„Die Hexenholzkrone 1“ von Tad Williams – Osten Ard lebt

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

„Sie werden einander so eng verbunden sein, wie Bruder und Schwester nur sein können, obwohl sie viele Jahre getrennt leben werden. Sie wird Länder bereisen, die nie zuvor von einer Sterblichen betreten worden sind, wird verlieren, was sie am meisten liebt, und mit dem, das sie einst verachtet hat, ihr Glück finden… Er wird einen neuen Namen bekommen. Niemals wird ihm ein Thron gehören, aber seine Hand wird Königreiche erheben und stürzen.“

Diese Prophezeiung begleitet mich seit 1994. Es sind die Worte, die im letzten Band der „Osten-Ard-Saga“ von Tad Williams hoffen ließen, dass ich „Das Geheimnis der großen Schwerter“ am Ende noch gar nicht gelöst hatte. Diese geheimnisvollen Worte am Tag der Geburt der Zwillinge Deornoth und Derra, die Prinz Josua und seiner Frau Vara geschenkt wurden, schrieb ich mir ebenso auf, wie mögliche Handlungsstränge in der großen Saga, die vielleicht wieder aufgegriffen werden würden. Doch seit nunmehr 23 Jahren stehen sie als Relikte meines vergangenen Lesens in einem Notizbuch über eine Buchreihe, die ich in Gedanken nie verlassen habe:

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Erst mit dem Erscheinen des Sequels Das Herz der verlorenen Dinge begann ich daran zu glauben, dass Tad Williams seine eigene Prophezeiung nie vergessen hatte und sich schreibend zurück nach Osten Ard begeben hatte. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch war diese Geschichte nicht so viel mehr als der bisher ungelesene Ausklang der großen Saga. Diese Geschichte beleuchtet lediglich, was am Ende der Kämpfe um den Thron auf dem Hochhorst weiter geschah. Sie schließt ein Kapitel ab, führt dabei ein paar neue, bisher unbekannte Charaktere ein und bleibt in sich geschlossen, ohne die Handlungsfäden von einst erneut miteinander zu verknüpfen. Und doch verbirgt sich viel mehr in diesem Buch, als man es auf den ersten Blick vermuten durfte.

Bedeutet doch sein Erscheinen auch das Erwachen der alten Legenden. Bedeutet es doch den ersten literarischen Fanfarenstoß, der die lang ersehnte Fortsetzung einer der größten Fantasy-Geschichten unserer Zeit ankündigt. Jetzt bin ich wieder in Osten Ard. Meine Notizen von einst erwiesen sich als eigene Prophezeiung meiner Hoffnung, dass nicht enden kann, was weltweit so viele Leser begeistert hatte. Ich bin zurück und folge Tad Williams in ein Land, das wir wohl beide niemals ganz verlassen haben. Sein literarischer Kunstgriff, der mich von der ersten Seite an begeistert, ist unbeschreiblich.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Die Hexenholzkrone 1“ – Hobbit Presse / Klett-Cotta

Fast ebenso viel Zeit wie ich auf diese Fortsetzung warten musste, ist auch in der Geschichte vergangen. Genau 30 Jahre nach der letzten Schlacht gegen die Nornen begegne ich einem Königspaar, dem ich ewige Gefolgschaft geschworen hatte. Simon und Miriamel, die ich zuletzt sah, als sie den Thron bestiegen. Ein ungleiches Paar und doch das ewige Sinnbild für unerschrockene Liebe, Kampfesmut, Treue und Güte. Seit 30 Jahren regieren sie nun schon. Den Frieden haben sie über Osten Ard gebracht und im Rückblick hat Bestand, was sie erschufen. Die Menschen sehen sie als:

Den König und die Königin. Sie sehen uns und wissen, dass alles ist, wie es sein soll, dass Gott weiter über sie wacht… Sie sehen, dass die Jahreszeiten kommen und gehen,… dass der Regen fällt und die Ernte wächst. Sie sehen, dass jemand da ist, der sie vor bösen Dingen, vor denen sie Angst haben, beschützt.

Tad Williams jedoch wäre nicht er selbst, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass dieses Bild mehr als trügerisch ist. Er öffnet ein neues Kapitel, erschließt eine neue Saga, die genau bei dieser trügerischen Illusion von Sicherheit beginnt und ganz Osten Ard in den Untergang reißen würde, wären da nicht die Weggefährten aus alter Zeit, die sich dem drohenden Unheil gemeinsam entgegenstellen. Zugegeben sie sind ein wenig gealtert, ihre Knochen sind sehr müde, das Aufstehen fällt schwer, das Reiten gleicht einer Tortur, aber wir sollte niemals jene unterschätzen, die einst Helden waren.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Aber auch hier schöpft Tad Williams aus dem Vollen, indem er neue Charaktere in seinen Zyklus einbringt, die er so brillant beschreibt, als wären sie schon immer Teil der Legende gewesen. Er folgt den initialen Impulsen, die er in „Das Herz der verlorenen Dinge“ selbst gesetzt hat. Besonders interessant ist hier der Aspekt, dass die Nornen ihren Geburtenrückgang durch die Vermischung ihrer Art mit Menschen kompensieren und auf diese Weise Halbwesen erschaffen, die zu Kämpfern ausgebildet werden. Hier vermischt Tad Williams nicht nur das Blut. Hier lässt er mit Nezeru eine Frauengestalt entstehen, die halb Norne, halb Mensch, auch den Fortbestand der Saga entscheidend vorantreibt.

Dieser Mix aus Altem und Neuem macht die auf vier Bände angelegte Fortsetzung des Osten-Ard-Epos zu einem eigenständigen und beeindruckenden Werk. Es ist durchaus möglich, sich dieser Geschichte zu nähern, ohne die vorhergehenden Bände gelesen zu haben. Tad Williams lässt alles Wesentliche aus der Vergangenheit in seine neue Geschichte einfließen, ohne dabei allzu sehr zu repetieren. Für die gewachsenen Leser der Buchreihe allerdings ist es ein Muss, dort fortzusetzen, wo er einst endete. Es ist ein Hochvergnügen, Binabik, Eolair und Tiamak nach so vielen Jahren erneut treffen zu dürfen. Es ist beklemmend, sich von alten Gefährten verabschieden zu müssen und es ist brillant, die Geschichte des Nornen Viyeki weiterverfolgen zu können, nachdem wir ihn erst im „Herz der verlorenen Dinge“ kennengelernt haben. Tad Williams schließt alle Kreise. Er greift alle Handlungsfäden auf und spinnt neue und hochaktuelle Fäden hinzu.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – Das Hörbuch

Und ja. Er bringt uns auf die Spur der Prophezeiung, die mich seit Jahren beschäftigt. Schon in der „Hexenholzkrone“ fühlen wir, dass wir den Zwillingen ganz nah sind und bereits im zweiten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Die Hexenholzkrone 2“ werden wir ihnen ganz bewusst begegnen. Auch das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag hat mich intensiv begleitet. Andreas Fröhlich ist DIE STIMME Osten Ards. Er ist der einzig denkbare Erzähler und sprachlich wandlungsfähige Chronist, der mir diese Geschichte aus Osten Ard erzählen darf. Ich denke, er hat inzwischen Nornenblut in seinen Adern. Das kann man hören, wenn er Viyeki spricht und die großen Gesänge des alten Volkes rezitiert.

Nun gilt es weiterzulesen und zu hören. Das erwartet uns unter dem Gesamttitel der Reihe „Der letzte König von Osten Ard“::

„The Witch Wood Crown” = “Die Hexenholzkrone 1 und 2”
„The Empire of Grass” = “Das Graslandimperium”

„The Navigator´s Children” = “Die Kinder des Seefahrers”

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – So geht es weiter…

Was uns noch erwartet? Mein persönliches Highlight der Frankfurter Buchmesse. Hobbit Presse und Klett-Cotta haben ihn tatsächlich wahr werden lassen: Den Traum, Tad Williams exklusiv für Literatur Radio Bayern interviewen zu dürfen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich viele Fragen habe. Wir hören uns also von der Messe und es wird kein Solo-Interview, da ich von einer besonderen Bloggerin begleitet werde, die zu den ganz großen Osten-Ard-Fans gehört. Überraschung.

