Monschau von Steffen Kopetzky

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Wer meinem Schreiben in der kleinen literarischen Sternwarte folgt, ist sicherlich schon oft über den Schriftsteller Steffen Kopetzky gestolpert. Ich wiederhole es immer wieder gerne, dass es keinesfalls literarische „Propaganda“ ist, wenn ich dazu rate, zu „Risiko“ zu greifen, damit man sich seinem Spiel des Lesens aussetzen kann. Er hat in seinen Romanen den Bogen von der Ardennenoffensive zum Vietnamkrieg gespannt, in unglaublicher Erzähltiefe Brücken zwischen dem Ersten Weltenbrand und dem Heiligen Krieg geschlagen, mit dem der deutsche Kaiser seine Feinde beeindrucken wollte. Ein deutscher Dschihad sollte entfacht werden und dem großen Spiel der Mächte Einhalt gebieten. Die Erzählräume in seinen Romanen „Risiko“ und „Propaganda“ sind brillant konstruierte Mehrgenerationenhäuser, in denen man sich kaum verlaufen kann, aber in jedem neu betretenen Zimmer reich beschenkt wird. Kopetzky erzählt verschachtelt und facettenreich, das Eindimensionale ist nicht sein Ding.

Sein Schreiben – historisch fundiert, perfekt recherchiert und dramaturgisch bis ins Detail literarisch fiktionalisiert, war das Erfolgsrezept von Steffen Kopetzky. Mit seinem Roman „Propaganda“ war er 2019 für den Bayerischen Buchpreis nominiert, den ich als Buchpreisblogger offiziell begleiten durfte. Da darf es kaum verwundern, im Bücherregal meiner kleinen Bibliothek eine kleine Lücke zu finden, die für neue Bücher aus seiner Feder reserviert ist. Lesertreue, kann man das nennen. Urvertrauen in einen Autor, dem man sich bisher immer blind anvertrauen konnte, trifft es auch ganz gut. Die Lücke ist geschlossen. „Monschau“ hat das Licht der Bücherwelt erblickt und mich, wie erwartet, erneut bis ins Mark berührt. Das jedoch ist ein sehr exklusives Lesegefühl, das ich mit nicht allzu vielen Lesern dieses Romans teilen muss. Ich werde das erklären:

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Monschau von Steffen Kopetzky

Wir befinden uns in der Eifel. Wir schreiben das Jahr 1962 und ganz Deutschland ist wie leergefegt. Die Menschen warten wie gebannt vor den Fernsehern. Sie warten nicht auf die neuesten Nachrichten zum atomaren Wettrüsten der Großmächte oder auf Neuigkeiten zu den Anschlagsserien in Algier und Paris. Nein, es ist eine andere Serie, die das ganze Land in atemloser Starre hält. Die letzte Folge des TV-Sechsteilers Das Halstuch steht auf dem Programm. Der große Straßenfeger dieser Zeit steuert seinem furiosen Finale entgegen. Alle Räder stehen still, der Verkehr ruht und abends sitzt das ganze Land vor dem Fernseher und will nur eines: Wissen, wer der Halstuch-Mörder ist. Exklusiv ist dieses Lesen für mich, kam ich doch an genau diesem Tag unmittelbar nach Ausstrahlung dieser Folge zur Welt. Das Narrativ meiner Geburt ist davon geprägt, dass meine Mutter zwei Stunden allein im Kreißsaal verbringen musste. Von Ärzten, Pflegern oder Hebammen keine Spur. Erst nach dem Finale widmete man sich ihr. Und so ganz nebenbei habe ich auch meine Mutter um diesen Straßenfeger gebracht… Heute einen Roman zu lesen, der sich in meine Geburt einfügt, wie ein passendes Mosaiksteinchen, fühlt sich an, als wäre er für mich geschrieben. Ist er nicht. Weiß ich. Aber es ist wohl noch erlaubt, zu träumen… Zurück zum nicht exklusiven Lesen

Also, wir sind in der Eifel, genau gesagt im kleinen Städtchen Monschau und wir schreiben das Jahr 1962. Ganz Deutschland hält den Atem an (und ich bin noch nicht auf der Welt – kann sich aber nur noch um Stunden handeln). Es gibt nur ganz wenige Menschen, die sich nicht für das Finale der Serie interessieren. Aus gutem Grund. Die Pocken sind ausgebrochen. Ein Horrorszenario zeichnet sich ab. Alle Spuren führen nach Monschau. Patient 1 ist identifiziert, erste Infektionsketten lassen nicht lange auf sich warten und dem anreisenden Spezialisten aus Düsseldorf bleibt kaum Zeit, um mit seinem jungen Assistenzarzt ein epidemiologisches Krisenmanagement aufzubauen. In dieser Zeit einen Roman zu lesen, in dem sich Begriffe wie Quarantäne, Isolierung und Infektionsraten die Hand geben, wirkt befremdlich. Als hätten wir nicht schon genug um die Ohren. Wer nun aber glaubt, Steffen Kopetzky hätte als pandemischer Wellenreiter ein Buch zur Krise dieser Tage geschrieben, der irrt gewaltig.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky ist wieder fündig geworden. Er hat seinen Erzählclaim abgesteckt und verknüpft auf der Basis historisch verbürgter Ereignisse seine ganz eigenen Fäden zu einem fliegenden Handlungsteppich, auf dem man unaufhaltsam in einen grandiosen Abenteuerroman getragen wird. Die Pockenepidemie stellt eine unsichtbare Bedrohung von außen dar. Das Eifelstädtchen Monschau ist ein hermetisch abgeschirmtes Biotop, in dem sich jeder Fremde von Haus aus schwer hineinfindet und die Menschen vor Ort sind nicht nur mit dem Halstuch beschäftigt. Vielfach verflochten sind die Beziehungen und im Mittelpunkt steht eine Fabrik, die als wichtigster Arbeitgeber der ganzen Region von größter Bedeutung ist. Und genau in dieses Eifelaner Wespennest sticht nun jener Professor aus Düsseldorf, der einen Krisenstab etabliert und das Heft des Handelns an seinen Assistenten übergibt. Und plötzlich ist ein junger griechischer Arzt an vorderster Front der Vorkämpfer gegen eine Epidemie, die sich kaum noch eindämmen lässt. 

Ersetzt man hier Pocken, Eifel, Krisenstab, lebenswichtige Fabrik und ausländischer Arzt durch andere gängige Erzählkomponenten, so stellt man schnell fest, dass wir von Steffen Kopetzky in eine brillante literarische Falle gelockt wurden, die funktioniert, weil wir genau nach diesen Bücherfallen suchen, um das große Lesen zu zelebrieren. Wir finden alle Elemente eines epischen Abenteuerszenarios, einen einsamen Helden und die verschworene Gemeinschaft, die es nicht zulassen kann, dass der Gastarbeiter, in Monschau das Heft des Handelns übernimmt. Und als wäre dies nicht genug, lässt der Autor auch noch die attraktive Erbin der Fabrik auftreten, die durch ihre Ausstrahlung ein Flair in Monschau verbreitet, dem letztlich auch der junge griechische Arzt erliegen muss. Lone Ranger rettet entführtes Mädchen aus den Fängen blutrünstiger Betrüger. Mutiger Prinz schneidet Prinzessin aus dem vergifteten Gestrüpp frei. Das ist er. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Wer allerdings denkt, Monschau seine eine Variante X von Abenteuer Y, auch der irrt gewaltig. Das wäre nicht der Steffen Kopetzky, den wir kennen. Er fühlt uns mit dem Roman „Monschau“ auf den Zahn der Zeit, wobei er gleichzeitig in eine Zeitscheibe in der Geschichte unseres Landes eintaucht, die für „seine“ Epidemie besonders relevant ist. 1962. Gerade einmal 17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es noch immer Verbindungslinien zwischen Menschen, Behörden und Wirtschaftsbetrieben, die gerade in einem solchen Setting relevant sind. Auch hier zupft Steffen Kopetzky an den Saiten seines Erzählinstruments, das in uns die besten Resonanzkörper findet. Wir sind in der Eifel. Sie war der Schauplatz der Ardennenoffensive. Wir sind in der Nähe eines ehemaligen Kriegsschauplatzes, der als „Hürtgenwald“ in die Geschichte eingegangen ist. All diese Verbindungen spielen in diesem brillant erzählten Roman eine Rolle. Eine Geschichte ohne Geschichte ist keine Geschichte. Dieses Motto füllt Steffen Kopetzky mit einem Leben, das unser Leben nicht unberührt lässt. Dieser Brückenschlag ist von größter Relevanz. „Monschau“ ist ein genialer Brückenkopf, den der Autor mit seinen Worten zu verteidigen weiß, bis es ihm gelingt, seine virale und fulminante Geschichte in unserem Lesen ausufern zu lassen.

Ein liebevoll kritisches Wort zum Schluss. Ich liebe die vitale „Schreibe“ von Steffen Kopetzky. In „Propaganda“ und „Risiko“ liebte ich die parallelen Handlungsstränge, in denen er uns in Zeitscheiben entführte, die zum Verständnis der Bücher wichtig waren. Kritiker bezeichneten das vereinzelt als „ausschweifend“ und „überladen“. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum Steffen Kopetzky den Bayerischen Buchpreis nicht gewann. „Monschau“ ist frei von diesen Parallelwelten. Sie werden hier nur angerissen, skizziert, aber nicht auserzählt. Wir haben es also mit einem literarischen Diamanten zu tun, den der Autor selbst bis zur höchsten Reinheit geschliffen hat. Jetzt überschlägt sich das Feuilleton begeistert. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein „alter Kopetzky es gewagt hätte, in diesem Buch zu den Kämpfen im Hürtgenwald zurückzukehren. Ich bin mir sicher, dass es der Geschichte nicht geschadet hätte. Vielleicht hat ja die Kritik einen Weg zu größerem Erfolg aufgezeigt. Literatur ist Entwicklung. Hier spürt man sie. Mich hat dies ein wenig wehmütig gemacht, obwohl Monschau ein großer Roman ist.

Nachtrag: Meine Artikelbilder zeigen das Rezensionsexemplar des Verlages. Das Original ist in feiner gebundener Ausgabe überall zu finden, wo das gute Lesen wohnt.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Zwei Straßenfeger zur aktuellen pandemischen Situation: Monschau von Steffen Kopetzky undEine Seuche in der Stadtvon Ljudmila Ulitzkaja. Eine Bücherkette, die viral geht und jederzeit Lesequarantänen verursacht… 

Eroberung von Laurent Binet

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Eroberung von Laurent Binet

Was wäre, wenn? Eine Frage, die sich hervorragend als Ausgangssituation für das literarische Schreiben eignet, weil sie die Seele von der Last der Realität befreit. Und sind diese lästigen Fesseln erstmal abgelegt, kann man fabulieren, was das Zeug hält. Was wäre, wenn? Eine Frage, die Laurent Binet extrem umgetrieben haben muss, bevor er auch nur die ersten Worte zu seinem neuen Roman Eroberung fand. Er, der ansonsten so realitätsverbundene, preisgekrönte französische Schriftsteller, muss sich darüber im Klaren gewesen sein, was er wagt, wenn er pure Geschichtsfälschung in den Mittelpunkt seines Schreibens rückt. Was wäre, wenn? Eine Frage, die bisher nicht konsequenter gestellt wurde, als in diesem Husarenritt durch die Weltgeschichte. Das ist keine Utopie, keine harmlose Anpassung historisch verbürgter Gegebenheiten an die Erfordernisse eines Romans. Das ist eine Neufassung der Geschichte. Es ist eine literarische Revolution, die Binet hier vom Stapel lässt.

Da hatte er sich einen tadellosen Ruf erworben, mit „HHhH“ im Jahr 2010 den Prix Goncourt gewonnen und sich als Autor etabliert, dem man glauben konnte, was er uns erzählt. Zu den Höhepunkten der literarischen Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges gehört zweifelsohne seine brillante Geschichte „Himmlers Hirn heißt Heydrich„, die uns ins besetzte Prag entführte und zu Zeugen des Attentats auf den Vordenker der „Endlösung“ und Vollstrecker des Holocausts werden ließ. Was Binet jetzt jedoch in „Eroberung“ von uns verlangt, ist die völlige Abkehr von allem, was uns historisch heilig ist. Vergessen wir Jahreszahlen, vergessen wir Chroniken und die verbrieften Fakten der Weltgeschichte. Drücken wir einfach mal den Reset-Knopf im Zentrum des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit und starten das System neu.

