„Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Eine einzige Kugel hätte genügt, ein verirrtes Schrapnell, ein Granatsplitter, eine Handgranate oder ein Giftgasangriff. All dies gehörte 1916 während der Schlacht an der Somme zum Standard-Repertoire des Ersten Weltkrieges, von dem man natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass er jemals so genannt würde, weil ihm ein noch menschenverachtenderer Zweiter Weltkrieg folgen sollte. Ein Toter mehr wäre damals nicht weiter aufgefallen. Egal auf welcher Seite. Der Name des gefallenen Soldaten und sein Grab wären heute auf den großen Soldatenfriedhöfen zu finden. Ein Gedanke, der mich immer begleitet, weil ER wie durch ein Wunder verschont blieb.

J.R.R. Tolkien. Er hat einfach Glück gehabt. Oder sind es wir, die hier von Glück reden können, weil der wohl größte Fantasy-Autor des 20. Jahrhunderts diesen Krieg überlebt hat? Auch, wenn ihn keine Kugel getroffen hatte, das Gemetzel an der Front blieb nicht ohne Folgen. Liest man „Der Herr der Ringe“ aufmerksam, so wird man die Szenarien der großen Schlachten, die schlammverkrusteten Orks und die Schrecken des Krieges besser einordnen können, wenn man weiß, welche Hölle J.R.R. Tolkien selbst überlebt hatte. Alles was er schrieb war vom Weltkrieg inspiriert. Und vieles hat die Struktur des Schreibens mit jenem Weltenbrand gemeinsam.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Sprechen wir vom „Hobbit“ und dem „Herrn der Ringe“, dann sprechen wir vom Dritten Zeitalter von Mittelerde. Als er 1916 mit dem Schreiben seines Epos begann, war ihm als Autor ebenso wenig klar, dass er das Erste Zeitalter beschrieb, wie es dem Soldaten unklar war, dass er im Ersten Weltkrieg kämpfte. Was danach kam, war völlig offen. Dass Tolkien zu seinen Lebzeiten nur Geschichten aus dem Dritten Zeitalter der Saga veröffentlichen konnte, gehört heute zu den großen Mythen, die Mittelerde für die Nachwelt so interessant machen. Als man ihn nach dem Erfolg vom Hobbit darum bat, doch einen zweiten Teil zu schreiben, wollte man nicht glauben, dass er ein Manuskript vorlegte, das die Verlagswelt sprengte.

Er hatte alles skizziert, alles fertig, alles im Kopf. Drei komplette Zeitalter hatten sich in ihm manifestiert und eigentlich hätte er nach dem Hobbit gerne mit Geschichten vom Anbeginn der Zeit aufgewartet. „Der Herr der Ringe“ jedoch erschien stattdessen und zum Entsetzen der Verleger gar nicht als Geschichte, die man auch Jugendlichen zum Lesen geben könnte. Jeder zweifelte. Vom Erfolg waren alle überrascht. Tolkien wollte den gesamten Zyklus beenden, formulierte bis zu seinem Lebensende an Notizen und Manuskripten herum, um alle Zeitalter abzudecken. Vergebens. Es war zu komplex. So viel Zeit blieb ihm nicht. Dass wir heute aus dem Vollen schöpfen können, ist dem Sohn des großen Autors zu verdanken.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Christopher Tolkien hat sich dem Nachlass seines Vaters verschrieben und vielen Geschichten zum Leben verholfen, die sein Vater nur skizziert hatte. Drei Erzählungen aus dem Ersten Zeitalter sind von großer Bedeutung für die spätere Saga. „Die Kinder Hurins“, „Beren und Lúthien“ und letztlich „Der Fall von Gondolin“ verdeutlichen, wie tief das Dritte Zeitalter in der Vergangenheit verwurzelt ist. Sie zeigen auf, wo der Weg von Elben und Menschen begann, wo Konflikte und Feindschaften entstanden, und wie sich das Böse über Jahrtausende manifestieren konnte. Eigentlich hätte es die nun bei Hobbit Presse veröffentlichte, aufwendig von Alan Lee illustrierte, Erzählung „Der Fall von Gondolin“ niemals geben dürfen. Eigentlich hatte Christopher Tolkien schon beim letzten Buch das Handtuch geworfen und behauptet, es sei im Alter von 93 Jahren sein letztes Werk als Herausgeber. Er hat seine Meinung revidiert. Mit 94 Jahren überzeugt er erneut als Chronist, Diarist und Kollektor der Manuskripte, Briefe und Notizen seines Vaters. Nur ihm ist zu verdanken, dass wir die legendäre Elbenstadt Gondolin betreten dürfen. Zum ersten und zum letzten Mal. 

