[Gegen das Vergessen] „Tage der Nacht“ von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

„Erst seit dem Überfall liegt er wieder viel wach: Er ist ein alter Mann und er lebt mit seiner jungen Frau in einem Landhaus im Westen Englands.“

ER ist große Kunst und Herausforderung zugleich. ER muss genau „sitzen“, damit es dem Schriftsteller gelingt, seine Leser neugierig zu machen. ER ist die Rezeption eines guten Romans. Er ist Portier und Türsteher zugleich und ER entscheidet oft, ob nach dem ersten Blick in eine Leseprobe oder ein zufällig aufgeschlagenes Buch auch ein zweiter folgen wird. ER ist die Visitenkarte des guten Lesens:

DER ERSTE SATZ!

Wenn genau dieser erste Satz es vermag, seinen Leser nicht mehr loszulassen und ihn zum Lesen des zweiten Satzes zu verführen, dann ist viel geschafft. Dann steht die Tür zu einem Buch weit offen und aus genau diesem Grund ist es so wichtig, diesen Eingangsbereich so spannend wie nur irgend möglich und so geheimnisvoll wie nötig  zu gestalten. Genau dies ist Yorck Kronenberg gelungen. Er nimmt nichts vorweg und verrät doch viel. Er erzeugt mit dem Wort „Überfall“ ein Gefühl von Spannung und deutet mit dem Altersunterschied des Ehepaars ein Konfliktpotential an, über das in sich schon viel diskutiert werden kann.

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht (dtv) ist jedoch viel mehr als ein Roman über ein ungleiches Paar, dessen männliche Hälfte nach einem Überfall nicht mehr schlafen kann und die Nacht zum Tag macht, wie es der Titel vermuten lassen könnte. Dieser Roman ist ebenso facettenreich wie sein Schöpfer selbst, denn auch Kronenberg selbst ist viel mehr, als man vielleicht vermuten könnte. Vielschichtig und facettenreich:

Yorck Kronenberg ist vielfach ausgezeichneter Pianist, studierter Komponist und Schriftsteller. Sein inzwischen vierter Roman lässt nun darauf schließen, dass sich ein Künstler in beiden Welten etablieren kann. Vielleicht spürt man dies an der Art, wie er schreibt. Vielleicht spürt man es an der Methode, mit der er seine Bücher komponiert und vielleicht ist hier das Geheimnis der Magie seiner Sprache verborgen.

Die Ouvertüre haben wir mit dem ersten Satz genossen. Sie deutet einige Themen und Melodien an, die wir an vielen Stellen im Roman wiedererkennen werden. Sie lässt dabei jedoch genügend Spielraum für Variationen und abrupte Tempowechsel und hält  das eigentliche Thema noch geheim. Unser Blutdruck steigt lesend beim Gedanken an einen Überfall und romantische Fantasien schwingen aus dem Orchestergraben, wenn wir uns eine Beziehung zwischen einem älteren Mann und einer deutlich jüngeren Frau vorstellen. Wo mag ihr Geheimnis liegen?

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Wohin wird uns die Melodie tragen, wenn sie unterschiedliche Themen der Handlung miteinander vereint? Aber beginnen wir doch dort, wo die schlaflosen Nächte des alten Mannes beginnen. Bei dem nächtlichen Überfall auf das Paar. Der Spannungsbogen der Handlung wird um Elemente bereichert, die aus einer kleinen Anfangsmelodie eine große Komposition werden lassen. Die zentralen Themen können mit „Ohnmacht“, „Hilflosigkeit“ und „Verdrängung“ überschrieben werden. Genau diese Leitthemen werden uns durch das Buch begleiten. Manchmal recht dissonant und doch miteinander harmonierend.

Der Überfall verlief unspektakulär. Eigentlich. Und doch hinterließ er die Spuren, die solche Eingriffe in den geschützten Bereich der Privatsphäre in der Psychologie ihrer Opfer hinterlassen. Anton (der Ehemann) wird auf einem Stuhl gefesselt und bewacht, während seine junge Ehefrau Franziska von maskierten Tätern in einen Nebenraum gebracht wird. Der Rest entzieht sich Antons Blick.

Ohnmacht und Hilflosigkeit machen sich in dem ehemaligen Literaturwissenschaftler breit. In der eigenen Wohnung chancenlos ausgeliefert zu sein, und seiner Frau nicht helfen zu können macht ihn schier wahnsinnig. Auch wenn sie beteuert, dass ihr nichts geschehen ist und nicht viel gestohlen wird, bedeutet dieser Eingriff den völligen Verlust von Antons Selbstbewusstsein.

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Manchmal sind Dinge die nicht geschehen sind viel schlimmer für die Psyche, als real erlebte Verletzungen. Die nachhaltig bohrenden Fragen „Warum habe ich nichts unternommen“, „Was hätte passieren können“, „Wie wäre ich nur damit fertiggeworden, wenn man meine Frau vergewaltigt hätte“, „Wie könnte ich mit dieser Schuld leben“ und „Wieso fehlte mir der Mut, sie zu beschützen“ drehen Endlosschleifen im Hirn des alten Mannes.

Mit achtzig Jahren möchte man diese Erfahrung nicht mehr machen. In dem Alter möchte man nicht aus der Sicherheit seines Lebens herausgerissen werden. Anton beginnt an sich selbst zu zweifeln und damit beginnen auch die Zweifel, ob Franziska ihm jemals wieder vertrauen kann. Der harmlose Überfall wird zum Terroranschlag auf das Selbstwertgefühl des Opfers.

Aber das ist es nicht allein, was Anton verzweifeln lässt! Yorck Kronenberg mischt dem Thema des Überfalls eine sehr leise Melodie aus längst vergangener Zeit bei. Eine Melodie, die untergegangen war und die von Anton verdrängt wurde, als habe er sie nie gehört. Und doch wird sie lauter und so, wie sich die Melodien zu überlagern beginnen nimmt das Tempo in den Kapiteln zu, gewinnt das Schreiben Kronenbergs an Kontur. Die Schatten der Vergangenheit ziehen auf und ein nie bewältigtes Erlebnis beginnt das Hier und Jetzt zu überlagern.

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Tage der Nacht von Yorck Kronenberg

Kronenberg schlägt gewaltige Dissonanzen an, als er damit beginnt, die Geschichte des jungen Anton zu erzählen. Es ist die Marschmusik der Nazis, die man zu hören scheint. Es ist das Geigenspiel von Antons Vater, das den Jungen durch seine frühen Jahre begleitet. Es ist die nicht vorhandene Harmonie zwischen Diktatur und Künstler, die fühlbar wird und es ist dieser eine Tag, der sich so sehr ins Gefühl des jungen Anton gebrannt hat, dass er für alle Zeit im Vakuum des Vergessens versiegelt wurde.

Nun erinnert er sich in hohem Alter an diesen dunkelsten Moment seines Lebens. Jenen Moment, in dem er hilflos und ohnmächtig mit ansehen musste, wie man seinen Vater abführte. Den Moment, der ihn chancenlos zurückließ und ihm seine Ohnmacht vor Augen führte. Den Moment, in dem eine kleine Familie von den braunen Monstern zerstört wurde. Nie wieder wollte er diese Ohnmacht erleben. Nie wieder wollte er Opfer sein. Und nun? Scheint sich alles zu wiederholen. Aber nicht mit ihm: Anton erhebt sich, verlässt das Haus und beginnt etwas, das ihm als Kind nicht möglich war:

Die Suche nach den Tätern.

Yorck Kronenberg hat einen packenden Roman über Ohnmacht und Verdrängung komponiert. Er formuliert virtuos und schreibt, als würde er mit jedem einzelnen Satz darum kämpfen seine Leser nicht zu verlieren. Um ihnen den Rest der Geschichte zu erzählen. Um nicht ohnmächtig dabei zusehen zu müssen, wie man seine Geschichte verlässt und das wichtigste Thema verpasst, das man zwar zwischen den Zeilen immer wieder zu hören glaubte, das er aber ganz langsam entwickelt, bevor er ihm im furiosen Finale der Erkenntnis freien Lauf lässt. Dieses Thema trägt den Titel „Schuld“.

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Ein grandioser Roman „Gegen das Vergessen“ vor dem man nicht fliehen kann. Eine Vergangenheit vor der man nicht fliehen kann. Eine Buchmelodie, die man nicht vergisst.

Ich freue mich sehr darauf, Yorck Kronenberg auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu dürfen. Auch meine Fragen folgen dabei einer ganz besonderen Melodie. Bleiben sie gespannt.

Yorck Kronenberg im Interview mit Literatur Radio Bayern... bald

Yorck Kronenberg im Interview mit Literatur Radio Bayern… bald

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2 Gedanken zu „[Gegen das Vergessen] „Tage der Nacht“ von Yorck Kronenberg

  1. Pingback: [FBM15] Die kleine literarische Sternwarte auf Reisen | AstroLibrium

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