WEST von Carys Davies – Die Story des Jahres

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

Ich kann mich kaum beherrschen. Es fällt schwer, nur eine Rezension zu schreiben und nicht gleich eine ganze Geschichte zu erzählen, die mich wie ein literarischer Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Es gibt Momente im Leben, da wäre es einfach nur schön, im Kreise guter Freunde an einem Lagerfeuer zu sitzen und die Frage: „Kennt jemand eine gute Story?“ mit einem wissenden Lächeln zu beantworten und dann im Lichtschein der züngelnden Flammen loszulegen. Es gibt Momente im Leben, in denen die Vorstellung der erstaunten Gesichter der Zuhörer am Ende der Geschichte alleine schon ausreicht, um den Tag zu einem Glückstag zu machen.

Ungefähr so muss sich Carys Davies gefühlt haben, als sie damit begonnen hat, ihren Roman WEST zu schreiben. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es muss ein göttliches Gefühl gewesen sein, diese Geschichte zu entwickeln und einer Idee zu folgen, die ebenso unverbraucht wie bestechend ist. Und doch wird sie schon bei den ersten Zeilen gewusst haben, dass sie auf jenen magischen Moment verzichten muss, am Ende ihrer Story in die fassungslosen Gesichter der Menschen schauen zu können, die ihr auf dem Weg durch ihren Wilden Westen gefolgt sind. Das erleben nur Erzähler, die in der traditionellsten Form des Storytelling die mündliche Überlieferung pflegen.

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

Ich werde natürlich den Teufel tun und hier die Geschichte erzählen. Aber glaubt mir, ich bin ganz nahe davor. Es ist zu verlockend, weil sie einfach zu gut ist. Ich werde mich beherrschen, schön brav bei der Rezensenten-Fahne bleiben, um meiner Mission zu folgen. Gute Geschichten möchte ich finden. Gute Geschichten möchte ich Euch an die Leserherzen legen. Gute Geschichten vor dem Untergang im endlosen Dickicht der zahllosen Neuerscheinungen zu bewahren, ist mein Ziel. Literarische Fixsterne möchte ich auf der Sternenkarte meiner kleinen literarischen Sternwarte zum Strahlen bringen. Genau einen solchen Leitstern habe ich hier in meiner Hand. Eine Geschichte, die man im Leben nicht vergessen wird. Ein Western, der jedoch alles ist, nur kein Western, wie sie normalerweise im Buche stehen.

„WEST“ von Carys Davies ist ein Roman mit Spurenelementen von Midlife-Crisis, MeToo-Szenarien, Expeditionen und Entdeckerreisen, Pioniergehabe und Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung. Und das alles in einem Format, das mit 200 Seiten vielleicht eher an eine etwas überdimensionierte Kurzgeschichte erinnert, als an einen Wild-West-Wälzer voller Naturbeschreibungen und ausschweifenden Schießereien. Es geht um viel mehr in dieser Geschichte, die man in nur wenigen Stunden mit Haut und Haaren verputzt. Ein Leckerbissen für literarische Gourmets. Eine unvergessliche Story mit einem unglaublichen Twist in der Mitte des Buches, der dem geneigten Leser jeden noch denkbaren Atemhauch stocken und den Tränen freien Lauf lässt. Ein Wendepunkt wie ein apokalyptischer Dampfhammer. Für immer verbunden mit einem Fingerhut aus Kupfer, einer rosa-weiß gestreiften Damenbluse, einem Zylinder, einem brauen Mantel, einer Blechkiste und Stricknadeln. Glaubt mir, das Bild geht nicht mehr aus dem Kopf.

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

Pennsylvania, 1815. John Cyrus Bellman. Witwer, Vater seiner 10jährigen Tochter Bess. Maultierzüchter und an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob das schon alles gewesen sein kann. Als er in der Zeitung von geheimnisvollen Knochenfunden in Kentucky liest, packen ihn Neugier, Abenteuerlust, Forscherdrang in gleichem Maße, aber eigentlich ist es eine Flucht vor dem immer gleichen Alltag. Cyrus packt und geht. Er packt lebenswichtige Dinge ein, persönliche Andenken an seine tote Ehefrau und Tauschwaren für Indianer, die ihm begegnen. Er folgt einer Idee und lässt seine kleine Tochter Bess bei seiner Schwester zurück.

Er verspricht seiner Tochter, regelmäßig zu schreiben, aber angesichts der vor ihm liegenden Distanz scheint es ein Abschied für lange Zeit zu sein. Länger jedenfalls, als es Bess lieb ist.

„Bess nickte. Ihre Augen brannten. Das war viel länger, als sie erwartet hatte.
„In zwei Jahren bin ich zwölf.“
„Ja, dann bist du zwölf.“
Er hob sie hoch und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.“

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

An diesem Punkt beginnt Cyrus Bellmans Ritt. Eine Forschungsreise ohne genaues Ziel. Hauptsache ausbrechen aus dem Trott des Lebens. Während er nach einer neuen Welt für sich sucht, zieht Zeit ins Land. Er trifft auf den Indianerjungen Alte Frau in der Ferne, der ihn fortan als Scout begleitet. Sein Lohn: Glasperlen, Spiegelscherben und bunte Bänder aus der Blechkiste von Cyrus Bellman. Was der Indianer in ihm sieht, ist für Bellman nicht zu erkennen. Weiße haben die Schwester des Indianers vergewaltigt und getötet, bevor sie den ganzen Stamm vertrieben. Es ist tiefer Hass, der mitreitet.

Während Bellman die Natur erforscht, drohen die Ereignisse zuhause zu entgleiten. Aus Bess wird das Forschungsobjekt der Männer in der Umgebung. Sie warten nur auf den richtigen Moment. Und der wird kommen. Dann ist sie fällig. Schutzlos ausgeliefert und herrlich jung. Sexuelle Belästigungen nehmen zu. Die Welt von Bess wird eng. Das Ende ist vorprogrammiert. Aus diesem Szenario entwickelt Carys Davies einen Plot mit zwei Handlungssträngen, die tausend Meilen voneinander entfernt ablaufen. Wir lernen die Menschen kennen, an deren Seite wir durch das Land reiten. Ahnen ihre Motive und Denkweisen. Lösen uns von Vorurteilen und beginnen zu vertrauen. Gleichzeitig haben wir unfassbare Angst um die kleine Bess, die zum Freiwild mutiert.

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

Dann schiebt sich uns ein Bild in den Weg, an dem wir verzweifeln. Ein Bild, dem wir glauben schenken und das uns extrem verstört. Ein Cut in der Geschichte, der uns mitten im Roman davon überzeugt, dass an dieser Stelle alles endet. Doch genau hier geht es eigentlich los. Weg mit unseren Vorurteilen, weg mit einem oberflächlichen Bild und weg mit der Angst. Ein atemlos machender Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wer hier reitet, das muss selbst erlesen werden. Was er bei sich trägt, das darf niemals verraten werden. Carys Davies schreibt hier nicht den Showdown eines Westerns. Sie schafft es multiple Ebenen in einem dramatischen Szenario zu einer geschlossenen Einheit in der stillstehenden Zeit zu vereinen. Ein Ende, das man nie vergessen wird, weil alle Bilder und Gegenstände dieser Geschichte zu einem neuen Werk verwoben werden.

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Hier geht es zu weiteren WESTERN in der kleinen literarischen Sternwarte.

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

WEST“ von Carys Davies / Luchterhand Verlag / Hardcover / dt. von Eva Bonné / 208 Seiten / 20 Euro

All das zu verlieren von Leïla Slimani

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Sie ist für mich keine Unbekannte. Leïla Slimani hat die Grundfesten meines Lesens mit ihrem ersten großen internationalen Erfolg und Prix-Goncourt-prämierten Roman „Dann schlaf auch du“ nachhaltig erschüttert. Ich kenne viele LeserInnen des Buches, die sich nicht mehr trauen, ihren Nachwuchs einem Kindermädchen anzuvertrauen. Zu drastisch hat sich das Bild einer Nanny eingeprägt, die eine Familie wie ein feindliches Territorium besetzte und sich bitterlich an ihr rächte, weil sich keine weiteren Geburten abzeichneten und das Kindermädchen überflüssig wurde. Grandios erzählt, emotional und empathisch zugleich. Und trotzdem saß man am Ende des Lesens gezeichnet vor einem Roman, der das Unvorstellbare erzählte.

Keine Frage, ich musste Leïla Slimani weiter folgen. Auch, wenn das aktuelle Buch vor „Dann schlaf auch du“ geschrieben wurde, wollte ich auf der Fährte der großartigen französischen Erzählerin mit marokkanischen Wurzeln bleiben. „All das zu verlieren“ hörte sich an, als würde es den melancholisch authentischen Stil der Schriftstellerin in einen Roman transportieren, der erneut von Verlustängsten charakterisiert ist. Ich war mehr als gespannt, gab nicht viel auf den Klappentext und die Werbeslogans, die mich auf die Fährte einer „neuen Madame Bovary“, die Zerrissenheit einer Gesellschaft und ein völlig ungewöhnliches Frauenbild geführt hätten. Nur gut, dass ich mich unbelastet ausgeliefert habe. Gut, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was mir passiert..

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Ich möchte vorausschicken, dass ich durch die seit zwei Jahren geführte MeToo-Debatte mehr als sensibilisiert bin. Ich hinterfrage offensiv, welche unbewussten und bewussten Fehler mir im Umgang mit Frauen unterlaufen sind. Was war anzüglich, was falsch zu verstehen und was sogar vielleicht verletzend. Sensibilisiert wurde ich für das Thema auch durch Bücher, die sich dieser aktuellen Thematik verschrieben hatten. Ich muss hier „Die Aussprache“ von Miriam Toews anführen, weil die Autorin hier explizit auf eine Mikro-Gesellschaft eingeht, in der Frauenfeindlichkeit in jeder Beziehung zum Status quo erhoben wird. Kurz gesagt, ich habe viel gelernt, versuche zu verstehen und mein Verhalten im Privatleben und im Beruf ständig kritisch im Auge zu behalten. Und genau hier wirft mir Leïla Slimani die Angst vor die Füße, „Das alles zu verlieren.“

Sie konfrontiert mich mit Adèle. Sie bringt mich zurück nach Paris. Sie zeigt mir eine Welt, die von außen betrachtet eine heile sein könnte. Eine kleine Familie, unabhängig. Der Ehemann Chirurg, der gemeinsame kleine Sohn eher unproblematisch und Adèle, die Mutter anerkannte Journalistin. Man lebt großzügig in einem feinen Viertel und alles könnte einfach schön und gediegen sein. Würde ich nicht Adèle bereits auf den ersten Seiten dieses Romans mit einer schier zahllosen Abfolge von Sexualpartnern ertappen. Würde mir diese Frau nicht in die Seele schreien, das Bedürfnis zu haben, benutzt und aufgerissen zu werden. Sie verzehrt sich danach, gebissen, geschlagen und gekniffen zu werden. Es ist eine Sucht, die sie mir schon zu Beginn des Romans offenbart.

