Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise“ von Thomas Wolfe – Manesse Verlag

Es sind sechs Etappen, in denen wir mit Thomas Wolfe durch Deutschland reisen können. Es sind zugleich sechs Zeitzonen der deutschen Geschichte, die wir an seiner Seite erleben dürfen. Warum jedoch ist das Reisejournal eines Schriftstellers relevant, der im Alter von 38 Jahren auf dem Höhepunkt des Erfolgs 1938 verstarb? Warum sind seine Tagebücher geeignet, uns hinter dem literarischen Ofen hervorzulocken? Sicher gibt es Autoren, deren Betrachtungen des sich intensiv veränderndes Landes objektiver und im geschichtlichen Zusammenhang fundierter sind. Warum einen Romancier lesen, dessen Lebenswerk durch monströse Werke wie „Schau heimwärts, Engel“ und „Von Zeit und Fluss“ geprägt ist? Was kann er uns geben, was wir nicht schon wissen? Hat dieses Buch das Potenzial, mein Lesen zu bereichern? (PodCast verfügbar)

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Dies waren die zentralen Fragen, die mich zuerst daran zweifeln ließen, als Horst Lauinger – seineszeichens Programmleiter des Manesse Verlages – dieses Buch auf der Frankfurter Buchmesse im kleinen Kreis vorstellte. Ich zweifelte daran, weil ich dem Zeitgenossen von Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald bisher literarisch nicht begegnet bin. Seine Bücher waren mir unbekannt und eigentlich wollte ich nicht gerne ein Lesekapitel öffnen, das eher einer Retrospektive gleichkäme. Und doch erlag ich in der kleinen Runde der Leidenschaft des Verlegers, der sich lapidar als Türsteher und Animateur im Club der toten Dichter bezeichnet.. Hätte ich geahnt, wie dramatisch sich das Lesen der „Deutschlandreise“ auf mein zukünftiges Lesen auswirkt, ich hätte vielleicht davor zurückgescheut. Das Opfer jedoch, Wolfe nicht kennenzulernen, wäre einfach zu groß gewesen. Nun schreibe ich hier als glückliches Opfer…

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Programmleiter Horst Lauinger

Wenn ich also Eine Deutschlandreise hier vorstelle, spreche ich damit eine klare Leseempfehlung aus. Einem Opfer nimmt man das vielleicht ab, weil ich jetzt aus einer Gefangenschaft schreibe, die ich nicht bereue. Mein Urteil: lesenslänglich. Ich bin selbst schuld daran. Das mag ich nicht verhehlen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit ein paar handfesten Bedenken aufräumen, die dem Genuss dieses Buches im Weg stehen könnten. Und schon sind wir mittendrin in der Rezension eines Reiseberichtes, der alles ist, nur kein Reisebericht. Es handelt sich eher um die geschickte Kollektion aller Texte, die Thomas Wolfe in den Jahren 1926 bis 1936 als Selbstzeugnis seiner Reisen durch Deutschland verfasste. Es sind skizzenhafte Tagebuchaufzeichnungen, Ansichtskarten und lange Briefe an die Liebe und Muse seines Lebens Aline Bernstein, seinen Lektor Maxwell E. Perkins und Freunde, die er hinterließ. Es sind starke Kurzgeschichten, zu denen er inspiriert wurde und es sind letztlich die Romane, auf die man neugierig wird, wenn man die Deutschlandreise beendet hat.

Thomas Wolfe ist in der Herangehensweise an sein Sehnsuchtsland Deutschland so wundervoll naiv und subjektiv. Man spürt seine deutschen Wurzeln, das Gefühl für seine heimliche Muttersprache und das stereotype Menschenbild, das er an jeder Ecke zu erwarten scheint. Es sind die specknackigen Deutschen, auf die er trifft. Es sind die Angehörigen der studentischen Vereinigungen, auf die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung blickt. Der „Schmiss„, also die Narbe aus dem Fechtkampf, wird für ihn zum Synonym einer Generation. Er erlebt die Weimarer Republik und den langsam aufziehenden Nationalsozialismus. Er erlebt die braunen Horden. Er sieht mit Hitler den „starken Mann“, der das Gefüge der Welt aus den Angeln hebt. Und alles was ihm am Anfang der Zeitenwende noch so harmlos erscheint wird greifbar lebensgefährlich, als er die Konsequenzen der Machtübernahme der Nazis für seine jüdischen Verleger im Dritten Reich realisiert. Die einzelnen Reise-Etappen werden zu Momentaufnahmen im Sturm der Zeit. Eindrucksvolle Fotos aus dieser Zeit belegen das eindringlich.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Dabei werden wir zu Weggefährten eines aufmerksamen Beobachters und eines Mannes, mit dem wir uns gerne mal auf ein Glas Bier in einem Lokal verabredet hätten. Gerade die unterschiedlichsten Phasen seiner Schriftsteller-Karriere machen das Buch so lesenswert. Erste Reisen durch Deutschland erlebt er als noch nicht verlegter Autor. Neidisch blickt er in die Schaufenster der Buchhandlungen, bestaunt die Bücher seiner Kollegen, die ihre Spuren bereits im deutschen Sprachraum hinterlassen haben. Sein Blick fällt auf James Joyce, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Später, nach der Veröffentlichung der Übersetzung seines ersten Romans Schau heimwärts, Engel wird auch er wahrgenommen. Er sonnt sich im aufstrebenden Ruhm und genießt es, im Rampenlicht zu stehen.

