„Der Turm der Welt“ – Benjamin Monferats Monumentalroman

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Manchmal lassen sich Bücher sehr gut mit Filmen vergleichen. Beide Kunstformen haben bestimmte Wesensmerkmale gemeinsam, die das Kategorisieren erleichtern. Es gibt die klassischen Zwei-Personen-Kammerspiele, die in einem engen Erzählraum auf das Wesentliche reduziert, von ihren Dialogen und der sehr überschaubaren Anzahl an Schauspielern leben. Es gibt Low-Budget-Verfilmungen, die selbst in ihren Kulissen auf verschwenderische Dekoration verzichten müssen. Und zuletzt gibt es Filme, die in der Geschichte dieser Kunstform fast ausgestorben sind: Monumentalfilme.

Die hohe Anzahl an Hauptdarstellern und Statisten, ein reichhaltiger Fundus höchst authentischer Kostüme, Kulissen, die ihren Originalen in nichts nachstehen und extrem hohe Produktionskosten zeichnen dieses Genre der Filmkunst aus. Die epische Breite solcher Produktionen und die immensen Kosten schrecken Regisseure heute davon ab, das Risiko des Scheiterns einzugehen und so verschwinden diese Filme immer mehr in der Versenkung. „Die zehn Gebote“ und „Cleopatra“ sind längst Geschichte. Vielleicht sind „Der Hobbit“ und „Game of Thrones“ die letzten Monumentalfilme ihrer Art.

Und hier kommen wir zur Literatur. Wenn es Monumentalfilme gibt, dann ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ihre literarischen Vorlagen ebenso monumental angelegt sind, wobei sich Autoren während des Schreibens keinerlei Gedanken darüber machen, ob ihr Werk cineastisch umzusetzen ist. Ihre Kulissen kosten nichts, eine Besetzung mit Protagonisten und Statisten kann sich aus dem Füllhorn der Fantasie bedienen und die Gagen der Akteure sind überschaubar niedrig. Monumentalbücher bieten ihren Autoren das volle Spektrum eines epischen Szenarios für ihre jeweilige Geschichte.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt und Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Wenn ich an Monumentalromane in meinem Bücherregal denke, dann fallen sie oft schon durch ihren Umfang auf. Ich erinnere mich an wochenlanges Eintauchen in groß angelegte Erzählwelten, meine Versuche, das überbordende Dramatis Personae in den Griff zu bekommen und die anderen Bücher, die ich währenddessen nicht lesen konnte. Monumentalromane müssen sich für den Leser lohnen, sein Leben bereichern und auf keinen Fall nur dadurch episch erscheinen, weil sie mit Füllmaterial auf Länge getrimmt sind. „Welt in Flammen“ aus der Feder von Benjamin Monferat fällt mir sofort ins Auge, wenn ich daran denke, was einen solch imposanten Roman auszeichnet.

Genau dieser Benjamin Monferat würde wohl jeden Filmproduzenten zur Weißglut treiben, da die Komplexität seiner Bücher alles andere als sparsam mit Ressourcen an Mensch, Kulisse, Dekoration, Kostüm und Schauplätzen umgeht. Sein Schreiben kennt keine Grenzen und Leser müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich mit einem neuen Monferat anfreunden wollen. Sie sollten wissen, dass er am Ende seines Castings über eine Schar von Protagonisten verfügt, die er durch seine Geschichte und die facettenreiche angelegten Szenarien zu domptieren hat.

Der Turm der Welt“. So heißt sein neuester Schmöker (wie ein Monumentalbuch in der literarischen Umgangssprache auch bezeichnet werden kann). Mit seinen fast 700 Seiten verspricht der bei Wunderlich erschienene Roman einen erneut sehr opulenten Lesegenuss und viele Tage kontemplativer Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die zwar in ein historisch authentisches Szenario platziert wurde, jedoch keinesfalls als historischer Roman zu bezeichnen ist. Benjamin Monferat schreibt keine historischen Romane, er bettet seine Geschichten ein und lässt seiner kreativen Seele freien Lauf.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Herzlich willkommen also zur Pariser Weltausstellung von 1889. Sie ahnen schon, dass allein bei der Auswahl des historischen Kontextes für diesen Roman der erste und wichtigste Grund verborgen ist, warum man ihn als monumental bezeichnen kann. Die Welt wurde hier nicht ausgestellt, sie wurde verändert. Nachhaltig. Und ebenso wurde das Stadtbild von Paris verändert, denn ohne diese Weltausstellung kein Eiffelturm und ohne diesen „Turm der Welt“ kein Roman von explosiver Strahlkraft und historischer Genauigkeit in der Beschreibung der Rahmenbedingungen für einen Politthriller.

Benjamin Monferat gelingt es, die Stimmung dieser Zeit so spürbar zu transportieren, dass man als Leser mit dem Roman eine Eintrittskarte zur „Exposition Universelle“ in die Hand gedrückt bekommt und staunend in das neue Zeitalter wandern darf. Nicht nur der Eiffelturm gehört zu den Kulissen des Romans, auch die Ausstellungshallen selbst. Man bekommt schnell ein Gefühl dafür, an welcher Zeitenwende man sich befindet und welche Erfindungen, damals noch belächelt, heute unentbehrlich sind. Von Edison und seinem Phonographen bis hin zu Daimlers erstem Motor reichte das Spektrum und fast nebenbei gab sich das Who is Who der Weltprominenz ein Stelldichein in Paris.

Was dem monumentalen Personenregister des Romans einen weiteren Stempel aufdrückt. Denn neben gekrönten Häuptern, Erfindern und sonstigen Prominenten ist es auch ein gewisser Buffalo Bill, der mit seiner Wild-West-Show ganz Paris begeistert. Natürlich war diese Weltausstellung alles andere als unpolitisch, und genau an dieser Stelle setzt Benjamin Monferat auf der Grundlage bester Recherche an. Genau hier ist der Zündstoff zu finden, der mit einer 700 Seiten langen Zündschnur durch dieses Buch lodert. Das Hauptziel dieser Ausstellung war es, die Größe Frankreichs vor den Augen der ganzen Welt in den Vordergrund zu stellen. Eines Frankreichs, das umzingelt von Monarchien, die einzig funktionierende Republik Europas war und das Gefüge alter und neuer Allianzen auf dem Kontinent gehörig ins Wanken bringen konnte

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

So mutiert die Weltausstellung zum Stellvertreterkriegsschauplatz der Dynastien und Monferat beginnt nun diese explosive Mischung mit seinen fiktionalen Charakteren anzureichern, um ein hochexplosives Pulverfass zu gestalten, das im „Turm der Welt“ seine Metapher findet. Jeder strebt nach dem Höchsten und jedes Mittel ist recht. Was würde also passieren, wenn am Ende der Weltausstellung nicht nur ein Feuerwerk den Nachthimmel von Paris illuminieren würde, sondern just in dem Moment, in dem sich die Mächtigen der Welt auf dem Eiffelturm befinden, genau dieser pulverisiert würde?

Benjamin Monferat konstruiert eine Ausgangslage, die Paris zum Spielball aller nur denkbaren europäischen Geheimdienste macht und die französischen Ermittler auf der Jagd nach den potenziellen Attentätern zu Jägern und Gejagten gleichermaßen werden lässt. Das Panorama der Stadt wird dominiert durch diese Charaktere, die der Autor mit großem schriftstellerischem Geschick in die Zeit fallen lässt. Wir folgen ihnen durch die taumelnde Stadt, folgen einer Edelprostituierten in die Zentren der Macht, suchen mit einem deutschen Offizier nach seiner wahren Herkunft und erleben in den Reihen der französischen Polizei ein blaues Wunder nach dem anderen.

Als dann auch noch der britische Geheimdienst versucht, den eigens angereisten royalen Thronfolger in der Stadt der Liebe vor sich selbst zu schützen, gerät der Tanz um den „Turm der Welt“ zur Polonaise in den Tod. Monferat gelingt es meisterlich, die Akteure seines Romans interagieren zu lassen und aus einer Vielzahl von scheinbaren Zufällen einen großen Plan zu entwickeln, der sich dem Leser Seite für Seite offenbart. Die Kapitelüberschriften, wie „Zündung in 39 Stunden“, lesen sich wie der Countdown zum Unausweichlichen. Staunend und gebannt stehen wir am Ende dieses Romans am Fuße des Eiffelturms und warten auf den großen Knall. Und damit sind wir nicht alleine. 

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Benjamin Monferat gelingt es, das ganz große Kopfkino zu erzeugen. Sein Roman bietet neben Spannung und literarischer Dichte auch den historisch gesicherten Blick in eine Epoche, die als Vorreiter für die beiden großen Weltkriege gesehen werden muss. Darüber hinaus erweitert er das Bühnenbild um ein Szenario, der uns heute zu geläufig erscheint. Terrorismus. Es ist mehr als interessant zu erlesen, wie sich diese Gefahr in einer Zeit ausgewirkt haben muss, in der nur Gerüchte und Tageszeitungen als Quellen von Informationen in Frage kamen. Die Verunsicherung der Bevölkerung hatte hier eine völlig andere Dimension.

Der Turm der Welt ist in erster Linie allerbeste literarische Unterhaltung. Jedoch darf man eines nicht unberücksichtigt lassen. Die Relevanz des Buches außerhalb des reinen Lesegenusses liegt im Nachwort des Autors verborgen. Wer sich recherchierend durch das Paris unserer Zeit bewegt, um einen Roman zu schreiben in dessen Zentrum ein terroristischer Anschlag auf den Eiffelturm steht und wer dann erleben muss, wie die Realität von Terroranschlägen zerrissen wird, der hat als Autor viel zu verarbeiten. Die Widmung seines Romans trägt diesen Erlebnissen Rechnung. Lesenswert. Groß.

Ich werde Benjamin Monferat zur Frankfurter Buchmesse treffen und für Literatur Radio Bayern interviewen. Sein Nachwort hat mich nachdenklich gemacht und alleine schon daraus ergeben sich viele Fragen zu seinem Schreiben. Ich möchte jedoch auch dem Pseudonym auf den Grund gehen, das zu „Welt in Flammen“ noch geschlossen war, nun jedoch auch offiziell gelüftet wurde. Stephan M. Rother und Benjamin werden sich also „gemeinsam“ meinen Fragen stellen und ich bin schon sehr gespannt auf das Gespräch. Nachdem ich im Roman lesend Unmengen Absinth zu mir nehmen durfte, bin ich auch sehr gespannt, ob er dieses Kultgetränk dieser Zeit schreibend genoss. Es wird spannend…

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Hier geht es zum Buchmesseinterview am Stand des Rowohlt Verlages

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Coming soon: Das Interview mit Benjamin Monferat / Stephan M. Rother von der Frankfurter Buchmesse 2016 – Literatur Radio Bayern on the road.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat - Das Interview

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat – Das Interview

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6 Gedanken zu „„Der Turm der Welt“ – Benjamin Monferats Monumentalroman

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