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Ich schaudere und zucke zurück. Bin angewidert, weil ich sehe, dass diese Sucht im wahrsten Kern nicht durch Sex bedient wird. Ein Alkoholiker trinkt, ein Drogensüchtiger nimmt Kokain und in beiden Fällen wird die Sucht befriedigt. Bei Adèle sieht das anders aus. Der Weg zum Sex, schon die Vorstellung, wie sie ihre Partner auswählt, Bilder von Unterwerfung, Gewalt und Missbrauch in ihrem Kopf, das ist der wahre Kick. Liefere ich mich lesend und hörend einer Nymphomanin aus? Bin ich auf der Spur einer Frau, die im Kern ihres Wesens hypersexuell ist? Und was verflucht (sorry für diese Entgleisung) soll mir das vermitteln? Dass es Frauen gibt, die in der Partnerschaft nur als Parasiten existieren, Kinder nur in die Welt setzen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Frauen, in denen nichts anderes tobt, als die nicht einzudämmende Lust an hartem, verletzendem und zerstörendem Sex?

Ich komme kaum zurecht mit diesem Buch. Ich lese und höre mich verwirrt durch die wilden Eskapaden und denke dabei an ein paar Rezensionssplitter, die mir auf meinem Weg begegneten. „…ohne dabei pornographisch zu werden.“ Das wurde Slimani im Stern und bei SR2 Kulturradio attestiert. Nun, ich musste mich sortieren. Textpassagen wie die folgende brachten mich zum Grübeln, ob meine Definitionen von Pornographie vielleicht überdenkenswert wären:

„… Seinen Penis im Rachen, kämpfte sie gegen den Brechreiz an und gegen den Drang zuzubeißen…“

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Ja, Leïla Slimani schreibt sehr direkt, hart, unverblümt und wird in ihrer Sprache der Sucht ihrer Protagonistin gerecht. Ich würde ihren Stil nicht verharmlosen. Es ist die Beschreibung einer Sucht ohne jede Schönfärberei. Brillant erzählt und aufgebaut, aber keinesfalls so, dass man sich (oder ich mich) in Adèle hineinversetzen kann. Hier geht es nicht um eine vom Leben enttäuschte Frau und Mutter, die endlich Zuneigung und Liebe erfahren möchte. Hier geht es keinesfalls um eine von einer überkommenen Gesellschaft in einem lebensfeindlichen Frauenbild gefangene lebenslustige Frau. Hier geht es um eine Kranke, die therapieresistent und menschenverachtend durch die Lust des Tages mäandert. Der Sohn wird abgegeben, wo es gerade passt. Der Ehemann in jeder Lebenslage betrogen und Mitarbeiter oder Bekannte dienen als Sexualpartner.

Leïla Slimani schreibt über Sucht. Ich kann und werde daraus kein neues Frauenbild ableiten. Ebenso wenig, wie ich ein Männerbild aus einem Roman über einen extremen Alkoholiker ableiten würde. Slimani gibt beiden Perspektiven Raum. Der schonungslos ehrlichen von Adèle, die nichts beschönigt und die ganze Welt belügt, um den Kick zu erleben. Und die Perspektive des Ehemanns, der erkennt, wer hier an seiner Seite im gemeinsamen Bett liegt. Es gibt keinen Zweifel. Er ist machtlos gegen Adèles Sucht. Er ist lediglich ihr Wirt, bei dem sie parasitär ihr Leben genießt. Und doch ist da die Angst, das alles zu verlieren. Adèles Angst. Wie diese Angst aussieht, wie Adèle dagegen zu kämpfen versucht und was das mit ihrer kleinen Familie macht, all diesen Fragen geht Leïla Slimani auf den Grund.

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Zu hoch gelobt. So empfinde ich diesen Roman. Man merkt, dass er am Beginn ihrer Schaffensphase geschrieben wurde. Einige Charaktere in der 218 Seiten starken Story sind wichtig, aber kaum mit Leben gefüllt. So tauchen ohne weitere Erklärung im Beruf und in der Familie Adèles gleich zwei Laurents und Clémences auf. Blass und doch so wichtig, weil sie das Leben zu dem Szenario machen, in dem die Schlacht von Adèle in jeder Sekunde tobt. Ich fand keine neue Madame Bovary in diesem Roman. Liebe und Sehnsucht nach Geborgenheit sind Adèle fremd. Verschmähte Liebe ist nicht Auslöser ihrer Sucht. Wenn sie in sich hineinschaut, spürt sie nur Schmerz, der durch Schmerz bekämpft werden kann. Ihre Work-Life-Sex-Balance steckt hier den Rahmen der Story ab, in der sich die Autorin nicht um Ursachen oder Auswege kümmert.  

Im Hörbuch brilliert Nora Waldstetten, der es gut gelingt, Adèle in der Distanziertheit gegenüber der eigenen Sucht für den Zuhörer nahbar zu machen. Es wird zum direkten Empfinden, zu hören, wie sich Adèle an sich selbst abarbeitet, um der Sucht gerecht zu werden. Nora Waldstetten entzieht der beschriebenen Sexualität jeden Lustfaktor. Das kommt für mich der inneren Stimme von Adèle sehr nah. Und doch bin ich für mich der Meinung, dass ich diese Nähe nicht gesucht hätte. Ich habe das Buch und das Hörbuch beendet. Wäre es das erste Werk von Leïla Slimani gewesen, ihm würde für mich kein zweites mehr folgen. Ich habe Mühe, jegliche Botschaft aus dem Roman zu verdrängen und auch nur einer einzigen Frau zu unterstellen, ihre Verweigerungshaltung in Bezug auf Sexualität liege in einem inneren Wunsch begründet, wie Adèle benutzt und zerstört zu werden. Kein Frauenbild für mich. Ein Roman über die obsessive Symptomatik einer Suchterkrankung.