Zeit, unsere Tolkien-Bibliotheken um ein, vielleicht letztes, Highlight zu erweitern. Zeit, den ersten beiden verschollenen Geschichten aus dem Ersten Zeitalter die große dritte zur Seite zu stellen. Zeit, diesen Kreis endlich zu schließen und damit auch einer Geschichte die Bühne zu bieten, die sie in der vollständigen Fassung verdient hat. Und Zeit, die Großeltern des großen Elrond vom Bruchtal kennenzulernen. Hier finden die Stammbäume zusammen, hier finden Elben zu Menschen und hier wird begreifbar, wie tief ihre Verbindung ist. Lange Zeit bevor ein gewisser Aragorn sich in Elronds Tochter Arwen verliebt und den Bund aus Elben und Menschen mit neuem Leben füllt.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Die gleißend weiße Stadt Gondolin wird zum Schauplatz einer großen Geschichte. Einer Geschichte, die mit ihrem heldenhaften Untergang endet, in deren Mittelpunkt die epische Schlacht der Elbengeschlechter gegen die Heerscharen Melkors, dem Urvater allen Bösen steht und die zwei Liebende auf ewig miteinander vereint, ohne die es eine Fortsetzung dieser Legende nicht gegeben hätte. Christopher Tolkien veröffentlicht hier nicht nur die vollständige Geschichte vom Untergang einer mächtigen Stadt, er spürt in allen verfügbaren Mittelerde-Quellen Ursprünge und Entwicklungen jener Erzählung auf und lässt uns an einem kleinen literaturwissenschaftlichen Puzzlespiel teilhaben. Es ist dabei eine wahrlich bedeutende Geschichte, die er uns an die Hand gibt.

Ein Mensch, der zur Warnung vor den Orks entsandt wird, ein Elbenkönig, der sich zu mächtig fühlt, ihn ernst zu nehmen. Seine Tochter, die sich in den Menschen verliebt und ein gemeinsames Kind, das zum Ursprung späterer Legenden wird. Eine Schlacht, die epischer nicht sein könnte, Kriegsgeräte und -geschöpfe, die grausamer nie waren ein großer Verrat, der hinterhältiger selten verfasst wurde und Opfergänge, die noch in späteren Jahrhunderten an den Lagerfeuern in Mittelerde besungen wurden. Wir sehen Gondolin untergehen, doch zugleich erkennen wir den Ursprung für den Zusammenhalt späterer Gefährten. Wer einmal in seinem Leben dem einen Ring folgte, wer einmal nur den Abendstern berührte, wer einmal dem Bösen ins Auge geschaut hat, wird sich hier zuhause fühlen. Und mehr als das.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Möge Christopher Tolkien ewig leben und Der Fall von Gondolin nicht das Ende von allem sein. Und wenn es doch so kommen sollte, dann wäre es ein sehr würdiges Ende.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

„Die Hexenholzkrone 2“ von Tad Williams – Osten Ard erzittert

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Vieles ist passiert, seit ich die Hexenholzkrone (1)von Tad Williams gelesen und gehört habe. Ich habe die Welt von Osten Ard erneut für mich entdeckt, bin alten und neuen Weggefährten begegnet und habe mich nach 23-jähriger Abstinenz im Reich der Menschen, Nornen und Sithi wie zuhause gefühlt. Und ich hatte das einmalige Privileg, den Schöpfer dieser Legenden persönlich zu treffen und ihm in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse alle Fragen zu stellen, die mir auf dem Herzen lagen. Auch jetzt noch höre ich es mir immer wieder an, weil Tad Williams in diesem Interview ein paar Details verraten hat, die mir das Lesen und das Herz ein wenig leichter machen.

Zum Beispiel habe ich die Suche nach der Wölfin Quantaqa aufgegeben, weil mir ihr Schöpfer versichern konnte, dass sie in Binabiks Gesellschaft am Ende eines lange währenden Lebens friedlich eingeschlafen ist. Das tröstet, weil es eben in den Büchern nicht zu lesen ist und mir diese Wölfin ans Herz gewachsen war. Doch andere Suchen konnte ich nicht aufgeben und so stürzte ich mich freudig erregt in den zweiten Teil der Hexenholzkrone, wissend alle Handlungsfäden sofort wieder in Händen zu halten, die aus dem ersten Teil der auf vier Bände angelegten Reihe „Der letzte König von Osten Ard“ herausragten und nach mir griffen.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Hier sind wir nun angelangt. Am Ende der alten Legenden

„Der Drachenbeinthron“
„Der Abschiedsstein“
„Die Nornenkönigin“
und
„Der Engelsturm“

Am Ende des so wichtigen Sequels:

Das Herz der verlorenen Dinge

Das Herz der verlorenen Dinge und Die Hexenholzkrone von Tad Williams

Und auch am Ende des Auftaktes der epischen Fortsetzung

„The Witchwood Crown“ – „Die Hexenholzkrone 1 und 2

Und hiermit sind wir an der Schwelle zu den letzten beiden Teilen angelangt

„The Empire of Grass“ – „Das Graslandimperium“
„The Navigator´s Children“- „Die Kinder des Seefahrers“

Dann werden wir wissen, wer der letzte König von Osten Ard ist. Dann werden die Rätsel um die alten Prophezeiungen gelöst sein und wir können am Lagerfeuer unsere eigenen Geschichten erzählen, die uns mit diesen Legenden verbinden. Doch zunächst heißt es, der „Hexenholzkrone (2)“ die volle Aufmerksamkeit zu schenken, um auf der Höhe der Ereignisse zu bleiben und nicht das kleinste wichtige Detail zu verpassen. Die Rezension dieses Buches ist für mich gleichzeitig auch eine Lesensversicherung, die es mir leichter machen wird, das „Graslandimperium“ zu erobern.  

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Man kann von der Fortsetzung einer Buchreihe nach 23 Jahren viel erwarten. Mit neuen Welten in Berührung zu kommen, neue Abenteuer in der Tradition der Legenden von einst zu erleben und neben den alten Gefährten auf neue Charaktere zu treffen, die fortan die Geschichte prägen. Tad Williams jedoch leistet in seinem neuen Aufzug vor der Bühne von Osten Ard wesentlich mehr. Am Ende aller Entwicklungen lernen wir die Regentin Miriamel erst richtig kennen. Einst ein junges, verliebtes Mädchen aus gutem Hause agiert sie nun klug, listig, diplomatisch und weise, als sei dies schon immer ihre Bestimmung gewesen.

Ihr Königsgemahl Simon Schneelocke wirkt wie der Küchenjunge von damals an ihrer Seite und doch ist er es, der sie mit seiner Liebe in der Balance hält. Ohne ihn ist Miriamel nur eine Hälfte des Königreichs, ohne ihn würde ihr der Halt fehlen, den sie in schweren Zeiten so dringend benötigt. Das unerwartete Erwachen der Nornenkönigin leitet den finalen Akt der großen Saga ein und mit ihr kehrt die alte Feindschaft mit den Menschen zurück. Es entbrennt der Kampf um den Thron von Osten Ard. Wer wird der letzte König sein, der vom Hochhorst aus regiert? Wer gewinnt die Überhand? Nicht die einzige Frage, der sich „Die Hexenholkrone (2)“ in aller Tiefe widmet.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Was will die „Klaue“ der Nornenkönigin“ mit einem lebendigen Drachen? Was hat Baumeister Vyjeki zu erwarten? Welches Projekt soll er vollenden, um den Nornen zu alter Macht zu verhelfen? Wann und wo beginnt der erneute Krieg der Erzfeinde? Oder hat er bereits begonnen? Sind die kleinen Scharmützel an den Rändern der Handlung viel mehr als wir vermuten? Eingeflochten in diese Gefahr gehen neue und alte Helden ihren neuen und alten Leidenschaften nach. Graf Eolair wagt die gefahrvolle Reise zu den Verbündeten von einst, um dem Enkel von Simon und Miriamel zu beweisen, dass die alten Legenden wahr sind und Morgan seine Rolle als Thronfolger gegenwärtig zu machen.

Jiriki und Aditu nach 23 Jahren wieder zu begegnen und ihnen am Lagerfeuer zu lauschen ist zweifellos der Gänsehautmoment dieses Buches. Die Sithi-Geschwister waren damals die engsten Verbündeten des jetzigen Königs Simon Schneelocke. Doch warum haben sie seit dem Sieg über die Nornen geschwiegen? Was hat sich ereignet und welches sterbliche Geheimnis trägt Aditu in ihrem Körper? Jene unsterbliche Sitha, von der man früher immer sagte:

„Mit ihr zusammen zu sein, selbst in den furchterregendsten Momenten, hieß, Licht an einem dunklen Ort zu finden.“

Auch Nabban kommt nicht zur Ruhe. Eine heikle königliche Mission bringt Miriamel ins Zentrum eines Streits und damit ins Herz eines Landes, in dem Unwer seine Liebe und seine Heimat verlor. Angesichts eines Wolfsrudels im Wald jedoch zeigt sich seine wahre Herkunft. Eine alte Prophezeiung erfüllt sich Schritt für Schritt. Halbblut Nezeru und Jarnulf wagen den Kampf gegen einen Drachen. Fatal nur… ein Drachenbaby zu fangen ruft meist seine Mutter auf den Plan. Über allem steht Jarnulfs Schwur auf dem Spiel. „Nornen töten“. Doch wie soll er seiner Mission folgen, wo er sich doch gerade Nezeru mehr als verbunden fühlt?

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Diese Mosaiksteine formen sich zu einem immer komplexeren Bild von Osten Ard und wir lesen und hören uns auf der Wanderung durch diese epische Welt immer tiefer in die schwelenden Konflikte hinein. Die Lage erfordert die Trennung des Königspaars. Damit wird eine Lawine der Ereignisse losgetreten, die uns durch die folgenden Bände tragen wird. Ob wir lesen oder Andreas Fröhlich in der Hörbuchfassung folgen, egal, wir können nicht mehr entkommen. Zu ungewiss ist die Zukunft, zu unvorhersehbar ist das Schicksal unserer Weggefährten, zu spannend ist das Epos.

Wie die Hexenholzkrone (2) endet? Mit welchen Cliffhangern dieses Buch überleitet und welchen Spannungsbogen es auf den letzten Seiten unterbricht? Fragt mich nicht. Aus bester Erfahrung gönne ich es Tad Williams nicht, mich am Ende auf die Folter zu spannen. Oft musste ich zu lange auf seine Fortsetzungen warten. Oft war es einfach nicht auszuhalten, bis ich weiterlesen durfte. Ich habe genau 50 Seiten vor dem Ende aufgehört zu lesen und zu hören. Meine Notizen und diese Rezension tragen mich auf meiner Welle in die Zukunft. Und erst, wenn Das Graslandimperium erscheint, werde ich mir die Cliffhanger gönnen, mit denen mich Tad Williams in die Fortsetzung dieser grandiosesten aller Fantasy-Reihen treibt. Und nun beginnt das Warten…

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Mit Tad Williams zurück nach Osten Ard

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Ich bewege mich ganz langsam, versuche keinen Lärm zu machen und mich ganz unauffällig zu verhalten. Ich kann es nicht glauben endlich wieder hier zu sein. Ich kann kaum glauben, Namen zu vernehmen, die mir so vertraut sind, als hätte ich sie gestern zuletzt gehört. Dabei ist es nun inzwischen schon mehr als 25 Jahre her, seit ich Osten Ard zum ersten Mal betreten habe. Die frühen 1990er Jahre haben mich in diese ganz eigene Welt aus der Feder von Tad Williams entführt. Die Buchreihe „Das Geheimnis der großen Schwerter“ erzählte von einem sagenumwobenen Land, in dem Menschen miteinander und gegen Elbenwesen um die Vorherrschaft kämpften. Nornen und Sithi verfolgen mich seitdem noch manchmal in meinen Träumen.

