„Die Heimkehrer“ von Sana Krasikov – Eine Spurensuche

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Kann man sich seine Heimat selbst verorten“, oder ist dieser so emotional geprägte Begriff eher als Konstante in unserem Geist verankert? Kann man seine eigene Heimat verleugnen und hinter sich lassen ohne gleichzeitig seine Identität infrage zu stellen? In ihrem vielschichtigen Familienroman „Die Heimkehrer“ widmet sich eine Autorin dieser zutiefst aufwühlenden Materie, deren eigene Entwurzlungen vermuten lassen, dass sie aus berufenem Mund erzählen und aus dem persönlichen Vollen schöpfen kann. Sana Krasikov, geboren und aufgewachsen in den Teilrepubliken der alten Sowjetunion. Die Ukraine als Geburtsland. Georgien das Land ihrer Kindheit, aus dem sie 1988 im zarten Alter von neun Jahren mit ihren Eltern auswanderte. Amerika wurde zur neuen Heimat der Emigranten. Nach ihrem Literaturstudium und einem Fulbright-Stipendium lebt und schreibt sie nun als US-amerikanische Autorin mit Lebensschwerpunkt New York.

Wenn Sana Krasikov nun also von Heimkehrern schreibt, könnte man vermuten, es mit einer autobiografischen Anwandlung zu tun zu haben, die ihre eigene Geschichte in das Land zurückträgt, dem ihre Familie den Rücken gekehrt hat. Weit gefehlt. Für Sana Krasikov spielt der Heimatbegriff eine weitaus abstraktere Rolle, der sie mit ihrem Buch Nachdruck verleiht. Ihre Protagonistin Florence Fein wendet sich von ihrer bisherigen Heimat ab. Sie folgt ihrem Herzen und flieht vor der großen Depression und den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Auf zu neuen Ufern. Im Gegensatz zu den üblichen Mustern in den Wellenbewegungen der Emigration zieht es die junge Frau aus New York jedoch in ein Land, das zu dieser Zeit nicht gerade die Weltrangliste der Fluchtorte anführte. 

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Florence wandert nach Russland aus. Moskau und Magnitogorsk werden Ziele einer Neuausrichtung, die nicht nur ihr Leben verändern wird. Auf satten 800 Seiten entwirft Sana Krasikov ein soziopolitisches Kaleidoskop der Irrungen und Wirrungen. Mehr als 75 Jahre umspannt ihre epische Erzählung, die von Motiven, Hoffnungen, enttäuschten Hoffnungen und Entfremdung geprägt ist. Der Traum von einer sozialen Utopie und der gerechten sozialistischen Gesellschaft pulverisiert sich ebenso wie das Trugbild Sergej. Statt des russischen Ingenieurs, in den sie sich noch in Amerika verliebt, treibt es sie in die Arme eines Mannes, der wie sie nach Russland ausgewandert ist. Niemals wird sie in der neuen Heimat als Russin gesehen. Sie bleibt die Außenseiterin, die am eigenen Leib erleben muss, was es bedeutet, Treibgut der eigenen Träume zu sein. Die wahre Heimat ist immer dort, wo man gerade nicht ist. Heimweh wird zum brutalen Opfer des Fernwehs und die Selbstaufgabe führt zu Kompromissen, die aus Florence eine willige Mitläuferin des kommunistischen Regimes machen. Keine Lebensversicherung, wie sie erfahren muss.

Drei Generationen umfasst der Roman „Die Heimkehrer“. Von den Ursprüngen bis zu den Nachkömmlingen spannt Sana Krasikov ihren Handlungsbogen, der die großen Fragen nach Identität und Identifikation in den Mittelpunkt stellt. An der Weltgeschichte ändert Florence nichts. Alle Illusionen zerplatzen wie Seifenblasen. Was sie erlebt, eint sie mit unzähligen Opfern des stalinistischen Systems. Aus der Emigrantin wird bei den Säuberungswellen, die das Land durchziehen eine politische Gefangene. Gulag. Lager. Trennung von ihrem Sohn Julian der sie erst Jahre später wieder in die Arme schließen darf. Getrennt von ihrer kleinen Familie, die sie sich in der neuen Heimat aufgebaut hat. Die volle Breitseite der Tyrannei trifft mitten ins Herz, wenn man an einem Bahnhof zum Zeugen der Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Acht Jahre in Sibirien hatten Florence nachhaltig verändert, als sie im Jahr 1956 endlich ihren 13jährigen Sohn wiedersehen darf. Er verbrachte diese Zeit in einem Waisenhaus. Und doch ist sie in ihrem Inneren das kleine amerikanische Mädchen mit Träumen und Hoffnungen geblieben. Eine Begegnung in Russland. Mutter und Sohn in einer Heimat, die sie verschlungen hatte. Weit von dem Land ihrer Herkunft entfernt. Es ist die gemeinsame amerikanische Sprache, die den Weg in eine neue Zukunft weisen sollte. Hier springt Sana Krasikov durch die Zeitscheiben ihrer Geschichte. Es ist kein in sich geschlossener Erzählraum, den sie öffnet. Wir werden zu Zeugen von Remigration und Heimkehren. Wir werden zu Zeugen einer Heimholung, die zur Heimsuchung wird. Lebenslang versucht Julian zu ergründen, was seine Mutter verbrochen haben soll, um im russischen Gulag zur „Achtundfünfzigerin“ zu werden. Politisch gefangen. 

Sana Krasikov erzählt nicht linear und nicht chronologisch geordnet. Genau das macht den großen Reiz dieser Geschichte aus. Ursachen und Folgen der Entscheidung ihres Lebens verfolgen Florence und ihre Familie lebenslang. Bewegend und spannend werden Fiktion und Geschichte miteinander verbunden. Das uns unbekannte Russland wird greifbar und wirkt mehr als erschreckend auf die Leser. Nicht minder erschreckend jedoch verläuft die parallele Entwicklung in den westlichen Ländern. Eine echte Heimat zu finden war in diesen Zeiten wohl unmöglich, ohne sich gleichzeitig mit einem System zu verheiraten. Julian gelingt es nicht nur, seine Mutter Florence von ihrer Rückkehr in die USA zu überzeugen, er gibt selbst niemals auf, ihrer und seiner eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Nirgendwo selbst richtig angekommen im eigenen Leben. In Amerika Russe. In Russland Amerikaner. Ein Schicksal, dem Entwurzelte zeitlos anheimfallen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man und auch, dass sich Geschichte wiederholt. Dieser Roman spuckt auf die heilende Wirkung der Zeit. Er wiederholt sich inhaltlich auf dramatischste Art und Weise, als Julian 2008 nicht nur in den inzwischen zugänglichen Archiven des Geheimdienstes nach der Geschichte seiner Mutter sucht, sondern er einem Motiv folgt, das zum Schicksal seiner Familie geworden zu sein scheint. Er, der „russische Simpel“, der „Gestörte zweiter Generation“, als der er in Amerika immer gesehen wurde, ist auf der Suche nach seinem eigenen Sohn Lenny. Geschichte wiederholt sich und reißt nie geheilte Wunden wieder auf. So ist der Vater, dessen Mutter den russischen Gulag nur knapp überlebte auf der Suche nach seinem Sohn, der sein Russland finden möchte.

Selten hat mich eine Autorin so gepackt, wenn es um die Austauschbarkeit von Heimat ging. Selten war der Heimatbegriff so willkürlich veränderbar, so variabel und dann doch wieder so nah und greifbar. Heimweh fühlt nur, wer Identität besitzt. Diese unterliegt dem Wandel der Zeit, kann genommen und verfestigt werden. Man ist selbst seines Glückes eigener Schmied. Man sollte nur sehr gut darauf achten, auf welchem Amboss man liegt. Sana Krasikov relativiert die die Schrecken politischer Systeme, da sie keiner Gesellschaft übergroße Toleranzwerte zubilligt. Die jüdischen Wurzeln ihrer Familie bringen überall Probleme mit sich. Ob im freien Amerika oder der scheinbar so geknechteten Sowjetunion. Aus diesem Buch spricht die große Sehnsucht der Autorin, einen selbstbestimmten Heimatbegriff zur Ausgangsbasis des eigenen Lebens machen zu können.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Dabei benötigen Menschen Hilfe. Heimatlose integrieren sich nicht. Beheimatete sind nicht automatisch Zuhause angekommen. Die Gefühle reichen tiefer. Es ist zeitlos und in jeder Beziehung relevant, was uns Sana Krasikov ins Stammbuch schreibt. In diesen Zeiten, in denen wieder ideologische Mauern zwischen Ost und West errichtet werden, sollte man an die Menschen denken, die hinter den eisernen Vorhängen verborgen sind und neidisch auf die jeweils anderen Welten schauen. Was auf der Strecke bleibt ist die Empathie. Egal wo man sich umschaut. Heimat wird mit gefletschten Zähnen verteidigt. Heimatschutz, Heimatgarde, Heimatministerien. Als würde sie nur uns gehören. Es sind die Patrioten dieser Welt, die diesen Begriff stets mit Leben füllen. Zumeist ideologisch unterfüttert. Heimaterde.

The Patriots. So, lautet der Originaltitel des RomansDie Heimkehrer“. Das klingt offensiver, angriffslustiger und passt aus meiner persönlichen Sicht extrem gut zu einer Geschichte, die weniger durchs Heimkehren als durch das austauschbare Bekenntnis einer patriotischen Leidenschaft geprägt ist. Hier ist das Weggehen bestimmender als die Rückkehr. Hier ist es der aktive Prozess der Veränderung, der die Handlung trägt. Hier ist es der Rahmen, aus dem das normale Leben fällt. Hier ist es die hoffnungsvolle Aktion, die einen hochpolitischen, menschlichen und gesellschaftlichen Roman zu dem macht, was er ist. Großes Kopfkino mit antizyklischen Voraussetzungen. Ich schreibe und lese viel über das, was ich als Heimat empfinde. Mein Denken hat sich durch Sana Krasikov ein wenig verändert. Austauschbar war Heimat nie für mich. Florence Fein hat gehörige Zweifel in mir gesät.

