„Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Eine einzige Kugel hätte genügt, ein verirrtes Schrapnell, ein Granatsplitter, eine Handgranate oder ein Giftgasangriff. All dies gehörte 1916 während der Schlacht an der Somme zum Standard-Repertoire des Ersten Weltkrieges, von dem man natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass er jemals so genannt würde, weil ihm ein noch menschenverachtenderer Zweiter Weltkrieg folgen sollte. Ein Toter mehr wäre damals nicht weiter aufgefallen. Egal auf welcher Seite. Der Name des gefallenen Soldaten und sein Grab wären heute auf den großen Soldatenfriedhöfen zu finden. Ein Gedanke, der mich immer begleitet, weil ER wie durch ein Wunder verschont blieb.

J.R.R. Tolkien. Er hat einfach Glück gehabt. Oder sind es wir, die hier von Glück reden können, weil der wohl größte Fantasy-Autor des 20. Jahrhunderts diesen Krieg überlebt hat? Auch, wenn ihn keine Kugel getroffen hatte, das Gemetzel an der Front blieb nicht ohne Folgen. Liest man „Der Herr der Ringe“ aufmerksam, so wird man die Szenarien der großen Schlachten, die schlammverkrusteten Orks und die Schrecken des Krieges besser einordnen können, wenn man weiß, welche Hölle J.R.R. Tolkien selbst überlebt hatte. Alles was er schrieb war vom Weltkrieg inspiriert. Und vieles hat die Struktur des Schreibens mit jenem Weltenbrand gemeinsam.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Sprechen wir vom „Hobbit“ und dem „Herrn der Ringe“, dann sprechen wir vom Dritten Zeitalter von Mittelerde. Als er 1916 mit dem Schreiben seines Epos begann, war ihm als Autor ebenso wenig klar, dass er das Erste Zeitalter beschrieb, wie es dem Soldaten unklar war, dass er im Ersten Weltkrieg kämpfte. Was danach kam, war völlig offen. Dass Tolkien zu seinen Lebzeiten nur Geschichten aus dem Dritten Zeitalter der Saga veröffentlichen konnte, gehört heute zu den großen Mythen, die Mittelerde für die Nachwelt so interessant machen. Als man ihn nach dem Erfolg vom Hobbit darum bat, doch einen zweiten Teil zu schreiben, wollte man nicht glauben, dass er ein Manuskript vorlegte, das die Verlagswelt sprengte.

Er hatte alles skizziert, alles fertig, alles im Kopf. Drei komplette Zeitalter hatten sich in ihm manifestiert und eigentlich hätte er nach dem Hobbit gerne mit Geschichten vom Anbeginn der Zeit aufgewartet. „Der Herr der Ringe“ jedoch erschien stattdessen und zum Entsetzen der Verleger gar nicht als Geschichte, die man auch Jugendlichen zum Lesen geben könnte. Jeder zweifelte. Vom Erfolg waren alle überrascht. Tolkien wollte den gesamten Zyklus beenden, formulierte bis zu seinem Lebensende an Notizen und Manuskripten herum, um alle Zeitalter abzudecken. Vergebens. Es war zu komplex. So viel Zeit blieb ihm nicht. Dass wir heute aus dem Vollen schöpfen können, ist dem Sohn des großen Autors zu verdanken.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Christopher Tolkien hat sich dem Nachlass seines Vaters verschrieben und vielen Geschichten zum Leben verholfen, die sein Vater nur skizziert hatte. Drei Erzählungen aus dem Ersten Zeitalter sind von großer Bedeutung für die spätere Saga. „Die Kinder Hurins“, „Beren und Lúthien“ und letztlich „Der Fall von Gondolin“ verdeutlichen, wie tief das Dritte Zeitalter in der Vergangenheit verwurzelt ist. Sie zeigen auf, wo der Weg von Elben und Menschen begann, wo Konflikte und Feindschaften entstanden, und wie sich das Böse über Jahrtausende manifestieren konnte. Eigentlich hätte es die nun bei Hobbit Presse veröffentlichte, aufwendig von Alan Lee illustrierte, Erzählung „Der Fall von Gondolin“ niemals geben dürfen. Eigentlich hatte Christopher Tolkien schon beim letzten Buch das Handtuch geworfen und behauptet, es sei im Alter von 93 Jahren sein letztes Werk als Herausgeber. Er hat seine Meinung revidiert. Mit 94 Jahren überzeugt er erneut als Chronist, Diarist und Kollektor der Manuskripte, Briefe und Notizen seines Vaters. Nur ihm ist zu verdanken, dass wir die legendäre Elbenstadt Gondolin betreten dürfen. Zum ersten und zum letzten Mal. 

Zeit, unsere Tolkien-Bibliotheken um ein, vielleicht letztes, Highlight zu erweitern. Zeit, den ersten beiden verschollenen Geschichten aus dem Ersten Zeitalter die große dritte zur Seite zu stellen. Zeit, diesen Kreis endlich zu schließen und damit auch einer Geschichte die Bühne zu bieten, die sie in der vollständigen Fassung verdient hat. Und Zeit, die Großeltern des großen Elrond vom Bruchtal kennenzulernen. Hier finden die Stammbäume zusammen, hier finden Elben zu Menschen und hier wird begreifbar, wie tief ihre Verbindung ist. Lange Zeit bevor ein gewisser Aragorn sich in Elronds Tochter Arwen verliebt und den Bund aus Elben und Menschen mit neuem Leben füllt.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Die gleißend weiße Stadt Gondolin wird zum Schauplatz einer großen Geschichte. Einer Geschichte, die mit ihrem heldenhaften Untergang endet, in deren Mittelpunkt die epische Schlacht der Elbengeschlechter gegen die Heerscharen Melkors, dem Urvater allen Bösen steht und die zwei Liebende auf ewig miteinander vereint, ohne die es eine Fortsetzung dieser Legende nicht gegeben hätte. Christopher Tolkien veröffentlicht hier nicht nur die vollständige Geschichte vom Untergang einer mächtigen Stadt, er spürt in allen verfügbaren Mittelerde-Quellen Ursprünge und Entwicklungen jener Erzählung auf und lässt uns an einem kleinen literaturwissenschaftlichen Puzzlespiel teilhaben. Es ist dabei eine wahrlich bedeutende Geschichte, die er uns an die Hand gibt.

Ein Mensch, der zur Warnung vor den Orks entsandt wird, ein Elbenkönig, der sich zu mächtig fühlt, ihn ernst zu nehmen. Seine Tochter, die sich in den Menschen verliebt und ein gemeinsames Kind, das zum Ursprung späterer Legenden wird. Eine Schlacht, die epischer nicht sein könnte, Kriegsgeräte und -geschöpfe, die grausamer nie waren ein großer Verrat, der hinterhältiger selten verfasst wurde und Opfergänge, die noch in späteren Jahrhunderten an den Lagerfeuern in Mittelerde besungen wurden. Wir sehen Gondolin untergehen, doch zugleich erkennen wir den Ursprung für den Zusammenhalt späterer Gefährten. Wer einmal in seinem Leben dem einen Ring folgte, wer einmal nur den Abendstern berührte, wer einmal dem Bösen ins Auge geschaut hat, wird sich hier zuhause fühlen. Und mehr als das.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Möge Christopher Tolkien ewig leben und Der Fall von Gondolin nicht das Ende von allem sein. Und wenn es doch so kommen sollte, dann wäre es ein sehr würdiges Ende.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Ein Gedanke zu „„Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien

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