Walden von Henry D. Thoreau – Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Sie erleben gerade einen absoluten Boom. Sie symbolisieren, wie kaum ein zweites Lebenskonzept den Wunsch des Menschen nach Individualität und Minimalismus. Man begegnet ihnen in den sozialen Medien auf Schritt und Tritt und stellt sich unwillkürlich die Frage: „Könnte ich so leben?“ Gemeint ist das Tiny House. Wohnen auf wenigen Quadratmetern. Auf das Wesentliche reduziert, stehen diese kleinen Häuschen für das Streben nach einer Abkehr vom Wohnen in Metropolen, für eine neue Bescheidenheit in der Selbstwahrnehmung und für ein hohes Maß an Selbstverwirklichung. Noch steckt das Wohnkonzept in den Kinderschuhen. Tiny Houses gibt es zu Hauff. Einzig, es fehlt der Lebensraum, sie aufzustellen und zu bewohnen. Gesetze grenzen den Drang nach Freiheit und Flexibilität immer noch ein. Vielleicht steht jenes Tiny House von heute für die Lebensphilosophie von morgen. Doch Moment! Ist diese Idee neu? Stammt sie aus unserer Zeit und basiert auf den zwingenden Erfordernissen einer ständig wachsenden urbanen Bevölkerung?

Nein. Die Idee, die heute unter dem Schlagwort Tiny House aufgegriffen wird, ist ein alter Hut. Der Begriff ist neu. Die fast schon industrielle Großfertigung der kleinen Häuser ist neu. Naja – und angesichts der horrenden Preise für solche Wohncontainer mit einer höchst individuellen Einrichtung, kann man kaum von Minimalismus sprechen. Diese Wohnidee ist, auf den Quadratmeter gerechnet, der pure Luxus. Und doch ahmt man einen philosophischen Ansatz nach, der schon im Jahr 1845 für Aufsehen sorgte. Wirklich wahr. Wie ich schon schrieb: Ein alter Hut und eigentlich müsste man diesen holzverkleideten Container-Wohneinheiten den Namen „Walden Houses“ geben. Hier würde man an die Ursprünge der Wohnidee anknüpfen, müsste die Häuschen nur ein wenig erschwinglicher machen und schon wäre man ganz bei Henry D. Thoreau. Ihr glaubt das nicht? Kein Problem. Er schrieb darüber… Und wie er darüber schrieb!

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Walden von Henry D. Thoreau

Henry D. Thoreau (1817 – 1862), der amerikanische Philosoph und Schriftsteller war ein früher Anhänger des großen Ralph Waldo Emerson und entwickelte schon zu Beginn ihrer späteren Freundschaft ganz eigene Ideen zur Reform der Gesellschaft. Er war nicht nur ein Dichter und Denker. Thoreau war ein Mann der Tat. Sein Denken war nicht das eines Nostalgikers. Er wollte einfach nur herausfinden, wie man sich am besten über Wasser halten kann, ohne der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Er wollte endlich etwas Ganzes schaffen, autark sein und nicht nur Teil des Prozesses sein, an dessen Ende er nicht mehr genau weiß, welchen Anteil er am Ergebnis hatte. Er setzte die Ideen in die Tat um und wurde zum Aussteiger. Nur, dass dieser moderne Eremit nicht in einem Fass wohnte. Er zog in Richtung Walden-Pond und begann damit, sich eine kleine Hütte (Walden Hut) zu bauen. Niemand sollte ihm dabei helfen. So entstand das vielleicht erste Tiny House mit literarischem Background.

Etwa zwei Jahre lebte er im Einklang mit der Natur, nicht jedoch ohne Kontakte zur Welt außerhalb der einfachen Hütte. Er konnte sich auf dem Grundstück Emersons im wahrsten Sinn des Wortes erden. Der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und die gesellschaftliche Erwartungshaltung fielen von ihm ab und machten seinen Kopf frei, um über diese Grenzerfahrung schreiben zu können. Walden ist das Ergebnis jener Zeit als Aussteiger aus dieser Gesellschaft, die mit der heutigen sicherlich vergleichbar scheint. Alles zielte allein auf Kommerz und Wertsteigerung ab. Der Materialismus war die einzige Geisteshaltung, der man sich zu unterwerfen hatte, um nicht unterzugehen. Der Raubbau an der Natur kennzeichnet diese Entwicklungsphase einer Ökonomie, in der wenige alles besitzen und der Rest arbeitet, um den Reichtum dieser Wenigen zu mehren. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Spätestens die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie unserer Tage könnte schon Grund genug sein, auszusteigen und sich ein kleines Haus im Wald zu bauen…

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Walden von Henry D. Thoreau

Es ist die harrsche Gesellschaftskritik, die Thoreau in die Wälder treibt. Es ist das Bewusstsein, dass sich Menschen das Denken und Entscheiden bereitwillig abnehmen lassen, nur um in Ruhe ein einigermaßen abgesichertes Leben zu führen. Nicht jedoch mit Thoreau. Nicht mit diesem Selfmade-Geist, der selbst ausprobieren möchte, was er anderen als alternativen Lebensweg empfehlen würde. Klingt das nicht verstaubt, woran er vor 175 Jahren glaubte? Haben nicht Gewerkschaften und die Entwicklungen in der freien Welt all diese Misstände beseitigt? Ganz und gar nicht. Jeder findet in „Walden“ seinen ganz persönlichen Thoreau-Moment, dem man auch heute noch beherzt folgen kann. Eine Erkenntnis, dass sechs Wochen Lohnarbeit völlig ausreichen, um sich den Rest des Jahres um das wahre Leben zu kümmern, ist nicht weit hergeholt und könnte auch heute noch relevant sein. Würden wir alle nicht nur nach Reichtum streben.

