„Greenwash, Inc.“ – Imagepflege mit Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

AstroLibrium ist jetzt ein international anerkannter BioBlog. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Meine literarischen Artikel sind biologisch abbaubar, ich verzichte gänzlich auf Genmanipulationen, engagiere mich für das Verbot von Kinderarbeit, habe mich dem Fair Trade-Gedanken verschrieben und trage nur Maßanzüge, die in Europa hergestellt wurden. Und all dies habe ich mir erst vor wenigen Tagen zertifizieren lassen, um mich gegen die aus dem Boden schießenden Blogs mit Bio-Ambiente durchzusetzen.

Das habe ich natürlich nicht selbst gemacht. Dafür habe ich eine Agentur. Und was für eine. Die Urkunden hängen nun in meiner Redaktion und ich bin als deren Kunde wirklich in allerbester Gesellschaft. Von „Mars & Jung“ werden nämlich alle betreuten Klienten mit ganz individuellen Image-Paketen ausgestattet, auch wenn sie es mit der Bio-Philosophie gar nicht so ernst nehmen. „Mars & Jung“ bieten ein umfangreiches Sorglos-Programm, wenn man sich etwas auf die Fahne schreiben möchte, das man jedoch gar nicht richtig vorleben mag.

Aber die Klienten stehen nun mal drauf! Sie vermitteln das Gefühl, dass man den tropischen Regenwald mit einer Kiste Bier schön-, oder Bolzplätze aus dem Nichts hersaufen kann. Und darüber hinaus glauben wir Endverbraucher so gerne an diese Geschichten, kaufen völlig überteuerte Produkte mit fragwürdigen Bio-Aufklebern und fragen uns doch nicht, was wirklich dahinter steckt. Darauf setzen „Mars & Jung“!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Dumm nur, dass die nationale Presse immer wieder versucht, investigativ genau diesen schwarzen Unternehmens-Schafen auf die Spuren zu kommen, die sich hier ganz gezielt „grünwaschen“ lassen. Und da sind „Mars & Jung“ immer sofort im Visier. Aber so gut, wie diese Agentur auf solche Angriffe vorbereitet ist, so gut ist keiner ihrer Konkurrenten in medialer und strategischer Hinsicht aufgestellt. Eine absolut perfekte Agentur mit einem vielschichtigen Portfolio, das jedem Klienten nachhaltig das perfekte Image beschert.

Alles nur frei erfunden? Mag ja sein, aber wenn Ihr in die Welt von Karl Wolfgang Flender eintaucht und den wirtschafts-utopischen Roman Greenwash, Inc. vom DuMont Buchverlag lest, dann gehen Euch schon die Augen auf. Spätestens, wenn Ihr wieder einmal Werbung, TV-Spots, Presse-Mitteilungen und ganzseitige Anzeigen in Printmedien seht, beginnt Ihr darüber nachzudenken, was Euch hier auf höchstem Niveau vorgegaukelt wird. Alle BIO – oder was? Sicher nicht.

Wir begeben uns mit Thomas Hessel in das Zentrum von „Mars & Jung“. Mitten hinein in eine neue Welt, in der das Schlagwort „Greenwash“ mehr als nur ein hohler Slogan ist. Denn Thomas Hessels Spezialität ist es nicht, das Image für einen Kunden zu designen, sondern es in Krisensituationen innovativ zu verteidigen. Und das gerade dann, wenn die Medienschlacht schon fast verloren zu sein scheint.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Mit seinem Kollegen Christoph bereist er die ganze Welt. Von Brasilien über Indien bis nach Ghana. Er taucht immer genau dort auf, wo das Image eines Klienten einen absoluten Totalschaden zu erleiden droht. Und statt auf völlig veraltete Praktiken wie Bestechung oder Schmiergeld zurückzugreifen, legt dieses Team in aller Kreativität los und gibt Vollgas. Hier werden Legenden gebaut und der Angriff gilt der Gefühlsebene potentieller Kunden.

Sie gehen in die Offensive, wo andere schon lange abtauchen. Sie bringen Opfer, wo andere bereit sind zu bezahlen. Sie betreiben innovative Krisen-Kommunikation mit der Presse, indem sie Bilder erzeugen, die an die Emotionen der Betrachter appellieren. Ihre Ideen sind revolutionär, unvorhersehbar und erfolgreich. Sie bedienen sich aller Mechanismen einer modernen Medienkultur und führen den aufrechten Journalismus ad absurdum.

Dabei werfen sie alles über Bord, was dem Ziel im Weg stehen könnte. Der Erfolg steht im Mittelpunkt und ein persönliches schlechtes Gewissen kann man sich in dieser Funktion nicht leisten. Darüber hinaus gibt es nichts, was man nach der Mission nicht großzügig und im Geheimen finanziell entschädigen könnte. Die Öffentlichkeit will aufs Neue überzeugt werden und das gelingt von Mission zu Mission. Beispiele gefällig?

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

So verschwindet mal eben ein tropischer Regenwald in einer selbst verursachten Brandrodung, nur um zu zeigen, wie überrascht man doch selbst von diesen brutalen Methoden der Landgewinnung ist. Und ganz nebenbei inszeniert man sich selbst als zufälliger Lebensretter in ausweglosen Situationen. Oder man findet Peinliches in der von Kinderarbeit getragenen und gerade im Feuer versunkenen indischen Kleiderfabrik. Frei nach dem Motto: „Wenn ich meinen Schaden schon nicht mehr beheben kann, dann reiße wenigstens die Konkurrenz mit in die Hölle“.

Opfer pflastern ihren skrupellosen Weg. Menschliches Leid und Armut werden als Kollateralschäden einkalkuliert. Und der freie Markt bestätigt sie. Ihre Strategien gehen auf. Erfolg wird zum Markenzeichen des stets im Verborgenen agierenden Teams. Sie kreieren „Hope-Stories“ und verstehen sich selbst als Vereinfacher. Je komplexer eine Botschaft ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie verstanden wird. Sie erzählen ihre Geschichten knapp und präzise. Das wirkt.

Und das alles unter der Führung des charismatischen Agenturleiters Jens Mars. Aber wie sieht es hinter den Kulissen der Agentur aus? Wenn schon die ganze Welt systematisch belogen wird, wie geht man dann mit seinen Mitarbeitern um? Und was, wenn jemanden das schlechte Gewissen plagt? Auch hier wird nur erdichtet, gelogen, gemobbt, erzwungen und subtil unter Druck gesetzt. So sehr, dass man wirklich nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Als Thomas Hessel die Lügen-Fäden zu entgleiten drohen, die er so meisterhaft gesponnen hat, gerät er zwischen die Fronten. Er, der Meister der YouTube-Methode. Er, der große Meister der Hope-Stories fällt einem medialen Phantom zum Opfer, das seinesgleichen sucht und doch in aller Munde ist. Thomas Hessel braucht dringend eine eigene Hope-Story. Ein wenig Hoffnung bei sinkenden eigenen Imagewerten. Er wendet sich an die Öffentlichkeit.

Ob Karl Wolfgang Flender mit „Greenwash, Inc.“ eine reine Utopie ersann? Ob er bereits ganz nah an der Realität eine Story erfand, die so gar keine Hope-Story ist und schon jetzt in der Lage ist, seine Leser völlig zu verunsichern? Das solltet Ihr selbst erlesen und beurteilen. Jedenfalls hat sein Roman Tempo und Sprengkraft. Zwei sehr wertvolle Ingredienzien, die ihn zu einem extrem lesenswerten Buch machen.

Kein Bio-Label wird Euch nach „Greenwash, Inc.“ mehr unschuldig vorkommen, kein noch so verwackeltes YouTube-Video wird euch noch amateurhaft erscheinen und keine Pressemeldung zum Image einer Firma wird mehr harmlos und wahr klingen. Ich gehe jetzt zurück in meine kleine Bio-Redaktion und genieße meine ganzen Zertifikate. Verklagt mich doch! „Mars & Jung“ hauen mich garantiert raus und machen aus jeder Niederlage einen Sieg. Brandrodung inklusive. Man sollte sich nur von seinem Gewissen verabschieden. Das schadet nur!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. – Buchhandlung Calliebe mit chlorfreiem Online-Service

Euphoria von Lily King – Wenn Forscher lieben und begehren

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

„In der primitiven Welt von Neuguinea
spielen Streitigkeiten um Frauen
eine beherrschende Rolle.“

Margaret Mead

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Wie ein buchiges Damoklesschwert schwebt das Zitat der weltbekannten Ethnologin Margaret Mead über dem Roman Euphoria von Lily King. Nicht ganz zufällig zieren diese Worte die erste Seite eines Buches, das so locker leicht, farbenfroh und lebendig daherkommt, dass man ganz spontan zu der Ansicht gelangen könnte, hier nur in einen unterhaltsam euphorischen Sommer-Lesegenuss eintauchen zu können. Bunte Federn umschmeicheln den Titel eines Romans, der jedoch alles andere als federleicht ist. Geschweige denn mit einem einzigen leichten Luftzug vom Wind in alle Richtungen davongetragen werden kann. Er ist dauerhaft.

„Euphoria“ ist mehr als ein Roman. Es ist eine Liebeserklärung an eine andere Welt, an die Pioniere der Anthropologie und an die Leidenschaft des unverfälschten Ichs in einem Kulturkreis, der sich so deutlich vom eigenen Weltbild unterschied, dass er seine Entdecker mehr veränderte, als sie es sich jemals vorstellen konnten. Und je tiefer man in diese Kultur einzutauchen versucht, desto mehr läuft man Gefahr, ihr mit Leib und Seele zu verfallen.

Und je mehr man die Ureinwohner des erforschten Landstrichs als menschliche Wesen sieht, umso mehr ist man dann auch geneigt, das eigene Lebensmuster in die Waagschale der Erkenntnis zu werfen und es mit dem eigentlichen Forschungsobjekt zu vergleichen.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

„Es sind Menschen, mit einem voll funktionsfähigen menschlichen Gehirn. Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass sie mein Menschsein in vollem Umfang teilen, wäre ich nicht hier.“ Jetzt hatten ihre Wangen richtig Farbe bekommen. „An Zoologie bin ich nicht interessiert.“

So lernen wir Nell Stone kennen. Eine der wenigen Frauen, die sich der Ethnologie verschrieben haben, dem noch jungen Fach innerhalb der Anthropologie, das sich nicht nur mit dem Menschen an sich, sondern ganz gezielt mit der Völkerkunde beschäftigt, um Unterschiede der Kulturen und ethnischen Gruppen auf der Welt zu erforschen. Nell befindet sich „im Feld“, wie es die Forscher so treffend beschrieben, wenn sie fernab der Heimat ihre Zelte aufschlugen, um ihre Schreibtisch-Theorien zu überprüfen, oder völlig neue Entdeckungen zu machen.

Und dabei ist Nell Stone nicht allein, als sie 1933 die Stämme der Ureinwohner von Papua-Neuguinea erforscht, deren komplexe familiäre Beziehungen katalogisiert, das soziale Gefüge zu verstehen versucht und das oftmals wechselnde Rollenverhalten von Männern und Frauen der Gemeinschaft analysiert. Ihr Kollege und Ehemann Shuyler „Fen“ Fenwick begleitet sie auf ihre Reisen. Dabei sind sie das perfekte Paar für diese umfangreichen Studien. Wo sich die Türen zu einem Männerhaus für Nell verschließen, stehen sie Fen offen, und da wo er keinen Zugang zu den weiblichen Stammeswelten erhält, ist Nell aufgrund ihrer offenen Art gern gesehen und willkommen.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

„Aber unsere Perspektive kann eine gewaltige Spannweite entwickeln, wenn wir zulassen, dass sie sich entfaltet.“

Ein perfektes ethnologisches Team, sollte man meinen. Und doch konkurrieren in ihren Herzen die wilden Kämpfe um die wahre Erkenntnis. Die Exklusivität der eigenen Entdeckung steht im Vordergrund und der erhoffte Ruhm im Heimatland schiebt sich wie eine Trennwand zwischen Nell und Fen. Nicht nur ihre Methoden unterscheiden sich, auch die Art und Weise der Dokumentation ihrer Forschungsergebnisse trennt sie in zwei Lager. Fen schreibt oberflächlich und rein faktisch. Nell`s Aufzeichnungen lesen sich dagegen wie ein moderner Roman:

„Ich will mich einfach in den Moment zurückversetzen können, wenn ich es in einem Jahr wiederlese. Was mir jetzt wichtig erscheint, könnte mir dann unwichtig vorkommen. Wenn ich wieder weiß, was für ein Gefühl das war… dann fallen mir auch Einzelheiten wieder ein.“

Fen beginnt seine Frau um ihre Ergebnisse und Fortschritte zu beneiden. Gewalt wird zum Ventil seines Kontrollverlustes. Das gemeinsame Scheitern und ihre Abreise stehen unmittelbar bevor, als sie auf den völlig auf sich gestellten Ethnologen Andrew Bankson treffen, der plötzlich einen Ausweg aus seiner einsamen Ziellosigkeit erkennt. Völlig fasziniert von Nell greift er zum letzten Strohhalm und präsentiert seinen Kollegen den noch unerforschten Stamm der TAM. Ihr Entschluss zu bleiben verschafft Bankson Zeit. Genau die Zeit, die er mit Nell verbringen will. Das gegenseitige Begehren wächst!

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

Eine dramatische Ménage-à-trois entwickelt sich an den Ufern des Chambrisees und vermischt die seriöse ethnologische Forschung mit den wilden und erotischen Stammesriten des TAM-Stammes. Die vormals unüberwindbaren Grenzen fallen und das europäisch geprägte Frauenbild weicht dem Rollenverständnis des Urvolks, in dem Nell Stone ihre wahre Entsprechung zu finden scheint. Eine Dreiecksbeziehung in einer formlosen Welt nimmt ihren Lauf.

„Sie sah mich an und nickte in das Schweigen zwischen uns, als würde ich noch immer sprechen, zusammenhängend und klar.“

So lässt sich die Faszination für Nell aus der Sicht von Andrew Bankson am besten beschreiben. Blindes Verständnis. Seelenverwandtschaft, Empathie und Verlangen. All dies fehlte ihm, als er dem ungleichen Forscher-Ehepaar begegnete und nun kämpft Bankson um seine kleine Chance, Nell für sich zu gewinnen. Und sei es nur für einen flüchtigen Moment in den Tiefen des Urwalds von Papua-Neuguinea.

„Das ist aus einem Gedicht, das wir im Studium alle geliebt haben. Wein als das Berauschende, Sinnliche und Brot als das Grundlegende, Vertraute.“

Nell und Bankson schweben im heimlichen Gefühl, Wein und Brot füreinander zu sein. In einer einzigen magischen Nacht überlagert die urwüchsige Welt der TAM das eigentlich konventionelle Denken der beiden Europäer. Was mit einer rituellen Massage im Frauenhaus beginnt, setzt sich nicht nur in Nell`s Fantasie fort. Und dies obwohl sie ahnt, welch schreckliche Konsequenzen das für sie haben wird.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King

Lily King erzählt keine gänzlich frei erfundene Geschichte, da sie das Leben der Ethnologin Margaret Mead und ihre Irrfahrt zwischen zwei Männern während einer Reise nach Papua-Neuguinea in den Mittelpunkt des Romans stellt. „Euphoria“ wird Margaret Mead in diesem besonderen Ausschnitt ihres Lebens mehr als gerecht. Und trotzdem trennt sich Lily King vom Vorbild und der Inspiration für ihren Roman, weil sie ein Ende verfasste, das dieser ungezügelten Leidenschaft entsprechen sollte.

Genau dies ist ihr gelungen. In jeder Beziehung. Alles endet im American Museum of Natural History. Als Leser sollte man sich sehr gut für dieses letzte Kapitel im Roman wappnen. Es verlangt uns in emotionaler Hinsicht wirklich alles ab, was wir vorher in das Lesen dieses großen Romans investiert haben. Es nimmt uns nachhaltig mit, stimmt mehr als nachdenklich und stellt in meiner ganz persönlichen Lese-Rückschau den glanzvollen Höhepunkt von „Euphoria“ dar. Grandios.

„Und hier“, sagte der Direktor, als wir um die Ecke bogen, „ist ihr ganz spezielles Fleckchen Erde.“ Damit hatte ich nicht gerechnet….

Viele Denkwege führten mich in diesem Roman zur Liebesgeschichte von Tania Blixen in „Afrika – Dunkel lockende Welt„. Vielleicht haben Margaret Mead und Tania Blixen mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick erkennt. Ihr Leben jenseits aller Konventionen, die tiefe Zuneigung zu ihren Geliebten und das Eintreten für Menschen der fremden Kulturkreise konnten sich nur in einer anderen Welt abspielen. Fernab von der Beobachtung durch die strengen Sittenwächter im Europa der 1930er Jahre. Nell Stone wird in „Euphoria“ zu einer Visionärin für ein neues Frauenbild, zur Vordenkerin des aufrichtigen Verstehens fremder Kulturen und letztlich zu einer Frau, die selbst von der verzweifelten Suche nach ihrer eigenen Welt getrieben wird.

Euphoria von Lily King

Euphoria von Lily King – Mit einem Klick zum Special (Quelle: münchen.de)

Wir haben Lily King am Vorabend der Veröffentlichung ihres Romans „Euphoria“ im Literaturhaus München getroffen. Auf Einladung des C.H. Beck Verlages konnten wir für Literatur Radio Bayern Impressionen der Premieren-Veranstaltung aufnehmen und ihr einige Fragen stellen. Und zwei signierte Überraschungen haben wir auch noch mitgebracht. Lese-Euphorie ohne Grenzen.

Am Freitag, den 24. Juli wird es zu diesen beiden literarischen Unikaten eine Blog-Hopping-Aktion der besonderen Art geben. Die kleine literarische Sternwarte und Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen erwarten Euch zu einem großen audio-visuellen Special auf zwei Literaturblogs.

Stephanie und Raily – ein euphorisches Team!

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„Planet Magnon“ von Leif Randt

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die kleine literarische Sternwarte ist seit Anbeginn der Zeitrechnung auf der Suche nach neuen Fixsternen am Bücherhimmel. Dies ist schon lange kein Geheimnis mehr. Als ich beim aufmerksamen Blick durch mein buchiges Teleskop allerdings ein völlig neues Sonnensystem mit eigenen Planeten und Monden entdeckte, war ich natürlich mehr als fasziniert. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Gibt es ein Leben da draußen und wenn ja, wie mag sie aussehen, die Gesellschaft, die in diesem kleinen Universum lebt?

Planet Magnon“ von Leif Randt (Kiepenheuer und Witsch) bringt uns mit einem sehr exklusiven Shuttle direkt mitten ins Herz dieser bisher unentdeckten Galaxie und bereits die ersten Kapitel des Romans zeigen deutlich, dass wir tatsächlich Leben außerhalb unserer vorstellbaren Welt gefunden haben. Und nicht nur das. Menschen bevölkern die Planeten, die sich auf der immer gleichen zyklischen Umlaufbahn um die Sonne im Mittelpunkt des Systems bewegen.

Zeitlos und utopisch mutet dieses Sonnensystem an. Die Menschen scheinen in völligem Frieden miteinander zu leben und alle Planeten des Sonnensystems sind mehr oder weniger kultiviert. Lebensraum ohne Ende und soziale Gemeinschaften, die mit ihren unterschiedlichen Philosophien eine harmonische Gesellschaft etabliert haben. Sechs Planeten und zwei Monde umkreisen einander in stiller Eintracht und dienen dabei unterschiedlichen Bestimmungen. Vom Metropolenplaneten „Blossom“ über den Ferien-Himmelskörper „Cromit“ bis hin zur stinkenden Müllhalde der Galaxie, dem Planeten „Toadstool“ reicht das Spektrum unterschiedlicher Heimaten für die großen Kollektive der neuen Zeitrechnung.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Kollektive der Bewohner haben alles hinter sich gelassen, was in der „alten Zeit“ für Konflikte verantwortlich war. Sie haben sich post-demokratisch von fast allen Ansprüchen auf Macht oder Entscheidungsbefugnis verabschiedet und befinden sich trotz aller Unterschiede auf der beharrlichen Suche nach dem innovativen Potenzial von Glück. Bei aller Eintracht im Vorleben ihres individuellen Lebensstils konkurrieren die Kollektive nur noch um mögliche neue Mitglieder, um bloß nicht von der Bildfläche zu verschwinden.

Die Regierung und Steuerung ihrer kompletten Welt haben sie alle einem weisen und allmächtigen Computersystem übertragen, das immer in der Lage ist, die gesamten Abläufe des Sonnensystems auf der Grundlage perfekter Statistiken und im Sinne von Wohlstand für alle ausgewogen und fair treffen zu können. ActualSanity heißt das technische Wunder, das alle Wahlen abgeschafft hat, Missverständnisse zwischen den Kollektiven beseitigt und die bestehenden Gesetze dynamisch und fair den aktuellen Erfordernissen anpasst.

Und so können sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren und die Suche nach dem perfekten Glück zum unanfechtbaren Mantra des Alltags erheben. Losgelöst von Verpflichtungen und Verantwortung geben sich die Menschen den unterschiedlichen Lebensmodellen hin. Sie unterscheiden sich in Nuancen und doch fühlt man sich nur geborgen, wenn man inmitten eines speziellen Kollektivs mit den anderen verschmilzt.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Dolfins, Fuels, Purpurs, Shifts, Zeldas und Westphals dominieren in ihren Ansichten und Stilen das Leben in diesem komplexen System. Und für jedes Kollektiv hat sich ein Planet gefunden, der den jeweiligen Vorlieben ganz besonders entspricht. Liebe und Beziehungsmodelle sind überholt. Man probiert sich gegenseitig aus. Trennt sich, sucht neue Partner und ist völlig losgelöst von täglichen Pflichten traditioneller Beziehungen. Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt und der Kontakt zwischen den Kollektiven ist harmonisch und von gegenseitiger Toleranz geprägt.

Das Streben nach Glück und die Suche nach dem Inhalt für die Leere, die durch fehlende Verantwortung entstanden ist, führen zu ausschweifenden Sinnsuchen. Pure Unterhaltung, reine Lustbefriedigung und Drogenkonsum sind die tragenden Säulen der individuellen Bewusstseinserweiterung und dabei gesellschaftlich hoch angesehen. Das Kollektiv der Dolfins zum Beispiel hat sich durch die Entwicklung der Droge „Magnon“ in diesem Bereich einen großen Vorteil verschafft. Eine Droge, deren Wirkung wie eine Erweckung beschrieben wird. Größte Objektivität und Emotion. Eine Wunderdroge.

Alles könnte so schön sein, müssten die Dolfins nicht um Nachwuchs bangen. Und wenn der Nachwuchs der Gemeinschaft fehlt, könnte ActualSanity zu der Entscheidung gelangen, das Kollektiv sofort aufzulösen. Also entscheidet man sich dazu, zwei absolute Vorzeige-Mitglieder auf Werbetour durch das Sonnensystem zu schicken. Marten Eliot und Emma Glendale besuchen die anderen Gemeinschaften und ihre Wahl-Planeten, kommen selbst dabei in Versuchung und entdecken das Unglaubliche. Abtrünnige ihres eigenen Kollektivs suchen nach neuen Wahrheiten und spalten sich ab. Gefahr ist im Verzug.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Als gleichzeitig Explosionen und Giftgasangriffe das System erschüttern wird klar, dass erstmals in der Geschichte der „Neuen Zeit“ ein Kollektiv gegen die allgemeine Abstumpfung kämpft und bereit ist, Gewalt einzusetzen. Die „Gebrochenen Herzen“, wie sie sich selbst nennen, wenden sich von der Oberflächlichkeit des Lebens ohne Verantwortung und wahres Gefühl ab. Lebensgrundlage wird die Verletzung der eigenen Gefühle, die jedes Mitglied des Kollektivs bewusster leben lässt als die Vision der Dolfins von einem Planeten unter Drogen. Dem „Planeten Magnon.“

Eine geheimnisvolle Frau mit Tigermaske führt die Bewegung an und die beiden Reisenden in Sachen Kollektiv-Nachwuchswerbung geraten zwischen die Fronten. Sie kommen den „Gebrochenen Herzen“ bedrohlich nahe und beginnen zu verstehen, dass die Anschläge nichts anderes sind als bewusste Schmerzimpulse, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Können Marten und Emma sich selbst treu bleiben, den Umsturz verhindern und die große Vision ihres Kollektivs realisieren? Oder werden sie zu Opfern ihrer eigenen Herzen, die gerade gebrochen werden?

Leif Randt entwirft in seiner packend und geistreich verfassten Utopie „Planet Magnon“ eine Szenerie, die uns vor Augen führt, was es heißt, ein anscheinend völlig befreites, jedoch gänzlich vom Lebenssinn entleertes Leben zu führen. Die Sucht nach purem Genuss und Ablenkung, Drogenkosum zur Erweiterung der Wahrnehmung und die völlige Loslösung von sozialen Werten wie Verantwortung, Pflicht und Empathie bei gleichzeitiger Akzeptanz einer technischen Ebene für alle Entscheidungen macht aus den Menschen aller Kollektive Abziehbilder ihrer Selbst.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Gesellschaft verlässt sich auf ein Navigationssystem und sorgt sich nicht mehr um eigene Wegmarkierungen oder Orientierungspunkte. Die Fahrt ist zwar rasant und scheinbar zielgerichtet. Man verfährt sich nicht und verlässt sich blind auf das Navi. Der Autopilot verursacht ein Ausmaß an Abstumpfung, das zu immer größerer Blindheit führt. Eine Tendenz, die in jeder Gesellschaft vermehrt wahrnehmbar ist. Berieselung durch Massenmedien und Abkehr von der Realität des Lebens. Kommt das nicht schon jetzt bekannt vor?

Der Gegenentwurf ist der reale Erfahrungshorizont des „Gebrochenen Herzens“. Schmerz als Indikator für das eigene Gefühl macht empathisch für die Gefühle anderer. Er öffnet Augen für Mitmenschen und für sich selbst. Die Tigermaske steht uns allen gut. Gebrochene Herzen maskieren sich und verdrängen das Ausmaß des eigenen tiefen Leidens. Aber um welchen Preis?. Man lügt sich selbst an und beginnt andere mit Eifersucht zu zerstören. Das Lesen verzweifelt verfasster Liebesbriefe dient als Quelle der Inspiration und ist wirksamer als der Konsum der Droge „Magnon“. Probiert es aus. Es funktioniert.

Dabei trägt die Reise von Marten und Emma viel von der Botschaft des „Kleinen Prinzen“. Sie lernen abgestumpfte, fehlgeleitete und oberflächliche Menschen kennen und die Angst vor der Verletzung des eigenen Herzens lässt die Gesellschaft gefühllos werden. Lieber stumpf als schmerzvoll zu leiden. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Dieses Zitat von Antoine de St. Exupéry vollendet Leif Randt durch den Zusatz „Das Herz muss zuvor gebrochen sein!“. Das Lesen dieser großartigen sozialen Utopie hat mich verändert. Es hat mich in mein gebrochenes Herz blicken lassen. Ich sehe nun besser. Auch ohne Maske und Magnon. Ein Buch wie ein Herzensspiegel.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

„Planet Magnon“ hat die utopische Strahlkraft eines Dave Eggers, ist dabei jedoch bewegender, verfügt über die literarische Brillanz eines David Foster Wallace, ist aber strukturierter und besticht durch die Gedanken, die sich im Leser festsetzen, während er selbst darüber nachdenkt, auf welchem Planeten er gerne einfach nur das lockere Leben genießen würde. Denkanstöße, die mehr als wichtig sind.

Leif Randt erweitert die Umlaufbahn unserer Empfindung. LESEN!

planet magnonastrolibrium calliebe

„Der Circle“ von Dave Eggers – dystopisch, utopisch, real

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Hättet ihr nicht Lust, für das innovativste IT-Unternehmen der Welt zu arbeiten? Ach, ich untertreibe schon wieder maßlos, nur mag ich eben nicht mit allen Fakten um mich schmeißen, da sie einfach so unglaublich sind… Fast zu unglaublich. Aber lest bitte weiter. Die Chance kommt nicht allzu oft wieder. Natürlich hättet ihr euch damals nicht vorstellen können, dass ein einziges weltweit operierendes Unternehmen in der Lage sein würde, alle sozialen Netzwerke zu vereinen. Ihr erinnert euch an Facebook? Genau, das mit den Likes und den vielen Usern mit manchmal wenig glaubwürdigen Identitäten.

Da wusste man eigentlich nie, mit wem man dort interaktiv war und ob der- oder diejenige nicht noch mit weiteren Profilen das Netz unsicher machte. Könnt ihr euch auch noch an die zahllosen Spam-Mails in euren Onlinebriefkästen erinnern? Unseriöse Angebote, Spams, Gewinnspiele und kriminelle Umtriebe auf eure Kosten, die stündlich hereingeflattert sind – ihr habt das noch vor Augen. Ist ja auch erst ein paar Jahre her. Und all die Bilder auf Instagramm von irgendwelchen Leuten, die nicht nur mit ihren YouTube-Videos medial für Chaos gesorgt haben, sondern eben auch mit Fotos von Gott und der Welt.

Seit der „Circle“ diese einzelnen Internetplattformen unter seinem Dach vereinigt hat, ist endlich Ruhe in der großen Welt des Social Media. War es nicht eine grandiose Idee, jedem User für alle Netzwerke nur noch eine einzige klare Identität zuzuweisen? Ist damit nicht die Kriminalität im Internet drastisch reduziert worden? Und nun, da der „Circle“ nun zum weltweiten Standard für alle Arten von Tranfers und Kommunikation im Internet geworden ist, muss es ja wohl auch einleuchten, dass dieser Mega-Konzern immer weiter expandiert. Wäre das nichts für euch?

Ein Traumjob.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Nunja… Ich möchte natürlich auch mit der unvermeidbaren Wahrheit nicht hinter dem Berg halten, denn dieses System erfordert eine große Portion an Selbstdisziplin und Sorgfalt, wenn es darum geht, als Circler einen Beitrag zum medialen Gemeinwohl zu leisten. Logisch, dass man nicht gleich in der Chefetage einsteigen kann. Wo geht das schon? Aber auch das Leben in den Großraumbüros des „Circle“ ist alles andere als stressig und überhaupt nicht mit dem vergleichbar, was ihr früher mal kanntet.

Auf dem riesigen Campus wird für alles gesorgt. Entspannung, Fitness, Ablenkung, Unterhaltung, soziale Events, Einkaufen, Sport, Meditation, medizinische Versorgung, gemütliche Unterkünfte, eine riesige Mensa mit bester Verpflegung und vieles, vieles mehr findet ihr vor. Ihr braucht als Mitarbeiter das Gelände gar nicht mehr zu verlassen. Wozu auch? Unter den abertausenden Kollegen werdet ihr sicher wahre Freunde finden und das interne Netzwerk informiert euch pausenlos über Aktivitäten in und rund um euer neues Leben – also den Job meine ich. Ein Traum, oder?

Das geht natürlich alles nur, wenn man produktiv ist. Und das äußerst zuverlässig. Also zum Beispiel in der Abteilung für „CE“ – Customer Experience… Also sowas, wie der ständige Kundenkontakt zum wirklichen User aller „Circle“-Produkte. Ihr seid das Gesicht des „Circle“ und es ist doch wohl klar, dass der „Circle“ sein Gesicht nicht verlieren möchte… und das auf keinen Fall darf. Dafür ist das hier alles zu wichtig. Und wenn man schon im Inneren des Mega-Kreises arbeitet, dann muss man eben dem Ideal der Firma entsprechen und ein soziales Defizit muss einfach bekämpft werden.

Der Circle von Dave Eggers

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Transparenz, Leidenschaft, Partizipation. Also viel mehr ist es schon nicht, was von euch erwartet wird. Nach ultrakurzer Einarbeitungszeit werdet ihr es locker schaffen, die (bei aller Güte nicht hohen) Erwartungen eurer Teamleiter zu erreichen. Tausende von Kundenanfragen sollten euch jetzt nicht abschrecken, auch das Kundenranking über die Qualität eurer Dienstleistung ist nur ein Anhalt für die Leitung, wie gut ihr auf Draht seid. Naja und parallel dazu müsst ihr natürlich „Teilen und Teilnehmen“. Sonst bräuchte man das vielfältige Angebot für Mitarbeiter doch nicht. Oder? Dafür werden euch auch immer mehr Monitore zur Verfügung gestellt. Spitzenkräfte beherrschen den Umgang mit sechs Screens! Und das ganz locker.

Also rein ins interne und externe Netzwerk und immer schön kommentieren und zeigen, was euch gut gefällt (ein bisschen so wie Facebook damals). Tausende von Interessengruppen informieren euch über alles, was so los ist und ihr müsst nur immer schön lesen und klicken. Mehr ist es doch nicht. Natürlich gibt es ein Rating, das darüber Auskunft gibt, wie „sozial“ ihr so drauf seid, aber das ist echt unproblematisch. Sollte es mal zu Unstimmigkeiten kommen, dann lässt sich dieser „Störfall“ sicherlich leicht klären. Man möchte eben absolut keine Missverständnisse. Ein paar moderierte Korrekturgespräche und schon ist alles im Lot.

Noch nicht überzeugt? Eure Gesundheit steht im Vordergrund der Fürsorge des „Circle“. Ihr werdet erst gar nicht krank, weil ein kleiner Chip ständig über euch Auskunft gibt. Sensationell eigentlich und für Behandlungen müsst ihr das Gelände auch nicht verlassen. Und natürlich ist es auch kein Problem, eure Eltern und Geschwister kostenlos in dieses System der Gesundheitsfürsorge mit einzubeziehen. Ihr könnt echt was für eure Lieben tun. Solange ihr euch an einen kleinen Grundsatz haltet: „Um zu heilen müssen wir wissen. Um zu wissen müssen wir Teilen“ ist das wirklich alles unproblematisch. Verlockend oder? Na – schon angefixt?

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Die 24-jährige Mae Holland jedenfalls hielt dieses tolle Angebot für mehr als unwiderstehlich. Raus aus den angestaubten Büros ihres aktuellen Jobs, raus aus der Langeweile und rein in den „Circle“. Endlich dabeisein, wenn alles auf Zukunft gestellt wird und endlich einen der modernsten Arbeitsplätze der Welt real erleben zu können, und endlich den kranken Vater aus dem maroden Gesundheitssystem zu retten und im Circle versorgen lassen. Ja, all dies waren wichtige Punkte, die sie dazu veranlassten, alles stehen und liegen zu lassen, um „Circler“ zu werden.

Was für eine traumhafte Erfahrung, was für eine unglaubliche Umgebung und was für wahnsinnige Angebote sie auf dem Gelände des Konzerns vorfand. Einfach genial. Und mit den persönlichen Einschränkungen würde sie sich bestimmt arrangieren können. Da war sie sich ziemlich sicher. Das täglich steigende Arbeitspensum empfindet sie als Herausforderung. Die geforderten sozialen Kontakte verinnerlicht sie und mausert sich, belohnt vom Rankingsystem des Konzerns, schnell zur Vorzeigemitarbeiterin. Sie ist auf dem besten Weg, Karriere zu machen.

Warnungen ihres ehemaligen Freundes schlägt sie in den Wind. Zu innovativ und weltverändernd ist all das, was sie nun erlebt. Weltweite Kameras werden vom „Circle“ installiert, um Informationen von jedem Ort des Planeten auch visuell sofort verfügbar zu machen. Politiker machen sich transparent, indem sie sich freiwillig ununterbrochen von tragbaren MiniCams überwachen lassen. Die ganze Welt folgt dem transparenten Takt des „Circle“ und auch die Firma selbst wird transparenter als transparent.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Alles wird geteilt, alles steht jedem zur Verfügung und alles wäre nicht schlimm, wäre Mae Holland nicht auffällig geworden. Ein mehr als seltsamer Mitarbeiter führt sie in Versuchung und sie erliegt dem sexuellen Reiz des Verbotenen. Sie verheimlicht, vertuscht und schämt sich für ihre Verfehlungen. Das kann nicht im Sinne der „Drei Weisen“ sein… Sie halten alles zusammen, sie alle tragen den Geist des „Circle“ in sich und verkörpern jeden Schritt in die Zukunft und sie definieren, was geschieht, wenn ein Circler nicht mehr ins System passt. Ihr möchtet wissen, was aus Mae Holland wurde…? Oh, das darf ich nicht verraten. So transparent ist das alles nun auch nicht. Vielleicht bewerbt ihr euch doch einfach oder lest den Roman von Dave Eggers.Der Circle (Kiepenheuer & Witsch) – eine Dystopie, eine Utopie? Oder doch schon viel realer, als wir es vermuten?

Das visionäre Potenzial von Dave Eggers ist hier absolut beeindruckend. Seine Protagonisten werden zu den Randerscheinungen dieses Systems. Sie sind so platt, wie viele reale Menschen, die sich aktuell in sozialen Netzwerken tummeln und nur noch am Pawlow`schen Reflex zu erkennen sind, wenn es Belohnung gibt. Im Austausch dafür wird der Leser des Romans in die Situation hineingezogen. Ich fühlte mich in die Rolle dessen gedrängt, der in dieser Umgebung agieren und reagieren sollte, der sich zu entwickeln hat und hinterfragen muss. Dystopien verspielen oftmals das größte Potenzial in der wenig plausiblen Ausgangslage. Hier ist Eggers bestechend.

Dave Eggers „Der Circle“ ist ein genialer Denkanstoß und ich lasse mich gerne anstoßen. Besonders, wenn mir einerseits solche Menschen täglich begegnen, die in dieses System passen, und ich persönlich andererseits die Anlagen in mir trage, hierfür empfänglich zu sein. Ein guter Roman ist einer, der mein Denken außerhalb des Buches vorantreibt. Das kann ich dem „Circle“ absolut attestieren. Der Mensch als Teil einer Schafherde innerhalb eines durchdachten Systems mit charismatischen Leadern taucht hier nicht zum ersten Mal in einer Sozial-Utopie auf. Das aktive Denken innerhalb eines verständlichen Erzähraums lässt eine sinnvolle Reflektion des Erlesenen in jeder Beziehung zu. Dies ist kein elitäres Buch. Es ist neben seiner Warnung vor sinnloser Transparenz auch noch allerbeste Unterhaltung.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Ein wundervoller Anachronismus zum Roman ist es übrigens, dass der Verlag es geschafft hat, selbst die kritischsten Leser dieser Dystopie dazu zu verführen, auf einer eigens gestalteten Web-Page individuelle Leseindrücke zu Der Circle via Instagram mit aller Welt zu teilen… Ich war auch dabei… Soviel zum Thema „Utopie“ 😉

Ihr dürft diesen Artikel gerne teilen – Transparent bis zum Transpirieren 😉 😉

Selbst die Veröffentlichung dieses Artikels bleibt Instagram nicht verborgen

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Mit Dave Eggers „Bis an die Grenze„… ganz anders, aber ein echter Eggers…

Bis an die Grenze von Dave Eggers

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Der bleiche König” (orig. The Pale King) – der totale literarische Gegenentwurf zu Unendlicher Spaß von David Foster Wallace hat mich viele Wochen lang begleitet und tiefe Eindrücke hinterlassen. Es ist ebenjener David Foster Wallace, der am Ende seiner Kraft, gezeichnet vom unerträglichen Leidensdruck seiner Depressionen und nach unzähligen vergeblichen Therapieversuchen seinem Leben am 12. September 2008 ein Ende setzte und sang- und grablos von der großen Bühne der Weltliteratur verschwand.

Es ist jener David Foster Wallace, der unvollendet aus seinem Leben schied. Er ließ neben seiner geliebten Frau und seinen beiden Hunden eine ganze Garage voller Manuskript-Fragmente zurück, die erst nach sehr intensiver und umfassender Sichtung durch Experten einem neuen Werk zugeordnet werden konnten. Es sind seine allerletzten Worte als Schriftsteller. Es sind mehr als große Worte und sie stellen sein literarisches Vermächtnis dar. In den USA avancierte der Roman The Pale King zum viel bejubelten Bestseller, wurde sogar für den Pulitzer-Preis nominiert und selbst schärfste Foster Wallace-Kritiker strecken inzwischen reihenweise ihre Waffen.

David Foster Wallace hat mit seinem großen Lebenswerk meinen Lebensweg verändert, so wie seine legendäre College-Abschlussrede Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken das Leben junger Schulabgänger verändert hat. Seinen letzten Roman lesend, wurde mir jedoch schnell klar, dass ich dieses große Fragment-Puzzle nicht rezensieren kann, wie einen in sich geschlossenes Roman. Ich habe meinen Weg in seinen Etappen für mich festgehalten und veröffentliche meine Gefühle, Assoziationen und Erlebnisse als Leser von „Der bleiche König“ (Kiepenheuer und Witsch). Aber auch dieses Mosaik ergibt ein Bild – Das Bild meines Lesens!

foster wallace spacer astrolibrium

Vielleicht kann ich auch Euch verführen – und wenn nicht, dann warne ich vor den Büchern von David Foster Wallace… Im Folgenden könnt ihr sehen, was sie mit ihrem Leser anstellen. Lasst uns einfach beginnen:

Emotional wird „Der bleiche König“ für mich bereits im Vorwort des Autors. Er tritt erstmals in einem seiner Bücher persönlich auf und spricht mich an. Nach einem langen gemeinsamen Lesensweg, und um das tragische Ende seines Lebensweges wissend, ist dies ein Moment, der sich tief ins Herz eingräbt:

„Aber das bin ich jetzt als echter Mensch, David Wallace, vierzig Jahre alt… und ich wende mich an sie, um ihnen mitzuteilen: Dies ist alles wahr. Dieses Buch ist wirklich wahr.“

HALLO DAVID, SCHÖN DICH ZU LESEN. Ich lasse mich auf Dein Spiel ein… jetzt.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Was für ein wundervolles Spiel… was für eine einzigartige Verwirrung… was für eine Konfusion, die mich schon zu Beginn des Romans beschleicht:

„Die in diesem Buch beschriebenen Figuren und Ereignisse sind fiktiv!“

Diesen Haftungsausschluss kennt man ja schon. Was aber, wenn der Autor eines Romans eigenhändig auf Seite 73 auftaucht (und damit natürlich auch wieder als fiktiv zu bewerten ist) und behauptet: „Dies ist alles wahr“ (was natürlich demnach ebenfalls fiktiv ist). Umschlossen vom Haftungsausschluss liest man diese fiktiven Zeilen und taucht tief in der Welt eines David Foster Wallace…

Aber er wäre nicht er, wenn er nicht für helle Aufregung sorgen würde, indem er still und leise behauptet, dass das einzige fiktive Element des Romans der vorgebrachte Haftungsausschluss im Impressum des Buches sei.

Damit hebt er den Roman selbst auf die Ebene eines Sachbuches, ja, gar einer Autobiografie und wir dürfen nur zweifeln, ob er das auch wirklich so meint, wie er es schreibt. Denn wenn dem so sein sollte, dann ist der Haftungsausschluss der kürzeste Roman der Literaturgeschichte und ist doch nur Einleitung für ein eigenständiges biografisches Werk.

Herrlich – traue nie einer Verpackung, lasse dich in den Inhalt treiben und dort warten die wahren Überraschungen. Wie im Leben ereilt den Leser auch hier die Erkenntnis an einer Stelle im weit fortgeschrittenen Flickenteppich eines prachtvollen Gobelins aus meisterlicher Feder. Im Vorwort des Autors… auf Seite 73 unmittelbar nach Kapitel (§) 8!!!

Anmerkung [1]: Diese Zeilen von mir sind nicht fiktional… Absolut nicht… Nur ich selbst bin inzwischen fiktiv, womit sich ein Haftungsausschluss völlig erübrigt…

David zu lesen ist für mich immer noch eine Mischung aus purem Vergnügen und harter geistiger Betätigung. Es erschöpft und befreit zugleich. Und dabei ändert jede Zeile die Selbsteinschätzung und den tiefen Glauben an die absolute Perspektive in einer großen Geschichte… Entschuldigung, ich beginne wieder abzuschweifen, aber es geht nicht anders…. Absentiertes Lesen führt zu isolierten Bildwelten…..

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Es geht nur langsam… Das Lesen unter intensiven Bedingungen… immer mal ein paar Seiten. Aber wenn ich dann in den ruhigen Minuten in „Der bleiche König“ von David Foster Wallace eintauche, dann komme ich genau in diesen Minuten in einer eigenen Welt an und betrete eine einsame Insel.

Protagonisten fliegen an mir vorbei und hinterlassen dauerhafte Spuren. Die kleine Toni Ware, ein junges Mädchen, dessen Leben von Missbrauch gekennzeichnet ist und unter dem Motto „Im einen Auto gezeugt – im anderen geboren“ steht. Ein junger Mann, der so gut und warmherzig ist, dass er seine Umgebung mit seinem Gutmenschentum in den Wahnsinn treibt und ein junges Pärchen, dem der Mut zur Liebe fehlt, was einem ungeborenen Leben das ungeliebte Leben kosten wird.

Es geht langsam – das Lesen – aber jedes Wort auf dieser einsamen Insel erinnert mich an vieles und weckt Gefühle, die ich kenne, wenn ich mich in David verliere. Es ist ein abstinentes Lesen, da man anderen Büchern für lange Zeit entsagen muss. Es ist ein weitgehend einsames Lesen, da man kaum auf Menschen trifft, die David in der Hand halten.

Es ist ein einzigartiges Lesen, da es einzig ist und bleibt. Während vieles andere verschwimmt und sich entgrenzt… David ist und bleibt David…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Nachdem man schier verzweifelt auf der Suche nach dem eigentlichen Protagonisten des Romans ein wenig unschlüssig über der Druckfahne liegt, beginnt sich die Einsicht mit Donnerhall seinen Weg zu bahnen…

In zeitlosen Rückblenden und Zeitsprüngen von Schicksal zu Schicksal zeigt sich die eigentliche Dynamik der Handlung. Wenn eine starre Steuerbehörde als Institution den Kern des Buches bildet, dann sind alle Individuen die eigentlichen Protagonisten und wir erfahren, dank David Foster Wallace, mehr von ihnen, als uns lieb sein kann. Sie purzeln an uns vorbei, aber sie hinterlassen bleibende Eindrücke.

Es handelt sich nicht um Abziehbilder ihrer Selbst… Sie sind greifbar mit all ihren Schwächen und der einzigartigen Vita, die jedem Charakter zugrunde liegt. Erst so können wir uns vorstellen, welche Einzelschicksale sich in der Behörde versammelt haben, um ihrem langweiligen Job nachzugehen…

Nehmen wir David Cusk, dem es in seiner Jugend eigentlich ganz gut geht. Wäre da nicht ein Leiden, das ihn – in sich und in seinem Umfeld – zum Außenseiter werden lässt. Er schwitzt. Er transpiriert nicht, nein, er schwitzt wie ein Schwein und das in den unmöglichsten Situationen. Der Schweiß fließt ihm in endlosen Sturzbächen über das verzweifelte Gesicht und er versucht unzählige Tricks, um sein Leiden zu besiegen.

Er hält sich von Heizungen fern, geht nur im Hemd durch die winterliche Landschaft oder packt sich in Zwiebelschichten aus Bekleidung ein, um mehr ausziehen zu können, wenn das Wasser fließt. Und das Schlimmste überhaupt… je mehr er an seine Schwäche denkt, desto intensiver wird die Gefahr eines Schweißausbruchs. Es ist wie mit jedem Schicksalsschlag… je mehr Gedanken man verschwendet, desto größer wird die Angst…

Und schon fließen auch dem Leser die ersten zarten Rinnsale den Rücken herunter und man erwischt sich, wie man sich die Stirn immer häufiger abwischt… Im Schweiße meines Angesichts lese ich weiter und versuche dabei absolut erfolglos die Gedanken an Schweißperlen zu verdrängen….

Und noch mehr verdränge ich den Gedanken daran, wie dieser Junge später in feinem Anzug in einer Steuerbehörde überleben kann…. Da läuft mir der kalte Schweiß den Rücken runter….

Jetzt transpiriere ich schon wieder vor mich hin. Es fließt halt einfach so…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Ein Roman, in dessen Mittelpunkt die oberste Steuerbehörde eines Landes steht beschäftigt sich fast zwangsläufig auch mit denjenigen „Kunden“ dieser Institution, die ein lockeres Verhältnis zur geltenden Rechtsauffassung haben.

Und hier ist David so zeitlos und präzise, wie man es sich nur wünscht. Denke ich an einen ganz bestimmten „Steuersünder“ in unserem Land, der kaum verstehen kann, warum eine Selbstanzeige nicht automatisch einen (auch moralischen) Freispruch nach sich zieht, dann empfehle ich die folgenden Zeilen genau zu lesen und sie sich auf der geneigten Steuerzahler-Zunge zergehen zu lassen:

„Wenn Sie die Einstellung eines Menschen zu Steuern kennen, dann können Sie sich einen Begriff von (seiner) ganzen Philosophie machen. Wenn man das Steuerrecht erst einmal durchdrungen hat, umfasst es das ganze Wesen des (menschlichen) Lebens: GIER, POLITIK, MACHT, GÜTE, BARMHERZIGKEIT…“

Diese Zeilen im Kopf ändern meine Perspektive deutlich. David Foster Wallace schickt seine Botschaft auch nach Bayern. Man muss sie nur verstehen, dann versteht man die Maßlosigkeit anders… nämlich als selbst gewähltes Maß der Dinge… Ich denke zu viel in diesen Tagen, aber auch das geht vorbei…

Besonders interessant ist dieser Gedanke, wenn man sich vor Augen hält, dass ebenjener mutmaßliche Maßlose vor Jahren einem nicht ganz namenlosen Fußball-Trainer wegen Drogenkonsums Unzuverlässigkeit in allen Lebenslagen unterstellt hat…. pars pro toto… Nun muss er Ähnliches zu seiner Integrität erdulden… moralisch im Abseits… und die Schiedsrichter haben es bereits gepfiffen

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Wo liegt die wesentliche Stärke eines Jahrhundertromans?

Einerseits sollte er einzigartig sein und andererseits mit völlig neuen Perspektiven aufwarten. Nehmen wir zum Beispiel den komplexen Apparat der US-amerikanischen Steuerbehörde. Fragt man die Bürger des Landes, dann handeln in ebendieser Behörde absolut gesichtslose Akteure, die im System so sehr aufgegangen sind, dass sie ihre Identität nur noch an der eigenen Steuernummer festmachen.

Und nun kommt ein Autor, der nicht nur den Blick hinter die Kulissen wagt, sondern sich selbst in die Rolle eines dieser kleinen Institutions-Rädchen versetzt. Er erzählt aus seiner Sicht und verleiht den bleichen Schicksalen der Behörde eine ungeahnte Tiefe. Wer sich auch immer verzweifelt auf die Suche begeben mag, wer denn nun der wahre „Held“ des Romans ist, der wird sich schnell mit dem Gedanken anfreunden, dass die Suche nach dem Ganzen den Blick auf das Mosaiksteinchen schärft und es auf diese Weise gelingt, jedes noch so kleine Steinchen zum Hauptdarsteller mutieren zu lassen.

Allein die Vorstellung, dass man am Ende des Buchs nicht nur unfassbar viele Akteure mehr als gut kennt, versteht und nicht beneidet.. Man hat ihren Weg verfolgt und liest sich in ein System hinein, das nicht ansatzweise so komplex ist, wie jeder einzelne seiner Mitarbeiter.

David Foster Wallace gelingt wirklich ein großer literarischer Wurf... Er spiegelt einen Roman in Richtung seiner Leser, denn wer von uns hatte noch nie das Gefühl, nur anonymer Teil einer Masse zu sein… unterzugehen im System und schließlich auch ersetzbar durch das nächste willfährige Rädchen, das sich frisch geschmiert in Rotation versetzen lässt?

Ein gesellschaftspolitisches Meisterstück, weil man gar nicht merkt, dass es eines ist. Indirektes Lesen… das Verständnis kommt ungezügelt genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet… Und so macht er den Protagonisten seines Romans das schönste Geschenk: er verleiht ihnen Identität; Kontur; Ecken und Kanten…. sie leben….Und weil sie leben, beginnen auch die Leser des Romans wieder zu leben… aufzuatmen und sich nicht mit dem System abzufinden… großartig

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace ist kafkaesk….

Was er aber mit Franz Kafka gemeinsam hat? Ein Versuch der Annäherung:

Kafka gehört zu den größten, aber auch umstrittensten deutschen Autoren. Von Schülern gleichermaßen ungern gelesen, zutiefst gehasst und verflucht, da sie sich der Deutungshoheit der allwissenden Lehrkörper zu unterwerfen haben. Doch Kafka trifft keine Schuld.

Kafka hatte testamentarisch die Veröffentlichung seiner fragmentarischen Romane untersagt. Er wollte nicht, dass sie gelesen, gedeutet, zerfleddert oder kritisiert werden. Kafka muss genau gewusst haben, was mit seinen Unvollendeten passiert. David Foster Wallace nahm sich das Leben, bevor „Der bleiche König“ beendet war. In der Garage fand man die Manuskriptseiten, ordnete sie und veröffentlichte sie in der Hoffnung, dem Fragment einen Sinn gegeben zu haben.

Er konnte sich nicht dagegen wehren und falls heute jemandem dieses Buch nicht gefällt… immer daran denken… es ist kafkaesk, weil unvollendet und es lag nicht in der Absicht des Verfassers es so veröffentlicht zu sehen. Dies sollte man bedenken, wenn man leichtfertig schreibt… „unverständlich… unlesbar… was soll das…“

Davids Fragment ist ein fast fertiges Mosaik... ein gewaltiges Bild, auf und in dem man sich bewegen kann. Ein Kunstwerk – ich bin froh, dass man ein Buch daraus gemacht hat! Sehr froh… Franz Kafka und David Foster Wallace – Fragmentaristen auf der Suche nach dem großen Ganzen…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Nun hatte er endlich seinen schillernden ersten Auftritt. Der bleiche König, derjenige, der im undurchschaubaren System der US-amerikanischen Steuerbehörde alles, aber auch wirklich alles zu durchschauen scheint. Ja, die ultimative graue Eminenz Glendenning lässt im Gespräch mit ahnungslosen Mitarbeitern Weisheiten vom Stapel, die den Kern jeder modernen Demokratie im Kern erschüttern.

„Frag nicht was dein Land für dich tun kann… frag dich, was du für dein Land tun kannst!“ Diesen legendären Ausspruch von John F. Kennedy als roten Faden in der Hand haltend erteilt uns David Foster Wallace aus der klaren Perspektive Glendennings einen staatsbürgerlichen Unterricht allererster Güte.

David knüpft hier an die unfassbare Tiefe seiner legendären College-Abschlussrede Das hier ist Wasser – eine Anstiftung zum Denken an, die in ihrem genialen Perspektivwechsel Generationen junger Studenten beeinflusst und spiegelt dabei seine Haltung gegenüber Regierungen und Regierenden auf den Leser zurück.

David Foster Wallace - Das hier ist Wasser - Eine Anstiftung zum Denken

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken

Allein dieses Kapitel macht das gesamte Werk mehr als lesenswert.

Die Individualisierung des Menschen, der ständig wachsende Ich-Bezug und die Kritik am gewählten System sind Ursachen für die Wurzeln des Übels einer Demokratie. Nicht mehr das Gemeinwohl zählt… nein… durch Votum bei einer Wahl überträgt man diese sozialen Aufgaben dem Staat. Nur um dann genau gegen diese gesellschaftlich übertragenen Aufgaben zu rebellieren.

Steuerhinterziehung, Umweltverschmutzung und Kriminalität... Symptome einer kranken Gesellschaft, in der jeder nur noch auf sich schaut, aber doch voll berechtigtes Mitglied einer Gesellschaft sein möchte, wenn es darum geht, Sozialleistungen zu empfangen…Man sollte David zuhören… er spricht nicht nur von den USA… ein unfassbar facettenreiches Buch…!

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Es tut nicht weh!!!!!!!

Kaum kümmert sich das Feuilleton um den letzten Roman von David, kaum werden intellektuelle Leseschleifen angelegt, da entsteht auch schon der bleibende Eindruck, dass man es mit einem Buch für die literarische Elite unseres Landes zu tun hat. Vergleiche und Interpretationsansätze scheinen bezwecken zu wollen, dass der jeweilige Kritiker mit seinen jeweiligen Ergüssen signalisiert, dem Werk gewachsen und damit auch würdig zu sein.

DIESES BUCH IST NICHT ELITÄR!

Ich selbst gehöre definitiv nicht zur geistigen Elite dieses Landes – ich lese gerne ganz normale Romane und vertiefe mich in leicht greifbare Stoffe. Ich lese David Foster Wallace so leidenschaftlich gerne, weil ich ihn verstehe und er mich anspricht. Nicht gefährlich ist dieses Buch – wie man auf dem Bild sieht, man kann es sogar anfassen, ohne dass es dem Leser die Hand verbrennt. Es ist keine obskure Scharlatanerie, die hier betrieben wird und es ist in sich verständlicher als manch leicht zugängliches Werk.

ABER: Es verankert sich tief im Gedächtnis, es haftet sich fest, nistet sich ein und in den alltäglichsten Situationen wird man von Bildern angesprungen, die man eben noch gelesen hat. Das ist nicht elitär. Man ist auch niemand Besonderes, wenn man sich mit der Aura dieses Romans umgibt. Es ist letztlich nur ein Buch. Eines in einer ganz besonderen Art und von unfassbar seltener Struktur. Nicht der Autor gibt den Weg des Verstehens vor. Der Leser darf dies ganz alleine bewerkstelligen. Man legt sein eigenes Mosaik und ist Herr der eigenen Deutungshoheit.

WANN HAT MAN DAS SCHON?

Ich habe es angefasst und lege genau diese Hand für David Foster Wallace ins Feuer.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Wobei ich ja finde, ab einem gewissen Punkt sollte man einfach die Zähne zusammenbeißen und das Blatt, das man vom Leben erhalten hat, nach bestem Wissen und Gewissen ausspielen.“

Chris Fogle im 22. und absolut längsten Kapitel des Romans.

Die Annäherung an diesen jungen und rebellischen Mann fällt nicht leicht. Es ist umständlich, ihm durch Drogenkonsum und hunderte verpasste Lebenschancen, von Schulabbruch zu Schulabbruch zu folgen und sich dabei selbst als Spielball seiner Eltern sehend. Wir hätten ihn der sogenannten 68er Generation zugeordnet. Rebellisch und sich gegen Autoritäten auflehnend und trotzdem wie die Made im Speck im Hause der Eltern lebend. Ein Kampf gegen das System – aus dem System heraus. Bequem eben.

Und dann steuert dieses Kapitel mit Vater und Sohn in einen U-Bahnschacht… man ist in Eile… die Bahn muss erreicht werden, doch der Sohn lässt sich in stillem Protest ein bisschen zuviel Zeit. Vater wartet eine Sekunde zu lange. Eine Tür schließt sich. Ein Arm des Vaters im Wagen, der Rest des Vaters auf dem Bahnsteig. Langsame Abfahrt. Langsames Laufen. Doch bei ganz genau 87 km/h kann man das Laufen nicht mehr als solches bezeichnen.

Der Tod kommt rasend schnell und doch in einer literarischen Genialität verfasst, dass man eigentlich fliegt und doch in Zeitlupe zuschaut. Der Tod kommt unfassbar brutal. Ebenso brutal wie jahrelange Rechtstreite mit Bahnbetreibern und Gutachtern. Verantwortungskultur in Reinform.

Der Schuldige….? Nun, er muss damit leben, einen kleinen Moment zu lange zu still und zu langsam gegen den Vater protestiert zu haben. Eine tragische und tödliche Sekunde, die alles verändert.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

An manchen Lesetagen verfestigen sich Zitate aus dem großen letzten Buch unseres Lieblingsautors. Sätze wie Donnerhall, die eigentlich dem Schauplatz des Romans gelten: der amerikanischen Steuerbehörde und ihren Eigenarten als Institution nach innen und außen. Die Rolle der Mitarbeiter? Ganz klar auf den Punkt gebracht in einem Schlagwort, und genau diese Zeilen nimmt man mit in den Alltag. Fragend und zweifelnd – lachend wenn es nicht so ist, aber doch wachsam. Denn wehret den Anfängen:

„Wir suchen Zahnräder – keine Zündkerzen!“

Menschen in der aberwitzigen Welt unmenschlicher Großraumbüros:

„Das Auffallendste daran war die Stille. In dem Saal saßen mindestens 150 Männer und/oder Frauen, allesamt hoch konzentriert bei der Arbeit, und doch war der Saal so still, dass man eine Unregelmäßigkeit in der Türangel hören konnte… An die Stille erinnere ich mich am meisten, weil sie gleichzeitig sinnlich und unstimmig war…“

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Auf der Suche nach meinem Highlight des Lesens werde ich bei „Der bleiche König“ sehr schnell fündig. Zurückgezogen und allein gelesen… intensiv inhaliert und täglich neu verarbeitet… tausende von Eindrücken gespeichert und eine unglaubliche Vielzahl von Inspirationen auslösend. Fühlend, riechend, schmeckend, schwitzend und rasend bin ich dem Roman gefolgt – und er mir.

DER BLEICHE KÖNIG von David Foster Wallace ist ein Buch, das auf den ersten Blick wie eine uneinnehmbare Festung wirkt, die aber beim intensiven Blick in jeden einzelnen Raum des Komplexes ganz neue Perspektiven gestattet und eine Welt voller Emotionen zeigt. Mit David hat für mich vieles begonnen. Seine Bücher haben mir die Augen geöffnet.

Unendlicher Spaß“ war für mich Zeichen meines persönlichen Aufbruchs in eine Zeit an der literarischen Seite eines besonderen Menschen. „Der bleiche König“ stellt, wie ein sich schließender Kreis, den Schlusspunkt dieses Weges dar. Alles begann mit David und alles endet fünf Jahre später mit ihm. Was nicht endet, ist mein Weg an seiner Seite, denn ich hinterließ keine Garage voller Manuskripte. Ich trage sie immer bei mir. Auch wenn der letzte Satz geschrieben und das letzte Wort gesagt ist. Mein Lebenszitat aus seiner Feder wird zeitlos bleiben:

„Sie hat das Gesicht eines weiblichen Engels, weniger sexy als engelhaft, als hätte sich das Licht der ganzen Welt verdichtet und Gesichtsform angenommen. Oder so.“

Danke David – für alles…

David Foster Wallace - Mit einem Klick zu meiner ganzen Artikelwelt und mehr

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – Verlag Kiepenheuer & Witsch

Was ist, wenn man einen Schriftsteller vorbehaltlos verehrt? Was, wenn man fast alle seine Bücher und Essays gelesen hat? Was, wenn er Selbstmord begeht? Was, wenn euch dann jemand in einer Biografie diesen Menschen näherbringen möchte?

Ich hatte große Angst davor, dass diese Biofgrafie meine Bilder zerstört und mit Eindrücken überlagert, die ich niemals gewinnen wollte.

Warum ich die Angst verlor….

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben