchs und sämtliche damit im Zusammenhang stehenden Recherchen, enthüllten Verflechtungen und systematischen Versuche, die Anklagen zu vertuschen sind zweifelsfrei bewiesen. Der Pulitzer-Preis ist das Wahrheits-Prädikat für diesen „Durchbruch“. Für den Leser bedeutet dies die komfortable Situation, staunend lesen zu können, vertrauensvoll den Schilderungen des Autors folgen zu können und Plausibilitätsfragen als beantwortet zu betrachten. Nie zuvor war ein derart brisantes Werk so wasserdicht. Niemals zuvor war eine investigative Reportage erschreckender und nie zuvor hat ein Enthüllungsbuch so viele Bezüge zur Machtstruktur in unserer Gesellschaft. Farrow ist Systemsprenger und Whistleblower zugleich.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Der Originaltitel des Buches lautet Catch and Kill. Das sollte man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen, weil Farrow hier einen Mechanismus aufdeckt, der den Tätern ihren Spielraum verschafft. Ein geschlossenes System von Anwälten, Politikern, Journalisten und Detektiven, die den Vergewaltigern Rückendeckung geben. Hier wird die schmutzige Wäsche gebleicht und aufbereitet. Hier werden Westen gereinigt. Hier wird systematisch und großflächig auf jene gezielt, denen Gewalt angetan wurde. Eine Geschichte zu „fangen und sie verschwinden zu lassen“ – das ist der Schlüssel zum Erfolg. Beweise vertuschen, Abfindungen zahlen, Geheimhaltungsverträge mit Opfern abzuschließen und Gegenklagen androhen, das sind die Werkzeuge der Macht die den Tätern ihr zügelloses und frauenverachtendes Spiel ermöglichen.

Ronan Farrow feuert in seinem Buch eine Breitseite gegen die komplexe Struktur einer Gesellschaft ab, in der der Fisch bereits von oben zu stinken beginnt. Die Affären der US-Präsidenten Clinton und Trump, die Schlammschlachten, die gegen die Frauen geführt werden, die ja eigentlich Opfer sind, all dies ist der Türöffner für Menschen, die ihre eigene Macht systematisch dazu ausnutzen, Frauen zu erniedrigen und ihnen das desaströse Gefühl zu geben, sie seien keine Opfer, sondern selbst an der Erniedrigung schuld zu sein. Hört sich unfassbar an, aber Ronan Farrow gelingt es, in den Interviews mit den Opfern genau dieses Bild zu beleuchten. Sie schweigen aus Scham. Sie fühlen sich schuldig. Sie haben Angst vor Konsequenzen. Und sie leiden ein Leben lang, weil sie genau wissen, dass nach ihnen weitere Frauen in die Falle laufen. Ihr Schweigen in der Folge des Missbrauchs ist Wegbereiter der nächsten Vergewaltigung.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Man muss Farrow lesen. Man muss die Massenmedien einer kritischen Betrachtung unterziehen und mit gesundem Misstrauen auf die täglichen Meldungen schauen. Hier hat Ronan Farrow mein Vertrauen in die Unabhängigkeit der Presse tief erschüttert. Er zeigt, wie seine Vorgesetzten mit seinen Recherchen umgingen. Er erzählt eine Story, die im eigenen Haus unterdrückt wurde. Fakten und Namen, die man direkt an Harvey Weinstein weitergab. Verflechtungen, die dem Reporter im Dschungel des Systems nur ganz langsam bewusst wurden. Er wurde beschuldigt, beschattet, diskreditiert, von den Aufgaben entbunden und auf unwichtige Reportagen angesetzt. Eine Schlammschlacht der besonderen Art. Er spürte am eigenen Leib, was den Frauen widerfahren war, die sich ihm nur ganz langsam öffnen wollten. Zu groß war die Angst vor dem System.

Die Reportage löste ein Erdbeben aus. Harvey Weinstein sieht sich inzwischen einer Vielzahl von Zivilklagen betroffener Frauen ausgesetzt. Die Beweislage ist erdrückend und wer immer noch daran zweifelt, wie man sich als Frau in die Fänge eines solchen Mannes begeben kann, der möge sich nur das Überwachungstonband anhören, das in einer verdeckten Ermittlung gegen ihn entstand. Dieser Mensch kennt kein NEIN. Hier zeigt sich, was für ihn normal ist. Was für ihn üblich ist. Toxische Männlichkeit kann nur solche Folgen haben, wenn man weiß, dass man von einem ganzen System geschützt wird. Diese Aufnahme ist verstörend und erhellend zugleich. Ihr liegt ein Frauenbild im beruflichen Umfeld zugrunde, das menschenverachtend ist.