Auch seine bildhaften Vergleiche lassen sich in unsere Zeit übertragen. Ob dies nur uns selbst betrifft, oder ob man seine Ansichten überprüfen sollte, wie man seine Kinder erzieht? Das ist jedem selbst überlassen. Nachdenkenswert sind seine Ansätze allemal. Ist Bildung ein theoretischer Prozess oder folgen wir da einem falschen Weg? Ein Beispiel gefällig?

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Vergleich zweier junger Männer:

„Welcher von beiden hätte nach zwei Monaten größere Fortschritte
gemacht: der Junge, der sich selbst ein Taschenmesser verfertigte
aus dem Erz, das er eigenhändig ausgegraben und geschmolzen hat,
wobei er so weit als nötig Bücher zurate zog, oder der Junge, der
unterdessen Vorlesungen über Metallurgie besuchte und von
seinem Vater ein Taschenmesser geschenkt bekam?“

Henry D. Thoreau zog lieber in die einsame Wildnis am See, baute sich mit seinen eigenen Händen das bescheidene und abgelegene Refugium, um sich wiederzufinden. Nicht nur das ist ihm gelungen. Seine reinsten Gedanken haben jeden Bildersturm der Geschichte überstanden und sind so lesenswert, wie erhellend…

Ich bin seinen kreisförmigen Denkbewegungen gerne gefolgt. Thoreau zog sich in sein Schneckenhaus zurück, fokussierte, reflektiert die Gründe seines Aussteigens, ist in den kontemplativen Phasen geistreich und visionär, und dann verlässt er das Innere seines Rückzugsortes und beginnt seine Umgebung wahrzunehmen. Was wir dann mit seinen Augen sehen, seinen Worten ablesen dürfen, ist so kristallklar, als hätte ihn ein eiskalter Gebirgsbach innerlich und äußerlich gereinigt. Die Beschreibungen verlieren den Zorn des Gesellschaftskritikers und erhalten eine Eindringlichkeit, die der Natur im Umfeld seiner Hütte ein naturalistisches Denkmal setzt. Als wäre gröbstes Kaffeepulver durch einen Filter gepresst worden, so ist „Walden“ der zeitlos relevante Extrakt einer Erfahrung, die jeder für sich selbst nachvollziehen und nachempfinden kann.

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Walden-See im Winter:

„Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl es sei mir eine
Frage gestellt worden, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versucht
hatte: was – wie – wann – wo? Doch da schaute die frühmorgendliche Natur,
in der alle Geschöpfe leben, gelassen bei mir zum Fenster herein und
machte keineswegs ein fragendes Gesicht. Ich fand beim Erwachen
eine bereits beantwortete Frage vor – Natur und Tageslicht.“

Es kann kein Zufall sein, dass Thoreaus Geschichte des ersten Tiny Houses und einer neuen Lebensphilosophie ausgerechnet im Manesse Verlag erschienen ist. Hier haben sich Autor und Verleger über die Grenzen der Zeit gefunden und sind eine Symbiose eingegangen, die Symbolcharakter hat. Welches Buch könnte besser davon erzählen, wie reinigend es sein kann, sich im Minimalismus wiederzufinden? Welchem Buchformat würde man diese Philosophie abkaufen, wenn nicht einem Tiny Book, das selbst dafür steht, nicht großformatig durchs Lesen zu gehen? Tiny House meets Tiny Book. Beide stehen für Lebensqualität und die Konzentration auf das Wesentliche. In beiden Philosophien (ob Lebens- oder Verlagsphilosophie) geht es nicht um Nostalgie. Hier ist die Zukunft fest im Blick. Es geht nicht um Größe und knallige Effekte. Es geht um den Kern aller Fragen. Kann ich so leben, kann ich so lesen? Verlockend und für mich ein wundervoller Dialog aus Geschichte und Medium.

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Walden von Henry D. Thoreau

Und im Ernst. Sollte man sich jemals für ein Tiny House entscheiden, mit welchem Buchformat ließe sich eine vergleichbar umfangreiche Bibliothek aufbauen? Da müssen schon die kleinen Großen aus dem Hause Manesse ins Tiny Regal…

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Walden von Henry D. Thoreau

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise“ von Thomas Wolfe – Manesse Verlag

Es sind sechs Etappen, in denen wir mit Thomas Wolfe durch Deutschland reisen können. Es sind zugleich sechs Zeitzonen der deutschen Geschichte, die wir an seiner Seite erleben dürfen. Warum jedoch ist das Reisejournal eines Schriftstellers relevant, der im Alter von 38 Jahren auf dem Höhepunkt des Erfolgs 1938 verstarb? Warum sind seine Tagebücher geeignet, uns hinter dem literarischen Ofen hervorzulocken? Sicher gibt es Autoren, deren Betrachtungen des sich intensiv veränderndes Landes objektiver und im geschichtlichen Zusammenhang fundierter sind. Warum einen Romancier lesen, dessen Lebenswerk durch monströse Werke wie „Schau heimwärts, Engel“ und „Von Zeit und Fluss“ geprägt ist? Was kann er uns geben, was wir nicht schon wissen? Hat dieses Buch das Potenzial, mein Lesen zu bereichern? (PodCast verfügbar)

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Dies waren die zentralen Fragen, die mich zuerst daran zweifeln ließen, als Horst Lauinger – seineszeichens Programmleiter des Manesse Verlages – dieses Buch auf der Frankfurter Buchmesse im kleinen Kreis vorstellte. Ich zweifelte daran, weil ich dem Zeitgenossen von Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald bisher literarisch nicht begegnet bin. Seine Bücher waren mir unbekannt und eigentlich wollte ich nicht gerne ein Lesekapitel öffnen, das eher einer Retrospektive gleichkäme. Und doch erlag ich in der kleinen Runde der Leidenschaft des Verlegers, der sich lapidar als Türsteher und Animateur im Club der toten Dichter bezeichnet.. Hätte ich geahnt, wie dramatisch sich das Lesen der „Deutschlandreise“ auf mein zukünftiges Lesen auswirkt, ich hätte vielleicht davor zurückgescheut. Das Opfer jedoch, Wolfe nicht kennenzulernen, wäre einfach zu groß gewesen. Nun schreibe ich hier als glückliches Opfer…

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Programmleiter Horst Lauinger

Wenn ich also Eine Deutschlandreise hier vorstelle, spreche ich damit eine klare Leseempfehlung aus. Einem Opfer nimmt man das vielleicht ab, weil ich jetzt aus einer Gefangenschaft schreibe, die ich nicht bereue. Mein Urteil: lesenslänglich. Ich bin selbst schuld daran. Das mag ich nicht verhehlen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit ein paar handfesten Bedenken aufräumen, die dem Genuss dieses Buches im Weg stehen könnten. Und schon sind wir mittendrin in der Rezension eines Reiseberichtes, der alles ist, nur kein Reisebericht. Es handelt sich eher um die geschickte Kollektion aller Texte, die Thomas Wolfe in den Jahren 1926 bis 1936 als Selbstzeugnis seiner Reisen durch Deutschland verfasste. Es sind skizzenhafte Tagebuchaufzeichnungen, Ansichtskarten und lange Briefe an die Liebe und Muse seines Lebens Aline Bernstein, seinen Lektor Maxwell E. Perkins und Freunde, die er hinterließ. Es sind starke Kurzgeschichten, zu denen er inspiriert wurde und es sind letztlich die Romane, auf die man neugierig wird, wenn man die Deutschlandreise beendet hat.

Thomas Wolfe ist in der Herangehensweise an sein Sehnsuchtsland Deutschland so wundervoll naiv und subjektiv. Man spürt seine deutschen Wurzeln, das Gefühl für seine heimliche Muttersprache und das stereotype Menschenbild, das er an jeder Ecke zu erwarten scheint. Es sind die specknackigen Deutschen, auf die er trifft. Es sind die Angehörigen der studentischen Vereinigungen, auf die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung blickt. Der „Schmiss„, also die Narbe aus dem Fechtkampf, wird für ihn zum Synonym einer Generation. Er erlebt die Weimarer Republik und den langsam aufziehenden Nationalsozialismus. Er erlebt die braunen Horden. Er sieht mit Hitler den „starken Mann“, der das Gefüge der Welt aus den Angeln hebt. Und alles was ihm am Anfang der Zeitenwende noch so harmlos erscheint wird greifbar lebensgefährlich, als er die Konsequenzen der Machtübernahme der Nazis für seine jüdischen Verleger im Dritten Reich realisiert. Die einzelnen Reise-Etappen werden zu Momentaufnahmen im Sturm der Zeit. Eindrucksvolle Fotos aus dieser Zeit belegen das eindringlich.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Dabei werden wir zu Weggefährten eines aufmerksamen Beobachters und eines Mannes, mit dem wir uns gerne mal auf ein Glas Bier in einem Lokal verabredet hätten. Gerade die unterschiedlichsten Phasen seiner Schriftsteller-Karriere machen das Buch so lesenswert. Erste Reisen durch Deutschland erlebt er als noch nicht verlegter Autor. Neidisch blickt er in die Schaufenster der Buchhandlungen, bestaunt die Bücher seiner Kollegen, die ihre Spuren bereits im deutschen Sprachraum hinterlassen haben. Sein Blick fällt auf James Joyce, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Später, nach der Veröffentlichung der Übersetzung seines ersten Romans Schau heimwärts, Engel wird auch er wahrgenommen. Er sonnt sich im aufstrebenden Ruhm und genießt es, im Rampenlicht zu stehen.

Wir entdecken die Muster seines Schreibens, spüren die Textmelodien, die sich aus den Tagebüchern in die längeren Briefe übertragen. Hier werden die Skizzen ausgemalt und lebendig. Seine darauf aufbauenden Kurzgeschichten „Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit„, „Oktoberfest“ oder „Nun will ich ihnen etwas sagen“ sind dann bereits von einer außergewöhnlichen literarischen Klarheit gekennzeichnet. Es ist gerade der flotte Wechsel zwischen Tagebuch, Postkarten, Brief und fiktionaler Erzählung, der hier zum Strickmusterbogen jenes Buches wird, das uns Thomas Wolfe so nahbringt, wie es ihm selbst wohl gar nicht recht gewesen wäre. Es fühlt sich an, wie das Lüften der intimsten Geheimnisse des Schriftstellers, der uns niemals einen Blick auf die Blaupause seines Schaffens gewährt hätte. Hier liegt sie nun offen. Wir sollten behutsam mit ihr umgehen. „Eine Deutschlandreise“ entschlüsselt die literarische DNA eines großen Autors.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Wer sich mit Thomas Wolfe auf Eine Deutschlandreise begibt, wird in vielfacher Hinsicht von einer meisterlichen Kollage begeistert werden. Wir werden zu Zeugen der Entwicklung eines Genies zu einem Bestsellerautor, wir treffen ganz zufällig auf die wichtigen Weggefährten seines Lebens und begegnen ganz zufällig James Joyce. Wir entdecken unsere Heimat neu. Frankfurt, München oder Berlin in den Zeitscheiben des Buches zu erwandern, ist ein besonderes Erlebnis. Es wird zusehends dunkler im Land seiner Väter. Thomas Wolfe begibt sich auf eine Gratwanderung, die ihn selbst fast zu einem Flüchtling werden lässt. Diese Eindrücke verfestigen sich in seinen Romanen. In kaum einer anderen Vita steckt so viel eigenes Erleben als Grundlage des Schreibens, wie in der von Thomas Wolfe. Authentizität und Leidenschaft gehen hier Hand in Hand.

Ich bin ein Opfer. Und ich bin es mehr als gerne. Ich habe seine Romane um mich versammelt, ich werde sie lesen, werde die Fährten aufspüren, die Thomas Wolfe auf seinen Reisen gelegt hat. Ich werde Menschen in seinen Büchern wiedererkennen, die er schon in seinen Kurzgeschichten nicht sehr gut verbergen konnte. Ich werde Berge und Städte wiedererkennen, die er im Tagebuch nur angerissen hat und ich werde mir wohl die Augen verwundert reiben, wenn ich die kleinen Belanglosigkeiten des Reisens in seinen Romanen zur Literatur erhoben sehe. Man wird noch von mir hören, da mich Thomas Wolfe noch lange beschäftigen wird. Er schrieb nicht viele Geschichten, bevor er im Alter von 38 Jahren starb. Und doch sind es tausende Seiten, die er hinterließ.

Ich bin infiziert und gebe den Thomas-Wolfe-Virus gerne weiter. Hier ist jedoch das Gegenmittel bekannt. Es ist in jeder Buchhandlung zu erhalten, nur kann ich euch leider kein Rezept ausstellen. Privatleser kennen das ja schon. Es gibt keine Versicherung in unserem Land, die unsere Leidenschaft unterstützt. Was kommt also noch? Was könnt ihr noch von mir erwarten. Zuerst einmal ein Filmtipp. „Genius“ mit Jude Law und Colin Firth gehört für mich zu den brillantesten Literaturfilmen. Hier wird die Geschichte eines Lektors erzählt, dessen heroische Aufgabe darin besteht, die mehreren tausend Seiten der Mansukripte von Thomas Wolfe so zu literaturisieren, dass es lesbare Meisterwerke werden. Seine Referenzen: Hemingway und F. Scott Fitzgerald. (Die auch in diesem Film vorkommen). Stark inszeniert und vor bibliophiler Leidenschaft nur so strotzend.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Und dann folgen die Bücher: Schau heimwärts, Engel, Von Zeit und Fluss und Die Party bei den JacksIch danke dem Türsteher im Club der toten Dichter für die Infektion. Ich komme mit den Symptomen derzeit ganz gut zurecht. Doch werde ich oft mitten in der Nacht wach und schrecke im Gefühl auf, noch ungelese Wolfe-Romane auf dem SUB liegen zu haben. Unheilbar lesekrank.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein – Earl of Chesterfield

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein - Earl of Chesterfield - AstroLibrium

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein – Earl of Chesterfield

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein 

Der Start dieses Leseprojekts verdient einen kleinen Einleitungsartikel. Es war in Leipzig, als uns beim Manesse-Bloggertreffen 2019 das kleine und harmlos wirkende Bändchen „Über die Kunst, ein Gentleman zu sein“ vorgestellt wurde. Der Verlag hat die Zielgruppe für dieses scheinbar zeitlose Brevier fest im Blick: Ein Muss für Söhne, Brüder, Ehegatten und alle Männer, die ernsthaft an sich arbeiten. Doch schon bei der Buchvorstellung regte sich leichter Widerstand in mir. Der Text stammt aus dem 18. Jahrhundert. Ihn heute in unsere Zeit zu übertragen und das Mantra vom Gentleman in einen rein maskulinen Kontext zu drängen, erschien mir gewagt. Ich stellte mir Fragen:

Auf welchem Frauenbild basierte das damalige Leitbild eines Gentleman?
Sind es wirklich Charakterzüge, die hier gefragt sind, oder anerzogenes Verhalten?
Welchen Stellenwert haben Anstand, Höflichkeit und Stil heute?
Sind die hier formulierten Normen als Einbahnstraße zu verstehen?
Hat die Emanzipation nicht alles über den Haufen geworfen?
Ist das wirklich ein reines Männerding?

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein - Earl of Chesterfield - AstroLibrium

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein – Earl of Chesterfield

Fragen, die ich nicht in einem kleinen Artikel beantworten möchte. Aber durchaus Fragen, die mich beschäftigen. So sehr, dass ich dem Earl of Chesterfield eine kleine Projektseite gewidmet habe. Ich werde das Buch so lesen, wie sein Sohn es damals zu Gemüt geführt bekam. In kleinen Häppchen. So waren die väterlichen Briefe an seinen Filius auch gedacht. Keine Reizüberflutung. Steter Tropfen höhlt den Stein. So könnte man dieses Brevier auch sehen. Ich werde mich diesen Briefen nähern und sie an der heutigen Zeit, an den veränderten Rollenbildern und an ihren Aussagen reiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Reise in die Vergangenheit nicht nur für Gentlemen, sondern vielleicht auch für Gentlewomen relevant sein könnte.

Der Originaltitel des Buches erweitert das Spektrum des Breviers um viele Aspekte, die beachtenswert sind. The Art of Becoming a Man of the World and a Gentleman. Weltmann und Gentleman. Kunstfertigkeit. Das ist keine Männersache, glaubt mir. Und wenn, dann basiert sie auf einem Frauenbild, das heute zum Relikt verkommen ist. Ich möchte Euch mitnehmen auf meine Reise. Auf der Seite des Gentleman-Projekts der kleinen literarischen Sternwarte werden die Posteingänge von einst gewogen und auf ihre Relevanz geprüft. Meine Damen, meine Herren. Folgen Sie mir. Es hat bereits begonnen… Sehr achtsam jedenfalls…

Das Gentleman-Projekt bei AstroLibrium

Das Gentleman-Projekt bei AstroLibrium

Mit einem Mausklick geht´s zum Gentleman-Projekt… (hier)

Das Gentleman-Projekt bei AstroLibrium

Das Gentleman-Projekt bei AstroLibrium – Ein Klick genügt

Melville, Moby Dick, Mardi und ein runder Geburtstag

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Wenn wir den Namen Herman Melville hören, assoziieren wir ihn sofort mit einem Weißen Wal. Klassiker der Literaturgeschichte hinterlassen deutliche Spuren, wobei es ihnen zumeist gelingt, mit einem einzigen Werk gleichgesetzt zu werden. „Moby Dick“. Das reicht aus, um den Schriftsteller Herman Melville auferstehen zu lassen. „Das war doch der mit Käpt´n Ahab, Queequeg, Starbuck und Stubb!“ Richtig, genau der. Wenn man an ihn denkt, sieht man die Golddublone im Mast, hört man das Holzbein des auf Rache sinnenden Kapitäns und sieht ihn zum Ende, winkend mit Moby Dick verbunden, in der Tiefe versinken. Unvergessene Bilder eines echten Klassikers, der es in einigen Abwandlungen und Vereinfachungen sogar bis zum Kinder- und Jugendbuchbestseller gebracht hat.

Am 1. August 1819 kam Herman Melville in New York zur Welt. Ein Mann, der sein eigenes Leben zur Ausgangsbasis seines künftigen Schreibens machte. Er befand sich nicht im Elfenbeinturm des Theoretikers. Seine Essays und Romane spiegelten wider, was er selbst erlebt hatte. Und, wenn seine Fantasie einen Schritt weiterging, sich dem Fiktionalen und Fantastischen öffnete, dann waren noch so viele Spurenelemente vom eigenen Erfahrungsschatz vorhanden, dass man mit Fug und Recht behaupten konnte: „Er weiß worüber er schreibt.“ Er war Schiffsjunge, erlebte die Blütezeit des Walfangs und hatte die ganz eigene Welt an Bord dieser segelnden Tran-Fabriken erlebt. Hier ist das Geheimnis seines anhaltenden Erfolgs zu finden. Er hat das Meer von der Pike auf gelernt. Windstille, Mangel, Skorbut, Hektik, Überlebenskampf und grausame Kapitäne. All dies waren Wegbegleiter seiner Jugend. All dies finden wir in seinem Werk wieder.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Zwei umfangreiche Artikel habe ich dem Weißen Wal gewidmet. Rezensionen über die Entstehung, Hintergründe zum Buch und dem Hörspiel und seine zeitlose Relevanz. Moby Dick ist die Blaupause für die ewige Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur. Ein Stilelement der Literatur, das uns immer wieder begegnet. Von Hemingway und seinen Stieren bis zu Helen Macdonald mit Habicht und Falke reicht die Range in der Konfrontation mit der unzähmbaren Natur. Einzig Melville jedoch gelingt es, mich in die Zeit eines lesewütigen 14-Jährigen zurückzuversetzen. Moby Dick hat tiefe Spuren hinterlassen und schon beim Aufschlagen des Buches stürze ich zurück in der Zeit:

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Ich bin plötzlich wieder 14! Ich sitze in meinem alten Jugendzimmer und bereite mich darauf vor, diese Nacht an Bord der Pequod zu verbringen. Ich höre das Holzbein des Kapitäns über die Planken poltern, sehe Queequek neben mir seine Harpune schleifen und bemerke, dass Ismael in sein Tagebuch schreibt. Wozu auch immer. Egal. Ich bin wieder mal auf der Flucht und es gibt keinen besseren Platz auf Erden, als die Pequod, wenn man vor den Gedanken an die morgige Mathe-Klausur weglaufen möchte.

Ich bin wieder 14. Die junge rabaukenhafte Leseratte mit Stimmbruch und weit davon entfernt, mich angesprochen zu fühlen, wenn der gute Herman Melville schrieb: „Es ist jetzt Zeit für Männer mit Bart, an Deck zu gehen.“ Naja. Ich konnte da nicht gemeint sein. Ich liege lieber in meiner Hängematte und seitdem wir Nantucket verlassen haben schaukele ich mich lesend in den Schlaf. In meiner kleinen Welt voller Schiffszwieback, gepökeltem Fleisch und ein paar Fässern guten Rum. Und, was im Alter von 14 Jahren nicht ganz unwichtig ist: An Bord eines Schiffes ganz ohne Frauen…

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Ich habe Melville viel zu verdanken. Es ist das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl, das hier strapaziert wurde. Es ist die Verletzlichkeit der Natur, die mir vor Augen geführt wurde, und es ist der Zweifel an den ehrenwerten Motiven von Menschen, hinter denen sie ihren Hass verbergen, der mich vorsichtig und nachdenklich machte. Genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen, würde ich sagen! Ganz bestimmt ein wichtiger Grund, der mich heute dazu bringt, Melville zu gratulieren. Auch ein Grund für einen Blick in den Hafen, die Fahrrinne und an einen Strand, auf dem er Spuren hinterließ, die in der Literaturgeschichte von der Flut weggespült wurden. Alles schmolz zusammen auf Moby Dick. Ich brauchte mehr als 40 Jahre, um mehr zu lesen.

Mardi und eine Reise dorthin passt hier genau in die Range. Ein Roman aus der Feder des noch eher unbekannten Autors. Ein Roman, den man als Weiterentwicklung seiner ersten Veröffentlichungen „Typee“ und „Omoo“ bezeichnen muss. Authentisch und journalistisch berichtete er in diesen beiden Werken von seinen Reisen durch die Südsee. Als Seemann und Walfänger durchreist er den Archipel, begegnet Kannibalen und besteht zahlreiche Abenteuer. Vier Jahre war er unterwegs. Flucht, Erkrankungen, Gefangenschaft, fremde Kulturen, Meuterei, Lebensgefahr und eine skandalumwittere Beziehung zu einer Eingeborenen sorgten für Aufruhr. Fragen nach der Echtheit seiner Erlebnisse wurden laut. Niemand wollte erkennen, was real, was fiktional war. Er wollte das nie voneinander trennen. Blieb ihm nur, eine andere Ebene zu erreichen. Erfinden! Völlig fiktionalisieren. Der Kritik den Boden unter den Füßen wegziehen. So entstand in seinem Kopf das erfundene Archipel „Mardi“, das er nun bereisen konnte. Ein Biotop in der freien Welt eines Schriftstellers, der seine Erlebnisse nun dorthin umsiedelte.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Mardi und die Reise dorthin“ (Jubiläumsausgabe – Manesse Verlag)

Gehen wir also nun davon aus, dass die Reise nach Mardi wirklich stattgefunden hat. Gehen wir davon aus, dass sie eng mit der Biografie Melvilles verbunden ist. Aber: Wir sollten das schnell wieder vergessen und einfach genießen. Erzählströme, die ausufern und neue Welten erklären. Unzumutbare Lebensumstände auf Walfangschiffen, Flucht und Einsamkeit auf hoher See, Windstille als Stilelement des Fabulierens, Anlanden an fremden Ufern, eine wild wuchernde neuartige Flora und Fauna, wilde Ureinwohner, die nie zuvor Kontakt mit der Zivilisation hatten. Und mittendrin ein Erzähler, der sich nicht nur fühlt wie ein Gott, sondern sich sogleich als solcher ausgibt. Ein unsagbar schönes Mädchen namens Yillah, in das er sich verliebt und ein Wendepunkt, der eine Odyssee lostritt.

Das Mädchen verschwindet. Die Suche beginnt. Das Archipel Mardi wird zu einem Kaleidoskop des Fremden, in dem man verzweifelt nach der ewigen Liebe sucht. Hier sprengt Melville die Grenzen des Erzählbaren. Perlenketten seiner Geschichte fallen zu Boden und ergeben ganz allein für sich betrachtet eigene kleine Welten. Es scheint so, als habe Herman Melville zu viel gewollt. Überspitzte Gesellschaftskritik, barrierefreies Überschreiten ethnischer Grenzen, rauschhaftes Erzählen und utopisches Fabulieren. Die Erzählperspektive verliert sich in subjektiven Eindrücken. Eine Herausforderung für jeden Leser. Ein Hochgenuss für Literaturbegeisterte, die begreifen, dass Mardi wie ein Befreiungsschlag zu sehen ist, ohne den Moby Dick niemals entstanden wäre.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Sie stoßen ab, velis et remis. (lat. Segeln und rudern)

Werfen wir die Literaturkritik über Bord. Verweigern wir Erzählstruktur und -theorie den Gehorsam. Lassen wir das Autobiografische im Fass mit den verfaulenden Keksen verrotten. Trennen wir uns vom Ballast unseres Wissens und vergessen den Autor, der tatsächlich von einem Walfangschiff desertierte und die Südsee bereiste. Lasst uns an Bord gehen. Lossegeln, rudern, in der Windstille verzweifeln. Wagen wir es einfach, in seine Haut zu schlüpfen und Mardi zu erkunden. Lasst uns lieben, weinen und suchen. Lasst uns einen Klassiker neu entdecken und dann gemeinsam überlegen, in welchen Dimensionen Herman Melville lebte, fühlte, dachte und schrieb. Und dann gehen wir an Land, finden ein Buch und lesen „Moby Dick“ mit neuen Augen.

Folgen wir dem Vorwort des Verfassers:

„Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden,
kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung
zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorherigen Erfahrung.“
(Herman Melville 1849)

Hier geht es schon bald weiter mit einem Miniklassiker aus dem Mare Verlag. Es geht weiter mit „John Marr und andere Matrosen„, der Gedichtsammlung, die er kurz vor seinem Tod anonym veröffentlichte. Ganze 25 Exemplare umfasste die Auflage. Es bleibt zu hoffen, dass die kleine aber feine Sammlung heute erfolgreicher ist.

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Herman Melville bei AstroLibrium – Es geht weiter

Mardi und eine Reise dorthin“ von Herman Melville / dt. von Rainer G. Schmidt / 832 Seiten / gebunden / 45 Euro

„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Jetzt mal unter uns, Jungs. Die Zeiten haben sich schon sehr verändert, Rollenbilder und Männerwelten sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber manchmal gelingt uns doch die Flucht. Vatertagsausflüge (neudeutsch Herrentagstouren) wecken die Männer in uns. Was für richtige Jungs. Survival unter verschärften Bedingungen, oder wann ist es ansonsten noch denkbar, dass wir uns selbst vor einen Bollerwagen spannen und in wagemutigen Abenteuergruppen zu Expeditionen aufbrechen, die es in sich haben? Ist es nicht ein wahrlich HERRlicher Anblick, diese von allen Pflichten befreiten Männer im Schweiße ihres Angesichts und unter Einfluss berauschender Getränke zu beobachten und ihnen die Daumen zu drücken, dass sie gesund zu ihren Familien zurückkehren?

Drei Mann in einem Boot – Das Vatertags-Special – Mit einem Klick zum PodCast

Wahre Traditionen werden niemals untergehen. Männerausflüge gehören einfach zur Geschichte der Menschheit, wie Revolutionen, Kriege und die Pest. Frauen sind da einfach fehl am Platz. Schmückendes Beiwerk. Zierrat. Gerne gesehen, aber genau an diesen Tagen nicht erwünscht. MANN will unter sich sein. Das Leben schmecken. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst ausprobieren. In der Rolle aufgehen und die Fünf auch mal gerade sein lassen. Tradition. Glaubt ihr nicht? Lasst uns doch in der Literatur nach einer Spur suchen, die heute traditionsstiftend für Männerausflüge sein könnte. In keinem Land werden wir schneller fündig, als im konservativen England des späten 19. Jahrhunderts. Da war die Welt für den Mann noch in Ordnung. Frauenwahlrecht? Lach. Noch Jahrzehnte entfernt. Hier konnte das Mannsein noch zelebriert werden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Jerome K. Jerome verfasste das Standardwerk in Sachen Herrenausflug.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Seine Erzählung „Drei Mann in einem Boot – Ganz zu schweigen vom Hund“ kann mit Fug und Recht als die Mutter aller Männerausflüge bezeichnet werden. Wobei es ja eigentlich eher der Vater heißen müsste. So ändern sich die Zeiten. Aber egal. Es ist wie es ist und wenn uns die Sehnsucht nach einer längst untergegangenen Welt der Männer packt, dann empfiehlt es sich, jenes epochale Werk zu lesen. Eine Schiffsreise stand schon immer ganz oben auf der Richterskala der großen Abenteuer unserer Zeit. Bootsausflüge galten im viktorianischen Zeitalter als DAS Maß der Dinge, wenn es galt Mut und Geschick zu beweisen. Jerome K. Jerome nimmt uns mit zu dieser Expedition auf der Themse. Wobei man schon bemerken muss, dass die Themse allein schon für sich ein Synonym für Wildwasser und Lebensgefahr ist. (hust)

Und ja, die drei Männer, die der Autor hier in die Stromschnellen schreibt sind die wohl letzten großen Abenteurer eines Zeitalters der großen Eroberer. Und das Boot, ja, das Boot steht in direkter Tradition mit den großen Forschungsschiffen des Empire. Die Golden Hind, die Endurance oder die Terror müssen in einem Atemzug mit dem Boot genannt werden, um das es hier geht. (hust) In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Nussschale, ein kleines Ruderboot mit zwei Riemen und Platz für den dritten Mann, der sich gerade ausruhen und steuern kann. Wobei wir schon zu allen Problemen kommen, die Jerome K. Jerome zur Grundlage seiner Geschichte macht. Drei verwöhnte Männer, ein sehr kleines Boot und ein Hund, von dem noch die Rede sein wird.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Der Autor macht sich über alle Klischees lustig, die dem geneigten Leser dabei in den Sinn kommen. Und nicht nur das. Er nimmt sich selbst auf Schippe und Korn, weil er nach dem Motto „Wir sitzen alle im selben Boot“ einer der drei Alltagshelden an Bord ist. Drei Männer, die für alles geeignet scheinen, nur nicht für diese Reise. Briten eines Zeitalters der gepflegten Erscheinung, des Komforts und eben echte Snobs, wie sie im Buche stehen. In diesem. Hypochonder, die körperliche Arbeit nicht kennen und viel zu egoistisch sind, um im Team wirken zu können. Jerome, George und Harry werden zu Schreckgespenstern für jeden, der darüber nachdenkt, wen man auf eine solche Reise mitnehmen könnte. Jeden, nur bitte keinen von den Dreien. Dann doch lieber den Hund Montmorency, der zwar für einigen Ärger sorgt, aber immer noch produktiver erscheint, als die Drei Männer in einem Boot.

Mit unglaublich präziser Situationskomik zerlegt der Autor sich selbst und seine Gefährten in die kleinsten Moleküle von Unfähigkeit. Kleine Rückblenden erläutern, warum ganze Familien an ihnen verzweifeln, wenn auch nur einer von ihnen den Nagel auf den Kopf treffen will. Ein Bild aufzuhängen wird zum Staatsakt, an dessen Ende die heillose Panik um sich greift. Arbeitsmoral ist ein Fremdwort und schon das Packen für die Reise wird zur Lachnummer. Nachdem die drei Ausflügler eine erste Liste der ganz wichtigen und unverzichtbaren Dinge erstellt haben, die unbedingt an Bord müssen, ist es völlig klar, dass die Themse nicht genügend Tiefgang für einen solchen Frachtkahn hätte. Also beschränkt man sich auf das Allernotwendigste und auch das lässt uns die Lachfalten im Gesicht erbeben.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wenn eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ihren aberwitzigen Humor zeitlos trocken in unsere Zeit rettet, dann haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Viele der Episoden dieser Schiffsreise bleiben im Gedächtnis. Pleiten, Pech und Pannen sind Wegbegleiter der drei Flussschiffer. Und wenn ausnahmsweise etwas gelingt, dann ist immer noch ein Hund an Bord, der sich ins Zeug wirft. Wir lernen im Buch, wie man die Wäsche unterwegs nicht waschen sollte, was beim Treideln strengstens zu unterlassen ist und warum es Unglück bringt, unterwegs weibliche Passagiere aufzunehmen, die in blütenweißen Kleidern an Bord Platz nehmen und auf ihr Äußeres bedacht sind.

„Drei Mann in einem Boot“ ist das wohl komischste britische Buch, das ich lesen und hören durfte. Die kleine feine Prachtausgabe der Manesse Bibliothek in neuem Design steht diesem Buch sehr gut. Es ist jetzt nicht nur inhaltlich, sondern optisch und haptisch ein wahrer literarischer Leckerbissen. Es ist jedoch kein Zufall, dass ich mich auch in die aktuelle Hörbuchfassung von Der Hörverlag verliebt habe. Das hat gleich mehrere Gründe. Die Episoden der Reise sind so unterhaltsam, dass man sich einfach extrem gut aufs Hören konzentrieren kann, weil man die Hände frei hat. Wie sollte man sich sonst die Lachtränen aus dem Gesicht wischen. Und mit Axel Milberg konnte der wohl am britischsten klingende deutsche Sprecher und Schauspieler für die Produktion gewonnen werde.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Milbergs distinguierter, versnobter Tonfall macht aus diesem Hörbuch ein echtes Erlebnis. Ihm gelingt der Zeitsprung in das angestaubte England so perfekt, dass man denkt, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Sein Anglerlatein ist grandios, die Ignoranz gegenüber der Realität faszinierend und seine Verweigerungshaltung gegenüber jeder körperlichen Arbeit legendär. Axel Milberg rudert sich durch eine Geschichte, ohne sich dabei die Hände nass oder schmutzig zu machen. Es ist brillant, wie lebendig er dieser Erzählung Leben einhaucht. Bewundernswert, dass er nicht selbst lauthals lachen und prusten musste beim Einlesen der Geschichte. Er hat diesen Klassiker stimmlich vom Stapel gelassen und dem sanften Verlauf der Themse anvertraut. Dabei nimmt er jede Faser des Humors mit an Bord, den Jerome K. Jerome auf seine Packliste schrieb.

Vatertag, jetzt kannst du kommen. Rein in die Boote, Leinen los und auf in das letzte große Abenteuer für echte Männer. Wer zum Lachen in den Keller geht, sollte ihn noch schnell schallisolieren. Ansonsten hört man euch im ganzen Haus, ob ihr lest oder hört. Eure Lachtränen lassen den Pegelstand der Themse um einen gefühlten Meter steigen und sorgen dafür, dass euer Boot stets Gefahr läuft zu kentern. Wer beste Unterhaltung sucht, ist hier gut aufgehoben. Heuert an und lacht über euch selbst, über uns Männer oder einfach so, weil die pure Lust am Lesen und Hören hier einen Höhepunkt erreicht, der Flutwellen des Lachens in euer Leben spült.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wir sitzen alle im selben Boot. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Themse und Humor unter dem Kiel. Sie möchten diese Rezension hören? Bitte sehr