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

bildeten eine Tetralogie, die mit ihren verschlungenen Handlungsebenen bestach und dem Genre High-Fantasy nach langer Zeit wieder eine Krone aufzusetzen vermochte. Ich begleitete den jungen unbedeutenden Küchenjungen Simon Schneelocke auf sein großes Abenteuer in einer Welt voller Feinde. Ich sah ihn zuletzt am Ende eines langen Weges als Hochkönig von Osten Ard. Verheiratet mit der wunderschönen Prinzessin Miriamel regiert er in meinem Herzen seitdem vom Hochhorst aus und folgt damit einer Bestimmung, die sich ihm lange nicht erschließen wollte. Die Nornen sind besiegt, ihre ungleichen, jedoch ebenso fast unsterblichen Verwandten, die Sithi, haben Frieden mit allen Menschen geschlossen und sind diesen durch lose Bündnisse verpflichtet. Einige tapfere Weggefährten Simons haben diese Abenteuer nicht überlebt, die Treuesten von ihnen jedoch sind wohlauf und genießen den lang ersehnten Frieden.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

1994 hieß es für mich, Abschied zu nehmen, Osten Ard zu verlassen und in neue Welten einzutauchen. Und doch habe ich diese Geschichte niemals vergessen. Es galt drei Schwerter miteinander zu vereinen. Dorn, Leid und Hellnagel trafen zuletzt in der alles entscheidenden Schlacht aufeinander, berührten sich und entschieden den lange schwelenden Krieg zwischen den Menschen untereinander, den Nornen und Sithi und jenen geheimnisvollen Wesen, die sich allen Seiten angeschlossen hatten. Am Ende war es ein wackeliger, jedoch hart umkämpfter Frieden, der Osten Ard einte. Eine gute Zeit, mich aus dem Staub zu machen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Es war mir eigentlich klar, dass es keine Rückkehr auf den Hochhorst geben würde. Auch Tad Williams hatte anderes vor. Es galt neue Geschichten zu erzählen. Epische Mehrteiler wie „Otherland“ oder „Shadowmarcherblickten das Licht der Bücherwelt. Osten Ard schlief den tiefen Schlaf einer fast vergessenen Welt. Fast vergessen.

Während die guten Gefährten aus alten Tagen zwischen dicken Buchseiten schliefen und Fantasybegeisterte sich auf den Weg nach Westeros begaben, um dem „Game of Thrones“ beizuwohnen (dessen Autor George R.R. Martin in vielen Interviews auf Tad Williams als seine Inspirationsquelle verwies), hatten die wahren Fans Osten Ard nicht vergessen. So viele Fragen nach einer möglichen Fortsetzung musste Tad Williams in den letzten Jahren beantworten, dass er nun selbst mit jenem Gedanken spielte, in das Land seiner Fantasie zurückzureisen, um zu schauen, was sich so getan hatte. Wenn man diesen Schriftsteller kennt, dann weiß man, dass eine solche Reise immer mit den epischsten Konsequenzen für seine Leser verbunden ist. Gottlob.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Was soll ich sagen? Er hat es getan. Wir sind zurück in Osten Ard, nachdem er wohl der Meinung war, die allzu offenen Fragen am Ende der Tetralogie in einer neuen Saga aufgreifen und einer Lösung zuführen zu können. Ich hörte den Schlachtenlärm, hörte die Rufe zu den Waffen und fand mich inmitten einer Streitmacht jener legendären und ungeschlagenen Rimmersmänner wieder, die dem Frieden nicht trauen wollten. Kann es wirklich wahr sein, dass die geschlagenen Nornen immer noch keine Ruhe geben? Konnte es sein, dass die versprengten flüchtenden Gruppen auf ihrem Rückzug in ihre Hochburg im Norden immer weitere Kämpfer um sich scharten. Und was beinhaltet der Sarkophag, den sie in ihrer Mitte tragen?

Das Herz der verlorenen Dingesetzt genau da an, wo „Der Engelsturm“ endete. Es ist, als wäre ich nie fort gewesen und als hätten sich alle dunklen Ahnungen nun in aller Konsequenz bewahrheitet. Unter dem Kommando von Herzog Isgrimnur und in allerbester Gesellschaft mache ich mich auf die Verfolgung der Nornen. Osten Ard ist erneut in Gefahr und die Macht der Nornen scheint nur erschüttert, nicht gebrochen. Es sind die vielen Nornenvölker, die sich nach der Niederlage treffen. Die Baumeister, die Sänger und die opferwilligen Krieger. Den Untergang des ganzen Volkes gilt es nun zu verhindern. Und dies scheint nicht unmöglich, haben die Nornen doch noch einige gute Trümpfe im Elbengewand, mit denen sie Angst und Schrecken verbreiten können.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Unstrittig. Es ist gelungen. Tad Williams hat es geschafft, mich in den Sog meines früheren Lesens zurückzuziehen. Der Strudel ist gewaltig. Und das in einem Buch, das man eigentlich vorsichtig nur als „Sequel“ bezeichnen kann. Die Geschichte ist einfach gehalten. Wir finden wenige parallel verlaufende Handlungsstränge. Alles dreht sich um die Verfolgung der letzten Nornen. Nur diese beiden Seiten sind von Belang. Williams entfaltet trotzdem den gesamten Kosmos seines erzählerischen Vermögens. Er bringt uns in Herz einer Erzählung zurück, die er selbst als Überleitung zu einer endgültigen Fortsetzung der Saga von Osten Ard empfindet. Während wir hier erfahren, warum die Nornen nicht gänzlich vernichtet werden können und wo das Potenzial für künftige und weit in der Zukunft liegende Konflikte liegt, wird er uns schon in wenigen Wochen mit diesem gemeinsamen Wissen am Wegesrand aufsammeln und uns am Lagerfeuer der High-Fantasy erzählen, wie es weitergeht. Dreißig Jahre nach dem letzten Gefecht.

„Der letzte König von Osten Ard“ lautet der Arbeitstitel des neuen Mehrteilers, in dem die Nornen zu neuer Kraft erwachen und bestrebt sind, verlorenes Territorium in Osten Ard zurückzuerobern. „Die Hexenholzkrone“ erscheint bei Hobbit Presse schon am 09. September und am 11. November in zwei Teilen. Zu episch ist sein Schreiben, um der Veröffentlichungsreihenfolge der Originale treu zu bleiben. Folgende Bände der neuen Trilogie werden uns schon bald unser Lesen und Hören intensiv beschäftigen:

„The Witch Wood Crown“ – im Original ein einzelner Band
„The Empire of Grass“
„The Navigator´s Children“

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Es ist also schon abzusehen, dass aus der originalen Trilogie in Deutschland erneut mehr Bücher werden, als es den Anschein haben könnte. Lassen wir uns überraschen. Tad Williams nimmt sich den Raum, den er zum Schreiben benötigt. Er fordert uns auf, ihm mit voller Konzentration zu folgen und er hat bisher immer Wort gehalten und seine Reihen beendet (was man von George R.R. Martin nicht gerade behaupten kann). Wir dürfen uns auf eine neue Reise nach Osten Ard freuen, werden Bekannten begegnen und neue Weggefährten finden. Ich werde die neue Reihe lesen und hören. Auch „Das Herz der verlorenen Dinge“ habe ich mir in weiten Teilen von Andreas Fröhlich, dem Osten-Ard-Veteranen aus dem Hause Der Hörverlag vorlesen lassen. Auch er scheint mit dieser Welt so verwachsen, dass ihm selbst Nornengesänge leicht von den Lippen kommen. Grandios.

Bald ist es also soweit. Folgt mir doch einfach zu den magischen Schauplätzen einer epischen Saga, die nun ihre lang erwartete Fortsetzung findet. So, wie auch die Reise des rezensierenden Weggefährten aus der kleinen literarischen Sternwarte fortgesetzt wird. Ich freue mich auf diese neuen Abenteuer. Ich bin Tad Williams dankbar, dass er so schreibt, wie er immer schrieb. Vorurteilsfrei gegenüber seinen eigenen Figuren. Er beschreibt selbst den größten Feind der Menschen in seinen Büchern so tiefgründig, in so unterschiedlichen Facetten, dass es unmöglich ist Gut und Böse klar zu trennen. Ein Wesensmerkmal seiner Romane. Hilfreich auch für das Leben jenseits der Fantasy.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Folgt mir! Zu den Waffen. Und zu meinem Interview mit Tad Williams… bald…

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

J.R.R. Tolkien – „Beren und Lúthien“ – Ein Vermächtnis

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Er ist der Hüter eines der größten Vermächtnisse in der Geschichte der Fantasy-Literatur. Seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1973 widmet sich der heute 93-jährige Christopher Tolkien dem literarischen Nachlass von John Ronald Reuel Tolkien. Im Laufe seines Lebens war er nicht nur Zeuge der Entstehungs­geschichte der Legen­den von Mittelerde, er ist auch heute noch der einzige lebende Mensch, der in der Lage ist, die unglaub­liche Materialmenge aus dem Nachlass seines Vaters überschauen und in den Kontext des Gesamt­werks ein­ordnen zu können. (Weiterhören: HIER)

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien bei Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Es ist eine eigene und große Geschichte, wie tief der Sohn dem Werk seines Vaters verpflichtet sein kann, wie aufrichtig, wissenschaftlich, akribisch und liebevoll er all die losen Manuskriptfäden, Notizberge und eigene Erinnerungen sortiert, archiviert und in immer wieder erstaunlichen Umfängen unveröffentlichte Werke seines Vaters postum publiziert hat. Ohne den jüngsten Tolkien-Sohn gäbe es weder das „Silmarillion“, noch das „Buch der ver­schol­lenen Geschichten“ oder „Die Kinder Hurins“. Diese Bücher hätten niemals das Licht der Bücherwelt erblickt und uns Wanderer in den tiefen Tälern des Auenlandes orien­tierungs­los herumirren lassen.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Der Hobbit und Der Herr der Ringe“ wären für uns noch immer Bücher mit sieben Siegeln und die gesamte kreative Wucht ihres Schöpfers würde in den Regalen seiner Nachlässe schlummern. Nun steht auch Chris­topher Tolkien selbst kurz vor dem Ende seines großen Weges als Chronist seines Vaters. In diesem Bewusst­sein vollendet er sein eigenes Schaffen und schließt damit einen emotionalen Kreis, der mit einem Brief J.R.R. Tolkiens begann, in dem er seinem Sohn ein Vermächtnis im Vermächtnis auf die Fahne schrieb.

„In einem Brief an mich, meine Mutter betreffend, geschrieben im Jahr nach
ihrem Tod, das auch das Jahr vor seinem eigenen war, schrieb er von dem überwältigenden Gefühl des Verlusts und von seinem Wunsch, unter ihrem Namen auf dem Grabstein das Wort „Lúthien“ eingravieren zu lassen.“

So kann man es noch heute lesen. Edith Mary Tolkien „Lúthien“ 1889 – 1971. Der Wunsch wurde erfüllt und dem geneigten Mittelerde-Liebhaber wird auf­fallen, dass dies nicht der einzige verborgene Hinweis auf dem Gemeinschaftsgrabstein der Tolkiens ist. Und so findet man bis heute das Wort „Beren“ unter dem Namenszug des legendären Schrift­stellers. Was bedeuten diese Namen? Warum stehen sie im Nach­hinein für das Leben eines Ehepaars, das durch das Werk des Ehemannes unsterblich wurde? Eine Frage, die Christopher Tolkien spät, aber keines­falls zu spät beantwortet.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Beren und Lúthien. So heißt auch das vielleicht letzte Werk aus seiner Feder. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die in Mittelerde zueinander fanden. Lange bevor wir das Auenland betraten, Hobbits, Elben oder Zwerge kennenlernten, von der Macht eines Ringes erfuhren und mit dem großen Gandalf in die Schlacht zogen, um Sauron für immer zu besiegen. Das Mittelerde Tolkiens bestand niemals nur aus zwei Werken, die bis in unsere Zeit überdauert haben. Für ihn war es ein gesamter Kosmos, der aus Völkern, Land­schaften, Legenden, Gedichten, Gesängen und Sprachen bestand. Eine ganze Welt erschuf J.R.R. Tolkien und wenn wir weit genug zurückblicken, können wir sie noch deutlich erkennen. Den Menschen Beren und die unsterb­liche Elbin Lúthien, die sich ineinander verliebten und für eines der ersten Bündnisse zwischen Menschen und Elben stehen.

Ein Bündnis, das in einer Geschichte erzählt wird, die vor allen Legenden spielt, die wir kennen. Eine Ge­schich­te, die alles hat, was der Kosmos Mittelerde zu bieten hat. In vielen Fragmenten finden wir im Herrn der Ringe Hinweise auf die Geschichte, die man sich seit­dem an den Lagerfeuern erzählt. Sie handelt von Beren, der sich unsterb­lich in die Elbin Lúthien verliebt. Wobei der Begriff unsterbliche Liebe schon alles umschreibt, was man wissen muss, um sie selbst zu lieben. Wenn sich eine unsterb­liche Elbin Hals über Kopf in einen Sterblichen verliebt, dieser jedoch einen Silmaril aus der Krone des dunklen Herrschers rauben muss, um die Zustimmung ihres Vaters zu gewinnen, dann liegt hier alles Potenzial für eine epische Legende verborgen.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Beren droht zu scheitern. Zu gewaltig ist die Aufgabe für einen Sterblichen. So ist es an Lúthien für ihre Liebe zu kämpfen, sich an Berens Seite zu gesellen, Bünd­nisse mit gefährlichen Wesen einzugehen, ihren Zauber wirken zu lassen, allen Wider­ständen zu trotzen und am Ende des gemeinsamen Kampfes eine Ent­scheidung zu treffen, die sie selbst betrifft. Am Scheide­weg zwischen Leben und Tod bringt sie ein Opfer, das Beren rettet, sie selbst jedoch sterblich werden lässt. Die Unsterb­lichkeit der Liebe begründet sich in der Ver­gäng­lichkeit der schönsten Elbin, die je gelebt hat.

Christopher Tolkien arbeitet die Fragmente der Ge­schichte aus den Erzählungen seines Vaters heraus. Er setzt sie aus einzelnen Mosaik­­steinchen zusammen, erklärt ihre Ent­stehung, ihre Verbindungen zum großen Ganzen und lässt erstmals entstehen was zuvor nie in dieser Klarheit zu lesen war. Er bedient sich des „Silma­rillions“, geht zu den Anfängen der Legende zurück und verfolgt die Spuren die „Beren und Lúthien“ in Mittelerde hinter­lassen haben. Gedichte und Lieder zeugen ebenso von ihrer Liebe, wie die über­lieferten Texte. Ein tiefes Bild der unendlichen Liebe entsteht und endet im Herrn der Ringe, als wir erkennen, dass der große Elbe Elrond einer der Nach­fahren der unsterblich Verliebten ist. Hier erlangen seine Worte von den Bündnissen zwischen Elben und Menschen eine völlig neue Dimension.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

So, und nun keine Angst vor diesem Buch. Christopher Tolkien schreibt einerseits natürlich für die große Fangemeinde von Mittelerde. Er weiß so viel, dass er sich nicht immer zügeln kann, wenn es um Hintergründe und Wissenswertes geht. Allerdings hat er sich der Auf­gabe verschrieben, die Legende von „Beren und Lúthien“ für alle Leser verständlich zu präsen­tieren. Dies gelingt ihm herausragend im Zusammenführen aller Fragmente seines Vaters und durch viele Aus­schnitte aus dem „Leithian Lied“, in dem diese unsterb­liche Liebe in Reimform besungen wird. Nicht nur für Insider von Tolkien und seiner Welt ein absoluter Hoch­genuss. Auch eine wahre Freude für Fans von Alan Lee, der dieses Buch reichhaltig in Farbe und mit vielen Skizzen grandios illustriert hat.

So gelingt Christopher Tolkien erneut ein literarisches Meisterwerk. Er verschafft seinem Vater erneut Gehör und belässt die Passagen der erzählten Geschichte so, wie man es vom Großmeister der Fantasy kennt. Und ganz nebenbei schließt er den Kreis zum eigent­lichen Vermächtnis seines Vaters, das noch heute auf dem Grabstein lesbar ist. Sterblich waren beide. Edith und John. Unsterblich wurden sie miteinander und im unver­gessenen Ge­samt­werk des Schrift­stellers, das nur entstehen konnte, weil ihn die Liebe inspirierte. Einer der ganz großen Sehn­suchts­momente außer­halb von Mittelerde und doch ein tiefer Moment, der alles erklärt, was Tolkien jemals schrieb.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Folgt mir in die dritte verschollene Geschichte: Der Fall von Gondolin

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

„Anderswelt – Chroniken“- New Age Fantasy von Mikki Patrick

Anderswelt - Chroniken von Mikki Patrick

Anderswelt – Chroniken von Mikki Patrick

Das Fantasy-Lebensleseregal in der kleinen literarischen Sternwarte ist wirklich gut sortiert. Ich liebe es seit Anbeginn meines Lesens, in völlig erfundenen Welten zu versinken und Protagonisten mit den unglaublichsten Fähigkeiten auf ihren gefährlichen Wegen zu folgen. Unsterblich dürfen sie dabei gerne sein, sich teleportierend von Ort zu Ort bewegen, riesengroß oder zwergenhaft von Gestalt, sich von Blut ernähren oder einfach nur von Luft und Liebe und sich in Begleitung fabelhafter Tierwesen durch ihre Geschichten fabulieren. An magischen Orten dürfen sie wohnen und Gefahren müssen sie trotzen, die nicht von dieser Welt sind. Fantasy! Kurz gesagt und doch so treffend.

Die Auswahl in diesem Genre reicht von absoluten Klassikern bis hin zu den Autoren, die sich in die Fußstapfen ihrer Vorbilder begeben und neue Geschichten erzählen, die doch immer wieder die oben erwähnten Wesensmerkmale aufweisen. Man greift gerne auf diese Erzählmuster zurück und so sterben Orks, Elben, Zwerge, Vampire, Werwölfe, und viele andere fantastische Fantasy-Gestalten einfach nicht aus und schleichen sich in immer wieder leicht modifizierter Form lesenslang durch unser Leben.

In meinem Fantasy-Special habe ich mich zu dieser Lese-Leidenschaft bekannt und einige besondere Weggefährten meines Lebenslesweweges vorgestellt. Von Tolkien bis George R.R. Martin über Kai Meyer reicht die Range meines Lesens. Endlos könnte ich diese Kette fortsetzen. Endlos könnte mein Lesen sein. Wäre ich doch nur Vampir, Elbe oder begnadeter Magier. Endlos ist auch meine eigene Suche nach neuen Sternen am literarischen Fantasy-Firmament. Auf Buchmessen und in den Tiefen des Internets halte ich nach ihnen Ausschau: Den großen Geschichten aus anderen Welten.

Anderswelt - Chroniken von Mikki Patrick

Anderswelt – Chroniken von Mikki Patrick

Da darf es nicht verwundern, wenn ich extrem neugierig auf ein Buchcover reagierte, das mir auf Facebook begegnete. Einerseits, weil es atmosphärisch alle Fantasy-Saiten meiner Seele in Schwingung versetzte und andererseits, weil der Titel des Romans mir das Gefühl gab, wieder einmal am Ziel meiner Träume angelangt zu sein. Nur hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von der Autorin gehört, noch war mir klar, dass es sich bei diesem Buch um einen selbst publizierten Erstling handelt.

Die „Anderswelt – Chroniken“ von Mikki Patrick hatten mich auf eine Spur gebracht, der ich nun einfach folgen wollte. Ein erster Austausch mit der Autorin zeigte mir, dass meine Neugier absolut begründet war. Mitten in die Abschlussarbeit am Roman platzte ich mit meinen Fragen in den Schaffensprozess hinein und traf auf eine junge Frau, die voller Hoffnungen und Zweifel, aber inhaltlich getrieben von der Geschichte, die erzählt werden wollte und musste, der Geburtsstunde ihres ersten Romans entgegenfieberte.

Ich bin seit Anbeginn meines Lesens auf der Suche nach guten Geschichten. Ich suche nicht nach großen Autoren oder Verlagen. Das freudige Mitfiebern setzte auch bei mir ein und wenige Wochen später empfand ich es als großen Vertrauensbeweis, das Buch in Händen halten zu dürfen. Wir haben uns aufeinander eingelassen. Ohne große Erwartungen und Ziele. Ich wollte nur in die „Anderswelt“ eintauchen und selbst fühlen, wie diese Welt schmeckt, riecht und lebt. Ich habe es nicht bereut!

Anderswelt - Chroniken von Mikki Patrick

Anderswelt – Chroniken von Mikki Patrick

Die „Anderswelt trägt ihren Namen zurecht. Sie ist der Hort legendärer Fabelwesen. Ein letzter Zufluchtsort vor der Gewalt und der Willkür der Menschen, mit denen man einst in Eintracht zusammenlebte. Aber Menschen bleiben Menschen. So war es und so wird es immer bleiben. Als sie die Kräfte ihrer Nachbarn für ihre eigenen Zwecke nutzen wollten, war es schnell vorbei mit der Freiheit in der Welt der Menschen. Letzte Allianzen zerbrachen und die verfolgten Völker beschlossen, sich endgültig von dieser Welt zu trennen.

Sie gründeten ihre „Anderswelt“ und zogen sich dorthin zurück. Mit der Welt der Menschen nur noch durch geheime Zugänge verbunden, dachten die Fabelwesen, ihren Frieden gefunden zu haben.

Ein fataler Irrglaube und eine völlige Fehleinschätzung der Lage. Der Chronist von Anderswelt fasst diese Ereignisse schonungslos zusammen und beschreibt die hilflosen Versuche der Bewohner, ihre Welt zu bewahren. Denn nur in diesem einen Ziel sind sie geeint: Die Völker von Anderswelt, deren eigene Konflikte niemals beigelegt werden konnten. Dazu sind sie einfach zu unterschiedlich.

Lichtelben, Gestaltwandler, Dunkelelben, Zwerge, Vampire, Dämonen, Amazonen und Engel bilden eine große Zweckgemeinschaft in Anderswelt, die nun gezwungen ist um den Erhalt ihrer Existenz zu kämpfen. Eine Mordserie erschüttert die Völker und da sie Opfer auf allen Seiten fordert, ist es ausgeschlossen, dass die Täter aus Anderswelt kommen. Die große Gemeinsamkeit dieser Bluttaten: Jedem Opfer fehlt das Herz. Ein großer Rat wird einberufen, um  einen Weg zu finden, dem Morden Einhalt zu gebieten.

Anderswelt - Chroniken von Mikki Patrick

Anderswelt – Chroniken von Mikki Patrick

Als dann unversehens ein junges Mädchen in die Versammlung der Fürsten von Anderswelt platzt, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Denn Kira Rogers ist nicht von dieser Welt. Sie kommt aus New York und begreift nicht, was sie plötzlich inmitten der fremdartigen Wesen verloren hat. Ihr kommt es vor, als befände sie sich in einem tiefen Traum oder am Filmset einer Filmproduktion:

“Na toll… Sie befand sich in einem Raum mit Gimli, Lara Croft und Hellboy! Alias Solin, Ahima und Zarko! Was kam denn als Nächstes? Legolas oder doch Thor? Batman wäre auch cool. Kira konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Plötzlich ging ein heftiger Schmerz durch ihre Schultern. Sie schrie auf und…”

Als sie sich plötzlich selbst zu verändern beginnt, von den Anwesenden ehrfürchtig als Prinzessin bezeichnet wird und die Zusammenhänge zwischen ihrem Erscheinen in Anderswelt und der mysteriösen Mordserie erkennt, wird ihr klar, dass ihr Leben mehr aus den Fugen geraten ist, als sie es jemals für möglich gehalten hätte. Als sich dann auch noch der geheimnisvolle Dunkelelbe Prinz Artak unsterblich in sie verliebt muss sie sich eingestehen, dass Anderswelt der beste Platz für sie ist. Ganz besonders jetzt, wo ihr Engelsflügel gewachsen sind.

Anderswelt - Chroniken von Mikki Patrick

Anderswelt – Chroniken von Mikki Patrick

Gemeinsam beschließt man, das Morden zu beenden. Der Weg führt in die Welt der Menschen und eine Zweckgemeinschaft von fabelhaften Gefährten macht sich auf die Reise. Eine gefährliche Reise. Soviel steht fest. Aber die Helden, die sie antreten stellen wohl die schlagkräftigste Reisegesellschaft dar, die man sich vorstellen kann. Wird das den Feind beeindrucken, und kann sich die alte Prophezeiung bewahrheiten, dass ein Mann und eine Frau Anderswelt retten können? Ist Kira der Morgen und Artak die Nacht? Wird der Drachenhort zur Verheißung eines gemeinsamen Lebens? Fragen die nur der Chronist von Anderswelt beantworten kann. Oder die Autorin selbst.

Mikki Patrick schöpft aus dem Vollen ihres erdachten Universums, wenn sie ihre Helden von einer Welt in die andere führt. Sie verliert sich nicht in Beiläufigem, wenn es ihr darum geht, emotional und spannungsgeladen das hohe Tempo ihrer Erzählung zu halten. Darüber hinaus betritt sie für mich absolutes Neuland in diesem Genre, indem sie zwei Sprachwelten in einem Roman vereint. Die Sprache der Anderswelt-Wesen und die Ausdrucksweise einer New Yorkerin, die einfach kein Blatt vor den Mund nimmt. Engelsprinzessin hin oder her. Humor, Action und Liebe. Diese Fantasy-Formel geht auf. Besonders, wenn sie auch noch um ein besonderes schwarzes Einhorn namens Warin bereichert wird.

Das Gesamtpaket stimmt in diesem Roman. Es ist frische New Age Fantasy, die Mikki Patrick in unsere Lesezimmer schickt und die so manchem großen Verlag gut zu Gesicht stehen würde. Das Cover von Mark Freier, das hervorragende Lektorat und die Atmosphäre dieses Romans machen aus diesem Selfpublisher-Erstling von Mikki Patrick ein perfektes Leseerlebnis. Für mich kein Geheimtipp mehr. Das Genre lebt.

Blühende Fantasy bei AstroLibrium - Ein Klick genügt

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