Wir entdecken die Muster seines Schreibens, spüren die Textmelodien, die sich aus den Tagebüchern in die längeren Briefe übertragen. Hier werden die Skizzen ausgemalt und lebendig. Seine darauf aufbauenden Kurzgeschichten „Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit„, „Oktoberfest“ oder „Nun will ich ihnen etwas sagen“ sind dann bereits von einer außergewöhnlichen literarischen Klarheit gekennzeichnet. Es ist gerade der flotte Wechsel zwischen Tagebuch, Postkarten, Brief und fiktionaler Erzählung, der hier zum Strickmusterbogen jenes Buches wird, das uns Thomas Wolfe so nahbringt, wie es ihm selbst wohl gar nicht recht gewesen wäre. Es fühlt sich an, wie das Lüften der intimsten Geheimnisse des Schriftstellers, der uns niemals einen Blick auf die Blaupause seines Schaffens gewährt hätte. Hier liegt sie nun offen. Wir sollten behutsam mit ihr umgehen. „Eine Deutschlandreise“ entschlüsselt die literarische DNA eines großen Autors.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Wer sich mit Thomas Wolfe auf Eine Deutschlandreise begibt, wird in vielfacher Hinsicht von einer meisterlichen Kollage begeistert werden. Wir werden zu Zeugen der Entwicklung eines Genies zu einem Bestsellerautor, wir treffen ganz zufällig auf die wichtigen Weggefährten seines Lebens und begegnen ganz zufällig James Joyce. Wir entdecken unsere Heimat neu. Frankfurt, München oder Berlin in den Zeitscheiben des Buches zu erwandern, ist ein besonderes Erlebnis. Es wird zusehends dunkler im Land seiner Väter. Thomas Wolfe begibt sich auf eine Gratwanderung, die ihn selbst fast zu einem Flüchtling werden lässt. Diese Eindrücke verfestigen sich in seinen Romanen. In kaum einer anderen Vita steckt so viel eigenes Erleben als Grundlage des Schreibens, wie in der von Thomas Wolfe. Authentizität und Leidenschaft gehen hier Hand in Hand.

Ich bin ein Opfer. Und ich bin es mehr als gerne. Ich habe seine Romane um mich versammelt, ich werde sie lesen, werde die Fährten aufspüren, die Thomas Wolfe auf seinen Reisen gelegt hat. Ich werde Menschen in seinen Büchern wiedererkennen, die er schon in seinen Kurzgeschichten nicht sehr gut verbergen konnte. Ich werde Berge und Städte wiedererkennen, die er im Tagebuch nur angerissen hat und ich werde mir wohl die Augen verwundert reiben, wenn ich die kleinen Belanglosigkeiten des Reisens in seinen Romanen zur Literatur erhoben sehe. Man wird noch von mir hören, da mich Thomas Wolfe noch lange beschäftigen wird. Er schrieb nicht viele Geschichten, bevor er im Alter von 38 Jahren starb. Und doch sind es tausende Seiten, die er hinterließ.

Ich bin infiziert und gebe den Thomas-Wolfe-Virus gerne weiter. Hier ist jedoch das Gegenmittel bekannt. Es ist in jeder Buchhandlung zu erhalten, nur kann ich euch leider kein Rezept ausstellen. Privatleser kennen das ja schon. Es gibt keine Versicherung in unserem Land, die unsere Leidenschaft unterstützt. Was kommt also noch? Was könnt ihr noch von mir erwarten. Zuerst einmal ein Filmtipp. „Genius“ mit Jude Law und Colin Firth gehört für mich zu den brillantesten Literaturfilmen. Hier wird die Geschichte eines Lektors erzählt, dessen heroische Aufgabe darin besteht, die mehreren tausend Seiten der Mansukripte von Thomas Wolfe so zu literaturisieren, dass es lesbare Meisterwerke werden. Seine Referenzen: Hemingway und F. Scott Fitzgerald. (Die auch in diesem Film vorkommen). Stark inszeniert und vor bibliophiler Leidenschaft nur so strotzend.

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Und dann folgen die Bücher: Schau heimwärts, Engel, Von Zeit und Fluss und Die Party bei den JacksIch danke dem Türsteher im Club der toten Dichter für die Infektion. Ich komme mit den Symptomen derzeit ganz gut zurecht. Doch werde ich oft mitten in der Nacht wach und schrecke im Gefühl auf, noch ungelese Wolfe-Romane auf dem SUB liegen zu haben. Unheilbar lesekrank.

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