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Eroberung von Laurent Binet

Laurent Binet dreht mit der Präzision eines französischen Fantasten an ein paar Stellschrauben der historischen Realität. Damit stößt er zugleich einige Denkmäler vom Sockel. verursacht einen heftigen Bildersturm auf die politische, soziale, kulturelle und religiöse Welt, wie wir sie kennen, und legt die Wurzeln zu einem Gedankenspiel über die Welt, wie sie heute aussehen würde, wäre sein Roman kein ironisches Fake voller „alternativer Wahrheiten“. Die Wikinger waren niemals in Südamerika? Falsch! Kolumbus hat Nordamerika entdeckt und ist gesund heimgekehrt? Falsch! Die Kultur der Inkas wurde durch spanische Eroberer ebenso vernichtet, wie das gesamte Volk? Falsch! Luther schlug in Wittenberg 95 Thesen zur religiösen Erneuerung an die Tür der Schlosskirche? Falsch! Die Geschichte Europas im 16. Jahrhundert war geprägt von dynastischen Fehden großer Königreiche im Wechselspiel mit dem Machtgehabe der katholischen Kirche? Falsch! Alles war ganz anders, glaubt man „Eroberung!

Es ist die Saga von Freydis Eriksdottir, die den Lauf der Welt verändert. Schon der erste Teil des Romans verändert unsere Geschichte total. Und dies alles, um mit einem kleinen Detail die Basis für den komplexen Rest jener Geschichte zu legen. Was, wenn die Wikinger mit ihren wendigen Drachenbooten die sagenhaften Küsten Südamerikas erreicht hätten? Was, wenn sie dort zwar Unheil gestiftet hätten, aber auch die Kunst der Eisenverarbeitung an die dortigen Urvölker weitergegeben hätten? Was, wenn die Entdecker der folgenden Jahrhunderte nicht nur auf Inkas stoßen würden, die im Gold baden, sondern eben auch noch stahlharte Waffen besäßen? Ja, was? Und was, wenn Christoph Kolumbus eben nicht in Nord-, sondern in Südamerika an Land gegangen wäre? Und schließlich die Gretchenfrage: Was, wenn die Inkas auf Europa neugierig geworden wären?

(Anm. Hier kommt es natürlich nicht zu den eigentlichen vier Reisen von Kolumbus. Ob er Hispanola, Kuba, die Bahamas oder das Festland betrat, ist bei Binet nicht relevant. Er ist da. Das reicht aus. Und dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf.)

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Eroberung von Laurent Binet

Binet bleibt keinen Beweis schuldig. Er legt uns die Fragmente der Tagebücher von Kolumbus vor, die dessen Scheitern belegen. Er lässt es uns mit eigenen Augen lesen, wie der große Entdecker seine Schiffe verliert und in der neuen Welt stirbt. Und dann folgen schon die Atahualpa-Chroniken, in denen die Inkas von der Völkerwanderung berichten, die im 16. Jahrhundert einsetzt. Bestens informiert, ausgestattet und bis an die Zähne bewaffnet landen sie mit drei Schiffen und 300 Mann / Frau Besatzung plus ein paar Lamas im Hafen von Lissabon, um dem reichen Europa einen kleinen Besuch abzustatten. Hier nimmt die Eroberung ihren Lauf. Hier kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, weil nun alle Räder des binet´schen Räderwerks ineinandergreifen. Die Inquisition wird weggeweht, der Inka Atahualpa wird zum Machtfaktor in Spanien und die Herrscher Europas zittern wie Espenlaub.

Wie beim Domino-Day fallen nun die historischen Steine in einer Kettenreaktion, die uns sprachlos macht. Das 16. Jahrhundert wird im intensiven Hochwaschgang von allem historischen Ballast befreit und anschließend in Inka-Farben getunkt. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Als Leser kann man nicht anders, als sich diesem Bildersturm begeistert anzuschließen. Ja, wir wissen es natürlich besser. Klar. Alles ist erstunken und erlogen. Aber es ist gerade dieses Wissen, das uns aufjauchzen lässt, weil wir im Geiste jeden Schritt dieser brillanten Geschichtsfälschung nachvollziehen können. Als dann auch noch in Wittenberg die „95 Sonnenthesen“ ans Kirchenportal geschlagen werden, ist klar, was mit Europa passiert. Das große Zeitalter der Inka hat gerade erst begonnen und von Thomas Morus über Erasmus von Rotterdam bis hin zu Thomas Müntzer gehen die Gelehrten und Belesenen dem Inka Atahualpa auf den Leim.

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Eroberung von Laurent Binet

Es bereitet riesiges Vergnügen, Binet in seine ironische Geschichtsfälschung zu folgen. Er stellt unser Wissen auf die Probe und verleiht unserer Fantasie Inka-Flügel. Wir spinnen weiter, was er erzählt. Wie würde Europa heute aussehen, welche Bauten würden das Gesicht des Kontinents prägen und wem würden die Menschen huldigen? Wundervoll skurril, herrlich abgedreht und doch so wundervoll erzählt, dass man sich gerne voller Schadenfreude zurücklehnt und den Untergang der Inquisition beobachtet. Der Originaltitel des Romans lautet „Civilizations“ und erinnert nicht umsonst an einige etablierte Computerspiele, in denen es um die Simulation gesellschaftlicher Prozesse geht. Einmal falsch abgebogen, ein falsches Land angesteuert und eine Muskete oder ein Schwert dem Falschen in die Hände gedrückt, und schon ändert sich alles. Binet hat hier als auktorialer Gott agiert. Alle Geschicke der Welt lagen in seiner Hand. Und ich denke, er hat das Beste draus gemacht. Literatur. Ein neues Narrativ für die Inka, denen der Untergang zumindest vorerst erspart bleibt.

Eroberung ist ein meisterhaft konstruiertes historisches Spiegelkabinett, in dem die faktische Realität auf den Kopf gestellt, verzerrt, gedehnt und verdreht wird, bis man vor der spiegelverkehrten Abbildung der Welt- und Kulturgeschichte steht. Es ist Binets literarisches Können, das verhindert, dass wir uns als Lesende in diesem Irrgarten der gespiegelten Wahrheiten verlaufen. Was wäre, wenn? Eine Frage, die lange nach dem Lesen widerhallt…

Eroberung von Laurent Binet - Astrolibrium

Eroberung von Laurent Binet

PS: Es ist geplant eine Verfilmung als Serie entstehen zu lassen. Ich bin davon überzeugt, dass „Eroberung“ auch die Bildschirme erobern wird. Bleiben wir einfach gespannt…

Historisch gilt es aus meiner Sicht noch einiges richtigzustellen. „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel ist ein entscheidender Schritt, um Binets Spiegelkabinett zu verlassen. Der historische Roman erscheint am 25. Januar 2021 bei Zsolnay und liegt mir schon vor. Ich folge Pizarro nach Peru und werde berichten!

Eroberung von Laurent Binet und Die Eroberung Amerikas von Franzobel - Astrolibrium

Eroberung von Laurent Binet und Die Eroberung Amerikas von Franzobel

Handbuch für Zeitreisende [Der Hörbuch-Ratgeber]

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Handbuch für Zeitreisende

Das war`s dann wohl mit dem herkömmlichen Urlaub in diesem Jahr. Corona und weltweite Reisewarnungen, Einreiseverbote oder Beschränkungen machen das Reisen fast unmöglich. Kreuzfahrten gestrichen, Flüge nur mit hohem Risiko, Wellness-Oasen geschlossen und sogar der Ballermann hat seinen Geist aufgegeben. No. Nichts davon kommt für mich in Frage. Zuhause bleiben mag ich jedoch auch nicht, also musste ich mich auf die Suche nach attraktiven Alternativen machen, um doch noch verreisen zu können. Man muss nicht lange suchen, bis man die neuen Veranstalter findet, die sich auf Zeitreisen spezialisiert haben. Sicher, diese innovativen Startups haben noch nicht die Routine, die man hier erwarten würde, aber sie versprechen neue Impulse auf dem maroden Urlaubs- und Reisemarkt. Doch Vorsicht! Seriös sind nicht all diese Anbieter. Was tun, wenn man an die schwarzen Schafe der neuen Branche gerät?

Das „Handbuch für Zeitreisende“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz kann vor unliebsamen Überraschungen schützen. Warum, werdet Ihr fragen. Warum sollte man sich einen Ratgeber für eine Zeitreise in die Vergangenheit zulegen? Wir kennen uns doch blendend in der Weltgeschichte aus und wissen genau, wohin uns die Reise führen soll. Alles bekannt. Geht ja nicht in die Zukunft, wie in der „Zeitmaschine„. Das ist wohl wahr. Wer jedoch denkt, seine ADAC-Karte würde die Reise-Rückholung aus mittelalterlichen Urlaubsdestinationen abdecken, der irrt. Und die Krankenversicherung Eures Vertrauens wird nicht gewillt sein, Euch gegen Pest und Lepra abzusichern. Es ist reisetechnisches Neuland, das Ihr betretet und ein Handbuch ist hier lebenswichtig. Es wäre leichtsinnig, das Buch aus dem Rowohlt Verlag oder die Hörbuchfassung von Der Hörverlag zu verschmähen. Wer das tut, überschätzt sich selbst und würde noch heute ohne Navigationssystem in die Innenstadt von Paris fahren, um den Eiffelturm zu finden. Viel Spaß dabei. Ich vertraue auf Reiseführer und Handbücher. In diesem Fall auf das Hörbuch, weil ich einfach gerne Matthias Matschke zuhöre und meine Koffer packen kann, während er mich mit Ratschlägen füttert…

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Handbuch für Zeitreisende

Das „Handbuch für Zeitreisende – Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer“ schließt eine erhebliche Marktlücke und wird inzwischen von führenden Zeitreisenden empfohlen. Wir haben es bei diesem Handbuch nicht mit einer Loseblattsammlung zu tun. Nein. Das ist ein ausgereifter Wegweiser durch unsere Welt, die wir vorgefunden hätten, wären wir vor ein paar hundert Jahren geboren. Nur mit dem Unterschied, dass wir jetzt als Menschen des 21. Jahrhunderts für eine Urlaubs- und Erlebnisreise in die Vergangenheit gecoacht werden. Strukturiert nach Interessen, Epochen, Ideen sowie Gefahren, die auf Zeitreisende lauern. Wer dieses Handbuch gehört oder gelesen hat, darf anschließend nicht behaupten, er hätte nichts gewusst. Bei genauerem Hinhören wird schnell klar, warum sich diese Tipps nicht einmal im Kleingedruckten der Anbieter finden. Was sich in den Katalogen nach Entspannung und Urlaub anhört, kann schnell zur Exkursion des Grauens werden. Eine falsche Entscheidung und aus ist es…

Eine weitere Warnung mag ich voranschicken. Zeitreisen sind nichts für spontane Wochenend-Trips. Sie wollen gut vorbereitet sein und man sollte sich natürlich mit der Theorie eines solchen Unterfangens vertraut machen. Auch hier bietet das Handbuch alles, was man sich nur wünschen kann. Vom Großvaterparadoxon, über einen kurzen Abriss der Geschichte des Zeitreisens bis hin zu Schrödingers Katze. Herz, was willst du mehr? Matthias Matschke instruiert uns mit der gewohnten lakonischen Lockerheit, die ihn als versierten Instruktor des Unmöglichen auszeichnet. Er nimmt uns die Angst, bevor sie einer Zeitreise allzu sehr im Weg stehen könnte. Und nach der Theorie folgt auch schon die Praxis. Wohin soll es gehen? Welches Reisejahr wählen wir aus und worauf müssen wir uns einstellen? Die Autoren lassen keine Fragen offen und es fällt sehr leicht, bestimmte Epochen auszuschließen und andere zu präferieren.

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Handbuch für Zeitreisende

Das Kapitel „Ideen für Zeitreisen ist ein bunter Almanach der Destinationen. Hier erfahren wir alles Wissenswerte über legendäre Reiseziele in Epochen, die wir nur aus Geschichtsbüchern kennen. Wie sieht New York ohne Wolkenkratzer aus? Wie fühlt es sich an, eine Weltausstellung zu besuchen? Wäre es nicht sagenhaft, einer der ersten Besucher auf dem neu eröffneten Eiffelturm zu sein und wie sah der Germania-Tempel aus Schokolade in Chicago aus? Und wer würde dort schon groß auffallen, zeichneten sich diese Expositionen doch gerade durch ihren Futurismus aus. Hach, herrliche und nachhaltige Ziele für den frisch vergnügten Zeitreisenden. Je mehr man sich durch das Handbuch durchackert, umso mehr „Haken“ finden sich jedoch an der Sache. Ich mag ja nicht vorausgreifen, aber die Risiken solcher Abenteuer nehmen mehr Raum ein, als das Vergnügen. Nichts für schwache Nerven.

Kommen wir doch exemplarisch zu einigen Kinken, die das Handbuch aufführt. Wählt man die falsche Destination aus, so kann es sein, dass man ungewollt zum Opfer einer Regierungsform wird, die man doch eigentlich aus der Nähe betrachten wollte. In der DDR zum Beispiel (ein Reiseziel, das aufgrund geringer sprachlicher Hürden sehr empfohlen wird) besteht die Gefahr, auffällig zu werden und als Spion jeder Möglichkeit beraubt zu werden, die Heimreise anzutreten. Man darf nicht glauben, der Veranstalter würde hier auf einer Brücke auftauchen und den Gefangenenaustausch organisieren. Ebenso gefährlich sind Reisen ins Mittelalter. Wer hier vor Corona flieht, kommt dort gegebenenfalls von der Pest in die Traufe. Und wenn man dann noch behauptet, diese Seuche würde durch Ratten übertragen, kann man sich gleich zu den Aluhutträgern in Anti-Corona.-Demos einreihen. Da kann man viel Geld sparen.

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Handbuch für Zeitreisende

Das „Handbuch für Zeitreisende“ versorgt uns mit dem Rüstzeug für die großen und interessanten Epochen der Weltgeschichte. Ich kenne jetzt die Gefahren, die man als „Schlachtenbummler“ so leicht unterschätzt. Ich weiß, dass es keine wirklich guten Aussichtspunkte für Naturkatastrophen oder Kontinentalverschiebungen gibt. Es ist mir auch klar geworden, dass ich bei einer Reise ins Pleistozän auf den Kompass verzichten kann, weil sich die magnetischen Pole pausenlos verschieben. Das war mir nicht klar. Aber die Eiszeit wäre aufgrund der Kälte eh nicht in Frage gekommen. Egal welches Ziel man auch wählt, ohne dieses Handbuch ist man aufgeschmissen. Es geht sogar weiter, als man es erwarten dürfte. Es beantwortet sogar die Fragen, was man in der Vergangenheit verändern dürfte und wie erfolglos ein solches Unterfangen wäre. In meinen kühnsten Gedanken dachte ich, man könnte die ein oder andere Erfindung vor Ort selbst machen und die Menschen beeindrucken. Aber Vorsicht. Hier wird gewarnt, weil das einfach zu naiv wäre. Wir würden die Weltgeschichte verändern und das ist schlichtweg unmöglich.

Ja, so vergeht einem dann doch ein klein wenig die Lust am Zeitreisen. Mal ganz abgesehen von den Gesundheitsrisiken, von der Ungewissheit, welchen Kalender man am Reiseziel eigentlich vorfindet und von all den Fallstricken, in die wir uns durch ganz falsches Benehmen und inadäquate Umgangsformen verstricken würden, bleibt mir die bitterste Erkenntnis, dass ich eigentlich nur alleine reisen könnte. Wer dem Handbuch aufmerksam folgt, wird schnell verstehen, dass Zeitreisen kein Frauending sind! Jeder Zeitschritt zurück birgt für das weibliche Geschlecht unkalkulierbare Risiken. Es beginnt mit der rechtlichen Stellung der Frau, geht weiter zu heute unhaltbaren Rollen- und Frauenbildern und endet schlicht und ergreifend in der Hexenverbrennung, wenn sie den Eindruck erwecken, etwas mehr zu wissen, als andere. Und welche Frau hat schon Spaß daran, in die Vergangenheit zu reisen, um dann zu erleben, dass sie mit den klügsten Köpfen der Geschichte gar nicht reden dürfte und dass man ihr auch den Zutritt zu Museen, Universitäten oder Kliniken verwehren würde. Also: Nichts für die emanzipierte Frau von heute. Hier muss dringend ein eigenes Handbuch her.

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Handbuch für Zeitreisende

Ich würde gerne mehr schreiben, aber ich muss jetzt los. Ihr kommt ja nicht umhin, das „Handbuch für Zeitreisende“ selbst zu lesen oder zu hören. Alles andere wäre in Anbetracht der Gefahrenlage wirklich wahnwitzig. Ich werde die Stimme von Matthias Matschke im Ohr haben, während ich meine Zeitreise antrete. Ich habe mein Ziel im Handbuch gefunden. Es geht nach Wien. So ungefähr ins Jahr 1820. Ich will endlich einmal die Musik von Beethoven so hören, wie er sie wirklich komponiert hat. Einmal nur im richtigen Tempo (das wir heute nur mutmaßen können) und einmal ein Konzert ohne Handyklingeltöne erleben. Das gefällt mir. Ich brauche nur die richtige Kleidung, ein passendes Ausweispapier und muss noch an meinem Benehmen feilen. Den Rest kriege ich sicher hin. Dank der unverzichtbaren Ratschläge von Kathrin Passig und Aleks Scholz.

Sehen wir uns unterwegs? Wohin würdet Ihr reisen und würdet Ihr für immer bleiben wollen? Ich habe so viele Fragen. Vielleicht habt Ihr Antworten für mich. Falls nicht, in der kleinen literarischen Sternwarte findet Ihr unter dem Stichwort „Zeitreise weitere literarische Inspirationen zum Thema. Ich muss jetzt aber los. Wien, ich komme..

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Handbuch für Zeitreisende

.Zeitlose Zeitreise-Romane bei AstroLibrium, die keine Zeitverschwendung sind:

Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris
Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens
Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski
Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]
Marmorkuss“ von Jennifer Benkau [Urban Mystery]
So nah und doch so fern“ – Eine Liebes-Zeitreise von Ann Brashares
Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst“ – Waldtraut Lewin
Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford… und es geht weiter…

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther - astrolibrium

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Auch die kleine literarische Sternwarte kommt ohne gute Weihnachtsgeschichte nicht aus! Mein Anspruch ist hoch. Ich möchte die besinnliche vorweihnachtliche Zeit nicht mit Banalitäten verbringen und Geschichten folgen, die den Buchmarkt überfluten, um noch mal eben schnell den Gabentisch zu bereichern. War ich im letzten Jahr noch mit Maja Lunde und ihrer legendären Geschichte „Die Schneeschwester“ unterwegs, so wollte ich auch in diesem Jahr, meiner persönlichen Tradition folgend, niveauvoll ins Fest aller Feste gleiten. Ich wollte den Geist der Weihnacht beschworen wissen. Wollte mich in einer Erzählung fallenlassen, die aus ihrer Zeit gefallen ist und die ganz einfach nach Plätzchen und Vanille riecht, nach Glühwein schmeckt, wie eine Christbaumkugel funkelt und trotzdem im tiefsten Inneren des Herzens ein Gefühl erzeugt, das nicht nur die Weihnachtszeit bestimmen sollte. Hohe Ansprüche. Ich weiß…

Eine Kiste voller Weihnachten stach mir sofort ins Auge. Und dies aus mehreren Gründen: Eine illustrierte Weihnachtsgeschichte mit ansprechenden Bildern fasziniert mich ganz einfach, weil sie dazu einlädt, gemeinsam gelesen und betrachtet zu werden. Sie erschließt sich nicht nur über den Text und wird dem Anspruch Das Auge liest mit in besonderer Weise gerecht. Es ist Dresden, mein Herzensort, Ziel vieler Reisen, das am Heiligabend des Jahres 1890 zum Schauplatz der Geschichte wird. Sehnsuchtsorte und Stimmungen verschmelzen bei mir schnell zu emotionalen Lesemomenten. Es sah gut aus. Weihnachten schien gerettet. Nicht zuletzt, weil ich wusste, dass Ralf Günther in der Lage ist, mich zu fesseln, mich aus meiner Zeit herauszureißen und mir ein paar Impulse mit auf den Weg zu geben, nach denen ich suchte.

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther_astrolibrium

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Die Badende von Moritzburg hat sich einen besonderen Platz in meinem Lesen erobert. Eine Sommernovelle, ein Künstlerroman und ein absoluter Sehnsuchtsort, den ich bereits mehrfach besucht habe, brachten mich dem Lebensgefühl einer Kolonie von kreativen Aussteigern näher, als ich es den gerade einmal 100 Seiten dieser Erzählung zugetraut hätte. Vertrauensvoll begab ich mich also gerne erneut in seine Hände. Voller Vorfreude blätterte ich in dem Kleinod aus dem Kindler Verlag. Auch hier sind es wenig mehr als 120 Seiten, die sich der Autor für den weihnachtlichen Erzählraum gönnt. Und selbst diese werden noch bereichert durch die Illustrationen von Andrea Offermann. In gediegener literarisch optischer Harmonie werden wir durch das vorweihnachtliche und doch recht geschäftige Dresden des Jahres 1890 geführt. 

Stilistisch wird die Kiste voller Weihnachten sofort auffällig. Es sind Begriffe und Formulierungen, die schon lange aus unserem Sprachgebrauch verschwunden zu sein scheinen und doch schlummern die Erinnerungen an diesen sympathisch altmodischen Ton noch tief in uns. Diese Erinnerrungen gepaart mit der Erzählung schmiegen sich in der sich entwickelnden Geschichte ganz zart aneinander und vermitteln ein Gefühl von Authentizität. Wir sind im Dresden des 19. Jahrhunderts. Am Wendepunkt der Technik angelangt. Die Fuhrwerke und Trambahnen werden noch von Pferden gezogen, haben sich jedoch die Straßen mit den Automobilen zu teilen, die das Stadtbild zunehmend zu prägen scheinen. Und diese Stadt war hungrig, so wie Ralf Günther es beschreibt. Ein ständiger Hunger, der den Lieferverkehr aus dem Erzgebirge auch am Heiligen Abend kaum zum Erliegen kommen lässt.

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Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Das Elbflorenz floriert an allen Ecken und Kanten und genau in dieser geschäftigen Umgebung setzt uns der Autor fast ohne Vorwarnung aus. Unvermittelt treffen wir hier auf zwei Menschen, deren Lebenslinien sich an diesem Heiligen Abend zum ersten Mal kreuzen und deren Wege wir genau einen Tag lang begleiten dürfen. Die erst elfjährige Lisbeth und den Besitzer einer Manufaktur für „Dresdner Pappen“, Vincent Storch. Beide haben alles andere als eine ruhige Weihnacht vor Augen. Vincent hat im letzten Moment eine Kiste mit Weihnachtsschmuck entdeckt, die versehentlich nicht zugestellt wurde, und auf die man im fernen Zinnwald nun vergeblich warten würde. Die Blamage mag er nicht auf sich sitzen lassen und beschließt, selbst zu liefern.

Und Lisbeth ist auf der Suche nach einem fahrbaren Untersatz, der sie nach Hause zum Vater und den Geschwistern bringt. Dem verzweifelten Auftrag ihrer Mutter folgend macht sie sich allein auf den Weg, bis sie ein Fuhrwerk entdeckt, das nur eine Kiste zu transportieren scheint. Lisbeth springt auf, verbirgt sich unter einer Plane und die Reise des alten Mannes und des scheinbar hilflosen Mädchens nimmt ihren Lauf. Wenn man meint, dass 124 Seiten nicht ausreichen, um zwei Charaktere zu entwickeln, der sollte Ralf Günther vertrauen. Er hat die Zügel dieser Geschichte in der Hand und schreibt in der vollendeten Tradition eines Charles Dickens. Hier ist genügend Raum für den Geist der Weihnacht. Hier trifft der mürrische und desillusionierte Weihnachtshändler auf ein Mädchen, das in doppelter Sorge um Vater und Mutter nichts Weihnachtliches fühlt.

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther_astrolibrium

Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Ralf Günther schreibt uns diese beiden Menschen ans Herz. Nicht sentimental oder gestelzt. Nicht romantisch verklärt oder gekünstelt. Nein. Vincent und Lisbeth wachsen in dieser Geschichte aneinander und zusammen. Ein Entwicklungsroman, der uns den Glauben an die Magie der Weihnacht zurückgibt, sollte er verlorengegangen sein. Eine Geschichte, die es sich selbst und den beiden Protagonisten nicht leichtmacht, weil sie nicht schönredet, was Standesunterschiede, Armut und Einsamkeit ausrichten können. Und genau an den Stellen, an denen wir eine kurze Pause gut gebrauchen können, um nachzudenken und nachzufühlen, da sind die Illustrationen platziert, die trotz der Kälte der Umgebung eine wundervolle Wärme verströmen.

Hier fühlt sich Ralf Günther an wie der gute alte Charles Dickens, der im Christmas Carol seinen Ebenezer Scrooge für alle Zeiten zum Weihnachtsliebhaber therapiert. In der „Kiste voller Weihnachten“ sind es nicht nur Dresdner Pappen, die goldglänzende Christbaumdekoration darstellen. Hier ist alles Gold was glänzt. Wort und Bild ergeben einen Gleichklang der Weihnachtsbotschaft. Ein Hauch von Dresden erfüllt die Herzen im vorweihnachtlichen Lesen. Lasst Euch entführen. Besteigt das Pferdefuhrwerk, reitet durch die Nacht, lernt die Menschen am Wegesrand kennen und rettet die Weihnacht.

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Eine Kiste voller Weihnachten von Ralf Günther

Durchbruch von Ronan Farrow (Der Weinstein-Skandal)

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Es kommt nicht oft vor, dass man ein Buch in Händen halten darf, das im Bereich „investigativer Journalismus“ als Meilenstein betrachtet werden muss. Es kommt nicht oft vor, dass man sich sogar als Zeitzeuge des beschriebenen Geschehens selbst ein Bild der Ereignisse machen kann. Und es kommt nicht oft vor, dass man im eigenen Lesen auf den Ursprung einer Bewegung stößt, die sich in den letzten beiden Jahren in allen Ländern der westlichen Hemisphäre ausgeweitet hat. Gemeint ist ein Skandal im Herzen von Hollywood. Gemeint ist der systematische jahrelange sexuelle Missbrauch von Frauen in der Filmbranche. Gemeint ist Harvey Weinstein, der Medienmogul, dem zahllose Frauen vorwerfen, sie in ihrer Abhängigkeit von seiner Macht ausgenutzt und vergewaltigt zu haben. Hier beginnt, was wir heute als MeToo-Bewegung kennen.

Es ist ein wahrer „Durchbruch“ der hier von Ronan Farrow beschrieben wird. Ein Durchbruch, der sich wie der Durchbruch eines bösartigen Geschwürs anfühlt. Hier hat man es mit einem Buch zu tun, das faktenbasiert, recherchetreu und absolut waghalsig einen Skandal beschreibt, der von einem Journalisten aufgedeckt wurde, der hier seine gesamte berufliche Reputation aufs Spiel setzte, da er sich mit den echten Größen der Branche anlegte. Und nicht nur das. Er kämpfte einen Kampf auf verlorenem Posten in einem Umfeld, das so perfekt vernetzt war, dass es kaum gelingen konnte, die wahren Ausmaße des Missbrauchs auch nur im Geringsten aufzudecken.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Toxische Männlichkeit steht im Mittelpunkt des Meisterwerks aus der Feder von Ronan Farrow. Ein gesellschaftliches Phänomen, das die zumeist patriarchalische und damit maskuline Entscheidungsstruktur von Konzernen als Machtbasis für Machtspiele gegenüber weiblichen Mitarbeitern nutzt. Abhängigkeit und berufliche Perspektive sind die Triebfedern der Ohnmacht gegenüber jenen, die ihre Macht ausnutzen, Gewalt und Unterdrückung ausüben, und mit der vollen Wucht eines verflochtenen Systems gegen jene vorgehen, die ihr Schweigen brechen und Anklage erheben wollen. Wir reden hier von Männern, für die es selbstverständlich ist, sexuelle Gegenleistungen einzufordern, wenn sie ihre Entscheidungen treffen. Ob es um Filmrollen geht, um die Karriere in der Firma oder schlichtweg um die stressfreie weitere Beschäftigung. Toxisch. Giftig.

Ronan Farrow legt diesen Durchbruch vor, nachdem er 2018 für seine Recherchen mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“ ausgezeichnet wurde. Auf dem Höhepunkt seiner Recherchen war er bereits durch die Stahlbäder der Faktenprüfung gegangen. Die im Buch aufgeführten Fälle sexuellen Missbrauchs und sämtliche damit im Zusammenhang stehenden Recherchen, enthüllten Verflechtungen und systematischen Versuche, die Anklagen zu vertuschen sind zweifelsfrei bewiesen. Der Pulitzer-Preis ist das Wahrheits-Prädikat für diesen „Durchbruch“. Für den Leser bedeutet dies die komfortable Situation, staunend lesen zu können, vertrauensvoll den Schilderungen des Autors folgen zu können und Plausibilitätsfragen als beantwortet zu betrachten. Nie zuvor war ein derart brisantes Werk so wasserdicht. Niemals zuvor war eine investigative Reportage erschreckender und nie zuvor hat ein Enthüllungsbuch so viele Bezüge zur Machtstruktur in unserer Gesellschaft. Farrow ist Systemsprenger und Whistleblower zugleich.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Der Originaltitel des Buches lautet Catch and Kill. Das sollte man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen, weil Farrow hier einen Mechanismus aufdeckt, der den Tätern ihren Spielraum verschafft. Ein geschlossenes System von Anwälten, Politikern, Journalisten und Detektiven, die den Vergewaltigern Rückendeckung geben. Hier wird die schmutzige Wäsche gebleicht und aufbereitet. Hier werden Westen gereinigt. Hier wird systematisch und großflächig auf jene gezielt, denen Gewalt angetan wurde. Eine Geschichte zu „fangen und sie verschwinden zu lassen“ – das ist der Schlüssel zum Erfolg. Beweise vertuschen, Abfindungen zahlen, Geheimhaltungsverträge mit Opfern abzuschließen und Gegenklagen androhen, das sind die Werkzeuge der Macht die den Tätern ihr zügelloses und frauenverachtendes Spiel ermöglichen.

Ronan Farrow feuert in seinem Buch eine Breitseite gegen die komplexe Struktur einer Gesellschaft ab, in der der Fisch bereits von oben zu stinken beginnt. Die Affären der US-Präsidenten Clinton und Trump, die Schlammschlachten, die gegen die Frauen geführt werden, die ja eigentlich Opfer sind, all dies ist der Türöffner für Menschen, die ihre eigene Macht systematisch dazu ausnutzen, Frauen zu erniedrigen und ihnen das desaströse Gefühl zu geben, sie seien keine Opfer, sondern selbst an der Erniedrigung schuld zu sein. Hört sich unfassbar an, aber Ronan Farrow gelingt es, in den Interviews mit den Opfern genau dieses Bild zu beleuchten. Sie schweigen aus Scham. Sie fühlen sich schuldig. Sie haben Angst vor Konsequenzen. Und sie leiden ein Leben lang, weil sie genau wissen, dass nach ihnen weitere Frauen in die Falle laufen. Ihr Schweigen in der Folge des Missbrauchs ist Wegbereiter der nächsten Vergewaltigung.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Man muss Farrow lesen. Man muss die Massenmedien einer kritischen Betrachtung unterziehen und mit gesundem Misstrauen auf die täglichen Meldungen schauen. Hier hat Ronan Farrow mein Vertrauen in die Unabhängigkeit der Presse tief erschüttert. Er zeigt, wie seine Vorgesetzten mit seinen Recherchen umgingen. Er erzählt eine Story, die im eigenen Haus unterdrückt wurde. Fakten und Namen, die man direkt an Harvey Weinstein weitergab. Verflechtungen, die dem Reporter im Dschungel des Systems nur ganz langsam bewusst wurden. Er wurde beschuldigt, beschattet, diskreditiert, von den Aufgaben entbunden und auf unwichtige Reportagen angesetzt. Eine Schlammschlacht der besonderen Art. Er spürte am eigenen Leib, was den Frauen widerfahren war, die sich ihm nur ganz langsam öffnen wollten. Zu groß war die Angst vor dem System.

Die Reportage löste ein Erdbeben aus. Harvey Weinstein sieht sich inzwischen einer Vielzahl von Zivilklagen betroffener Frauen ausgesetzt. Die Beweislage ist erdrückend und wer immer noch daran zweifelt, wie man sich als Frau in die Fänge eines solchen Mannes begeben kann, der möge sich nur das Überwachungstonband anhören, das in einer verdeckten Ermittlung gegen ihn entstand. Dieser Mensch kennt kein NEIN. Hier zeigt sich, was für ihn normal ist. Was für ihn üblich ist. Toxische Männlichkeit kann nur solche Folgen haben, wenn man weiß, dass man von einem ganzen System geschützt wird. Diese Aufnahme ist verstörend und erhellend zugleich. Ihr liegt ein Frauenbild im beruflichen Umfeld zugrunde, das menschenverachtend ist.

Man muss dieses Buch als Frau lesen, um zu begreifen, dass Schweigen nach einer solchen Situation des sexuellen Missbrauchs nur künftige Opfer generiert. Es ist sicher schwer, den Schilderungen der Erniedrigung zu folgen. Und doch MUSS das Buch von Frauen gelesen werden, um solchen Systemen im Großen und im Kleinen die Stirn zu bieten. MeToo kann nur erfolgreich sein, wenn man die Systematik jeden Missbrauchs durchschaut. Männer müssen dieses Buch lesen, um sich zu hinterfragen. Sind es die kleinen falschen Gesten, die „harmlosen“ Berührungen und schlüpfrigen Witze, die hier Tür und Tor öffnen? Wie kann man sein Umfeld beobachten und Frauen aktiv schützen oder warnen? Wie lange darf man zuschauen und schweigen? Niemand wusste etwas! Alle haben geleugnet, bis ihnen die Maske vom Gesicht gerissen wurde.

Eine aberwitzige Reportage, die in mir nachhallt. Catch an Kill. Wir erleben täglich, dass solche Systeme funktionieren. Im laufenden Amtsenthebungsverfahren gegen D. Trump laufen die Hintergrundmaschinen heiß. Jeder, der gegen ihn aussagt, wird mit Verleumdungen, Schmutz und Diskreditierung überzogen. Man sollte beobachten, aus welchen Richtungen hier auf Zeugen geschossen wird. Hier treten die Verflechtungen offen zutage. Hier zeigt sich das Establishment. Und wer den Mund aufmacht und offen seine Meinung sagt, der wird mit dem Schlagwort „Fake News“ mundtot gemacht. Ein Buch, das Augen öffnet. Ein absolutes Muss für all jene, die Machtmissbrauch die kalte Schulter zeigen wollen. Hut ab, Ronan Farrow. Mutig.

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Durchbruch von Ronan Farrow

Durchbruch Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ von Ronan Farrow / Rowohlt Verlag / übersetzt von: Werner Schmitz; Henning Dedekind; Katja Hald; Heide Lutosch; Hans-Peter Remmler; Antoinette Gittinger; Norbert Juraschitz; Astrid Gravert; Helmut Dierlamm und Heike Schlatterer / 528 Seiten / 24 Euro