Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Olive Schreiner - Die Geschichte einer afrikanischen Farm - Astrolibrium

Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Er kommt so harmlos und idyllisch daher, dieser Roman. Er spricht uns bereits in den Momenten an, in denen wir ihn betrachten, berühren und ganz plötzlich von ihm in Assoziationen verwickelt werden, die sich ausbreiten, wie ein Flächenbrand. Es ist der Titel dieses Buches, der uns träumen lässt. Es ist der Titel, der Erinnerungen an einen Roman weckt, der zum Lebenswegbegleiter und Wegweiser in unserem Lesen wurde. Es sind Bilder, die wir sehen, ohne auch nur eine einzige Zeile gelesen zu haben. „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner lässt uns sofort an einen Roman denken, der so autobiografisch und authentisch war, wie man es sich wünscht. Ein Buch, das mit einem emotionalen Satz beginnt, den wohl jeder Buchliebhaber dem Werk zuordnen kann, zu dem er gehört. „Ich hatte eine Farm in Afrika„.

Es war Tania Blixen, die uns in ihre afrikanische Welt entführte. Sie beschrieb ein Land im Würgegriff der Kolonisatoren, erlebte die Unterdrückung der Einheimischen und wurde selbst zum Teil eines Systems, das auf Ausbeutung ausgerichtet war. Aber sie lernte und setzte sich ein, korrigierte die vorherrschenden Bilder von ungebildeten und naiven Schwarzen, lehnte sich auf und verließ die Farm, um in der fernen Heimat über ihre Zeit auf dem geheimnisvollen Kontinent zu schreiben. „Jenseits von Afrika“ wurde zum Synonym für starke Literatur starker Frauen, die ihrem Rollenbild zu einer Zeit den Rücken kehrten, in der ihnen sogar der Zutritt zu den Clubs der feinen Herren verwehrt wurde. Ich schrieb viel über Tania Blixen. Ihr verdanke ich meine Idee, eine ganze Artikelreihe unter der Überschrift „Ich hatte einen Blog in Afrika“ zu schreiben. Hier, am Fuße der Ngong-Berge begann meine Auseinandersetzung mit jener fatalen Unterdrückung, dem Rassismus und der Apartheid auf dem damals dunklen Kontinent.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Natürlich war mir klar, dass ich in Olive Schreiners Roman keine Spuren jener Farm finden würde, an die ich mich im Titel erinnert fühlte. Was mich umso mehr reizte, mir dieses Buch genauer anzuschauen, war die Zeitepoche, in der es angesiedelt ist. Weit vor den ersten Spuren einer Tania Blixen, die von 1914 an mehr als 17 Jahre in Kenia lebte, erleben wir hier die Kapkolonie Karoo, die wir als das heutige Südafrika kennen. Hier hatten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Buren bereits etabliert und ihre Kolonisation von Teilen Afrikas als abgeschlossen betrachtet. Sie sahen sich nicht als Kolonialherren. Nein, sie gingen so perfide vor, dass sie sich aufgrund der Zeit, in der sie sich hier breitgemacht hatten, als Einheimische betrachteten. Die Minderheit hatte sich über die Mehrheit der Ureinwohner erhoben und sprach nun von ihrem Land. Der Machtanspruch war total.

Fast so total, wie die Macht, die Tant` Sannie für ihre Farm beansprucht. Sie hat hier die Hosen an, sie ist reich und umworben und ihr Besitz ist so weitläufig, wie es ihr Körperumfang vermuten lässt. Hier, auf der afrikanischen Farm, siedelt Olive Schreiner ihre Geschichte an. Wir lernen Sannies Stieftochter Em kennen, die dieser im Umfang in nichts nachsteht und freunden uns mit Sannies Nichte Lyndall an, einer Waise, die sich im Verlauf des Romans zur eigentlichen Hauptfigur mausert. Diesen Frauen steht eine ambivalente Männerwelt aus Verwaltern und Freiern gegenüber. Sie sind begehrt und stehen im Mittelpunkt des Interesses. Als ein gewisser Bonaparte Blenkins in der korpulenten Sannie das perfekte Opfer für seine unehrenvollen Absichten sieht, macht er der Besitzerin des Hofes den Hof und bringt alles durcheinander. Das bekommt der deutsche Aufseher Otto als erster zu spüren. Die treue Seele der Farm wird plötzlich zum Ziel der manipulativen Angriffe des Neuankömmlings. Als sich auch noch Sannie dazu verleiten lässt, ihren Aufseher zu schikanieren, bricht die Welt für ihn und seinen Sohn Waldo in sich zusammen.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Dieses Setting aus Reichtum, Brautwerbung und Betrug steckt den Rahmen der Handlung ab, in dem sich die beiden Mädchen Em und Lyndall kaum entfalten können. Dabei könnte alles so harmonisch sein. In Waldo finden sie nicht nur einen aufrechten Freund, sondern einen jungen Mann, dessen Tiefgang und Lebensfreude ihn zu mehr machen würde, wenn es die Umstände auf der Farm nur möglich machen würden. Als sich die Willkür auf Waldo ausweitet, stehen die Zeichen auf Trennung. Das Herz reißt in diesen Momenten der Ungerechtigkeit. Die Wege der beiden Mädchen trennen sich und finden nie wieder zusammen. Waldo verlässt die Farm. Jeder Schritt fühlt sich an, wie ein schmerzhafter Abgesang. Gerade in der aufflammenden Liebe für Lyndall hätte so viel Potenzial gelegen. Nicht nur für den jungen Waldo. Und so beginnt langsam der Abgesang auf die Menschen der Farm, die man als Leser liebgewonnen hatte.

Ein dramatischer und tragischer Roman in einem Szenario, das uns fesselt. Was sich hier auf den ersten Blick wie ein einfach konstruierter Roman anfühlt, weist für die Zeit seiner Veröffentlichung allerdings Charakteristika auf, die überraschend sind. Wir erleben in Lyndall eine zusehends selbstbestimmte Frau, die ihre Rolle selbst definiert und ihren Platz im Leben sucht. Wenn sie sagt, dass sie keinen Mann kennt, der sich ein Leben als Frau vorstellen kann und, wenn sie von der Benachteiligung der Frauen von Geburt an spricht, dann ahnt man, welche Sprengkraft in dem 1883 erschienenen Roman verborgen ist. Emanzipation war das nicht nur literarische Nogo dieser Zeit. In Lyndall jedoch zeigen sich erste Spurenelemente späterer Suffragetten. Hier wird klar, warum Olive Schreiner das männliche Pseudonym Ralph Iron verwendete, damit ihr Buch überhaupt veröffentlicht werden konnte. Eine skandalöse Geschichte.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Hier lohnt sich der Blick von Kate auf diesen Roman. Wie sieht die moderne Frau von heute diesen emanzipatorischen Aspekt der Geschichte? Wie empfindet sie diese Annäherung an ein Afrika, das sie selbst erlebte und liebt? Und nicht zuletzt, was sagt eine bekennende Blixen-Liebhaberin zu dieser afrikanischen Farm? Ihr KateView

Eine afrikanische Farm - KateView - Astrolibrium

Eine afrikanische Farm – KateView

Ich hatte eine Farm in Afrika… Ach nein, das war ein anderes Buch. Mein Lieblingsbuch. Mein Lebensbuch. Würde Olive Schreiner da mithalten können?

Zumindest schaffte sie es leicht mit ihren lebendigen Worten die Bilder meines Afrikas vor meine Augen zu rufen. Ich fühlte, roch, sah und hörte mit den eindrücklich gezeichneten Figuren, lernte Em, Lyndall, Waldo kennen und mögen. Ich litt, lachte und weinte mit ihnen. Und dann plötzlich lag die Farm hinter uns. Und alles veränderte sich. Lyndall erschien wieder auf der Bildfläche und schien völlig aus der Zeit gefallen. Was uns heute so normal erscheint, passte in die damalige Zeit so überhaupt nicht hinein.

Als ob sich ein Schwan in einen Ententeich verirrt hat oder ein Schmetterling zwischen Raupen. Und so nahm die Tragik ihren Lauf, denn wo das enden würde, ja musste, legten die Umstände ganz klar fest. „Es muss ein Jenseits geben, weil wir uns nicht vorstellen können, dass unser Leben einmal zu Ende geht.“ Wenn einer gegangen ist, kann der Andere nicht mehr sein. Und der Letzte bleibt zurück.

Auch wenn es kein Blixen ist, lasen wir hier ein packendes Buch. Liebe, Emanzipation, Glaube, all das finden wir in diesem Buch, Sprengkraft zwischen den Zeilen sozusagen. Und durchaus lesenswert.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Ein kritisches Wort zum Schluss. Olive Schreiner verwendet Begriffe, die man heute nicht mehr gerne in Romanen lesen würde. Wenn sie rassistische und diskriminierende Bezeichnungen für die schwarze Bevölkerung, wie Kaffir, Nigger oder Hottentot wählt, die auch in der vorliegenden Neuübersetzung von Viola Siegemund verblieben sind, hat dies einzig den Grund, das Machtgefüge in der Kapkolonie Karoo zu verdeutlichen. Wir dürfen diese Begriffe nicht weichspülen, weil dadurch der Charakter dieser rassistisch untermauerten Weltsicht verändert würde. Für mich jedoch sollte man dies nicht in der editorischen Notiz im Nachwort hervorheben. Hier, und genau hier, muss man sich im Vorwort an den Leser wenden und die Begrifflichkeiten in die heutige Unsäglichkeit im Kontext unserer Zeit einordnen. Und wenn ich schon beim Nachwort bin, nein, ich halte das Nachwort aus der Feder von Doris Lessing für eher ungeeignet für einen Roman, der in seinen Begrifflichkeiten nicht mehr zeitgemäß wirkt.

Ihr Nachwort stammt aus dem Jahr 1968 und ist deutlich in die Tage gekommen. Gerade in Bezug auf die wichtigen emanzipatorischen und damit zeitgemäßen Aspekte des Romans wäre es wünschenswert gewesen, hier ein aktuelles Nachwort zu wählen. Und in einem wichtigen Kernargument widerspreche ich Doris Lessing deutlich:

„Dann musste ich einsehen, dass, wenn man nach den Regeln verfährt, denen wir jedes Jahr tausend gute, wenn auch belanglose Bücher verdanken, wenn wir ihn also an seinen Figuren und seiner Handlung messen,… „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ kein guter Roman ist…“

Ich widerspreche deutlich, oder neudeutsch gesagt: Hier macht der Rezensent von seinem Remonstrationsrecht gegen ein Nachwort Gebrauch!

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

P.S. Auch bei Constanze lese ich auf Zeichen & Zeiten diesen Widerspruch heraus.

Hard Land von Benedict Wells

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Da schreibt ein literarischer Jungspund über meine Achtziger Jahre. Da schreibt ein Autor, der in dieser für mich wegweisenden Zeit zur Welt kam über die Gefühle von Heranwachsenden und legt einen Coming-of-Age-Roman vor, der mich im Kern meiner eigenen Erinnerungen berühren und treffen sollte. Er, der 1984 geborene Schriftsteller Benedict Wells, wagt sich in eine Welt vor, die er nicht erlebt hat und die er eigentlich nur aus Filmen und vom Hörensagen kennt. Er möchte mir etwas erzählen, das sich in meiner Seele bis heute festgebrannt hat. Eine Zeit, in der man seine wenigen Freunde noch tatsächlich treffen musste, um etwas Gemeinsames zu erleben. Eine Zeitscheibe mit fest montierten Wandtelefonen und den eigenen Eltern als ständige Mithörer. Eine Zeit der atemlosen Musikaufnahmen mit einem Radiorecorder, Musikkassetten, die ich mit meinem Bleistift zu entwirren hatte und eine Zeit, in der das Internet noch Science Fiction war. Die Zeit von Bruce Springsteen, die Zeit der großen Festivals und die Zeit, in der ich mich in der Eifel so oft am falschen Platz gefühlt habe. Am Arsch der Welt.

Von dieser Zeit möchte er mir erzählen? In seinem neuen Roman Hard Land, der gerade das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Er, der Jungspund. Mir, dem alten Hasen. Klingt jetzt so, als würde ich ihm das nicht zutrauen. Weit gefehlt, denn hier wagt sich ein literarisches Schwergewicht an ein Thema, dessen Exklusivrechte ich eigentlich für mich reserviert hatte. Zumindest in meinen Erinnerungen. Ich hatte die Befürchtung, in seinem Roman an eine Stimmung erinnert zu werden, die ich vielleicht zum Schutz vor den Geistern von einst ein wenig verdrängt hatte. Die eigene Unsicherheit, das eigene schüchterne Ich auf der Suche nach der großen Liebe und die Fehler, die ich damals schon fast zwangsläufig begehen musste, um erwachsen zu werden. Ich wusste schon vor dem Lesen, dass es eher ein Wagnis für mich war, sein „Hard Land“ zu betreten. In Sachen Wells bin ich nämlich ein emotional gebranntes Kind. Seine Romane „Vom Ende der Einsamkeit“ und „Becks letzter Sommer“ haben mich verändert und mein Lesen beeinflusst. Nachhaltig. Und es sollte erneut so kommen…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Willkommen in Grady, Missouri. Herzlich willkommen im Jahr 1984 und willkommen in einer Stimmungslage, die für einen kleinen Ort in dieser Zeit schon fast typisch ist. Ein Diner, ein altes Kino und ein paar Jugendliche, die sich auf ihrem Weg in eine Zukunft nach der Schule auf den Abschied aus der Heimat vorbereiten. Wirtschaftlich befindet sich das Land im Stillstand und die Hymnen von Bruce Springsteen, U2 und Billy Idol klingen mehr nach Abgesang, als nach Aufbruch. Willkommen auch im Gefühl und im Denken von Sam Turner, der uns mit auf die emotionale Reise in den Sommer seines Lebens nimmt. Für ihn stehen die Zeichen nicht auf Abschied. Mit seinen 15 Jahren ist es sicher, dass Grady auch weiterhin sein Lebensmittelpunkt bleiben wird. Und doch ist es genau jener Sommer, der alles verändert. Seine Mutter stirbt, seine Schwester Jean hat schon lange den Absprung in die Welt jenseits von Grady geschafft und das Leben mit dem Vater gleicht dem Leben auf einer trostlosen Insel. Und mittendrin ein unsicher vor sich hin lebender Junge, der nach dem Sinn seines Lebens sucht.

