„Ein Winter in Wien“ von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ist es in der heutigen Zeit möglich, Leser mit einer ganz einfach erzählten Romanze zu begeistern? Kann man einen Roman schreiben und publizieren, der in aller Zartheit wirkt wie ein scheues literarisches Reh, das sich kurz auf der bibliophilen Lichtung zeigt und sofort verschwindet, wenn es Gefahr wittert? Sind wir als Leser überhaupt noch in der Lage, eine Erzählung um ihretwillen zu schätzen, uns verzaubern zu lassen und sie nicht an reizüberflutenden und Herzschmerz verursachenden Lovestorys zu messen?

Ist es vermittelbar, dass man eine Geschichte erzählt, die in einem gesellschaftlich- historischen Kontext eingebettet ist, der aufgrund der Moralvorstellungen und der einst vorherrschenden Sittenbilder von Haus aus verhindert, dass wir zu Zeugen ausufernder erotischer Ausschweifungen werden? Haut uns ein solcher Stoff noch vom Hocker oder ist es der eher prüden Leserschar vorbehalten, den biederen Weg ins verschneite Wien des Jahres 1910 zu erlesen?

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Erstens gilt es festzuhalten, dass ich nicht bieder oder prüde bin. Zweitens vertiefe ich mich fast ausschließlich in Romane, die in der Lage sind, mich vom Buchhocker zu reißen. Und drittens darf für mich eine romantische Geschichte sehr gerne so erzählt werden, als sei sie aus der Zeit gefallen, in die sie geschrieben wurde. Das macht viele gute Erzählungen erst authentisch und vermittelt ein deutliches Bild davon, wie zaghaft sich die erste Annäherung zweier Menschen vollzog, die voneinander fasziniert waren.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb ist eine solche Geschichte. Wüsste man nicht, dass dieser Roman von einer quicklebendigen Schriftstellerin unserer Zeit geschrieben wurde, man könnte ihn für einen Fund aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Er spielt nicht nur im winterlichen Wien des Jahres 1910. Sowohl sprachlich als auch atmosphärisch lebt der Roman in einer Zeit, die durch die Klassenunterschiede im österreichischen Kaiserreich, ein überhöhtes Standesdenken und Wertebilder bestimmt war und heute auf uns wahrlich antiquiert wirkt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Es schneit in Wien. Es ist kalt und man friert, wenn man nicht zu den wenigen Reichen gehört, die sich den Luxus der Wärme leisten können. Die 18-jährige Marie Haidinger gehört nicht zu den vom Schicksal begünstigten Menschen, sie kommt von ganz unten. Mehr als ein entbehrungsreiches Leben auf einem Bauernhof stand für sie nie auf dem Plan. Und doch verschlägt es sie auf der Flucht vor dem Gefühl „Leibeigene“ zu sein in die Hauptstadt und sie ist in aller Bescheidenheit mit allem zufrieden, was das Leben ihr zu bieten hat. Aus der Schankmaid wird ein Hausmädchen und aus dem Hausmädchen wird ein Kindermädchen.

Für Marie schon ein Leben in Luxus. Ihre Kammer ist beheizt, die beiden Kinder sind ihr sehr schnell ans Herz gewachsen und die Hausherren behandeln sie so gut, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht behandelt wurde. Erst langsam erkennt sie, wer der Hausherr der Sternwartestraße im Wiener Cottage-Viertel ist. Sie lebt im Haus des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler, dessen Theaterstücke und Erzählungen in aller Munde sind. Und ausgerechnet sie, die arme Marie vom Land, darf seine beiden Kinder beaufsichtigen und erziehen.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Und wie sollte es in diesem Haushalt anders sein? Ein Buch verändert das Leben des liebenswerten Kindermädchens. Sie soll es nur für Arthur Schnitzler abholen. Ein harmloses Vorhaben, wäre da nicht der Blick des jungen Buchhändlers, wäre da nicht ein kleiner Funke, der in diesem Moment auf beide überspringt und wären da nicht alle moralischen Schranken, die es so schwer machten, sich unbefangen kennenlernen zu dürfen. Erst ein Geschenk macht das Unmögliche möglich. Ein Büchlein aus der Feder von Rainer Maria Rilke öffnet die Tür zum Herzen des jungen Mädchens.

„Mir zur Feier“ in einer wundervollen Ausgabe, deren Seiten unbeschnitten sind und die erst mit einem Messer getrennt werden mussten, bevor man es lesen konnte ist das wohl wertvollste Geschenk, das sie je in Händen hielt. Eine zarte Romanze beginnt den Winter in Wien wärmer erscheinen zu lassen und aus dem ersten beigelegten Brief wird der erste Spaziergang und aus dem ersten gemeinsamen Weg entwickelt sich der erste zarte Kuss, der auch den Leser wie eine schmelzende Schneeflocke berührt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb schreibt, als hätte sie Charles Dickens nach Wien entführt. Es mutet klassisch an, was doch gar nicht klassisch ist. Und doch garniert sie die zarte Romanze mit einem Spannungsbogen, der das Gleichgewicht zum Wanken bringen kann. Maries Leben steht unter Vorbehalt. Es gibt keine Garantie für eine unbeschwerte Zukunft und ein einziger Fehler kann sie alles kosten. Und genau dieser Fehler unterläuft ihr. Ob sie ihr Glück findet, sollte man sich schon selbst erlesen. „Ein Winter in Wien“ ist in jeder Hinsicht eine Lesereise wert.

Für einen literarischen Sternwärter ist ein Roman, der in der Sternwartestraße 71 spielt ja schon fast wie eine persönliche Einladung. Die Atmosphäre eines Wiener Winters im Jahr 1910 ist so fesselnd und bildhaft festgehalten, als würde man in einem Poesiealbum aus der Vergangenheit blättern. Sprachlich spürt man den Atemhauch der Geschichte und literarisch wird einem der ganz Großen der Literaturgeschichte Leben eingehaucht. Und wenn man dann noch, so wie ich, einen Rilke in seinem Bücherregal hat, der unbeschnitten ist und dessen erstes Gedicht „Mir zur Feier“ heißt, dann geht „Ein Winter in Wien“, erschienen bei Kindler, eine schon fast magische Beziehung zu meinem bisherigen Lesen ein. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb hat mit ihrem literarischen Selbstfindungstrip „Meine wundervolle Buchhandlungmein lesendes Herz im Sturm erobert. Ein wundervolles Interview in Frankfurt brachte mich ihr näher und ihre kuriose Widmung in ihrem Buch ist bis heute unvergessen. Vielleicht signiert sie mir ja irgendwann einmal „Ein Winter in Wien“. Ich habe mir fest vorgenommen, sie in diesem Fall nicht mit meinen Fragen abzulenken. Es wäre nicht auszudenken…

Und doch bleibt eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wenn Petra Hartlieb diesen Roman ihrer Großmutter Johanna Haidinger widmet, dann könnte es doch sein, dass jene Marie Haidinger vielleicht den ersten Funken bibliophiler Leidenschaft schlug, der heute in der Buchhandlung Hartliebs Bücher hell leuchtet.

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„Der Turm der Welt“ – Benjamin Monferats Monumentalroman

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Manchmal lassen sich Bücher sehr gut mit Filmen vergleichen. Beide Kunstformen haben bestimmte Wesensmerkmale gemeinsam, die das Kategorisieren erleichtern. Es gibt die klassischen Zwei-Personen-Kammerspiele, die in einem engen Erzählraum auf das Wesentliche reduziert, von ihren Dialogen und der sehr überschaubaren Anzahl an Schauspielern leben. Es gibt Low-Budget-Verfilmungen, die selbst in ihren Kulissen auf verschwenderische Dekoration verzichten müssen. Und zuletzt gibt es Filme, die in der Geschichte dieser Kunstform fast ausgestorben sind: Monumentalfilme.

Die hohe Anzahl an Hauptdarstellern und Statisten, ein reichhaltiger Fundus höchst authentischer Kostüme, Kulissen, die ihren Originalen in nichts nachstehen und extrem hohe Produktionskosten zeichnen dieses Genre der Filmkunst aus. Die epische Breite solcher Produktionen und die immensen Kosten schrecken Regisseure heute davon ab, das Risiko des Scheiterns einzugehen und so verschwinden diese Filme immer mehr in der Versenkung. „Die zehn Gebote“ und „Cleopatra“ sind längst Geschichte. Vielleicht sind „Der Hobbit“ und „Game of Thrones“ die letzten Monumentalfilme ihrer Art.

Und hier kommen wir zur Literatur. Wenn es Monumentalfilme gibt, dann ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ihre literarischen Vorlagen ebenso monumental angelegt sind, wobei sich Autoren während des Schreibens keinerlei Gedanken darüber machen, ob ihr Werk cineastisch umzusetzen ist. Ihre Kulissen kosten nichts, eine Besetzung mit Protagonisten und Statisten kann sich aus dem Füllhorn der Fantasie bedienen und die Gagen der Akteure sind überschaubar niedrig. Monumentalbücher bieten ihren Autoren das volle Spektrum eines epischen Szenarios für ihre jeweilige Geschichte.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt und Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Wenn ich an Monumentalromane in meinem Bücherregal denke, dann fallen sie oft schon durch ihren Umfang auf. Ich erinnere mich an wochenlanges Eintauchen in groß angelegte Erzählwelten, meine Versuche, das überbordende Dramatis Personae in den Griff zu bekommen und die anderen Bücher, die ich währenddessen nicht lesen konnte. Monumentalromane müssen sich für den Leser lohnen, sein Leben bereichern und auf keinen Fall nur dadurch episch erscheinen, weil sie mit Füllmaterial auf Länge getrimmt sind. „Welt in Flammen“ aus der Feder von Benjamin Monferat fällt mir sofort ins Auge, wenn ich daran denke, was einen solch imposanten Roman auszeichnet.

Genau dieser Benjamin Monferat würde wohl jeden Filmproduzenten zur Weißglut treiben, da die Komplexität seiner Bücher alles andere als sparsam mit Ressourcen an Mensch, Kulisse, Dekoration, Kostüm und Schauplätzen umgeht. Sein Schreiben kennt keine Grenzen und Leser müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich mit einem neuen Monferat anfreunden wollen. Sie sollten wissen, dass er am Ende seines Castings über eine Schar von Protagonisten verfügt, die er durch seine Geschichte und die facettenreiche angelegten Szenarien zu domptieren hat.

Der Turm der Welt“. So heißt sein neuester Schmöker (wie ein Monumentalbuch in der literarischen Umgangssprache auch bezeichnet werden kann). Mit seinen fast 700 Seiten verspricht der bei Wunderlich erschienene Roman einen erneut sehr opulenten Lesegenuss und viele Tage kontemplativer Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die zwar in ein historisch authentisches Szenario platziert wurde, jedoch keinesfalls als historischer Roman zu bezeichnen ist. Benjamin Monferat schreibt keine historischen Romane, er bettet seine Geschichten ein und lässt seiner kreativen Seele freien Lauf.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Herzlich willkommen also zur Pariser Weltausstellung von 1889. Sie ahnen schon, dass allein bei der Auswahl des historischen Kontextes für diesen Roman der erste und wichtigste Grund verborgen ist, warum man ihn als monumental bezeichnen kann. Die Welt wurde hier nicht ausgestellt, sie wurde verändert. Nachhaltig. Und ebenso wurde das Stadtbild von Paris verändert, denn ohne diese Weltausstellung kein Eiffelturm und ohne diesen „Turm der Welt“ kein Roman von explosiver Strahlkraft und historischer Genauigkeit in der Beschreibung der Rahmenbedingungen für einen Politthriller.

Benjamin Monferat gelingt es, die Stimmung dieser Zeit so spürbar zu transportieren, dass man als Leser mit dem Roman eine Eintrittskarte zur „Exposition Universelle“ in die Hand gedrückt bekommt und staunend in das neue Zeitalter wandern darf. Nicht nur der Eiffelturm gehört zu den Kulissen des Romans, auch die Ausstellungshallen selbst. Man bekommt schnell ein Gefühl dafür, an welcher Zeitenwende man sich befindet und welche Erfindungen, damals noch belächelt, heute unentbehrlich sind. Von Edison und seinem Phonographen bis hin zu Daimlers erstem Motor reichte das Spektrum und fast nebenbei gab sich das Who is Who der Weltprominenz ein Stelldichein in Paris.

Was dem monumentalen Personenregister des Romans einen weiteren Stempel aufdrückt. Denn neben gekrönten Häuptern, Erfindern und sonstigen Prominenten ist es auch ein gewisser Buffalo Bill, der mit seiner Wild-West-Show ganz Paris begeistert. Natürlich war diese Weltausstellung alles andere als unpolitisch, und genau an dieser Stelle setzt Benjamin Monferat auf der Grundlage bester Recherche an. Genau hier ist der Zündstoff zu finden, der mit einer 700 Seiten langen Zündschnur durch dieses Buch lodert. Das Hauptziel dieser Ausstellung war es, die Größe Frankreichs vor den Augen der ganzen Welt in den Vordergrund zu stellen. Eines Frankreichs, das umzingelt von Monarchien, die einzig funktionierende Republik Europas war und das Gefüge alter und neuer Allianzen auf dem Kontinent gehörig ins Wanken bringen konnte

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

So mutiert die Weltausstellung zum Stellvertreterkriegsschauplatz der Dynastien und Monferat beginnt nun diese explosive Mischung mit seinen fiktionalen Charakteren anzureichern, um ein hochexplosives Pulverfass zu gestalten, das im „Turm der Welt“ seine Metapher findet. Jeder strebt nach dem Höchsten und jedes Mittel ist recht. Was würde also passieren, wenn am Ende der Weltausstellung nicht nur ein Feuerwerk den Nachthimmel von Paris illuminieren würde, sondern just in dem Moment, in dem sich die Mächtigen der Welt auf dem Eiffelturm befinden, genau dieser pulverisiert würde?

Benjamin Monferat konstruiert eine Ausgangslage, die Paris zum Spielball aller nur denkbaren europäischen Geheimdienste macht und die französischen Ermittler auf der Jagd nach den potenziellen Attentätern zu Jägern und Gejagten gleichermaßen werden lässt. Das Panorama der Stadt wird dominiert durch diese Charaktere, die der Autor mit großem schriftstellerischem Geschick in die Zeit fallen lässt. Wir folgen ihnen durch die taumelnde Stadt, folgen einer Edelprostituierten in die Zentren der Macht, suchen mit einem deutschen Offizier nach seiner wahren Herkunft und erleben in den Reihen der französischen Polizei ein blaues Wunder nach dem anderen.

Als dann auch noch der britische Geheimdienst versucht, den eigens angereisten royalen Thronfolger in der Stadt der Liebe vor sich selbst zu schützen, gerät der Tanz um den „Turm der Welt“ zur Polonaise in den Tod. Monferat gelingt es meisterlich, die Akteure seines Romans interagieren zu lassen und aus einer Vielzahl von scheinbaren Zufällen einen großen Plan zu entwickeln, der sich dem Leser Seite für Seite offenbart. Die Kapitelüberschriften, wie „Zündung in 39 Stunden“, lesen sich wie der Countdown zum Unausweichlichen. Staunend und gebannt stehen wir am Ende dieses Romans am Fuße des Eiffelturms und warten auf den großen Knall. Und damit sind wir nicht alleine. 

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Benjamin Monferat gelingt es, das ganz große Kopfkino zu erzeugen. Sein Roman bietet neben Spannung und literarischer Dichte auch den historisch gesicherten Blick in eine Epoche, die als Vorreiter für die beiden großen Weltkriege gesehen werden muss. Darüber hinaus erweitert er das Bühnenbild um ein Szenario, der uns heute zu geläufig erscheint. Terrorismus. Es ist mehr als interessant zu erlesen, wie sich diese Gefahr in einer Zeit ausgewirkt haben muss, in der nur Gerüchte und Tageszeitungen als Quellen von Informationen in Frage kamen. Die Verunsicherung der Bevölkerung hatte hier eine völlig andere Dimension.

Der Turm der Welt ist in erster Linie allerbeste literarische Unterhaltung. Jedoch darf man eines nicht unberücksichtigt lassen. Die Relevanz des Buches außerhalb des reinen Lesegenusses liegt im Nachwort des Autors verborgen. Wer sich recherchierend durch das Paris unserer Zeit bewegt, um einen Roman zu schreiben in dessen Zentrum ein terroristischer Anschlag auf den Eiffelturm steht und wer dann erleben muss, wie die Realität von Terroranschlägen zerrissen wird, der hat als Autor viel zu verarbeiten. Die Widmung seines Romans trägt diesen Erlebnissen Rechnung. Lesenswert. Groß.

Ich werde Benjamin Monferat zur Frankfurter Buchmesse treffen und für Literatur Radio Bayern interviewen. Sein Nachwort hat mich nachdenklich gemacht und alleine schon daraus ergeben sich viele Fragen zu seinem Schreiben. Ich möchte jedoch auch dem Pseudonym auf den Grund gehen, das zu „Welt in Flammen“ noch geschlossen war, nun jedoch auch offiziell gelüftet wurde. Stephan M. Rother und Benjamin werden sich also „gemeinsam“ meinen Fragen stellen und ich bin schon sehr gespannt auf das Gespräch. Nachdem ich im Roman lesend Unmengen Absinth zu mir nehmen durfte, bin ich auch sehr gespannt, ob er dieses Kultgetränk dieser Zeit schreibend genoss. Es wird spannend…

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Hier geht es zum Buchmesseinterview am Stand des Rowohlt Verlages

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Coming soon: Das Interview mit Benjamin Monferat / Stephan M. Rother von der Frankfurter Buchmesse 2016 – Literatur Radio Bayern on the road.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat - Das Interview

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat – Das Interview

Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter – Eine Annäherung

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Wer die Nachtigall stört“ galt bisher als der einzige Roman von Harper Lee. Ein literarisches „One-Hit-Wonder“, das 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle ist legendär und Oscar-prämiert.

Der aufrechte Protagonist Atticus Finch kämpft hier als engagierter Anwalt gegen die Verurteilung eines Schwarzen, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus gibt seinen Kindern Werte mit auf den Weg, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre absolut nicht selbstverständlich waren. Ganz besonders nicht im Süden. Schon gar nicht in Alabama. Diese Romanfigur gilt bis heute als Vorbild für viele junge Menschen, selbst gegen Diskriminierung einzutreten, Jura zu studieren und mit wachem Blick gegen Rassismus zu kämpfen. Ein nationaler Mythos.

„Wer die Nachtigall stört“ erschien bereits 1960. Seitdem ist es ruhig um die heute 89-jährige Autorin. Bis man 2014 ein Manuskript entdeckte, das gerade unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächterveröffentlicht wurde und seitdem die Buchwelt in Atem hält. Das Urteil der Kritiker und Leser reicht von „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“ über „Die Nachtigall ist aber viel besser“ bis zu „Eine literarische Sensation“.

Womit haben wir es wirklich zu tun? Wie kann man sich dem Wächter nähern und was macht aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus dem „Giftschrank“ einer zurückgezogen lebenden alten Dame das fehlende Puzzlestück im Gesamtbild eines inzwischen aus zwei Bücher bestehenden Lebenswerks? Meine Annäherung an dieses Phänomen kann und soll mögliche Lesewege aufzeigen, die letztlich dazu führen, dass beide Bücher unter Berücksichtigung ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, ihrer literarischen Relevanz und ihrer zeitlosen politischen Brisanz für mich persönlich zu den größten Lese-Erlebnissen meines Lebens gehören.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Das eigentliche Debüt von Harper Lee ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dem Verlag war das Thema dieses Romans damals zu brisant. Er ist in den 1950er Jahren angesiedelt und der Rahmen für die Handlung wird durch die damalige Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes der USA definiert. Die Rassentrennung an Schulen wurde verboten und erhebliche Eingriffe in die Eigenverantwortung der Bundesstaaten sorgten für erhebliche Widerstände und Unruhen, die noch immer spürbar waren.

Der Verleger empfahl Harper Lee die Handlung in die 30er Jahre vorzuverlegen und die Geschichte der Finchs mit der Kindheit von Jean Louise (Scout) und ihrem Bruder zu beginnen. Der situative Rahmen wird durch konsequente Rassentrennung im bürgerlichen Leben und an Schulen definiert. Und doch war man rein juristisch in den dreißiger Jahren so weit, alle Menschen, gleich ihrer Herkunft vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Allerdings nur im eng gesteckten Rahmen der geltenden Konventionen der Trennung von Schwarz und Weiß.

So entstand „Wer die Nachtigall stört“, ein Destinations- und Kindheitsroman über Freundschaft, das Aufwachsen im guten alten Süden und ein großes sozial-juristisches Lehrstück über die Anfänge einer Gleichbehandlung von Schwarzen vor dem Gesetz. Atticus Finch wird zum Verfechter und Vorreiter der Rolle des „Menschenrechtlers“ und zum vorbildlichen Verteidiger eines schwarzen Angeklagten, dessen Schicksal ohne ihn durch Lynchjustiz entschieden worden wäre. Und obwohl er den Prozess trotz massiver entlastender Indizien verliert, prägt Atticus Finch das Bild des modernen Anwalts.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Dabei wird seinen Kindern klar, dass er diesen Prozess aus tiefster Überzeugung führt und sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn er kneifen würde. Seinen Kindern könnte er dann kein Vorbild mehr sein und diese Lehren werden zum prägenden Kindheitsbild ganz besonders für die junge Scout, die ihren Vater abgöttisch liebt und ihn mutig vor aller Welt verteidigt. Er stellt sich als Pflichtverteidiger gegen die meisten Menschen in Maycomb. Er riskiert viel und bleibt seinen Prinzipien treu.

„Ich könnte nicht mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen…“

„Diesmal kämpfen wir nicht gegen die Yankees, sondern unsere Freunde“

„Das ist mein Fall. Dass wir schon 100 Jahre vor Prozessbeginn besiegt wurden, ist kein Grund untätig zu bleiben!“

Und genau diesen Prozess beobachten die Kinder, erleben, wie sich ihr Vater für die Rechte der Schwachen einsetzt und erheben ihn fortan zum leuchtenden Vorbild ihres eigenen Lebens. Auch wenn er ein tragischer Held bleibt, er ist ein Held und sein Wort ist Dogma und Gesetz zugleich. Und doch tritt Atticus Finch zu keinem Zeitpunkt als Vordenker für die Gleichberechtigung der Schwarzen in seinem Staat ein. Ganz im Gegenteil

Er bezeichnet die sexuelle Annäherung zwischen dem Angeklagten und der weißen Klägerin, egal von wem sie ausging, als schlimmen Verstoß gegen ein tief verwurzeltes Recht und Gesetz und einen erheblichen Schlag gegen alle moralischen Vorstellungen. Er tritt für abstraktes Recht ein, wie so viele Anwälte, denen es nur wichtig scheint, ihren Fall zu gewinnen. Die gesellschaftlichen Ursachen für Straftaten sind egal oder werden schweigend akzeptiert. Doch das erkennt man erst auf den zweiten Blick. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein hintergründiger Roman der im zutiefst von Rassentrennung gekennzeichneten Süden spielt und dessen Protagonist diesen Rahmen zu keiner Zeit sprengt.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Ich werde niemals vergessen, wie ich damals mit Scout aufgewachsen bin, mit ihr gemeinsam ihren Vater bewundert habe. Ich habe an ihrer Seite Freundschaft um jeden Preis erlebt und hatte Angst vor dem gesichtslosen Boo Bradley in der Nachbarschaft. Ich sehe noch immer das Versteck im Baum und fühle das tiefe Band der schwarzen Gemeinde in Maycomb. Ich habe diesen großen Roman geliebt, liebe ihn noch immer und habe ihn erneut gelesen, unmittelbar bevor ich den „Wächter“ begonnen habe.

Ich kann nur jedem Leser raten, die Nachtigall erneut zu lesen, oder sich den Film anzuschauen und in Gedanken tief in den Maycomb-Mikrokosmos einzutauchen, um im „Wächter“ auf der Höhe der tiefen persönlichen Verbindungen zur Vergangenheit zu sein. Dieser Roman sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist die zweite Seite der Medaille, ohne die alles keine Bedeutung hat. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist, wie der Titel schon sagt, eine ganz genau definierte Beobachtungsposition, aus der die Vergangenheit neu bewertet wird und man sich in der Zukunft besser auf sein Urteil verlassen kann.

Der „Wächter“ also, das eigentliche Debüt, der Roman der zuerst da war, bringt uns nun in die 1950er Jahre zurück in unser Maycomb. Scout (Jean Louise) ist inzwischen 26 Jahre alt und kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihren inzwischen über 70-jährigen Vater Atticus zu besuchen. Von New York in den Süden. Auch in den fünfziger Jahren fast eine Weltreise, ganz besonders in diesen unruhigen Zeiten für den guten alten Süden. Mit der Aufhebung der Rassentrennung an Schulen stehen die schwarzen Mitbürger nun fast vor der Tür der vollwertigen Bürgerrechte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Und das ausgerechnet in Alabama, wo sie, die ehemaligen Sklaven, auch noch in der Überzahl sind und der Widerstand in der Bevölkerung wächst beharrlich. Es ist die pure Angst vor der Rache für Jahre der Knechtschaft und die Angst vor der Beteiligung von Schwarzen an öffentlichen Ämtern und vielleicht sogar an der Regierung. Unvorstellbar. Aber Jean Louise weiß ihren Vater auf der richtigen Seite. Als aufrechten Kämpfer und Volksvertreter für Gleichberechtigung. Auch der Mann, den sie vielleicht einmal heiraten würde entspricht diesem Bild. Nicht umsonst arbeitet er in der Kanzlei ihres Vaters und ist der geborene Nachfolger im Amt und im Leben.

Was Scout allerdings dann erleben muss, schlägt nicht nur dem Fass den Boden aus, sondern wirft ihr Weltbild durcheinander, lässt alles aus den Fugen geraten und macht aus dem kleinen naiven Wildfang von einst eine Furie im Kampf um die eigene Weltanschauung. Ihr Vater auf Seiten der Befürworter der Rassentrennung? Ihr Vater als Vorsitzender eines der berüchtigten Bürgerräte, die alles in Bewegung setzen, die Diskriminierung der Schwarzen fortzusetzen? Ist das ihr Vater, der nun im Besitz von Hetzschriften ist und seiner Tochter zu vermitteln versucht dass es keinen anderen Weg für den Süden gibt? Die Erkenntnis reift um 14:18 Uhr an diesem Tag. Danach ist alles anders. Alles.

Denn auch ihr Freund ist auf der falschen Seite! Sich opportunistisch anpassend an die lokalen Gegebenheiten, weil er ja in dem kleinen Ort leben und arbeiten will? Alle auf der falschen Seite, nur nicht Jean Louise, die den Idealen ihres Vaters bisher ebenso sklavisch folgte, wie er nun zu versuchen scheint den Großteil der Bevölkerung klein zu halten? Nur aufgrund der anderen Hautfarbe? Jean Louise Finch steht am Scheideweg ihrer eigenen Existenz und beschließt zu handeln. Ganz im Stile ihres Vaters und dabei macht sie intellektuell kurzen Prozess mit ihm. Eine ganz eigene Verhandlung in Sachen Finch gegen Finch. Und ihr Schlussplädoyer wird noch lange nachhallen. Das kann ich versprechen.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist mehr als ein Manuskript. Es ist die Fortsetzung einer großen Geschichte, die schon geschrieben war, bevor die Geschichte begann. Schwungvoll geschrieben, voller Ironie, Humor und unglaublichem Tiefgang führt uns Harper Lee zurück in die Kindertage der „Nachtigall“ und bringt uns klarsichtiger als zuvor in die Gegenwart der fünfziger Jahre zurück. Farbenblind – nur so kann man den Zustand bezeichnen, der Scout damals gefangen hielt. Die Bewunderung weicht dem Zorn und sie fühlt sich völlig verloren in einer Fremde, die einst ihre Heimat war.

Die großen Aussagen kommen nun von ihr. Der wehmütige Blick zurück führt uns in einen Roman, den man einfach lieben musste. Und doch liebte ich viele Jahre lang nur eine Seite eines Reißverschlusses. Nun habe ich die zweite Seite gefunden und Scout Finch ist der Verschluss, der alles verbindet. Harper Lee hat es sich auch mit diesem Roman sicher nicht leicht gemacht. Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung vermag man nur zu verstehen, wenn man mit offenem Herzen liest. Besonders gegen Ende des Wächters schillern diese beiden Nichtfarben in allen Nuancen, die nur vorstellbar sind.

Für mich eine literarische Sensation. Für mich ein außerordentlich intensives Lesen und das Gefühl, nach Hause zu kommen und dann mit Scout plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen. Für mich ein sehr politisches Lesen, angesichts der rassistisch motivierten Vorfälle unserer Zeit. Für mich zwei hell leuchtende Bücher, die verstehen helfen, was es für die USA bedeutet einen schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt zu haben. Emotionales lesen, weil ich schon immer ein wenig in Scout verschossen war. Und es ist ein grandioses Hörerlebnis, weil Sprecherin Nina Hoss diesem Roman in der Hörbuchfassung (Der Hörverlag) eine mehr als persönliche Note verleiht, die man sich anhörten sollte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Was ich persönlich von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in Erinnerung behalte? Einen verrutschten Gummibusen bei einem ausgelassenen Tanzabend; eine mehr als verstörende Wolke aus Gesprächsfetzen bei einem Kaffeekränzchen, das Scout zeigt, wie fremd sie sich in Maycomb fühlt; einen peinlichen Unfall im Schlafwagen, der zeigt dass man auch dort besser ein Höschen tragen sollte; das warme Wiedersehen mit der guten Calpurnia und den absolut dramatischen Perspektivwechsel auf dem Balkon des Gerichtssaals, der Scout ihren Vater von einst erleben lässt, während dieser nun, fast zwanzig Jahre später der Vorsitzende einer Versammlung radikaler „Negerhasser“ ist. Grandioses Gefühlskino.

Gehe hin, stelle einen Wächter (DVA Verlag) verbirgt weitere Geheimnisse, denen ich beim Harper-Lee-Abend des Verlages im Literaturhaus München auf den Grund gegangen bin. Interviews mit Verlagsmitarbeitern werden in der nächsten Woche als RadioPodcast bei Literatur Radio Bayern veröffentlicht, um das Bild abzurunden und Sie zum Lesen zu verführen.

Und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach den ganz kleinen Häkchen, die den Reißverschluss des Lesens ein wenig zu stören scheinen, wie der Ausgang des Robinson-Vergewaltigungs-Prozesses, der in beiden Büchern unterschiedlich endet. Es ist noch viel zu entdecken. Die Reportage bringt weiteres Licht ins literarische Dunkel und wir gehen sogar der Frage nach, ob das Wächter-Zitat „Someone is walking over my grave“ in seiner wörtlichen Übersetzung „Jemand ist über mein Grab gegangen“ besser funktioniert, als die gute alte deutsche Gänsehaut.

Beginnen Sie doch bis dahin mit der Nachtigall (Rowohlt) und begegnen Sie dann dem Wächter. Dieser Roman hat das Potential, ein ganz individueller Wächter des persönlichen guten Gewissens zu werden! Es lohnt sich. Bis bald.

Mit einem Klick zur Radioreportage vom "Harper Lee Abend"

Mit einem Klick zur Radioreportage: Der  „Harper Lee Abend“ in München

Und nun eine kleine Vorschau auf unsere Literatur Radio Bayern Reportage, die hier zu hören ist.

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Hier geht es zu meinem literarischen Sternystem der verlorenen Mädchen!

 

„Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Zeitreisen gehören eindeutig in den Bereich Science Fiction. Das möchte ich doch gerne festhalten, bevor ich mich rezensierend in ein Jugendbuch begebe, das eine der wohl aktuell verlockendsten Einladungen für eine solche Reise durch die Zeit darstellt. In den letzten Jahren habe ich viele Romane zu diesem Thema gelesen und erst vor wenigen Tagen habe ich mit Flügel aus Papier selbst eine intensive lesende Zeitreise unternommen.

Irgendwo beginnt alles beim Klassiker von H.G. Wells. „Die Zeitmaschine“ hat die Fantasie der Menschen geprägt, viele Fragen aufgeworfen und Menschen nachdenklich gemacht. Was wäre wenn? Könnte man die Vergangenheit verändern? Was bedeutet eine solche Reise für das eigene Leben? Wie wirkt sich eine Zeitreise auf die Zukunft aus? Was, wenn man sich in einer anderen zeitlichen Dimension verliebt? Das sind auch die immer wiederkehrenden Leitthemen von Romanen über dieses Thema. Und es werden immer Romane bleiben, bis der erste Zeitreisende ein Sachbuch vorlegt. Das kann allerdings dauern.

Für uns Leser ist jedes Buch eine Zeitreise. Jede Geschichte, die in einem anderen zeitlichen Kontext platziert ist bedeutet für uns, genau diesen situativen Rahmen fühlen, schmecken und erleben zu können. Ob wir nun daran glauben oder nicht. Romane über Zeitreisen an sich kranken jedoch oftmals daran, entweder zu sehr wissenschaftlich das „Nicht Existierende“ erklären zu wollen oder in einer endlosen Zeitschleife lediglich eine romantisch verklärte Story zu erzählen, die ohne das Stilmittel „Zeitreise“ nicht erzählt werden könnte.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen“ von Holly-Jane Rahlens, erschienen bei Rowohlt Rotfuchs, macht keinen Hehl aus dem zentralen Thema des Jugendbuchs. Bereits das Cover zeigt eine wundervolle Collage verschiedener Zeitebenen und das abgebildete Kalenderblatt mit dem Datum 5. Juni 2273 ist ein deutlicher Hinweis, in welche Richtung die Zeitreise geht. Was die bibliophile Neugier allerdings maßlos steigert, ist die Tür im Zentrum des warmen und abenteuerlichen Covers. Sie führt unverkennbar in eine Buchhandlung, in deren Schaufenster wir uns als Leser vorerst noch spiegeln und unsere Schatten auf den Eingangsbereich werfen.

Das junge Mädchen im Inneren der Buchhandlung allerdings blickt uns so einladend an, dass wir kaum widerstehen können, endlich diese Tür zu durchschreiten und ins Zentrum einer Geschichte vorzustoßen, die nicht zum Zeitvertreib geschrieben wurde. Also, folgt mir in die Buchhandlung Blätterrauschen. Wir kommen gerade rechtzeitig zu einer Lesenacht des Leseclubs und wir kommen gerade rechtzeitig um… Ach, was schreib` ich denn? Nein, wir kommen nicht rechtzeitig, denn das Wort „zeitig“ verliert seine Bedeutung und die klare Kontur, sobald die Tür sich hinter uns schließt.

Wir kommen gerade „rechtzeitlos“ um drei Kindern zu begegnen, bevor sich für sie in dieser Nacht alles ändern wird. Das „Jetzt“, das „Gestern“ das „Morgen“ und natürlich auch das Gefühl für jegliche Realität in den festen Grenzen des erklärbaren Alltags. Denn diese Lesenacht ist so anders, als alle anderen Lesenächte zuvor. Nicht nur in den Romanen der Buchhandlung versinkt man in längst vergangenen Zeiten oder den Utopien über die mögliche Zukunft. Diese Lesenacht ist der Beginn einer Reise in die Zeit.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Dabei hatte alles ganz normal angefangen für Oliver, Iris und Rosa. In der mehr als gemütlichen Atmosphäre der Buchhandlung hatten sie sich in ihr kleines Lesereich zurückgezogen, um zu lesen. Ganz einfach nur schmökern war angesagt, als aus dem beschaulichen „Blätterrauschen“ der Schauplatz eines unglaublichen Vorgangs wird. Das Blätterrauschen in den Bäumen verstummt, die Uhren bleiben plötzlich stehen, die Temperatur sinkt, es beginnt zu regnen und die Kinder haben plötzlich das Gefühl, dass sich jemand in ihrer unmittelbaren Nähe befindet.

Als es plötzlich an der Hintertür klopft, wagen sie einen Blick durch das Hoffenster Tür und glauben, ihren Augen nicht trauen zu können. Ein sehr großer Junge wartet auf Einlass. Sehr lässig gekleidet in Jeans, T-Shirt, Jacke und mit Basecap eigentlich keine ungewöhnliche Erscheinung. Wäre er nicht vollkommen trocken. Als sie Colin die Tür öffnen ahnen die Kinder noch nicht, dass sie bereits mitten im größten Abenteuer ihres Lebens stecken, denn Colin kommt direkt aus der Zukunft zu ihnen und kann so gar nicht glauben, was er in hier vorfindet!

Er hatte mit allem gerechnet, nicht jedoch mit lebenden Menschen. Für den 14-jährigen ist da alles nur ein Spiel. Keine Zeitreise. Er ist der Meinung, sich nur in einem Computer-Spiel zu befinden und er folgt einer Mission innerhalb seines aktuellen Levels. Er soll lediglich ein paar der Spielfiguren davon überzeugen, ihm in die Zukunft zu folgen, dann hat er seine Aufgabe erfüllt. Dass er es bei Oliver, Iris und Rosa um reale Menschen handelt, wird ihm schnell klar. Und damit dämmert ihm auch, dass er sich mehr als 250 Jahre in der Vergangenheit befindet.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Er ist allerdings nicht der einzige Gast aus der Zukunft, denn während er durch die Hintertür in die Geschichte stolpert, stürmen seine Verfolger die Buchhandlung. In ihrer Panik bleibt den drei Kindern nur noch ein Weg. Die Flucht nach vorne. Gemeinsam mit Colin begeben sie sich in den Geräteschuppen im Garten. Hier geht es so richtig los… Die Flucht nach vorne… Denn genau dieser Schuppen verbirgt das größte Geheimnis, das man sich nur denken kann. Er ist das Sprungbrett in die Zeitreise. Das Ziel: der 5. Juni 2273.

Eine Reise voller Gefahren und Geheimnisse, denen sich die Kinder nun zu stellen haben. Wer ist dieser Colin und was hat ihn wirklich ins „Blätterrauschen“ geführt? Welche Rolle spielt die Besitzerin der Buchhandlung und wusste sie vielleicht vom Geräte-Zeitreise-Schuppen? Wie Schuppen fällt es ihnen dann von den Augen, als sie erfahren, dass ihre Reise von ganz langer Hand geplant war. Sie sind Teil eines großen Komplotts, ganz auf sich allein gestellt in einer Welt, die sich so sehr von der ihren unterscheidet. Und dann werden sie vor eine Entscheidung gestellt, die für die Drei ein riesiges Dilemma darstellt. Egal, welchen Weg sie wählen… es sieht so aus, als wären sie die großen Verlierer.

Holly-Jane Rahlens entwirft ein Zukunfts-Szenario, das in sich plausibel und greifbar ist. Sie hält sich nicht lange damit auf, das Unerklärbare zu erklären, sie verliert sich nicht in Zeitreise-Theorien oder vielfach zitierten Vergleichen. Sie legt los. Sie gibt Gas und nimmt besonders ihre jugendliche Zielgruppe mit höchstem Tempo mit in die ferne Zukunft. Ihre Bilder und Metaphern sind leicht verständlich und sitzen doch so tief. Die Tatsache, dass man in der Zukunft das Wort Coca-Cola nicht kennt, macht den Kindern erst klar, wie weit sie sich von ihrem Ursprung entfernt haben.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Der Sog der Story ist mehr als gewaltig und die Charaktere, mit denen wir reisen, sind tief angelegt und verfügen über Ecken und Kanten. Rosa, ein Mädchen mit Handycap. Eine Handprothese erinnert sie in jeder Sekunde an einen schlimmen Unfall. Oliver, ein verträumter kleiner Idealist, dem nur ein wenig Geborgenheit und Sicherheit fehlen um richtig aufzublühen. Beides rückt in der Zukunft in weite Ferne und letztlich Iris, die einen Verstand hat, mit dem man bequem die Nasa-Computer steuern könnte, der es aber im Zwischenmenschlichen ein wenig fehlt. Im Team jedoch eine wirklich unschlagbare Kombination aus Intuition, Verstand, Lebenslust und Improvisation, die hier auf die Zukunft losgelassen wird.

Wenn man denkt, Holly-Jane Rahlens würde sich mit einer einfach gestrickten Story zufrieden geben, dann ist man recht schief gewickelt. Sie hat es sich wirklich sehr einfach gemacht und eine einfach gut erzählte Geschichte verfasst, die man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Denn immer dann, wenn man meint, es geschehe etwas Vorhersehbares oder man wäre einem Widerspruch auf der Spur, dann beamt sie sich aus der Tiefe des Raums an die Seite ihrer Leser und enthüllt ein kleines weiteres Detail, das die Zeit stillstehen lässt.

Ein Entwicklungsroman, der in seiner zeitlosen Struktur sicher auch im Jahr 2273 begeisterte Leser finden wird, weil sie von ihrer Warte aus ein ganz besonderes Verhältnis zur Geschichte und zum Buch selbst haben werden. Ich bewundere zutiefst, wie es der Schriftstellerin gelungen ist, abseits des Handlungsstranges ihren Roman Blätterrauschen als solchen unsterblich zu machen. Wie ihr das gelingt, das sollte man selbst lesen. Und Buchhändlern, die diese Rezension im Jahre 2272 lesen… Deckt euch mit ausreichend vielen Exemplaren ein. Es wird, nachdem es bereits 2015 für Furore gesorgt hat, auch der Renner des Jahres 2273. Versprochen!

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens - Astrolibrium

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens – Astrolibrium – Zeitlose Bücher

Wie ich die Autorin einschätze, hat sie schon Autogrammkarten für ihre Lesereise im Jahr 2273 in ihrem geheimen Geräteschuppen liegen… 😉

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Welt in Flammen – Literarisches Kopfkino von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Man nehme ein beliebiges historisches Datum in der gar nicht jungen Vergangenheit (vielleicht den 25. Mai 1940) und versetze sich dann als Autor tief in die Denkwelt der Menschen, die genau zu diesem Zeitpunkt ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Dann wähle man sich ein wundervolles Land aus (Frankreich zum Beispiel), in dem die eigene Geschichte beginnen soll, und schon hat man den situativen Rahmen für einen Roman.

Danach konstruiere man eine fiktive, aber bitte sehr plausible Ausgangssituation, die tragfähig genug ist um eine immerhin 800-seitige Handlung in Schwung zu versetzen und mit einer solchen Dynamik auszustatten, die dem geneigten zukünftigen Leser die buchigen Schweißtropfen ins Gesicht zaubert. Dabei achte man darauf, das beachtliche Kunststück zu vollbringen, einen auf den ersten Blick historischen Stoff so zu erzählen, dass er eine zeitlose Dynamik erhält, und die Auswirkungen von Geschichte auf unsere Gesellschaft mehr widerspiegelt, als man es auf den ersten Blick wahrhaben möchte.

Was noch fehlt ist ein literarisches Erzählbiotop, in dem man die soeben gestaltete literarische Freiheit fast grenzenlos ausleben kann, ohne dabei jedoch auszuufern und den roten Faden zu verlieren. Ein geschlossener Erzählraum bietet sich hier an und schon kann es losgehen mit einem Roman, der mit Sicherheit nicht als „historisch“ bezeichnet werden kann, aber das Zeug dazu hat, selbst Geschichte zu schreiben.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Schon sind wir mittendrin in einem der wohl außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres. „Welt in Flammenvon Benjamin Monferat (Wunderlich Verlag), vereint die skizzierte Ausgangssituation mit der großen Erzählkunst eines Autors, der bisher unter dem Namen Stephan M. Rother in sehr vielen Facetten von sich Reden gemacht hat. Schauspieler, Autor historischer Romane, Journalist und vieles mehr. Also ein absolutes Multitalent besonderer Güte, das uns nun auf eine besondere Reise entführt.

Frankreich liegt am Boden. Der Zweite Weltkrieg scheint bereits zu Beginn des Jahres 1940 verloren zu sein. Das Land steht kurz vor der Kapitulation. Und was könnte die geschundene französische Seele mehr verletzen, als die eigene bittere Niederlage in jenem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne einzugestehen, in dem man noch vor wenigen Jahren die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelte?

Wenn schon den Krieg verlieren, dann doch zumindest noch der Nazi-Diktatur einen emotionalen Tiefschlag versetzen, so lautet das Ziel der Resistance und es gilt schnell zu handeln, um den „heiligen“ Waggon außer Reichweite der Besatzer zu bringen. Was liegt näher, als eben diesen Waggon an den letzten Zug anzukoppeln, der das bedrohte Paris verlassen kann. Der Simplon Orient Express wird zum Fluchtfahrzeug für eine nationale Legende.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Nun hat er seine Ausgangssituation und auch seinen geschlossenen Erzählraum. Was könnte geeigneter sein, als ein durch das fast besetzte Europa fliehender Zug mit einer Mission und einer illustren Schar von Mitreisenden, die der nun immer rasanter werdenden Handlung ihren unvergleichlichen Stempel aufdrückt? Stephan M. Rother hat mit einem genialen Kunstgriff die Basis geschaffen, seine Leser einzuschließen, ihnen den Fluchtweg zu versperren und die Notbremsen durch Cliffhanger unerreichbar zu machen. Ein Luxuszug als Erzählraum. Volldampf voraus.

Hier treffen wir auf die lebenden Anachronismen, die den Orient Express zu einem Panoptikum der damaligen Weltordnung mutieren lassen. Gekrönte Häupter, die jetzt damit leben müssen, Gemeinschaftstoiletten zu benutzen. Eingefleischte Kommunisten in einem Zug, der als DAS Synonym für den Begriff Luxus steht. Überlebende eines Zarenhauses, denen in der eigenen Heimat keine Zukunft mehr gegönnt ist. Anhänger des grausamen Nazi-Regimes in geheimer Mission. Katholische Würdenträger, die im tiefen Gewissenskonflikt zwischen Wegschauen und Mitwisserschaft des Holocaust hin- und hergerissen sind. Deutsche Widerstandskämpfer auf der verzweifelten Suche nach Unterstützung. Und doch ist niemand an Bord dieses Zuges derjenige, der er zu sein scheint oder vorgibt.

Die Summe der Widersprüche an Bord des Orient-Express lässt eine Schnittmenge entstehen, die eine explosive Stimmung erzeugt, und sollte es einmal ein wenig ruhiger sein im Zug, dann hängt man unterwegs einfach einen Gesellschaftswagen an, der diese Bezeichnung wahrlich konterkariert. Den Luxuswagen der Führung des Dritten Reichs mit einigen offiziellen Vertretern der 1000-jährigen Machthaber. Ein bizarres Wechselspiel um neue und alte Machtansprüche beginnt. Historische Konflikte wechseln sich mit völlig neuen Brandherden ab, und der gesellschaftliche Schmelztiegel Orient Express lässt sich nicht mehr bremsen. Eine tolle Fahrt. Steigen Sie ein, bevor es zu spät ist, denn im letzten Waggon tickt etwas, das dort gar nicht ticken dürfte. 

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ebenso wenig, wie „Welt in Flammen“ ein historischer Roman ist, kann man diese Rezension als eigentliche Rezension empfinden. Mich hat das Buch in der typischen Leseumgebung eingeholt. Ich las es auf meinen täglichen Fahrten in Zügen und S-Bahnen und insofern ist meine Perspektive eine mehr als individuelle. Ich saß plötzlich nicht mehr auf einer kaum gepolsterten Bank, empfand nicht mehr die Eiseskälte eines ungeheizten Nahverkehrszuges, suchte nicht weiter nach doch nicht vorhandenen Speisewagen und verzehrte mich nach der Anwesenheit prominenter Mitreisender, die etwas zu erzählen hätten.

Ich fühlte die Seide der dicken Polster, dinierte mit gekrönten Häuptern und reichen Amerikanern, wurde vom Personal bestens umsorgt, erlebte die abendliche Umrüstung meiner Sitzbank in die gemütliche Nachtkonfiguration und genoss mein eigenes kleines Abteil im Simplon Orient Express. Ich schreckte verwirrt auf, wenn Schüsse durch den Zug peitschten und half dabei, eine Leiche im Tunnel aus dem offenen Waggon zu werfen (wobei ich mich nicht unerheblich erkältete) und ich erwachte irritiert an den Endstationen meines Lesens, die mich in die Realität zurückwarfen.

„Welt in Flammen“ löste ein Kopfkino-Erlebnis der ganz besonderen Art bei mir aus und ich werde die Fahrten mit diesem Buch niemals vergessen. Diese Erlebnisse teilte ich in kleinen Stationen auf meiner Facebookseite mit und als dann der Autor persönlich neben mit Platz nahm, und mir ein wenig mehr über eine Burg und einen besonderen Säbel erzählte, spätestens da war dieses Lesen eine der wundervollsten Buch-Erfahrungen für mich. Wie grandios man doch heute unterhalten werden kann und wie grandios diese Fehleinschätzung von der puren Unterhaltung doch sein kann… Das habe ich am eigenen Leib erfahren, denn…

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

In dieser persönlichen Fehleinschätzung liegt für mich der wahre Wert und die Größe dieses Romans verborgen, denn er hinterlässt bei aller guten Unterhaltung und der kurzweilig spannenden Atmosphäre eine Vielfalt von Gefühlen, die man erfühlen muss, um heutige Konflikte besser verstehen zu können. Stephan M. Rother gelingt es wie kaum einem zweiten Schriftsteller, diese tiefe Gefühlsebene so direkt indirekt zu erreichen.

Ich habe gefühlt, was es für einen Russen bedeutet, wenn er von Heimat spricht. Habe mit der stolzen französischen Seele tief in die Wunden der Geschichte geschaut. Habe das schlechte Gewissen katholischer Geistlicher angesichts der Ignoranz des damaligen Papstes gegenüber dem unsäglich schrecklichen Holocaust ertastet. Habe die wirre Machtgier winziger Usurpatoren geschmeckt, denen auf der Verstandesebene nicht beizukommen ist. Wurde Zeuge von grenzenlosem Fanatismus, der ungesteuert im fatalen Extremismus endet. Und ich habe die Leidenschaft gefühlt, die oftmals mehr Triebfeder ist als jede Ideologie.

„Welt in Flammen“ erzählt vielleicht gar nicht von einer vergangenen Welt, die sich selbst flambiert hat. Nach dem Lesen bleibt eine Gefühlsebene zurück, von der wir uns zu oft entfernen, um den Dingen rein versachlicht auf den Grund zu gehen. Konflikte werden Lösungen zugeführt, die das Gefühl der Betroffenen in keinster Weise beachten. Diese indirekte Injektion hat gesessen und ich hoffe, dass viele Leser dieses Gefühl teilen, wenn sie den Orient Express verlassen. Denn man verlässt ihn verändert.

„Die Würde dieses Buches ist unantastbar“, weil es dem Wesen des Menschen im Gestern, Heute und Morgen vorurteilsfrei gerecht wird und Ideologien an den Pranger der Realität stellt. Ein großes Buch und eben weil es nicht rein historisch, sondern eher perspektivisch ist, auch ein Roman, dem ich in meiner ganz eigenen Leselandschaft Vergissmeinnicht unter den Büchern gegen das Vergessen einen großen Bahnhof mache.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ich liebe es, von Autoren mehrfach in eine ganz besondere Zeitmaschine verfrachtet zu werden und dann Kopfkino in Großformat zu erleben. Benjamin Monferat / Stephan M. Rother hat in seinem letzten Roman die „Welt in Flammen“ gesetzt und ich musste 1940 im Simplon Orient Express aus Paris fliehen, nur um erneut in die Stadt an der Seine zurückzukehren.

Gleicher Ort, gleicher Autor, doch irgendwer hat an der Uhr gedreht. Wir schreiben das Jahr 1889 und der Eiffelturm ist funkelnagelneu. Die Weltausstellung steht vor der Tür und es könnte so schön sein, wäre nicht genau diese Welt politisch aus den Fugen geraten.

Paris – Tummelplatz der Intrigen und Verschwörungen. Ich fürchte, der Herr Autor hat auch diesmal gewaltig gezündelt. Auf nach Paris. Ganz nach oben auf den Turm der Welt. Encore une fois.

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft...

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft…