„Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau – Ein Generationsporträt

Die Glücklichen von Kristine Bilkau - Eine neue deutsche Stimme

Die Glücklichen von Kristine Bilkau – Eine neue deutsche Stimme

Vater – Mutter – Kind. So hieß das Spiel, das wir früher gespielt haben, als wir noch Kinder waren. Es war ein Spiel mit traditionellen Vorstellungen von Familie und Beruf, von Heim, Haushalt und von gemeinsamen Idealen. Ein Spiel, in dem wir versuchten die Welt, in der wir behütet aufwuchsen in die Zukunft zu spiegeln. Eine heile Welt, die von klaren Rhythmen gekennzeichnet war. Und von Rollenbildern, denen wir als Kinder nacheiferten.

Was aber, wenn aus diesem Rollenspiel in der später gelebten Realität und in Folge von Alltag, Stress und Beruf ein zyklischer Lebensrhythmus entsteht, der ein Familienleben im eigentlichen Sinn als „Mutter – Kind“ / „Vater – Kind“ – Muster erkennen lässt? Was, wenn sich Familien im täglichen Ablauf nur noch punktuell finden und das gemeinsame Kind zum Staffelstab wird, den man in aller Eile und Hetze übergibt, um den täglichen und nächtlichen Pflichten zu folgen? Und damit auch den Sorgen, Ängsten, Hoffnungen…

Und was geschieht, wenn dieser manifestierte Rhythmus schlagartig durch äußere Einflüsse zerstört wird und man sich im herkömmlichen Familienbild wieder zur gleichen Zeit am gleichen Ort befindet? Ist man dann noch in der Lage miteinander zu reden, sich zu finden, sich zu schätzen, sich zu vertrauen? Und wo bleibt die Liebe?

Die Glücklichen von Kristine Bilkau - Eine neue deutsche Stimme

Die Glücklichen von Kristine Bilkau – Eine neue deutsche Stimme

„Meine Hände werden nicht zittern.“

Mit diesen Worten zieht uns Kristine Bilkau in ihren Roman „Die Glücklichen aus dem Luchterhand Verlag. Sie thematisiert den Parabelflug einer Beziehung, in der sich alles um den kleinen Matti zu drehen scheint. Noch bevor er seine ersten eigenen Schritte macht ist das Leben seiner Eltern Isabell und Georg so organisiert, dass sowohl berufliche Selbstverwirklichung, wirtschaftliche Absicherung und die erhoffte Unbeschwertheit des Familienlebens zu Parametern der Existenz erhoben wurden.

Doch Familienleben findet nicht statt. Der Journalist Georg kommt dann nach Hause, wenn seine Frau Isabell auf dem Weg ist, mit ihrem Cello die Wohnung zu verlassen, um im täglichen Orchestergraben zu verschwinden und einem Musical die Leichtigkeit des Seins einzuhauchen. Matti ist Mittelpunkt – das Auge des Orkans. Und doch erlebt er Familie immer nur zu zweit. Gemeinsames ist rar gesät.

Wie ein Biotop wirkt die Szenerie, die Kristine Bilkau beschreibt. Das Mietshaus, in dem die kleine Familie wohnt, wird gerade renoviert. Planen verdecken die Aussicht aufs normale Leben, eingesponnen, wie im Kokon ihrer selbst, erlebt Isabell den lichthellen Tag mit ihrem Sohn in der Wohnung. Die Privatsphäre eingeschränkt durch Bauarbeiter auf dem Gerüst, scheint sie sich trotzdem in diesem „Glashaus“ der Kleinbürgerlichkeit sicher und wohl zu fühlen.