Nur in Sam Turner schreit alles nach Aufbruch. Nur in ihm regt sich der Widerstand gegen die Trostlosigkeit von Grady. Er verändert sich und damit alles. Es ist der Job im Kino, der ihn aus der Tristesse katapultiert, es sind die ersten richtigen Freunde, die er dort findet, und last but not least ist es ein Mädchen namens Kirstie Andretti, das sich zur ersten großen Liebe seines Lebens mausert. Benedict Wells findet schon auf den ersten Seiten seines Romans den richtigen Sound für eine Zeit, die sich in Melancholie aufzulösen schien. Weltschmerz, Perspektivlosigkeit und Abschied hängen in der Luft. Er findet auch den richtigen Sound in der Stimme von Sam Turner, der uns mit seiner Schüchternheit und Unsicherheit für sich einnimmt. Es ist die unverfälschte und extrem authentische Perspektive eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die in ihm zu einer großen Geschichte wächst. Es sind seine Worte, die sich festsaugen und sich in der Folge nicht mehr von unserem Leseerlebnis lösen wollen.

„Wenn die First Base Küssen war und der Home Run Sex,
dann saß ich noch in der Umkleidekabine und band meine Schuhe.“  

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Hard Land von Benedict Wells

Benedict Wells erzählt, wie sehr Sam um die Freundschaft zu den Menschen kämpft, die Grady bald verlassen werden. Er nimmt uns mit ins alte Kino und lässt und erleben, wie aus dem wenig akzeptierten Jungen das Herzstück dieser kleinen Clique wird. Wir trauern mit ihm um seine Mutter, um viele Chancen und Träume. Darum, dass auch die Freundschaften, die er jetzt gerade schließt, endlich sind. Nach diesem Sommer bleibt nur er zurück. Universitäten rufen nach Kirstie, Cameron und Hightower. Und ich habe keine Chance, mich nicht mit Sam in dieses magische Mädchen zu verlieben. Sie allein steht für jede Verheißung des Sommers. Sie ist der Lichtblick im Dunkel. Sie ist es, die Sam Turner erweckt. Kirstie verkörpert alle Hoffnung, tiefe Zweifel und jedes denkbare Gefühl. Sich in sie zu verlieben ist wie im Treibsand zu versinken. Unnahbar, vergeben und dann wieder im strahlenden Schein ihrer Persönlichkeit steht sie für die verzweifelt und unglücklich scheinende Liebe. Ihre Worte elektrisieren Sam.

„Ich zähle jetzt langsam von zehn runter, und bei null bist du in mich verliebt.
Du hast keine Chance, es ist ein Zauber, und es dauert nur zehn Sekunden.“ 

Es ist die Magie dieser Menschen, die uns Benedict Wells in die Herzen schreibt. Es ist der Zauber von Grady, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist eine Emotion, die er nicht beschreibt, nicht erzählt und nicht formuliert. Er lässt sie einfach entstehen und in uns wachsen. Das ist Literatur. Nicht zu schreiben, dass jemand traurig ist. Die Leser fühlen lassen, was mit den Menschen passiert, wie sie verändert werden. Wenn es Empathie erzeugendes Schreiben gibt, dann hier. Es sind die vielen Facetten eines Romans über den längsten Sommer im Leben eines jungen Menschen, die mich schon früh im Buch gefesselt haben. Es sind 49 Geheimnisse, die der Überlieferung zufolge in Grady zu entdecken sind. Es sind nicht zufällig 49 Kapitel, die sich Benedict Wells gönnt, um uns mit „Hard Land“ zu vereinen. Es ist die tiefe Poesie seiner Geschichte, die man einatmet und miterlebt.

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Ich erlebte eine Art von bipolarem Lesen in diesem Roman. Ich wollte der Handlung folgen, wurde jedoch immer wieder in meine Erinnerungen getrieben, um mich an einer Geschichte zu reiben, die Reibungsverluste erzeugt. Der erste Kuss. Die erste trunkene Schwerelosigkeit. Die Verzweiflung angesichts bevorstehender Trennungen. All dies war Teil meines Aufenthalts in Grady, untermalt vom Soundtrack eines Romans, der sich im Herzen verankert, wie die eigene Jugend. Benedict Wells erzählt nicht nur. Er spiegelt eigene Hoffnungen, Träume und Wünsche in seinen Lesern. Sein längster Sommer ist unser längster Sommer. Seine Unsicherheit wird zu der von Sam Turner. Er nimmt uns mit auf eine Reise ins „Hard Land„, die uns nicht unverändert entkommen lässt. Wenn er von der Heimat Grady schreibt, dann zupft er an den Saiten meiner Vergangenheit. Seine Worte erhalten durch unser eigenes Erinnern eine literarische Sprengkraft, der man schutzlos ausgeliefert ist.

„Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war. Ich meine, es ist in den letzten Jahren fast alles wahr geworden, was ich mir damals erträumt habe. Aber es war trotzdem nie so schön, wie davon zu träumen.“

Vertraut euch Benedict Wells an. Folgt ihm nach Missouri und lasst euch in einen Roman entführen, der seine Leser wie ein furioser Roadtrip durch die eigene Jugend fesselt. Man muss die 1980er nicht erlebt haben, um dieser Magie zu erliegen. Ja, man muss sie nicht selbst erlebt haben, um so darüber zu schreiben. Vielleicht ist es gerade die Distanz zu dieser realen Zeit, die es Benedict Wells ermöglicht hat, über Emotionen und die großen Fragezeichen im Leben zu schreiben. Mich hat er begeistert. Ich habe keine zehn Sekunden benötigt, mich in Kirstie Andretti zu verlieben. Ich habe mich vor dem 49. Kapitel in diesem Buch gefürchtet. Ich wollte das letzte Geheimnis von Grady nicht lüften. Vielleicht war sie genau hier wieder da. Meine Unsicherheit aus einer Zeit, in der sich das Erwachsenwerden noch so abstrakt anfühlte. Am Ende von allem danke ich gerade für dieses Schlusskapitel. Für jedes Wort… 

Und wer mir allein nicht glauben mag, so sieht´s aus, wenn eine Jungspundin den Jungspund liest. Der weibliche Blick aufs Buch in der Kategorie KateView:

Hard Land von Benedict Wells - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. JETZT.

