Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

50 Jahre – Der erste Mann auf dem Mond. Ein besonderes Jubiläum. Ein Meilenstein. Wissenschaft und Mensch in perfekter Symbiose und nach jahrelangen Vorbereitungen endlich Sieger über die Schwerkraft und die lebensfeindliche Umgebung im Weltall. So wird Geschichte geschrieben. Menschheitsgeschichte. Oder handelt es sich bei diesem epochalen Ereignis mal wieder nur um Männergeschichte? Das Weltraumprogramm ist eine Männerdomäne in den 1960er Jahren. Die NASA ist eine Ansammlung führender Wissenschaftler und Testpiloten, die sich auf die Mission vorbereiten. Mercury Seven. Sie gehen in die Geschichte ein. Sieben handverlesene Astronauten, die schon 1959 in Washington präsentiert werden und den Kern der bemannten Weltraumfahrt darstellten.

BEMANNT. Nicht befraut. Schon klar. Raumfahrt ist ein Männerding. Zumindest in diesen Jahren. Die NASA war ein Männerding und die Mondlandung 1969 war es auch. Alan P. Shepard. Einer der Mercury Seven – Astronauten. Einer der Wegbereiter. Neil Armstrong – Der erste Mensch (Mann) auf dem Mond. Nichts dran zu rütteln. Ehrlich? Und was ist mit Mercury 13? Nie etwas davon gehört? Dann wird es Zeit. Die „13“ sagt etwas über die Anzahl der Beteiligten an diesem Programm aus. Und das ist jetzt mehr als interessant, denn diese Mission ist ein FRAUENDING! Pilotinnen. Astronautinnen und Weltraumpionierinnen. Nur kurz nach Bekanntgabe der legendären „Seven“ fand ein zweites Auswahlverfahren statt. Das Ziel: Den Beweis anzutreten, dass Frauen die Tests ebenso gut bestehen würden, wie ihre männlichen Vorreiter. Space Girls. Heute ein fast verschwundener Baustein der Weltraumfahrt. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

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Space Girls von Maiken Nielsen

„Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann!“

Diese und ähnlich lautende Aussagen im Rahmen einer offiziellen Anhörung vor einem NASA-Subkomitee beendeten den Traum vieler Frauen, gleichberechtigter Teil der Weltraumgeschichte zu werden. Und das nachdem 13 von ihnen bewiesen hatten, dass sie die Eignungstests ihrer männlichen Kollegen mit vergleichbaren Ergebnissen absolvieren konnten. Der Beweis war erbracht und trotzdem traf jene Frauen die Keule männlicher Ignoranz. Ihre Geschichte wurde immer nur am Rande erwähnt. Die Folgen dieser Ablehnung jedoch spürten sie nachhaltig. Arbeitslosigkeit, weil sie unerlaubt am Auswahlverfahren teilgenommen hatten. Gesundheitliche Spätfolgen, weil sie in dieser Testreihe mit radioaktivem Material belastet wurden. Und menschliche Enttäuschung.

Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Zeit, das Mäntelchen des Schweigens zu lüften und den „Space Girls“ Ehre zu erweisen. Zeit, der Hamburger Autorin und Fliegerin Maiken Nielsen in ihren Roman zu folgen und Teil dieser legendären Mercury 13 Crew zu werden. Sie setzt den Pionierinnen ein literarisches Denkmal. Und gar nicht so ganz nebenbei zeichnet sie das Rollenbild der Frau in den 1960er Jahren am Beispiel dieser Männerdomäne exemplarisch auf. „Space Girls“, erschienen im Wunderlich Verlag, ist alles, nur kein Frauending. Ich habe das Buch gelesen und erweise dem Roman meine Referenz, weil ich ihn für relevant, lehrreich und in höchstem Maße unterhaltsam halte.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls ist im klassischen Sinne ein historischer Roman, weil er dem verbrieften Setting fiktionale Charaktere hinzufügt, an deren Seite wir das Geschehen hautnah und unmittelbar erleben können. Maiken Nielsen hat hierdurch zweierlei erreicht. Einerseits legt sie kein reines Sachbuch oder eine trockene Dokumentation der Ereignisse vor und zum Zweiten gelingt es ihr, mit ihren Protagonistinnen gleichzeitig eine Ebene erzählbar zu machen, die ihren Roman zu einem komplexen Kaleidoskop der US-amerikanischen Weltraumgeschichte macht. Es sind die beiden deutschen Weltkriegsflüchtlinge Martha und ihre Tochter Juni, die den eigentlichen Erzählraum Mercury 13 erweitern. Hier wird der Anteil deutscher Wissenschaftler am US-Weltraumprogramm deutlich. Hier verwebt die Autorin ihre Fäden von Wernher von Braun zur Raketenforschung der Nazis, bis in die Zwangsarbeiterlager und die Entwicklung der V-2 Vernichtungswaffe. Hier erzählt sie von zwei Frauen, die das Land verlassen haben, weil sie um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, ebenso wie Junis Großvater im Arbeitslager liquidiert zu werden.