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani
Buch: Luchterhand Verlag / dt. von Amelie Thoma / gebunden / 218 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ungekürzte Lesung / Nora Waldstetten / 5 Std. / 22 Euro

Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Eigentlich kenne ich ihn aus Fürstenfelde. Er feierte dort ein literarisches Fest bevor er mich dem Fallensteller auslieferte und an den Ort des Geschehens zurückkehrte. Er, das ist Saša Stanišić. Deutschsprachiger Schriftsteller aus Bosnien-Herzegowina, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet, für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit vielfachen Literatur-Ehren überhäuft. Er stammt aus Višegrad, einer bosnischen Kleinstadt, ist Sohn einer Bosniakin und eines Serben. Er floh mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg im Jahr ´92 nach Deutschland. Er war gerade mal vierzehn Jahre alt, als es das alte Jugoslawien von den Landkarten fegte und sich explosionsartig in seine multi-ethnischen Bestandteile zerlegte.

Er schrieb bisher über sehr besondere Menschen in Biotopen ihrer ganz eigenen Heimat. Saša Stanišić ist für mich einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest oder ihm zuhört. Er verzaubert Menschen mit knallbunten literarischen Lustballons, verführt sie mit absolut aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt beiläufig, dass im Zentrum seiner Geschichten eine unübersehbare Portion bittersüßer Melancholie verborgen ist. Eine Grundstimmung, die ihn als Beobachter aufmerksam und hellhörig macht, und die verhindert, dass belanglos Dahergesagtes belanglos bleibt. Er legt seine Stimme tief in die Wunden unserer Gesellschaft. Aus gutem Grund.

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Wenn er bisher von Heimat und Identität erzählte, so konnte man vermuten, dass er sich selbst in den Figuren seiner Romane spiegelte. Er zerrte die Randgestalten kleiner Dörfer ans Licht, rückte sie in den Mittelpunkt und ließ sie dann gegen die Windmühlen aus Vorurteil und Vorbehalt ankämpfen. Er schrieb über eigene Menschenschläge mit Eigenarten in eigenartigen Landschaften. Und doch zeigte er uns deutlich, was Heimat bedeutet, welches Gefühl ein Zuhause vermittelt und wie wichtig Identität und Zuhause sind. Der innere Kompass eines Menschen richtet sich zumeist nach dem Ort aus, dem man seine Prägung und Sozialisierung verdankt. Abstrakt war es nicht, was er schrieb. Und doch zeigte er selten sein wahres eigenes Gesicht hinter den Protagonisten jener Romane und Erzählungen. Jetzt lässt er die Maske fallen.

Herkunft“ heißt sein neues Buch. Eine Kollektion von Texten über die Zufälligkeit der eigenen Biografie, vom kaum zu beeinflussenden Schicksal, dem man lebenslänglich ausgesetzt ist. Es sind Geschichten voller Schubläden und Stempel, die unser Leben prägen und die doch nur auf unsere Abstammung zielen. Herkunft. Ein relativer Begriff. Saša Stanišić begibt sich auf die Suche nach allem, was seine Herkunft ausmacht. Er erzählt von Jugoslawien, beschreibt seine Flucht, besucht seine Verwandten, die sich immer noch in Višegrad befinden. Er schreibt über seinen Neubeginn, Versuche einer Integration in Schulen, schwere Lebenswege nach einem Neuanfang. Nicht nur für ihn. Besonders für seine Eltern.

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Und doch finden wir in diesen Geschichten keine Tagebuchaufzeichnungen, rein autobiografische Schilderungen oder Lebenserinnerungen. So leicht macht er es uns dann doch nicht. Saša Stanišić ist Literat. Und was für einer. Er verwischt seine Spuren in der Fiktion und betont stets, dass er das zuvor Erwähnte eigentlich gerne anders in Erinnerung behalten hätte. Er fabuliert sich um den Kern des eigenen Seins herum und laviert sich damit nicht ins Aus. Es ist nur ein wenig Distanz, die er zu sich aufbaut, um das Innenleben und die Psychologie des Erlebten treffender beschreiben zu können. Er bleibt der Wortmagier in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er bleibt der mahnende und zweifelnde Vater eines in Deutschland geborenen Sohnes in dem Land, das nicht sein Vaterland ist. Er bleibt authentisch und wahrhaftig, obwohl wir verstehen müssen, dass seine eigentliche Stärke in der Fiktionalisierung liegt.

Saša Stanišić ist ist kein Verräter der eigenen Familie. Er skizziert Menschen nach ihren realen Vorbildern. Wie er diese Skizzen jedoch ausmalt, wie er sie mit Leben füllt, das ist alleine seine Sache. Und doch lässt er zu, dass wir uns hineinversetzen können, wenn er von Außenseitern spricht; von den „Jugos“, die nach Deutschland fliehen; von Stereotypen, die man doch besser individuell betrachten sollte. Er nimmt uns mit in die Heimat, die ihm genommen wurde. Die Heimat, die heute weit entrückt scheint. An den Gräbern der Vorfahren stellt er sich die Frage nach seiner Herkunft. Wo kommt er her? Gibt es darauf eine Antwort? Ist es ein ganz präziser Ort oder eine Region. Ist Herkunft etwas, das man verlieren oder auch mitnehmen kann? Ist Herkunft sentimental geprägt oder lässt sie sich mit Menschen aus der Vergangenheit verbinden?

