CLORIS von Rye Curtis

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Eine berechtigte Frage, die sich die Forest Ranger in Montana stellen, als sie am Funkgerät immer nur das Wort „Cloris“ empfangen. Eigentlich sind es Tage wie immer in der Idylle der Bitterroot Mountains. Nicht viel los auf dem Außenposten in der Weite der Natur im Herzen von Montana. Wäre da nicht jener monotone Funkspruch. Cloris. Dabei ist das Wort gar kein Wort, es ist ein Name und der Funkspruch ist alles andere als monoton. Es ist ein Hilferuf der besonderen Art und die schlechte Verbindung sorgt dafür, dass man am anderen Ende immer nur dieses Wort hört. Cloris. Dass sich hier eine verzweifelte 72-jährige Texanerin in akuter Lebensgefahr befindet, dass sie einen Flugzeugabsturz über dem unwirtlichen Gebirgszug überlebt hatte und nun nach Hilfe ruft, erschließt sich den Rangern vorerst nicht.

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Wir Lesenden wissen mehr als die Forest Ranger in Montana. Rye Curtis macht uns in seinem literarischen Debüt-Roman „Cloris“ zu Augenzeugen des Absturzes. Er setzt uns in die kleine Maschine und lässt keine Fragen offen, mit wem wir da bis zum „Ende der Welt“ fliegen. Ein routinierter Pilot und ein älteres Ehepaar aus Texas, das sich hier eine kleine Hütte gemietet hatte, um die Landschaft zu genießen, fallen nach einem missglückten Manöver vom Himmel. Ein Absturz, den nur die Frau überlebt. Ihr Name: Cloris Waldtrip. Die tief religiöse ehemalige Lehrerin und Bibliothekarin bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Und doch beginnt ihr Überlebenskampf schon direkt nach dem harten Aufprall der Maschine.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis – AstroLibrium

Eigentlich sollten die Chancen auf Rettung nicht schlecht stehen. Ein Funkgerät, eine warme Jacke, ein paar Karamellbonbons und der unversehrte Schuh ihres toten Ehemanns, den Cloris als Trinkgefäß verwenden kann und eine Bibel sind jedoch die einzigen Utensilien, die sie aus dem Wrack retten kann. Der Rest ist Schweigen und Einsamkeit. Und wäre da nicht die andere Seite am Ende des Funksignals, alles wäre vielleicht viel schneller gegangen. Denn hier begegnen wir der abgehalfterten Rangerin Debra Lewis, die schon auf den ersten Seiten unseres Kennenlernens mehr Merlot in sich hineinkippt, als ich es je in meinem Leben bewerkstelligen könnte. Merlot pur und Merlot im Kaffee, Merlot in der Thermoskanne und direkt aus der Flasche. Es sind die ungünstigsten Voraussetzungen, mit einem Hilferuf genau bei Ranger Lewis zu landen.

Und doch lässt Rye Curtis seine Cloris nicht allein. Wie aus dem Nichts scheint sie Hilfe zu finden. Eine Nachricht „Gehen Sie flussabwärts“, ein plötzlich flackerndes und wärmendes Lagerfeuer, ein Kompass, eine Trinkflasche, ein Beil und weitere hilfreiche Gegenstände tauchen auf, als sie sich auf den Weg zurück in die Zivilisation macht. Es scheint ein Wunder zu sein, Folge ihres tiefen Glaubens und doch erkennt auch Cloris, dass diese Hilfe viel realer ist, als sie es sich jemals vorgestellt hat. Es ist ein maskierter Mann, der sie als Schutzengel begleitet. Doch warum gibt er sich nicht zu erkennen?

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Das klingt nach einem guten Roman mit viel Potenzial zum Pagetruner. Und doch macht es uns Rye Curtis nicht leicht mit seinem Debüt. Der junge texanische Autor hat einen Plan, dem er schreibend folgt. Er hat ein Ziel, dem wir durch die Wildnis Seite an Seite mit „Cloris“ entgegen streben. Die brillante Konstruktion des Romans entledigt uns von den grundlegenden Sorgen, ob die alte Dame letztlich überlebt. Sie selbst ist es, die ihre Geschichte mit einer zeitlichen Distanz von mehr als zwanzig Jahren erzählt. Es ist eine Seniorenresidenz, aus der sie sich meldet. Hier steht nicht die Frage des „Ob“ sie es überlebt hat im Mittelpunkt, sondern das „Wie“ und was sie aus den Ereignissen für sich gelernt hat. Ein Entwicklungsroman in höchstem Alter. Destination unbekannt.

Dabei geht uns Rye Curtis gehörig auf die Nerven. Und das im allerbesten Sinne des Wortes. Es sind drastische Bilder, die er in unserem Geist explodieren lässt. Es handelt sich um drastische Beschreibungen vom Tod, Verwesung und vom Überlebenskampf in einer alles verzehrenden Wildnis. Es sind skurrile Charaktere, an denen wir uns hier zu reiben haben, um den Kern der Geschichte zu erkennen. Jeder scheint hier gewaltig in einem Gefängnis aus Selbstsucht, Sucht und Absonderlichkeit gefangen zu sein. Jedes Bild für sich kann den Lesenden abschrecken. Besonders die Konfrontation mit einem Bild, das sich noch lange festbrennt und sich ganz langsam aus einzelnen Aufnahmen entwickelt, verlangt einige Überwindung. Rye Curtis kämpft in „Cloris“ gegen Vorurteile und Vorverurteilung. Er gibt den Menschen in seinem Roman eine zweite Chance. Wir hätten ihnen vielleicht nicht mal eine erste gegeben. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Ein Buch jedoch für Abenteurer und Liebhaber schrulliger Menschen, denen man sehr gerne durch ihre Geschichte folgt.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Cloris von Rye Curtis - KateView - Astrolibrium

Cloris von Rye Curtis – KateView

Ich war nicht alleine in den Bitterroot Mountains. Mir war die Sicht von Kate mehr als wichtig, weil es gerade Frauen sind, die diesen Roman dominieren. KateView, der zweite Blick aufs Buch:

Was anfängt wie ein gewöhnlicher Ausflug in die Weiten Montanas, entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als Herausforderung für schwache Mägen. Rye Curtis wechselt zwischen stimmungsvollen Beschreibungen und schonungsloser Ehrlichkeit. Als Leser mit Phantasie geht einem das Bild des vor unseren Augen, in unseren Ohren verendenden Piloten nicht aus dem Kopf. Time after time. Es zieht einen hinein in die Wälder und lässt einen in einer Offenheit auf Figuren treffen, die fast schon nackt sind. Der Autor breitet mit einer Ruhe das Seelenleben und die inneren (und äußeren) Qualen seiner Protagonisten vor uns Lesern aus, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als ihm mit etwas angeekeltem Blick in seiner Geschichte zu folgen. Die gläubige, fast schon fatalistische alte Dame, die alkoholsüchtige Rangerin, der kreideverliebte abgehalfterte Lover, der etwas langsame Rangergehilfe. Alles Figuren, die in sich so stimmig sind, dass sich die schlüpfrige Erzählweise ausgesprochen gut ertragen lässt.

Ein wenig erinnert mich der Roman an „Feuchtgebiete“, von allem immer einen Hauch zu viel, immer ein wenig mehr Provokation – und doch zieht einen die Story in ihren Bann. Gerade weil man nach wenigen Seiten so viel über die Figuren weiß, begleitet man sie gerne ein Stück. Und zwischen all den Schlüpfrigkeiten und verkrachten Existenzen finden sich tiefgründige Gedanken mit offenem Ende. Der Geschmack von billigem Merlot und verkohltem Eichhörnchen auf der Zunge führt einen durch einen Roman, der EBEN NICHT eine Geschichte über zwei toughe Frauen ist, die sich durch die Wildnis schlagen – denn das kann ja jeder. Der Alltagsalkoholismus ist ebenso schwer zu ertragen, wie die Erkenntnis, dass Cloris alle Hilfe braucht, weil sie allein nicht überleben kann. Wenn man einen seichten Roman über starke Frauen lesen will, dann ist dieses Buch nicht geeignet. Cloris ist ehrlich.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

„Cloris“ von Rye Curtis bricht mit vielen Tabus und überschreitet Grenzen. Ich werde in Erinnerung behalten, dass ich gerade die Romanfiguren am meisten mochte, die es am wenigsten verdient zu haben schienen. Es ist eine intensive Diskussion, die der Autor in unserem Innersten auslöst. Schaffen wir es hier, unsere Denkbarrieren zu lösen, fällt es uns auch im Leben leichter, dem Schwarz-Weiß-Denken nicht zum Opfer zu fallen. Achten Sie auf sich, wenn Sie dieses Buch lesen. Greifen Sie doch einfach zu einem guten Glas Merlot. Das hilft zwar nicht weiter, aber es ist der Geschmack in einer Geschichte, die nie geschmacklos wird. Betreutes Survival. Mal was Neues.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Kommentar verfassen - Sie müssen keine EMail-Adresse oder Namen hinterlassen. Beachten Sie dazu meine Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.