Die Glücklichen von Kristine Bilkau - Eine neue deutsche Stimme

Die Glücklichen von Kristine Bilkau – Eine neue deutsche Stimme

Wäre da nicht das Zittern. Wäre da nicht die Angst, die immer mehr von ihr Besitz zu ergreifen scheint. Wäre da nicht das allabendliche Versagen im Orchestergraben. Wie Hilferufe und laute Appelle an sich selbst schreibt sie die Nachricht auf kleine Zettel. „Meine Hände werden nicht zittern“. Bis sie einen ihrer eigenen Zettel findet auf dem sie wie aus Versehen schrieb „Deine Hände werden nicht zittern“. Sie beginnt sich zu entfremden. Von sich selbst. Von ihren Händen, von ihrem Cello. Nur die Familie bleibt.

„Sie spielte wie unter einer Glasglocke. Jeder konnte ihr dabei zusehen. Sie hatte den Klang verloren, und die Leichtigkeit.“

Den Schritt nach vorne wagt sie nicht. Das Gespräch mit Georg bleibt aus. Die eigene Schwäche und Angst zuzugeben, dazu fehlt in den kurzen gemeinsamen Augenblicken am Tag die Zeit. Gemeinsames ist rar. Ihr bleibt keine Chance. Auftritte mit dem Orchester sind nicht mehr machbar und so nimmt sie eine Auszeit. Die Schulter wird vorgeschoben, um die Angst zu verbergen. Das Zittern bleibt.

Die Glücklichen von Kristine Bilkau - Eine neue deutsche Stimme

Die Glücklichen von Kristine Bilkau – Eine neue deutsche Stimme

Als dann Georg seinen Job verliert wird aus dem Parallelogramm einer Beziehung zum ersten Mal seit langer Zeit eine gemeinsam bewohnte Linie. Vater – Mutter – Kind. Und aus dem ehemaligen Rhythmus aus Verdrängung, Isoliertheit und Alltagsfluchten soll nun das entstehen, was alle Beteiligten nicht beherrschen. Eine Familie.

Doch dazu ist der Druck zu groß. Überlebenskampf ist keine gute Voraussetzung für Idylle. Das bisherige Schweigen, das Verbergen von Ängsten, das in sich alleine Sein führt nun dazu, dass der neue Entwurf nicht funktioniert. Ihm fehlt die Perspektive und das Ziel. Zuhause sitzen und auf eine unbestimmte Zukunft warten, ohne sich selbst steuern zu wollen. Musiklos, tonlos, brotlos, hoffnungslos.

Als die Renovierung des Hauses abgeschlossen ist, verschwindet die Plane und das Draußen wird schlagartig sichtbar, wie ein Sprung zurück in die Realität. Gleichsam ein Weckruf für Isabell und Georg. Klarsicht und Transparenz könnten Einzug halten, wenn sie gemeinsam ausziehen um ein Leben zu finden, in dem sie das bewahren, was in ihrem tiefsten Inneren ihr eigentliches Ich ausmacht: Das WIR.

Die Glücklichen von Kristine Bilkau - Eine neue deutsche Stimme

Die Glücklichen von Kristine Bilkau – Eine neue deutsche Stimme

Kristine Bilkau entwickelt sich in ihrem Debüt „Die Glücklichen“ zu einer deutlich wahrnehmbaren deutschen Literaturstimme, die von der tiefen Verunsicherung einer Generation erzählt, die nur noch durch ihre Eltern an traditionelle Familienentwürfe erinnert wird. Und genau von diesen Bildern wollte man sich entfernen. Man hatte ja ihr Scheitern erlebt, die Rollen von Vater und Mutter reflektiert und steht nun selbst am Scheideweg des eigenen Entwurfs. Die eigene Vergangenheit ist Ballast, der bei näherer Betrachtung jedoch mehr Wurzel ist, ganz selten nur ein Katapult.

Kristine Bilkau ist eine formidable Charakterzeichnung ihrer beiden Protagonisten gelungen. Nur in der Schnittmenge der Gemeinsamkeiten liegt ihre Stärke, in den großen Randbezirken der Ehe beginnen die Grauzonen. Extreme, wie Träume vom endgültigen Ausstieg bis zur wachsenden Sehnsucht nach Trennung prallen da aufeinander, wo ein Zusammenprall die größten Schäden hinterlässt. Bei Matti, dem gemeinsamen Kind.

Isabells Zittern ist das Zittern einer ganzen Generation. Es steht für das Zittern jeder Mutter, jeder Familie und jeder Beziehung. Isabell ist das Espenlaub unserer Gesellschaft. Sie zittert aus sich heraus. Die Versagensangst überschattet alles. Und Georg hat dem nichts als seine Tagträume entgegenzusetzen. Das ist nicht viel, oder? Aber glaubt mir… Ohne Träumer geht es nicht. Wir finden uns in „Die Glücklichen“ wieder. Die Plane des renovierten Hauses inkludiert unsere eigenen Entwürfe und verdeckt den Blick auf die Realität. Erst als das Licht kommt, beginnt sich der Schleier zu lüften. Aber es ist ein grelles Licht. Es schmeichelt nicht.

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Ich lebte im letzten Jahr für 5 Monate hinter einer solchen Plane. Transparent und doch undurchsichtig. Ungestörte Tage gab es nicht. Lärm und Menschen auf dem Gerüst ließen das Biotop Familie jeden Tag darauf hoffen, dass es wieder hell wird. Kristine Bilkau umschließt uns alle in diesem Kokon, der nur auf den ersten Blick so sicher und intim erscheint. Er ist fragil, von Rissen durchzogen und von vielen Grauzonen umgeben.

Der Autorin ist in ihrem ersten Buch ein großartiger Blick auf das Innenleben von Menschen gelungen, die von heute auf morgen die Basis verlieren, auf die sie zuvor nur allzu blind vertraut haben. Der Kreis, den Kristine Bilkau in ihrer Charakterstudie schließt ist berührend, bewegend und greifbar. Nach vorne kommt man nur, wenn man sich und seine eigene Vergangenheit annimmt. Ein Erbe ist niemals Ballast. Sich seinem Erbe zu stellen, bedeutet, sich seinen Wurzeln zu öffnen.

Kristine Bilkau liest sich spannend. Ihre Schreibe ist melodisch wie ein Cello, dabei verletzlich wie ein Tremolo und verzweifelt wie ein Stakkato. Die Melodie ihres Romans ist traurig. Als würde alles dem Untergang entgegen streben. Aber der Roman trägt den Titel „Die Glücklichen“ – zu Recht. Ich habe viele Fragen an die Autorin und freue mich sehr darauf, sie in Leipzig interviewen zu können.

Die Glücklichen von Kristine Bilkau - Eine neue deutsche Stimme

Die Glücklichen von Kristine Bilkau – Ein Klick zum Interview

Ich werde nicht alleine sein. Anja Schmidt wird mich begleiten und erstmals werden wir das Interview auch für das Literatur Radio Bayern aufnehmen und es noch während der Messe per PodCast verfügbar machen. Ein exklusives Exemplar des Buches werde ich beim Interview bei mir haben. Hinterlasst doch einen Kommentar zu diesem Artikel und verratet mir, welche Widmung Kristine Bilkau für euch in „Die Glücklichen“ schreiben soll.

Sie wird sich für eine Widmung entscheiden und dann kommt dieses grandiose Buch mit deiner persönlichen Widmung zu dir!

Anjas Artikel in „Zwiebelchens Plauderecke“ ist mehr als lesenswert…

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30 Gedanken zu „„Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau – Ein Generationsporträt

  1. Lieber Arndt,

    auch noch einmal hier mein Kommentar zu diesem tollen Artikel:
    Passende und wundervolle Worte für ein starkes Buch mit leisen Zwischentönen. Und du hast recht, wenn wir ehrlich in uns gehen, wird jeder von uns einen Teil von sich selbst in diesen beiden Protagonisten wiederfinden. Ich freue mich schon sehr auf Donnerstag! Da werden dann mir vor Aufregung die Hände bzw. eher die Stimme zittern…..

    LG Anja

  2. Im Kokon mit zitternden Händen. Ein Bild das mich gerade beschäftigt und ich bewerbe mich gerne für dieses individuelle Buchgeschenk. Diese Worte hätte ich gerne drin. „Meine Hände werden nicht zittern“. Das lässt mich nicht los.

    Toll, was du auf die Beine stellst, um deine Leser glücklich zu machen.

    Die Elli

    • Elli, ich denke es würde in dein Regal passen und sich dort in deinen Kokon begeben. Und musikalisch ist das Buch zudem. Ob das nicht passt… Dein Lesehut ist im Ring… guter Wurf…

  3. Das Buch von Frau Bilkau scheint so zart und leise in einen inneren Auf- und Umbruch zu führen, dass es mich lyrisch verführt und neugierig macht auf:
    „Eine kleine Lesezärtlichkeit, eine Träne an den Wurzeln, die Hände blühen zugewandt – meine Weile – deinetwegen.“

  4. Pingback: Die kleine literarische Sternwarte und die LBM 15 | AstroLibrium

  5. Oh Arndt…welch leise und wundervolle Worte, die direkt ins Herz gehen und lange nachklingen…ich war ja schon am Anfang neugierig, wie ich das erste Mal den Titel und das Cover gesehen haben, dann der „Klappentext“…und nun diese wundervolle Besprechung von dir. Toll! Jetzt möchte ich das Buch unbedingt lesen….und ihr seid mal wieder schuld… *grins*
    Ich wünsche dir und Anja morgen ein zauberhaftes Interview. Bin natürlich schon sehr gespannt….eine Widmung habe ich mir selbstverständlich auch überlegt, springe gerne in das Lostöpfchen =)
    …..“Für Verena, die Echte, die Starke, die Kämpferin, die Stolze, die Siegerin, die Umsorgende, die, die hoffentlich nie vergisst, was ihr Name bedeutet, warum sie ihn trägt und welche Aufgabe mit ihm verbunden ist. Für Verena, die um ihr Glück kämpfen und ihren Herzens- und Glücksort finden wird…“
    Ich hoffe, sie ist nicht zu lang geworden…habe mir auch lange überlegt, ob ich das nicht kürzen wollen würde, aber ehrlich gesagt würde ich mich über so eine Widmung wahnsinnig freuen.
    Liebe Frau Bilkau, ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg mit ihrem Debüt….es hört sich zauberhaft an…
    Zum Schluss noch ein Zitat aus einem alten Kinderbuch („Opa Henry sucht das Glück“):
    „Jetzt weiß ich was Glück ist. Es ist für jeden etwas anderes und für alle dasselbe. Es kann klein oder groß sein, süß duften, herzlich lachen oder auch bellen. Es hat ganz verschiedene Namen. Du kannst es hier und dort, überall oder nirgends finden. Du kannst es auf eine Distanz von Tausenden von Kilometern sehen oder direkt vor der Nase haben und so blind sein, dass du daran vorbeirennst.“
    Auf das wir unser Glück erkennen, wenn wir es sehen… ❤

  6. eine sehr schöne und berührende rezension! danke!
    meine widmung würde lauten:
    „für dalia, die das glück hat eine glückliche zu sein; das herz voller liebe und die seele noch frei“

    viel spaß noch in leipzig! 🙂

  7. Ich würde mir reinschreiben lassen:
    Jeder ist seines Glückes Schmied. Selbst die kleinsten Dinge können glücklich machen. Deshalb genieße jede Sekunde 🙂

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    • Die Melodie zeigt aber, dass es sehr wertvoll ist, das eigene kleine Orchester immer wieder zu stimmern. ansonsten bleiben am Ende eines Lebensweges nur Solisten, die nicht mehr miteinander harmonieren.

      Hoffnung gehört zu diesem Roman dazu…

  13. Eine Frage: Wass könnte die Importantz oder Deutung sein von wass Kristine antrifft im Laden ihrer verstorbenen Schwiegereltern?

  14. Pingback: |Rezension| Die Glücklichen - Kristin Bilkau • Literatour.blog

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