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Ist Herkunft unveränderbar? Wird sie von Sprache bestimmt? Kann man sich selbst aussuchen, wo man gerne hergekommen wäre? Saša Stanišić spielt mit diesen Bildern ebenso, wie er mit seinen sprachlichen Mitteln spielt. Es ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau, weil Saša Stanišić in einer eigenen Liga schreibt und erzählt. Er bindet uns mit ein, weil er in der Lage ist, Perspektiven einzunehmen, die wir zu kennen glauben. Und dann dreht er den Spiegel um und stellt ungefragt Fragen nach unserer Herkunft. Er hat mich in die Fankurve von Roter Stern Belgrad mitgenommen und mir ein Fußballspiel gezeigt, das ich nur zu gut kannte. Ich trug damals die Farben des anderen Teams. Ich stand auf der anderen Seite. Auf der des FC Bayern München. Wir haben verloren und sind ausgeschieden. Wir waren enttäuscht und am Boden zerstört.

Saša Stanišić zieht mich auf die andere Seite. Auf die der Fans, die zum letzten Mal gemeinsam für ein Jugoslawien jubelten, das schon zersplitterte und sich anschließend bis aufs Messer bekämpfte. Saša Stanišić hat mir ein Gefühl vermittelt, was ihm dieses Spiel auch noch heute bedeutet. Plötzlich sah ich mich den Sieg eines anderen Teams bejubeln. Keine Ahnung, wie er das macht. Er ist kein Erzähler – er ist ein Mentalist, der sich in meine Gedanken schleicht und Empathie zu einer Perspektive macht, die man selbst einnimmt. Keinem seiner Texte fehlt es an Relevanz. Jeder Text zeigt die Gefahren auf, in denen unsere Heimat (und vielleicht jetzt ja auch ein stückweit die seine) schwebt. Populisten bestimmen, schüren Angst, bringen Menschen ins Taumeln, lassen Werte in Flammen aufgehen und hinterlassen auf verbrannter Erde die niemals zu beantwortende Frage nach der Herkunft.

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Das Hörbuch beinhaltet ausgewählte Texte aus dem Buch „Herkunft“. Auf 5 CDs mit einer Laufzeit von 5 Stunden und 39 Minuten bietet es einen guten Querschnitt der Buchvorlage. Aber, wie ich schon sagte, keinem Text fehlt es an Relevanz. Kombiniert Lesen und Hören. Vervollständigt alle denkbaren Perspektiven zu einem Bild und lasst euch überraschen, wie es Saša Stanišić gelingt, selbst in den Texten, die ihr selbst lest, seine Stimme in euer Ohr zu zaubern. Der Sammler eigener Erinnerungen kommt auch an seine Grenzen. Das ist bemerkenswert. Angesichts der Demenz seiner Großmutter verzweifelt er daran, wie flüchtig das Erinnern ist und was mit ihr alles verlorengeht. Ein Moment, in dem man ihm gerne sagen würde, dass man dies selbst erlebt hat und sehr gerne vergessen würde. Leider unmöglich. Das macht unsere Herkunft aus…

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft – Saša Stanišić Buch:
Luchterhand Verlag / Hardcover / 368 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ausgewählte Texte / gelesen vom Autor / 5 CDs / 5 Stunden und 39 Minuten Laufzeit / 22,00 Euro

Saša Stanišić bei AstroLibriumHier.

„Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Wenzel Winterberg ist so alt, wie die erste Tschechoslowakische Republik. Er ist so alt, wie das Krematorium in Reichenberg, das er liebevoll „Feuerhalle“ nennt. Er ist so alt, dass er selbst schon Geschichte ist. 99 Jahre. Er ist unterwegs. Mit Zügen, weil er Busse und Autos nicht mag. Er orientiert sich an einem Baedeker Reiseführer aus dem Jahr 1913 (es ist die 29. Auflage Österreich-Ungarn). Er leidet an Geschichte, wird von historischen Anfällen heimgesucht und sein Weltschmerz ist einer der Wegbegleiter auf seiner letzten großen Reise. Er hat drei Ehefrauen beerdigt, weint der Frau nach, die er nicht heiraten konnte und die Schlacht von Königgrätz (1866) geht durch sein Herz. Sie ist sein Anfang und sein Ende. Das sagt er selbst…

Er sollte nicht hier sein. Nicht unterwegs. Nicht in diesem Alter. Er lag doch schon im Sterben. Bereit zur letzten Überfahrt ins Jenseits. Ein professioneller Begleiter stand bereit. Jan Kurz, Krankenpfleger, Steuermann und Sterbebegleiter. Navigator auf dem letzten Weg. Geschult darin, seine „Matrosen“ auf die andere Seite zu bringen. Wenzel Winterberg war schon an Bord. Fast tot. Im Dämmerzustand und tief eingetaucht in den Nebel der Geschichte. Berlin. Die letzte Station. Das stand fest. Doch dann machte der Steuermann einen verhängnisvollen Fehler. Er sprach mit dem Sterbenden, um ihn auf der Reise zu beruhigen. Er sagte einen unbedachten Satz, der alles veränderte. Einen Satz, der den Nebel der Geschichte lichtete und Winterberg aufwachen ließ…

„Es ist schon interessant. Sie heißen Winterberg und ich komme aus Winterberg, aus Vimperk in Böhmen, das früher Winterberg hieß.“

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš lässt Wenzel Winterberg nicht nur aufwachen. Das reicht ihm nicht. Er will mehr. Die Erzählungen aus der Heimat, die eigentlich nicht mehr zu ihm dringen sollten, haben den alten Mann reanimiert. Wie ein emotionaler Defibrillator wirkt es sich aus, was eigentlich für ein sanftes Hinübergleiten sorgen sollte. Wie ein Stromschlag in das verwundete Herz, sorgen die Worte des Sterbebegleiters dafür, dass sein Matrose die Augen öffnet und Antworten auf die unbeantworteten Fragen seines Lebens sucht. Nicht hier in Berlin und schon gar nicht im Sterbebett. Winterberg verweigert sich einer letzten Überfahrt. Er steht auf, erhebt sich und konfrontiert seinen Pfleger Jan Kurz mit der unerbittlichen Aufforderung, mit ihm gemeinsam aufzubrechen. Sich auf die Suche nach der ersten wahren Liebe zu begeben. Das Schlachtfeld zu besuchen, das ihm im Herzen brennt und dabei an alle Orte zurückzukehren, die sein Leben ausmachten.

Winterbergs letzte Reise“ wird zum emotionalen Road Trip zweier Männer, deren Vergangenheit schwer wiegt. Kein leichtes Reisegepäck. Jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Geheimes, Ungesagtes, Ungedachtes und Verdrängtes sind Ballaststoffe einer gemeinsamen Grenzerfahrung. Züge werden zur zweiten Heimat und der Redeschwall Winterbergs wirkt wie der dichte Nebel, der das Unausgesprochene gut verbirgt. Es ist nicht die klassische „sentimental Journey“ die man vielleicht erwarten könnte. Es ist die Reise unter dem Vorbehalt der Selbstfindung. Für beide Reisenden herausfordernd und belastend zugleich. Eine Reise durch die europäische Geschichte, der man sich lesend nicht mehr entziehen kann. Ein Psychogramm zweier Aussteiger, dem man nicht mehr widerstehen kann, sobald man die Reiseunterlagen von Jaroslav Rudiš in Händen hält.

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Wer hier an Ziemlich beste Freunde denkt, oder einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand vor Augen hat, der sollte besser „Winterbergs letzte Reise“ lesen und verstehen, dass Jaroslav Rudiš aus seiner skurril anmutenden Ausgangssituation alles gemacht hat, nur keine effektheischende Erzählung mit einigen gut durchdachten Anekdoten. Dieser Roman greift tiefer. Er berührt unterschiedlichste Wahrnehmungsebenen und besticht durch seine Bildhaftigkeit, die nichts metaphorisch Verbrämtes aufweist. Seine Bilder wirken in sich und für sich. Die Eisenbahn bleibt die Eisenbahn, die durch halb Europa verlegten Schienenstränge werden zu den wichtigen Brandbeschleunigern der Kriege und Vertreibungen. Feuerhallen sind Krematorien und überlagern nicht die eigentliche Geschichte, indem sie zu Sinnbildern verkommen. 

Wegmarken dieser Geschichte erzeugen ihre eigene Symbolik und schon nach ein paar wenigen Seiten fühlt man sich der kleinen Reisegesellschaft zutiefst verbunden. In vielen Kapiteln des Romans verleitete mich Jaroslav Rudiš dazu, seinen Roman kurz in die Leseecke zu legen und meine eigene Route für meine letzte Reise zu skizzieren. Er schafft es, seine Gedanken so weit tragen zu lassen, dass die Relevanz für das eigene Leben spürbar wird. Welche Orte machen mich aus, wo hat alles angefangen, wo sind Spuren zu finden, die mein Leben verändert haben, was geht mir durchs Herz? Welche Suche wäre die Suche meines Lebens und was ist mit meinen Erinnerungen? Lug und Trug oder Abbilder der Realität?

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Der Reiseführer aus dem Jahr 1913 hält uns vor Augen, wie sehr sich Europa in der Kürze der Zeit verändert hat. Wegbeschreibungen, Stadtpläne und Hinweise auf Sitten und Bräuche, Verhaltenstipps und Angaben zur Zusammensetzung der Bevölkerung in diesem Jahr scheinen heute aus der Zeit gefallen zu sein. Und doch zeigt genau dieser Baedeker auf, wie sich Geschichte auf uns auswirkt. Kriege ziehen Grenzen. Menschen flüchten, fliehen, werden vertrieben. Machthaber haben Macht und verlieren sie. Trottel allesamt. Zumindest aus Sicht von Wenzel Winterberg, für den die Etappen der letzten Reise zu Flashbacks der eigenen Vergangenheit werden. Zutiefst persönlich und doch zutiefst allgemeingültig. Jeder von uns hat seine Schlacht von Königgrätz, die für alles verantwortlich ist. Jeder hat eine Liebe, der er lebenslang folgt. Und jeder trägt Schuld mit sich herum. Fehler, die man nicht wiederholen würde.

Wenzel Winterberg ist anstrengend. Seine historischen Monologe und die endlosen Zitate aus seinem Reiseführer sind zermürbend. Sein Vorwurf, niemand blicke wirklich durch in der Geschichte, trifft tief. Dass sein Wegbegleiter an seiner Seite bleibt, grenzt an ein Wunder. Jan Kurz ist in seinem tiefsten Inneren auf einem eigenen Trip, der die beiden Männer mehr verbindet, als trennt. Auch bei ihm ist es eine Liebe, die das Herz zerbrach. Eine unmögliche Liebe. Die zu einer Matrosin, die er auf die andere Seite zu bringen hatte. Eine Überfahrt, bei der er alles verlor. Was das jüdische Mädchen Lenka Morgenstern für Wenzel Winterberg ist, das ist die sterbende Clara für Jan Kurz. Zwei Schlachtfelder. Zweimal Königgrätz. Verloren.

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš hat mit „Winterbergs letzte Reise“ einen inspirierenden Roman in mein Lesen gezaubert. Ich reiste mit ihm von Berlin über Leipzig nach Dresden. Fand mich in Prag wieder und erinnerte mich an meine eigene Reise vor einem Jahr. Selbst Königgrätz habe ich besucht, die Batterie der Toten gesehen und nie vergessen. Rudiš gelingt es, auf den weiteren Etappen Geschichte lebendig zu machen, obwohl sie aus einem Reiseführer von 1913 erzählt wird. Böhmen, Mähren, Österreich-Ungarn, Brünn, Budapest, Zagreb und Wien werden zu Stationen einer Reise, die Winterberg und Kurz zu den Wurzeln ihrer Vergangenheit bringen. Ein Road Trip der besonderen Art, der für beide Männer einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellt.

Sie finden ihre Antworten. Nicht in der Weltgeschichte, weil auch sie nur subjektives Erleben ist. Sie finden ihre Antworten in ihrer persönlichen Geschichte. Verstörend und privat. Vernichtend und viel zu lange viel zu gut verborgen. Jaroslav Rudiš weckt nicht nur die Reiselust in seinen Lesern. Er ermuntert uns, die Geschichte nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen. Und damit öffnet er uns auch die Augen für die Zukunft. Welche Geschichte, die alles verändert schreiben wir jetzt? An welche Orte werden Menschen in hundert Jahren reisen, welche desaströsen Schlachtfelder gehen ihnen dann durchs Herz? Schlachtfelder, die wir heute bestellen. Dank Jaroslav Rudiš weiß ich, wohin ich reisen würde und wen ich gerne bei mir hätte. Ein guter Gedanke.

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Stöpsel raus.
Luft raus.
Augen zu.
Gute Nacht.

Jaroslav Rudiš ist mit „Winterbergs letzte Reise“ nominiert für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse. Meinen hat er! Daumen sind gedrückt!

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

„Des Lebens fünfter Akt“ – Volker Hage über Arthur Schnitzler

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt“ von Volker Hage, erschienen im Luchterhand Verlag, kann als biografischer Roman und intimes Portrait zugleich verstanden werden. Hier sind es die letzten Lebensjahre des österreichischen Arztes, Erzählers und Dramatikers Arthur Schnitzler, die den Kern der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit einem großen Schriftsteller seiner Zeit darstellen. Die dramaturgische Struktur von Theaterstücken ist hier das Mantra eines gesamten Romans. Der fünfte Akt umfasst im klassischem Sinne die Katastrophe. Nach dem Aufstieg und dem Höhepunkt folgt der freie Fall, dem eine katastrophale Schluss-Sequenz die literarische Krone aufsetzt. Alles zuvor Erlebte wird auf diese Weise zur Zündschnur, die das Pulverfass im Schlussakt zur Explosion bringt.

Ein gut gewählter Titel. Schon beim Lesen der ersten Seiten kommt man nicht auf die Idee, auf das gute Ende einer Lebensgeschichte zuzusteuern. Die Tragik tritt allzu offen in den Vordergrund und der Spielraum für ein Happy End im klassischen Sinn wird von Seite zu Seite geringer. Einzig verantwortlich für die bevorstehende Ex- oder Implosion scheint der Schriftsteller Arthur Schnitzler selbst zu sein. Der Bewunderte, Geliebte und Angebetete konnte und kann nicht widerstehen. Nicht den Verlockungen der Frauen, in die er sich fortwährend Hals über Kopf verliebt. Nicht den süßen Träumen einer ewigen Jugend, die durch immer jüngere Weggefährtinnen untermauert werden. Seine Eitelkeit ist die Basis, die scheinbar nicht ins Wanken gerät. Er fällt ihr beharrlich zum Opfer und im Jahr 1928 gerät das gesamte Lebensgebäude Schnitzlers in akute Einsturzgefahr.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Schnitzler hat noch drei Jahre zu leben. Was er nun erlebt, ist der Abgesang auf ein langes Leben in Saus und Braus. Er ist inzwischen 66 Jahre alt, zweifelt intensiv daran, noch ein einziges Werk in seinem Leben vollenden zu können, fühlt sich unverstanden, und erlebt neben den vermeintlich letzten Zuckungen seiner literarischen Kreativität die Verwerfungen seines Privatlebens. Lawinen, die er in den vorausgegangenen Akten im schillernden Autoren-Leben selbst losgetreten hat und die ihn nun einholen. Es sind die Frauen, denen er so sehr verfallen war, die ihm nun zusetzen. Es sind Verflossene und aktuelle Verliebte, die ihm zusetzen. Es sind Beziehungen, die er so sehr auf die Probe stellte, die ihn nun einengen, herausfordern und an den Rand des Wahnsinns treiben.