Heimat und die kleine literarische Sternwarte: eine tiefe Auseinandersetzung.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

„Lincoln im Bardo“ von George Saunders – Überweltliches Lesen

Lincoln im Bardo von George Saunders

Selten findet man heutzutage einen Roman, der nach allen Regeln der Kunst als innovativ bezeichnet werden kann. Sprachlich gelten die meisten literarischen Felder als längst abgegrast und strukturell vermag uns kaum noch etwas zu überraschen. Und wenn man dann doch fündig wird, erweist sich das Lesen als experimentell und schwer zugänglich. Das Neue wird selten. Maßstäbe sind längst gesetzt und Gewagtes erblickt das Licht der Bücherwelt nur noch in Ausnahmefällen. „Lincoln im Bardo“ von George Saunders (Luchterhand Verlag) ist eine solche Ausnahmeerscheinung, die sich in jeder Hinsicht von allem unterscheidet, was wir in gebundener Form vor unseren neugierigen Augen hatten… (Sie können diese Rezension auch hören. Hier geht´s zum PodCast)

Lincoln im Bardo – Die Rezension fürs Ohr

Wann wird ein (so gar nicht historischer) Roman über eine (mehr als historische) Gestalt geschrieben, der nicht nur inhaltlich ein neues Level erreicht, sondern auch in Bezug auf die verwendeten Erzählperspektiven alle gewohnten Grenzen sprengt? Wie schafft es ein US-amerikanischer Autor den mit Abstand legendärsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in den Fokus eines Romans zu stellen und dabei gar Leser zu erreichen, die sich nicht ansatzweise mit dessen Biografie auseinandergesetzt haben? Welchen Inhalt legt George Saunders seinem Buch zugrunde, um uns weltweit mit dem Phänomen Abraham Lincoln auf Augenhöhe zu bringen? Ganz einfach. Gehe unentdeckte Wege und finde neue Leser. Ein Motto, dem George Saunders beharrlich gefolgt sein muss.

Lincoln im Bardo von George Saunders

Worum geht´s? Was muss ich vorher wissen und wen spricht Lincoln im Bardo an? Fragen, denen ich mich hier widmen möchte, um die Berührungsängste zu einem Roman abzubauen, der für mich eine absolute literarische Sensation ist. Trauer könnte die Klammer heißen, die den gesamten Erzählraum dieses Buches zusammenhält. Der Tod seines elfjährigen Sohnes Willie trifft Abraham Lincoln zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Der Amerikanische Bürgerkrieg erlebt seine ersten brutalen Schlachten, der Kampf zur Befreiung der Sklaven hat gerade erst begonnen und der Präsident hat alles, nur kein Privatleben mehr. Keine Zeit zu trauern. Keine Chance zu verarbeiten. Er hat über die Zukunft einer Nation zu entscheiden. Und dann das. Ihm stirbt der jüngste und liebste Sohn unter den Händen weg.

Mehr über Abraham Lincoln zu wissen ist nicht schädlich, aber eben auch nicht erforderlich. Knietief kann ich in meiner kleinen Bibliothek in Büchern über ihn waten, Biografien und Romane, Schlachtenepen und Dokumentationen pflastern meinen Weg an seiner Seite. Und doch bleibt am Ende nur der verzweifelte Vater übrig, der mich in seinem Inneren waten lässt. Tiefer, als ich je zu ihm vordringen durfte. Saunders bringt jeden Leser dazu, Lincoln abstrahiert als Synonym für die Zerrissenheit zwischen einer Berufung und dem Privatleben zu verstehen. Den Rest übernimmt unser Herz. Ein Tag ist es, den sich Abraham Lincoln einräumt, um sich von Willie zu verabschieden. Einen einzigen Tag nimmt er Abstand vom Leben als Präsident. Ein Tag der ihn seinem Sohn näher bringt, als er es sich vorzustellen vermochte…

Lincoln im Bardo von George Saunders

Wie George Saunders über diesen Tag schreibt, ist außergewöhnlich. Wo er diese letzte Begegnung zwischen Vater und verstorbenem Sohn ansiedelt, ist in literarischer Hinsicht eine absolute Grenzerfahrung. Wir befinden uns im Bardo. Eine Zwischenwelt, in der Verstorbene verweilen, bevor sie endgültig vom Erdboden verschwinden und im Himmel oder der Hölle ankommen. Nennt es Fegefeuer, oder Wartezone für Geister. In „Lincoln im Bardo“ ist es der Friedhof, auf dem der junge Willie gerade erst beigesetzt wurde. Und wer könnte diese Geschichte nun besser erzählen, als die Geister, die dort verweilen? Wer könnte diese Geschichte besser ergänzen, als ein Mix aus erfundenen und realen Zeitzeugen, aus deren Briefen, Tagebüchern und Veröffentlichungen zitiert werden kann? Was kann uns der Realität näherbringen, als die Potenzierung subjektiv wahrgenommener Halbwahrheiten in Verbindung mit geisterhaften Perspektiven?

George Saunders gelingt ein erzählerisches Feuerwerk der hundert Stimmen. Wo die gesamte Geschichte authentisch werden muss, lässt er seine Zeitzeugen-Armada zu Wort kommen. Sie beschreiben aus der Sicht von Chronisten, Autoren, Dienern und ganz normalen Menschen von nebenan, wie sie diese Tage erlebt haben. Wie Lincoln auf sie wirkte, wie man die Beisetzung Willies empfunden hat und wie der Bürgerkrieg sich immer weiter in den Ängsten der Menschen festsetzt. Dieses schillernde Potpourri aus teilweise real existierenden Dokumenten erzeugt ein atmosphärisches Diorama, in dem das Ende des Jahres 1862 zum Greifen nah rückt. Hier erleben wir, wie Lincoln in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, was seinen Ruf ausmachte und wie sehr man an seinem Verlust Anteil nahm. Ein starkes Stück subjektive Geschichtsschreibung, die wir hier erleben. Zersplittert in kurze Zitierpassagen mit Quellenangaben, die ein Lesen in Hochgeschwindigkeit ermöglichen.

Lincoln im Bardo von George Saunders

Die zweite Seite des Perspektivmixes ist die staatstragend relevante Seite dieses Romans. Geister. Wartende. Sich der nächsten Nichtseins-Ebene Verweigernde, weil sie noch nicht mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Letzte Botschaften an die Erben, wichtige Informationen an die Nachwelt oder noch niemals Erlebtes halten diese Geister beharrlich im Bardo fest. Noch nie geliebt, noch nie begehrt, noch nie geküsst. Es sind die unerfüllten Hoffnungen, die den Friedhof unsichtbar übervölkern. Ein Bild, das sich tief im Leser verankert. Gefühle, die eigene Verluste denken lassen und Gedanken frei im Raum toben lassen, die man vor dem Lesen dieses Romans nicht zu denken bereit war. Hier entstehen Bindungen zu den Geisterwesen auf dem Friedhof. Ihr Hoffen wird zu unserem.

Und dann erscheint ein trauernder Vater auf dem Friedhof, der alle Grenzen des bisher Dagewesenen sprengt. Abraham Lincoln kann nicht loslassen. Er kann nicht nur besuchen. Er muss berühren, anfassen, im Schoß wiegen und erzählen. Nur, dass sich Willie schon nicht mehr in seinem Körper befindet und als Geist seinem trauernden Vater dabei zusehen muss, wie er ihn im Arm hält. Das spricht sich rum. Die Gerüchte von einem Menschen, der einen Toten zärtlich berührt grassieren auf dem Friedhof und locken all jene an, die sich von diesem Vater mehr versprechen. Vielleicht kann man ja ihn erreichen. Vielleicht kann man ihn dazu bewegen, das Unausgesprochene in seine Welt mitzunehmen. Vielleicht könnte Abraham Lincoln das Medium für all jene sein, die noch so viel zu sagen hätten. (Ich habe im PodCast eine solche Passage eingelesen)

Lincoln im Bardo von George Saunders

Auch hier bleibt Saunders seinem Stil treu. Stimmen kommen zu Wort, werden von wieder anderen Stimmen unterbrochen und es entsteht auch hier das Satzmosaik, dem der Leser mühelos folgt. Von Seite zu Seite vereinen sich die Stimmen zu individuellen Geschichten. Zu Leben voller Hoffnungen und Widersprüchen. Der Reverend, der hier ist, weil er sich vor der letzten Entscheidung fürchtet. Der Liebende, der verstarb, ohne die Liebe vollzogen zu haben und nun mit geisterhafter Dauererektion zurechtkommen muss. Und der heimlich Homosexuelle, der sich so oft selbst verleugnen musste, dass sein Gesicht im Zwischenreich zu viele Gesichter zeigt. Sie alle stehen Willie bei. Denn nichts kann hoffnungsvoller für alle Geister sein, gelänge es dem kleinen Jungen noch ein einziges Mal mit seinem Vater zu reden. Ihm zu verzeihen. Sich zu verabschieden. 

Wir erleben Großes in diesem Buch. Zutiefst Menschliches, Soziales, Politisches und Geschichtliches. Wir können nach dem Lesen von „Lincoln im Bardo“ keinen Friedhof betreten, ohne an die Geister zu denken, die uns dort hoffnungsvoll erwarten könnten. Spätestens, wenn wir realisieren, dass auch hier der Rassismus grassiert, spätestens, wenn wir die Geister der Afroamerikaner in Massengräbern sehen und allerspätestens, wenn auch sie sich erheben, um ihren Präsidenten zu beseelen und ihm von sich und der Sklaverei zu erzählen erkennen wir die grandios erzählte Relevanz dieses Romans. Den Rest sollten Sie selbst erlesen. Es ist ein Erzählen auf einem völlig neuen Niveau, es ist eine literarische Erfahrung, die man sich keinesfalls entgehen lassen darf und es ist ein Buch gewordener Befreiungsschlag für die versklavten Seelen von einst. Ja, ich habe Geister kennengelernt, denen ich gerne geholfen hätte. Habe mich heftig verliebt und zu hassen begonnen. Und ich habe gelernt, meine Welt ein klein wenig anders zu sehen.

Selten war Literatur so geistreich…

Lincoln im Bardo von George Saunders

„Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

„Hier, stellte sie fest, war alles nuanciert; alles hatte eine verborgene Seite
oder unerforschte Tiefen. Alles lohnte, näher betrachtet zu werden.“

Dieses Zitat aus dem Roman „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng – dtv – sollten wir tief auf uns einwirken lassen. Diese Textstelle charakterisiert das gesamte Buch, erklärt seine Faszination und die Anziehungskraft einer Geschichte, die man landläufig als Mischung aus Generationen- und Coming-of-Age-Roman bezeichnen könnte, wenn man es wollte. Ich will es nicht. Und das aus gutem Grund. Celeste Ng erweist sich als brillante Brandstifterin, indem sie aus vielen kleinen, ganz zart vor sich hin glimmenden Brandnestern einen Flächenbrand erzeugt, der uns wie eine Feuerwalze überrollt ohne dass es auch nur den Hauch einer Chance gäbe, auch nur einen Brandherd löschen zu können. Der Titel ihres Buches wird zum Sinnbild einer facettenreichen Story, die ihren Lesern keine Ruhepause gönnt. Passives Lesen war gestern. Celeste Ng ist heute. Sie nutzt unsere Gefühle und Gedanken als Brandbeschleuniger ihrer eigenen Geschichte. Selten war ich so Feuer und Flamme für einen Roman.

Selten sind meine Versuche, ein Lesefeuer einzudämmen kläglicher gescheitert. Bevor ich recht verstand, warum ich so lichterloh brannte, war es um mich geschehen. Ich muss euch warnen, es handelt sich um ein Buchfeuer, das nicht so ungefährlich ist, wie man es vermuten könnte. Es brennt sich in der Tiefe fest und selbst wenn man das Gefühl hat, es schon längst überstanden zu haben, glimmt die Glut beharrlich weiter.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng – Ein edles Leseexemplar (rechts)

„In diesem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber,
wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, schließlich
durchdrehte und das Haus niederbrannte.“

Womit aus Sicht der Schriftstellerin schon mit dem ersten Satz fast alles erzählt ist, worauf wir uns lesend einstellen müssen. Wo, wer, wie und was. Alles ist drin. Alles wird mit wenigen Worten so genau skizziert, dass wir schon spüren, wie ein paar sehr trockene Reisigbündel mit nur einem Streichholz in Brand gesetzt werden. Celeste Ng entführt uns in die heile Welt von Shaker Heights. Hier wohnen die gut Betuchten. Hier residiert man unweit von Cleveland. Hier gibt es feste Regeln, hier ist alles geplant und Abweichungen werden nicht toleriert. Shaker Heights ist konservativ, reich und ebenso von sich eingenommen, wie die Menschen, die hier leben. Der äußere Schein wird zum Lifestyle kultiviert und man redet gerne über- statt miteinander. Das Oberflächliche wird zum Gebot und genau hier steht nun ein Haus in Flammen.

Und wir sind mittendrin. Stehen fassungslos im Garten des Anwesens und fühlen mit Mrs. Richardson, die hier ihren Traum vom Glück in Rauch aufgehen sieht. Unglaublich, dass ausgerechnet ihre jüngste Tochter Isabelle die Brandstifterin sein könnte. Aber so steht es im ersten Satz geschrieben. Unverrückbar und wenn man den Brandspuren im Roman folgt, eigentlich doch nur allzu glaubhaft. Isabelle, von allen nur „Izzy“ genannt, ist eine Abweichung von der Norm. Sie ist anders, durchgeknallt, verrückt. Mit ihren 16 Jahren so weit weg von Gut und Böse, dass selbst ihre ältere Schwester Lexie und die beiden Brüder Moody und Trip dankbar für den internen Blitzableiter sind. Im Haus der Richardsons hat Ärger nur einen Namen: „Izzy“.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Was Celeste Ng mit Izzy gelingt ist famos. Sie streut auf den ersten 90 Seiten ihres Romans so viele Vorurteile zu dem jungen Mädchen, dass es kaum auffällt, dass „Izzy“ bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht persönlich in Erscheinung getreten ist. Und als ich ihr zum ersten Mal persönlich begegne, ist es magisch, was Celeste Ng in mir bewirkt hat. Ich lasse mich von der vorgefertigten Meinung nicht beeinflussen, stehe „Izzy“ nicht nur neutral, sondern eher wohlwollend gegenüber und versuche, sie zu verstehen. Ich wäre froh, dies würde im wahren Leben ebenso gelingen, nachdem man nur Schlechtes von einem Menschen gehört hat.

Izzy hingegen verdient es sehr, dass wir ihr vorbehaltlos begegnen. Nur sie ist in der Lage den Schleier der Oberflächlichkeit zu lüften, unter dem sich die Kriege dieser heilen Welt austoben. Außenseiter zu sein ist schwer genug. In Shaker Heigths und in der intakten Familie der Richardsons jedoch genügt dieser Status schon, um die ganze Stadt vor ihr in Sicherheit zu bringen. Diese heile Welt konfrontiert Celeste Ng mit dem kompletten Gegenentwurf, als Mia und ihre 15-jährige Tochter Pearl in einer Wohnung einziehen, die den Richardsons gehört. Hier treffen Improvisation und Lebenskunst auf das klare Regelwerk des Spießertums der Richardsons. Entwurzelt und flüchtend wirkt Mia auf den außenstehenden Betrachter. Sie erscheint nur kurz auf einer Bildfläche, ist nie lange an einem Ort, vagabundiert mit ihrer Tochter durchs Land. Sie fotografiert ihr Leben, lebt ihre Fotografie und versucht davon zu leben. Ist ein Projekt beendet, dann heißt es Koffer packen und auf ins nächste Shaker Heights…

Kleine Feuer überall von Celeste Ng –

Dieser zwischenmenschliche Kontrast reicht Celeste Ng als Brennstoff, mit dem sie „Kleine Feuer überall“ entzündet. Ihre Protagonisten werden uns als Rohstoff in einer Umgebung anvertraut, die ihre Entwicklung beschleunigt. Wir lernen sie kennen, als wären wir an ihrer Seite aufgewachsen und begegnen den Herausforderungen des Lebens Seite an Seite von Grund auf neu. Gegenseitige Faszination für den jeweiligen Lebensweg verbindet Mia und Pearl mit den Richardsons. Ein Zuhause zu haben, das Leben mit Freunden zu genießen, mehr als nur ein paar Wochen die gleiche Schule zu besuchen, das weckt Pearls Interesse. Und nicht nur das. Auch einer der Richardsons lässt ein Feuer in ihr auflodern, das sie bisher nicht kannte.

Aus dem sozialen Zündstoff lässt Celeste Ng eine Geschichte entstehen, die sich von Kapitel zu Kapitel zu neuen Höhen steigert. Ungewollte Schwangerschaften gehen mit sehnsüchtigem Kinderwunsch Hand in Hand. Liebe, Vertrauen, Eifersucht und auch Hass sind das Saatgut des Flächenbrandes. Das zentrale Thema des Romans sind die Kinder. Lebensentwürfe der Eltern entscheiden über das Wohl und Wehe des eigenen Nachwuchses. Mütter entscheiden über ihre Zukunft. Kinder kämpfen dagegen an. Im Herzen des Romans prallen alle Welten aufeinander, die ein kindgerechtes Leben zum Thema haben. Celseste Ng zieht Verbindungslinien, wo wir zu Beginn nur Distanz und Trennendes wahrnehmen. Dabei schreibt sie uns gerade Pearl und Izzy ins Herz, weil die Lebenswege der beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein könnten und sie sich gegenseitig um das beneiden, was sie beim anderen sehen. Pearls Wunsch nach Heim und Familie ist ebenso drängend wie Izzys Sehnsucht nach Freiheit.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Celeste Ng lässt ihre Romanfiguren für sich selbst sprechen. Sie verleiht ihnen die Flügel, durch den Roman zu fliegen und eine große Schärfentiefe, die ihre Handlungen plausibler machen. Sie gönnt uns viele Blicke hinter die Kulissen ihrer Charaktere und spielt intensiv mit den Leitmotiven ihres Romans. Mia`s Fotografien sprechen eine fast schon metaphorische Sprache und sind Ausdruck ihrer Lebensphilosophie. Unerfüllte Kinderwünsche spielen eine große Rolle im Buch. Für mich als Mann schon emotional belastend, wie Celeste Ng das Thema angeht. Für Frauen in dieser Situation sicher ein Wagnis, sich auf diesen Roman einzulassen. Er fordert viel, gibt allerdings auch vieles zurück. Die Feuer lassen niemanden kalt. Wer „Kleine Feuer überall“ in seinem Lesen auflodern lässt, wird einen großen Roman entdecken, der ebenso unvorhersehbar, wie spannungsgeladen ist. Die Story ist grandios erzählt, bewegend, empathisch und dann auch wieder im knallharten Klartext, wenn das Ende des Selbstbetruges erreicht ist. Ja, ich hätte das Haus auch angezündet. Das dürft ihr mir glauben.

Im Mai erscheint das Hörbuch zu „Kleine Feuer überall“ bei Der Audio Verlag. Es wird mir ein Vergnügen sein, mich der fantastischen Stimme von Britta Steffenhagen hinzugeben. Eine Rezension dieses Hörbuches werde ich auf Literatur Radio Bayern veröffentlichen, nicht ohne dabei drei Ausgaben der ungekürzten Lesung auf 2 mp3-CDs mit einer Dauer von mehr als 11,30 Stunden an euch zu verlosen. Ich bin davon überzeugt, dass ich auch hier einen Flächenbrand der großen Literatur erlebe, der mit keinem Gegenfeuer zu bekämpfen ist. Heiße Ohren sind vorprogrammiert. Brennt mit.

Kleine Feuer überall – Die Radio-Rezension

Exklusiv für euch:

Hier geht´s zur Hörbuchvorstellung bei Literatur Radio Bayern. Im PodCast erfahrt ihr auch, wie ihr eine der Hörbuchausgaben gewinnen könnt. Die Aktion läuft bis zum 10. Juni 2018. Viel Spaß beim Hören und viel Glück beim Finden der richtigen Antwort auf meine Frage zum Roman von Celeste Ng.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

„Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Lassen Sie sich mit mir auf einen Versuch ein? Ein kleines Rezensions-Experiment zu einem Roman, der mich so intensiv beschäftigte, dass ich einfach einen neuen Weg finden musste um meine Emotionen zu beschreiben. Ich kann das Buch nicht sachlich vorstellen, weil es eine Geschichte erzählt, die mich bis ins Mark getroffen hat. Ich mag mich diesem Roman in Briefen nähern. Ja, Briefe an eine Romanfigur und eine Zeitung. Wenn Sie diese Frau im Buch kennenlernen, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich ihr einfach schreiben musste. Wenn Sie die Zeitungsnachrichten im Buch lesen, wissen Sie, warum ich einen Leserbrief verfassen musste. Und ganz zuletzt lassen diese Briefe darauf schließen, was Sie im Roman erwartet. Besonders der letzte Brief aus der Feder einer Gehassten. Lassen Sie sich darauf ein? Es wäre mir ein Vergnügen.

(Sie können gerne weiterlesen oder diese Rezension auf Literatur Radio Bayern hören. Dieses Experiment einzulesen war eine besondere Herausforderung.)

Ein anderes Leben als dieses – Virginia Reeves – Die Radiorezension

Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves – DuMont Buchverlag – Eine andere Rezension als sonst… Fan-Fiction vielleicht. Ganz persönlich bestimmt!

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Kilby Prison, Staatsgefängnis
Montgomery, Alabama
April 1926

Sehr geehrte Mrs. Martin!

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich muss Ihnen nur dringend schreiben, weil ich sonst mit niemandem darüber reden kann, was mich beschäftigt. Ich bin hier ein Gefangener, wie Ihr Ehemann Roscoe T. Martin. Wir sitzen schon seit fast vier Jahren in einer Zelle und ich mag Roscoe wirklich gern. Er arbeitet hier in der Molkerei und mit den Hunden. Freitags hilft er in der Bibliothek aus, weshalb wir ihn hier einfach „Books“ nennen. Ich weiß von Roscoe, dass er Bücher nur deshalb liebt, weil Ihr Vater eine große Bibliothek hatte. Dass die Farm, die Sie von ihrem Vater geerbt haben nichts für Roscoe war, das müssen Sie von Anfang an gewusst haben.

Oh ja, er ist so gerne Elektriker. Er liebt den Strom und die Kraft, den Fluss der Energie und das Neue daran. Kein Wunder, dass alles mit Strom begann und er nur deshalb im Knast ist. Das ist ihm schon klar und er kommt immer noch nicht damit zurecht, dass er einen Menschen umgebracht hat, weil er die Stromleitung angezapft hat, um Ihre Farm zu versorgen. Ja, das macht ihm zu schaffen. Ich schreibe Ihnen aber aus einem ganz anderen Grund. Man behandelt ihn hier schlecht. Echt mies. Und er ist schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er wieder auf die Beine kommt. Und er redet so oft von Ihnen. Er hat sogar mal geträumt, dass Sie ihn hier besucht haben. Nur. Das stimmt nicht. Seit dem Prozess hat er nichts mehr von Ihnen gehört. Sie haben ihn niemals besucht und seine Briefe (es waren echt viele) haben Sie nie beantwortet.

Was sind Sie für eine Frau? Warum sind Sie nie da? Warum lassen Sie nicht zu, dass Gerald ihn besucht? Roscoe vermisst seinen Sohn genauso wie er Sie vermisst. Er hat das alles doch für Sie getan. Er wollte, dass es mit der Farm aufwärtsgeht. Das war der einzige Weg für ihn und irgendwann hätte sich das mit den Stromleitungen sicher ganz allein geklärt. Dass dieser Monteur ihm auf die Schliche kam, das konnte er doch nicht ahnen. Und dass der Typ bei der Kontrolle der Leitungen ums Leben kam. Das tut ihm unendlich leid.

Dass Sie ihn hängenlassen, das ist jedoch der Sargnagel für ihn. Warum sind Sie so zu ihm? Schreiben Sie Ihrem Mann. Nur einen Satz. Das kann ihm das Leben retten. Und wenn Sie noch ein Herz im Leib haben, schreiben Sie ihm, was mit Wilson passiert ist. Roscoe fühlt sich schuldig, weil man seinen Neger-Komplizen (so hat der Staatsanwalt ihn genannt) gleich mit verurteilt hat. Und Roscoe beteuert immer wieder, dass Wilson unschuldig ist und er Angst davor hat, dass man ihn in eine Kohlemine gesteckt hat. Er weiß, wie man hier mit schwarzen Sträflingen umgeht. Wissen Sie was von Wilson?

Bitte schreiben Sie. Nur ein einziges Mal. 20 Jahre Haft sind hart. Schweigen ist härter.

Ein Freund Roscoe`s…

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Leserbrief an die Redaktion
Birmingham News
zum Prozess
Alabama Power Company
gegen Roscoe T. Martin

Seit Tagen verfolge ich aufmerksam Ihre Berichterstattung zum Prozess gegen Roscoe T. Martin. Schon schaurig zu lesen, wie die Leiche des Monteurs ausgesehen hat. Den hat Roscoe auf dem Gewissen. Das steht fest. Und wenn auch nur ein Hauch Wahrheit an der Geschichte des Pflichtverteidigers wäre, dass Mr. Martin das alles für seine Frau getan hat, dann… bitte… wäre sie doch beim Prozess dabei gewesen. Aber keine Spur von Mrs. Martin oder ihrem Sohn. Nur gerecht also, dass man diesen Stromdieb wegen Totschlags zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hat. Hoffe er kriegt keine Bewährung.

Warum haben Sie nicht von dem anderen Prozess gegen den Schwarzen berichtet? Er ist doch wohl auch verurteilt worden. Spielte doch sicher keine Rolle, dass er und seine Familie schon länger auf der Farm lebten, als die Martins und dass sie miteinander eng befreundet waren. Was sind das für Zeiten. Früher Sklaven, jetzt Hilfsarbeiter und Teil der Familie. Hoffe, dass dieser Wilson auch verknackt wurde. Und dann ab in die Mine.

Ein besorgter Bürger

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Mobile, Alabama
Offener Brief einer Gehassten
von Marie Martin

An alle, die alles besser wissen!

Ja, Sie wissen alle so gut Bescheid. Sie haben alles verstanden und klar, dass Sie mich hassen. Ich. Die Frau, die ihren Mann im Stich lässt, die nicht zum Prozess kommt, die ihn nicht besucht, die ihm nie schreibt und die sich nicht für ihn interessiert. Klar. Es ist so einfach, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. So einfach, wenn man nur das sieht, was man sehen will. Niemand will sehen was mir die Menschen bedeuten, die Sie immer nur Hilfsarbeiter nennen. Wilson, seine Frau Moa und die Kinder sind für Sie nur Schwarze. Was sie für mich sind werden Sie wohl nie erfahren. Was das Leben hier im Süden mit den Menschen macht, ist Ihnen egal. Was Alabama den schwarzen Bürgern antut, ist egal.

Da ist es leichter, mich zu hassen. Es ist wirklich so leicht. Vielleicht wird einmal in 100 Jahren jemand meine/unsere Geschichte erzählen. Wenn Sie mich dann noch hassen, dann mag es so sein. Aber vielleicht werden Sie dann besser verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es tat. Es wird Sie umhauen, wenn Sie das irgendwann einmal lesen. Weil Sie das nicht gedacht hätten. Niemand hätte so gehandelt wie ich. Nicht im Jahr 1921. Nicht in Alabama. Und nicht Jahre später.

Denn glauben Sie mir, es ist „Ein anderes Leben als dieses“, was ich mir gewünscht hätte. Es ist „Ein anderes Leben als dieses“, wie Sie es heute kennen und es ist „Ein anderes Leben als dieses“, zu dem man einen gutmütigen schwarzen Mann verurteilt hatte. Ich würde mir wünschen, dass jemand eines Tages diese Geschichte erzählt. Ich würde sie lesen. Und dann würde ich mich für mich selbst hassen. Und ich würde wohl Roscoe T. Martin immer noch lieben. Egal was Sie von mir halten.

Ohne jegliche Hochachtung,
Marie Martin

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Ich hoffe, Sie mit dieser außergewöhnlichen Form einer Rezension auf das Buch Ein anderes Leben als dieses neugierig gemacht zu haben. Der amerikanische Süden der 1920er Jahre war der exklusivste Nährboden für Rassismus, der nach dem Ende der Sklaverei einfach nicht auszurotten war. Zahllose Bücher zu diesem wichtigen Thema begleiten mich durch mein Lesen. Und sie zeigen dabei, dass sich das Leben der afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten nur unwesentlich verändert hat. Folgen Sie mir auf meinem Leseweg. Ein Thema, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten. Hier geht´s zu erkennbaren RassisMustern die uns helfen können zu verstehen, wie man sich als Mensch niemals fühlen sollte… Ungleich…

RassisMuster in der Literatur

Ein Interview mit Virginia Reeves finden Sie hier, inklusive kleiner Überraschung.

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves – Interview und mehr…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls