PROPAGANDA von Steffen Kopetzky

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

NOMINIERT FÜR DEN BAYERISCHEN BUCHPREIS 2019

Bayerischer Buchpreis 2019 - Nominiert - Propaganda - Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Nominiert – Propaganda – Steffen Kopetzky

Propaganda (lat. propagare) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen durch Manipulation zu beeinflussen und zu formen, um das Verhalten in eine vom Propagandisten erwünschte Richtung zu steuern.

PROPAGANDA“ heißt auch der aktuelle Roman aus der Feder von Steffen Kopetzky mit dem der Autor jedoch keineswegs seine Leser manipulativ beeinflussen möchte. Er dreht den Spieß um und erzählt eine große Geschichte, in deren Mittelpunkt das Lügen steht. Ein Lügen, das nur einer Sache dient: Dem Machterhalt politischer Systeme. Und genau hier legt der Autor des Erfolgsromans „RISIKO“ den Finger in die offene Wunde der heutigen Machthaber, Populisten und Regierenden. Sein Roman ist geeignet unser Frühwarnsystem zu aktivieren, da er seinen Spannungsbogen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg spannt und zeigt, wie man bewaffnete Konflikte schüren und am Leben halten kann, wenn es den Interessen „gewisser Kreise“ dient.

Steffen Kopetzky ist ein brillanter Erzähler. Dies sei vorsichtig vorausgeschickt. Sein Erzählräum besteht aus einer Vielzahl von Zimmern, zu denen er seinen Lesern Schritt für Schritt Zugang gewährt. Es ist stilsichere Absicht in der Konstruktion seiner Romane den Eindruck zu erwecken, diese Zimmer seien nicht miteinander verbunden. Als gäbe es keinen Flur, von dem jedes dieser Zimmer abzweigt. Als gäbe es keine gemeinsame Adresse. Als würden wir orientierungslos im Dunkeln tappen und auf einen leuchtenden Erkenntnisfunken warten, bewegen wir uns in den wuchtigen Bildern seiner Erzählung. Literarisch bewegt sich Steffen Kopetzky hierbei auf sicherem Terrain. Er weiß, was er tut. Er weiß, was er schreibt. Er fabuliert auf den Grundlagen seiner validen Recherche, bevor er fiktive Elemente zumischt, die danach kaum noch als solche zu erkennen sind.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

PROPAGANDA wird getragen vom jungen US-amerikanischen Leutnant John Glueck. Der deutschstämmige Offizier dient im Zweiten Weltkrieg in den Reihen von „Sykewar“, der Abteilung für Propaganda und psychologische Kriegsführung der US-Streitkräfte. In seinen Aufgabenbereich fällt das „Sternenbanner“, eine deutschsprachige Zeitung, die über dem Gebiet des Dritten Reichs abgeworfen wird, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu destabilisieren. Zuvor schrieb er mit anderen Psychologen, Historikern und Germanisten das „Handbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland“, um die Eroberer mit dem Land und seinen Menschen vertraut zu machen, die sie befreien sollten. Jetzt kann er es kaum noch erwarten, endlich den Boden seines Heimatlandes zu betreten. Nie zuvor war er dort, obwohl ihm Kultur und Sprache in die Wiege gelegt wurden.

Der Zufall spielt ihm jetzt in die Hände, während das Kriegsgeschehen 1944 in seine entscheidende Phase tritt. Er steht an der Grenze. Einen Schritt entfernt. Die Ardennen. Der Hürtgenwald. Die Eifel. November. Jetzt sollte es schnell gehen. Was er nicht weiß, ihm gegenüber steht die Elite des letzten Aufgebots der Wehrmacht. Der Wald wird zu einer der größten Niederlagen, die US-Streitkräfte je hinnehmen mussten. Es kommt zu einem Gefecht, das als Allerseelenschlacht in die Geschichte der Ardennenoffensive eingeht. Dabei sollte er nur einem der prominentesten Kriegsberichterstatter folgen und sich an seine Fersen heften. Ihn für die Propaganda gewinnen, ihn instrumentalisieren und vereinnahmen. Einen Mann, dessen Name und Ruf wie Donnerhall wirkten. Ernest Hemingway.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

Hier stehen wir nun an der Seite des jungen US-Offiziers auf der Suche nach der Extremsituation, die Hemingway so sehr anzog. Hier riechen wir den Pulverdampf im Hürtgenwald. Hier begeben wir uns mit John Glueck und einem indianischen Scout auf Patrouille. Und dann tritt Steffen Kopetzky in den Spiegel und zerschmettert ihn mit nur einem Tritt. Wo wir in einem Zug wochenlang hätten weiterlesen wollen, springt er mit einem gewaltigen Satz in eine andere Zeitebene. 1971. Der Vietnamkrieg tobt und der uns gut bekannte John Glueck wird bei einer Fahrzeugkontrolle in Missouri festgesetzt. Kein Zufall. Pure Absicht. Er trägt ein Geheimnis mit sich herum, dessen Kern das Land erschüttern kann. Der durch einen Unfall mit Chemikalien nach dem Weltkrieg entstellte Offizier sucht Schutz in einem Gefängnis. Schutz vor der Staatsmacht. In seinem Besitz befinden sich Papiere, die die Geschichte der Kriege seit 1944 neu schreiben. Es sind die Pentagon-Papers.  

Mühsam setzen wir die Spiegelscherben der Geschichte zusammen. Der Blutwald scheint sicherer gewesen zu sein, als das verzweifelte Gefecht, das John Glueck jetzt führt. Steffen Kopetzky schöpft aus dem Vollen. Geheimdienst, Propaganda, Verrat und ein Vorläufer von WikiLeaks erweitern den Erzählraum um die oben beschriebenen und so sehr gefürchteten Zimmer. Er, nur er hat den Generalschlüssel in der Hand und lässt uns nicht nur hineinblicken. Er stößt uns in alle Räume, lässt uns jeden Schrecken des Krieges, die Propagandamaschinerie, die Profiteure, die Leidenden und Lobbyisten am eigenen Leib spüren. Es ist das Menschenverachtende, das Kopetzky hier gegen den Krieg ins Feld führt. Man kann sich diesem Roman nicht entziehen. Seine Ebenen sind so facettenreich, dass wir am Ende kaum eine Ahnung haben, ob wir nun einen Kriegs-, Wirtschafts-, Spionage- oder Justizroman gelesen haben. Oder ob wir ganz einfach nur der ganz brillanten literarischen Propaganda eines Autors auf den Leim gegangen sind, der uns die Augen für die heutigen Konflikte öffnen möchte.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

Ich bin versucht zu schreiben, dass ich einen ganz großen amerikanischen Roman gelesen habe. Wüsste ich nicht, dass er von Steffen Kopetzky verfasst wurde, ich wäre unsicher. Es ist ein großes amerikanisches Thema, es sind Protagonisten, die Spuren hinterlassen und es ist ein unglaublich packender Erzählstil, der mich immer wieder an den Mann erinnert, dem wir im Roman so oft über den Weg laufen. Die Kapitel, die von der Präsenz Ernest Hemingways durchflutet werden, sind signifikant für den Roman. Er wollte keine Gefühle beschreiben, er wollte sie verursachen. John Glueck beneidete ihn um seine Gabe und als er nun in einem amerikanischen Gefängnis sein Leben sortiert und memoriert scheint es so, als würde er das Niveau Ernest Hemingways mit seinem Denkmal zu Boden reißen und neu erfinden.

Dabei ist es Steffen Kopetzky, der diese Gefühle verursacht und nicht beschreibt. Er lässt uns den Juckreiz der verschuppten Haut John Gluecks förmlich spüren, er hat den Schlüssel zu unseren Ängsten vor dem Waldgefecht in der Hand, er macht uns zu Mördern, Opfern, Strategen und Versagern. Er setzt uns auf eine Geschworenenbank und lässt uns Recht sprechen, während wir einer Strafverteidigerin folgen, der wir das eigene Leben blind anvertrauen würden. Er macht uns zu Augenzeugen und findet den direkten Weg in unser Gewissen. Vom Mitläufer zum Kriegsverbrecher ist es nicht sehr weit in diesem brillanten Roman.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

Mir liegt dasHandbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland vor, was das Lesen von „PROPAGANDA“ noch authentischer machte. Ich hatte mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer zeitgleich die andere Perspektive vor Augen. Den Imker aus der Eifel, der von der „Allerseelenschlacht“ in den Krieg gezogen wird. Zwei Romane mit einem Erzählraum von 50 Quadratkilometern. Solche Zufälle schreibt nur die Literatur. Als Buchhändler würde ich sie gemeinsam in das Fenster der guten Leseempfehlungen stellen. Sie sind komplementär und doch so grundverschieden. Zwei deutsche Stimmen mit Tiefgang und Nachhall.

Darüber hinaus ist PROPAGANDA auf eine mehr als unmittelbare Art und Weise sehr lehrreich und (es klingt komisch, aber es ist so) kriegswichtig. Wir verstehen die Automatismen von Gefechten, lernen an der Taktiktafel die Abhängigkeit zwischen Nachschub und Erfolg und erfahren in einer brillanten Reprise aus Steffen Kopetzkys  Roman „Risiko“ den rein praktischen Nutzen eines hochtheoretischen Kriegsspiels. Er durchbricht alle Fronten mit einem brillanten Gedankenspiel, das sich garantiert genau so zugetragen hat. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Humanität hat auf jeder Seite ihre unmittelbare Entsprechung. LESEEMPFEHLUNG zum Quadrat!

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

Es ist somit keine große Überraschung, dass Steffen Kopetzky mit Propaganda für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert wurde. In Literaturkreisen eine sehr beachtenswerte Nominierung, da die dreiköpfige Jury die Vorschläge eigenständig und unabhängig einbringt. Als Buchpreisblogger habe ich die Ehre, die Preisverleihung in München und die heiße Phase nach Bekanntgabe der Shortlist zu begleiten. Dass ich „Propaganda“ bereits lange vor der Nominierung gelesen und rezensiert habe, ist hier für mich von großem Vorteil. Steffen Kopetzky hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Der weiße Porzellanlöwe würde dem monumentalen Antikriegsroman gut zu Gesicht stehen und einen Schriftsteller auszeichnen, der sich nicht erst mit diesem Roman in die erste Linie der deutschen Autoren geschrieben hat. John Glueck. Vielleicht bringt der Name des Protagonisten wahrlich Glück…

Alle Berichte zum Bayerischen Buchpreis, den nominierten Titeln, zu Hintergründen und zur Preisverleihung am 07. November finden Sie auf meiner Projektseite.

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Propaganda von Steffen Kopetzky / Rowohlt / gebunden / 495 Seiten / 25 Euro

Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

50 Jahre – Der erste Mann auf dem Mond. Ein besonderes Jubiläum. Ein Meilenstein. Wissenschaft und Mensch in perfekter Symbiose und nach jahrelangen Vorbereitungen endlich Sieger über die Schwerkraft und die lebensfeindliche Umgebung im Weltall. So wird Geschichte geschrieben. Menschheitsgeschichte. Oder handelt es sich bei diesem epochalen Ereignis mal wieder nur um Männergeschichte? Das Weltraumprogramm ist eine Männerdomäne in den 1960er Jahren. Die NASA ist eine Ansammlung führender Wissenschaftler und Testpiloten, die sich auf die Mission vorbereiten. Mercury Seven. Sie gehen in die Geschichte ein. Sieben handverlesene Astronauten, die schon 1959 in Washington präsentiert werden und den Kern der bemannten Weltraumfahrt darstellten.

BEMANNT. Nicht befraut. Schon klar. Raumfahrt ist ein Männerding. Zumindest in diesen Jahren. Die NASA war ein Männerding und die Mondlandung 1969 war es auch. Alan P. Shepard. Einer der Mercury Seven – Astronauten. Einer der Wegbereiter. Neil Armstrong – Der erste Mensch (Mann) auf dem Mond. Nichts dran zu rütteln. Ehrlich? Und was ist mit Mercury 13? Nie etwas davon gehört? Dann wird es Zeit. Die „13“ sagt etwas über die Anzahl der Beteiligten an diesem Programm aus. Und das ist jetzt mehr als interessant, denn diese Mission ist ein FRAUENDING! Pilotinnen. Astronautinnen und Weltraumpionierinnen. Nur kurz nach Bekanntgabe der legendären „Seven“ fand ein zweites Auswahlverfahren statt. Das Ziel: Den Beweis anzutreten, dass Frauen die Tests ebenso gut bestehen würden, wie ihre männlichen Vorreiter. Space Girls. Heute ein fast verschwundener Baustein der Weltraumfahrt. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

„Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann!“

Diese und ähnlich lautende Aussagen im Rahmen einer offiziellen Anhörung vor einem NASA-Subkomitee beendeten den Traum vieler Frauen, gleichberechtigter Teil der Weltraumgeschichte zu werden. Und das nachdem 13 von ihnen bewiesen hatten, dass sie die Eignungstests ihrer männlichen Kollegen mit vergleichbaren Ergebnissen absolvieren konnten. Der Beweis war erbracht und trotzdem traf jene Frauen die Keule männlicher Ignoranz. Ihre Geschichte wurde immer nur am Rande erwähnt. Die Folgen dieser Ablehnung jedoch spürten sie nachhaltig. Arbeitslosigkeit, weil sie unerlaubt am Auswahlverfahren teilgenommen hatten. Gesundheitliche Spätfolgen, weil sie in dieser Testreihe mit radioaktivem Material belastet wurden. Und menschliche Enttäuschung.

Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Zeit, das Mäntelchen des Schweigens zu lüften und den „Space Girls“ Ehre zu erweisen. Zeit, der Hamburger Autorin und Fliegerin Maiken Nielsen in ihren Roman zu folgen und Teil dieser legendären Mercury 13 Crew zu werden. Sie setzt den Pionierinnen ein literarisches Denkmal. Und gar nicht so ganz nebenbei zeichnet sie das Rollenbild der Frau in den 1960er Jahren am Beispiel dieser Männerdomäne exemplarisch auf. „Space Girls“, erschienen im Wunderlich Verlag, ist alles, nur kein Frauending. Ich habe das Buch gelesen und erweise dem Roman meine Referenz, weil ich ihn für relevant, lehrreich und in höchstem Maße unterhaltsam halte.

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls ist im klassischen Sinne ein historischer Roman, weil er dem verbrieften Setting fiktionale Charaktere hinzufügt, an deren Seite wir das Geschehen hautnah und unmittelbar erleben können. Maiken Nielsen hat hierdurch zweierlei erreicht. Einerseits legt sie kein reines Sachbuch oder eine trockene Dokumentation der Ereignisse vor und zum Zweiten gelingt es ihr, mit ihren Protagonistinnen gleichzeitig eine Ebene erzählbar zu machen, die ihren Roman zu einem komplexen Kaleidoskop der US-amerikanischen Weltraumgeschichte macht. Es sind die beiden deutschen Weltkriegsflüchtlinge Martha und ihre Tochter Juni, die den eigentlichen Erzählraum Mercury 13 erweitern. Hier wird der Anteil deutscher Wissenschaftler am US-Weltraumprogramm deutlich. Hier verwebt die Autorin ihre Fäden von Wernher von Braun zur Raketenforschung der Nazis, bis in die Zwangsarbeiterlager und die Entwicklung der V-2 Vernichtungswaffe. Hier erzählt sie von zwei Frauen, die das Land verlassen haben, weil sie um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, ebenso wie Junis Großvater im Arbeitslager liquidiert zu werden.

Hier erzählt die Schriftstellerin eine Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht nur historisch relevant ist, sondern die Motivation von Juni greifbar werden lässt, sich am Auswahlverfahren von Mercury 13 zu beteiligen. Sie folgt ihrem hingerichteten Großvater. Sie will in einer Rakete fliegen, an deren Entwicklung er bis zu einem Verrat beteiligt war. Sie wirft alles in die Waagschale. Hier skizziert die Autorin keine einfache Romanfigur. Sie stattet Juni mit allem aus, was man sich von einer Heldin im positiven Sinne erhofft. Ecken und Kanten, Kampfgeist bis zum Letzten und einen Charakter, an dem man sich während der gesamten Handlung orientieren kann. Wer Juni nicht mag, dem ist literarisch nicht weiterzuhelfen. Maiken Nielsen öffnet in „Space Girls“ gleich zwei Fässer, die man bei der NASA gerne ganz tief im Keller verstecken würde.

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

Die Tatsache, dass die spätere Apollo-Mission auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die man der Nazi-Diktatur zu verdanken hat und, dass man der Leistung einiger hochtalentierter Frauen einen unverzeihlichen Riegel vorgeschoben hat. Beide Fässer beinhalten den Stoff, aus dem gute Romane gemacht sind. Perfekte Recherche, sicher verbriefte historische Personen und ganz eigene Protagonisten, die authentisch aus der Zeit in unsere Hände fallen. Der Blick, den sie uns durch diesen Roman auf die frühen Phasen der Weltraumfahrt gewährt, ist unschätzbar. Das Lesetempo wird von einer in jeder Beziehung bewundernswerten jungen Frau vorgegeben. An Junis Seite erleben wir Verzweiflung, Hoffnung, Niederlage und ein ungebrochenes Kämpferherz. Hätte es Juni wirklich gegeben, sie hätte es verdient ein legendäres Zitat in abgewandelter Form zur Erde zu schicken.

Dies ist ein kleiner Schritt für eine Frau, aber ein riesiger Sprung für die Frauen.

LESENSWERT. Kein Frauending. Gerade auch für Männer erhellender Lesestoff.

Damit ist der Roman auch ein deutlicher Fingerzeig auf die heutige Gesellschaft. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine angemessen proportional gleiche Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen und Gleichberechtigung im Rollenbild hätten sich wohl drastisch anders entwickelt, hätte man nicht erst im Jahr 1983 mit Sally Ride die erste US-Amerikanerin mit der Challenger in den Weltraum geschickt. Übrigens: Walentina Wladimirowna Tereschkowa hat dies als Kosmonautin bereits 20 Jahre zuvor erlebt. Sie war 1963 die erste Frau im Weltraum und auch die einzige Frau in der Geschichte, die allein flog, also ohne Begleitung männlicher Kollegen. Und all das, während wir uns eher an den ersten Affen oder den ersten Hund im Weltall erinnern. Albert und Laika. Lässt sich die Benachteiligung von Frauen besser dokumentieren? Ich denke nicht!

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen / Wunderlich Verlag / 432 Seiten / 22 Euro

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

Und jetzt noch die Gewinner des Mondeulen-Specials zum 50. Jubiläum:

„Sarah aus dem Elbtal“ und „Mikka Liest“. Herzlichen Glückwunsch. Unsere Eulen machen sich auf den Weg. Und dann wird es schwerelos bei Euch. Habt Spaß.

„Die Badende von Moritzburg“ von Ralf Günther

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

„Und die Grenze zwischen dem Ich und dem Du ist eine scharf gezogene. Wenn ich einen Menschen ganz erfassen will, muss ich diese Grenze überschreiten. Ich muss er werden. Oder sie.“

Künstlerische Perspektive. So könnte man sich dem Zitat aus der Sommernovelle „Die Badende von Moritzburg“ von Ralf Günther nähern. Was er in seinem Buch in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, ist jedoch viel mehr als nur den Grenzverkehr zu Beginn den 20. Jahrhunderts. Ob in München, Paris oder Dresden, überall versuchten ambitionierte Künstler den althergebrachten und sehr versachlichten Kunstformen ihre individuellen Alternativen zur Seite zu stellen und den Aufbruch in eine neue Epoche in der Malerei einzuläuten.

Der Expressionismus verschaffte sich Raum. Die Auflösung des Gegenständlichen, die verzerrende Abstrahierung und der Versuch, ihren Betrachter mit einfachen Formen und verstärkter Farbgebung emotional zu berühren, verbinden die Avantgarde zu dieser Zeit. Ob Franz Marc und der Blaue Reiter oder Ernst Ludwig Kirchners Brücke, hier spiegelten sich die veränderte künstlerische Wahrnehmung und das Selbstbewusstsein von Menschen am Ende der Biedermeierzeit  wider, die nur wenig später im Vulkan des Ersten Weltkrieges in dunklen Rauchwolken ihr genaues Gegenteil erlebten.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Hier war die Kunst Spiegelbild der Gesellschaft. Grenzen wurden überschritten und Konventionen über Bord geworfen. Die Befreiung des Geistes von Moralvorstellungen eines vergangenen Jahrhunderts war das Ziel der bildenden Kunst und der Literatur zu dieser Zeit. Avantgarde. Die Garde geht voraus. So muss man den dichten Erzählraum von Ralf Günther sehen. So muss man sich den Rahmen für das Bild vorstellen, das er mit Worten zeichnet. Hier reiht sich ein Autor des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit einer Zeitreise in die Phalanx der Vordenker und Vorreiter von damals ein, um in dieser eigentlich ganz kleinen Erzählung die nur einen einzigen Tag des Jahres 1910 umfasst, das aufstrebende Lebensgefühl einer neuen Zeit auf den Punkt zu bringen.

Eine Sommernovelle. Ja, die Bezeichnung trägt, weil diese Geschichte etwas für ihre Zeit Neues erzählt. Sie überschreitet mit ihren stilistischen Mitteln moralische Grenzen und lässt uns aus heutiger Sicht den Aufprall zweier Welten nachvollziehen, fühlen und schmecken. Tradition, Moral und Selbstbild stehen auf dem sozialen Prüfstand und die neuen Perspektiven, Ansichten und Ideale begehren auf. Aus diesem Zusammenprall entstand ein neues Lebensgefühl, das sich in den Köpfen der Menschen zu verankern begann. Ein Lebensgefühl, das wir heute noch spüren können, wenn wir die Gemälde aus längst vergangener Zeit betrachten.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

„Die Badende von Moritzburg“ vereint eine große Portion Lokalkolorit, Lebensgefühl und Sittenbild des beginnenden 20. Jahrhunderts zu einem komplexen Bild auf nur 100 Seiten einer Erzählung, die nicht mehr Raum einnimmt als ein einziger Tag im Lauf der Welt. Sprachlich bewegt sich der Autor in seinen Beschreibungen und Dialogen, als sei er geistig mit der Jahrhundertwende verschmolzen. Distanz im Geschlechterdialog und die sozialen Schranken werden in seiner Sprache greifbar. Es verfestigt sich sofort der Eindruck, wie anders diese Zeit doch war, was es bedeutet plötzlich vom „Sie“ ins „Du“ zu wechseln und wie das Aufbrechen tradierter Normen auf Konservative gewirkt hat.

Dresden wird dabei zur Hochburg dieser Gratwanderung. Einerseits aufstrebend in Bezug auf Sanatorien und Kliniken, die den Menschen helfen, deren Erkrankungen im wahrsten Sinne des Wortes als Zivilisationskrankheiten gesehen werden mussten. Es wurde zu eng in der Welt des Biedermeier. Alles engte ein. Kleidung, Korsett, Haltung. Das Spießbürgertum befand sich bereits im Niedergang, ohne es selbst zu bemerken. Genau die richtige Zeit für Künstler, mit ihren Stilmitteln zum umfassenden Bildersturm zu blasen. Einem Aufbruch, der nach Skandal schmeckte, das Verbotene kultivierte und in schillernden Farben leuchtete. Verlockend und abstoßend zugleich. Die andere Seite.

Und genau hier soll die junge Clara Schimmelpfennick geheilt werden. Hysterische Atemnot, die Diagnose. Erstickungsanfälle, das Symptom… Der Ausweg scheint nah.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Es ist die Begegnung mit der Künstlergruppe um Ernst Ludwig Kirchner. Es sind Maler, die sich in die unberührte Natur zurückgezogen haben und der Leidenschaft des Schaffens frönen. Hier malen sie, hier baden sie, hier tanken sie ihre Energie. Aber so ganz anders, als es Clara mit ihrem sittsamen Moralbild vereinbaren kann. Kirchners Einladung, sich zu ihm und seinen Freunden zu gesellen, kann Clara nicht widerstehen. So wenig, wie sei dem widerstehen kann, was sie in dieser Form noch nie erlebt hat. Es ist ein Biotop der Zwanglosigkeit, das sie mit einer Atemlosigkeit ausfüllt, die sich völlig von derjenigen unterscheidet, an der sie zu leiden scheint.

Der Zusammenprall der Moderne mit dem Konservativen in dieser Sommernovelle macht den Reiz des Lesens aus. Man geht mit der Badenden selbst baden. Emotional und fasziniert, verstört und neugierig, angezogen ausgezogen. Um die Ressentiments wissend und die Konflikte vorausahnend, die dieser Badeausflug mit sich bringen wird. Das Lebensgefühl Kirchners trägt uns mit Clara durch das Schilf. Man kann sich dieser Gefühlsrevolution kaum verweigern. Und wenn Ralf Günther die Grenzen des damals Vorstellbaren und Schicklichen überschreitet, dann mit einem Bild, das man so schnell nicht wieder vergessen wird.

Die Badende von Moritzburg – Ernst Ludwig Kirchners Atelier…

Ich habe „mein“ Dresden schon in unterschiedlichen literarischen Aggregatzuständen erlebt. Ich bin mit Lili Elbe in einer Dresdner Klinik gestorben. Ein dänisches Mädchen, das mir Kopf und Herz verdreht hat, liegt noch heute dort begraben. Ich bin verzweifelt durch die Dresdner Bombennacht geflüchtet, den Angstmann fürchtend, den Krimi von Frank Goldammer verzehrend und auf ein glückliches Ende hoffend. Ich war selbst vor Ort. Besuchte Moritzburg, nahm es als Filmkulisse wahr und streifte durch eine Stadt, die mir ans Herz gewachsen war. Elbflorenz.

Die Badende von Moritzburg hätte ich gerne dort getroffen. Mit Kirchner hätte ich gerne einen Plausch gehalten, meinetwegen auch völlig nackt, und ihn gefragt, was er vom Blauen Reiter hält. Das Lebensgefühl auf der Schwelle zum Neubeginn hat Ralf Günther ebenso expressionistisch vermittelt, wie es Kirchner und seinen Freunden in ihren Gemälden gelang. Er hat die Flüchtigkeit dieses Augenblicks mit zarten Strichen skizziert und vieles festgehalten, was sich zu einem atmosphärischen Bild verdichtet.

„Malen muss eine Befreiung sein. So wie uns die Kleidung zwickt und zwackt, so wie dein Korsett dir fast den Atem nimmt, ist der Rahmen eine Beschränkung des Künstlers… Wahre Kunst befreit sich.“

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Der selbst gesteckte Rahmen von 100 Seiten in dieser Novelle hat Ralf Günther nicht in seiner Freiheit beschränkt, eine große kleine Geschichte zu erzählen.

(Rezi-Shortcut) „Fiesta“ von Ernest Hemingway

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium: Fiesta von Ernest Hemingway

Vorbemerkung: Ein Rezi-Shortcut ist der Versuch der Annäherung an ein Buch, das in meinem Lesen von eher sekundärer Bedeutung ist. Hierbei werden im Wesentlichen die Bücher besprochen, die einen Leseweg kreuzen, ihn tangieren oder am Rande der aktuellen Beschäftigung mit einem Buch auftauchen und Spuren hinterlassen. Dabei ist die Kurzfassung der Buchvorstellung an sich kein Qualitätsmaßstab für das Werk.

Fiesta von Ernest Hemingway

Anlass für diesen Rezi-Shortcut: Meine Auseinandersetzung mit Ernest Hemingway und dem Beginn seiner Karriere als Schriftsteller. Bücher, die ihn in den Mittelpunkt der Betrachtung geraten lassen:

Direkte Hinweise auf den Ausgangspunkt der Legendenbildung:
Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Die große Hörspieledition – Zum 120. Geburtstag

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Fiesta von Ernest Hemingway

Sein Weg von der Reportage über die Kurzgeschichte bis hin zum ersten Roman ist so außergewöhnlich, dass man nach dem Lesen der direkt mit dem Paris der wilden Zwanziger Jahre in Verbindung stehenden Werke gezwungen ist, Fiesta zu lesen. Es war Hemingways erster Roman und stellte den von vielen vorhergesagten Durchbruch in der Literaturszene dar.

Der Inhalt:

Britische Lady mit zweifelhaftem Ruf befindet sich in Begleitung von vier Männern im spanischen Pamplona, um das jährlich stattfindende Stierkampf-Festival zu erleben. In fast wahlloser Reihenfolge verdreht sie ihren Reisegefährten den Kopf, bricht ein Herz nach dem anderen und genießt die rauschhafte Zügellosigkeit jenseits der moralischen Normen des Jahres 1925. Die animalische Faszination der Sanfermines vermischt sich mit der aufbrandenden Eifersucht zwischen den Männern. Als sich Lady Brett Ashley in dem jungen Matadoren Pedro Romero den nächsten Liebhaber aussucht, fließt neben dem Blut der Stiere auch das der Reisebegleiter in den Sand der spanischen Arena.

Das bahnbrechend neue literarische Stilmittel:

Kurz, prägnant und im Verzicht auf ausschmückende Adjektive beginnt mit Fiesta ein neues Kapitel der sprachlichen Ausgestaltung von Romanen. Hemingway schreibt nicht, dass etwas „schön“, „warm“, „groß“ oder „blutig“ ist. Er erzählt so, dass man kein Eigenschaftswort benötigt, weil er seiner Beschreibung die Eigenschaften verleiht. Sein Satzbau ist gestrafft, von Wiederholungen geprägt und weist keine Schnörkel auf. Hier unterscheidet er sich von allen literarischen Größen seiner Zeit und folgt dem Einfluss der Pariser Literaturszene um Ezra Pound und Gertrude Stein.

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Fiesta von Ernest Hemingway

Kritik:

Die verlorene Generation verschafft sich Raum in „Fiesta“. Das Leben will gelebt werden. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges sind nicht überwunden. Jetzt muss man sich neu erfinden, gesellschaftliche Normen verwerfen, sich dem Rausch der Begierde und des Alkohols hingeben. Diese Atmosphäre fängt Hemingway in den Schauplätzen seines Romans Paris und Pamplona brillant ein. Sein erster Roman ist jedoch viel eher eine Reportage, als eine fiktionale Geschichte. Alles selbst erlebt, alles gut beobachtet und alles in „Fiesta“ eingebaut, was bei drei nicht auf dem Baum war.

„Fiesta“ macht aus dem Journalisten Ernest Hemingway den Schriftsteller. Dabei kopiert er alle Protagonisten aus dem Leben in diesen Roman hinein. Sein Abbild, der Ich-Erzähler Jack Barnes, wird dabei am deutlichsten verfremdet. Die Impotenz einer ganzen Epoche, ihre Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit manifestiert sich im einzigen Mann der Reisegesellschaft, der nicht zum Bettgespielen von Lady Brett Ashley taugt.

Fazit:

Lesenswert. Aus heutiger Sicht Lehrstück autobiografischen Schreibens geprägt vom Verzicht auf jegliche Beschreibungen, die der Leser nicht schon atmosphärisch in sich aufgesaugt hat. Ein verletzender Roman für diejenigen, die Hemingway kopierte. Eine atmosphärische Annäherung an den ewigen Kampf zwischen Mensch und Tier, die den Stierkampf aus Pamplona später auf hohe See verlegte. Hier schrieb der „Junge Mann und der Sand“, der bald der „Alte Mann und das Meer“ werden sollte.

Wie sein Leben weiterging? Martha Gellhorn erlebte es an seiner Seite

Fiesta von Ernest Hemingway

„Ein Winter in Wien“ von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ist es in der heutigen Zeit möglich, Leser mit einer ganz einfach erzählten Romanze zu begeistern? Kann man einen Roman schreiben und publizieren, der in aller Zartheit wirkt wie ein scheues literarisches Reh, das sich kurz auf der bibliophilen Lichtung zeigt und sofort verschwindet, wenn es Gefahr wittert? Sind wir als Leser überhaupt noch in der Lage, eine Erzählung um ihretwillen zu schätzen, uns verzaubern zu lassen und sie nicht an reizüberflutenden und Herzschmerz verursachenden Lovestorys zu messen?

Ist es vermittelbar, dass man eine Geschichte erzählt, die in einem gesellschaftlich- historischen Kontext eingebettet ist, der aufgrund der Moralvorstellungen und der einst vorherrschenden Sittenbilder von Haus aus verhindert, dass wir zu Zeugen ausufernder erotischer Ausschweifungen werden? Haut uns ein solcher Stoff noch vom Hocker oder ist es der eher prüden Leserschar vorbehalten, den biederen Weg ins verschneite Wien des Jahres 1910 zu erlesen?

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Erstens gilt es festzuhalten, dass ich nicht bieder oder prüde bin. Zweitens vertiefe ich mich fast ausschließlich in Romane, die in der Lage sind, mich vom Buchhocker zu reißen. Und drittens darf für mich eine romantische Geschichte sehr gerne so erzählt werden, als sei sie aus der Zeit gefallen, in die sie geschrieben wurde. Das macht viele gute Erzählungen erst authentisch und vermittelt ein deutliches Bild davon, wie zaghaft sich die erste Annäherung zweier Menschen vollzog, die voneinander fasziniert waren.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb ist eine solche Geschichte. Wüsste man nicht, dass dieser Roman von einer quicklebendigen Schriftstellerin unserer Zeit geschrieben wurde, man könnte ihn für einen Fund aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Er spielt nicht nur im winterlichen Wien des Jahres 1910. Sowohl sprachlich als auch atmosphärisch lebt der Roman in einer Zeit, die durch die Klassenunterschiede im österreichischen Kaiserreich, ein überhöhtes Standesdenken und Wertebilder bestimmt war und heute auf uns wahrlich antiquiert wirkt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Es schneit in Wien. Es ist kalt und man friert, wenn man nicht zu den wenigen Reichen gehört, die sich den Luxus der Wärme leisten können. Die 18-jährige Marie Haidinger gehört nicht zu den vom Schicksal begünstigten Menschen, sie kommt von ganz unten. Mehr als ein entbehrungsreiches Leben auf einem Bauernhof stand für sie nie auf dem Plan. Und doch verschlägt es sie auf der Flucht vor dem Gefühl „Leibeigene“ zu sein in die Hauptstadt und sie ist in aller Bescheidenheit mit allem zufrieden, was das Leben ihr zu bieten hat. Aus der Schankmaid wird ein Hausmädchen und aus dem Hausmädchen wird ein Kindermädchen.

Für Marie schon ein Leben in Luxus. Ihre Kammer ist beheizt, die beiden Kinder sind ihr sehr schnell ans Herz gewachsen und die Hausherren behandeln sie so gut, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht behandelt wurde. Erst langsam erkennt sie, wer der Hausherr der Sternwartestraße im Wiener Cottage-Viertel ist. Sie lebt im Haus des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler, dessen Theaterstücke und Erzählungen in aller Munde sind. Und ausgerechnet sie, die arme Marie vom Land, darf seine beiden Kinder Lili und Heinrich beaufsichtigen und erziehen.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Und wie sollte es in diesem Haushalt anders sein? Ein Buch verändert das Leben des liebenswerten Kindermädchens. Sie soll es nur für Arthur Schnitzler abholen. Ein harmloses Vorhaben, wäre da nicht der Blick des jungen Buchhändlers, wäre da nicht ein kleiner Funke, der in diesem Moment auf beide überspringt und wären da nicht alle moralischen Schranken, die es so schwer machten, sich unbefangen kennenlernen zu dürfen. Erst ein Geschenk macht das Unmögliche möglich. Ein Büchlein aus der Feder von Rainer Maria Rilke öffnet die Tür zum Herzen des jungen Mädchens.

„Mir zur Feier“ in einer wundervollen Ausgabe, deren Seiten unbeschnitten sind und die erst mit einem Messer getrennt werden mussten, bevor man es lesen konnte ist das wohl wertvollste Geschenk, das sie je in Händen hielt. Eine zarte Romanze beginnt den Winter in Wien wärmer erscheinen zu lassen und aus dem ersten beigelegten Brief wird der erste Spaziergang und aus dem ersten gemeinsamen Weg entwickelt sich der erste zarte Kuss, der auch den Leser wie eine schmelzende Schneeflocke berührt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb schreibt, als hätte sie Charles Dickens nach Wien entführt. Es mutet klassisch an, was doch gar nicht klassisch ist. Und doch garniert sie die zarte Romanze mit einem Spannungsbogen, der das Gleichgewicht zum Wanken bringen kann. Maries Leben steht unter Vorbehalt. Es gibt keine Garantie für eine unbeschwerte Zukunft und ein einziger Fehler kann sie alles kosten. Und genau dieser Fehler unterläuft ihr. Ob sie ihr Glück findet, sollte man sich schon selbst erlesen. „Ein Winter in Wien“ ist in jeder Hinsicht eine Lesereise wert.

Für einen literarischen Sternwärter ist ein Roman, der in der Sternwartestraße 71 spielt ja schon fast wie eine persönliche Einladung. Die Atmosphäre eines Wiener Winters im Jahr 1910 ist so fesselnd und bildhaft festgehalten, als würde man in einem Poesiealbum aus der Vergangenheit blättern. Sprachlich spürt man den Atemhauch der Geschichte und literarisch wird einem der ganz Großen der Literaturgeschichte Leben eingehaucht. Und wenn man dann noch, so wie ich, einen Rilke in seinem Bücherregal hat, der unbeschnitten ist und dessen erstes Gedicht „Mir zur Feier“ heißt, dann geht „Ein Winter in Wien“, erschienen bei Kindler, eine schon fast magische Beziehung zu meinem bisherigen Lesen ein. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube.

Ebenso wenig, wie ich daran glaube, dass ich Lili Kirchner hier letztmalig begeget bin. Aus dem Baby des Jahres 1910 wird wenige Jahre später eine tragische Figur im Leben ihres Vaters. Sie wird schon 1928 in Venedig Selbstmord begehen. Ich werde ihr bestimmt erneut begegnen… Ich habe da so ein Gefühl.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb hat mit ihrem literarischen Selbstfindungstrip „Meine wundervolle Buchhandlungmein lesendes Herz im Sturm erobert. Ein wundervolles Interview in Frankfurt brachte mich ihr näher und ihre kuriose Widmung in ihrem Buch ist bis heute unvergessen. Vielleicht signiert sie mir ja irgendwann einmal „Ein Winter in Wien“. Ich habe mir fest vorgenommen, sie in diesem Fall nicht mit meinen Fragen abzulenken. Es wäre nicht auszudenken…

Und doch bleibt eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wenn Petra Hartlieb diesen Roman ihrer Großmutter Johanna Haidinger widmet, dann könnte es doch sein, dass jene Marie Haidinger vielleicht den ersten Funken bibliophiler Leidenschaft schlug, der heute in der Buchhandlung Hartliebs Bücher hell leuchtet.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

18 Jahre später ziehen dunkle Wolken auf. „Des Lebens fünfter Akt“ von Arthur Schnitzler beginnt mit einer Katastrophe… Zurück in Wien. 

buchhandlung-calliebe