CLORIS von Rye Curtis

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Eine berechtigte Frage, die sich die Forest Ranger in Montana stellen, als sie am Funkgerät immer nur das Wort „Cloris“ empfangen. Eigentlich sind es Tage wie immer in der Idylle der Bitterroot Mountains. Nicht viel los auf dem Außenposten in der Weite der Natur im Herzen von Montana. Wäre da nicht jener monotone Funkspruch. Cloris. Dabei ist das Wort gar kein Wort, es ist ein Name und der Funkspruch ist alles andere als monoton. Es ist ein Hilferuf der besonderen Art und die schlechte Verbindung sorgt dafür, dass man am anderen Ende immer nur dieses Wort hört. Cloris. Dass sich hier eine verzweifelte 72-jährige Texanerin in akuter Lebensgefahr befindet, dass sie einen Flugzeugabsturz über dem unwirtlichen Gebirgszug überlebt hatte und nun nach Hilfe ruft, erschließt sich den Rangern vorerst nicht.

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Wir Lesenden wissen mehr als die Forest Ranger in Montana. Rye Curtis macht uns in seinem literarischen Debüt-Roman „Cloris“ zu Augenzeugen des Absturzes. Er setzt uns in die kleine Maschine und lässt keine Fragen offen, mit wem wir da bis zum „Ende der Welt“ fliegen. Ein routinierter Pilot und ein älteres Ehepaar aus Texas, das sich hier eine kleine Hütte gemietet hatte, um die Landschaft zu genießen, fallen nach einem missglückten Manöver vom Himmel. Ein Absturz, den nur die Frau überlebt. Ihr Name: Cloris Waldtrip. Die tief religiöse ehemalige Lehrerin und Bibliothekarin bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Und doch beginnt ihr Überlebenskampf schon direkt nach dem harten Aufprall der Maschine.

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CLORIS von Rye Curtis – AstroLibrium

Eigentlich sollten die Chancen auf Rettung nicht schlecht stehen. Ein Funkgerät, eine warme Jacke, ein paar Karamellbonbons und der unversehrte Schuh ihres toten Ehemanns, den Cloris als Trinkgefäß verwenden kann und eine Bibel sind jedoch die einzigen Utensilien, die sie aus dem Wrack retten kann. Der Rest ist Schweigen und Einsamkeit. Und wäre da nicht die andere Seite am Ende des Funksignals, alles wäre vielleicht viel schneller gegangen. Denn hier begegnen wir der abgehalfterten Rangerin Debra Lewis, die schon auf den ersten Seiten unseres Kennenlernens mehr Merlot in sich hineinkippt, als ich es je in meinem Leben bewerkstelligen könnte. Merlot pur und Merlot im Kaffee, Merlot in der Thermoskanne und direkt aus der Flasche. Es sind die ungünstigsten Voraussetzungen, mit einem Hilferuf genau bei Ranger Lewis zu landen.

Und doch lässt Rye Curtis seine Cloris nicht allein. Wie aus dem Nichts scheint sie Hilfe zu finden. Eine Nachricht „Gehen Sie flussabwärts“, ein plötzlich flackerndes und wärmendes Lagerfeuer, ein Kompass, eine Trinkflasche, ein Beil und weitere hilfreiche Gegenstände tauchen auf, als sie sich auf den Weg zurück in die Zivilisation macht. Es scheint ein Wunder zu sein, Folge ihres tiefen Glaubens und doch erkennt auch Cloris, dass diese Hilfe viel realer ist, als sie es sich jemals vorgestellt hat. Es ist ein maskierter Mann, der sie als Schutzengel begleitet. Doch warum gibt er sich nicht zu erkennen?

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CLORIS von Rye Curtis

Das klingt nach einem guten Roman mit viel Potenzial zum Pagetruner. Und doch macht es uns Rye Curtis nicht leicht mit seinem Debüt. Der junge texanische Autor hat einen Plan, dem er schreibend folgt. Er hat ein Ziel, dem wir durch die Wildnis Seite an Seite mit „Cloris“ entgegen streben. Die brillante Konstruktion des Romans entledigt uns von den grundlegenden Sorgen, ob die alte Dame letztlich überlebt. Sie selbst ist es, die ihre Geschichte mit einer zeitlichen Distanz von mehr als zwanzig Jahren erzählt. Es ist eine Seniorenresidenz, aus der sie sich meldet. Hier steht nicht die Frage des „Ob“ sie es überlebt hat im Mittelpunkt, sondern das „Wie“ und was sie aus den Ereignissen für sich gelernt hat. Ein Entwicklungsroman in höchstem Alter. Destination unbekannt.

Dabei geht uns Rye Curtis gehörig auf die Nerven. Und das im allerbesten Sinne des Wortes. Es sind drastische Bilder, die er in unserem Geist explodieren lässt. Es handelt sich um drastische Beschreibungen vom Tod, Verwesung und vom Überlebenskampf in einer alles verzehrenden Wildnis. Es sind skurrile Charaktere, an denen wir uns hier zu reiben haben, um den Kern der Geschichte zu erkennen. Jeder scheint hier gewaltig in einem Gefängnis aus Selbstsucht, Sucht und Absonderlichkeit gefangen zu sein. Jedes Bild für sich kann den Lesenden abschrecken. Besonders die Konfrontation mit einem Bild, das sich noch lange festbrennt und sich ganz langsam aus einzelnen Aufnahmen entwickelt, verlangt einige Überwindung. Rye Curtis kämpft in „Cloris“ gegen Vorurteile und Vorverurteilung. Er gibt den Menschen in seinem Roman eine zweite Chance. Wir hätten ihnen vielleicht nicht mal eine erste gegeben. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Ein Buch jedoch für Abenteurer und Liebhaber schrulliger Menschen, denen man sehr gerne durch ihre Geschichte folgt.

