„Auerhaus“ von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

Auerhaus von Bov Bjerg - Der Roman einer Jugend

Auerhaus von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

Hat es diese Zeit wirklich einmal gegeben? Dieses Damals? Eine Zeit ohne Internet und Facebook. Eine Zeit, in der unsere immobilen Telefone noch aus Hörer, Gehäuse und Gabel bestanden und lediglich die Länge des Kabels das Ausmaß der persönlichen Mobilität bestimmte. Eine Zeit, in der man seine Freunde noch treffen musste. So richtig körperlich meine ich. Die Zeit, in der es auch nicht einfach ausreichte, mal eben nur auf Facebook ein schnelles Like zu verteilen, um jemanden aufzumuntern oder ein flapsig getipptes „R.I.P.“ um Trost zu spenden.

Eine Zeit, in der das Wort „Musterung“ für die männlichen Jugendlichen das Ende des bequemen Lebens bedeutete und die Wehrpflicht mehr als nur eine Worthülse war. Eine Zeit, in der sich besonders in ländlichen Regionen die Jugend unverstanden fühlte, weil sie nach neuen Wegen suchte, sich zu verwirklichen. Eine Zeit, in der das Outen von Homosexualität dem gesellschaftlichen Suizid entsprach. Eine Zeit, in der Drogen und Musik die Fluchtpunkte aus dem Alltag waren. Eine Zeit beruflicher Existenzängste und menschlicher Nähe.

Ja. Diese Zeit gab es und ich selbst steckte damals genau mittendrin in den wilden Achtzigern. Suchend, fragend, zweifelnd, liebend, bangend, feiernd, hoffend und die ersten Schritte in den Beruf und eine andere Zukunft wagend. Gemustert und bereit das hinter mir zu lassen, was mir immer als ewig und unantastbar erschien. Meine Jugend. In diese Zeit schießt mich der Kabarettist Bov Bjerg mit einem Buch zurück, das warm, liebevoll und melancholisch eine Tür öffnet, deren Schlüssel man lange verlegt zu haben glaubte.

Auerhaus von Bov Bjerg - Der Roman einer Jugend

Auerhaus von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

Auerhaus“ ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft in einem kleinen Provinzkaff irgendwo im Westen Deutschlands. Sechs Jugendliche leben hier einen ganz eigenen Entwurf dessen, was in ihrem Umfeld ganz anders vorgelebt wird. Das nahende Abitur ist der Mittelpunkt, die Wehrpflicht droht, der Druck der Eltern auf die baldigen Berufsanfänger wächst und das bisherige Leben scheint in weite Ferne zu rücken.

Entweder man macht mit, oder…! Entweder man entwickelt sich zum Egoisten, oder…! Und wenn man sich letztlich gegen das Vorgegebene entscheidet, dann wendet man sich ab von den Mustern eines Lebens, das man so niemals skizziert hatte. Denn eins steht für die Bewohner der alternativen Gemeinschaft felsenfest. Keiner von ihnen möchte sein Leben in Ordnern mit der Aufschrift: Geburt, Schule, Arbeit und Tod abheften. Das ganz bestimmt nicht.

„Birth, school, work, death. Kurse, Pausen, Klausuren, der Mechanismus war noch immer derselbe. Dem Anschein nach…“

„Auerhaus“ bricht aus dieser Schablone aus, weil sich hier nicht alles um Zukunft, Beruf, Sicherheitsdenken oder die eigene Selbstverwirklichung dreht. Auerhaus ist eine aus der Not geborene Wohngemeinschaft, die eigentlich nur ins Leben gerufen wurde, weil sich Frieder aus seinem Leben verabschieden wollte. Selbstmord mit 18 Jahren. Auffällig. Unnormal und damit war er ein klarer Fall für die Psychiatrie. Oder eben für einige Freunde, die mit ihm zusammenziehen wollen, um zu verhindern, was sonst wohl niemand verhindern kann.

Auerhaus von Bov Bjerg - Der Roman einer Jugend

Auerhaus von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

“Nicht achtzehn zu werden war scheiße. Wenn man nicht achtzehn wurde, war alles umsonst!“

Es beginnt zu viert. Frieders bester Freund Höppner, Cäcilia, ein recht verwöhntes Mädchen aus gutem Hause und die rebellische Vera starten im leerstehenden Haus von Frieders Opa unter dem Motto „Auerhaus“ (inspiriert vom Madness-Song „Our House“) eine Rettungsaktion der etwas anderen Art. Gemeinsam Leben, um Frieder zu zeigen, wie lebenswert das Leben ist. Mit ihm reden – um des Lebens Willen. Und Frieder öffnet sich… ganz langsam…

„Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.“

Und doch ist das „Auerhaus“ auch für die „Retter“ selbst ein Rettungsboot. Jeder hat dabei seine ganz individuellen Gründe, genau dieses Leben und diesen Entwurf dem vorzuziehen, was sie bisher Leben nennen mussten.

„Ich habe mir das Hirn erfroren bei meinen Eltern!“
„Ich das Herz!“

Auerhaus von Bov Bjerg - Der Roman einer Jugend

Auerhaus von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

Hier regeln sie ihr eigenes Leben. Hier stecken sie ihre eigenen Claims ab und hier wird wichtig, was vorher unwichtig war. Man bringt sich gegenseitig die besten Tricks fürs Klauen von Lebensmitteln bei und verbringt die Zeit sorglos. Federball, Kochen, Essen, Klauen, Schlafen, Reden. Tage wie aus einem Guss. Und doch rückt das wahre Leben immer näher.

Als sie die bildhübsche Pyromanin Pauline und den schwulen Elektriker Harry im Auerhaus aufnehmen geraten die eher engen Grenzen der Wohngemeinschaft ins Wanken. Es ist wie der Jahre später erst folgende Mauerfall, als zu einer spontanen Silvesterparty im Auerhaus nicht nur die halbe Schule erscheint, sondern Personal und Belegschaft der benachbarten psychiatrischen Klinik und ein Teil der Schwulenszene aus der Großstadt.

Das kleine Leben gerät zusehends aus den Fugen. Und plötzlich bleibt nur noch die Frage: „Wo ist eigentlich Frieder?“ Hatte man ihn nur kurz aus den Augen gelassen und damit auch schon aus den Augen verloren? Dabei hatten sich doch alle so sehr für ihn abgestrampelt… Aber…

„Ein Gehirn mit Depressionen, das war wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager. Man konnte strampeln, wie man wollte, aber man kam nicht vom Fleck.“

Auerhaus von Bov Bjerg - Der Roman einer Jugend

Auerhaus von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

Bov Bjerg hat mich mit „Auerhaus“ aus dem Blumenbar Verlag auf eine Zeitreise geschickt. Das Buch mit der auffällig nostalgischen Cover-Farbe hätte damals gut zur Tapete in unserem Wohnzimmer gepasst, aus dem ich auch manchmal gerne geflohen wäre. Der wehmütige Blick zurück erlaubt die Reflexion des eigenen Lebensweges. Was wollte ich eigentlich und wo bin ich? Habe ich mein „Auerhaus“ gefunden? Ist das mein Entwurf oder der eines anderen? Was habe ich damals für mich und für andere bewegt?

Dabei ist Auerhaus kein Roman zur Bewältigung der eigenen Vergangenheit. Er ist zeitlos, jugendlich, gefühlvoll, empathisch und zutiefst menschlich, da sich die Jugend nicht verändert. Die Rahmenbedingungen mögen durch andere Begriffe ersetzt sein. Das Schema jedoch bleibt. „Birth, school, work, death“ – es gilt nur, seine eigenen Fluchtpunkte zu finden.

Bov Bjerg hat ein wichtiges Buch über die Jugendzeit geschrieben, das im Alter vielleicht wehmütig stimmt, für Jugendliche aber wie ein Startsignal wirken kann.

„Ich ging zurück, zum Auerhaus. Ich bemerkte erst jetzt, dass die Obstbäume blühten. Kirschen oder Äpfel, ich erkannte es immer erst, wenn die Früchte schon dran hingen. Hinter den Stämmen der Bäume ging ein hellgrüner Riegel quer, das war die Hecke vom Friedhof. Lebensbaum oder so was.“

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3 Gedanken zu „„Auerhaus“ von Bov Bjerg – Der Roman einer Jugend

  1. Was Du im ersten Absatz schreibst, das ist tatsächlich wichtig für den Roman. Ich hatte überlegt, den Text „gegenwärtiger“ anzulegen. Geht aber gar nicht, aus eben den von Dir genannten Gründen. Und so sind vom Zeitkolorit der Achtziger Jahre, die, wie ich finde, für die Essenz der Geschichte gar nicht so entscheidend sind, eigentlich nur zwei klar definierbare Motive übrig geblieben:
    – die Kommunikation war weniger technisiert (im Auerhaus gibt es nicht einmal ein normales Schnurtelefon)
    – die vermaledeite Wehrpflicht, die den Erzähler zwingt, das Haus zu verlassen
    Vielen Dank für Deine Gedanken zu dem Buch!

    • Ich denke, dass Auerhaus in unserer Zeit gänzlich anders verlaufen wäre und es vielleicht ob der Bequemlichkeit der sozialen Netzwerke vielleicht nie zu einer solchen WG gekommen wäre.

      Die Geschichte an sich ist zeitlos. Das überzeugt.

  2. Pingback: „Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt | AstroLibrium

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