„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

[Ab hier können sie gerne weiterlesen oder bei Literatur Radio Bayern zuhören.]

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter – Mein RadioPodCast…

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

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„Montana“ von Smith Henderson (Fourth of July Creek)

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Ärzte sind immer gesund, Psychologen haben keine Probleme und Sozialarbeiter kommen immer aus dem intaktesten Umfeld. Das ist doch die Ausgangslage, wenn man wieder einmal Hilfe sucht, einen Rat braucht oder jemandem seine Wehwehchen anvertraut. Oder? Haben wir schon mal darüber nachgedacht, wie es demjenigen geht, dessen Hilfe wir dringend benötigen? Kann es nicht sogar sein, dass ein solcher Beruf zum psychologischen Paradoxon wird, denn wie sagt man so schön: „Des Schusters Kinder haben die schlechtesten Schuhe“! 

Nichts könnte die Ausgangssituation in „Montana“ von Smith Henderson besser beschreiben. Der im Luchterhand Literaturverlag erschienene Roman aus der Feder eines Sozialarbeiters, Gefängniswärters und Werbetexters, der nun als Schriftsteller in Los Angeles lebt, hat unter dem Originaltitel Fourth of July Creek in den USA für Aufsehen gesorgt und wurde, wie passend, mit dem Montana Book Award 2014 und einigen Shortlist-Plätzen für weitere renommierte Literaturpreise gewürdigt.

Mit den Prädikaten „Ein verflucht großartiges Buch“ (Esquire) und „Ein einmaliger Roman voller Wärme und Herzlichkeit“ (New York Times) versehen, kommen auch wir endlich in den Genuss des von Walter Ahlers und Sabine Roth übersetzten Romans, der sich jeglicher Kategorisierung entzieht. Sozialkritisch ist er, sozialpolitisch sicherlich auch. Gesellschaftskritisch und historisch, da er in den 1980er Jahren spielt, auch. Es ist ein Beziehungs- und Entwicklungsroman, eine düstere Studie vom äußersten Rand der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft und die Blaupause eines Berufes, der in seiner psychologischen Wucht wohl selten so treffend skizziert wurde. Sozialarbeiter.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

„Du bist jetzt schon am Limit, und die Zahl der Fälle wird ansteigen, wenn es auf Weihnachten zugeht bei den Armen, bei den aus der Bahn Geworfenen und Irren. Kinder warten mit Cops… auf dem Vordersitz von Streifenwagen, damit sie nicht völlig auskühlen, bis du kommst. Und du bringst diese Kinder ins Krisenzentrum in Kalispell. Wo es zu wenig Betten gibt. Du hast 24 Stunden, um einen Platz für sie zu finden.“

So liest sich die gefühlte Job-Descritpion des Sozialarbeiters Pete Snow. Und wir haben es hier nicht mit einem der sozialen Brennpunkte der USA in den frühen 1980er Jahren zu tun, wir befinden uns nicht in den unterprivilegierten Vororten von New York, Detroit oder Chicago, sondern mitten in der „Pampa“, in dem kleinen Kaff Tenmile im Nordwesten von Montana. Idylle jedoch sieht völlig anders aus und fühlt sich anders an. Denn während man in den Großstädten immer am Puls der Zeit arbeiten kann, vollzieht sich die Wucht des sozialen Absturzes auf dem Land in den Dörfern, Trailern, Farmen und halbfertigen Holzhütten am Rande der Wildnis.

Hier ist der Sozialarbeiter oftmals der letzte Vermittler zwischen den Cops und den Familien am Abgrund. Die Gratwanderung ist riskant und Pete Snow schwebt in einem Zustand zwischen Überforderung, Ratlosigkeit und Ohnmacht gegenüber den zu vielen Menschen, denen es zu helfen gilt. Dabei wird genau diese Hilfe aus Stolz verweigert, oder die Menschen sind schon so weit in ihren Frust, den Alkohol und die komplette Verweigerung jeder soziale Norm abgedriftet, dass sie schon wie lebende Zeitbomben wirken. Und ganz besonders die Jugendlichen ticken in ihrer Perspektivlosigkeit anders.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Smith Henderson lässt uns in diesen frustrierenden Alltag eintauchen. Mit einer sprachlichen Wucht, die in ihrer naturbelassenen Dynamik den Lebensheißhunger der Bedürftigen widerspiegelt, setzt er uns in Situationen aus, die mit normalem Verstand nicht zu bewältigen sind. Verstörend sind die unkalkulierbaren Verhaltensweisen und die Konflikte, die Pete zu lösen versucht. Sie entziehen sich in ihrer Dimension unserer Vorstellungskraft. Am Ende bleibt meist nur der Weg, die prügelnden Kinder von ihren prügelnden und besoffenen Eltern zu trennen, Pflegefamilien zu finden oder direkt den Jugendknast anzusteuern.

Frustlesen macht sich breit. Die Stimmung schwappt aus dem Buch heraus und man ist versucht, sich mit Pete Snow in eine Ecke zu hocken und sich einen Whiskey hinter die überforderte Binde zu kippen. Wutlesen treibt uns von Seite zu Seite, weil wir nicht fassen können, was sich hier an menschlichen Dramen abspielt! Spätestens als er den elfjährigen Benjamin Pearl aufgreift sind wir so intensiv in der Rolle des Sozialarbeiters verhaftet und gefangen, dass wir selbst die Gratwanderungen erleben, die Pete Snow zu zerreißen drohen. Dabei sind Frust- und Wutlesen die höchsten Ausprägungen von Lesegefühlen, die nicht viele Schriftsteller in mir erzeugen können.

Neben Benjamin begegnen wir auch seinem Vater Jeremiah. Einem Mann, der mir im Laufe meines Lesens so noch nicht untergekommen ist. Eine Mischung aus Eremit und paranoidem Revoluzzer, der sich mit seinem Sohn in der Wildnis versteckt hat, um dem Untergang der Welt wohl in der ersten Reihe beizuwohnen. Religiös fanatisch und voller verrückter Ideen, gepaart mit Verfolgungswahn verweigert Jeremiah jegliche Hilfe für sich selbst und seinen verwahrlosten Sohn. Pete Snow beißt auf echten Montana-Granit bei den beiden und schwebt dabei ständig in Gefahr, einfach über den Haufen geschossen zu werden.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

So tief wir in die verschrobenen Ansichten eines Jeremiah Pearl blicken dürfen, so sehr entwickelt sich parallel dazu das Zerrbild der kollabierten Welt von Pete Snow. So sehr er auch helfen will, so intensiv er versucht, sich zu kümmern, so wenig ist ihm das in seinem eigenen Leben gelungen. Seine gescheiterte Ehe, seine Tochter auf der Flucht vor der Realität und sein Bruder, der von Gott und der Welt verfolgt wird, sind nur Symptome einer Krebsgeschwulst, die sich Normalität nennt. Erst als Pete Snow und Jeremiah Pearl in der Schnittmenge ihrer Probleme zueinander finden, wird aus dem Helfersyndrom des Sozialarbeiters mehr:

„Pearl riss Pete das Gewehr aus der Hand und wich zurück. Er und Pete sahen sich in die Augen, und mit diesem Blick nahm etwas zwischen ihnen Gestalt an. Etwas Echtes. Fast eine Art Verstehen.“ 

Die Lawine der Ereignisse rollt ungebremst auf Pete Snow zu. Zerrissen zwischen der hilflosen Suche nach seiner Tochter, der Versagensangst im Job und dem Gefühl, sein eigenes Leben verspielt zu haben, erlebt er das Amerika, dessen Probleme er zu beseitigen hoffte. Die Staatsmacht beginnt Jagd auf Jeremiah Pearl zu machen. Es ist die Zeit des Attentats auf Ronald Reagan. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Es ist die Zeit, im Land aufzuräumen. Und nicht nur mit den üblichen Verdächtigen, sondern auch mit den Menschen, die ihnen nahestehen. Pete Snow gerät ins Visier.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Smith Henderson gelingt mit Montana ein wuchtiges Debüt und ein großer Roman aus einem Guss. Ihm gelingt das Kunststück, in seinen Lesern Sympathie auch für die widersprüchlichsten Figuren seines Romans zu erzeugen. Er macht aus uns die wahren Sozialarbeiter des Lesens und spiegelt dabei die Fassade eines ganzen Landes. Pete Snow und Jeremiah Pearl. Ist es nicht auch Amerika, das nach außen als Weltpolizei und Hüter der demokratischen Moral in Erscheinung tritt und im Inneren die Suche nach den verlorenen Kindern längst aufgegeben hat?

Der literarische Kunstgriff Smith Hendersons, in einem parallelen Erzählstrang die Perspektive der ausgerissenen Tochter zu präsentieren ist so brillant konstruiert, dass man in jeder Zeile das Wort ausgerissen neu und intensiver versteht. Nichts bleibt hier am Stück, kein Mosaiksteinchen der Persönlichkeit seiner Protagonisten bleibt an seiner Stelle. Und mit jeder Seite entsteht so ein neues Bild. Scharf, gewagt, konturiert und von absolut brutaler Ehrlichkeit geprägt.

Wer hilft hier wem? Wer ist der wahre Außenseiter und wie kann man sich anmaßen, anderen Menschen eine Hilfe aufzudrängen, die mehr zerstört als heilt? Darf man sich auf das hohe Ross der sozialen Moral setzen, ohne den Sattel für dieses wilde Pferd zu haben? Mir werden die kalten Nächte in der Wildnis von Montana unvergessen bleiben. Ich habe gefühlt, gelitten, getobt und geflucht. Ich war trunken vor Glück, zugekifft und besoffen. Ich habe Orgasmen getankt, Schmerzen ertragen, Tränen getrunken und eine Schublade gefunden, in der ich die Liebe zu diesem Roman aufbewahren kann.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Wenn Smith Henderson über Liebe schreibt, bleibt das Herz des Lesers stehen:

„Sie sagt, sie hat eine Schublade für die Männer, die sie lieben kann. Und in dieser Schublade liegt er. Und wenn er zu ihr kommt, kann sie es kaum erwarten, die Schublade aufzuziehen und ihn herauszunehmen.“

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehesi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Mein Sohn,
letzten Sonntag fragte mich die Moderatorin
einer beliebten Nachrichtensendung, was es
bedeute, seinen Körper zu verlieren.“

Wenn ein Vater seinem Sohn einen Brief schreibt, um ihn vor den Gefahren des Alltags zu warnen, dann wird in den seltensten Fällen ein Buch daraus. Wenn jedoch ein schwarzer Vater seinem gerade erst 15-jährigen Sohn einen solchen Brief schreibt, um ihn auf ein Leben vorzubereiten, das vom Rassismus gekennzeichnet ist, dann ist es verständlich, dass diese Gedanken ausufern können. Besonders dann, wenn es um das Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika geht.

Ta-Nehisi Coates ist eine der wichtigsten Stimmen gegen Rassismus in den USA. Seine Essays sorgen für Aufsehen und mit dem Brief an seinen Sohn hat er nicht nur eine Diskussion losgetreten, sondern auch dafür gesorgt, dass man sich mit jeder Faser des eigenen Körpers vorstellen kann, was Rassismus mit seinen Opfern macht. Für Ta-Nehisi Coates sind die Auswirkungen körperlich zu spüren. Zwischen mir und der Welt steht der alltägliche Rassismus wie eine unüberwindbare Mauer.

„Doch unsere ganze Begrifflichkeit dient nur
dazu, zu verschleiern, dass Rassismus eine
zutiefst körperliche Erfahrung ist, dass er
das Hirn erschüttert, die Atemwege blockiert,
Muskeln zerreißt, Organe entfernt, Knochen
bricht, Zähne zerschlägt. Davor darfst du nie
die Augen verschließen.“

Hier geht es nicht mehr um die längst überholte Rassentrennung in den USA. Hier geht es nicht mehr um getrennte Sitzreihen in Bussen oder Verbote zu studieren. Hier geht es um das Erbe der Geschichte, um all die Automatismen, die geblieben sind. Hier geht es viel mehr um das Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Hier geht es um den stillschweigend ausgestellten Freibrief für die Polizei eines ganzen Landes, den tief verwurzelten Rassismus mit Schlagstock und Pistole mit Leben zu füllen.

„Doch Rasse ist das Kind des Rassismus, nicht seine Mutter.“

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Und spätestens jetzt weißt du,
dass die Polizeireviere deines Landes
mit der Befugnis ausgestattet sind,
Deinen Körper zu zerstören.“

Das moderne Amerika scheint nicht bereit zu sein, auf die Prügelknaben von einst zu verzichten, die man sich in der Geschichte des Landes so hart erarbeitet hat. Nichts hat sich daran geändert, seitdem ein schwarzer Präsident an der Macht ist. Er scheint viel eher den Stimmen Vorschub zu leisten, die ihren Rassismus offensiv leben wollen. Obama ist die beste Ausrede, die man sich nur wünschen kann. Rassistisch? Wir? Gott bewahre. Schaut nach Washington.. wie sollten wir rassistisch sein?

Und all dies, während in aller Öffentlichkeit gezeigt wird, wie man mit Menschen umgeht, deren Status es zulässt, zerstört zu werden. Ta-Nehisi Coates beschreibt einen veränderten Rassismus. Er beschreibt diese allgegenwärtige Bedrohung, deren Instrument auch YouTube ist. Er schrieb seinem Sohn aus gutem Grund. Er schrieb ihm, weil die folgenden Namen nicht nur einzelne Beispiele sind. Er schrieb über die Macht der Polizei, schwarze Bürger ungestraft zu verletzen. (Vorsicht! Das Anklicken der Links ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven.)

Renisha McBride
John Crawford
Eric Garner
Tamir Rice
Marlene Pinnock
Michael Brown
Update 08. Juli 2016
Philando Castile
Alton Sterling

Aus der Traum von der neuen Welt. Aus der Traum von Gleichberechtigung und freier Entfaltung der Persönlichkeit. Aus der Traum von Polizeikontrollen ohne Angst und aus der Traum vom ersehnten Gefühl von Sicherheit. Grund genug, um einen jungen Menschen zu warnen. Grund genug, als Vater in aller Deutlichkeit zu ihm zu sprechen. Grund genug, seine Träume zu zerstören.

„Der Traum riecht nach Pfefferminz und
schmeckt nach Erdbeerkuchen. Und so
lange wollte ich in diesen Traum flüchten
und mir mein Land wie eine Decke über
den Kopf ziehen. Aber das geht nicht, die
Möglichkeit bestand nie, denn der Traum
ruht auf unserem Rücken, sein Bettzeug
ist aus unseren Körpern gemacht.“

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Die Frage ist nicht, ob Lincoln tatsächlich
eine „Regierung des Volkes“ im Sinn hatte,
sondern was mit dem politischen Begriff
„Volk“ in unserem Land eigentlich gemeint
war. 1863 waren damit deine Mutter und
deine Großmutter nicht gemeint und auch
nicht du und ich.“

Grund genug, den Blick weit zurück zu wagen. Zu erklären, auf welchen Sockeln der heutige Rassismus basiert und Grund genug, dem eigenen Sohn alle Illusionen zu nehmen. Grund genug, uns die Hilflosigkeit eines schwarzen Vaters spüren zu lassen. Aber eben auch Grund genug, dem Sohn eigene Wege aufzuzeigen, die zu Auswegen werden können. Gewaltlos. Wege, die von Zwängen befreien können, indem alle Sinne geschärft sind, und ganz besonders Kinder und Jugendliche davor bewahrt werden, immer wieder doppelt zu leiden. Weil man sie seit jeher in der eigenen Familie nur mit Gewalt vor der Gewalt zu schützen versucht.

„Ich war in einem Haus aufgewachsen, das hin-
und hergerissen war zwischen Liebe und Angst.
Für Sanftheit war kein Raum. Doch diese Frau
mit den langen Dreads offenbarte mir etwas
anderes – dass Liebe sanft und verständnisvoll
sein kann; dass, sanft oder hart, Liebe eine
Heldentat ist.“

Hier zeigt sich die ganze Stärke des Textes. Hier zeigt sich die Wucht, mit der Ta-Nehisi Coates ausholt, um den Kreislauf des Rassismus zumindest in den eigenen Familien zu beenden. Hier zeigt er, was Väter und Mütter heute leisten können, was es bedeutet, seinen Kindern Liebe statt Abhärtung mit auf den Weg zu geben. Hier wird aus einer Streitschrift eine streitbare Schrift und eine tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Ein Kind zeugen kann jeder,
zum Vater braucht es einen Mann.“

Es sind die Lehren eines Lebens, die Ta-Nehisi Coates hier weitergibt. Und nicht nur sein Sohn wird zum Adressaten seiner Botschaft. Coates blickt weit zurück in die eigene Familiengeschichte. Wir erkennen das Amerika zur Zeit von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter wieder. Wir verstehen, was die damaligen Symptome von Rassismus aus dem Erwachsenen Ta-Nehisi Coates gemacht haben. Wir fühlen, wie viel Zeit ihn der Kampf um sein eigenes freies Leben gekostet hat.

Rassismus ist Zeitraub…

„Der Zeitraub wird nicht in Lebensdauer gemessen,
sondern in Augenblicken. Er ist die letzte Flasche
Wein, die du entkorkt hast, aber keine Zeit hast zu
trinken. Er ist der Kuss, für den du keine Zeit findest,
bevor sie aus deinem Leben verschwindet.“

Dies und vieles mehr möchte er seinem Sohn ersparen. Und nicht nur ihm. Coates macht es sich nicht leicht mit seinen Betrachtungen. Er wechselt die Perspektiven und auch den Standort für seine Positionsbestimmung. Er lebt in Frankreich und nimmt uns am Ende seines Briefes mit in dieses Land, das ihm alle Möglichkeiten bietet, seine Meinung zu sagen, zu schreiben und den Finger in Wunden zu legen.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Und doch ist auch sein Paris mehr als nur ein Zufluchtsort.

„Aber nun war deine Mutter dort hingefahren,
und als sie zurückkehrte tanzten ihre Augen
vor all den Möglichkeiten, die es dort gab, nicht
nur für sie, sondern auch für dich und für mich.
Es war irre, wie dieses Gefühl um sich griff.“

Hier wird aus der rein amerikanischen Betrachtung ein polyglotter Vergleich, der erneut Augen öffnet. Man sollte sich unbedingt auf diese Reise einlassen. Man sollte Ta-Nehisi Coates folgen, da er in seiner klaren Argumentation mehr als deutlich auf alle Gefahren hinweist, die durch Ausgrenzung und verfehlte Politik zwangsläufig entstehen. Er beleuchtet, was wir gerne verdeckt lassen würden, und er macht das Grollen unter der Schönheit von Paris zum Grollen unter allen Städten, in denen wir es schon lange nicht mehr hören. Klar… wir sind ja auch nicht schwarz.

„Denk an das Grollen, dass wir unter der
Schönheit von Paris gespürt haben, als
wäre die Stadt in schwebender Erwartung
von Pompeji erbaut worden.“

„Zwischen mir und der Welt“ ist mehr als der Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn. Dieses Buch zu lesen sensibilisiert und weckt Empathie mit Menschen, auf deren Rücken unsere Konflikte und Ängste ausgetragen werden. Underdogs, sozial Benachteiligte, Underdogs. Coates vergisst niemanden. Coates schreit es hinaus in die Welt und fast nebenbei wird dem Leser bewusst, dass er es ausschließlich der Laune des Schicksals zu verdanken hat, dass er selbst zu denjenigen gehört, die ganz zufällig denken dürfen, weiß zu sein.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Die Träumer müssen lernen, für sich selbst zu kämpfen,
zu begreifen, dass das Feld ihrer Träume, die Bühne, auf
der sie sich weiß angemalt haben, unser aller Sterbebett ist.“

Den Abschluss des Briefes bilden weitere wichtige Texte von Ta-Nehisi Coates, die in diesem Zusammenhang beachtenswert sind, da sie in den USA eine Diskussion in Gang gesetzt haben, die der Überwindung von Mauern dienen könnte. Aus deutscher Sicht ist die ganz besonders die Frage, welche Auswirkungen Reparationszahlungen an die Nachfahren der damaligen Sklaven hätten, von großem Interesse. Der Vergleich mit dem Holocaust und der deutschen Demokratie ist gewagt, aber tragfähig. Lesenswert bis zur letzten Seite.

Vielleicht sollten wir unseren Söhnen schreiben… Es kostet nur ein wenig Zeit, im Vergleich mit der Zeit, die Opfer von rassistischer Benachteiligung täglich zu investieren haben, um einen kleinen Zipfel von Gleichberechtigung zu erhaschen. Das sind wir allen Kindern dieser Welt schuldig.

Aktualisierung 19. April 2016 – Pulitzer-Preis –

Die „Washington Post“ wird in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank ausgezeichnet, die zeigt, wie oft und warum Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die Zeitung ermittelte, dass Polizisten im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen.

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Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit Zwischen mit und der Weltin Relevanz oder Stil zu unterschiedlichen Aspekten und Perspektiven von Ta-Nehisi Coates` Werk in Verbindung stehen.

Ein Jugendbuch mit besonderer Relevanz: Mein Name ist nicht Freitag – Jon Walter – Königskinder Verlag. Ein Plädoyer für das Buch und die Verbindung zu Ta-Nehisi.

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