„Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

„Hier, stellte sie fest, war alles nuanciert; alles hatte eine verborgene Seite
oder unerforschte Tiefen. Alles lohnte, näher betrachtet zu werden.“

Dieses Zitat aus dem Roman „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng – dtv – sollten wir tief auf uns einwirken lassen. Diese Textstelle charakterisiert das gesamte Buch, erklärt seine Faszination und die Anziehungskraft einer Geschichte, die man landläufig als Mischung aus Generationen- und Coming-of-Age-Roman bezeichnen könnte, wenn man es wollte. Ich will es nicht. Und das aus gutem Grund. Celeste Ng erweist sich als brillante Brandstifterin, indem sie aus vielen kleinen, ganz zart vor sich hin glimmenden Brandnestern einen Flächenbrand erzeugt, der uns wie eine Feuerwalze überrollt ohne dass es auch nur den Hauch einer Chance gäbe, auch nur einen Brandherd löschen zu können. Der Titel ihres Buches wird zum Sinnbild einer facettenreichen Story, die ihren Lesern keine Ruhepause gönnt. Passives Lesen war gestern. Celeste Ng ist heute. Sie nutzt unsere Gefühle und Gedanken als Brandbeschleuniger ihrer eigenen Geschichte. Selten war ich so Feuer und Flamme für einen Roman.

Selten sind meine Versuche, ein Lesefeuer einzudämmen kläglicher gescheitert. Bevor ich recht verstand, warum ich so lichterloh brannte, war es um mich geschehen. Ich muss euch warnen, es handelt sich um ein Buchfeuer, das nicht so ungefährlich ist, wie man es vermuten könnte. Es brennt sich in der Tiefe fest und selbst wenn man das Gefühl hat, es schon längst überstanden zu haben, glimmt die Glut beharrlich weiter.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng – Ein edles Leseexemplar (rechts)

„In diesem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber,
wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, schließlich
durchdrehte und das Haus niederbrannte.“

Womit aus Sicht der Schriftstellerin schon mit dem ersten Satz fast alles erzählt ist, worauf wir uns lesend einstellen müssen. Wo, wer, wie und was. Alles ist drin. Alles wird mit wenigen Worten so genau skizziert, dass wir schon spüren, wie ein paar sehr trockene Reisigbündel mit nur einem Streichholz in Brand gesetzt werden. Celeste Ng entführt uns in die heile Welt von Shaker Heights. Hier wohnen die gut Betuchten. Hier residiert man unweit von Cleveland. Hier gibt es feste Regeln, hier ist alles geplant und Abweichungen werden nicht toleriert. Shaker Heights ist konservativ, reich und ebenso von sich eingenommen, wie die Menschen, die hier leben. Der äußere Schein wird zum Lifestyle kultiviert und man redet gerne über- statt miteinander. Das Oberflächliche wird zum Gebot und genau hier steht nun ein Haus in Flammen.

Und wir sind mittendrin. Stehen fassungslos im Garten des Anwesens und fühlen mit Mrs. Richardson, die hier ihren Traum vom Glück in Rauch aufgehen sieht. Unglaublich, dass ausgerechnet ihre jüngste Tochter Isabelle die Brandstifterin sein könnte. Aber so steht es im ersten Satz geschrieben. Unverrückbar und wenn man den Brandspuren im Roman folgt, eigentlich doch nur allzu glaubhaft. Isabelle, von allen nur „Izzy“ genannt, ist eine Abweichung von der Norm. Sie ist anders, durchgeknallt, verrückt. Mit ihren 16 Jahren so weit weg von Gut und Böse, dass selbst ihre ältere Schwester Lexie und die beiden Brüder Moody und Trip dankbar für den internen Blitzableiter sind. Im Haus der Richardsons hat Ärger nur einen Namen: „Izzy“.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Was Celeste Ng mit Izzy gelingt ist famos. Sie streut auf den ersten 90 Seiten ihres Romans so viele Vorurteile zu dem jungen Mädchen, dass es kaum auffällt, dass „Izzy“ bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht persönlich in Erscheinung getreten ist. Und als ich ihr zum ersten Mal persönlich begegne, ist es magisch, was Celeste Ng in mir bewirkt hat. Ich lasse mich von der vorgefertigten Meinung nicht beeinflussen, stehe „Izzy“ nicht nur neutral, sondern eher wohlwollend gegenüber und versuche, sie zu verstehen. Ich wäre froh, dies würde im wahren Leben ebenso gelingen, nachdem man nur Schlechtes von einem Menschen gehört hat.

Izzy hingegen verdient es sehr, dass wir ihr vorbehaltlos begegnen. Nur sie ist in der Lage den Schleier der Oberflächlichkeit zu lüften, unter dem sich die Kriege dieser heilen Welt austoben. Außenseiter zu sein ist schwer genug. In Shaker Heigths und in der intakten Familie der Richardsons jedoch genügt dieser Status schon, um die ganze Stadt vor ihr in Sicherheit zu bringen. Diese heile Welt konfrontiert Celeste Ng mit dem kompletten Gegenentwurf, als Mia und ihre 15-jährige Tochter Pearl in einer Wohnung einziehen, die den Richardsons gehört. Hier treffen Improvisation und Lebenskunst auf das klare Regelwerk des Spießertums der Richardsons. Entwurzelt und flüchtend wirkt Mia auf den außenstehenden Betrachter. Sie erscheint nur kurz auf einer Bildfläche, ist nie lange an einem Ort, vagabundiert mit ihrer Tochter durchs Land. Sie fotografiert ihr Leben, lebt ihre Fotografie und versucht davon zu leben. Ist ein Projekt beendet, dann heißt es Koffer packen und auf ins nächste Shaker Heights…

Kleine Feuer überall von Celeste Ng –

Dieser zwischenmenschliche Kontrast reicht Celeste Ng als Brennstoff, mit dem sie „Kleine Feuer überall“ entzündet. Ihre Protagonisten werden uns als Rohstoff in einer Umgebung anvertraut, die ihre Entwicklung beschleunigt. Wir lernen sie kennen, als wären wir an ihrer Seite aufgewachsen und begegnen den Herausforderungen des Lebens Seite an Seite von Grund auf neu. Gegenseitige Faszination für den jeweiligen Lebensweg verbindet Mia und Pearl mit den Richardsons. Ein Zuhause zu haben, das Leben mit Freunden zu genießen, mehr als nur ein paar Wochen die gleiche Schule zu besuchen, das weckt Pearls Interesse. Und nicht nur das. Auch einer der Richardsons lässt ein Feuer in ihr auflodern, das sie bisher nicht kannte.

Aus dem sozialen Zündstoff lässt Celeste Ng eine Geschichte entstehen, die sich von Kapitel zu Kapitel zu neuen Höhen steigert. Ungewollte Schwangerschaften gehen mit sehnsüchtigem Kinderwunsch Hand in Hand. Liebe, Vertrauen, Eifersucht und auch Hass sind das Saatgut des Flächenbrandes. Das zentrale Thema des Romans sind die Kinder. Lebensentwürfe der Eltern entscheiden über das Wohl und Wehe des eigenen Nachwuchses. Mütter entscheiden über ihre Zukunft. Kinder kämpfen dagegen an. Im Herzen des Romans prallen alle Welten aufeinander, die ein kindgerechtes Leben zum Thema haben. Celseste Ng zieht Verbindungslinien, wo wir zu Beginn nur Distanz und Trennendes wahrnehmen. Dabei schreibt sie uns gerade Pearl und Izzy ins Herz, weil die Lebenswege der beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein könnten und sie sich gegenseitig um das beneiden, was sie beim anderen sehen. Pearls Wunsch nach Heim und Familie ist ebenso drängend wie Izzys Sehnsucht nach Freiheit.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Celeste Ng lässt ihre Romanfiguren für sich selbst sprechen. Sie verleiht ihnen die Flügel, durch den Roman zu fliegen und eine große Schärfentiefe, die ihre Handlungen plausibler machen. Sie gönnt uns viele Blicke hinter die Kulissen ihrer Charaktere und spielt intensiv mit den Leitmotiven ihres Romans. Mia`s Fotografien sprechen eine fast schon metaphorische Sprache und sind Ausdruck ihrer Lebensphilosophie. Unerfüllte Kinderwünsche spielen eine große Rolle im Buch. Für mich als Mann schon emotional belastend, wie Celeste Ng das Thema angeht. Für Frauen in dieser Situation sicher ein Wagnis, sich auf diesen Roman einzulassen. Er fordert viel, gibt allerdings auch vieles zurück. Die Feuer lassen niemanden kalt. Wer „Kleine Feuer überall“ in seinem Lesen auflodern lässt, wird einen großen Roman entdecken, der ebenso unvorhersehbar, wie spannungsgeladen ist. Die Story ist grandios erzählt, bewegend, empathisch und dann auch wieder im knallharten Klartext, wenn das Ende des Selbstbetruges erreicht ist. Ja, ich hätte das Haus auch angezündet. Das dürft ihr mir glauben.

Im Mai erscheint das Hörbuch zu „Kleine Feuer überall“ bei Der Audio Verlag. Es wird mir ein Vergnügen sein, mich der fantastischen Stimme von Britta Steffenhagen hinzugeben. Eine Rezension dieses Hörbuches werde ich auf Literatur Radio Bayern veröffentlichen, nicht ohne dabei zwei Ausgaben der ungekürzten Lesung auf 2 mp3-CDs mit einer Dauer von mehr als 11,30 Stunden an euch zu verlosen. Ich bin davon überzeugt, dass ich auch hier einen Flächenbrand der großen Literatur erlebe, der mit keinem Gegenfeuer zu bekämpfen ist. Heiße Ohren sind vorprogrammiert. Brennt mit.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

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„Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Lassen Sie sich mit mir auf einen Versuch ein? Ein kleines Rezensions-Experiment zu einem Roman, der mich so intensiv beschäftigte, dass ich einfach einen neuen Weg finden musste um meine Emotionen zu beschreiben. Ich kann das Buch nicht sachlich vorstellen, weil es eine Geschichte erzählt, die mich bis ins Mark getroffen hat. Ich mag mich diesem Roman in Briefen nähern. Ja, Briefe an eine Romanfigur und eine Zeitung. Wenn Sie diese Frau im Buch kennenlernen, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich ihr einfach schreiben musste. Wenn Sie die Zeitungsnachrichten im Buch lesen, wissen Sie, warum ich einen Leserbrief verfassen musste. Und ganz zuletzt lassen diese Briefe darauf schließen, was Sie im Roman erwartet. Besonders der letzte Brief aus der Feder einer Gehassten. Lassen Sie sich darauf ein? Es wäre mir ein Vergnügen.

(Sie können gerne weiterlesen oder diese Rezension auf Literatur Radio Bayern hören. Dieses Experiment einzulesen war eine besondere Herausforderung.)

Ein anderes Leben als dieses – Virginia Reeves – Die Radiorezension

Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves – DuMont Buchverlag – Eine andere Rezension als sonst… Fan-Fiction vielleicht. Ganz persönlich bestimmt!

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Kilby Prison, Staatsgefängnis
Montgomery, Alabama
April 1926

Sehr geehrte Mrs. Martin!

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich muss Ihnen nur dringend schreiben, weil ich sonst mit niemandem darüber reden kann, was mich beschäftigt. Ich bin hier ein Gefangener, wie Ihr Ehemann Roscoe T. Martin. Wir sitzen schon seit fast vier Jahren in einer Zelle und ich mag Roscoe wirklich gern. Er arbeitet hier in der Molkerei und mit den Hunden. Freitags hilft er in der Bibliothek aus, weshalb wir ihn hier einfach „Books“ nennen. Ich weiß von Roscoe, dass er Bücher nur deshalb liebt, weil Ihr Vater eine große Bibliothek hatte. Dass die Farm, die Sie von ihrem Vater geerbt haben nichts für Roscoe war, das müssen Sie von Anfang an gewusst haben.

Oh ja, er ist so gerne Elektriker. Er liebt den Strom und die Kraft, den Fluss der Energie und das Neue daran. Kein Wunder, dass alles mit Strom begann und er nur deshalb im Knast ist. Das ist ihm schon klar und er kommt immer noch nicht damit zurecht, dass er einen Menschen umgebracht hat, weil er die Stromleitung angezapft hat, um Ihre Farm zu versorgen. Ja, das macht ihm zu schaffen. Ich schreibe Ihnen aber aus einem ganz anderen Grund. Man behandelt ihn hier schlecht. Echt mies. Und er ist schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er wieder auf die Beine kommt. Und er redet so oft von Ihnen. Er hat sogar mal geträumt, dass Sie ihn hier besucht haben. Nur. Das stimmt nicht. Seit dem Prozess hat er nichts mehr von Ihnen gehört. Sie haben ihn niemals besucht und seine Briefe (es waren echt viele) haben Sie nie beantwortet.

Was sind Sie für eine Frau? Warum sind Sie nie da? Warum lassen Sie nicht zu, dass Gerald ihn besucht? Roscoe vermisst seinen Sohn genauso wie er Sie vermisst. Er hat das alles doch für Sie getan. Er wollte, dass es mit der Farm aufwärtsgeht. Das war der einzige Weg für ihn und irgendwann hätte sich das mit den Stromleitungen sicher ganz allein geklärt. Dass dieser Monteur ihm auf die Schliche kam, das konnte er doch nicht ahnen. Und dass der Typ bei der Kontrolle der Leitungen ums Leben kam. Das tut ihm unendlich leid.

Dass Sie ihn hängenlassen, das ist jedoch der Sargnagel für ihn. Warum sind Sie so zu ihm? Schreiben Sie Ihrem Mann. Nur einen Satz. Das kann ihm das Leben retten. Und wenn Sie noch ein Herz im Leib haben, schreiben Sie ihm, was mit Wilson passiert ist. Roscoe fühlt sich schuldig, weil man seinen Neger-Komplizen (so hat der Staatsanwalt ihn genannt) gleich mit verurteilt hat. Und Roscoe beteuert immer wieder, dass Wilson unschuldig ist und er Angst davor hat, dass man ihn in eine Kohlemine gesteckt hat. Er weiß, wie man hier mit schwarzen Sträflingen umgeht. Wissen Sie was von Wilson?

Bitte schreiben Sie. Nur ein einziges Mal. 20 Jahre Haft sind hart. Schweigen ist härter.

Ein Freund Roscoe`s…

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Leserbrief an die Redaktion
Birmingham News
zum Prozess
Alabama Power Company
gegen Roscoe T. Martin

Seit Tagen verfolge ich aufmerksam Ihre Berichterstattung zum Prozess gegen Roscoe T. Martin. Schon schaurig zu lesen, wie die Leiche des Monteurs ausgesehen hat. Den hat Roscoe auf dem Gewissen. Das steht fest. Und wenn auch nur ein Hauch Wahrheit an der Geschichte des Pflichtverteidigers wäre, dass Mr. Martin das alles für seine Frau getan hat, dann… bitte… wäre sie doch beim Prozess dabei gewesen. Aber keine Spur von Mrs. Martin oder ihrem Sohn. Nur gerecht also, dass man diesen Stromdieb wegen Totschlags zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hat. Hoffe er kriegt keine Bewährung.

Warum haben Sie nicht von dem anderen Prozess gegen den Schwarzen berichtet? Er ist doch wohl auch verurteilt worden. Spielte doch sicher keine Rolle, dass er und seine Familie schon länger auf der Farm lebten, als die Martins und dass sie miteinander eng befreundet waren. Was sind das für Zeiten. Früher Sklaven, jetzt Hilfsarbeiter und Teil der Familie. Hoffe, dass dieser Wilson auch verknackt wurde. Und dann ab in die Mine.

Ein besorgter Bürger

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Mobile, Alabama
Offener Brief einer Gehassten
von Marie Martin

An alle, die alles besser wissen!

Ja, Sie wissen alle so gut Bescheid. Sie haben alles verstanden und klar, dass Sie mich hassen. Ich. Die Frau, die ihren Mann im Stich lässt, die nicht zum Prozess kommt, die ihn nicht besucht, die ihm nie schreibt und die sich nicht für ihn interessiert. Klar. Es ist so einfach, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. So einfach, wenn man nur das sieht, was man sehen will. Niemand will sehen was mir die Menschen bedeuten, die Sie immer nur Hilfsarbeiter nennen. Wilson, seine Frau Moa und die Kinder sind für Sie nur Schwarze. Was sie für mich sind werden Sie wohl nie erfahren. Was das Leben hier im Süden mit den Menschen macht, ist Ihnen egal. Was Alabama den schwarzen Bürgern antut, ist egal.

Da ist es leichter, mich zu hassen. Es ist wirklich so leicht. Vielleicht wird einmal in 100 Jahren jemand meine/unsere Geschichte erzählen. Wenn Sie mich dann noch hassen, dann mag es so sein. Aber vielleicht werden Sie dann besser verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es tat. Es wird Sie umhauen, wenn Sie das irgendwann einmal lesen. Weil Sie das nicht gedacht hätten. Niemand hätte so gehandelt wie ich. Nicht im Jahr 1921. Nicht in Alabama. Und nicht Jahre später.

Denn glauben Sie mir, es ist „Ein anderes Leben als dieses“, was ich mir gewünscht hätte. Es ist „Ein anderes Leben als dieses“, wie Sie es heute kennen und es ist „Ein anderes Leben als dieses“, zu dem man einen gutmütigen schwarzen Mann verurteilt hatte. Ich würde mir wünschen, dass jemand eines Tages diese Geschichte erzählt. Ich würde sie lesen. Und dann würde ich mich für mich selbst hassen. Und ich würde wohl Roscoe T. Martin immer noch lieben. Egal was Sie von mir halten.

Ohne jegliche Hochachtung,
Marie Martin

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Ich hoffe, Sie mit dieser außergewöhnlichen Form einer Rezension auf das Buch Ein anderes Leben als dieses neugierig gemacht zu haben. Der amerikanische Süden der 1920er Jahre war der exklusivste Nährboden für Rassismus, der nach dem Ende der Sklaverei einfach nicht auszurotten war. Zahllose Bücher zu diesem wichtigen Thema begleiten mich durch mein Lesen. Und sie zeigen dabei, dass sich das Leben der afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten nur unwesentlich verändert hat. Folgen Sie mir auf meinem Leseweg. Ein Thema, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten. Hier geht´s zu erkennbaren RassisMustern die uns helfen können zu verstehen, wie man sich als Mensch niemals fühlen sollte… Ungleich…

RassisMuster in der Literatur

Ein Interview mit Virginia Reeves finden Sie hier, inklusive kleiner Überraschung.

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves – Interview und mehr…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

„Von dieser Welt“ – James Baldwin sprengt alle Ketten

Von dieser Welt – James Baldwin

Hier erleben wir die unglaubliche Dynamik des Buchmarktes in Reinkultur. Schon auf der Frankfurter Buchmesse wird mir beim Presstermin bei dtv ein ungewöhnlicher Roman vorgestellt. Meine Entscheidung ihn zu lesen fällt schnell, geht es doch um eins der Schwerpunktthemen auf AstroLibrium. Den wohl unbesiegbaren Rassismus in den USA, die nie wirklich gesprengten Ketten nach der Abschaffung der Sklaverei am Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges und die lang anhaltenden und dramatischen Folgen dieser geistigen Fehlentwicklung für die Betroffenen und Verursacher. Viele Bücher zu diesem Thema habe ich bereits vorgestellt und dabei deutlich darauf hingewiesen, wie sehr die Wurzeln dieser über Generationen vererbten Diskriminierung auch heute eine ganze Gesellschaft im Griff haben.

Von dieser Welt“ von James Baldwin wurde groß angekündigt und im Umfeld der Veröffentlichung spürt man ein betriebsames und gespanntes Vibrieren in der Branche. Erste Druckfahnen werden versandt, eine aufwendig gestaltete SocialWall entsteht, der Hashtag #tappingintobaldwin macht die Runde, die Produktion des Hörbuches nimmt Fahrt auf und alle Weichen sind gestellt, das Werk pünktlich zur Leipziger Buchmesse in den Handel zu bringen. Und dann das: Eine flotte Pressemitteilung und die Hektik hinter den Kulissen wird spürbar. Erscheinungstermin vorgezogen. Zwei Wochen früher als eigentlich geplant wird Baldwins „Von dieser Welt“ schon am 28. Februar das Licht der Bücherwelt erblicken. Was war passiert?

Von dieser Welt – James Baldwin – Die SocialWall

Ganz einfach. Der größte Buchmarkt-Motor hatte sein Getriebe geölt und diesen Roman auf die Liste gesetzt. Die Rede ist hier vom „Literarischen Quartett„. Schon in der Sendung vom 2. März wird man über die Neuerscheinung diskutieren und es wäre ein Debakel, die Steilvorlage des Kritikerquartetts ungenutzt zu lassen, indem das Buch (wie immer es auch dort besprochen wird) als noch nicht lieferbar deklariert würde. Es ist kein Geheimnis, was schon am Tag nach der Ausstrahlung im Buchhandel passieren wird. „Ich hätte gerne das Buch, das gestern im Fernsehen vorgestellt wurde. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber es war blau!“ Buchhändler wissen wovon ich rede.

Aber womit haben wir es hier eigentlich zu tun? Ist „Von dieser Welt“ gar nicht von dieser Welt und eine echte literarische Sensation? Hat dieser Roman das Potenzial, die Bestsellerlisten quasi im Alleingang zu erobern? Wird er schon im Ausland bejubelt und eilen ihm Vorschusslorbeeren voraus, die den Erfolg in Deutschland garantieren? Nein. Weit gefehlt. Wir haben es im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Klassiker zu tun, mit der Neuentdeckung des 1987 verstorbenen Autors und einem besonderen Wagnis aus Sicht des Verlages. James Baldwin ist kein unbeschriebenes Blatt, dieses Buch ist kein unbesungenes Meisterwerk und doch ist die Zeit reif, den Debütroman des Autors aus dem Jahr 1953 in der neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow auf die Welt zu bringen.

Von dieser Welt – James Baldwin

Und schon wird es auch für den geneigten Kritiker, Quartettspieler und auch uns Rezensenten ein wenig tricky. Kommt es hier überhaupt noch auf unser Urteil an und können wir uns überhaupt Kritik an einem der hochgelobtesten Bücher über Rassismus und Ausgrenzung, Selbstfindung innerhalb der schwarzen Hautfarbendiaspora und dem kompensatorischen religiösen Ablenkungsautomatismus afroamerikanischer Bürger der letzten 70 Jahre erlauben? Was bleibt uns noch zu einem Roman zu sagen, den selbst das Time Magazine auf der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 führt? Steht es uns dann noch zu, einen schwarzen Schriftsteller postmortem kritisieren zu wollen? Einen literarischen Aktivisten der Gleichberechtigung, die leuchtende Fackel im Kampf gegen die Unterdrückung und zu Lebzeiten den einzigen schwarzen Künstler, der es aufs Cover des Time Magazine geschafft hatte? Ich sagte ja, es wird sehr tricky, denn das einzige Manko unseres Lesens ist, dass wir ihn hierzulande schon vergessen oder sowieso bisher nie richtig wahrgenommen haben.

Wo sehe ich meine Rolle, wenn ich Von dieser Welt vorstelle? Ganz einfach. Ich möchte beschreiben, warum man James Baldwin heute lesen MUSS. Ich mag erzählen, wie ich dieses Buch gelesen und empfunden habe und dabei hervorheben, was es von den Büchern unterscheidet, die für mich Maßstab eines freien vorurteilsfreien Denkens sind und neue Gedanken festhalten die ich exklusiv diesem Roman zu verdanken habe. Und schon wird verständlich, warum „Von dieser Welt“ nichts von der Brisanz verloren hat, die diesen Roman schon im Erscheinungsjahr 1953 ausgezeichnet hat. Erstmals in der Literaturgeschichte schrieb ein schwarzer Autor nicht über Rassismus. Zum ersten Mal gelang es einem afroamerikanischen Schriftsteller, sich von Erzähltraditionen einer Welt zu lösen, die niemals seine Welt werden sollte. Erstmals fand James Baldwin eine ganz eigene Stimme und erstmals verlieh er dieser Stimme und den bisher ungehörten Gehör, weil er nicht über Rassismus schrieb. Er schrieb Von dieser Welt, wie sie sich für ihn anfühlte. Eine Welt, in der niemand gerne leben würde. 

Von dieser Welt – James Baldwin

James Baldwin entführt uns ins Harlem der 30er Jahre und erzählt die Geschichte eines einzigen Tages. Er erzählt vom 14. Geburtstag von John Grimes. Ein schwarzer Junge auf der Suche nach seinem Weg ins Leben, orientierungslos und von eigenen Vater täglich mit der Geißel der Religion und der eigenen Wertlosigkeit konfrontiert. Nur die Kirche und die Hinwendung zu Gott können ein Ausweg aus dem tristen Leben sein. Nur in der bedingungslosen Hin- und Aufgabe läge seine Zukunft. Diese Lehre wird ihm täglich brutal eingetrichtert. Einzig sein wacher Verstand, die Hassliebe gegenüber dem Vater und der unbedingte Wille, selbst über sein Leben zu entscheiden, veranlassen ihn sich aufzulehnen und den Blick auf die wahre Welt zu richten. Eine Welt, die ihm fremd und feindlich gegenüber steht. Die Welt der Weißen in New York. Eine Welt, in der kein Platz für einen Schwarzen war, ist und sein wird.

An der Seite von John Grimes erleben wir diesen einen Tag in voller Wucht. Wir werden zu Zeugen seines Blicks auf das New York der Weißen und erleben, wie man seinen geschundenen Bruder nach Hause bringt. Wir fühlen mit, wenn John Sehnsucht nach Liebe empfindet und spüren seine Hilflosigkeit angesichts der Verblendung seines Vaters, der in der übersteigerten Religiosität der Welt der Weißen zu entfliehen sucht. Diese Ersatzwelt in der Kirche stattet seinen Vater mit der Macht aus, die er im wahren Leben niemals finden würde und so versinkt seine schwarze Gemeinde im Sumpf einer fast wahnhaften Erweckungspsychose. Und doch ist es die Hinwendung zu Gott, die es John ermöglicht, sich vor der Kirche, dem Harlemer Slum und seiner eigenen Familie in Sicherheit zu bringen. Hier liest sich der Roman wie ein ekstatischer Gospel, der in die Seele reicht und von Hoffnung und Rettung kündet. Ein rhythmischer Gospel, der jedoch nur in der Lage ist, die Ketten der Versklavung enger um die Herzen der Schwarzen zu ziehen. Eine bedrohliche Melodie. Weltfremd und voller Selbstbetrug.

Von dieser Welt – James Baldwin

Wie eine Messe liest sich dieser Roman, wie ein Choral besingt er drei Gebete. Es sind die Gebete von Johns Vater, das seiner Tante und zuletzt das aufrichtige Gebet der eigenen Mutter. Sie öffnen ihre Seelen, nichts bleibt verborgen, keine Wunde verheilt im Gospel dreier Leben. Es sind Gebete von Machtlosigkeit, Macht, Treue und Untreue. Es sind Gebete, die nur entstehen können, weil Rassismus das schwarze Leben dominiert. Die brutale Beiläufigkeit, mit der die Fremdbestimmung durch Weiße erzählt wird, wird in jeder Zeile spürbarer. Baldwin schreibt nicht über diesen Hass. Er beschreibt ihn als Teil des Lebens, vor dem man nicht fliehen kann. Rassismus ist „Von dieser Welt“ und John Grimes versucht ihm an diesem 14. Geburtstag zu entrinnen, indem er seine Welt hinter sich lassen muss. Hart und brutal. Erniedrigend und erhellend. Unvergesslich.

Von dieser Welt liest sich wie ein Initiationsritual, weil wir am eigenen Leib spüren was es bedeutet, nur als minderwertige Menschen gesehen zu werden. Das Buch ist so beklemmend, weil James Baldwin sich von allen Zwängen befreit, die eigenen Ketten sprengt und uns mit einer Sprache konfrontiert, die uns sprachlos macht. Er selbst zog sich in ein Schweizer Dorf zurück, hörte Gospels von Bessie Smith und versuchte sich in seiner eigenen Sprache zu definieren. Im blühenden Alltagsrassismus des „Negers mit der Schreibmaschine“ gelang ihm der autobiografische Befreiungsschlag mit dem Sound, den man vorher nie vernahm. Miriam Mandelkow ist das Kunststück gelungen, den ursprünglichen Rhythmus und die Melodie dieser Erzählung in eine Übersetzung einfließen zu lassen, die dem Werk Baldwins mehr als gerecht wird.

Von dieser Welt – James Baldwin

Nun mag die moderne Welt über dieses Buch urteilen wie sie mag. Seine Relevanz für unsere Zeit ist unbestritten. Ta-Nehisi Coates hat das auf den Punkt gebracht. Sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ nimmt den Ball auf, den James Baldwin ihm schon 1953 zugespielt hat und zeigt im offenen Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn, dass die Welt, in der er heute lebt sich nicht wesentlich von der Welt unterscheidet, die Baldwin beschrieb. Beide Bücher sind nur durch die Zeit voneinander getrennt. Baldwin ist wichtig für das Verständnis der heutigen „Black Lives Matter„-Bewegung. Schade, dass „Von dieser Welt“ genau von jenen Menschen nicht gelesen wird, die diese Welt zu ihrer machen und sie für andere verschließen.

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Das Hörbuch zum Roman erscheint am 29.3. bei Der Audio Verlag. Wanja Mues wird diesem bedeutenden Werk seine Stimme verleihen. Ich habe es gehört und mich bei Literatur Radio Bayern geäußert [1]. Folgen Sie mir bitte in einige Bücher, die für mich unverzichtbar sind, wenn es um das Verständnis dafür geht, wie es sich anfühlen muss, in einer Welt zu leben, die ihre Tore für alle Zeiten verschlossen hat. Rassismus lautet der Tag, der Sie zu meiner weltoffenen Bibliothek dieser Bücher bringt. Und wenn Sie sich jetzt noch dafür interessieren, wer meine Weichen in eine Welt ohne jegliche Vorurteile gestellt hat, dem lege ich den Artikel Warum ich kein Rassist bin ans Herz.

Gegen Rassismus und Ausgrenzung – Ein Schwerpunkt bei AstroLibrium

[1] Premiere bei Literatur Radio Bayern. Ab 28. März kann man in meinem PodCast zum Hörbuch eine von zwei Ausgaben der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag gewinnen. Zuhören und die Antwort an astrolibrium-aktion@web.de schicken. Der Einsendeschluss ist Montag, der 2. April.

„Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Man nennt sie die „Grausige Gertie“. Sie zieht ihre Spuren durchs ganze Land, ist transportabel, lässt sich auf einen Truck verladen und ist die wahrlich letzte Instanz im finalen Akt der US-Amerikanischen Rechtsprechung bei Kapitalverbrechen. Gertie ist das, was man landauf landab als „Mercy Seat“ bezeichnet. Die Gnade, die der Stuhl gewährt ist jedoch eher von zweifelhafter Natur. Es handelt sich um einen elektrischen Stuhl, der zum Ort der geplanten Hinrichtung gebracht wird, weil das einfacher ist, als die Todeskandidaten quer durchs Land zu fahren. Und er bietet den Vorteil, dass die Exekution dort vollstreckt werden kann, wo die Tat begangen wurde.

Wir schreiben das Jahr 1943 und befinden uns tief im amerikanischen Süden. Es ist ein Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zahllose Opfer fordert und Todesnachrichten zur Tagesordnung gehören. Auch in St. Martinville im Herzen Louisianas. Hierhin ist er unterwegs. Der Mercy Seat. Und er wird von den Bewohnern des kleinen Städtchens sehnsuchtsvoll erwartet. Auf dem elektrischen Stuhl soll ein junger Schwarzer namens Will Jones hingerichtet werden. Seine Tat: unverzeihlich, kapital, eines Todesurteils in jeder Beziehung würdig. Gerade in dieser Gegend. Er soll Grace, ein weißes Mädchen vergewaltigt haben. Und voller Scham hat sich das junge Ding anschließend das Leben genommen. Das Urteil der Geschworenen war einstimmig und nun wartet man darauf, dass dieses schreckliche Verbrechen gesühnt wird.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Und bevor man sich jetzt aufregt, sollte man einfach mal überlegen, wie fair dieser Prozess bis zum Urteil abgelaufen ist. Früher haben die Weißen hier die Dinge selbst geregelt. Da waren Gerichtsverhandlungen überflüssig und auf den elekrtischen Stuhl musste man auch nicht warten, gab es doch ausreichend hohe Bäume, an denen man die Lynchjustiz selbst vollziehen konnte. Aber diese Zeiten sind doch längst vorbei. Hier geht jetzt alles mit rechten Dingen zu und die Hautfarbe des jungen Täters spielt sicher nur eine untergeordnete Rolle. Also nur die Ruhe bewahren. Recht und Ordnung sind hohe Güter, denen gerade im Süden der USA in den 1940er Jahren mit fairen Mitteln Geltung verschafft wurde. Ein Prozess, ein aufrechter Staatsanwalt, ein Verteidiger und neutrale örtliche Geschworene. Irgendwas auszusetzen? Jetzt muss das Todesurtel nur noch vollstreckt werden. Zeit für den „Mercy Seat„.

Elizabeth H. Winthrop erzählt in ihrem Roman „Mercy Seat“ die Geschichte eines Tages. Sie erzählt sie nicht nur, sie entführt uns multiperspektivisch in den kleinen Ort, in dem die Hinrichtung stattfinden soll und macht uns mit den Menschen bekannt, die in St. Martinville von diesem Ereignis mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Es ist ein brillant konstruiertes literarisches Puzzle, das sie vor uns ausbreitet und das sich Stein für Stein zu einem Bild zusammensetzen lässt, das uns zu wütenden Betrachtern eines Justizskandals macht. Denn hier ist was faul. Und zwar gewaltig. Nicht nur der Prozess und die Anklage stinken zum Himmel. Hier ist es die besondere rassistische Stimmung des amerikanischen Südens, die ein Todesurteil über jemanden fällt, der unschuldig ist.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Wir erkennen die üblichen RassisMuster und Automatismen einer rassistischen Gesellschaft, die alle Hebel in Bewegung setzt, um sich selbst in ihrem Hass gegen die Menschen zu bestätigen, die nicht der eigenen Norm entsprechen. Die Sklaverei wurde zwar de facto nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs abgeschafft. Jedoch nicht in den Köpfen derjenigen, die sich selbst und ihre weiße Hautfarbe als überlegen empfinden. Unschuldsvermutungen sind absolut unzulässig. Vorurteile führen schnell zu tatsächlichen Verurteilungen und die Wahrheit interessiert wirklich niemanden. Dies ist kein Einzelfall, keine kurze Periode in der Geschichte des amerikanischen Südens. Es ist ein Muster, das sich bis in unsere heutige Zeit aufspüren lässt. Auch in der Literatur. Denken wir nur an Mudbound oder Wer die Nachtigall stört. Denken wir nur an Ta-Nehisi Coates und sein Manifest „Zwischen mir und der Welt„. Muster, die immer wieder auftauchen. Rassismus ist wie eine unheilbare Epidemie. Zeitlos.

Elizabeth H. Winthrop führt uns die RassismusRisse vor Augen, die durch Familien und Beziehungen in die Tiefe des menschlichen Geistes reichen. Wir klopfen an Türen, die sich „Nur für Weiße“ öffnen, erleben im Inneren der Häuser jedoch auch aufrechte Frauen, die zwischen Gut und Böse zu unterscheiden versuchen. Wir treffen auf einen Geistlichen, der Will Jones in dessen letzten Stunden begleiten soll und dadurch an den Rand des Glaubens gebracht wird. Wir sitzen im Wohnzimmer des Staatsanwaltes, der mit besten vorurteilsfreien Vorsätzen nach Louisiana kam und nun einem Druck erliegt, den die Wutbürger subtil und schmerzhaft aufbauen. Wir erleben einen Vater, der den Brief mit der Nachricht über den Tod seines Sohnes im Krieg mit sich trägt und dessen Trauer sich angesichts des Todesurteils gegen einen jungen Menschen Bahn bricht. Es ist nur ein Tag, den wir hier verbringen. Der „Mercy Seat“ erreicht St. Martinville. Die Zeit läuft ab. Der Leser wird hier ebenso gegrillt, wie man es mit Will Jones beabsichtigt.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Während sich die Rassisten im Ort auf den Weg in die Stadt machen, sind wir an der Seite des Vaters des Todeskandidaten. Er nähert sich mit einem Grabstein für den eigenen Sohn und befürchtet zu spät zu kommen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Wir zweifeln an der Schuld, zweifeln am Urteil, zweifeln an der Schuld. Doch wie sollen wir uns ein Urteil bilden? Erst als wir die Todeszelle betreten, Will Jones begegnen und ihm im besten literarischen Sinne in die Augen schauen, wird uns klar, was hier passieren wird. Er trauert um ein Mädchen, das er nicht lieben durfte. Eine Schande wäre es für sie gewesen. Und doch haben sie beide die Grenzen des Rassismus überwunden. Die Schande in den Augen ihres Vaters jedoch treibt sie ins Unausweichliche. Will ist nur der Liebe schuldig. Das reicht in einer schwarz-weißen Beziehung in diesen Tagen.

Alle Wege führen zum Ort der Hinrichtung. Der „Mercy Seat“ ist aufgebaut und ans Stromaggregat des Trucks angeschlossen. Die dumpfe Menge vor dem Gebäude johlt, die Zeugen nehmen ihre Plätze ein und zuletzt bringt man auch Will Jones, der nun zu büßen hat für einen einvernehmlichen Grenzübertritt über die Rassenschranken. In der Menschenmenge finden wir die verblendeten ewig Gestrigen, die Mitläufer, aber auch jene, die wissen, dass hier gerade himmelschreiendes Unrecht geschieht. Will Jones wird festgeschnallt. Das Urteil wird verlesen. Lese- und Stromspannung sind nicht mehr zu unterscheiden. Meine Sicherungen brennen durch. Mein Wutlesen bahnt sich seinen Weg und zitternd blättere ich um.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Was dann geschieht…? Nun, das sollte man sich selbst erlesen. Die Autorin zeigt ihr unfassbar authentisch wirkendes Erzählgefühl gerade im Höhepunkt dieses Romans und lässt nicht mehr locker, bis auch wir die Stromstöße am eigenen Leib fühlen. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Mitgefühl und Empathie erleiden einen Stromschlag nach dem anderen. Schockwellen lassen unsere Gedanken verschmoren und ein Hilfeschrei durchzuckt unseren Geist. Und doch kommt alles anders, als man denkt. Atemlos und am Ende der Nerven schließe ich das Buch an seinem Ende. Ein Ende, das wahrlich nie ein Ende war, denn diese Geschichte basiert auf einem tatsächlichen Geschehen.

Mercy Seat ist ein Manifest gegen die Todesstrafe als solche, ein lauter Abgesang auf die Rassisten dieser Welt und auch ein heiserer Weckruf an alle Opportunisten, die lieber im Gleichschritt mitlaufen, anstatt sich dem Unrecht in den Weg zu stellen. Wenn man den Anwalt Atticus Finch und seine Tochter Scout in „Wer die Nachtigall stört“ in sein Leseherz geschlossen hat, erlebt in diesem Roman mit dem Staatsanwalt Polly Livingstone und seinem Sohn Gabe die dramatische Überhöhung eines Konflikts, der nach menschlichem Ermessen kaum aufzulösen ist. Eine emotionale Denksportaufgabe von Format, vor die uns Elizabeth H. Winthrop hier stellt. Elektrisierend!

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Dies ist nicht mein erster „Mercy Seat“ in diesem Jahr. Reinhard Kleist hat in der Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ einen elektrischen Stuhl verewigt.

Und wer auf die Suche nach dem realen Vorbild für Will Jones gehen möchte, der sollte bis nach dem Lesen von „Mercy Seat“ warten. Danach lohnt sich die Recherche zu Willie Francis

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop und Von dieser Welt von James Baldwin

Bald mehr zum Thema Rassismus. Von dieser Welt – James Baldwin (März ´18)