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Selten hat mich bereits ein erster Satz so festgehalten – immer ein Zeichen, dass ich ein außergewöhnliches Buch in den Händen halte.

Vertrauensvoll ließ ich mich an die Hand nehmen, bereit, um mit Sam den Sommer seines Lebens zu erleben. Wir reisten gemeinsam in eine Zeit, die weder Benedict Wells noch ich erlebt haben. Und trotzdem SIND wir dort. Der Autor schafft es, dass wir Sam sind. Die Welt mit seinen Augen sehen, seine Gefühle fühlen, seine Gedanken denken, seine Ängste erleben. Jeden Augenblick des Lesens SIND wir in dieser euphancholischen Welt der wunderschönen Worte, der bemerkenswert treffenden Sätze und der ausdrucksstarken Bilder. Jeden Augenblick des Lesens WAREN wir in diesem Sommer – frei, jung, fast schon ein wenig kitschig – genau so muss es sich anfühlen. Sehnsüchtig auf die coolen Kids schauend, im Augenblick lebend.

All die Eindrücke, die warmen Steine des Bahndammes unter den nackten Füßen, der Nachhall des leise in der Ferne verschwindenden Güterzuges, das leise Sirren der Fahrradspeichen, der Geruch des Staubes in der Luft, das Gefühl des kalten Wassers des Badesees. All das war da, während ich mit Sam, Kirstie, Cameron und Hightower unterwegs war. All das, was ich selber nie erlebt habe, erlebte ich jetzt beim Lesen. In meiner eigenen Zeit war ich dafür nicht cool genug, jetzt durfte ich dabei sein.

Der Zauber des Erwachsenwerdens wird einem nicht bewusst, während man ihn selbst erlebt. Erst zurückblickend erkennt man die Dimensionen des eigenen Erlebens, des eigenen Erwachens und das, was einen zu einem selbst macht.

Und dann blicke ich zurück auf mein rappelvolles Leben und sage nur drei Worte:
„Gut gemacht, Benedict!“

Hard Land - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Mehr Informationen zuHard Land„, zu Benedict Wells, zu seinen Tourdaten und Hintergründen zum Roman findet ihr auf derHard-Land-Homepage„. Alleine schon der Trailer zum Buch ist sehenswert. Und jetzt, auf nach Grady mit euch.

In meinem Artikel zu Vom Ende der Einsamkeit findet ihr den Weg zum Interview mit Benedict Wells während der Leipziger Buchmesse 2016. Und im Artikel zu allen Radio-Talks in Leipzig ist eine Dia-Show dieses Gesprächs eingebaut. Er prägt meine Sehnsucht nach guten Geschichten bis heute. Die vorgestellten Neuerscheinungen des Frühjahrs stellen sich seiner literarischen Konkurrenz… Seht selbst…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells und mehr…

Update aus gutem Grund:

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt und habe zwei Bücher aneinander gerieben…

Hier kommt ihr zu einem Vergleich: Grady meets Klein Krebslow… 

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Die Marschallin von Zora de Buono

Die Marschallin von Zora de Buono - AstroLibrium

Die Marschallin von Zora de Buono

Mögt ihr klassische Musik? Besucht ihr gerne Konzerte mit großem Orchester? Liebt ihr es, in den Melodien einer Inszenierung zu versinken, einfach loszulassen und von einer anderen Welt zu träumen? Dann seid ihr hier genau richtig. Aber ich muss euch warnen. Die literarische Sinfonie, die ich euch heute vorstellen möchte, ist nicht für Freunde leichter Unterhaltungsmusik komponiert.Die Marschallin von Zora del Buono ist mit einem fulminanten Konzert in zwei Aufzügen zu vergleichen. Während die Erzählung im ersten Teil langsam und beschaulich zu fließen scheint, wie einst die Moldau von Smetana, in manchen Nebenarmen ab und an ins Stocken gerät und sich durch die weitverzweigte Geschichte einer slowenischen Familie mäandert, geraten wir im zweiten Teil nach einem einzigen Paukenschlag in die mitreißenden Stromschnellen einer turbulenten Jahrhundertgeschichte, die uns nicht mehr aus dem Strudel und dem Sog der Faszination entlässt, den sie verbreitet.

Wer den Konzertsaal, in dem „Die Marschallin“ ihren Marschallstab schwingt, im ersten Teil verlässt, verpasst ein Leseerlebnis der besonderen Art: Das Tempo einer Erzählung, das sich im Rhythmus eines Trommelfeuers in unsere Eingeweide hämmert und keine Chance mehr zur Flucht lässt. Wir verstehen den ersten Teil des Romans als wichtige Ouvertüre, ohne die eine Wildwasserfahrt nicht möglich wäre. Wir sehen, dass alle Protagonisten unter der Regie der Marschallin sorgsam eingeführt werden mussten, um im vollen orchestralen Klang einen Sturm entfalten zu können, in dem die Dirigentin wie eine Furie über ihre eigene Lebensgeschichte herfällt. Ein grandioser Roman, den man vielleicht mit dem Ende beginnen sollte. Ein Roman, dem man dieses Tempo nicht zugetraut hätte, nachdem die Verästelungen der Familiengeschichte dem Hauptstamm immer weiter zu entwachsen drohten. Ein Roman, der nur als Ganzes wirkt, weil er uns mit diesen beiden Tempi überrascht.

Die Marschallin von Zora de Buono - AstroLibrium

Die Marschallin von Zora de Buono

Die Autorin entführt uns in die Geschichte ihrer eigenen Familie. Sie spinnt ihren Erzählfaden vom Ersten Weltkrieg bis ins Jahr 1980, womit die Geschichte allerdings nicht enden wird, weil die Autorin selbst sie mit ihrem eigenen Schaffen fortsetzt. Es sind die Zoras, die diese generationsübergreifende Erzählung dominieren. Es ist die Hauptfigur Zora, die sich in ihrer Familie mühevoll freischwimmen muss. Eine starke Frau in unsicheren Zeiten. Eine stolze Slowenin, der in ihrem Leben eines fehlt. Eine klare nationale Identität. Egal, wo sie lebt, egal mit wem sie sich umgibt, die Grenzen der Toleranz gegenüber Menschen aus Slowenien sind eng gezogen. Da hilft es auch nichts, dass ihr Ehemann sie im italienischen Bari mit Luxus überschüttet, um ihr das Gefühl von Heimat zu vermitteln. Zora hat von ihrer Großmutter nicht nur den Namen geerbt. Sie ist eine Alleinherrscherin innerhalb der Familie und setzt alles daran, ihre Söhne durch die Wirren der Geschichte zu leiten.

Es ist eine Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Es ist die Zeit der politischen Demagogen und Diktatoren. Hier setzt Zora alles auf eine einzige Karte, engagiert sich im Kampf gegen Mussolini und glaubt daran, dass ein gewisser Josip Broz Tito seine Heimat vor dem Zugriff der konkurrierenden Machthaber bewahren kann. Ein riskantes Spiel. Für eine Frau in dieser Zeit noch gewagter. Den Diktatoren im Äußeren steht sie im Inneren des Familienverbandes in Nichts nach. Mit straffer Hand agitiert sie, wie die großen Ideologen. Schwiegertöchter haben sich einzureihen, sonst werden sie an den Rand gedrängt. Söhne haben ihr zu entsprechen, sonst droht Ungemach und ihr Mann hat sich damit abzufinden, wer hier die Hosen anhat. Was für eine Frau, was für böse Intrigen und welch bittere Niederschläge sie hinnehmen muss, bevor der Vulkan in ihr entgültig ausbricht. Und gegen ihn sind die Eruptionen des Ätna kleine Bebelchen.

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Die Marschallin von Zora de Buono

Es ist eine Geschichte von Ländern, von Rissen in der Geschichte und von Inseln, die ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen haben. Verbannten und Kriminellen dienen sie als Heimat. Diktatoren dienen sie als reines Machtinstrument. Es ist auch eine Geschichte solcher Inseln, der Zora nur ihre Familie als Insel entgegenzusetzen hat. Ist es eine slowenische, eine italienische oder jugoslawische Geschichte, der ich hier von 1919 bis 1980 folge? Formal ist es für mich eine deutsche Geschichte. Klingt komisch, aber ohne deutsches Gas im Ersten Weltkrieg, ohne deutsches Gedankengut zwischen den beiden Kriegen, ohne Nationalsozialisten, Deportationen und Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg wäre die Familie der del Buonos ja vielleicht einfach eine normale und glückliche Familie gewesen. Das jedoch sollte nicht sind. Davon zeugen die Toten, die Unglücklichen und Heimatlosen, die am Ende sprachlos dem finalen Monolog der Erzählerin zu folgen haben.

Dieser Monolog verändert alles. Er ist kein Sturm im Wasserglas. Die Marschallin gleicht in seiner Struktur einer chronologischen und sehr akribischen Buchführung, die eine Familiengeschichte mit all ihren Gewinnen und Verlusten dokumentiert. Als es dann zur Bilanz kommt, wird aus dem Bilanzlineal eines Lebens das Fallbeil der Generationen. Das Buch verliert seine Fassung, „Die Marschallin“ verliert ihre Fassung und der Leser wird von einem fulminanten Finale förmlich über den Haufen gerannt. So fühlt sich nur die ganz große Literatur an. Ich bin sehr dankbar, dieser Alleinherrscherin nicht alleine über den Weg gelaufen zu sein. Kate begleitet mich gerade durch solche Romane, in denen Frauenbilder zu den wahren Bestimmungsgrößen gehören. So auch hier. Es ist ihr Blick auf diesen Roman, der unter dem Motto KateView den finalen Monolog dieser Rezension darstellt. Vorsicht, jetzt kommt Tempo… es folgt die Schussfahrt.

Die Marschallin von Zora de Buono - AstroLibrium

Die Marschallin von Zora de Buono – KateView

Nachdem ich leider – oder auch nicht – völlig unmusikalisch bin,
muss ich mein Leseerlebnis mit anderen Bildern beschreiben.

Die Marschallin - KateView - Astrolibrium

Die Marschallin von Zora del Buono – KateView

„Die Marschallin“ gleicht für mich einer gelungenen Mountainbiketour.

Der erste Teil ist gemächlich, aber anstrengend. In langsamem Tempo geht es über viele Kurven den Berg hinauf. Zwischendurch braucht man Pausen, in einem Stück ließ sich das Buch nicht dahinlesen. Zu groß die unterschiedlichen Eindrücke, zu eigenständig die Geschichten der einzelnen Personen. Zu dem Zeitpunkt noch ungläubig, dass sich das Ganze zu einem Ganzen fügen wird, halten den Leser die wunderschönen Ausblicke in die Landschaft bei der Stange – in diesem Fall die traumhaft schönen Worte, mit denen die Autorin so meisterhaft umgehen kann. Von feinsinniger Opulenz ist die Rede, von hell leuchtenden Persönlichkeiten, von Vögelchen und Spätblüherinnen. Es wird über den Geschmack von Elektrizität philosophiert, man findet konziliante Distinktion, ein Volk von Schafen und ein gefallenes Mädchen. Dies alles und das Bewusstsein, dass man diesen Berg erklimmen muss, um in den Genuss der Abfahrt zu kommen, lässt einen durchhalten und der Autorin bis zum zweiten Teil folgen. Und dann.

Dann geht es unversehens hinab in einer wilden Fahrt, in atemberaubendem Tempo, nicht ahnend, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet und man liest und liest und liest und liest, bis man am Ende ist. Und dann sitzt man da, schwer atmend, mit weit aufgerissenen Augen, nicht fassen könnend, dass es vorbei ist. In seiner Gänze ist das Buch genau so notwendig. Während der fulminanten „Abfahrt“ erschließt sich jedes Detail des Anstiegs, es schließen sich die Kreise und alle losen Fäden finden ihren Platz in diesem großartigen Gemälde über eine außerordentliche Frau. Chapeau.

Die Marschallin von Zora de Buono - AstroLibrium

Die Marschallin von Zora de Buono

Wenn ein Roman an seinem Ende seine Widerhaken in eine andere Geschichte schlägt, dann könnte dies Grund genug sein, jener schicksalhaften Fügung zu folgen. „Die Marschallin“ berührt am Ende „Ulysses“ und James Joyce gleichermaßen. Ein Wink mit dem literarischen Zaunpfahl von Zora del Buono? Vielleicht ein Zeichen? Der rote Klotz ist ungelesen, ungewagt, nie getraut, oft nur angedacht. Bis jetzt! Danke für diesen Impuls, der sich nun nicht mehr unterdrücken lässt…

Eine weitere lesenswerte Rezension findet ihr bei: Constanze auf Zeichen & Zeiten!

Die Marschallin von Zora de Buono - AstroLibrium

Die Marschallin von Zora de Buono

CLORIS von Rye Curtis

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Eine berechtigte Frage, die sich die Forest Ranger in Montana stellen, als sie am Funkgerät immer nur das Wort „Cloris“ empfangen. Eigentlich sind es Tage wie immer in der Idylle der Bitterroot Mountains. Nicht viel los auf dem Außenposten in der Weite der Natur im Herzen von Montana. Wäre da nicht jener monotone Funkspruch. Cloris. Dabei ist das Wort gar kein Wort, es ist ein Name und der Funkspruch ist alles andere als monoton. Es ist ein Hilferuf der besonderen Art und die schlechte Verbindung sorgt dafür, dass man am anderen Ende immer nur dieses Wort hört. Cloris. Dass sich hier eine verzweifelte 72-jährige Texanerin in akuter Lebensgefahr befindet, dass sie einen Flugzeugabsturz über dem unwirtlichen Gebirgszug überlebt hatte und nun nach Hilfe ruft, erschließt sich den Rangern vorerst nicht.

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Wir Lesenden wissen mehr als die Forest Ranger in Montana. Rye Curtis macht uns in seinem literarischen Debüt-Roman „Cloris“ zu Augenzeugen des Absturzes. Er setzt uns in die kleine Maschine und lässt keine Fragen offen, mit wem wir da bis zum „Ende der Welt“ fliegen. Ein routinierter Pilot und ein älteres Ehepaar aus Texas, das sich hier eine kleine Hütte gemietet hatte, um die Landschaft zu genießen, fallen nach einem missglückten Manöver vom Himmel. Ein Absturz, den nur die Frau überlebt. Ihr Name: Cloris Waldtrip. Die tief religiöse ehemalige Lehrerin und Bibliothekarin bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Und doch beginnt ihr Überlebenskampf schon direkt nach dem harten Aufprall der Maschine.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis – AstroLibrium

Eigentlich sollten die Chancen auf Rettung nicht schlecht stehen. Ein Funkgerät, eine warme Jacke, ein paar Karamellbonbons und der unversehrte Schuh ihres toten Ehemanns, den Cloris als Trinkgefäß verwenden kann und eine Bibel sind jedoch die einzigen Utensilien, die sie aus dem Wrack retten kann. Der Rest ist Schweigen und Einsamkeit. Und wäre da nicht die andere Seite am Ende des Funksignals, alles wäre vielleicht viel schneller gegangen. Denn hier begegnen wir der abgehalfterten Rangerin Debra Lewis, die schon auf den ersten Seiten unseres Kennenlernens mehr Merlot in sich hineinkippt, als ich es je in meinem Leben bewerkstelligen könnte. Merlot pur und Merlot im Kaffee, Merlot in der Thermoskanne und direkt aus der Flasche. Es sind die ungünstigsten Voraussetzungen, mit einem Hilferuf genau bei Ranger Lewis zu landen.

Und doch lässt Rye Curtis seine Cloris nicht allein. Wie aus dem Nichts scheint sie Hilfe zu finden. Eine Nachricht „Gehen Sie flussabwärts“, ein plötzlich flackerndes und wärmendes Lagerfeuer, ein Kompass, eine Trinkflasche, ein Beil und weitere hilfreiche Gegenstände tauchen auf, als sie sich auf den Weg zurück in die Zivilisation macht. Es scheint ein Wunder zu sein, Folge ihres tiefen Glaubens und doch erkennt auch Cloris, dass diese Hilfe viel realer ist, als sie es sich jemals vorgestellt hat. Es ist ein maskierter Mann, der sie als Schutzengel begleitet. Doch warum gibt er sich nicht zu erkennen?

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Das klingt nach einem guten Roman mit viel Potenzial zum Pagetruner. Und doch macht es uns Rye Curtis nicht leicht mit seinem Debüt. Der junge texanische Autor hat einen Plan, dem er schreibend folgt. Er hat ein Ziel, dem wir durch die Wildnis Seite an Seite mit „Cloris“ entgegen streben. Die brillante Konstruktion des Romans entledigt uns von den grundlegenden Sorgen, ob die alte Dame letztlich überlebt. Sie selbst ist es, die ihre Geschichte mit einer zeitlichen Distanz von mehr als zwanzig Jahren erzählt. Es ist eine Seniorenresidenz, aus der sie sich meldet. Hier steht nicht die Frage des „Ob“ sie es überlebt hat im Mittelpunkt, sondern das „Wie“ und was sie aus den Ereignissen für sich gelernt hat. Ein Entwicklungsroman in höchstem Alter. Destination unbekannt.

Dabei geht uns Rye Curtis gehörig auf die Nerven. Und das im allerbesten Sinne des Wortes. Es sind drastische Bilder, die er in unserem Geist explodieren lässt. Es handelt sich um drastische Beschreibungen vom Tod, Verwesung und vom Überlebenskampf in einer alles verzehrenden Wildnis. Es sind skurrile Charaktere, an denen wir uns hier zu reiben haben, um den Kern der Geschichte zu erkennen. Jeder scheint hier gewaltig in einem Gefängnis aus Selbstsucht, Sucht und Absonderlichkeit gefangen zu sein. Jedes Bild für sich kann den Lesenden abschrecken. Besonders die Konfrontation mit einem Bild, das sich noch lange festbrennt und sich ganz langsam aus einzelnen Aufnahmen entwickelt, verlangt einige Überwindung. Rye Curtis kämpft in „Cloris“ gegen Vorurteile und Vorverurteilung. Er gibt den Menschen in seinem Roman eine zweite Chance. Wir hätten ihnen vielleicht nicht mal eine erste gegeben. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Ein Buch jedoch für Abenteurer und Liebhaber schrulliger Menschen, denen man sehr gerne durch ihre Geschichte folgt.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Cloris von Rye Curtis - KateView - Astrolibrium

Cloris von Rye Curtis – KateView

Ich war nicht alleine in den Bitterroot Mountains. Mir war die Sicht von Kate mehr als wichtig, weil es gerade Frauen sind, die diesen Roman dominieren. KateView, der zweite Blick aufs Buch:

Was anfängt wie ein gewöhnlicher Ausflug in die Weiten Montanas, entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als Herausforderung für schwache Mägen. Rye Curtis wechselt zwischen stimmungsvollen Beschreibungen und schonungsloser Ehrlichkeit. Als Leser mit Phantasie geht einem das Bild des vor unseren Augen, in unseren Ohren verendenden Piloten nicht aus dem Kopf. Time after time. Es zieht einen hinein in die Wälder und lässt einen in einer Offenheit auf Figuren treffen, die fast schon nackt sind. Der Autor breitet mit einer Ruhe das Seelenleben und die inneren (und äußeren) Qualen seiner Protagonisten vor uns Lesern aus, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als ihm mit etwas angeekeltem Blick in seiner Geschichte zu folgen. Die gläubige, fast schon fatalistische alte Dame, die alkoholsüchtige Rangerin, der kreideverliebte abgehalfterte Lover, der etwas langsame Rangergehilfe. Alles Figuren, die in sich so stimmig sind, dass sich die schlüpfrige Erzählweise ausgesprochen gut ertragen lässt.

Ein wenig erinnert mich der Roman an „Feuchtgebiete“, von allem immer einen Hauch zu viel, immer ein wenig mehr Provokation – und doch zieht einen die Story in ihren Bann. Gerade weil man nach wenigen Seiten so viel über die Figuren weiß, begleitet man sie gerne ein Stück. Und zwischen all den Schlüpfrigkeiten und verkrachten Existenzen finden sich tiefgründige Gedanken mit offenem Ende. Der Geschmack von billigem Merlot und verkohltem Eichhörnchen auf der Zunge führt einen durch einen Roman, der EBEN NICHT eine Geschichte über zwei toughe Frauen ist, die sich durch die Wildnis schlagen – denn das kann ja jeder. Der Alltagsalkoholismus ist ebenso schwer zu ertragen, wie die Erkenntnis, dass Cloris alle Hilfe braucht, weil sie allein nicht überleben kann. Wenn man einen seichten Roman über starke Frauen lesen will, dann ist dieses Buch nicht geeignet. Cloris ist ehrlich.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

„Cloris“ von Rye Curtis bricht mit vielen Tabus und überschreitet Grenzen. Ich werde in Erinnerung behalten, dass ich gerade die Romanfiguren am meisten mochte, die es am wenigsten verdient zu haben schienen. Es ist eine intensive Diskussion, die der Autor in unserem Innersten auslöst. Schaffen wir es hier, unsere Denkbarrieren zu lösen, fällt es uns auch im Leben leichter, dem Schwarz-Weiß-Denken nicht zum Opfer zu fallen. Achten Sie auf sich, wenn Sie dieses Buch lesen. Greifen Sie doch einfach zu einem guten Glas Merlot. Das hilft zwar nicht weiter, aber es ist der Geschmack in einer Geschichte, die nie geschmacklos wird. Betreutes Survival. Mal was Neues.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - AstroLibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Stell Dir vor, Du bist ein werdender Vater. Stell Dir vor, es ist das erste Kind, das Du und Deine Frau erwarten. Stell Dir dann noch vor, es treten leichte Komplikationen auf, und Du musst vor der Frauenklinik tatenlos darauf warten, bis man Dich informiert, wie es um Deine kleine Familie steht, wie es Deiner Frau geht und ob das Kind schon das Licht der Welt erblickt hat. Du kannst Dir das vorstellen? Prima. Wie wäre es jetzt mit einer Zigarette, um die Ungewissheit zu ertragen und die unendliche Wartezeit vor den Toren eines Krankenhauses zu überstehen? Stell Dir dann noch vor, Du wirst ganz zufällig zum Zeugen seltsamer Vorgänge im Eingangsbereich. Ein aufgewühlter Mann, den Du davor bewahrst, in seinem Zustand ins Auto zu steigen. Ein Mann, der gerade das Schlimmste erlebt hat, was man sich genau hier vorstellen kann.

Du unterhältst Dich mit ihm, hörst ihm zu. Und dann trifft es Dich wie ein heftiger Schlag in die Magengrube. Er habe mitgeteilt bekommen, sein Kind sei bei der Geburt verstorben. Man habe nur etwas unterschreiben müssen für die Bestattung. Man habe ihnen das Kind nicht gezeigt. Seine Frau Ricarda wisse wohl noch von nichts und man habe ihn auch nicht mehr zu ihr gelassen, weil die beiden ja gar nicht verheiratet seien. Völlig aufgelöst und am Ende ist dieser Steffen Weber, dem wir kurz begegnen. Es ist der Moment, in dem wir den Mann kennenlernen, der bis jetzt nur nervös vor der Klinik stand und auf Neuigkeiten wartete. Thomas Rust wird noch nervöser, als zuvor. Ist mit seiner Frau und dem Baby alles in Ordnung, wie würde er reagieren, warum schweigt man ihn an und was haben seine Beobachtungen vor der Frauenklinik mit diesem toten Kind zu tun? Thomas Rust kann auch jetzt nicht aus seiner Haut. Er ist Polizist und ihm kommt vieles komisch vor. Wenn Du jetzt noch bedenkst, dass wir uns im Dresden des Jahres 1973 befinden, dann können wir uns vorstellen, welche Gedanken in ihm toben.

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Frank Goldammer – Max-Heller-Reihe – Ein anderes Lesen

Ich konnte mir das gut vorstellen und habe auf den ersten Seiten eines Romans aus der Feder von Frank Goldammer noch nie so viele Zigaretten geraucht. Ihm gelingt in seinem aktuellen Roman „Zwei fremde Leben“ ein Einstieg, der nervenzehrend ist. Es ist typisch für sein Schreiben und typisch für die Konstruktion seiner Romane, dass er seine Leser schon auf den ersten Seiten mit Herz und Seele abholt und nicht mehr aus den Fingern lässt, bis sie die letzte Seite erreicht haben. Und doch ist vieles untypisch, wenn wir an die bisherigen Romane des Dresdner Erfolgsautors denken. Seine Max-Heller-Reihe wird ausschließlich aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Hier sind wir seit Jahren an der Seite des Dresdner Inspektors unterwegs und bewegen uns mit ihm durch die Zeitscheiben von der Dresdner Bombennacht im Zweiten Weltkrieg bis zum Arbeiteraufstand im Juni 1953. Und es geht weiter. Hier jedoch wechselt er seine Sichtweise. Er wechselt unvermittelt in die Perspektive von Frauen, denen das Regime der DDR vermeintlich alles genommen hat, was das Leben lebenswert macht.

Zugegeben, die Einleitungssequenz ist von Männern geprägt. Zugegeben, ich war der Meinung, Frank Goldammer bliebe bei der gewohnten Erzählweise. Weit gefehlt. Er wendet sich den Menschen zu, die hier die eigentlichen Leidtragenden sind. Er erzählt aus der Perspektive von Ricarda Raspe, der Freundin des jungen Mannes, der vor der Klinik auf den Polizisten stieß. Er bleibt bei der Frau, die ihr Kind verlor, es jedoch nicht zu Gesicht bekam. Er lässt ihrer Hoffnungslosigkeit, der Trauer und der Wut freien Lauf und spricht durch sie das Unsägliche aus. Man habe ihr das Kind weggenommen. Man habe es an jemanden weitergegeben, der in der DDR über Einfluss verfügt, aber selbst keine Kinder bekommen kann. Ricarda Raspe lässt keinen Stein auf dem anderen, um ihr Kind zu finden. Ihre Tochter. Mehr weiß sie nicht. Eine Lücke, die sich nicht mehr schließen lässt. Eine Lücke, die auch noch Jahre später durch anonyme Postkarten mit Glückwünschen zur Geburt und tiefer Anteilnahme am Tod des Babys neu aufgerissen wird. Wer tut so etwas? Und warum? Das ist brutaler Psychoterror.

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - Astrolibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Frank Goldammer wäre jedoch nicht Frank Goldammer, wenn er seinen Polizisten Thomas Rust im Nichtstun verharren lassen würde. Der linientreue Ermittler versucht, Erklärungen für das vermeintliche Verschwinden des Kindes zu finden. Im Hintergrund entwickelt sich ein Bild der DDR für ihn, das er lieber nicht gesehen hätte. Goldammer bringt unangenehme Themen zur Sprache, er thematisiert Zwangsadoptionen in dem Land, in dem er selbst aufgewachsen ist. Er lässt seinen Ermittler von der Leine, ohne ihm jedoch die Hauptrolle in seinem Roman zuzubilligen. „Zwei fremde Leben“ stellen den Mittelpunkt dar. Ein scheinbar totes Baby aus dem Jahr 1973 und eine junge Frau, die im Jahr 1989 kurz vor der Wende auf bitterste Art und Weise erfährt, dass sie von ihren einflussreichen Eltern nur adoptiert wurde. Als aus zwei Ländern ein neues Land erwächst, macht sie sich auf die Suche nach ihren Eltern.

Die 16jährige Claudia erlebt im Untergang der DDR zugleich den Untergang ihrer Familie. Jetzt befinden wir uns an der Seite von zwei Frauen, die sich als Opfer eines diktatorischen Systems fühlen. Es sind konzentrische Kreise, in denen die Geschichte ihre Bahnen zieht. Kreise, die sich immer wieder zu schließen scheinen und sich doch immer weiter voneinander entfernen, je höher die Wellen schlagen. Beide Frauen sind dazu bereit, alles um sich herum in Frage zu stellen, alles zu zerstören, nur um Spuren zu finden, die von offizieller Seite perfekt verwischt wurden. Und doch stellen sich diese Frauen dem aussichtslosen Unterfangen. Frank Goldammer legt mit den psychischen Ausnahmesituationen in Verbindung mit den Zeitsprüngen durch die Geschichte einen echten Pageturner in unsere Hände. Er betritt Neuland in der Wahl seiner Perspektive und fesselt seine Leser, weil die meisten von ihnen individuelle Erinnerungen an diese Zeit in ihr Lesen einbringen können.

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - AstroLibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Meine Artikel zu den bisherigen Romanen von Frank Goldammer zeigen deutlich, wie sehr ich seine Schreibe mag. Ich wollte nicht alleine beurteilen, ob ihm die neue, weibliche Erzählperspektive gelungen ist. Ich suchte Rat bei einer begeisterten Leserin, die zuvor noch kein Buch aus seiner Feder gelesen hat. „KateView„, nenne ich diesen Blick auf „Zwei fremde Leben“ von Kate, Zahnärztin, Zwillingsmutter und Leserin, auf deren Urteil ich blind vertrauen kann.

Zwei fremde Leben - Frank Goldammer - KateView - Astrolibrium

Zwei fremde Leben – Frank Goldammer – KateView

Stell Dir vor, Du bist eine werdende Mutter, die das Schlimmste überhaupt erlebt
und Deine Geschichte erzählt ein Mann… Das geht doch gar nicht? Doch, das geht.
Ich war ganz gespannt, wie Frank Goldammer das hinkriegen wollte. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die Geschichte zog mich in einem atemlosen Tempo in der Zeit zurück. Selbst in der DDR aufgewachsen WAR ich wieder dort. Und das Tempo
blieb hoch, die Spannungskurve ganz stabil gehalten durch ein paar eingestreute Krümel Erkenntnis, die jegliche Vorhersagbarkeit nahmen und meiner Familie zwei
Tage mütterliche „Abwesenheit“ und kalte Abendessen bescherten.

Und zwischen den Zeilen findet man dann zu den Figuren. Mit wenigen Worten schafft es der Autor, Stimmungen und Figuren zu schaffen, ohne sich in langatmigen Beschreibungen zu verlieren. Genug, um Bilder und Gefühle hervorzurufen, wenig genug, um der Phantasie Platz zu lassen. Als ob er einem den Lichtschalter zeigt,
damit man sie selbst sehen kann. Die weibliche Perspektive ist wirklich großartig beschrieben, stark, intensiv, nicht übertrieben romantisch, einfach echt. Man fühlt
die Unsicherheit, Trauer, aber auch die Stärke dieser Frau. Beeindruckend erreicht Frank Goldammer, dass man sich in einem vordergründig spannenden Krimi wähnt,
der jedoch mit unglaublicher Tiefe, einem Themenreichtum und schonungsloser Offenheit überrascht. 
Das war ganz sicher nicht mein letzter Goldammer.

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - AstroLibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Dieser Roman wirft viele Fragen auf. Zwangsadoptionen, politische Unterdrückung, Mitläufer, Täter und Opportunisten. Und doch gelingt es Frank Goldammer erneut, in einem Roman die Geschichte zweier Gesellschaften miteinander zu verbinden, die im Geiste immer noch unvereinbar scheinen. Es ist kein Zerrbild, das er entwirft. Es sind keine Klischees, die vor uns ausgebreitet werden. Er zeigt das Tempo der Wende in einer Dimension auf, die uns „Wessis“ eher verstehen lässt, was falsch gelaufen ist. Hier wird keinem sozialistischen Staat hinterher geweint, hier wird nichts beschönigt, aber ich habe verstanden, mit welcher Wucht die „Gewinner“ über die „Verlierer“ im Zeitfenster der Wende hergefallen sind. Alles braucht Zeit. Auch dieser Roman. Hier liegt seine absolute Stärke. Das Falsche wird durch den Zugewinn an Freiheit schnell ersichtlich. Doch auch diese Freiheit muss man sich oft bitter erkaufen. Dieses Buch blendet nichts aus. Es ist der wahre Luxus, neben den Erkenntnissen, die uns „Zwei fremde Leben“ vermitteln, auch noch etwas fürs Leben gelernt zu haben.

Leseempfehlung mit dem Prädikat besonders wertvollAber Vorsicht. Gerade am Ende des Romans sollte man sich darauf vorbereiten, von Frank Goldammer mit einem literarischen Knalleffekt überrascht zu werden. Chapeau und bitte weiter so.

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - AstroLibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

PS: Auch in einer weiteren, diesmal sächsischen Instanz wird Frank Goldammer ein guter und spannender Roman bescheinigt. Hier liegt das Hauptaugenmerk eher auf dem Polizisten Thomas Rust. Irgendwie typisch für den Rezensenten…

Hier geht es zu meiner kompletten Frank-Goldammer-Bibliothek.