Hier erzählt die Schriftstellerin eine Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht nur historisch relevant ist, sondern die Motivation von Juni greifbar werden lässt, sich am Auswahlverfahren von Mercury 13 zu beteiligen. Sie folgt ihrem hingerichteten Großvater. Sie will in einer Rakete fliegen, an deren Entwicklung er bis zu einem Verrat beteiligt war. Sie wirft alles in die Waagschale. Hier skizziert die Autorin keine einfache Romanfigur. Sie stattet Juni mit allem aus, was man sich von einer Heldin im positiven Sinne erhofft. Ecken und Kanten, Kampfgeist bis zum Letzten und einen Charakter, an dem man sich während der gesamten Handlung orientieren kann. Wer Juni nicht mag, dem ist literarisch nicht weiterzuhelfen. Maiken Nielsen öffnet in „Space Girls“ gleich zwei Fässer, die man bei der NASA gerne ganz tief im Keller verstecken würde.

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Die Tatsache, dass die spätere Apollo-Mission auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die man der Nazi-Diktatur zu verdanken hat und, dass man der Leistung einiger hochtalentierter Frauen einen unverzeihlichen Riegel vorgeschoben hat. Beide Fässer beinhalten den Stoff, aus dem gute Romane gemacht sind. Perfekte Recherche, sicher verbriefte historische Personen und ganz eigene Protagonisten, die authentisch aus der Zeit in unsere Hände fallen. Der Blick, den sie uns durch diesen Roman auf die frühen Phasen der Weltraumfahrt gewährt, ist unschätzbar. Das Lesetempo wird von einer in jeder Beziehung bewundernswerten jungen Frau vorgegeben. An Junis Seite erleben wir Verzweiflung, Hoffnung, Niederlage und ein ungebrochenes Kämpferherz. Hätte es Juni wirklich gegeben, sie hätte es verdient ein legendäres Zitat in abgewandelter Form zur Erde zu schicken.

Dies ist ein kleiner Schritt für eine Frau, aber ein riesiger Sprung für die Frauen.

LESENSWERT. Kein Frauending. Gerade auch für Männer erhellender Lesestoff.

Damit ist der Roman auch ein deutlicher Fingerzeig auf die heutige Gesellschaft. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine angemessen proportional gleiche Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen und Gleichberechtigung im Rollenbild hätten sich wohl drastisch anders entwickelt, hätte man nicht erst im Jahr 1983 mit Sally Ride die erste US-Amerikanerin mit der Challenger in den Weltraum geschickt. Übrigens: Walentina Wladimirowna Tereschkowa hat dies als Kosmonautin bereits 20 Jahre zuvor erlebt. Sie war 1963 die erste Frau im Weltraum und auch die einzige Frau in der Geschichte, die allein flog, also ohne Begleitung männlicher Kollegen. Und all das, während wir uns eher an den ersten Affen oder den ersten Hund im Weltall erinnern. Albert und Laika. Lässt sich die Benachteiligung von Frauen besser dokumentieren? Ich denke nicht!

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen / Wunderlich Verlag / 432 Seiten / 22 Euro

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Und jetzt noch die Gewinner des Mondeulen-Specials zum 50. Jubiläum:

„Sarah aus dem Elbtal“ und „Mikka Liest“. Herzlichen Glückwunsch. Unsere Eulen machen sich auf den Weg. Und dann wird es schwerelos bei Euch. Habt Spaß.

„Der Turm der Welt“ – Benjamin Monferats Monumentalroman

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Manchmal lassen sich Bücher sehr gut mit Filmen vergleichen. Beide Kunstformen haben bestimmte Wesensmerkmale gemeinsam, die das Kategorisieren erleichtern. Es gibt die klassischen Zwei-Personen-Kammerspiele, die in einem engen Erzählraum auf das Wesentliche reduziert, von ihren Dialogen und der sehr überschaubaren Anzahl an Schauspielern leben. Es gibt Low-Budget-Verfilmungen, die selbst in ihren Kulissen auf verschwenderische Dekoration verzichten müssen. Und zuletzt gibt es Filme, die in der Geschichte dieser Kunstform fast ausgestorben sind: Monumentalfilme.

Die hohe Anzahl an Hauptdarstellern und Statisten, ein reichhaltiger Fundus höchst authentischer Kostüme, Kulissen, die ihren Originalen in nichts nachstehen und extrem hohe Produktionskosten zeichnen dieses Genre der Filmkunst aus. Die epische Breite solcher Produktionen und die immensen Kosten schrecken Regisseure heute davon ab, das Risiko des Scheiterns einzugehen und so verschwinden diese Filme immer mehr in der Versenkung. „Die zehn Gebote“ und „Cleopatra“ sind längst Geschichte. Vielleicht sind „Der Hobbit“ und „Game of Thrones“ die letzten Monumentalfilme ihrer Art.

Und hier kommen wir zur Literatur. Wenn es Monumentalfilme gibt, dann ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ihre literarischen Vorlagen ebenso monumental angelegt sind, wobei sich Autoren während des Schreibens keinerlei Gedanken darüber machen, ob ihr Werk cineastisch umzusetzen ist. Ihre Kulissen kosten nichts, eine Besetzung mit Protagonisten und Statisten kann sich aus dem Füllhorn der Fantasie bedienen und die Gagen der Akteure sind überschaubar niedrig. Monumentalbücher bieten ihren Autoren das volle Spektrum eines epischen Szenarios für ihre jeweilige Geschichte.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt und Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Wenn ich an Monumentalromane in meinem Bücherregal denke, dann fallen sie oft schon durch ihren Umfang auf. Ich erinnere mich an wochenlanges Eintauchen in groß angelegte Erzählwelten, meine Versuche, das überbordende Dramatis Personae in den Griff zu bekommen und die anderen Bücher, die ich währenddessen nicht lesen konnte. Monumentalromane müssen sich für den Leser lohnen, sein Leben bereichern und auf keinen Fall nur dadurch episch erscheinen, weil sie mit Füllmaterial auf Länge getrimmt sind. „Welt in Flammen“ aus der Feder von Benjamin Monferat fällt mir sofort ins Auge, wenn ich daran denke, was einen solch imposanten Roman auszeichnet.

Genau dieser Benjamin Monferat würde wohl jeden Filmproduzenten zur Weißglut treiben, da die Komplexität seiner Bücher alles andere als sparsam mit Ressourcen an Mensch, Kulisse, Dekoration, Kostüm und Schauplätzen umgeht. Sein Schreiben kennt keine Grenzen und Leser müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich mit einem neuen Monferat anfreunden wollen. Sie sollten wissen, dass er am Ende seines Castings über eine Schar von Protagonisten verfügt, die er durch seine Geschichte und die facettenreiche angelegten Szenarien zu domptieren hat.

Der Turm der Welt“. So heißt sein neuester Schmöker (wie ein Monumentalbuch in der literarischen Umgangssprache auch bezeichnet werden kann). Mit seinen fast 700 Seiten verspricht der bei Wunderlich erschienene Roman einen erneut sehr opulenten Lesegenuss und viele Tage kontemplativer Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die zwar in ein historisch authentisches Szenario platziert wurde, jedoch keinesfalls als historischer Roman zu bezeichnen ist. Benjamin Monferat schreibt keine historischen Romane, er bettet seine Geschichten ein und lässt seiner kreativen Seele freien Lauf.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Herzlich willkommen also zur Pariser Weltausstellung von 1889. Sie ahnen schon, dass allein bei der Auswahl des historischen Kontextes für diesen Roman der erste und wichtigste Grund verborgen ist, warum man ihn als monumental bezeichnen kann. Die Welt wurde hier nicht ausgestellt, sie wurde verändert. Nachhaltig. Und ebenso wurde das Stadtbild von Paris verändert, denn ohne diese Weltausstellung kein Eiffelturm und ohne diesen „Turm der Welt“ kein Roman von explosiver Strahlkraft und historischer Genauigkeit in der Beschreibung der Rahmenbedingungen für einen Politthriller.

Benjamin Monferat gelingt es, die Stimmung dieser Zeit so spürbar zu transportieren, dass man als Leser mit dem Roman eine Eintrittskarte zur „Exposition Universelle“ in die Hand gedrückt bekommt und staunend in das neue Zeitalter wandern darf. Nicht nur der Eiffelturm gehört zu den Kulissen des Romans, auch die Ausstellungshallen selbst. Man bekommt schnell ein Gefühl dafür, an welcher Zeitenwende man sich befindet und welche Erfindungen, damals noch belächelt, heute unentbehrlich sind. Von Edison und seinem Phonographen bis hin zu Daimlers erstem Motor reichte das Spektrum und fast nebenbei gab sich das Who is Who der Weltprominenz ein Stelldichein in Paris.

Was dem monumentalen Personenregister des Romans einen weiteren Stempel aufdrückt. Denn neben gekrönten Häuptern, Erfindern und sonstigen Prominenten ist es auch ein gewisser Buffalo Bill, der mit seiner Wild-West-Show ganz Paris begeistert. Natürlich war diese Weltausstellung alles andere als unpolitisch, und genau an dieser Stelle setzt Benjamin Monferat auf der Grundlage bester Recherche an. Genau hier ist der Zündstoff zu finden, der mit einer 700 Seiten langen Zündschnur durch dieses Buch lodert. Das Hauptziel dieser Ausstellung war es, die Größe Frankreichs vor den Augen der ganzen Welt in den Vordergrund zu stellen. Eines Frankreichs, das umzingelt von Monarchien, die einzig funktionierende Republik Europas war und das Gefüge alter und neuer Allianzen auf dem Kontinent gehörig ins Wanken bringen konnte

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

So mutiert die Weltausstellung zum Stellvertreterkriegsschauplatz der Dynastien und Monferat beginnt nun diese explosive Mischung mit seinen fiktionalen Charakteren anzureichern, um ein hochexplosives Pulverfass zu gestalten, das im „Turm der Welt“ seine Metapher findet. Jeder strebt nach dem Höchsten und jedes Mittel ist recht. Was würde also passieren, wenn am Ende der Weltausstellung nicht nur ein Feuerwerk den Nachthimmel von Paris illuminieren würde, sondern just in dem Moment, in dem sich die Mächtigen der Welt auf dem Eiffelturm befinden, genau dieser pulverisiert würde?

Benjamin Monferat konstruiert eine Ausgangslage, die Paris zum Spielball aller nur denkbaren europäischen Geheimdienste macht und die französischen Ermittler auf der Jagd nach den potenziellen Attentätern zu Jägern und Gejagten gleichermaßen werden lässt. Das Panorama der Stadt wird dominiert durch diese Charaktere, die der Autor mit großem schriftstellerischem Geschick in die Zeit fallen lässt. Wir folgen ihnen durch die taumelnde Stadt, folgen einer Edelprostituierten in die Zentren der Macht, suchen mit einem deutschen Offizier nach seiner wahren Herkunft und erleben in den Reihen der französischen Polizei ein blaues Wunder nach dem anderen.

Als dann auch noch der britische Geheimdienst versucht, den eigens angereisten royalen Thronfolger in der Stadt der Liebe vor sich selbst zu schützen, gerät der Tanz um den „Turm der Welt“ zur Polonaise in den Tod. Monferat gelingt es meisterlich, die Akteure seines Romans interagieren zu lassen und aus einer Vielzahl von scheinbaren Zufällen einen großen Plan zu entwickeln, der sich dem Leser Seite für Seite offenbart. Die Kapitelüberschriften, wie „Zündung in 39 Stunden“, lesen sich wie der Countdown zum Unausweichlichen. Staunend und gebannt stehen wir am Ende dieses Romans am Fuße des Eiffelturms und warten auf den großen Knall. Und damit sind wir nicht alleine. 

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Benjamin Monferat gelingt es, das ganz große Kopfkino zu erzeugen. Sein Roman bietet neben Spannung und literarischer Dichte auch den historisch gesicherten Blick in eine Epoche, die als Vorreiter für die beiden großen Weltkriege gesehen werden muss. Darüber hinaus erweitert er das Bühnenbild um ein Szenario, der uns heute zu geläufig erscheint. Terrorismus. Es ist mehr als interessant zu erlesen, wie sich diese Gefahr in einer Zeit ausgewirkt haben muss, in der nur Gerüchte und Tageszeitungen als Quellen von Informationen in Frage kamen. Die Verunsicherung der Bevölkerung hatte hier eine völlig andere Dimension.

Der Turm der Welt ist in erster Linie allerbeste literarische Unterhaltung. Jedoch darf man eines nicht unberücksichtigt lassen. Die Relevanz des Buches außerhalb des reinen Lesegenusses liegt im Nachwort des Autors verborgen. Wer sich recherchierend durch das Paris unserer Zeit bewegt, um einen Roman zu schreiben in dessen Zentrum ein terroristischer Anschlag auf den Eiffelturm steht und wer dann erleben muss, wie die Realität von Terroranschlägen zerrissen wird, der hat als Autor viel zu verarbeiten. Die Widmung seines Romans trägt diesen Erlebnissen Rechnung. Lesenswert. Groß.

Ich werde Benjamin Monferat zur Frankfurter Buchmesse treffen und für Literatur Radio Bayern interviewen. Sein Nachwort hat mich nachdenklich gemacht und alleine schon daraus ergeben sich viele Fragen zu seinem Schreiben. Ich möchte jedoch auch dem Pseudonym auf den Grund gehen, das zu „Welt in Flammen“ noch geschlossen war, nun jedoch auch offiziell gelüftet wurde. Stephan M. Rother und Benjamin werden sich also „gemeinsam“ meinen Fragen stellen und ich bin schon sehr gespannt auf das Gespräch. Nachdem ich im Roman lesend Unmengen Absinth zu mir nehmen durfte, bin ich auch sehr gespannt, ob er dieses Kultgetränk dieser Zeit schreibend genoss. Es wird spannend…

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Mit einem Klick zum Interview mit Benjamin Monferat

Hier geht es zum Buchmesseinterview am Stand des Rowohlt Verlages

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

Coming soon: Das Interview mit Benjamin Monferat / Stephan M. Rother von der Frankfurter Buchmesse 2016 – Literatur Radio Bayern on the road.

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat - Das Interview

Der Turm der Welt von Benjamin Monferat – Das Interview

Welt in Flammen – Literarisches Kopfkino von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Man nehme ein beliebiges historisches Datum in der gar nicht jungen Vergangenheit (vielleicht den 25. Mai 1940) und versetze sich dann als Autor tief in die Denkwelt der Menschen, die genau zu diesem Zeitpunkt ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Dann wähle man sich ein wundervolles Land aus (Frankreich zum Beispiel), in dem die eigene Geschichte beginnen soll, und schon hat man den situativen Rahmen für einen Roman.

Danach konstruiere man eine fiktive, aber bitte sehr plausible Ausgangssituation, die tragfähig genug ist um eine immerhin 800-seitige Handlung in Schwung zu versetzen und mit einer solchen Dynamik auszustatten, die dem geneigten zukünftigen Leser die buchigen Schweißtropfen ins Gesicht zaubert. Dabei achte man darauf, das beachtliche Kunststück zu vollbringen, einen auf den ersten Blick historischen Stoff so zu erzählen, dass er eine zeitlose Dynamik erhält, und die Auswirkungen von Geschichte auf unsere Gesellschaft mehr widerspiegelt, als man es auf den ersten Blick wahrhaben möchte.

Was noch fehlt ist ein literarisches Erzählbiotop, in dem man die soeben gestaltete literarische Freiheit fast grenzenlos ausleben kann, ohne dabei jedoch auszuufern und den roten Faden zu verlieren. Ein geschlossener Erzählraum bietet sich hier an und schon kann es losgehen mit einem Roman, der mit Sicherheit nicht als „historisch“ bezeichnet werden kann, aber das Zeug dazu hat, selbst Geschichte zu schreiben.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Schon sind wir mittendrin in einem der wohl außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres. „Welt in Flammenvon Benjamin Monferat (Wunderlich Verlag), vereint die skizzierte Ausgangssituation mit der großen Erzählkunst eines Autors, der bisher unter dem Namen Stephan M. Rother in sehr vielen Facetten von sich Reden gemacht hat. Schauspieler, Autor historischer Romane, Journalist und vieles mehr. Also ein absolutes Multitalent besonderer Güte, das uns nun auf eine besondere Reise entführt.

Frankreich liegt am Boden. Der Zweite Weltkrieg scheint bereits zu Beginn des Jahres 1940 verloren zu sein. Das Land steht kurz vor der Kapitulation. Und was könnte die geschundene französische Seele mehr verletzen, als die eigene bittere Niederlage in jenem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne einzugestehen, in dem man noch vor wenigen Jahren die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelte?

Wenn schon den Krieg verlieren, dann doch zumindest noch der Nazi-Diktatur einen emotionalen Tiefschlag versetzen, so lautet das Ziel der Resistance und es gilt schnell zu handeln, um den „heiligen“ Waggon außer Reichweite der Besatzer zu bringen. Was liegt näher, als eben diesen Waggon an den letzten Zug anzukoppeln, der das bedrohte Paris verlassen kann. Der Simplon Orient Express wird zum Fluchtfahrzeug für eine nationale Legende.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Nun hat er seine Ausgangssituation und auch seinen geschlossenen Erzählraum. Was könnte geeigneter sein, als ein durch das fast besetzte Europa fliehender Zug mit einer Mission und einer illustren Schar von Mitreisenden, die der nun immer rasanter werdenden Handlung ihren unvergleichlichen Stempel aufdrückt? Stephan M. Rother hat mit einem genialen Kunstgriff die Basis geschaffen, seine Leser einzuschließen, ihnen den Fluchtweg zu versperren und die Notbremsen durch Cliffhanger unerreichbar zu machen. Ein Luxuszug als Erzählraum. Volldampf voraus.

Hier treffen wir auf die lebenden Anachronismen, die den Orient Express zu einem Panoptikum der damaligen Weltordnung mutieren lassen. Gekrönte Häupter, die jetzt damit leben müssen, Gemeinschaftstoiletten zu benutzen. Eingefleischte Kommunisten in einem Zug, der als DAS Synonym für den Begriff Luxus steht. Überlebende eines Zarenhauses, denen in der eigenen Heimat keine Zukunft mehr gegönnt ist. Anhänger des grausamen Nazi-Regimes in geheimer Mission. Katholische Würdenträger, die im tiefen Gewissenskonflikt zwischen Wegschauen und Mitwisserschaft des Holocaust hin- und hergerissen sind. Deutsche Widerstandskämpfer auf der verzweifelten Suche nach Unterstützung. Und doch ist niemand an Bord dieses Zuges derjenige, der er zu sein scheint oder vorgibt.

Die Summe der Widersprüche an Bord des Orient-Express lässt eine Schnittmenge entstehen, die eine explosive Stimmung erzeugt, und sollte es einmal ein wenig ruhiger sein im Zug, dann hängt man unterwegs einfach einen Gesellschaftswagen an, der diese Bezeichnung wahrlich konterkariert. Den Luxuswagen der Führung des Dritten Reichs mit einigen offiziellen Vertretern der 1000-jährigen Machthaber. Ein bizarres Wechselspiel um neue und alte Machtansprüche beginnt. Historische Konflikte wechseln sich mit völlig neuen Brandherden ab, und der gesellschaftliche Schmelztiegel Orient Express lässt sich nicht mehr bremsen. Eine tolle Fahrt. Steigen Sie ein, bevor es zu spät ist, denn im letzten Waggon tickt etwas, das dort gar nicht ticken dürfte. 

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ebenso wenig, wie „Welt in Flammen“ ein historischer Roman ist, kann man diese Rezension als eigentliche Rezension empfinden. Mich hat das Buch in der typischen Leseumgebung eingeholt. Ich las es auf meinen täglichen Fahrten in Zügen und S-Bahnen und insofern ist meine Perspektive eine mehr als individuelle. Ich saß plötzlich nicht mehr auf einer kaum gepolsterten Bank, empfand nicht mehr die Eiseskälte eines ungeheizten Nahverkehrszuges, suchte nicht weiter nach doch nicht vorhandenen Speisewagen und verzehrte mich nach der Anwesenheit prominenter Mitreisender, die etwas zu erzählen hätten.

Ich fühlte die Seide der dicken Polster, dinierte mit gekrönten Häuptern und reichen Amerikanern, wurde vom Personal bestens umsorgt, erlebte die abendliche Umrüstung meiner Sitzbank in die gemütliche Nachtkonfiguration und genoss mein eigenes kleines Abteil im Simplon Orient Express. Ich schreckte verwirrt auf, wenn Schüsse durch den Zug peitschten und half dabei, eine Leiche im Tunnel aus dem offenen Waggon zu werfen (wobei ich mich nicht unerheblich erkältete) und ich erwachte irritiert an den Endstationen meines Lesens, die mich in die Realität zurückwarfen.

„Welt in Flammen“ löste ein Kopfkino-Erlebnis der ganz besonderen Art bei mir aus und ich werde die Fahrten mit diesem Buch niemals vergessen. Diese Erlebnisse teilte ich in kleinen Stationen auf meiner Facebookseite mit und als dann der Autor persönlich neben mit Platz nahm, und mir ein wenig mehr über eine Burg und einen besonderen Säbel erzählte, spätestens da war dieses Lesen eine der wundervollsten Buch-Erfahrungen für mich. Wie grandios man doch heute unterhalten werden kann und wie grandios diese Fehleinschätzung von der puren Unterhaltung doch sein kann… Das habe ich am eigenen Leib erfahren, denn…

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

In dieser persönlichen Fehleinschätzung liegt für mich der wahre Wert und die Größe dieses Romans verborgen, denn er hinterlässt bei aller guten Unterhaltung und der kurzweilig spannenden Atmosphäre eine Vielfalt von Gefühlen, die man erfühlen muss, um heutige Konflikte besser verstehen zu können. Stephan M. Rother gelingt es wie kaum einem zweiten Schriftsteller, diese tiefe Gefühlsebene so direkt indirekt zu erreichen.

Ich habe gefühlt, was es für einen Russen bedeutet, wenn er von Heimat spricht. Habe mit der stolzen französischen Seele tief in die Wunden der Geschichte geschaut. Habe das schlechte Gewissen katholischer Geistlicher angesichts der Ignoranz des damaligen Papstes gegenüber dem unsäglich schrecklichen Holocaust ertastet. Habe die wirre Machtgier winziger Usurpatoren geschmeckt, denen auf der Verstandesebene nicht beizukommen ist. Wurde Zeuge von grenzenlosem Fanatismus, der ungesteuert im fatalen Extremismus endet. Und ich habe die Leidenschaft gefühlt, die oftmals mehr Triebfeder ist als jede Ideologie.

„Welt in Flammen“ erzählt vielleicht gar nicht von einer vergangenen Welt, die sich selbst flambiert hat. Nach dem Lesen bleibt eine Gefühlsebene zurück, von der wir uns zu oft entfernen, um den Dingen rein versachlicht auf den Grund zu gehen. Konflikte werden Lösungen zugeführt, die das Gefühl der Betroffenen in keinster Weise beachten. Diese indirekte Injektion hat gesessen und ich hoffe, dass viele Leser dieses Gefühl teilen, wenn sie den Orient Express verlassen. Denn man verlässt ihn verändert.

„Die Würde dieses Buches ist unantastbar“, weil es dem Wesen des Menschen im Gestern, Heute und Morgen vorurteilsfrei gerecht wird und Ideologien an den Pranger der Realität stellt. Ein großes Buch und eben weil es nicht rein historisch, sondern eher perspektivisch ist, auch ein Roman, dem ich in meiner ganz eigenen Leselandschaft Vergissmeinnicht unter den Büchern gegen das Vergessen einen großen Bahnhof mache.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ich liebe es, von Autoren mehrfach in eine ganz besondere Zeitmaschine verfrachtet zu werden und dann Kopfkino in Großformat zu erleben. Benjamin Monferat / Stephan M. Rother hat in seinem letzten Roman die „Welt in Flammen“ gesetzt und ich musste 1940 im Simplon Orient Express aus Paris fliehen, nur um erneut in die Stadt an der Seine zurückzukehren.

Gleicher Ort, gleicher Autor, doch irgendwer hat an der Uhr gedreht. Wir schreiben das Jahr 1889 und der Eiffelturm ist funkelnagelneu. Die Weltausstellung steht vor der Tür und es könnte so schön sein, wäre nicht genau diese Welt politisch aus den Fugen geraten.

Paris – Tummelplatz der Intrigen und Verschwörungen. Ich fürchte, der Herr Autor hat auch diesmal gewaltig gezündelt. Auf nach Paris. Ganz nach oben auf den Turm der Welt. Encore une fois.

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft...

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft…