Euphoria von Lily King – Wenn Forscher lieben und begehren

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

„In der primitiven Welt von Neuguinea
spielen Streitigkeiten um Frauen
eine beherrschende Rolle.“

Margaret Mead

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Wie ein buchiges Damoklesschwert schwebt das Zitat der weltbekannten Ethnologin Margaret Mead über dem Roman Euphoria von Lily King. Nicht ganz zufällig zieren diese Worte die erste Seite eines Buches, das so locker leicht, farbenfroh und lebendig daherkommt, dass man ganz spontan zu der Ansicht gelangen könnte, hier nur in einen unterhaltsam euphorischen Sommer-Lesegenuss eintauchen zu können. Bunte Federn umschmeicheln den Titel eines Romans, der jedoch alles andere als federleicht ist. Geschweige denn mit einem einzigen leichten Luftzug vom Wind in alle Richtungen davongetragen werden kann. Er ist dauerhaft.

„Euphoria“ ist mehr als ein Roman. Es ist eine Liebeserklärung an eine andere Welt, an die Pioniere der Anthropologie und an die Leidenschaft des unverfälschten Ichs in einem Kulturkreis, der sich so deutlich vom eigenen Weltbild unterschied, dass er seine Entdecker mehr veränderte, als sie es sich jemals vorstellen konnten. Und je tiefer man in diese Kultur einzutauchen versucht, desto mehr läuft man Gefahr, ihr mit Leib und Seele zu verfallen.

Und je mehr man die Ureinwohner des erforschten Landstrichs als menschliche Wesen sieht, umso mehr ist man dann auch geneigt, das eigene Lebensmuster in die Waagschale der Erkenntnis zu werfen und es mit dem eigentlichen Forschungsobjekt zu vergleichen.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

„Es sind Menschen, mit einem voll funktionsfähigen menschlichen Gehirn. Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass sie mein Menschsein in vollem Umfang teilen, wäre ich nicht hier.“ Jetzt hatten ihre Wangen richtig Farbe bekommen. „An Zoologie bin ich nicht interessiert.“

So lernen wir Nell Stone kennen. Eine der wenigen Frauen, die sich der Ethnologie verschrieben haben, dem noch jungen Fach innerhalb der Anthropologie, das sich nicht nur mit dem Menschen an sich, sondern ganz gezielt mit der Völkerkunde beschäftigt, um Unterschiede der Kulturen und ethnischen Gruppen auf der Welt zu erforschen. Nell befindet sich „im Feld“, wie es die Forscher so treffend beschrieben, wenn sie fernab der Heimat ihre Zelte aufschlugen, um ihre Schreibtisch-Theorien zu überprüfen, oder völlig neue Entdeckungen zu machen.

Und dabei ist Nell Stone nicht allein, als sie 1933 die Stämme der Ureinwohner von Papua-Neuguinea erforscht, deren komplexe familiäre Beziehungen katalogisiert, das soziale Gefüge zu verstehen versucht und das oftmals wechselnde Rollenverhalten von Männern und Frauen der Gemeinschaft analysiert. Ihr Kollege und Ehemann Shuyler „Fen“ Fenwick begleitet sie auf ihre Reisen. Dabei sind sie das perfekte Paar für diese umfangreichen Studien. Wo sich die Türen zu einem Männerhaus für Nell verschließen, stehen sie Fen offen, und da wo er keinen Zugang zu den weiblichen Stammeswelten erhält, ist Nell aufgrund ihrer offenen Art gern gesehen und willkommen.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

„Aber unsere Perspektive kann eine gewaltige Spannweite entwickeln, wenn wir zulassen, dass sie sich entfaltet.“

Ein perfektes ethnologisches Team, sollte man meinen. Und doch konkurrieren in ihren Herzen die wilden Kämpfe um die wahre Erkenntnis. Die Exklusivität der eigenen Entdeckung steht im Vordergrund und der erhoffte Ruhm im Heimatland schiebt sich wie eine Trennwand zwischen Nell und Fen. Nicht nur ihre Methoden unterscheiden sich, auch die Art und Weise der Dokumentation ihrer Forschungsergebnisse trennt sie in zwei Lager. Fen schreibt oberflächlich und rein faktisch. Nell`s Aufzeichnungen lesen sich dagegen wie ein moderner Roman:

„Ich will mich einfach in den Moment zurückversetzen können, wenn ich es in einem Jahr wiederlese. Was mir jetzt wichtig erscheint, könnte mir dann unwichtig vorkommen. Wenn ich wieder weiß, was für ein Gefühl das war… dann fallen mir auch Einzelheiten wieder ein.“

Fen beginnt seine Frau um ihre Ergebnisse und Fortschritte zu beneiden. Gewalt wird zum Ventil seines Kontrollverlustes. Das gemeinsame Scheitern und ihre Abreise stehen unmittelbar bevor, als sie auf den völlig auf sich gestellten Ethnologen Andrew Bankson treffen, der plötzlich einen Ausweg aus seiner einsamen Ziellosigkeit erkennt. Völlig fasziniert von Nell greift er zum letzten Strohhalm und präsentiert seinen Kollegen den noch unerforschten Stamm der TAM. Ihr Entschluss zu bleiben verschafft Bankson Zeit. Genau die Zeit, die er mit Nell verbringen will. Das gegenseitige Begehren wächst!

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

Eine dramatische Ménage-à-trois entwickelt sich an den Ufern des Chambrisees und vermischt die seriöse ethnologische Forschung mit den wilden und erotischen Stammesriten des TAM-Stammes. Die vormals unüberwindbaren Grenzen fallen und das europäisch geprägte Frauenbild weicht dem Rollenverständnis des Urvolks, in dem Nell Stone ihre wahre Entsprechung zu finden scheint. Eine Dreiecksbeziehung in einer formlosen Welt nimmt ihren Lauf.

„Sie sah mich an und nickte in das Schweigen zwischen uns, als würde ich noch immer sprechen, zusammenhängend und klar.“

So lässt sich die Faszination für Nell aus der Sicht von Andrew Bankson am besten beschreiben. Blindes Verständnis. Seelenverwandtschaft, Empathie und Verlangen. All dies fehlte ihm, als er dem ungleichen Forscher-Ehepaar begegnete und nun kämpft Bankson um seine kleine Chance, Nell für sich zu gewinnen. Und sei es nur für einen flüchtigen Moment in den Tiefen des Urwalds von Papua-Neuguinea.

„Das ist aus einem Gedicht, das wir im Studium alle geliebt haben. Wein als das Berauschende, Sinnliche und Brot als das Grundlegende, Vertraute.“

Nell und Bankson schweben im heimlichen Gefühl, Wein und Brot füreinander zu sein. In einer einzigen magischen Nacht überlagert die urwüchsige Welt der TAM das eigentlich konventionelle Denken der beiden Europäer. Was mit einer rituellen Massage im Frauenhaus beginnt, setzt sich nicht nur in Nell`s Fantasie fort. Und dies obwohl sie ahnt, welch schreckliche Konsequenzen das für sie haben wird.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

Lily King erzählt keine gänzlich frei erfundene Geschichte, da sie das Leben der Ethnologin Margaret Mead und ihre Irrfahrt zwischen zwei Männern während einer Reise nach Papua-Neuguinea in den Mittelpunkt des Romans stellt. „Euphoria“ wird Margaret Mead in diesem besonderen Ausschnitt ihres Lebens mehr als gerecht. Und trotzdem trennt sich Lily King vom Vorbild und der Inspiration für ihren Roman, weil sie ein Ende verfasste, das dieser ungezügelten Leidenschaft entsprechen sollte.

Genau dies ist ihr gelungen. In jeder Beziehung. Alles endet im American Museum of Natural History. Als Leser sollte man sich sehr gut für dieses letzte Kapitel im Roman wappnen. Es verlangt uns in emotionaler Hinsicht wirklich alles ab, was wir vorher in das Lesen dieses großen Romans investiert haben. Es nimmt uns nachhaltig mit, stimmt mehr als nachdenklich und stellt in meiner ganz persönlichen Lese-Rückschau den glanzvollen Höhepunkt von „Euphoria“ dar. Grandios.

„Und hier“, sagte der Direktor, als wir um die Ecke bogen, „ist ihr ganz spezielles Fleckchen Erde.“ Damit hatte ich nicht gerechnet….

Viele Denkwege führten mich in diesem Roman zur Liebesgeschichte von Tania Blixen in „Afrika – Dunkel lockende Welt„. Vielleicht haben Margaret Mead und Tania Blixen mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick erkennt. Ihr Leben jenseits aller Konventionen, die tiefe Zuneigung zu ihren Geliebten und das Eintreten für Menschen der fremden Kulturkreise konnten sich nur in einer anderen Welt abspielen. Fernab von der Beobachtung durch die strengen Sittenwächter im Europa der 1930er Jahre. Nell Stone wird in „Euphoria“ zu einer Visionärin für ein neues Frauenbild, zur Vordenkerin des aufrichtigen Verstehens fremder Kulturen und letztlich zu einer Frau, die selbst von der verzweifelten Suche nach ihrer eigenen Welt getrieben wird.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King – Mit einem Klick zum Special (Quelle: münchen.de)

Wir haben Lily King am Vorabend der Veröffentlichung ihres Romans „Euphoria“ im Literaturhaus München getroffen. Auf Einladung des C.H. Beck Verlages konnten wir für Literatur Radio Bayern Impressionen der Premieren-Veranstaltung aufnehmen und ihr einige Fragen stellen. Und zwei signierte Überraschungen haben wir auch noch mitgebracht. Lese-Euphorie ohne Grenzen.

Am Freitag, den 24. Juli wird es zu diesen beiden literarischen Unikaten eine Blog-Hopping-Aktion der besonderen Art geben. Die kleine literarische Sternwarte und Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen erwarten Euch zu einem großen audio-visuellen Special auf zwei Literaturblogs.

Stephanie und Raily – ein euphorisches Team!

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Landezone der Artikelspringer im Advent 2015

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47 Gedanken zu „Euphoria von Lily King – Wenn Forscher lieben und begehren

  1. Lieber Arndt,
    das ist so eine wundervolle Buchbesprechung, dass ICH jetzt rote Wangen habe und am liebsten sofort eintauchen möchte…aber nachdem Girl on the Train nun schon eingezogen ist, wird auch Euphoria ganz bald zu mir wandern. Ich mag die Thematik, ich mag Deine Ausführungen zum Buch und bin mir sicher, dass ich in dieser Geschichte versinken werde!

    Danke!

    Liebste Grüße
    Bine

  2. Pingback: “Euphoria” – Zwei Blogs und ein euphorischer Abend | AstroLibrium

  3. Moin
    Ich bin beim Geburtstag des weltbesten Patenkinds . Wie feiern schon seit gestern Abend eine Pyjamaparty
    Das wird heute nix mehr mit der Eulenrettung.
    Euch gutes Gelingen

    • Viel Spaß beim Geburtstag, aber hierhin hastdu dich mächtig verflogen… hier ist nur eine Landemarkierung für die Zukunft… aber irgendwann solltest du hierhin zurückkommen…Schönen Geburtstag….

  4. ‚Du bist in meinem Bauch.‘ sagte die große Eule zur kleinen Eule…
    Und Travestie – Abende soll es hier in Papua Neuguinea auch geben… 😯 Dann dürfen sich auch die Eulchen mal mit fremden Federn schmücken. 😃

  5. Oh Mann, heute war es echt schwierig. Und jetzt auch noch Biologie, oder ist es Genetik? Was passiert, wenn man eine Eule mit einer Rentier-Eule kreuzt … „Ren“tiert sich das denn überhaupt? Also sprunghafter können sie ja kaum noch werden, fliegen können sie auch schon super, vielleicht sehen sie im Dunklen besser. Oder nein, ich weiß – der Schnabel leuchtet in der Nacht und weißt ihnen den Weg, direkt in mein Bücherregal natürlich 😉.

  6. Guten Morgen ihr Forschereulen,
    mein guter Rat: experimentiert lieber nicht einfach ohne Aufsicht herum, was in der Natur so möglich ist. Ich kenne da eine Person, die ist absoluter Experte auf dem Gebiet, den könnt ihr lieber mit Fragen löchern. Dafür müsst ihr auch gar nicht weit fliegen – fragt Arndt und gibt einfach erst Ruhe, wenn ihr alles wisst. 🙂
    Jetzt muss ich los meine Tochter in die Schule schicken, bevor der letzte Arbeitstag des Jahres beginnt. Also ihr Süßen, keinen Unsinn machen und schön auf Arndt hören.

  7. Ich finde es nicht verwunderlich, dass man auf einer Forschungsreise Dinge heraus findet, die man vorher nicht kannte 🙂 . Ist nicht das ganze Leben eine Forschungsreise? Wichtig ist doch nur, wie man mit seinen Forschungsergebnissen umgeht, oder?

  8. Was bin ich froh, dass Hanni und Watson daheim beschäftigt sind, mit Vorbereitungen für die Ankunft von DEXTER 😉 Wenn die das jetzt lesen würden…also…ähm…. Nun ja… ich mags mir jetzt gar nicht ausmalen… Ich komm echt ins Schwitzen. Ich muss die Demnächst-Drei unbedingt mit was anderem beschäftigen, so viel Forscherdrang, wie da vorhanden ist könnte das ein bissi komisch werden…

    Ich ahne Böses…oder neee, böse ist das falsche Wort…

  9. Nicht schwer zu ahnen, was dabei herauskommt: alle werden eine rote Nase haben und die 9 Rentiere des Weihnachtsmannschlittens ersetzen können. Zum einen haben sie sie die bessere Orientierung vererbt bekommen, zum anderen natürlich Ausdauer und Geschwindigkeit.
    Also bitte kundtun, wenn es soweit ist. Dann ersetze ich im nächsten Winter das Auto durch einen Schlitten und bitte um entsprechende Zuteilung eines mittleren Kontingentes – die Nachbarn werden staunen 😀

  10. Bei dieser interessanten Verbindung von Rentier-Eule und Eule entsteht eine Reule namens Margaret 😉
    M = mondsüchtig
    A = Adventslieder singend
    R = „ren“nbegeistert
    G = Glühwein trinkend
    A = allerliebst
    R = rotes Schnäbelchen
    E = eloquent
    T = treu

    Wo die Liebe hinfällt, kann nur Schönes erwachsen. ☺

  11. Jetzt habe ich auch endlich Zeit zum Springen und so schwer war es eigentlich nicht. Okay, das Buch ist ein absolutes Wunschbuch von mir.
    Forschende Eulen, wie cool. So gehört sich das, wie sollte man denn sonst herausfinden, was passiert, wenn man es nicht erforscht. Rentier- Eule und Eule gekreuzt, was könnte daraus entstehen? Im Genpool werden dann nur die besten Eigenschaften zusammen gemixt. Das ist doch klar! Das Geweih verleiht Stärke und ist ein Zeichen für Durchsetzungsvermögen, was man bei dem Sternenwächter ja ab und zu braucht. Die Flügel stehen für Flatterhaftigkeit und machen euch schnell, solltet ihr euch mal doch schnell in Sicherheit bringen, wenn ein Forschungsprojekt nicht positiv ausfällt. Ihr seid auf jeden Fall neugieriger, als jede von euch alleine. Das bringt Spaß und bestimmt noch jede Menge neue Ideen für Forschungsprojekte. Was ich total spannend finde.

  12. Japps, da habe ich es ja noch rechtzeitig geschafft zu springen 🙂
    Darwin mochte ich schon immer, aber was bei evtl. Kreuzungen der Eulenbande herauskommen könnte, darüber mag ich gerade lieber nicht nachdenken….

  13. Na endlich… eeeendlich hat World sich mal wieder aufgerappelt. Nach dem Desaster um Mr. Universum, war sie etwas depressiv.
    Wenn es aber um Reisen, Abenteuer und um fremde Kulturen geht, ist sie wieder dabei…diese kleine Welteneule.
    Liebe Grüße an alle von uns 😉
    Bettina, World und der Rest der Chaostruppe 😉

  14. Hier streiten sich grad der Delphin und die Eule. Was würde rauskommen? Eine Deule? Euphin? Mal gut wir (noch) kein Pferd dabei haben. Pfeule klingt doch unschön…

  15. Moralapostel seid ihr alle. Wir wollten nur schauen, ob Darwin richtig lag. Alles im Dienste der Wissenschaft und dann wird es so dargestellt, als würden wir das alles aus Spaß an der Freude tun.

    Das hat Margaret Meade auch nicht gemacht. Sie hat sich streng wissenschaftlich verknallt. So. Und damit wurde sie zur Romanvorlage für „Euphoria“ von Lily King – C.H. Beck Literaturverlage.

    Zumindest habt ihr uns den schönen Ausflug nach Papua-Neuguinea gegönnt und wild spekuliert, ob es sich REnTiert hat und was für eine Mischung da entstehen könnte. Es ist aber gar keine Mutation oder Mischung, die so entsteht… es sind… jaaaa… Zwillinge…

    Und beide machen sich auf den Weg… ein Eulchen fliegt zu Kristina und eines zu Tatjana…

    Herzlichen Glückwunsch und wir freuen uns schon sehr darauf, euch morgen wiederzusehen, Mit dem 19. Türchen öffnen wir ein ganz besonderes Fenster zu einem literarischen Weihnachtsfest. Es wäre schön, euch dort begrüßen zu dürfen. Denn nur mit euch macht diese Lesenacht so richtig Spaß….

    https://astrolibrium.wordpress.com/railway/advent-2015/

  16. Pingback: Satin Island von Tom McCarthy – Der große Bericht | AstroLibrium

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