Volker Hage gelingt es nicht nur, Arthur Schnitzler in dessen letzten Lebensjahren zu porträtieren. Er flechtet rückblickend die Erosionen ein, die für die Erdrutsche am Ende verantwortlich sind. Er lässt die großen Lieben im Leben des Schriftstellers schaulaufen und zeigt dabei deutlich auf, wie unwiderstehlich Schnitzler lebenslang auf Frauen allen Alters gewirkt haben muss. Diese Anziehungskraft hat er nie verloren. Was er jedoch in diesem Jahr verliert, ist der letzte Anker im Leben, ohne den er nun beharrlich abdriftet. Seine Tochter Lili begeht im Alter von 18 Jahren Selbstmord. In Venedig, der Stadt der großen Romanzen. Was ihm bleibt, sind die zahllosen Tagebücher seiner Tochter, die nicht nur ihr Leben, sondern auch sein eigenes skizzieren. In ihnen versinkt er.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Volker Hage greift nicht nur die zentralen Themen im Leben Schnitzlers auf. Ihm gelingt eine literarisch feine Auseinandersetzung mit Themen, die unabhängig vom hier betrachteten Protagonisten, feinfühlig und interessant erzählt sind. Wie trauert man um die eigene Tochter, wenn die Beziehung zur ehemaligen Frau und Mutter von Lili mehr als zerstört ist. Wer darf in Patchwork-Beziehungen überhaupt trauern? Bringt Verlust Menschen wieder zusammen, deren Wege sich schon lange getrennt haben? Und wie reagiert das neue Umfeld auf diese Annäherung. Olga Schnitzler, bis 1921 mit Arthur verheiratet, kommt mit dem Verlust der Tochter nicht zurecht. Sie will zurück in ihr altes Leben.

Und so gerät Arthur Schnitzler zwischen alle Fronten. Clara Katharina Pollaczek, seine Lebensgefährtin seit der Scheidung, auf der einen Seite. Seine Ex-Frau Olga auf der anderen. Mühlsteine, die ihn zu zermahlen drohen. Jetzt auch noch selbst den Tod der eigenen Tochter zu verarbeiten, weiter literarisch zu wirken, Kontakte zu wichtigen Weggefährten zu pflegen und Verleger von seinem Schaffen zu überzeugen, schwierig. Ablenkung findet er, symptomatisch für seine Vita, bei anderen Frauen. Platonisch oder leidenschaftlich. Egal. Hauptsache, seine Libido ist in Bewegung. Ein indiskretes Buch, dessen Veröffentlichung Schnitzler niemals zugestimmt hätte. Ein psychologisch in sich geschlossener Roman, der mehr beschreibt, als einen Künstler im letzten, fünften Akt.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt ist nicht für Schnitzler-Liebhaber geschrieben. Ich selbst habe bisher (Schande über mich) keinen seiner Romane gelesen, keines seiner vielen Theaterstücke gesehen und bin ihm nur indirekt begegnet. „Ein Winter in Wien“ spielt im Hause Schnitzler. In der Sternwartestraße 71 zu Wien. Petra Hartlieb lässt uns im Jahr 1910 hinter die Kulissen dieser Familie blicken, wobei sie nicht Arthur Schnitzlers Geschichte erzählt, sondern die seines Kindermädchens. Lili war gerade erst zur Welt gekommen. Kaum 18 Jahre später begegne ich ihr nur noch flüchtig auf dem jüdischen Friedhof von Venedig. Katastrophe. Dieser fünfte Akt. Ein Väter-Roman und die große Geschichte vergangener und kommender Leidenschaften. Ein Sittengemälde einer Zeit, in der die Wiener Moderne um sich greift, Freud seine Freude hat und Hofmannsthal im Leben von Schnitzler für Berg und T(h)alfahrten sorgt.

Ein Künstlerroman, der Zweifeln, Krisen und dem ewigen Kampf um eine positive Außenwirkung viel Raum verschafft. Ein Literaturroman, der Leser von Schnitzler im Kontext seiner Werke vielleicht aus einer anderen Perspektive heraus begeistern wird. Innenansichten eines Schriftstellers in einer melancholischen Stadt, die von einer tiefen Traurigkeit geprägt sind und so viel über einen Menschen verraten, dem man sich eben nur auf diese Weise annähern kann. Volker Hage verführt dazu, sich intensiver mit dem Mann zu beschäftigen, dem er seine Recherchen gewidmet hat. Er verführt dazu, jene vier Akte vor der Katastrohe zu beleuchten. Und er verführt dazu, mit wachem Blick auf die eigene Familie zu schauen. Das hätte Schnitzler zeitlebens sicher geholfen. Es war nur nicht leicht für ihn, weil immer irgendeine Frau im Weg stand.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Was mir bleibt ist eine herrliche Aussage Arthur Schnitzlers zum Charakter von Literaturkritikern und Rezensenten. Ich hoffe, dass sich die Zeiten geändert haben und wir Blogger ein wenig von den Vorbehalten abbauen konnten, die er zeitlebens vor uns Amateuren aufgebaut hatte.

„Der Kritiker ist in seinen Augen immer auch <Kunsthistoriker>, Versteher von Zusammenhängen, selber Künstler. Den Rezensenten kennzeichnen Halbtalent, Missgunst, Übelwollen, Rachsucht und Unbildung. Reporterdeutsch genügt.“

Herrlich, wenn man das auf sich wirken lässt. Meine Rezension mag von Halbtalent und Unbildung geprägt sein. Missgunst, Übelwollen, Rachsucht oder Reporterdeutsch liegen mir jedoch fern. Ich hoffe, das liest auch Volker Hage so. Und da ich selbst nicht im fünften Akt meines Lebens durch die Sternwartestraße hüpfe, kann ich ja auch noch ein wenig an mir arbeiten. Schnitzler lesen. Eine Aufgabe für die Zukunft. Wer weiß. 

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage – AstroLibrium

Immerhin bin ich in der Liebesbriefkollektion Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ fündig geworden. Ein Liebesbrief an Arthur Schnitzler aus dem späten zweiten Akt des Lebens zeigt, wie sehr er damals von einer Schauspielerin verehrt wurde, die in einem seiner Theaterstücke die Hauptrolle spielte. Kann man sich diesen Zeilen entziehen?

„Kann man denn ein Wesen, das man liebt, genug seh`n?“

Adele Sandrock an Arthur Schnitzler – Wien, 2. Januar 1894, 1 Uhr nachts.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…