[Auf Buchfühlung] Günter Grass – Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Habt Ihr schon mal einen Brief von einem langjährigen Wegbegleiter bekommen, den dieser zwar noch zu Lebzeiten schrieb, der Euch allerdings erst nach seinem Tod erreichte? Könnt Ihr Euch in meine Gefühlswelt hineindenken, zwar realisiert zu haben, dass ein für mich sehr wichtiger Mensch nicht mehr unter uns weilt, ich aber nicht damit gerechnet habe, jemals wieder ein persönliches Lebenszeichen von ihm zu erhalten?

Könnt Ihr euch vorstellen, wie lange Ihr vor diesem ungeöffneten Brief sitzen würdet, und welche Gedankenflüge losgetreten werden könnten? Könnt Ihr Euch dann auch vorstellen, mit welchen Erwartungen Ihr Euch diesen Zeilen nähern würdet, die Euch auf diese Art und Weise erreichten? Ja, ich denke, Ihr könnt Euch ganz gut in meine Lage versetzen, auch wenn es kein Brief ist, der nun vor mir liegt. Es ist ein Buch. Aber das kommt in diesem Fall auf das Gleiche hinaus.

Es handelt sich um das literarische Vermächtnis von Günter Grass. Er arbeitete bis zum letzten Atemzug daran. Beharrlich und akribisch, so wie man ihn kannte. Selbst bei unserer letzten Begegnung in München, als er seine Ausstellung eröffnete und aus einem seiner absoluten Meilensteine las, war ihm klar, dass er irgendwann mitten aus einem Projekt herausgerissen würde, weil seine Zeit endlich sei.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

„Hundejahre“ führten ihn zur 55. Münchner Bücherschau und in gewohnter Agilität und Vitalität entführte er seine Zuhörer in die ganz eigene Welt seines Schaffens. Er blickte zurück, reflektierte und blickte auch nach vorne. Und wie er das tat. Der Saal war gebannt und seine kräftige Stimme hallt noch in mir nach, als er schmunzelnd und mit festem Blick bemerkte:

“Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ 

Das sagte er und doch war mir klar, dass ich ihm wohl zum letzten Mal gegenüber stehen würde. Mein Foto vom leeren Stuhl auf der Bühne entstand genau in diesem Moment der Erkenntnis. Dieser November 2014 ist unvergessen. Wie so viele Momente zuvor. Kurze persönliche Begegnungen, seine signierende Hand in meiner / seiner Blechtrommel. Seine Hand in meiner, den Blick aufmerksam mit meinem verbunden.

Ein Leserleben lang bin ich ihm gefolgt. Bis zum Ende. Im April diesen Jahres blieb sein Stuhl für immer leer. Die Blechtrommel der deutschen Literaturgeschichte hatte aufgehört zu schlagen, ebenso wie das Herz von Günter Grass verstummte. Es dauerte lange, diesen Verlust zu begreifen. Ihn für mich greifbar zu machen. Zu intensiv lebte, lachte und träumte ich in und mit seinen Büchern. Allzu intensiv hassliebte ich ihn in bestimmten Phasen seines Schaffens und Schweigens. Aber ich blieb ihm treu.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Mein Nachruf war alles, nur kein Nachruf. Es fehlten die Worte. Und doch nahm ich leise Abschied von ihm. Seine „Fundsachen für Nichtleser“ reihen sich noch heute in meine Bibliothek des Nobelpreisträgers ein. Einträchtig stehen sie nebeneinander und zeugen von einem großen Leben in der Literatur. Illustriert, aquarelliert, getextet und skizziert. Aufnahmen seiner Lesungen flankieren die Sammlung und sein kleiner Band „Schreiben nach Auschwitz“ thront über allem.

Dieser 13. April 2015 beendete einen meiner wichtigsten literarischen Träume. Und ich ging nicht davon aus, dass (bis auf vielleicht ein paar unveröffentlichte Skizzen) ein letztes Buch von ihm druckreif vorliegen könnte. Bis ich die Nachricht aus dem Steidl Verlag vernahm, dass Günter Grass es tatsächlich geschafft hatte, nicht mitten aus dem Schreiben herausgerissen zu werden. Er hatte es vollendet. Sein letztes Buch mit dem bedeutungsschweren Titel Vonne Endlichkait, in dem alles mitschwingt.

Seine alte Heimat in Danzig mit ihrer unverfälschten Sprache, das Bewusstsein, der Endlich- und Vergänglichkeit und sicherlich auch der innere Antrieb, etwas zu schaffen, das bleibt. Wie in seinen Aquadichten kombiniert Grass in seinem letzten Buch beim Steidl Verlag Wort und Bild. In leuchtendem Weiß kommt es daher, federleicht verziert mit gezeichnetem Gefieder, das sich sanft auf dem Boden der Vergänglichkeit sammelt, nicht mehr flugfähig ohne den Herrn der Lüfte, den es einst zu Höhenflügen brachte.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Und so beginnt mein wehmütiger Abschied mit tröstenden Worten aus der Feder des Wortkunstfliegers. „Vogelfrei sein“ heißt das erste Gedicht, in dem er gegen alle Natur den allerletzten Schub an kreativer Kraft verspürt, die ihn aufstehen, sich erheben lässt. Vogelfrei und federleicht, schwerelos schreiben und die Welt verändern. Eine Kraft, ein Gefühl des Getriebenseins, das sich durch dieses Buch zieht, wie ein roter Faden. Man fühlt und erkennt Günter Grass in und zwischen den Zeilen, man sieht ihn in seinen Zeichnungen und man schafft es nicht, sich seiner Botschaft zu entziehen.

Jetzt bin ich ganz auf Buchfühlung mit ihm. Hier ist er ganz bei sich. Hier schöpft er aus dem Vollen und entzieht sich doch, mangels Anwesenheit, jeglicher Kritik. Schlau gemacht, lieber Günter Grass. Diesen letzten Aufwind zu nutzen und der Kritik dabei doch durch eigenes Verschwinden allen Wind aus den aufgeblähten Segeln zu nehmen. Schadenfreude möchte man an mancher Stelle finden. Satire, die uns alle trifft und Wehmut, die auch Grass beim Schreiben überfällt. All dies ist greifbar.

Und posthum behält er Recht, wenn er über Flüchtlinge schreibt. Wie kein Zweiter kennt er Land und Leute, Vorurteile und ihre Automatismen, nimmt die Rufe „Haut ab“ vorweg und wird in seinem Text mit dem Titel „Fremdenfeindlich“ zum Visionär der großen Fluchtbewegung. Er vergleicht mit der Flucht der Vertriebenen im letzten Krieg. Er mahnt und zeigt auf, weist hin und appelliert. Oh, wie diese Stimme heute fehlt. Den Federn gab er zu diesem Gedicht ein paar Sargnägel bei. Sie sagen alles aus.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Wo der Flug der Freiheit endet, stirbt die Gesellschaft an sich selbst. So viel zu uns. So viel zum Land, dem er sich verbunden fühlte, so viel zur Heimat. Und dann wird er persönlich. Zu uns. Zu sich selbst und alles ohne Pathos oder Wehmut, wenn er den Schlussstrich zieht, bilanziert und „Vonne Endlichkait“ schreibt. Sein Resümee fällt farbig aus, während seine Zeichnungen auf Färbung gerne verzichten. Sein Ausblick ist bewusst gewählt und nicht vermessen.

Dafür kennen wir uns zu gut. Er scheint seine Pfeife kurz aus dem Mund zu nehmen, sich zu räuspern, seinen leicht schelmischen Blick aufzusetzen und stricksockenbefußt mit Stock und all seinen Büchern im Herzen einen letzten Gruß zu entbieten.

JETZT

Ist vorbei und war gewesen.
Jetzt wünscht sich Dauer,
tanzt auf dünnem Seil
und ruft im Sturz noch: Seht,
ich bleib bestehn.

Ich schließe dieses Buch. Im wahrsten Wortsinn und ins Herz. Ich sitze hier mit den Schätzen seines Lebens und fühle wieder seine Hand. Erinnere mich an Momente des Lesens und des Hörens. Mehr als 35 Jahre ist es her, seit ich damals erstmals und nicht letztmalig in ihm verschwand. Und jetzt ruft er mir zu „Ich bleib bestehn“. Die Hand auf Vonne Endlichkait„, ist mir der Abschied plötzlich schmerzhaft leicht. Wenn Lachenweinen je zu hörensehen war. Dann jetzt. Bis in die „UnEndlichkait“ und weit darüber hinaus.

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