Man muss dieses Buch als Frau lesen, um zu begreifen, dass Schweigen nach einer solchen Situation des sexuellen Missbrauchs nur künftige Opfer generiert. Es ist sicher schwer, den Schilderungen der Erniedrigung zu folgen. Und doch MUSS das Buch von Frauen gelesen werden, um solchen Systemen im Großen und im Kleinen die Stirn zu bieten. MeToo kann nur erfolgreich sein, wenn man die Systematik jeden Missbrauchs durchschaut. Männer müssen dieses Buch lesen, um sich zu hinterfragen. Sind es die kleinen falschen Gesten, die „harmlosen“ Berührungen und schlüpfrigen Witze, die hier Tür und Tor öffnen? Wie kann man sein Umfeld beobachten und Frauen aktiv schützen oder warnen? Wie lange darf man zuschauen und schweigen? Niemand wusste etwas! Alle haben geleugnet, bis ihnen die Maske vom Gesicht gerissen wurde.

Eine aberwitzige Reportage, die in mir nachhallt. Catch an Kill. Wir erleben täglich, dass solche Systeme funktionieren. Im laufenden Amtsenthebungsverfahren gegen D. Trump laufen die Hintergrundmaschinen heiß. Jeder, der gegen ihn aussagt, wird mit Verleumdungen, Schmutz und Diskreditierung überzogen. Man sollte beobachten, aus welchen Richtungen hier auf Zeugen geschossen wird. Hier treten die Verflechtungen offen zutage. Hier zeigt sich das Establishment. Und wer den Mund aufmacht und offen seine Meinung sagt, der wird mit dem Schlagwort „Fake News“ mundtot gemacht. Ein Buch, das Augen öffnet. Ein absolutes Muss für all jene, die Machtmissbrauch die kalte Schulter zeigen wollen. Hut ab, Ronan Farrow. Mutig.

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Durchbruch Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ von Ronan Farrow / Rowohlt Verlag / übersetzt von: Werner Schmitz; Henning Dedekind; Katja Hald; Heide Lutosch; Hans-Peter Remmler; Antoinette Gittinger; Norbert Juraschitz; Astrid Gravert; Helmut Dierlamm und Heike Schlatterer / 528 Seiten / 24 Euro

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

„Oft komme ich mir vor, als wäre ich aus einem Buch gefallen
und könnte nicht zurück. Ich bin plötzlich in einer ganz anderen
Geschichte und weiß nicht, was ich da soll.“

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür – David Wagner

Es ist „Der vergessliche Riese“, der so fühlt und denkt. Er ist Vater, Stiefvater und Großvater. Er war Ehemann zweier bereits verstorbener Frauen. Es ist sein Sohn, der uns vom Riesen erzählt, der seinen Lebensabend an seine fortschreitende Demenz zu verlieren scheint. Es ist der Sohn, der ihn besucht und Veränderungen feststellt, die er nur schwer begreifen kann. Es sind seine Worte, die den vergesslichen Riesen in einer Welt beschreiben, die immer dunkler zu werden scheint.

Früher wusste er alles. Er war der Riese, auf den ich klettern konnte, er war der Größte.

Rechts von mir sitzt mein Vater, und ich nehme seine Hand, die sich nun wieder wie eine Kinderhand anfühlt, dabei war es mal die größte Hand der Welt.

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Der vergessliche Riese von David Wagner

Es ist der Schriftsteller David Wagner, der in seinem aktuellen Roman über einen alternierenden Prozess geistigen Verfalls schreibt und damit zugleich ein weiteres, deutlich autobiografisch geprägtes Kapitel seines Lebens öffnet. Schnell wird klar, dass er nicht über irgendjemanden schreibt. Schnell wird deutlich, dass er selbst in die Rolle des Sohnes und Ich-Erzählers geschlüpft ist und dass der vergessliche Riese niemand anderer ist, als sein eigener Vater. Und doch ist es ein Roman, weil man als Autor bei einer solch persönlichen Geschichte Distanz aufbauen muss, um nicht unterzugehen.

So fühlen sich die von David Wagner brillant und empathisch erzählten Bilder an. Er flieht ins Beobachtbare, bewegt sich auf der Demarkationslinie zwischen Gesundheit und Krankheit und blendet seine Innenansichten aus, um den Vater nicht zur Randfigur zu machen. Es ist diese schonungs- und liebevolle Distanz, die es uns ermöglicht, an der Seite der beiden Männer zu bleiben, ohne in Mitleid zu versinken. Es ist die Distanz, die der Demenz eine literarische Würde verleiht, die den Erkrankten in der Realität vom eigenen Umfeld oftmals genommen wird.

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Der vergessliche Riese von David Wagner

Vom eigenen Gedächtnis im Stich gelassen, droht auch noch die Entmündigung durch Verwandte, Ärzte und Pfleger. Aus Erwachsenen werden Kinder, unmündig in jeder Beziehung, der Fremdbestimmung und Bevormundung ausgesetzt. Pflegefälle in geriatrischen Einrichtungen und im schlimmsten Fall: Abgeschobene und Ausgesetzte. David Wagner verweigert in seinem Roman diesen stereotypen Prozess, indem er dem vergesslichen Riesen helle Momente schenkt und ihn reflektieren lässt. Der alte Mann darf sich in diesem Roman seiner Schwächen bewusst sein. Er darf seine Ängste und Gefühle äußern. Er wird nicht therapiert, ruhiggestellt oder fixiert. Er verliert nicht seine Freiheit. Und doch erfahren wir aus seinem Munde Wahrheiten, die sich im Gedächtnis festbrennen… Bis es vielleicht auch eines Tages… wer weiß…

David Wagner gelingt mit seinem Roman ein glaubwürdiger Grenzübertritt in die Denkwelt eines Alzheimerpatienten. Er entwickelt eine Perspektive, die zeigt, wie ein Mensch im Vergessen sogar vor unliebsamen Erinnerungen geschützt wird. Eine Sicht, die vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Und doch erscheint der vergessliche Riese in seiner Welt seltsam entrückt, befreit vom Alltäglichen und frei von Verpflichtungen. Ein Biotop des Vergessens umgeben von Menschen, die vom Erinnern geplagt sind, damit leben müssen, dass jeder Besuch schnell vergessen ist und Fragen in Endlosschleifen wiederholt werden. Hier verliert nicht der Kranke seine Identität. Es ist das Umfeld, das verblasst. Ein Kreislauf dem sich dieser Roman intensiv widmet.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

David Wagner beschreibt auch das Skurrile im Katastrophalen. Er lässt Anekdoten zu ohne sie dabei komisch wirken zu lassen. Die Krankheit ist nicht komisch. An keiner Stelle dieses Romans setzt David Wagner seinen vergesslichen Riesen einer Situation aus, die uns zum Lachen bringt. Er erweitert seinen Erzählraum um die Dimension der Patchwork-Familie mit ihren Konflikten, Eifersüchteleien und niemals gestellten Fragen. Der liebevolle Blick des Sohnes auf seinen Vater, der Kampf um Normalität, Ausflüge in die gemeinsame Vergangenheit und verlorene Erinnerungen sind die Konstanten einer Geschichte, die von Variablen lebt. Als die alten Konflikte aufbrechen ist es fast zu spät für eine Bewältigung eines Urschmerzes, der die Beziehung zwischen Vater und Sohn seit Jahren belastet.

Nein, David Wagner hat keinen Bewältigungsroman verfasst. Dieses Buch ist auch kein Ratgeber. Es ist der zutiefst aufrechte Blick in eine Welt, die sich jedem Gesunden weitgehend entzieht und ihn dadurch hilflos macht. Würde. Dies ist die Überschrift, die für diesen Roman steht. Menschen, für die ihre Zeit stehengeblieben ist, sind begleitbar und zugänglich, wenn man seine eigene Zeit anhält. Auch wenn es frustrierend ist, dem Feind des Erinnerns täglich zu begegnen. Wer den Kampf aufgibt, verliert einen Riesen der letztlich nur gegen das Vergessen kämpft. Der letzte Satz dieses Romans bedeutet mir persönlich sehr viel, da er einen Weg weist, dem man sich am Ende zu stellen hat. Ein Ende, das dem vergesslichen Riesen gerecht wird, weil er von jenen in Erinnerung behalten wird, die ihm entgleiten. Ein wahrlich großes Buch.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Ich begegnete David Wagner auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Spaziergang an seiner Seite und ein Gespräch über sein Buch bedeuten mir viel. Aus gutem Grunde. Ich erzählte ihm, dass auch mein Riese vergesslich wurde. Mein Zugang zum Buch war komplex, weil es mir an Distanz mangelte. Ein gefährliches Lesen, wenn man sich betroffen fühlt. Manches was ich so gerne vergessen hätte, kommt wieder hoch. Vieles, was mein Riese behalten wollte, ging unter. Ein bitteres Pendel. Es schwingt bis heute. Ich hätte nicht so über meinen Vater schreiben können. David Wagner hat mit seinem Riesen gezeigt, wie es vielleicht gegangen wäre. Ein beeindruckender Schriftsteller, der nicht polternd durch diese Welt läuft. Er ist ein Mann der bedachten, unaufgeregten und leisen Töne. Er schreibt präzise, bildhaft, auf den Punkt und man kann ihm leicht folgen auf den Wegen in seinen Erzählräumen. Was er schreibend in mir ausgelöst hat? Man kann das hier lesen, weil sich in dieser Rezension auch etwas verbirgt, über das ich im Leben nicht schreiben wollte. Ist so eine Sache mit der fehlenden Distanz.

David Wagner ist für seinen Roman Der vergessliche Riese für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert. Neben Steffen Kopetzky für „Propaganda“ und Carmen Buttjer für „Levi“ ist er der Dritte im Bunde der Nominierten. Ich darf den Buchpreis als einer von drei Buchpreisbloggern begleiten. Auf meiner Projektseite kann man gerne nachlesen, was diesen Preis auszeichnet und hier finden Sie auch meine Rezensionen zu den nominierten Büchern. Ich werde natürlich auch von der Preisverleihung am 07. November 2019 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz berichten. Mein Favorit? Ich werde das oft gefragt in diesen Tagen. Wiegesagt. Fehlende Distanz ist so ein Ding. David Wagner hat in mir etwas ausgelöst, was mir verlorengegangen war. Ich würde mich sehr freuen, wenn „Der vergessliche Riese“ unvergesslich würde.

Update 07. November 2019

David Wagner ist Bayerischer Buchpreisträger 2019. Weitere Informationen zur Kür der Gewinner in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz finden sie hier.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Der vergessliche Riese von David Wagner / Rowohlt Verlag / 269 Seiten / 22 Euro

PROPAGANDA von Steffen Kopetzky

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

NOMINIERT FÜR DEN BAYERISCHEN BUCHPREIS 2019

Bayerischer Buchpreis 2019 - Nominiert - Propaganda - Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Nominiert – Propaganda – Steffen Kopetzky

Propaganda (lat. propagare) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen durch Manipulation zu beeinflussen und zu formen, um das Verhalten in eine vom Propagandisten erwünschte Richtung zu steuern.

PROPAGANDA“ heißt auch der aktuelle Roman aus der Feder von Steffen Kopetzky mit dem der Autor jedoch keineswegs seine Leser manipulativ beeinflussen möchte. Er dreht den Spieß um und erzählt eine große Geschichte, in deren Mittelpunkt das Lügen steht. Ein Lügen, das nur einer Sache dient: Dem Machterhalt politischer Systeme. Und genau hier legt der Autor des Erfolgsromans „RISIKO“ den Finger in die offene Wunde der heutigen Machthaber, Populisten und Regierenden. Sein Roman ist geeignet unser Frühwarnsystem zu aktivieren, da er seinen Spannungsbogen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg spannt und zeigt, wie man bewaffnete Konflikte schüren und am Leben halten kann, wenn es den Interessen „gewisser Kreise“ dient.

Steffen Kopetzky ist ein brillanter Erzähler. Dies sei vorsichtig vorausgeschickt. Sein Erzählräum besteht aus einer Vielzahl von Zimmern, zu denen er seinen Lesern Schritt für Schritt Zugang gewährt. Es ist stilsichere Absicht in der Konstruktion seiner Romane den Eindruck zu erwecken, diese Zimmer seien nicht miteinander verbunden. Als gäbe es keinen Flur, von dem jedes dieser Zimmer abzweigt. Als gäbe es keine gemeinsame Adresse. Als würden wir orientierungslos im Dunkeln tappen und auf einen leuchtenden Erkenntnisfunken warten, bewegen wir uns in den wuchtigen Bildern seiner Erzählung. Literarisch bewegt sich Steffen Kopetzky hierbei auf sicherem Terrain. Er weiß, was er tut. Er weiß, was er schreibt. Er fabuliert auf den Grundlagen seiner validen Recherche, bevor er fiktive Elemente zumischt, die danach kaum noch als solche zu erkennen sind.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

PROPAGANDA wird getragen vom jungen US-amerikanischen Leutnant John Glueck. Der deutschstämmige Offizier dient im Zweiten Weltkrieg in den Reihen von „Sykewar“, der Abteilung für Propaganda und psychologische Kriegsführung der US-Streitkräfte. In seinen Aufgabenbereich fällt das „Sternenbanner“, eine deutschsprachige Zeitung, die über dem Gebiet des Dritten Reichs abgeworfen wird, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu destabilisieren. Zuvor schrieb er mit anderen Psychologen, Historikern und Germanisten das „Handbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland“, um die Eroberer mit dem Land und seinen Menschen vertraut zu machen, die sie befreien sollten. Jetzt kann er es kaum noch erwarten, endlich den Boden seines Heimatlandes zu betreten. Nie zuvor war er dort, obwohl ihm Kultur und Sprache in die Wiege gelegt wurden.

Der Zufall spielt ihm jetzt in die Hände, während das Kriegsgeschehen 1944 in seine entscheidende Phase tritt. Er steht an der Grenze. Einen Schritt entfernt. Die Ardennen. Der Hürtgenwald. Die Eifel. November. Jetzt sollte es schnell gehen. Was er nicht weiß, ihm gegenüber steht die Elite des letzten Aufgebots der Wehrmacht. Der Wald wird zu einer der größten Niederlagen, die US-Streitkräfte je hinnehmen mussten. Es kommt zu einem Gefecht, das als Allerseelenschlacht in die Geschichte der Ardennenoffensive eingeht. Dabei sollte er nur einem der prominentesten Kriegsberichterstatter folgen und sich an seine Fersen heften. Ihn für die Propaganda gewinnen, ihn instrumentalisieren und vereinnahmen. Einen Mann, dessen Name und Ruf wie Donnerhall wirkten. Ernest Hemingway.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Hier stehen wir nun an der Seite des jungen US-Offiziers auf der Suche nach der Extremsituation, die Hemingway so sehr anzog. Hier riechen wir den Pulverdampf im Hürtgenwald. Hier begeben wir uns mit John Glueck und einem indianischen Scout auf Patrouille. Und dann tritt Steffen Kopetzky in den Spiegel und zerschmettert ihn mit nur einem Tritt. Wo wir in einem Zug wochenlang hätten weiterlesen wollen, springt er mit einem gewaltigen Satz in eine andere Zeitebene. 1971. Der Vietnamkrieg tobt und der uns gut bekannte John Glueck wird bei einer Fahrzeugkontrolle in Missouri festgesetzt. Kein Zufall. Pure Absicht. Er trägt ein Geheimnis mit sich herum, dessen Kern das Land erschüttern kann. Der durch einen Unfall mit Chemikalien nach dem Weltkrieg entstellte Offizier sucht Schutz in einem Gefängnis. Schutz vor der Staatsmacht. In seinem Besitz befinden sich Papiere, die die Geschichte der Kriege seit 1944 neu schreiben. Es sind die Pentagon-Papers.  

Mühsam setzen wir die Spiegelscherben der Geschichte zusammen. Der Blutwald scheint sicherer gewesen zu sein, als das verzweifelte Gefecht, das John Glueck jetzt führt. Steffen Kopetzky schöpft aus dem Vollen. Geheimdienst, Propaganda, Verrat und ein Vorläufer von WikiLeaks erweitern den Erzählraum um die oben beschriebenen und so sehr gefürchteten Zimmer. Er, nur er hat den Generalschlüssel in der Hand und lässt uns nicht nur hineinblicken. Er stößt uns in alle Räume, lässt uns jeden Schrecken des Krieges, die Propagandamaschinerie, die Profiteure, die Leidenden und Lobbyisten am eigenen Leib spüren. Es ist das Menschenverachtende, das Kopetzky hier gegen den Krieg ins Feld führt. Man kann sich diesem Roman nicht entziehen. Seine Ebenen sind so facettenreich, dass wir am Ende kaum eine Ahnung haben, ob wir nun einen Kriegs-, Wirtschafts-, Spionage- oder Justizroman gelesen haben. Oder ob wir ganz einfach nur der ganz brillanten literarischen Propaganda eines Autors auf den Leim gegangen sind, der uns die Augen für die heutigen Konflikte öffnen möchte.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Ich bin versucht zu schreiben, dass ich einen ganz großen amerikanischen Roman gelesen habe. Wüsste ich nicht, dass er von Steffen Kopetzky verfasst wurde, ich wäre unsicher. Es ist ein großes amerikanisches Thema, es sind Protagonisten, die Spuren hinterlassen und es ist ein unglaublich packender Erzählstil, der mich immer wieder an den Mann erinnert, dem wir im Roman so oft über den Weg laufen. Die Kapitel, die von der Präsenz Ernest Hemingways durchflutet werden, sind signifikant für den Roman. Er wollte keine Gefühle beschreiben, er wollte sie verursachen. John Glueck beneidete ihn um seine Gabe und als er nun in einem amerikanischen Gefängnis sein Leben sortiert und memoriert scheint es so, als würde er das Niveau Ernest Hemingways mit seinem Denkmal zu Boden reißen und neu erfinden.

Dabei ist es Steffen Kopetzky, der diese Gefühle verursacht und nicht beschreibt. Er lässt uns den Juckreiz der verschuppten Haut John Gluecks förmlich spüren, er hat den Schlüssel zu unseren Ängsten vor dem Waldgefecht in der Hand, er macht uns zu Mördern, Opfern, Strategen und Versagern. Er setzt uns auf eine Geschworenenbank und lässt uns Recht sprechen, während wir einer Strafverteidigerin folgen, der wir das eigene Leben blind anvertrauen würden. Er macht uns zu Augenzeugen und findet den direkten Weg in unser Gewissen. Vom Mitläufer zum Kriegsverbrecher ist es nicht sehr weit in diesem brillanten Roman.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Mir liegt dasHandbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland vor, was das Lesen von „PROPAGANDA“ noch authentischer machte. Ich hatte mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer zeitgleich die andere Perspektive vor Augen. Den Imker aus der Eifel, der von der „Allerseelenschlacht“ in den Krieg gezogen wird. Zwei Romane mit einem Erzählraum von 50 Quadratkilometern. Solche Zufälle schreibt nur die Literatur. Als Buchhändler würde ich sie gemeinsam in das Fenster der guten Leseempfehlungen stellen. Sie sind komplementär und doch so grundverschieden. Zwei deutsche Stimmen mit Tiefgang und Nachhall.

Darüber hinaus ist PROPAGANDA auf eine mehr als unmittelbare Art und Weise sehr lehrreich und (es klingt komisch, aber es ist so) kriegswichtig. Wir verstehen die Automatismen von Gefechten, lernen an der Taktiktafel die Abhängigkeit zwischen Nachschub und Erfolg und erfahren in einer brillanten Reprise aus Steffen Kopetzkys  Roman „Risiko“ den rein praktischen Nutzen eines hochtheoretischen Kriegsspiels. Er durchbricht alle Fronten mit einem brillanten Gedankenspiel, das sich garantiert genau so zugetragen hat. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Humanität hat auf jeder Seite ihre unmittelbare Entsprechung. LESEEMPFEHLUNG zum Quadrat!

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

Es ist somit keine große Überraschung, dass Steffen Kopetzky mit Propaganda für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert wurde. In Literaturkreisen eine sehr beachtenswerte Nominierung, da die dreiköpfige Jury die Vorschläge eigenständig und unabhängig einbringt. Als Buchpreisblogger habe ich die Ehre, die Preisverleihung in München und die heiße Phase nach Bekanntgabe der Shortlist zu begleiten. Dass ich „Propaganda“ bereits lange vor der Nominierung gelesen und rezensiert habe, ist hier für mich von großem Vorteil. Steffen Kopetzky hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Der weiße Porzellanlöwe würde dem monumentalen Antikriegsroman gut zu Gesicht stehen und einen Schriftsteller auszeichnen, der sich nicht erst mit diesem Roman in die erste Linie der deutschen Autoren geschrieben hat. John Glueck. Vielleicht bringt der Name des Protagonisten wahrlich Glück…

Alle Berichte zum Bayerischen Buchpreis, den nominierten Titeln, zu Hintergründen und zur Preisverleihung am 07. November finden Sie auf meiner Projektseite.

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Propaganda von Steffen Kopetzky / Rowohlt / gebunden / 495 Seiten / 25 Euro

Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

50 Jahre – Der erste Mann auf dem Mond. Ein besonderes Jubiläum. Ein Meilenstein. Wissenschaft und Mensch in perfekter Symbiose und nach jahrelangen Vorbereitungen endlich Sieger über die Schwerkraft und die lebensfeindliche Umgebung im Weltall. So wird Geschichte geschrieben. Menschheitsgeschichte. Oder handelt es sich bei diesem epochalen Ereignis mal wieder nur um Männergeschichte? Das Weltraumprogramm ist eine Männerdomäne in den 1960er Jahren. Die NASA ist eine Ansammlung führender Wissenschaftler und Testpiloten, die sich auf die Mission vorbereiten. Mercury Seven. Sie gehen in die Geschichte ein. Sieben handverlesene Astronauten, die schon 1959 in Washington präsentiert werden und den Kern der bemannten Weltraumfahrt darstellten.

BEMANNT. Nicht befraut. Schon klar. Raumfahrt ist ein Männerding. Zumindest in diesen Jahren. Die NASA war ein Männerding und die Mondlandung 1969 war es auch. Alan P. Shepard. Einer der Mercury Seven – Astronauten. Einer der Wegbereiter. Neil Armstrong – Der erste Mensch (Mann) auf dem Mond. Nichts dran zu rütteln. Ehrlich? Und was ist mit Mercury 13? Nie etwas davon gehört? Dann wird es Zeit. Die „13“ sagt etwas über die Anzahl der Beteiligten an diesem Programm aus. Und das ist jetzt mehr als interessant, denn diese Mission ist ein FRAUENDING! Pilotinnen. Astronautinnen und Weltraumpionierinnen. Nur kurz nach Bekanntgabe der legendären „Seven“ fand ein zweites Auswahlverfahren statt. Das Ziel: Den Beweis anzutreten, dass Frauen die Tests ebenso gut bestehen würden, wie ihre männlichen Vorreiter. Space Girls. Heute ein fast verschwundener Baustein der Weltraumfahrt. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

„Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann!“

Diese und ähnlich lautende Aussagen im Rahmen einer offiziellen Anhörung vor einem NASA-Subkomitee beendeten den Traum vieler Frauen, gleichberechtigter Teil der Weltraumgeschichte zu werden. Und das nachdem 13 von ihnen bewiesen hatten, dass sie die Eignungstests ihrer männlichen Kollegen mit vergleichbaren Ergebnissen absolvieren konnten. Der Beweis war erbracht und trotzdem traf jene Frauen die Keule männlicher Ignoranz. Ihre Geschichte wurde immer nur am Rande erwähnt. Die Folgen dieser Ablehnung jedoch spürten sie nachhaltig. Arbeitslosigkeit, weil sie unerlaubt am Auswahlverfahren teilgenommen hatten. Gesundheitliche Spätfolgen, weil sie in dieser Testreihe mit radioaktivem Material belastet wurden. Und menschliche Enttäuschung.

Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Zeit, das Mäntelchen des Schweigens zu lüften und den „Space Girls“ Ehre zu erweisen. Zeit, der Hamburger Autorin und Fliegerin Maiken Nielsen in ihren Roman zu folgen und Teil dieser legendären Mercury 13 Crew zu werden. Sie setzt den Pionierinnen ein literarisches Denkmal. Und gar nicht so ganz nebenbei zeichnet sie das Rollenbild der Frau in den 1960er Jahren am Beispiel dieser Männerdomäne exemplarisch auf. „Space Girls“, erschienen im Wunderlich Verlag, ist alles, nur kein Frauending. Ich habe das Buch gelesen und erweise dem Roman meine Referenz, weil ich ihn für relevant, lehrreich und in höchstem Maße unterhaltsam halte.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls ist im klassischen Sinne ein historischer Roman, weil er dem verbrieften Setting fiktionale Charaktere hinzufügt, an deren Seite wir das Geschehen hautnah und unmittelbar erleben können. Maiken Nielsen hat hierdurch zweierlei erreicht. Einerseits legt sie kein reines Sachbuch oder eine trockene Dokumentation der Ereignisse vor und zum Zweiten gelingt es ihr, mit ihren Protagonistinnen gleichzeitig eine Ebene erzählbar zu machen, die ihren Roman zu einem komplexen Kaleidoskop der US-amerikanischen Weltraumgeschichte macht. Es sind die beiden deutschen Weltkriegsflüchtlinge Martha und ihre Tochter Juni, die den eigentlichen Erzählraum Mercury 13 erweitern. Hier wird der Anteil deutscher Wissenschaftler am US-Weltraumprogramm deutlich. Hier verwebt die Autorin ihre Fäden von Wernher von Braun zur Raketenforschung der Nazis, bis in die Zwangsarbeiterlager und die Entwicklung der V-2 Vernichtungswaffe. Hier erzählt sie von zwei Frauen, die das Land verlassen haben, weil sie um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, ebenso wie Junis Großvater im Arbeitslager liquidiert zu werden.

Hier erzählt die Schriftstellerin eine Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht nur historisch relevant ist, sondern die Motivation von Juni greifbar werden lässt, sich am Auswahlverfahren von Mercury 13 zu beteiligen. Sie folgt ihrem hingerichteten Großvater. Sie will in einer Rakete fliegen, an deren Entwicklung er bis zu einem Verrat beteiligt war. Sie wirft alles in die Waagschale. Hier skizziert die Autorin keine einfache Romanfigur. Sie stattet Juni mit allem aus, was man sich von einer Heldin im positiven Sinne erhofft. Ecken und Kanten, Kampfgeist bis zum Letzten und einen Charakter, an dem man sich während der gesamten Handlung orientieren kann. Wer Juni nicht mag, dem ist literarisch nicht weiterzuhelfen. Maiken Nielsen öffnet in „Space Girls“ gleich zwei Fässer, die man bei der NASA gerne ganz tief im Keller verstecken würde.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Die Tatsache, dass die spätere Apollo-Mission auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die man der Nazi-Diktatur zu verdanken hat und, dass man der Leistung einiger hochtalentierter Frauen einen unverzeihlichen Riegel vorgeschoben hat. Beide Fässer beinhalten den Stoff, aus dem gute Romane gemacht sind. Perfekte Recherche, sicher verbriefte historische Personen und ganz eigene Protagonisten, die authentisch aus der Zeit in unsere Hände fallen. Der Blick, den sie uns durch diesen Roman auf die frühen Phasen der Weltraumfahrt gewährt, ist unschätzbar. Das Lesetempo wird von einer in jeder Beziehung bewundernswerten jungen Frau vorgegeben. An Junis Seite erleben wir Verzweiflung, Hoffnung, Niederlage und ein ungebrochenes Kämpferherz. Hätte es Juni wirklich gegeben, sie hätte es verdient ein legendäres Zitat in abgewandelter Form zur Erde zu schicken.

Dies ist ein kleiner Schritt für eine Frau, aber ein riesiger Sprung für die Frauen.

LESENSWERT. Kein Frauending. Gerade auch für Männer erhellender Lesestoff.

Damit ist der Roman auch ein deutlicher Fingerzeig auf die heutige Gesellschaft. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine angemessen proportional gleiche Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen und Gleichberechtigung im Rollenbild hätten sich wohl drastisch anders entwickelt, hätte man nicht erst im Jahr 1983 mit Sally Ride die erste US-Amerikanerin mit der Challenger in den Weltraum geschickt. Übrigens: Walentina Wladimirowna Tereschkowa hat dies als Kosmonautin bereits 20 Jahre zuvor erlebt. Sie war 1963 die erste Frau im Weltraum und auch die einzige Frau in der Geschichte, die allein flog, also ohne Begleitung männlicher Kollegen. Und all das, während wir uns eher an den ersten Affen oder den ersten Hund im Weltall erinnern. Albert und Laika. Lässt sich die Benachteiligung von Frauen besser dokumentieren? Ich denke nicht!

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen / Wunderlich Verlag / 432 Seiten / 22 Euro

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Space Girls von Maiken Nielsen

Und jetzt noch die Gewinner des Mondeulen-Specials zum 50. Jubiläum:

„Sarah aus dem Elbtal“ und „Mikka Liest“. Herzlichen Glückwunsch. Unsere Eulen machen sich auf den Weg. Und dann wird es schwerelos bei Euch. Habt Spaß.