Tad Williams -Das exklusive Radio-Interview – Nur hier

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Am Messe-Samstag der FBM17 war es dann soweit. Gemeinsam mit Giulia Vedda begrüßte ich Tad Williams zum Interview am Stand von Klett-Cotta / Hobbit Presse. Das komplette Interview könnt ihr euch HIER bei Literatur Radio Bayern anhören. Eine kleine Interviewkabine sorgte für ein wenig Abschirmung vor dem Messetrubel und wir konnten uns ganz auf unseren prominenten Gesprächspartner einlassen. Tad Williams ließ keine Frage offen und so wurde aus einem literarischen Gespräch in kleiner Runde ein umfassender Ausflug in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Osten Ard.

Ausgehend von der alten Prophezeiung, die diesen Artikel einleitet, ergründeten wir die Motive des Schriftstellers, die zur Fortsetzung der Saga führten, erfuhren, dass Tad seine eigenen „alten“ Bücher lesen musste, um die Details für die neue Reihe wieder in sein Gedächtnis zu rufen und wie wichtig es sein kann, gute Freunde zu haben, die hier mit Rat und Tat zur Seite standen, die man selbst nachts anrufen konnte, um zu fragen ob man einen bestimmten Charakter weiterentwickeln kann, oder ob er vielleicht schon irgendwo in Osten Ard begraben liegt. Neben diesen technischen Informationen waren es auch rein inhaltliche Fragen, die uns beschäftigten. Würde ich der Wölfin Quantaqa jemals wieder begegnen und wie wichtig sind die Mischlinge, wie Nezeru, für das neue Schreiben von Tad Williams?

Was unterscheidet seine Saga von Tolkiens Herr der Ringe“ und wie nah ist Osten Ard an den großen Themen unserer Zeit, wie Rassismus, Fake-News, Ausgrenzung und Gendering? Letztlich beantwortet er sogar Fragen nach seinem Lieblingsort in der Saga, ob er vergleichbare Fantasy-Bücher anderer Autoren selbst besser geschrieben hätte, was er für seine Zukunft plant und ob seine offenen Buchreihen, wie Tinker Farm fortgesetzt werden. Die Antworten werden den geneigten Leser frohlocken lassen. Und doch wächst angesichts meiner letzten Frage ein wenig der Zweifel in mir, ob es mir je vergönnt sein wird, das Ende der Osten-Ard-Saga zu erlesen. Wenn er sie wieder in 23 Jahren fortsetzt, werde ich wohl im Alter von 78 Jahren einen Vorleser benötigen.

Tad Williams im Kreuzverhör mit AstroLibrium und Giulia (Das Buchmonster)

Habt Spaß mit diesem Interview und folgt diesem Link zu Giulias Artikel über einen absolut grandiosen Moment in unserem Leseleben und eine Begegnung, die man nicht so schnell vergessen wird. Osten Ard… Wir kommen. Bald geht es weiter. 

Advertisements

Mit Tad Williams zurück nach Osten Ard

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Ich bewege mich ganz langsam, versuche keinen Lärm zu machen und mich ganz unauffällig zu verhalten. Ich kann es nicht glauben endlich wieder hier zu sein. Ich kann kaum glauben, Namen zu vernehmen, die mir so vertraut sind, als hätte ich sie gestern zuletzt gehört. Dabei ist es nun inzwischen schon mehr als 25 Jahre her, seit ich Osten Ard zum ersten Mal betreten habe. Die frühen 1990er Jahre haben mich in diese ganz eigene Welt aus der Feder von Tad Williams entführt. Die Buchreihe „Das Geheimnis der großen Schwerter“ erzählte von einem sagenumwobenen Land, in dem Menschen miteinander und gegen Elbenwesen um die Vorherrschaft kämpften. Nornen und Sithi verfolgen mich seitdem noch manchmal in meinen Träumen.