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Cloris von Rye Curtis - KateView - Astrolibrium

Cloris von Rye Curtis – KateView

Ich war nicht alleine in den Bitterroot Mountains. Mir war die Sicht von Kate mehr als wichtig, weil es gerade Frauen sind, die diesen Roman dominieren. KateView, der zweite Blick aufs Buch:

Was anfängt wie ein gewöhnlicher Ausflug in die Weiten Montanas, entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als Herausforderung für schwache Mägen. Rye Curtis wechselt zwischen stimmungsvollen Beschreibungen und schonungsloser Ehrlichkeit. Als Leser mit Phantasie geht einem das Bild des vor unseren Augen, in unseren Ohren verendenden Piloten nicht aus dem Kopf. Time after time. Es zieht einen hinein in die Wälder und lässt einen in einer Offenheit auf Figuren treffen, die fast schon nackt sind. Der Autor breitet mit einer Ruhe das Seelenleben und die inneren (und äußeren) Qualen seiner Protagonisten vor uns Lesern aus, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als ihm mit etwas angeekeltem Blick in seiner Geschichte zu folgen. Die gläubige, fast schon fatalistische alte Dame, die alkoholsüchtige Rangerin, der kreideverliebte abgehalfterte Lover, der etwas langsame Rangergehilfe. Alles Figuren, die in sich so stimmig sind, dass sich die schlüpfrige Erzählweise ausgesprochen gut ertragen lässt.

Ein wenig erinnert mich der Roman an „Feuchtgebiete“, von allem immer einen Hauch zu viel, immer ein wenig mehr Provokation – und doch zieht einen die Story in ihren Bann. Gerade weil man nach wenigen Seiten so viel über die Figuren weiß, begleitet man sie gerne ein Stück. Und zwischen all den Schlüpfrigkeiten und verkrachten Existenzen finden sich tiefgründige Gedanken mit offenem Ende. Der Geschmack von billigem Merlot und verkohltem Eichhörnchen auf der Zunge führt einen durch einen Roman, der EBEN NICHT eine Geschichte über zwei toughe Frauen ist, die sich durch die Wildnis schlagen – denn das kann ja jeder. Der Alltagsalkoholismus ist ebenso schwer zu ertragen, wie die Erkenntnis, dass Cloris alle Hilfe braucht, weil sie allein nicht überleben kann. Wenn man einen seichten Roman über starke Frauen lesen will, dann ist dieses Buch nicht geeignet. Cloris ist ehrlich.

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CLORIS von Rye Curtis

„Cloris“ von Rye Curtis bricht mit vielen Tabus und überschreitet Grenzen. Ich werde in Erinnerung behalten, dass ich gerade die Romanfiguren am meisten mochte, die es am wenigsten verdient zu haben schienen. Es ist eine intensive Diskussion, die der Autor in unserem Innersten auslöst. Schaffen wir es hier, unsere Denkbarrieren zu lösen, fällt es uns auch im Leben leichter, dem Schwarz-Weiß-Denken nicht zum Opfer zu fallen. Achten Sie auf sich, wenn Sie dieses Buch lesen. Greifen Sie doch einfach zu einem guten Glas Merlot. Das hilft zwar nicht weiter, aber es ist der Geschmack in einer Geschichte, die nie geschmacklos wird. Betreutes Survival. Mal was Neues.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Es sind die Legionen von Auswanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihren Lebensraum verließen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Es war die tiefe Armut, die dafür verantwortlich war, dass die von der Britischen Krone unterdrückten Arbeiter und Bauern in die Welt zogen. Die Besiedelung der Vereinigten Staaten von Amerika wäre ohne irische Einwanderer nicht möglich gewesen. Städtebau, Eisenbahnen und nicht zuletzt die amerikanische Armee wären undenkbar ohne irisches Blut.

Als starrköpfig, heimatverbunden, treu, trinkfest und verwegen werden Iren nicht nur in der Literatur bezeichnet. Sie stehen auch heute noch zu den weitverbreiteten Klischees und Zerrbildern, weil sie sich gut damit arrangieren können. Es ist der große Stolz auf das grüne Kleeblatt, der sie eint und doch wurden sie von der Weltgeschichte oft genug so weit verwirbelt, dass sie sich in fremden Ländern plötzlich gegeneinander kämpfen sahen. Auf nicht wenigen Schlachtfeldern im 19. Jahrhundert erlebte man auf beiden Seiten der formierten Schlachtreihen das grüne Kleeblatt und die Harfe auf den Fahnen der gegnerischen Parteien. Für waschechte Iren ein wahrer Schock, von dem sie sich lange nicht erholen sollten. Ein tiefer Riss durch eine gemeinsame Geschichte, der sich wie eine nie vernarbte Wunde durch die Jahrhunderte zog. Sebastian Barry schrieb auch darüber…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Wenn man das berücksichtigt, ist es schwer, seinen Roman Tage ohne Ende in ein Genre-Schema zu fassen. Was sich augenscheinlich wie ein Western anfühlt und im Gewand einer uramerikanischen Erzählung über Indianerkriege, die Besiedlung des Wilden Westens und den Bürgerkrieg daherkommt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein irischer Roman, den es an einen anderen Schauplatz verschlagen hat. Sebastian Barry ist virtuos darin, sich ein Land und seine Geschichte untertan zu machen, wenn es darum geht von den Menschen zu erzählen, die ihm am Herzen liegen. Er ist nichts anderes als ein irischer literarischer Auswanderer, der sein Glück auf fremdem Boden sucht. Das muss man wissen, bevor man sich der Szenerie nähert, die sich wie „Tage ohne Ende“ durch das Lesen zieht. Es ist der tiefe irische Grundton einer Erzählung, der hier die Fanfarenstöße der US-Kavallerie ersetzt. Es ist das Kleeblatt und die Harfe auf den Flaggen der Konföderierten und Unionssoldaten, das zum Hoheitszeichen der Soldaten wird, unter dem sie kämpfen.

Western? Kriegsroman? Indianerstory? Western-Trail-Erzählung? Was denn nun, fragen wir uns, wenn wir am Ende der ersten „Tage ohne Ende am Lagerfeuer sitzen und unseren beiden Weggefährten Thomas McNulty und John Cole zuhören. Nichts von alledem oder alles im neuen Gewand? Aus meiner Sicht ist dieser Roman alles und doch wieder nur fragmentarisch das, was man von ihm halten mag. Er ist Sozialstudie und Psychogramm seiner Protagonisten zugleich, fordernd und sogar überfordernd für Leser und Rezensenten, weil sie nicht zu fassen bekommen, was sie hier erwartet. In großen Aufzügen erfüllt Sebastian Barry die Erwartungen an den Wilden Westen des ersten Drittels im 19. Jahrhunderts. Man schmeckt das Land, man riecht die Menschen und fühlt die Einsamkeit von zwei jungen irischen Einwanderern, die um ihr Überleben kämpfen. Als Mädchen verkleidet treten die beiden 17-jährigen Jungs in einem Saloon auf. Frauenmangel schrieb die seltsamsten Geschichten. Dies ist eine davon.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Kein Job, den man lange durchhalten kann. Besonders, weil nur die eigene Jugend dem Beuteschema der Saloon-Kunden entspricht. Für den miesesten Lohn aller Zeiten verpflichten sich die Jungs zum Dienst in der US-Kavallerie. Jetzt sind wir mittendrin im typischen Atemhauch eines Westerns. Indianerkriege, Geleitschutz für Siedlertrecks in unwirtlicher Landschaft, das Fort Kearny mit seinem endlosen Mangel an allem und die Kameradschaft der Soldaten. Und doch unterscheidet sich alles vom Western, wie man ihn sich eigentlich vorstellt. Sprachlich verzaubert uns Sebastian Barry mit der Stimme von Thomas McNulty, aus dessen Sichtweise er diese Geschichte erzählt. Fast schon Slang, nicht gestelzt und fein ausformuliert, verknappt und pur entdecken wir Seiten an unseren Weggefährten, die das Genre zu sprengen scheinen. Thomas und John sind nicht nur durch ihr Schicksal miteinander verbunden. Es ist aufrichtige Liebe und eine verzweifelte Leidenschaft, die sie in den schlimmsten Momenten ihres Lebens retten.

An dieser Stelle zeigen sich die Probleme von Lesenden und Rezensenten, die nur kaum in Worte fassen können, was ihnen nun begegnet. Von „schwulen Soldaten“ ist oft die Rede, von „Homosexualität im Western“ den „beiden verliebten Soldaten“ und schon zieht man Vergleiche zu „Brokeback Mountain“, einem Film, in dem dieses Thema im Cowboy-Milieu die zentrale Rolle spielt. Völlig daneben, diese Vergleiche. Was sich mit drei Zitaten leicht belegen lässt. Sehen wir uns nur an, warum Thomas McNulty nach dem Dienst an der Waffe Frauenkleider anzieht, um seinen inneren Frieden zu finden:

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ich fühle mich als Frau, mehr als ich mich je als Mann gefühlt habe, trotzdem ich einen Großteil meines Lebens Soldat gewesen bin.

Als Frau bin ich entspannt, als Mann verkrampft. Als Mann sind meine Glieder gebrochen, als Frau geheilt. Ich lege mich mit der Seele einer Frau zu Bett wache auch mit ihr auf.

Vielleicht bin ich als Mann zur Welt gekommen, und ich habe mich in eine Frau verwandelt. Vielleicht war der Junge, dem John Cole begegnete, schon damals ein Mädchen.

Hier haben wir eine zutiefst authentische Geschichte über eine „Trans-Frau“ vor uns, die sich im Alltag als Mann verkleiden muss, um im Wilden Westen überleben und durchhalten zu können. Aus der Sicht von Thomas McNulty erleben wir jene Massaker an der indianischen Urbevölkerung, wir ziehen in den Bürgerkrieg, kämpfen in brutalen Schlachten gegen irische Landsleute, desertieren und werden wieder aufgespürt. Und dabei tobt das eigentliche Gefecht in Thomas selbst. Nur John Cole bleibt ihm treu bis zur Selbstaufgabe. Ein großer irischer Roman, das sagte ich bereits. Eine Geschichte voller Wendungen und unerwarteter Höhepunkte. Eine Liebesgeschichte zweifelsohne und auch die Geschichte einer Rettung…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Hier geht es weiter!

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Weitere Western bei AstroLibrium finden Sie hier. Über Sebastian Barry schrieb ich anlässlich seines Romans Ein langer, langer Weg. Und nach Irland möchte ich sie auch gerne literarisch entführen. Hier geht´s lang. Lesen Sie gut.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Weiter geht´s mit Sebastian Barry: „Annie Dunne“ – Auf nach Irland

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Er war der 56. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er schrieb gleich in mehrfacher Hinsicht Geschichte. Er war der erste Afroamerikaner in diesem Amt, man verlieh ihm den Friedensnobelpreis und er ließ seiner Amtszeit von 2009 bis 2013 eine zweite von 2013 bis 2017 folgen. Sein Slogan „Yes we can“ ging um die Welt und man romantisiert seine Präsidentschaft gerade in der heutigen Zeit, weil man ihn mit seinem Nachfolger Donald Trump vergleicht. Losgelöst von der politischen Kompetenz stehen gerade bei diesem Vergleich die soziale Kompetenz, die menschliche Wärme und sein unbestrittenes Charisma im Zentrum der Betrachtung. Hier lässt er seinen Nachfolger, auch aus Sicht internationaler Partner und Verbündeter, meilenweit hinter sich. Er war ein Ausnahmepräsident. Barack Hussein Obama.

Alles nur gefühlt? Alles nur emotional überlagerte Faktenlage oder belegbar? Können wir die Beliebtheit eines Präsidenten und seine Ausstrahlung wirklich bewerten oder ist es eher so, dass unsere Sympathien frei im luftleeren Raum hängen, wenn über einen Menschen urteilen, der aus unserer Sicht prägend für sein ganzes Land war? Vielleicht ist es so. Ich bin jedoch dankbar dafür, mich besser informieren zu können und mir auf diese Art und Weise (ganz besonders in Zeiten von Fake-News) ein ganz eigenes Bild machen zu dürfen. Ich bediene mich einer Kollektion von Primär- und Sekundärquellen, die in Gänze einen umfangreichen Blick auf den Menschen zulassen, der gerade heute im politischen Weltgefüge schmerzlich vermisst wird.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Barack Obama war der erste US-Präsident, der während der gesamten achtjährigen Amtszeit jeden Abend ausgewählte Briefe seiner Bürger las. Er hatte dazu ein eigenes Kommunikationszentrum installiert, in dem eine ganz besondere Crew die eingehende Postflut sichtete, sortierte und las. Der Lektüreraum im Weißen Haus war für insgesamt acht Jahre die Anlaufstelle abertausender E-Mails, Briefe und sonstiger Nachrichten. Er war der Ort, an dem darüber entschieden wurde, welche Briefe ihren Präsidenten ganz persönlich erreichen sollten und auf welche man mit standardisierten Antwortschreiben reagierte. Hier regierte nicht der Zufall. Hier steckte System hinter dem Chaos. Es gab Schlagwort-Wolken, Algorithmen und eben auch eine riesige Portion Empathie, die ins Feld geführt wurde, um den Präsidenten im Dialog mit seiner Nation zu halten.

10 Briefe am Tag. So lautete die Vorgabe von Barak Obama. 10 Briefe, hinter denen sich Menschen verbargen, Schicksale und Hoffnungen, Anliegen, Angst, Hoffnung und oftmals einfach auch nur der Wunsch, Dampf abzulassen. Dabei war schon zu Beginn dieses Kommunikations-Projektes klar, dass der Präsident nicht nur mit seiner Fanpost konfrontiert werden wollte. Ganz im Gegenteil. Barak Obama suchte nach Geschichten, die ihm sein Land zeigten, wie er es in der Abgeschiedenheit an der Spitze der Nation nicht mehr selbst erleben konnte. Die meisten Zuschriften mit den Worten: „Ich denke, Sie werden diesen Brief niemals lesen“ erreichten ihn tatsächlich nicht. Aber es gab da etwas, das sich schnell herumsprach und die Menschen dazu veranlasste, sich ihm anzuvertrauen. Barack Obama beantwortete die Briefe persönlich, handschriftlich und voller Einfühlungsvermögen.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas stellt den Versuch dar, nicht nur den Briefen auf die Spur zu kommen, nicht nur eine Kollektion aus Anliegen und antworten zu veröffentlichen. Die etablierte Journalistin geht in jeder Hinsicht weiter, als es der Buchtitel erwarten lassen würde. Sie veröffentlicht Briefe, die Obama erreichten und auf die er selbst antwortete. Sie hat ein Spektrum an Zuschriften ausgewählt, das die gesamte Bandbreite dieses Dialoges zeigt. Sie konfrontiert uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen, sie legt uns Beschwerden und Protestnoten vor, die den Präsidenten tief getroffen haben mussten. Sie zeigt uns Briefe und E-Mails, an denen sich Obama aufrichten konnte, weil sie die Auswirkungen seiner Politik auf den Einzelnen dokumentierten. Aber dann verlässt sie den Lektüreraum und spricht mit den Mitarbeitern dieser Dialog-Truppe, mit Praktikanten und Sonderbeauftragten im Weißen Haus, die an vorderster Front mit den Augen ihres Präsidenten lasen, schrieben, hörten und archivierten. 

Damit nicht genug. Parallel zu diesem intensiven und zutiefst menschlichen Blick ins Zentrum der Briefe, verlässt sie das Weiße Haus und begegnet den Menschen im weiten Land, die Antwort von ihrem Präsidenten erhielten. Sie erzählt ihre Geschichten und die Gründe, die dazu führten, dass man dem Präsidenten schrieb. Und dann zeigt sie, was seine Antworten kurz- und mittelfristig bewirkt, verändert und bedeutet haben. Diese multiperspektivische Betrachtung macht aus diesem Buch und der aufwendigen Hörbuchadaption mehr als nur eine Momentaufnahme. Sie hebt die Briefe, Antworten und Sachverhalte, die ihnen zugrunde liegen auf eine Ebene, die jenseits der Politik in der Lage ist aufzuzeigen, was diesen charismatischen Menschenfänger im positivsten auszeichnet. Seine menschliche Größe wird in jeder Antwort aus seiner Feder sichtbar. Sein Umgang mit Lob und Kritik, ja sogar mit wüstesten Beschimpfungen verdient jede Hochachtung. Und die Antworten aus seiner Feder waren in der Lage, das Leben derer zu verändern, die ihm schrieben.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Die persönlichen Begegnungen mit seinen „Brieffreunden“ gehören zu den ganz besonderen Höhepunkten dieses Buches. Ich werde die Mutter nicht vergessen, die ihm von ihrem ganz kleinen Leben erzählte, die ihm schrieb, wie schwer es ist das Geld für Familie, Haus und Krankenversicherung aufzutreiben. Die ihm mit auf den Weg gab, er möge sein Bestes geben, damit auch sie ihr Bestes geben kann. Ein Brief, der mehr erzählte, als eine einfache Geschichte. Er beschrieb die Lage der Nation. In einfachen Worten. Wie groß war die Überraschung dieser Frau, als sie von Barack Obama nach Washington eingeladen wurde, um seine Rede an die Nation zu hören. Wie groß muss ihre Überraschung gewesen sein, zu erkennen, dass ihr eigener Brief die Rede an die Nation war. Ein Meilenstein des Dialogs mit seiner Nation.

Jeanne Marie Laskas blickt in die Seelen und Herzen der Briefschreiber. Sie geht auf viele Mitarbeiter im Lektürezentrum zu und erzählt ihre Geschichten von Motivation, Betroffenheit und Liebe zu dieser Arbeit. Dabei hat sich die Autorin den denkbar besten Zeitpunkt für diese Reportage ausgewählt. Obama ist abgewählt. Trump steht kurz vor seinem Einzug in den heiligen Hallen. Die Zukunft des Briefprojektes ist ungewiss. Man räumt die Büros. Man räumt das Feld für jemandem dem man alles zubilligen kann, nur kein warmes Herz, keine Empathie und keinen Stil im Umgang mit Menschen. Es ist in jeder Zeile dieses Buches zu fühlen, wie der Abgesang auf eine Ära klingt. Alles ändert sich. Die Briefe in den letzten Amtstagen von Barack Obama sprechen eine deutliche Sprache. Acht Jahre dieser absolut beispiellosen Korrespondenz lassen den Untertitel „Das Porträt einer Nation“ zu.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Ich begann dieses Porträt hörend. Die Stimmen von Christian Baumann, Julia Cortis, Juliane Köhler und Franz Pätzold trugen mich durch die Flut der Briefe und vermittelten das Gefühl, direkt ins Lesen und Schreiben involviert zu sein. Ihre Stimmen ließen mich teilhaben an den Sorgen und Nöten der Bürger, sprachen mich aber auch als Präsident ganz direkt an. Fast 10 Stunden in der gekürzten Lesung breiteten die Wucht einer Zeit vor mir aus, die heute vergangen scheint. Diese acht CDs entsprechen acht Jahren im Amt. Eine kurze Zeit. Eine sehr lange Zeit. Eine extrem wichtige Zeit. Und doch musste ich neben dem Gehörten auf das Buch zurückgreifen, weil es handschriftliche Briefe, in Eile verfasste Notizen, E-Mails und die handsignierten Antworten von Barack Obama beinhaltet. Die Textgestaltung ist brillant und die Authentizität, die das Buch ausstrahlt macht es zu einem Dokument der Zeitgeschichte, in dem man immer wieder versinken möchte, wenn man den Glauben an das Gute in der Politik verloren hat.

Am Ende kommt er selbst zu Wort. Am Ende schließen sich Kreise beim ehemaligen Präsidenten. Jeanne Marie Laskas kann ihn zur Bedeutung der Briefe für sein eigenes Leben fragen, sie kann auf bestimmte Themen eingehen und beleuchten, wie die Post seine Haltung verändert hat. Barack Obama bleibt keine Antwort schuldig. Auch keine zur aktuellen Lage der Nation. „Briefe an Obama“ ist ein Muss für Menschen, die sich in sozialer und politischer Hinsicht mit der Welt auseinandersetzen. Ein Muss für Leser und Hörer, die Empathie als Grundlage von Führungsfähigkeit empfinden. Ein Muss in einer Zeit, in der diejenigen die Macht ergreifen, die Angst erzeugen, statt zu beruhigen oder Lösungen aufzuzeigen. Für mich ein Muss, weil mich die Themenvielfalt mehr als überrascht hat. Opfer von Amokläufen, Veteranen, Arbeitslose, verschuldete Menschen und Drogenabhängige, Inhaftierte, Alleinerziehende, Kranke ohne Versicherung, Mütter schwuler Söhne deren Väter Trump gewählt haben. Selten wird die Zerrissenheit eines Landes deutlicher. Selten wird ein Hoffnungsträger klarer erkennbar. Yes, we can. Das Mantra der Präsidentschaft Barack Obamas hallt lange nach.

Das Buch endet in Briefen. Das Hörbuch gönnt uns einen Ausschnitt von Barack Obamas Amtsantrittsrede 2009 im O-Ton. Gänsehaut garantiert..

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

„Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas
Hardcover: Goldmann Verlag
/ dt. von Nathalie Lemmens und Thorsten Schmidt / 544 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag 
/ gekürzte Lesung / 8 CDs / 9 Std. 43 Min / 22 Euro

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin - AstroLibrium

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Kaum etwas ist schockierender als ein Amoklauf an einer Schule. Nichts vermittelt das Gefühl von Hilflosigkeit intensiver, als ein bis an die Zähne bewaffneter Amokläufer inmitten ahnungsloser Kinder und Lehrer. In meinem Artikel zum Roman 54 Minuten von Marieke Nijkamp habe ich bereits eine Unterscheidung zwischen einem Amoklauf und dem Begriff Schulmassaker vorgenommen. Was beim Amoklauf die Zufälligkeit der Zielgruppe bedingt, wird beim Massaker durch eine gezielte Auswahl der Opfer ersetzt. Rache für Ausgrenzung oder Mobbing wird hier als Motiv angeführt. In letzter Zeit sehe ich in den Nachrichten viele Massaker, ideologisch oder eher persönlich motiviert. Was beide Formen des Massenmordes verbindet, ist die absolute Hilflosigkeit, der die Opfer ausgesetzt sind.

Alles still auf einmal“ von Rhiannon Navin erzählt die Geschichte eines solchen Schulmassakers und seiner unmittelbaren Folgen. Das Ziel ist nicht zufällig gewählt und auch die Motive des Täters, der waffenstarrend um sich schießt, lassen sich leicht einordnen. Eifersucht auf alle Kinder und Jugendlichen der McKinley-Schule, die nicht krank sind, die man normal behandelt, die nicht am Rande stehen. Schüler der Schule, an der ausgerechnet der Vater des Täters als Wachmann arbeitet, um solche Taten zu verhindern. Bis hierher fühlt sich die Ausgangssituation so an, wie man sie in ähnlichen Romanen zu diesem Thema, also auch in 54 Minuten, vorfindet. Aber keinen Schritt weiter. Denn, was Rhiannon Navin erzählt, ist die Geschichte eines Überlebenden. Und nicht nur das. Das Massaker, das Sterben, die Angst und die Tage nach dem Anschlag werden aus der Perspektive des sechsjährigen Zach Taylor erzählt. Mit seiner Stimme.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Dieses Extremerlebnis aus Sicht eines Kindes zu erzählen, erinnert an „Raum“ von Emma Donoghue. Hier ist es die Erzählstimme des fünfjährigen Jack, die weltweit die Leser in den Bann zog, überzeugte und berührte. Es ist die schonungslos naive und so unverfälscht ehrliche Sicht auf die klaustrophobische Welt einer entführten Kindheit, die Raum auszeichnete. Emma Donoghue erweiterte das Lebensspektrum einer Natascha Kampusch um die Dimension Kind. Sie erweiterte die Qualen einer entführten Frau um die Ebene Muttersein. Sie erweiterte alles bisher Gelesene um die Dimension Jack. Als ich nun von Zach Taylor begegnete, war mir klar, wie tief mich diese Geschichte treffen würde, wenn es Rhiannon Navin gelang, seinen Ton und seine Perspektive zu treffen.

Und, was soll ich sagen, es ist gelungen. Und wie. Rhiannon Navin konfrontiert ihre Leser mit den traumatischen Ereignissen eines Massenmordes an einer Schule, der 19 Menschenleben kostet. Wir werden, obwohl wir lesen, zu Ohrenzeugen der Tat. Es ist der Wandschrank im Klassenzimmer, in dem sich die Kinder verstecken. Es ist indirekt, was wir miterleben. Und doch ist es eindringlicher, als es mit eigenen Augen zu sehen. Es ist heiß, stickig, dunkel, ein Mitschüler kotzt sich fast die Seele aus dem Leib, es ist der Angstschweiß der Lehrerin, den man riecht und es ist Zach Taylor, der uns erzählt, was er empfindet, was er riecht und was er hört. Es ist ein Kind, das zu uns spricht und die Schüsse zählt, die in der Schule fallen.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„PLOP – 19 PLOP – 20 PLOP – 21″

Alles war heiß und feucht und stank so schlimm,
dass mir ganz schwindlig wurde. Mein Bauch fühlte
sich nicht gut an. Und dann war plötzlich alles still.
Keine PLOPs mehr.
Nur noch das Weinen und Hicksen im Wandschrank…“

Es ist Zach, der uns erzählt, wie die Rettung abläuft, nachdem die Polizei den Täter mit hunderten von PLOPs ausgeschaltet hatte. Es ist Zach, der mit seinen Mitschülern über die Flure der Schule geführt wird, um gemeinsam mit den restlichen Überlebenden in der kleinen Kirche der Schule auf die Eltern zu warten. Es ist ein Sechsjähriger, der aus den Augenwinkeln das Blut an den Wänden, die leblosen Körper, die Polizisten mit Funkgeräten und die Einsatzfahrzeuge wahrnimmt. Er ist es, der das endlose Warten in der Kirche beschreibt. Die Ängste, die Panik und den Moment, in dem die ersten Eltern eintreffen und nach ihren Kindern rufen. Er ist es, der seine Mutter erkennt und sich ein wenig schämt, dass sie mit dem Schrei „Mein Baby“ auf ihn zustürmt. Und zuletzt ist es Zach Taylor, dem der nächste Schock den Atmen nimmt, als er ihre Frage hört.

„Zach, wo ist dein Bruder? Zach, wo ist Andy? Wo hat er sich hingesetzt?“

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„Only Child“ lautet der Originaltitel des Romans. „Einzelkind“. Hier schlägt er mit voller Wucht zu. In dem Moment, der zum ersten Ruhepunkt der Schilderung wird, dem wir die erste Atempause verdanken, weil es ist „Alles still auf einmal“, dieser Moment verändert das Leben der Taylors für immer. Er macht aus Zach ein Einzelkind und aus seinen Eltern Opfer, die den Tod seines Bruders zu verkraften haben. Andy Taylor. 10 Jahre alt. Erschossen. Rhiannon Navin lässt uns keine Atempause. Sie irrt mit uns und Zachs Eltern durch die Nacht, sucht in den Krankenhäusern nach dem vermissten Kind und bricht mit uns zusammen, als uns die Nachricht seines Todes überbracht wird. Wir erleben das Drama aus den Augen von Zach, mit seinen Worten und beobachten seine Mutter, die kollabiert und den Vater, der apathisch neben sich zu stehen scheint.

Sprachlich entwickelt Rhiannon Navin eine kindlich überzeugende Wucht, die uns mit ihren Bildern gleichermaßen berührt, wie bestürzt:

„… Wir warteten, und ich schaute zu, wie aus dem Beutel Wassertropfen in die Plastikschnur tropften und dann runter bis in Mommys Arm. Sie sahen aus wie Regentropfen oder wie herunterlaufende Tränen, und es war, als ob der Beutel Mommy all die Tränen zurückgibt, die sie vorher geweint hat. Nur, dass jetzt der Beutel weinte.“

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Es ist, bei aller Dramatik, pure literarische Magie, die wir der Sichtweise von Zach Taylor entnehmen können. Es ist die naive Sicht auf eine zerstörte Welt, die sich hier Raum verschafft und es ist die Gedankenwelt eines Kindes, die die Geschichte in neue Bahnen lenkt. Denn Zach Taylor denkt und spricht die Wahrheit. Er empfindet den Tod seines Bruders als Erleichterung. Der „Arschloch-Bruder“ ist nicht mehr da. Der Junge, der die ganze Familie terrorisierte, der in psychologischer Behandlung war dessen Wut nur medikamentös zu bändigen war. Nur Zach sieht diese Wahrheit und verbindet mit dem Tod seines Bruders nur das Positive und Egoistische seines Lebens.

“… Ich fing an drüber nachzudenken, wie es ohne Andy sein würde… Zu Hause würde es besser werden. Es würde keinen Streit mehr geben, und ich würde das einzige Kind in der Familie sein, sodass Mommy und Daddy viel mehr Sachen mit mir alleine machen konnten.“ 

Dieser Schrei nach Aufmerksamkeit ist altersgerecht. Er ist aufrichtig und plausibel. Das zeichnet diese Perspektive aus. Sie darf schonungslos die Wahrheit sagen, darf im Augenblick der Trauerrede für den eigenen Bruder die Lügen erkennen, die nun erzählt werden. Sie darf aufdecken, was Erwachsene verbergen. Der Schein ersetzt den toten Bruder. Ein Ideal, gegen das Zach erst recht nicht mehr ankämpfen kann. Hier beginnt Rhiannon Navin, die Spirale des Traumas immer enger zu drehen. Alle Automatismen von Verlust und Trauer beginnen alle zu zermürben. Zachs Mutter tritt einen medialen Rachefeldzug gegen die Eltern des Täters los, den Zach ihr niemals zugetraut hätte. In den Gedanken seiner Eltern ist kaum Platz für ihn, den überlebenden Sohn. Hass und Rache breiten sich im Herzen der Mutter aus. Ratlosigkeit lähmt den Vater.

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin - AstroLibrium

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Ein lesenswerter Roman mit beeindruckenden Wendungen. Bilder von Farben mit denen Zack seine Gemütslage beschreibt, von Wandschränken, die Zufluchtsorte sind und von Konflikten, die zur Trennung der Eltern führen, bestimmen den Erzählraum, in dem wir bis zum Ende gefangen sind. Und es ist nur das kindliche Gemüt, das noch in der Lage sein kann, ein Wunder zu bewirken. Kinder können die Welt verändern. Es ist Zach, der zu einer Mission aufbricht, die nicht alles heilen kann… Und doch verändert sie die Zukunft. Grandios konstruiert. Geradlinig und authentisch erzählt. Zach Taylor aus „Alles still auf einmal“ und Jack Newsome aus „Raum“ haben viel zu erzählen. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören.

Eine Frage bleibt. Die Frage nach Haltung in Romanen. Ich hätte der Geschichte in einer Beziehung mehr Haltung gewünscht. Der Rachefeldzug der Mutter gegen Eltern eines Täters wirkt nachvollziehbar. Einen Amoklauf den USA jedoch fast völlig von den lockeren Waffengesetzen und dem ungehinderten Zugang, selbst labiler Menschen, zu halbautomatischen Waffen zu trennen erscheint wenig mutig. Hier hätte die Autorin mit deutlichen Positionierungen ein heißes Eisen anfassen können, ja sogar müssen. Dem brandaktuellen Thema, das immer dann im Vordergrund steht, wenn Schüsse Schulen, Synagogen, Open-Air-Konzertbühnen oder andere öffentliche Orte durchsieben hat sie nur zwei Sätze gewidmet. Nebensätze. Das war mir zu wenig.

Fazit: Starkes Romandebüt mit leichtem Haltungsschaden….

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin - AstroLibrium

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„Alles still auf einmal“ / Rhiannon Navin / dtv premium / 384 Seiten / Deutsch von Britta Mümmler / broschiert / 15,90 Euro

 

„Darktown“ von Thomas Mullen

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

RassisMuster in der Literatur zu erkennen, gehört zu den nachhaltigen Missionen der kleinen literarischen Sternwarte. Von James Baldwin bis zu Harper Lee habe ich mich auf der Hauptroute meines Lesens immer wieder auf die Abwege begeben, die es mir ermöglichen, der Geschichte des Rassismus auf die Spur zu kommen. Ich habe mir Bücher ausgesucht, die der Benachteiligung und Verfolgung afroamerikanischer Bürger in den USA Raum geben. Ich habe mich durch die Zeitscheiben nach der Abschaffung der Sklaverei gelesen, bin Schriftstellern und Schriftstellerinnen mit ihren Protagonisten durch eine Welt gefolgt, die sich nur kaum verändert hat. Black Lives Matter. Noch nie war eine Bewegung der heutigen Zeit so sehr in der Geschichte verhaftet. Nie zuvor ist es so zwingend notwendig gewesen, die Ursachen zu kennen, um die Symptome eines Rassismus wahrzunehmen, der heute noch allgegenwärtig ist.

Eine Lise der relevanten Bücher finden Sie am Ende dieses Artikels. Ich kann Sie nur herzlich einladen, diesem Leseweg zu folgen, weil er dem Schwarzweißdenken ein Ende setzen kann. Bisher jedoch bin ich zumeist den Opfern der Ausgrenzung gefolgt. Bisher las ich viel über die Schicksale der Justizopfer. Ich folgte Menschen, die in guter Tradition der amerikanischen Sklaverei bis zum heutigen Tag von der Exekutive anders behandelt werden, als der weiße Teil der Bevölkerung. Erschreckend, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Heute jedoch wechsle ich die Seite. Ich folge im guten Glauben an eine bessere Welt einer bahnbrechenden Entwicklung im Süden der USA. Wir befinden uns in Georgia. In Atlanta und damit mittendrin in DARKTOWN, dem von Schwarzen bewohnten Stadtteil der Stadt. Wir befinden uns im Jahr 1948 und alles ist anders, als es jemals zuvor war.

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Darktown von Thomas Mullen

Die ersten „Negroe-Officers“ des Atlanta-Police-Departments haben ihren Dienst angetreten. Acht schwarze Polizisten, die nun ihren Dienst in den Straßen einer Stadt verrichten, die zutiefst im Denken des alten amerikanischen Südens verhaftet ist. Hier bin ich auf der Spur eines Meilensteins der Gleichberechtigung. Endlich Bewegung im System. Endlich ist das Ende der Ausgrenzung absehbar. Hoffnungsvoll beginne ich im Roman „DARKTOWN“ von Thomas Mullen mein Lesen und Hören. Hoffnungsvoll lerne ich die acht Polizisten kennen, die für den schwarzen Bevölkerungsanteil der Stadt wie absolute Heilsbringer wirken mussten. Ende der Willkür. Ende der Angst vor der Polizei und ihrer Allmacht. Endlich ein Fortschritt. Doch schon nach wenigen Zeilen bin ich fast am Ende aller Hoffnung angelangt.

Thomas Mullen hat sich tief in die Geschichte dieser Cops hineinrecherchiert. Er beschreibt die Situation in Atlanta, die zur Gründung dieser Einheit führte und dann ist auch schon Schluss mit Gleichberechtigung. Selten zuvor war Ausgrenzung so greifbar und im wahrsten Sinne des Wortes ungerecht. Schnell wird klar, dass diese Polizisten nur als hohles Zugeständnis an die plötzlich wahlberechtigten dunkelhäutigen Bürger in Atlanta gesehen werden können. Ihre Befugnisse sind gleich null. Sie tragen Uniform in Darktown. Mehr nicht. Es ist ihnen verboten zu ermitteln, es ist ihnen verboten, weißen Mitbürgern Grenzen aufzuzeigen, auch wenn diese das Gesetz übertreten. Es ist ihnen verboten das Polizeipräsidium zu betreten. Sie sind Staffage einer Exekutive, die keine Negroe-Officer duldet. Ihre Vorgesetzten sind Rassisten. Ihre weißen Kollegen spotten über sie und betrachten sie als reine Lachnummer. Im Falle echter Verbrechen dürfen sie allenfalls ihre weißen Kollegen informieren, die dann mit aller Macht des Gesetzes eingreifen.

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

Thomas Mullen verankert in dieser historisch verbrieften Ausgangssituation eine Story, die eine Gratwanderung zwischen den Grenzen der Hautfarben ist. Er wirft die schwarzen Polizisten in ein Gefecht, das sie nicht gewinnen können. Er reibt sie auf und konfrontiert sie mit der Wirklichkeit des Lebens als absolut zahnlose Gesetzeshüter in einer Stadt, in der die Kriminalität ausufert. Der Mord an einer jungen dunkelhäutigen Frau wirft Fragen auf. Zuletzt wurde sie mit einem Weißen gesehen. Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei farbige Polizisten aus Darktown sind die Letzten, die das Mädchen lebend gesehen habe. Doch niemand interessiert sich für den Mord. Niemand ermittelt. Das Schicksal der farbigen Toten ist der Justiz keine Mühe wert. Die beiden Polizisten überschreiten ihre Kompetenzen und beginnen mit der Jagd nach dem Mörder. Es sind mühsame Ermittlungen gegen einen Feind von außen und gegen die eigenen Kollegen. Natürlich diejenigen mit weißer Hautfarbe. 

„Darktown“ überzeugt mit seinen Perspektivwechseln und der Dynamik, mit der uns die unglaubliche Geschichte überrollt. Wir erleben die abstruse Situation, in der sich farbige Polizisten quasi illegal mit Ermittlungen beschäftigen. Wir erleben, wie sehr sie dabei selbst der Willkür ausgesetzt sind und wie hilflos sie mit anschauen müssen, wie dass Unrecht weite Kreise zieht. Ein schwarzes Leben ist nichts wert. Es zählt nicht und so geraten die beiden Negroe-Officer in ein zähes Gefecht, in dem sie nicht ahnen wo ihre wahren Gegner sitzen. Einzig ein weißer Polizist erkennt die Ungerechtigkeit in den eigenen Reihen. Einzig ein Kollege wagt es, sich zu verbünden. Hier verschwimmt das starre Gefüge der Rassentrennung. Hier wird aus der Geschichte ein Lehrstück für Loyalität, Gleichbehandlung und Rechtsempfinden. Eine Story, die nicht mehr loslässt, wenn man einmal im Leben seinen Fuß in DARKTOWN auf die Straße gesetzt hat.

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Darktown von Thomas Mullen

David Nathan gibt „DARKTOWN“ in der Hörbuchproduktion aus dem Hause Der Audio Verlag seine Stimme. 14 Stunden lang dürfen wir ihm durch die Straßen einer Stadt folgen, die sich als lebensgefährlich für schwarze Bürger erweisen. Nathan bleibt sachlich. Er hält sich zurück. Er erzählt wie ein Chronist und schildert die Fakten, wie in einem Sachbuch. Das passt an den Stellen, an denen es gilt, Fakten zu vermitteln. Hier nimmt er den Tonfall von Thomas Mullen auf und schildert, erklärt und erläutert. Als das Ausmaß der Ungerechtigkeit die Überhand gewinnt, geht der Sprecher aus sich heraus. Er scheint wechselweise zu im- und zu explodieren. Monologe werden zu emotionalen Anklagen, Verhöre zu Gewaltorgien, Gedanken zu Fackeln des inneren Aufruhrs. Hier steigert David Nathan sich und uns in einen Kriminalfall hinein, der so viel mehr ist, als nur die Geschichte eines Mordes.

„DARKTOWN“ – erschienen im DuMont Buchverlag – ist Anklageschrift und auch Plädoyer zugleich. RassisMuster treten offen zutage. Gerade die Rollenverteilung hat hier unglaubliche Sprengkraft. Je näher die Negroe-Officer dem Kern des Verbrechens kommen, umso gefährlicher wird die Geschichte für sie. Die Ungerechtigkeit ist spürbar wie selten zuvor in einem Buch über die Benachteiligung von Menschen, die zur Unzeit mit der „falschen“ Hautfarbe am falschen Ort sind. Man muss diese Geschichte kennen, um die Automatismen zu verstehen, die auch heute noch dafür ausschlaggebend sind, dass dunkelhäutige Bürger in den USA bei Polizeikontrollen Angstschweiß auf der Stirn bekommen. Ta-Nehesi Coates hat das eindrucksvoll beschrieben. Black Lives Matter steht sinnbildlich für die immer noch vorherrschende Angst. Laufen Sie doch Streife im Herzen von Atlanta, Georgia. Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären ein Negroe-Officer. Hoffnung einer ganzen Generation. Silberstreif am Horizont der Rassentrennung. Und dann gehen Sie einen Schritt weiter… Lassen Sie sich das Wort Menschenwürde ganz genüsslich auf der Zunge zergehen. Ein grandioses Buch. Ein relevantes Buch.

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

Hier die Liste meiner relevanten Bücher gegen den Rassismus:

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter
Mercy Seat von Elizabeth Winthrop
Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates
Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves
Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
Von dieser Welt und Beale Street Blues von James Baldwin
Mudbound – Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
Lincoln im Bardo von George Saunders
John F. Kennedy – Zeit zu handeln – Ein Bilderbuch von Shana Corey
Nach der Flut das Feuer – James Baldwin

Und nicht zuletzt meine Selbstbetrachtung: Warum ich kein Rassist bin

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Darktown von Thomas Mullen