„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Jetzt mal unter uns, Jungs. Die Zeiten haben sich schon sehr verändert, Rollenbilder und Männerwelten sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber manchmal gelingt uns doch die Flucht. Vatertagsausflüge (neudeutsch Herrentagstouren) wecken die Männer in uns. Was für richtige Jungs. Survival unter verschärften Bedingungen, oder wann ist es ansonsten noch denkbar, dass wir uns selbst vor einen Bollerwagen spannen und in wagemutigen Abenteuergruppen zu Expeditionen aufbrechen, die es in sich haben? Ist es nicht ein wahrlich HERRlicher Anblick, diese von allen Pflichten befreiten Männer im Schweiße ihres Angesichts und unter Einfluss berauschender Getränke zu beobachten und ihnen die Daumen zu drücken, dass sie gesund zu ihren Familien zurückkehren?

Drei Mann in einem Boot – Das Vatertags-Special – Mit einem Klick zum PodCast

Wahre Traditionen werden niemals untergehen. Männerausflüge gehören einfach zur Geschichte der Menschheit, wie Revolutionen, Kriege und die Pest. Frauen sind da einfach fehl am Platz. Schmückendes Beiwerk. Zierrat. Gerne gesehen, aber genau an diesen Tagen nicht erwünscht. MANN will unter sich sein. Das Leben schmecken. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst ausprobieren. In der Rolle aufgehen und die Fünf auch mal gerade sein lassen. Tradition. Glaubt ihr nicht? Lasst uns doch in der Literatur nach einer Spur suchen, die heute traditionsstiftend für Männerausflüge sein könnte. In keinem Land werden wir schneller fündig, als im konservativen England des späten 19. Jahrhunderts. Da war die Welt für den Mann noch in Ordnung. Frauenwahlrecht? Lach. Noch Jahrzehnte entfernt. Hier konnte das Mannsein noch zelebriert werden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Jerome K. Jerome verfasste das Standardwerk in Sachen Herrenausflug.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Seine Erzählung „Drei Mann in einem Boot – Ganz zu schweigen vom Hund“ kann mit Fug und Recht als die Mutter aller Männerausflüge bezeichnet werden. Wobei es ja eigentlich eher der Vater heißen müsste. So ändern sich die Zeiten. Aber egal. Es ist wie es ist und wenn uns die Sehnsucht nach einer längst untergegangenen Welt der Männer packt, dann empfiehlt es sich, jenes epochale Werk zu lesen. Eine Schiffsreise stand schon immer ganz oben auf der Richterskala der großen Abenteuer unserer Zeit. Bootsausflüge galten im viktorianischen Zeitalter als DAS Maß der Dinge, wenn es galt Mut und Geschick zu beweisen. Jerome K. Jerome nimmt uns mit zu dieser Expedition auf der Themse. Wobei man schon bemerken muss, dass die Themse allein schon für sich ein Synonym für Wildwasser und Lebensgefahr ist. (hust)

Und ja, die drei Männer, die der Autor hier in die Stromschnellen schreibt sind die wohl letzten großen Abenteurer eines Zeitalters der großen Eroberer. Und das Boot, ja, das Boot steht in direkter Tradition mit den großen Forschungsschiffen des Empire. Die Golden Hind, die Endurance oder die Terror müssen in einem Atemzug mit dem Boot genannt werden, um das es hier geht. (hust) In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Nussschale, ein kleines Ruderboot mit zwei Riemen und Platz für den dritten Mann, der sich gerade ausruhen und steuern kann. Wobei wir schon zu allen Problemen kommen, die Jerome K. Jerome zur Grundlage seiner Geschichte macht. Drei verwöhnte Männer, ein sehr kleines Boot und ein Hund, von dem noch die Rede sein wird.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Der Autor macht sich über alle Klischees lustig, die dem geneigten Leser dabei in den Sinn kommen. Und nicht nur das. Er nimmt sich selbst auf Schippe und Korn, weil er nach dem Motto „Wir sitzen alle im selben Boot“ einer der drei Alltagshelden an Bord ist. Drei Männer, die für alles geeignet scheinen, nur nicht für diese Reise. Briten eines Zeitalters der gepflegten Erscheinung, des Komforts und eben echte Snobs, wie sie im Buche stehen. In diesem. Hypochonder, die körperliche Arbeit nicht kennen und viel zu egoistisch sind, um im Team wirken zu können. Jerome, George und Harry werden zu Schreckgespenstern für jeden, der darüber nachdenkt, wen man auf eine solche Reise mitnehmen könnte. Jeden, nur bitte keinen von den Dreien. Dann doch lieber den Hund Montmorency, der zwar für einigen Ärger sorgt, aber immer noch produktiver erscheint, als die Drei Männer in einem Boot.

Mit unglaublich präziser Situationskomik zerlegt der Autor sich selbst und seine Gefährten in die kleinsten Moleküle von Unfähigkeit. Kleine Rückblenden erläutern, warum ganze Familien an ihnen verzweifeln, wenn auch nur einer von ihnen den Nagel auf den Kopf treffen will. Ein Bild aufzuhängen wird zum Staatsakt, an dessen Ende die heillose Panik um sich greift. Arbeitsmoral ist ein Fremdwort und schon das Packen für die Reise wird zur Lachnummer. Nachdem die drei Ausflügler eine erste Liste der ganz wichtigen und unverzichtbaren Dinge erstellt haben, die unbedingt an Bord müssen, ist es völlig klar, dass die Themse nicht genügend Tiefgang für einen solchen Frachtkahn hätte. Also beschränkt man sich auf das Allernotwendigste und auch das lässt uns die Lachfalten im Gesicht erbeben.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wenn eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ihren aberwitzigen Humor zeitlos trocken in unsere Zeit rettet, dann haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Viele der Episoden dieser Schiffsreise bleiben im Gedächtnis. Pleiten, Pech und Pannen sind Wegbegleiter der drei Flussschiffer. Und wenn ausnahmsweise etwas gelingt, dann ist immer noch ein Hund an Bord, der sich ins Zeug wirft. Wir lernen im Buch, wie man die Wäsche unterwegs nicht waschen sollte, was beim Treideln strengstens zu unterlassen ist und warum es Unglück bringt, unterwegs weibliche Passagiere aufzunehmen, die in blütenweißen Kleidern an Bord Platz nehmen und auf ihr Äußeres bedacht sind.

„Drei Mann in einem Boot“ ist das wohl komischste britische Buch, das ich lesen und hören durfte. Die kleine feine Prachtausgabe der Manesse Bibliothek in neuem Design steht diesem Buch sehr gut. Es ist jetzt nicht nur inhaltlich, sondern optisch und haptisch ein wahrer literarischer Leckerbissen. Es ist jedoch kein Zufall, dass ich mich auch in die aktuelle Hörbuchfassung von Der Hörverlag verliebt habe. Das hat gleich mehrere Gründe. Die Episoden der Reise sind so unterhaltsam, dass man sich einfach extrem gut aufs Hören konzentrieren kann, weil man die Hände frei hat. Wie sollte man sich sonst die Lachtränen aus dem Gesicht wischen. Und mit Axel Milberg konnte der wohl am britischsten klingende deutsche Sprecher und Schauspieler für die Produktion gewonnen werde.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Milbergs distinguierter, versnobter Tonfall macht aus diesem Hörbuch ein echtes Erlebnis. Ihm gelingt der Zeitsprung in das angestaubte England so perfekt, dass man denkt, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Sein Anglerlatein ist grandios, die Ignoranz gegenüber der Realität faszinierend und seine Verweigerungshaltung gegenüber jeder körperlichen Arbeit legendär. Axel Milberg rudert sich durch eine Geschichte, ohne sich dabei die Hände nass oder schmutzig zu machen. Es ist brillant, wie lebendig er dieser Erzählung Leben einhaucht. Bewundernswert, dass er nicht selbst lauthals lachen und prusten musste beim Einlesen der Geschichte. Er hat diesen Klassiker stimmlich vom Stapel gelassen und dem sanften Verlauf der Themse anvertraut. Dabei nimmt er jede Faser des Humors mit an Bord, den Jerome K. Jerome auf seine Packliste schrieb.

Vatertag, jetzt kannst du kommen. Rein in die Boote, Leinen los und auf in das letzte große Abenteuer für echte Männer. Wer zum Lachen in den Keller geht, sollte ihn noch schnell schallisolieren. Ansonsten hört man euch im ganzen Haus, ob ihr lest oder hört. Eure Lachtränen lassen den Pegelstand der Themse um einen gefühlten Meter steigen und sorgen dafür, dass euer Boot stets Gefahr läuft zu kentern. Wer beste Unterhaltung sucht, ist hier gut aufgehoben. Heuert an und lacht über euch selbst, über uns Männer oder einfach so, weil die pure Lust am Lesen und Hören hier einen Höhepunkt erreicht, der Flutwellen des Lachens in euer Leben spült.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wir sitzen alle im selben Boot. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Themse und Humor unter dem Kiel. Sie möchten diese Rezension hören? Bitte sehr

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Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

Büchlein wechsel Dich – Manesse legt neu auf

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Stell Dir vor, Du hast Jahre damit verbracht, eine kleine feine Bibliothek im Reich Deines Lesens aufzubauen. Stell Dir vor, diese kleine Bibliothek sei einzigartig und so unverwechselbar, dass sie den Zeichen der Zeit widerstehen könnte. Ihr Design und die Inhalte wären so besonders, dass sie am Ende Deines Lesens auch gleichzeitig als ein Vermächtnis dienen könnte, das man seinen Liebsten gerne hinterlässt. Stell Dir vor, es wären ausschließlich Klassiker und sehr besondere Werke der Literatur, die sich hier in einheitlicher Größe und Gestaltung ihr Stelldichein geben würden. Und nun stell Dir vor, dass der Verlag, der für diese exquisite Auswahl mit seinem guten Namen steht, zu der Entscheidung gedrängt wird, all das über den Bücherhaufen zu werfen, was Dir so lieb und teuer erscheint.

Die Rede ist von der “Manesse-Bibliothek der Weltliteratur“. Der Verlag nimmt sich hierbei selbst in die Pflicht, indem er ein Ziel vorgibt, dem sich andere Verlage in dieser Deutlichkeit gar nicht mehr verschreiben in der heutigen Zeit. Es geht um

* Weltliteratur in attraktiver Ausstattung
* die ambitionierte Klassikervermittlung aus allen Kultursprachen und Epochen
* Romane, Lyrik und Erzählungen in Erst- und Neuübersetzungen

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Um sich ein Bild vom Umfang dieser Weltbibliothek zu machen, muss man sich nur mal die Zahl der unterschiedlichen Werke vor Augen halten, die hier seit 1944 in einem weitgehend einheitlichen Design verlegt wurden. Es sind mehr als 600 unterschiedliche Werke von Moby Dick bis zu Jenseits von Afrika. Auch wenn es unmöglich erscheint, all diese Werke zu besitzen, so sind die „Kleinen Großen“ doch sicher in jeder privaten Bibliothek in einigen Exemplaren enthalten.

Und jetzt? Was sehen wir mit wachem Blick auf Buchmessen und im Buchhandel unseres Vertrauens? Das Design der Bücher hat sich verändert. Was vormals schon sehr bieder und uniform daherkam, wirkt jetzt poppig und bunt. Die Wesensmerkmale der althergebrachten Bibliothek der Weltliteratur sind nun auf dem Cover nicht mehr zu erkennen. Futsch ist sie, die geliebte Eintönigkeit der weißen Bücherarmee mit ihren so unterschiedlich gefärbten und im Cover fest eingedruckten Bauchbinden. So stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und vermitteln durch ihr Äußeres, dass man es hier in jeder Beziehung mit einer literarischen Elite zu tun hat. Keine Alltagsware. Mainstream, was ist das? Eigentlich ein Erfolgsrezept im schnelllebigen Büchermeer. Eigentlich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in Wertigkeit und Inhalt. Eigentlich zeitlos…

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika (1986, 2014, 2017)

Und was haben wir draus gemacht! Ja, ich meine uns Leser! Wir finden die Bücher schön und lieben es, sie ein wenig zu sammeln. Wir staunen schon, wenn wir mehr als zehn von ihnen auf einem Fleck entdecken. Aber letztlich haben wir sie anscheinend in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv eingekauft, dass es sich weiter lohnen würde, an ihnen festzuhalten. Die Wertschätzung dieser Bücher vollzog sich nur noch in immer kleineren Kreisen und die Kaufinteressen gerade jüngerer Leser ließen unsere kleinen Lieblinge links liegen. Und nun? Wundern wir uns und sammeln uns zum Protest?

Vereinzelt ja. Vereinzelt flammt Bestürzung auf. Man habe eine Lebenssammlung in Luft aufgelöst, weil die neuen Bände nicht mehr dazu passen würden. Doch was wäre, wenn Manesse diesen Paradigmenwechsel nicht eingeleitet, sondern einfach kapituliert hätte? Dann würde sich die Frage gar nicht mehr stellen, wie eine Klassiker-Sammlung fortgeführt werden kann. Der Buchhandel seinerseits sieht das neue Design als mutige und alternativlose Entscheidung, sind doch gerade die Büchertempel diejenigen, die in letzter Konsequenz den Einbruch der Verkaufszahlen unmittelbar zu spüren bekamen. Jetzt blickt man gemeinsam nach vorne, präsentiert die neuen Kleinen in eigenen und augenfälligen Displays oder lässt sie gemeinsam dekoriert für sich selbst sprechen. Ob wir Leser angesichts der spürbaren Konkurrenz durch kleinformatige Bücher zukünftig bereit sind, den wertigen Büchern der Manesse Bibliothek Wertschätzung entgegen zu bringen, das wird sich erst zeigen.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Wer nun allerdings denkt, wir hätten es hier nur mit einer rein optischen Zäsur zu tun, der sollte sich die neuen Werke auch inhaltlich genau anschauen. Die Bücher sind nicht nur einer äußerlich erkennbaren Schönheitsoperation unterzogen worden, es hat nicht nur ein paar neue Schutzumschläge gehagelt. Nein. Auch im Inneren der Bücher hat sich mit diesem programmatischen Wechsel einiges getan und man hat die Chance genutzt, Fehler zu beseitigen, die sich in der Vergangenheit eingeschlichen haben. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir einfach mal „Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen. Ich kann mich noch gut an meine lebhafte Diskussion mit den Verlagsverantwortlichen auf der Leipziger Buchmesse erinnern.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

Die Neuübersetzung aus dem Jahr 2014 hat mich verstört, weil hier schon mit den ersten Sätzen des Buches ein kleines Sakrileg begangen wurde. Aus dem bekannten und sowohl in den Altübersetzungen und in der Verfilmung verwendeten Original „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngongberge“ wurde nun ohne große Not die neue Einleitung „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Ngong Gebirges.“ Für viele Leser vielleicht nur eine Kleinigkeit, für mich jedoch ein großer literarischer Bruch, der mich sehr verunsicherte und mich des Vertrauens beraubte, ob diese Übersetzung dem Ursprungswerk noch gerecht würde, oder ob hier lediglich mit dem Dampfhammer gezeigt werden sollte, dass man den Text wirklich angepackt hatte. Die Begründung ist in der Art des Schreibens von Tania Blixen zu suchen. Sie schrieb ihre Bücher in einer ersten Fassung in englischer Sprache und übersetzte sie selbst ins Dänische.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Die Ngongberge sind in der englischen Fassung „Ngong Hills“ und im Dänischen die Bjerget Ngong. Auch wenn es weitere Fassungen von Tania Blixen gibt, nie sind diese, in europäischen Maßstäben flachen, Berge ein Gebirge. Für mich war dieser Cut in der Neuübersetzung einfach zu intensiv und vergriff sich an einem Zitat, das Leser in ihrem Herzen tragen, wenn sie an Tania Blixen denken. Und nun? In der Neuausgabe mit neuem Design? Hat sich was getan? Hat man die Chance genutzt? Ich kann meine Freude kaum in Worte fassen, aber aus dem Gebirge wurden wieder Berge. Afrika hat seine Ngongberge wieder und das Buch fühlt sich wieder so an, wie es sein soll. Mein Vertrauen ist wiederhergestellt, und das Buch selbst ist ein komplettes Kunstwerk voller Überraschungen.

Das Druckbild ist konturierter, dunkler und besser zu lesen. Das Vorsatzblatt passt hervorragend zum neuen Äußeren und die hohe Qualität in der Verarbeitung wird allen Ansprüchen und Erwartungen gerecht. Hier wurde nicht nur (neudeutsch) getuned, hier sind viele Überlegungen eingeflossen, die dieses Buch mit modernem Grafik-Cover zu dem machen, was es jetzt für mich ist. Einem Lebensbegleiter, der sich an meine erste Blixen-Ausgabe von Manesse aus dem Jahr 1986 anschmiegt. In einer Artikelserie bin ich mit vielen Büchern auf den dunklen Kontinent gereist. „Jenseits von Afrika“ ist hier der Startpunkt gewesen, die Mutter aller Bücher in der Reihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“.

„Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs“

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Ich werde mich einem weiteren Buch der Manesse Bilbliothek widmen, das ich mir aus gutem Grund auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ausgesucht habe. “Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome liegt mir schon vor und 2018 wird dieses Werk in einer ungekürzten Hörbuchfassung bei Der Hörverlag mit der Stimme von Axel Milberg erscheinen. Dann werde ich mich ins Boot schwingen und die Themse lesend und hörend bereisen. Ich freue mich schon sehr auf diese Reise… Kommt ihr mit?

Drei Mann in einem Boot – Lesen und hören… Bald…

Vernunft und Gefühl – Jane Austen – 200 Jahre postmortem

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Der erste Schritt eines Menschen auf dem Mond war ein Triumph des Verstandes, jedoch eine Niederlage der Vernunft. Womit explizit unterschieden wird, zu welchen Leistungen der menschliche Geist in der Lage ist, wenn es gilt Ziele zu erreichen, was jedoch nicht heißt, dass es sich hier um sinnvolle Ziele handelt. Verstand und Vernunft sind so unterschiedlich wie Katze und Maus, was auch erklärt, warum man sich zuerst mit diesen Begriffen beschäftigen muss, bevor man Jane Austens Roman „Sense and Sensibility“ aufschlägt.

Heißt es nun in der Übersetzung „Vernunft und Gefühl“ oder eher „Verstand und Gefühl“? Was kommt dem Beziehungsdrama und den unterschiedlichen Charakteren der Prota­gonistinnen näher? Welcher Begriff beschreibt den großen Unterschied, sich Herzens­dingen zu widmen besser? Bei Sensibility sind sich die Übersetzer einig. Hier geht es eindeutig um Gefühl. Da stehen Logik und Kalkül hinten an, das Herz regiert in jeder Bezie­hung und alle Schattierungen der Emotionalität im Guten und Bösen spielen eine gewichtige Rolle.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Bei „Sense“ gehen die Meinungen auseinander. Ich persönlich stimme der Variante des Manesse Verlages zu, der zum 200. Todestag von Jane Austen (sie verstarb am 18.Juli 1817) ihren ersten ganz großen Roman unter dem Titel Vernunft und Gefühlin wundervoller Aufmachung veröffentlicht. Zwei Schwestern stehen für diese Begriffe, weil sie sich in Fragen der Liebe so unterschiedlich verhalten wie ein Mathematiker und ein Romantiker. Und hier geht es eben nicht um den Verstand. Es geht nicht darum, ein rational greifbares Ziel zu erreichen. Hier spielte die Autorin ganz bewusst mit Begriffen aus dem Beziehungsgeflecht von Menschen. Liebesheirat und Vernunftehe. Das sind die Pole, deren Kappen wir in ihrem Roman betreten. Sie stoßen einander ab und doch ziehen sie sich auch an. Magnetisch magisch.

Ungewöhnlich, sich noch vor dem Lesen so intensiv mit dem Titel eines Romans zu beschäftigen? Vielleicht ja, aber für mich geht es hierbei um mehr, da man oftmals schon an dieser Stelle in die Irre geführt wird. Es musste einen guten Grund geben, den Roman im Vergleich zu anderen Ausgaben dieses Werkes mit diesem neuen Etikett zu versehen. Danach habe ich gesucht und wurde lesend bestätigt, dass es vernünftig war die Vernunft regieren zu lassen, weil der Verstand an keiner Stelle des Romans regiert. Während eine der Schwestern im Hause Dashwood sich nur von ihren Gefühlen leiten lässt, wägt die andere ab, zaudert, zögert, verschließt sich und leidet doch innerlich. Es ist hier der Kampf der Vernunft gegen die Emotion. Elinor Dashwood wäre nie auf dem Mond gelandet, weil es nicht richtig und somit unvernünftig gewesen wäre. Ihre jüngere Schwester Marianne hingegen wäre mit wehenden Fahnen zum Mond geflogen, wenn sie sich in ihn verliebt hätte. Die Gefahr des Scheiterns hätte sie nicht interessiert.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Habe ich das jetzt vernünftig abgeleitet? Ich hoffe, schon. Der kleine Exkurs musste einfach sein, da er meine Gedanken zu Beginn des Lesens widerspiegelt. Eines Lesens voller widersprüchlicher Gefühle. Darf ich mich wirklich erstmals in meinem Leben Jane Austen widmen? Ich lese gerne Klassiker, aber das Erstlingswerk einer zwanzigjährigen Schrift­stellerin über Liebe und Beziehungen in den gesellschaftlichen Konventionen des aus­gehenden 18. Jahrhunderts? Musste das nicht ein wenig angestaubt sein? Oder ist hier eine echte literarische Perle versteckt, die ich mich bisher zu suchen standhaft und beharrlich geweigert hatte?

Bei mir stimmten Vernunft und Gefühl auch nicht überein. Wäre es nicht vernünftig, einen aktuellen Roman zu lesen? Wäre es nicht vernünftig, sich Zeit zu sparen, sich die Verfilmung des Klassikers anzuschauen und dann zu urteilen? Mein Gefühl sagte nein. Mein Gefühl sagte mir, dass ich lesen muss, um fühlen zu können. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mein Gefühl mich nicht betrogen hat. Manchmal ist auch in der Literatur der Sieg des Gefühls über die Vernunft der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit einem Buch, das man eigentlich niemals lesen wollte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Briefwechsel

Ich hatte mir eine gefühlsgeladene und in Widersprüchen verstrickte Geschichte erhofft. Ich begegnete zwei jungen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In allen Facetten der Rahmenhandlung konstruierte Jane Austen eine explosive Situation, die in sich plausibel und authentisch wirkt. Der Verlust der gewohnten Umgebung durch Erbstreitigkeiten, die Un­sicher­heit einer Familie nach dem Tod des Vaters und der nicht freiwillige Umzug in ein bescheidenes Heim ohne große Perspektive gestalten ein Bild, in dem die beiden heran­wachsenden Töchter und die möglichen Verbindungen, die sie eingehen könnten von größter Bedeutung für die Sicherheit der Dashwoods werden. Es sind in sich geschlossene Charak­tere, die Jane Austen hier auf die Bühne schickt. Zwei Schwestern, die in Liebesdingen den Titel des Romans repräsentieren

Elinor Dashwood, mit 19 Jahren die ältere der Schwestern, ist die Vernunft. Liebe und Gefühl werden von ihr gegen die Chancen aufgewogen, die ihre Zuneigung für den Schwager überhaupt hat. Sie grübelt, zeigt ihre Liebe kaum und doch ist es in der Tiefe ihres Herzens Liebe, die sie für Edward Ferrars empfindet. Marianne, mit 17 Jahren die Dashwood, deren Leidenschaft sich ausleben möchte. Ihre Liebe zweifelt nicht. Und bei Enttäuschungen leidet sie offen und herzzerreißend. Sie ist das pure Gefühl und dabei so verletzlich wie ein waid­wundes Reh. Dass ausgerechnet der Mann ihres Herzens in Sachen Beziehung nicht so frei ist, wie er es vorzugeben scheint, erschüttert Marianne in ihren Grundfesten. Willoughby ist ebenso wie Edward Ferrars verlobt. Jane Austen brilliert im Aufeinandertreffen der beiden Welten, in denen „Vernunft und Gefühl“ die Parameter darstellen, an denen sich die Schwe­stern reiben. Immer wissend, dass ihre Entscheidungen das Leben der Mutter und ihrer jüngsten Schwester Margret verändern können. Ein tief angelegter Reigen voller Zweifel und Emotion beginnt und es wird sich weisen, welcher Weg für welche Schwester der richtige ist. Im Wechsel der Rollen liegt der Zauber dieser Geschichte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Auch Reclam erweitert den Fokus

Ich wurde nicht enttäuscht. „Vernunft und Gefühl“ – beide Ebenen spricht dieser Roman in aller Tiefe an. So hatte ich mit Jane Austen vorgestellt, die ich vielleicht bald in weiteren Werken entdecken möchte. Ihre Vita klingt spannend und macht neugierig. Es gibt große Lücken in ihrer Biographie, die nie geschlossen wurden. Im Rätselhaften liegt hier die Faszi­nation. Was für mich in Jane Gardams Die geheimen Briefemit einer geheimnisvollen Affäre der jungen Jane Austen begann, setzte sich schon wenig später mit ihren Briefen im Buch Ich bin so gütig, Dir wieder zu schreibenfort, weil ich auch hier  auf ihr dreijähriges Schweigen stieß, das so viel Raum für Spekulationen über ihr verborgenes Liebesleben bietet.

Hat auch bei ihr die Vernunft über das Gefühl gesiegt? Oder wurde auch ihr Herz gebrochen und für alle Zeit versiegelt? Bahnte sich hier an, was sich schreibend seine Entsprechung suchte? Es lohnt sich, Jane Austen auf der Fährte zu bleiben. Gerade zu ihrem 200. Todestag warten Verlage mit Neuerscheinungen und weiteren Werken auf, die sich mit dem Phänomen Austen beschäftigen. Das Sortiment des Reclam Verlages sticht hier besonders heraus. Die kleinen feinen (und gar nicht mehr gelben) Bücher zu diesem Anlass ermöglichen viele Zugänge zur Legende. „100 Seiten Jane Austen“ ist eine komprimierte Einstiegsdroge, die an Fakten orientiert, faktisch amüsant und doch fundiert die Tür zu einer ganz besonderen Frau öffnet.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Für welches Buch ihr euch auch immer entscheidet, Jane Austen hat es verdient, auch heute noch gelesen zu werden. Das sagt mir mein Gefühl mit aller Vernunft.