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

bildeten eine Tetralogie, die mit ihren verschlungenen Handlungsebenen bestach und dem Genre High-Fantasy nach langer Zeit wieder eine Krone aufzusetzen vermochte. Ich begleitete den jungen unbedeutenden Küchenjungen Simon Schneelocke auf sein großes Abenteuer in einer Welt voller Feinde. Ich sah ihn zuletzt am Ende eines langen Weges als Hochkönig von Osten Ard. Verheiratet mit der wunderschönen Prinzessin Miriamel regiert er in meinem Herzen seitdem vom Hochhorst aus und folgt damit einer Bestimmung, die sich ihm lange nicht erschließen wollte. Die Nornen sind besiegt, ihre ungleichen, jedoch ebenso fast unsterblichen Verwandten, die Sithi, haben Frieden mit allen Menschen geschlossen und sind diesen durch lose Bündnisse verpflichtet. Einige tapfere Weggefährten Simons haben diese Abenteuer nicht überlebt, die Treuesten von ihnen jedoch sind wohlauf und genießen den lang ersehnten Frieden.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

1994 hieß es für mich, Abschied zu nehmen, Osten Ard zu verlassen und in neue Welten einzutauchen. Und doch habe ich diese Geschichte niemals vergessen. Es galt drei Schwerter miteinander zu vereinen. Dorn, Leid und Hellnagel trafen zuletzt in der alles entscheidenden Schlacht aufeinander, berührten sich und entschieden den lange schwelenden Krieg zwischen den Menschen untereinander, den Nornen und Sithi und jenen geheimnisvollen Wesen, die sich allen Seiten angeschlossen hatten. Am Ende war es ein wackeliger, jedoch hart umkämpfter Frieden, der Osten Ard einte. Eine gute Zeit, mich aus dem Staub zu machen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Es war mir eigentlich klar, dass es keine Rückkehr auf den Hochhorst geben würde. Auch Tad Williams hatte anderes vor. Es galt neue Geschichten zu erzählen. Epische Mehrteiler wie „Otherland“ oder „Shadowmarcherblickten das Licht der Bücherwelt. Osten Ard schlief den tiefen Schlaf einer fast vergessenen Welt. Fast vergessen.

Während die guten Gefährten aus alten Tagen zwischen dicken Buchseiten schliefen und Fantasybegeisterte sich auf den Weg nach Westeros begaben, um dem „Game of Thrones“ beizuwohnen (dessen Autor George R.R. Martin in vielen Interviews auf Tad Williams als seine Inspirationsquelle verwies), hatten die wahren Fans Osten Ard nicht vergessen. So viele Fragen nach einer möglichen Fortsetzung musste Tad Williams in den letzten Jahren beantworten, dass er nun selbst mit jenem Gedanken spielte, in das Land seiner Fantasie zurückzureisen, um zu schauen, was sich so getan hatte. Wenn man diesen Schriftsteller kennt, dann weiß man, dass eine solche Reise immer mit den epischsten Konsequenzen für seine Leser verbunden ist. Gottlob.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Was soll ich sagen? Er hat es getan. Wir sind zurück in Osten Ard, nachdem er wohl der Meinung war, die allzu offenen Fragen am Ende der Tetralogie in einer neuen Saga aufgreifen und einer Lösung zuführen zu können. Ich hörte den Schlachtenlärm, hörte die Rufe zu den Waffen und fand mich inmitten einer Streitmacht jener legendären und ungeschlagenen Rimmersmänner wieder, die dem Frieden nicht trauen wollten. Kann es wirklich wahr sein, dass die geschlagenen Nornen immer noch keine Ruhe geben? Konnte es sein, dass die versprengten flüchtenden Gruppen auf ihrem Rückzug in ihre Hochburg im Norden immer weitere Kämpfer um sich scharten. Und was beinhaltet der Sarkophag, den sie in ihrer Mitte tragen?

Das Herz der verlorenen Dingesetzt genau da an, wo „Der Engelsturm“ endete. Es ist, als wäre ich nie fort gewesen und als hätten sich alle dunklen Ahnungen nun in aller Konsequenz bewahrheitet. Unter dem Kommando von Herzog Isgrimnur und in allerbester Gesellschaft mache ich mich auf die Verfolgung der Nornen. Osten Ard ist erneut in Gefahr und die Macht der Nornen scheint nur erschüttert, nicht gebrochen. Es sind die vielen Nornenvölker, die sich nach der Niederlage treffen. Die Baumeister, die Sänger und die opferwilligen Krieger. Den Untergang des ganzen Volkes gilt es nun zu verhindern. Und dies scheint nicht unmöglich, haben die Nornen doch noch einige gute Trümpfe im Elbengewand, mit denen sie Angst und Schrecken verbreiten können.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Unstrittig. Es ist gelungen. Tad Williams hat es geschafft, mich in den Sog meines früheren Lesens zurückzuziehen. Der Strudel ist gewaltig. Und das in einem Buch, das man eigentlich vorsichtig nur als „Sequel“ bezeichnen kann. Die Geschichte ist einfach gehalten. Wir finden wenige parallel verlaufende Handlungsstränge. Alles dreht sich um die Verfolgung der letzten Nornen. Nur diese beiden Seiten sind von Belang. Williams entfaltet trotzdem den gesamten Kosmos seines erzählerischen Vermögens. Er bringt uns in Herz einer Erzählung zurück, die er selbst als Überleitung zu einer endgültigen Fortsetzung der Saga von Osten Ard empfindet. Während wir hier erfahren, warum die Nornen nicht gänzlich vernichtet werden können und wo das Potenzial für künftige und weit in der Zukunft liegende Konflikte liegt, wird er uns schon in wenigen Wochen mit diesem gemeinsamen Wissen am Wegesrand aufsammeln und uns am Lagerfeuer der High-Fantasy erzählen, wie es weitergeht. Dreißig Jahre nach dem letzten Gefecht.

„Der letzte König von Osten Ard“ lautet der Arbeitstitel des neuen Mehrteilers, in dem die Nornen zu neuer Kraft erwachen und bestrebt sind, verlorenes Territorium in Osten Ard zurückzuerobern. „Die Hexenholzkrone“ erscheint bei Hobbit Presse schon am 09. September und am 11. November in zwei Teilen. Zu episch ist sein Schreiben, um der Veröffentlichungsreihenfolge der Originale treu zu bleiben. Folgende Bände der neuen Trilogie werden uns schon bald unser Lesen und Hören intensiv beschäftigen:

„The Witch Wood Crown“ – im Original ein einzelner Band
„The Empire of Grass“
„The Navigator´s Children“

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Es ist also schon abzusehen, dass aus der originalen Trilogie in Deutschland erneut mehr Bücher werden, als es den Anschein haben könnte. Lassen wir uns überraschen. Tad Williams nimmt sich den Raum, den er zum Schreiben benötigt. Er fordert uns auf, ihm mit voller Konzentration zu folgen und er hat bisher immer Wort gehalten und seine Reihen beendet (was man von George R.R. Martin nicht gerade behaupten kann). Wir dürfen uns auf eine neue Reise nach Osten Ard freuen, werden Bekannten begegnen und neue Weggefährten finden. Ich werde die neue Reihe lesen und hören. Auch „Das Herz der verlorenen Dinge“ habe ich mir in weiten Teilen von Andreas Fröhlich, dem Osten-Ard-Veteranen aus dem Hause Der Hörverlag vorlesen lassen. Auch er scheint mit dieser Welt so verwachsen, dass ihm selbst Nornengesänge leicht von den Lippen kommen. Grandios.

Bald ist es also soweit. Folgt mir doch einfach zu den magischen Schauplätzen einer epischen Saga, die nun ihre lang erwartete Fortsetzung findet. So, wie auch die Reise des rezensierenden Weggefährten aus der kleinen literarischen Sternwarte fortgesetzt wird. Ich freue mich auf diese neuen Abenteuer. Ich bin Tad Williams dankbar, dass er so schreibt, wie er immer schrieb. Vorurteilsfrei gegenüber seinen eigenen Figuren. Er beschreibt selbst den größten Feind der Menschen in seinen Büchern so tiefgründig, in so unterschiedlichen Facetten, dass es unmöglich ist Gut und Böse klar zu trennen. Ein Wesensmerkmal seiner Romane. Hilfreich auch für das Leben jenseits der Fantasy.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Folgt mir! Zu den Waffen. Und zu meinem Interview mit Tad Williams… bald…

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

J.R.R. Tolkien – „Beren und Lúthien“ – Ein Vermächtnis

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Er ist der Hüter eines der größten Vermächtnisse in der Geschichte der Fantasy-Literatur. Seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1973 widmet sich der heute 93-jährige Christopher Tolkien dem literarischen Nachlass von John Ronald Reuel Tolkien. Im Laufe seines Lebens war er nicht nur Zeuge der Entstehungs­geschichte der Legen­den von Mittelerde, er ist auch heute noch der einzige lebende Mensch, der in der Lage ist, die unglaub­liche Materialmenge aus dem Nachlass seines Vaters überschauen und in den Kontext des Gesamt­werks ein­ordnen zu können. (Weiterhören: HIER)

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien bei Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Es ist eine eigene und große Geschichte, wie tief der Sohn dem Werk seines Vaters verpflichtet sein kann, wie aufrichtig, wissenschaftlich, akribisch und liebevoll er all die losen Manuskriptfäden, Notizberge und eigene Erinnerungen sortiert, archiviert und in immer wieder erstaunlichen Umfängen unveröffentlichte Werke seines Vaters postum publiziert hat. Ohne den jüngsten Tolkien-Sohn gäbe es weder das „Silmarillion“, noch das „Buch der ver­schol­lenen Geschichten“ oder „Die Kinder Hurins“. Diese Bücher hätten niemals das Licht der Bücherwelt erblickt und uns Wanderer in den tiefen Tälern des Auenlandes orien­tierungs­los herumirren lassen.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Der Hobbit und Der Herr der Ringe“ wären für uns noch immer Bücher mit sieben Siegeln und die gesamte kreative Wucht ihres Schöpfers würde in den Regalen seiner Nachlässe schlummern. Nun steht auch Chris­topher Tolkien selbst kurz vor dem Ende seines großen Weges als Chronist seines Vaters. In diesem Bewusst­sein vollendet er sein eigenes Schaffen und schließt damit einen emotionalen Kreis, der mit einem Brief J.R.R. Tolkiens begann, in dem er seinem Sohn ein Vermächtnis im Vermächtnis auf die Fahne schrieb.

„In einem Brief an mich, meine Mutter betreffend, geschrieben im Jahr nach
ihrem Tod, das auch das Jahr vor seinem eigenen war, schrieb er von dem überwältigenden Gefühl des Verlusts und von seinem Wunsch, unter ihrem Namen auf dem Grabstein das Wort „Lúthien“ eingravieren zu lassen.“

So kann man es noch heute lesen. Edith Mary Tolkien „Lúthien“ 1889 – 1971. Der Wunsch wurde erfüllt und dem geneigten Mittelerde-Liebhaber wird auf­fallen, dass dies nicht der einzige verborgene Hinweis auf dem Gemeinschaftsgrabstein der Tolkiens ist. Und so findet man bis heute das Wort „Beren“ unter dem Namenszug des legendären Schrift­stellers. Was bedeuten diese Namen? Warum stehen sie im Nach­hinein für das Leben eines Ehepaars, das durch das Werk des Ehemannes unsterblich wurde? Eine Frage, die Christopher Tolkien spät, aber keines­falls zu spät beantwortet.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Beren und Lúthien. So heißt auch das vielleicht letzte Werk aus seiner Feder. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die in Mittelerde zueinander fanden. Lange bevor wir das Auenland betraten, Hobbits, Elben oder Zwerge kennenlernten, von der Macht eines Ringes erfuhren und mit dem großen Gandalf in die Schlacht zogen, um Sauron für immer zu besiegen. Das Mittelerde Tolkiens bestand niemals nur aus zwei Werken, die bis in unsere Zeit überdauert haben. Für ihn war es ein gesamter Kosmos, der aus Völkern, Land­schaften, Legenden, Gedichten, Gesängen und Sprachen bestand. Eine ganze Welt erschuf J.R.R. Tolkien und wenn wir weit genug zurückblicken, können wir sie noch deutlich erkennen. Den Menschen Beren und die unsterb­liche Elbin Lúthien, die sich ineinander verliebten und für eines der ersten Bündnisse zwischen Menschen und Elben stehen.

Ein Bündnis, das in einer Geschichte erzählt wird, die vor allen Legenden spielt, die wir kennen. Eine Ge­schich­te, die alles hat, was der Kosmos Mittelerde zu bieten hat. In vielen Fragmenten finden wir im Herrn der Ringe Hinweise auf die Geschichte, die man sich seit­dem an den Lagerfeuern erzählt. Sie handelt von Beren, der sich unsterb­lich in die Elbin Lúthien verliebt. Wobei der Begriff unsterbliche Liebe schon alles umschreibt, was man wissen muss, um sie selbst zu lieben. Wenn sich eine unsterb­liche Elbin Hals über Kopf in einen Sterblichen verliebt, dieser jedoch einen Silmaril aus der Krone des dunklen Herrschers rauben muss, um die Zustimmung ihres Vaters zu gewinnen, dann liegt hier alles Potenzial für eine epische Legende verborgen.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Beren droht zu scheitern. Zu gewaltig ist die Aufgabe für einen Sterblichen. So ist es an Lúthien für ihre Liebe zu kämpfen, sich an Berens Seite zu gesellen, Bünd­nisse mit gefährlichen Wesen einzugehen, ihren Zauber wirken zu lassen, allen Wider­ständen zu trotzen und am Ende des gemeinsamen Kampfes eine Ent­scheidung zu treffen, die sie selbst betrifft. Am Scheide­weg zwischen Leben und Tod bringt sie ein Opfer, das Beren rettet, sie selbst jedoch sterblich werden lässt. Die Unsterb­lichkeit der Liebe begründet sich in der Ver­gäng­lichkeit der schönsten Elbin, die je gelebt hat.

Christopher Tolkien arbeitet die Fragmente der Ge­schichte aus den Erzählungen seines Vaters heraus. Er setzt sie aus einzelnen Mosaik­­steinchen zusammen, erklärt ihre Ent­stehung, ihre Verbindungen zum großen Ganzen und lässt erstmals entstehen was zuvor nie in dieser Klarheit zu lesen war. Er bedient sich des „Silma­rillions“, geht zu den Anfängen der Legende zurück und verfolgt die Spuren die „Beren und Lúthien“ in Mittelerde hinter­lassen haben. Gedichte und Lieder zeugen ebenso von ihrer Liebe, wie die über­lieferten Texte. Ein tiefes Bild der unendlichen Liebe entsteht und endet im Herrn der Ringe, als wir erkennen, dass der große Elbe Elrond einer der Nach­fahren der unsterblich Verliebten ist. Hier erlangen seine Worte von den Bündnissen zwischen Elben und Menschen eine völlig neue Dimension.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

So, und nun keine Angst vor diesem Buch. Christopher Tolkien schreibt einerseits natürlich für die große Fangemeinde von Mittelerde. Er weiß so viel, dass er sich nicht immer zügeln kann, wenn es um Hintergründe und Wissenswertes geht. Allerdings hat er sich der Auf­gabe verschrieben, die Legende von „Beren und Lúthien“ für alle Leser verständlich zu präsen­tieren. Dies gelingt ihm herausragend im Zusammenführen aller Fragmente seines Vaters und durch viele Aus­schnitte aus dem „Leithian Lied“, in dem diese unsterb­liche Liebe in Reimform besungen wird. Nicht nur für Insider von Tolkien und seiner Welt ein absoluter Hoch­genuss. Auch eine wahre Freude für Fans von Alan Lee, der dieses Buch reichhaltig in Farbe und mit vielen Skizzen grandios illustriert hat.

So gelingt Christopher Tolkien erneut ein literarisches Meisterwerk. Er verschafft seinem Vater erneut Gehör und belässt die Passagen der erzählten Geschichte so, wie man es vom Großmeister der Fantasy kennt. Und ganz nebenbei schließt er den Kreis zum eigent­lichen Vermächtnis seines Vaters, das noch heute auf dem Grabstein lesbar ist. Sterblich waren beide. Edith und John. Unsterblich wurden sie miteinander und im unver­gessenen Ge­samt­werk des Schrift­stellers, das nur entstehen konnte, weil ihn die Liebe inspirierte. Einer der ganz großen Sehn­suchts­momente außer­halb von Mittelerde und doch ein tiefer Moment, der alles erklärt, was Tolkien jemals schrieb.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien