Melville, Moby Dick, Mardi und ein runder Geburtstag

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Wenn wir den Namen Herman Melville hören, assoziieren wir ihn sofort mit einem Weißen Wal. Klassiker der Literaturgeschichte hinterlassen deutliche Spuren, wobei es ihnen zumeist gelingt, mit einem einzigen Werk gleichgesetzt zu werden. „Moby Dick“. Das reicht aus, um den Schriftsteller Herman Melville auferstehen zu lassen. „Das war doch der mit Käpt´n Ahab, Queequeg, Starbuck und Stubb!“ Richtig, genau der. Wenn man an ihn denkt, sieht man die Golddublone im Mast, hört man das Holzbein des auf Rache sinnenden Kapitäns und sieht ihn zum Ende, winkend mit Moby Dick verbunden, in der Tiefe versinken. Unvergessene Bilder eines echten Klassikers, der es in einigen Abwandlungen und Vereinfachungen sogar bis zum Kinder- und Jugendbuchbestseller gebracht hat.

Am 1. August 1819 kam Herman Melville in New York zur Welt. Ein Mann, der sein eigenes Leben zur Ausgangsbasis seines künftigen Schreibens machte. Er befand sich nicht im Elfenbeinturm des Theoretikers. Seine Essays und Romane spiegelten wider, was er selbst erlebt hatte. Und, wenn seine Fantasie einen Schritt weiterging, sich dem Fiktionalen und Fantastischen öffnete, dann waren noch so viele Spurenelemente vom eigenen Erfahrungsschatz vorhanden, dass man mit Fug und Recht behaupten konnte: „Er weiß worüber er schreibt.“ Er war Schiffsjunge, erlebte die Blütezeit des Walfangs und hatte die ganz eigene Welt an Bord dieser segelnden Tran-Fabriken erlebt. Hier ist das Geheimnis seines anhaltenden Erfolgs zu finden. Er hat das Meer von der Pike auf gelernt. Windstille, Mangel, Skorbut, Hektik, Überlebenskampf und grausame Kapitäne. All dies waren Wegbegleiter seiner Jugend. All dies finden wir in seinem Werk wieder.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Zwei umfangreiche Artikel habe ich dem Weißen Wal gewidmet. Rezensionen über die Entstehung, Hintergründe zum Buch und dem Hörspiel und seine zeitlose Relevanz. Moby Dick ist die Blaupause für die ewige Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur. Ein Stilelement der Literatur, das uns immer wieder begegnet. Von Hemingway und seinen Stieren bis zu Helen Macdonald mit Habicht und Falke reicht die Range in der Konfrontation mit der unzähmbaren Natur. Einzig Melville jedoch gelingt es, mich in die Zeit eines lesewütigen 14-Jährigen zurückzuversetzen. Moby Dick hat tiefe Spuren hinterlassen und schon beim Aufschlagen des Buches stürze ich zurück in der Zeit:

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Ich bin plötzlich wieder 14! Ich sitze in meinem alten Jugendzimmer und bereite mich darauf vor, diese Nacht an Bord der Pequod zu verbringen. Ich höre das Holzbein des Kapitäns über die Planken poltern, sehe Queequek neben mir seine Harpune schleifen und bemerke, dass Ismael in sein Tagebuch schreibt. Wozu auch immer. Egal. Ich bin wieder mal auf der Flucht und es gibt keinen besseren Platz auf Erden, als die Pequod, wenn man vor den Gedanken an die morgige Mathe-Klausur weglaufen möchte.

Ich bin wieder 14. Die junge rabaukenhafte Leseratte mit Stimmbruch und weit davon entfernt, mich angesprochen zu fühlen, wenn der gute Herman Melville schrieb: „Es ist jetzt Zeit für Männer mit Bart, an Deck zu gehen.“ Naja. Ich konnte da nicht gemeint sein. Ich liege lieber in meiner Hängematte und seitdem wir Nantucket verlassen haben schaukele ich mich lesend in den Schlaf. In meiner kleinen Welt voller Schiffszwieback, gepökeltem Fleisch und ein paar Fässern guten Rum. Und, was im Alter von 14 Jahren nicht ganz unwichtig ist: An Bord eines Schiffes ganz ohne Frauen…

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Ich habe Melville viel zu verdanken. Es ist das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl, das hier strapaziert wurde. Es ist die Verletzlichkeit der Natur, die mir vor Augen geführt wurde, und es ist der Zweifel an den ehrenwerten Motiven von Menschen, hinter denen sie ihren Hass verbergen, der mich vorsichtig und nachdenklich machte. Genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen, würde ich sagen! Ganz bestimmt ein wichtiger Grund, der mich heute dazu bringt, Melville zu gratulieren. Auch ein Grund für einen Blick in den Hafen, die Fahrrinne und an einen Strand, auf dem er Spuren hinterließ, die in der Literaturgeschichte von der Flut weggespült wurden. Alles schmolz zusammen auf Moby Dick. Ich brauchte mehr als 40 Jahre, um mehr zu lesen.

Mardi und eine Reise dorthin passt hier genau in die Range. Ein Roman aus der Feder des noch eher unbekannten Autors. Ein Roman, den man als Weiterentwicklung seiner ersten Veröffentlichungen „Typee“ und „Omoo“ bezeichnen muss. Authentisch und journalistisch berichtete er in diesen beiden Werken von seinen Reisen durch die Südsee. Als Seemann und Walfänger durchreist er den Archipel, begegnet Kannibalen und besteht zahlreiche Abenteuer. Vier Jahre war er unterwegs. Flucht, Erkrankungen, Gefangenschaft, fremde Kulturen, Meuterei, Lebensgefahr und eine skandalumwittere Beziehung zu einer Eingeborenen sorgten für Aufruhr. Fragen nach der Echtheit seiner Erlebnisse wurden laut. Niemand wollte erkennen, was real, was fiktional war. Er wollte das nie voneinander trennen. Blieb ihm nur, eine andere Ebene zu erreichen. Erfinden! Völlig fiktionalisieren. Der Kritik den Boden unter den Füßen wegziehen. So entstand in seinem Kopf das erfundene Archipel „Mardi“, das er nun bereisen konnte. Ein Biotop in der freien Welt eines Schriftstellers, der seine Erlebnisse nun dorthin umsiedelte.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Mardi und die Reise dorthin“ (Jubiläumsausgabe – Manesse Verlag)

Gehen wir also nun davon aus, dass die Reise nach Mardi wirklich stattgefunden hat. Gehen wir davon aus, dass sie eng mit der Biografie Melvilles verbunden ist. Aber: Wir sollten das schnell wieder vergessen und einfach genießen. Erzählströme, die ausufern und neue Welten erklären. Unzumutbare Lebensumstände auf Walfangschiffen, Flucht und Einsamkeit auf hoher See, Windstille als Stilelement des Fabulierens, Anlanden an fremden Ufern, eine wild wuchernde neuartige Flora und Fauna, wilde Ureinwohner, die nie zuvor Kontakt mit der Zivilisation hatten. Und mittendrin ein Erzähler, der sich nicht nur fühlt wie ein Gott, sondern sich sogleich als solcher ausgibt. Ein unsagbar schönes Mädchen namens Yillah, in das er sich verliebt und ein Wendepunkt, der eine Odyssee lostritt.

Das Mädchen verschwindet. Die Suche beginnt. Das Archipel Mardi wird zu einem Kaleidoskop des Fremden, in dem man verzweifelt nach der ewigen Liebe sucht. Hier sprengt Melville die Grenzen des Erzählbaren. Perlenketten seiner Geschichte fallen zu Boden und ergeben ganz allein für sich betrachtet eigene kleine Welten. Es scheint so, als habe Herman Melville zu viel gewollt. Überspitzte Gesellschaftskritik, barrierefreies Überschreiten ethnischer Grenzen, rauschhaftes Erzählen und utopisches Fabulieren. Die Erzählperspektive verliert sich in subjektiven Eindrücken. Eine Herausforderung für jeden Leser. Ein Hochgenuss für Literaturbegeisterte, die begreifen, dass Mardi wie ein Befreiungsschlag zu sehen ist, ohne den Moby Dick niemals entstanden wäre.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Sie stoßen ab, velis et remis. (lat. Segeln und rudern)

Werfen wir die Literaturkritik über Bord. Verweigern wir Erzählstruktur und -theorie den Gehorsam. Lassen wir das Autobiografische im Fass mit den verfaulenden Keksen verrotten. Trennen wir uns vom Ballast unseres Wissens und vergessen den Autor, der tatsächlich von einem Walfangschiff desertierte und die Südsee bereiste. Lasst uns an Bord gehen. Lossegeln, rudern, in der Windstille verzweifeln. Wagen wir es einfach, in seine Haut zu schlüpfen und Mardi zu erkunden. Lasst uns lieben, weinen und suchen. Lasst uns einen Klassiker neu entdecken und dann gemeinsam überlegen, in welchen Dimensionen Herman Melville lebte, fühlte, dachte und schrieb. Und dann gehen wir an Land, finden ein Buch und lesen „Moby Dick“ mit neuen Augen.

Folgen wir dem Vorwort des Verfassers:

„Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden,
kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung
zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorherigen Erfahrung.“
(Herman Melville 1849)

Hier geht es schon bald weiter mit einem Miniklassiker aus dem Mare Verlag. Es geht weiter mit „John Marr und andere Matrosen„, der Gedichtsammlung, die er kurz vor seinem Tod anonym veröffentlichte. Ganze 25 Exemplare umfasste die Auflage. Es bleibt zu hoffen, dass die kleine aber feine Sammlung heute erfolgreicher ist.

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Herman Melville bei AstroLibrium – Es geht weiter

Mardi und eine Reise dorthin“ von Herman Melville / dt. von Rainer G. Schmidt / 832 Seiten / gebunden / 45 Euro

„Giacinta“ von Luigi Capuana – Eine verletzte Seele

„Giacinta“ von Luigi Capuana

Man nehme einen längst verstorbenen Schriftsteller mit einer leicht verschrobenen Vita, einen bereits 1879 er­schie­ne­nen Roman aus dessen Feder, etikettiere das Ganze als Literatur­klassiker mit skanda­lösem Inhalt und erobere den Bücher­markt. So oder so ähnlich könnte man den ver­lege­rischen Wagemut bezeichnen, der den Manesse Verlag motiviert haben könnte, Giacinta von Luigi Capuana übersetzt von Stefanie Römer ins gediegene Frühjahrs­programm auf­zunehmen. Weit ge­fehlt, auch wenn Capuana im lite­rarischen Universum fast schon in Vergessen­heit geraten ist, bleibt dieser Roman in verschiedener Hinsicht ein zeit­loses Meister­werk über die Psyche einer jungen Frau im Konflikt mit den gesell­schaftlichen Normen einer unaufgeklärten Zeit.

Capuana begann erst spät mit seinen eigenen Werken, war Literaturkritiker, Dozent und Bürger­meister, bevor er das eigene Schreiben kulti­vierte und mit „Giacinta“ einen echten Skandal­roman auf den Markt brachte. Aus­gerechnet er, möchte man sagen. Er, der in seiner Beziehung mit seiner Haus­hälterin mehrere uneheliche Kinder zeugte und diese post­wendend in ein Wai­sen­haus gab, schrieb über ein junges Mädchen, das seit seiner Geburt im elter­lichen Umfeld unerwünscht ist und zu einer Amme gegeben wird. Ausgerechnet er versetzt sich fortan in die ver­letzte Seele eines Kindes, für das dieses Auf­wachsen ohne liebe­volle Zuwendung durch die Eltern der erste Mosaikstein für eine ver­gewaltigte Kindheit wird.

Ausgerechnet er… Muss man sagen…

„Giacinta“ von Luigi Capuana

Skandalös ist und war dieser Roman, weil er über alle Elemente verfügt, die einen Skandal im wahrsten Wortsinn umfassen. Ein junges Mädchen in der un­schul­digen Blüte des Her­anwachsens. Eine unge­liebte elternlose Vergangenheit, verunsichert was Gefühle sind und wie man sie äußern kann und hineingeworfen in die unwirkliche Welt des Lebens in den gut situierten Kreisen ihrer Familie, als man sie schließlich aus den Händen der Amme befreit und ins immer noch lieblose Eltern­haus zurückbringt. Schon im Alter von 10 Jahren auf der Suche nach Zuwendung von einem Lauf­burschen allem beraubt, was eine Zukunft in diesen Kreisen sichern konnte. Ehre, Jungfräulichkeit und Ansehen. Giacinta zieht sich in ihr eigenes un­ver­schul­detes Leid zurück und durchlebt alle inneren Höllen­qualen eines befleckten Heran­wachsens.

An ihrer Seite finden sich später zahllose Männer, die um ihre Gunst buhlen. Ihre Eltern führen Giacinta in die Gesellschaft ein und erwarten endlich eine Verbindung, die der Familie gut zu Gesicht steht. Niemand jedoch kann sich in das Innenleben der Frau hinein­versetzen, deren Gefühl­swelt einem zerbrochenen Spiegel gleicht. Sie wirkt kühl, abweisend, ver­führerisch und spielt schein­bar mit den Männern aus ihrem Umfeld. Es ist der Tanz ums Goldene Kalb, den wir fortan erleben. Alte degenerierte Adelige sind es, die ihr den Hof machen, doch nur ein Mann weckt ihr emotionales Interesse. Für sie gibt es nur einen Weg sich auf ihn einzulassen. Die Angst vor der Entdeckung der nicht mehr vorhandenen Jung­fräu­lichkeit treibt sie in eine Todes­spirale der Psycho­logie. Nur ein paradox er­schei­nender Ehebruch scheint der erhoffte Befreiungs­schlag zu sein, der Giacinta zurück ins Leben spülen kann.

„Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden,
aber mein Ehemann, nein, niemals.“

„Giacinta“ von Luigi Capuana und „Die Poesie der Hörigkeit“ – Gemeinsamkeiten

Ausgerechnet er… Ja, ausgerechnet Luigi Capuana be­schreibt aus den tiefsten und plau­sibel­sten em­pathi­schen Tiefen heraus die Zerrissenheit einer jungen Frau, die sich in ihren verletzten Gefühlen verliert. Das Moral- und Sitten­bild stellt den Rahmen einer brillanten Erzählung dar, in der sich der Leser un­ein­geschränkt auf Giacinta einlassen muss, um ihre verdrehte Psyche verstehen zu können. Capuana zeigt uns hinsicht­lich aktueller Ehebruchs- und Ent­wicklungs­romane auf, wie viel­schichtig die Verletzung der Psyche sich auswirken kann, wie para­dox das Denken und Fühlen auf dieser Basis ist und wie un­wahr­scheinlich es ist, eine zer­brochene Kindheit durch gutes Zureden heilen zu können.

Giacinta ist vieles zugleich. Sie zieht Männer an, wie Motten das Licht und wehrt sie alle standhaft ab. Das Leben in einer Gesellschaft, in der Gerüchte über ihre geraubte Unschuld salon­fähig sind, lässt sie zu einer Frau werden, die Opfer und Täter zugleich ist. Sie zu lieben bedeutet den Untergang. Sie nicht zu lieben bedeutet den tiefen Fall in die Be­deutungs­losigkeit der Liebe. Sie nicht zu lesen bedeutet einen Verlust, der nicht kompensiert werden kann, wenn man an die wahre Macht der Liebe glaubt. „Giacinta“ zu lesen und sie zu vergessen ist unmöglich, weil man ihrer Faszination nicht entgehen kann. Das Buch un­beschadet zu ver­lassen, scheint ausgeschlossen….

(Rezi-Shortcut) „Giacinta“ von Luigi Capuana

Eine weitere verletzte Seele: Mopsa Sternheim in „Die Poesie der Hörigkeit

„Himbeeren mit Sahne im Ritz“ – Erzählungen von Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Oh, ich war so standhaft. Ich war so standhaft, wie selten zuvor in meinem Lesen und habe zuletzt doch versagt, weil ich einfach nicht entsagen konnte. Wie ihr wisst, lese ich niemals Kurzgeschichten und meide Erzählbände oder Anthologien wie die literarische Pest. Für mich liegt die Würze selten in der Kürze und Ausnahmen lasse ich nur selten zu. Eine dieser deutlichen Abweichungen von meinem normalen Leseverhalten war die Buchverführung Pariser Symphonie von Irène Némirovsky. Ich schrieb ausführlich über diese Phase meines Lesens und hoffte schließlich über den Berg zu sein.

(Sie können gerne weiterlesen oder im Radio zuhören: hier)

Himbeereb mit Sahne im Ritz... Eine Extraportion Buchgenuss

Himbeeren mit Sahne im Ritz… Eine Extraportion Hörgenuss mit einem Klick

Weit gefehlt. Ich habe meine Rechnung ohne professionell vorgehende Suchtberater gemacht. Während des DVA/Manesse Pressetermins auf der Frankfurter Buchmesse 2016 präsentierten Sonja Grau und Tonia Kempe ein Buch, das auf den ersten Blick so aussah, als würde es mein Herz im Sturm erobern. Das Cover war so augenscheinlich verheißungsvoll und aussagekräftig, dass man auf einen Inhalt hoffen konnte, der mehr als nur einfache Mainstream-Unterhaltung war. Umrankt von einer Federstola blickt die junge Dame glamourös in den großformatigen Spiegel eines  Ballsaals. Dabei wird aus dem Blick in die Zukunft ein vielfach sich reflektierender Rückblick in die Vergangenheit eines luxuriösen Lebens. Ich war verliebt.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Doch dann hörte ich, wie Sonja Grau zu mir sagte: Es sind nur Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, ganz sicher nichts für Dich“, wobei ihr Blick das Gegenteil zu sagen schien. Ich ließ die Finger von diesem Buch. Ich widerstand der Versuchung und ging nicht weiter auf die Herausforderung ein, die mich schon einmal in wilde Lesetage gestürzt hatte. Nein. Es sollte keine zweite Pariser Symphonie in meinem Lesen geben. Basta! Irgendwie war ich schon ein wenig stolz auf mich. Ich hatte es geschafft. Dachte ich zumindest. Was ich nicht ahnte war, wie sehr der Keim der Buchverführung wächst und manchmal erst Monate später zur Blüte reift.

Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald tauchte dann unvermittelt in meinem Leben auf, als ich es in der Buchhandlung meines Vertrauens entdeckte. Ich konnte meinen Blick nicht vom Cover trennen und hörte die scheinbar gar nicht so ernst gemeinten Worte „Das ist doch sicher nichts für Dich“, als wären sie gerade erst an mich gerichtet worden. Oh, ich war so standhaft. Nein. Kurzgeschichten bitte nicht mehr und ein Buch mit diesem Titel schon gar nicht. Und doch griff ich nach wenigen Tagen zum Telefon und begab mich, um meine Niederlage wissend, in die Falle. Die harmlose Frage nach Zelda Fitzgerald gipfelte in einer Lobeshymne auf den inhaltlichen Reiz des Buches und bevor ich eine Chance hatte anders zu reagieren formulierte mein zweites Ich bereits die jammervolle Bitte „Ich mag das so gerne lesen… ich kann nicht mehr ohne dieses Buch sein!“ Schluss mit Standhaftigkeit. Inkonsequenz mit voller Wucht.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dann war es endlich da und fühlte sich an, wie ein heiß ersehnter Buchschatz. Als Brandbeschleuniger meiner Vorfreude diente derweilen der Prachtband „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ (Piper Verlag) in dem ich zu allem literarischen Überdruss auch den Liebesbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald fand und mit jeder Faser meines Herzens zu fühlen begann, welch außergewöhnliche Beziehung die beiden so unterschiedlichen Liebenden miteinander verband. Sie lebten, liebten, stritten, weinten, reizten sich bis aufs Blut und schrieben gemeinsam, was das Zeug hielt. Sie waren im besten aller Sinne füreinander bestimmt:

„Meinst Du nicht, dass ich für Dich gemacht wurde? Ich empfinde so, als hättest Du mich in Auftrag gegeben… „ Zelda an Scott

Ebendieses Frauenbild finden wir fortan in den Kurzgeschichten aus ihrer Feder. Die Mädchen ihrer Erzählungen verbindet ihre lebenslange Suche nach dem richtigen Mann, der dann aber auch bitte nichts anderes zu tun hat, als ein sorgenfreies Leben in Saus und Braus zu ermöglichen. Starke Frauen sind es, die Zelda hier ins Rennen führt und denen sie moderne und selbstbewusste Züge einhaucht. Was auf den ersten Blick nur Oberflächlich wirkt, ist im tiefsten Inneren zerrissen, melancholisch und geplagt von unerfüllten Sehnsüchten. Man möchte sie allesamt so gerne in den Arm nehmen.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dabei überzeugt Zelda Fitzgerald mit einer literarischen Leichtfüßigkeit, die tiefe Spuren hinterlässt. Sie schrieb so bildgewaltig und farbenfroh, wie sie malte. Sie tanzt durch ihre Wortgemälde und brilliert trotz oder gerade aufgrund der gewaltigen internen Konkurrenz ihres populären Ehemanns, der mit seinen Geschichten bereits unfassbare Honorare verdiente. Ein Grund, warum einige ihrer Geschichten unter seinem Namen in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht wurden. Die Frische ihrer Geschichten und die unverbrauchten Beschreibungen lassen jedoch eher Zelda Fitzgerald zur Avantgarde der Roaring Twenties aufsteigen.

Ihre Mädchen und Frauen sind schillernde Persönlichkeiten mit doppeltem Boden und heben sich durch ihr vielschichtiges Charisma von der sehr blassen Männerwelt ab. Staffage, zu mehr taugen die Jungs im Leben nicht. Die Oberfläche verliert sich schnell und eine extrem zerbrechlich wirkende Tiefenausstrahlung verschafft sich Raum. Dabei skizziert Zelda Fitzgerald viel mehr als eine Zeiterscheinung. Sie zeichnet Frauen in der Welt von Männern, die sich lediglich einbilden, alles im Griff zu haben. Das fragile Bild, das sie von Amerika zeichnet ist hierbei ebenso zeitlos. Strahlkraft erlangt das Land nur durch inhaltsleere Unterhaltung. Einzig strahlend sind die Frauen, doch sie fordern den höchsten Preis, wenn man ihrer habhaft werden möchte. Es kann das Leben kosten.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Tanz und Rhythmus bestimmen diese Geschichten mit einer ganz eigenen Melodie. Manchmal ist die atmosphärische Dichte so greifbar, dass man den Theatervorhang zu fühlen scheint, der sich über allen Szenen öffnet. Frederick von Perikles Monioudis ist einer der wenigen aktuellen Romane, die hier sprachlich in aller Tiefe anknüpfen. Es ist ein Hochvergnügen, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ zu genießen. Es ist traurig und bewegend, „Miss Ella“ in den Abgesang ihrer vergangenen Liebe zu begleiten und es bereitet ein diebisches Vergnügen dem Rachefeldzug von Gracie Axelrod zu folgen, die als „Unsere Leinwandkönigin“ Geschichte machen sollte und bitter enttäuscht wurde.

Literaturwissenschaftlich relevant werden Zelda Fitzgeralds rein autobiografische Geschichten, in denen sie sich selbst und ihre Leidenschaft zu Scott F. Fitzgerald aufs Korn nimmt. „Zwei Verrückte“. Oh ja, wie das passt. Ihr Blick auf die gemeinsame und von Skandalen geprägte Zeit in Paris an der Seite von Ernest Hemingway ist absolut schonungslos und ehrlich. Selbstinszenierung, Verschwendungssucht, Alkoholexzesse und Ehebetrug. Alles was Larry und Lou hier erleben und erleiden steht sinnbildlich für die eigene Zeit in der Metropole der Liebe.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Ich empfehle eine riesige Portion Himbeeren mit Sahne im Ritz“ und bin mir schon jetzt mehr als sicher, dass ich Zelda und Scott bald erneut begegne. Im April erscheint „Und alle benehmen sich daneben – Wie Hemingway sich seine Legende erschuf“ von Lesley M.M. Blume bei dtv. Das Buch ist bereits für mich reserviert und ich möchte darauf wetten, dass ich zwei Menschen kenne, die sich hier kräftig danebenbenommen haben. Zelda & Scott.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Im Leben vereint – in den Büchern getrennt – in meinem Lesen wieder vereint. So wird mein Bücherregal zu einem magischen Ort, einem geschützten Raum und letztlich zu einem Literaturbiotop, in dem sich Zelda und F. Scott Fitzgerald wieder gefunden haben.

F. Scott Fitzgerald – „Für dich würde ich sterben“ – Hoffmann und Campe

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

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„Mord auf Bestellung“ von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Also nur mal ganz unter uns. Würden Sie einen Roman lesen, dessen Autor die Idee für das ganze Buch gekauft hat? Würden Sie ein Buch lesen, in dem sich genau dieser Schriftsteller so sehr in der fremden Idee verrennt, dass er nicht mehr zum Ende findet? Würden Sie einen Thriller lesen, der dann fast fünfzig Jahre später von einem anderen Autor beendet wurde, dem das Manuskript zufällig in die Hände fiel? Seien Sie jetzt mal ganz ehrlich. Würden Sie dieses Buch lesen?

Stellen wir die Frage doch mal anders. Würden Sie den Roman lesen, wenn er aus der Feder des einzigartigen Jack London stammen würde, der mit „Wolfsblut„, „Der Seewolf„, „Goldrausch in Alaska“ und „Ruf der Wildnis“ zur Legende wurde? Oder würden Sie ein Buch lesen, dessen Idee von Sinclair Lewis stammt, der als mittelloser Lohnschreiber seinen Lebensunterhalt bestritt, indem er seine Romanideen für kleines Geld an namhafte Schriftsteller verkaufte? Wäre es für Sie von Interesse, dass dieser Ideenhändler später mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Und würde es Sie vielleicht interessieren, ein Buch in Händen zu halten, in dem Sie all dies selbst erlesen könnten? Die Idee. Den Roman bis zu seiner Abbruchstelle. Die Fortsetzung durch einen Autor, der vorher kaum in Erscheinung getreten war. Und auch den Rohentwurf des Finales von Jack London selbst, in dem er das Ende des Buches skizziert, zu dem er sich doch niemals durchringen konnte. Und darüber hinaus könnte es Sie interessieren, dass Ihnen die Idee ein wenig bekannt vorkommt, weil Sie sich an einen Film erinnern können, in dem Diana Rigg fast berühmter wurde, als in ihrer Rolle der Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“? Na, wie sieht es jetzt aus?

Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, dann sollten Sie weiterlesen, denn hier wartet genau jener Agententhriller auf Sie, der durch seine Entstehungsgeschichte und alle Legenden, die sich um ihn ranken, absolut einzigartig ist. Mord auf Bestellungvon Jack London ist im Manesse Verlag in einer Fassung erschienen, die nicht nur keine Fragen mehr offen lässt, sondern den Leser dazu verleitet, aktiv zu werden und vielleicht sogar sein eigenes Ende zu erdenken. Wenn man weiß, dass der eigentliche Autor sich in eine Sackgasse manövriert hat und sich die Fortsetzung von Robert L. Fish deutlich vom Finalentwurf Jack Londons unterscheidet, dann sind die Gedanken frei, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und aus diesem Roman einen eigenen Mitmachthriller zu gestalten. Sind Sie bereit?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Dabei werden Sie in jeder Hinsicht literarisch gefesselt, weil diese offensichtlichen Brüche im Buch gar nicht offen erkennbar sind. Die facettenreiche Ausgabe mit einem hilfreichen Nachwort von Freddy Langer, einem Stichwortverzeichnis, dem Fragment des finalen Entwurfes von Jack London und dem deutlichen Hinweis, an welcher Stelle Rober L. Fish angesetzt hat, lässt alle Sollbruchstellen innerhalb des Romans sichtbar werden, ohne den Thriller des Lesevergnügens zu berauben. Denn eines steht fest: Er ist von der Idee bis zu seinem Ende brillant, spannend, kurios und mehr als lesenswert.

Jack London öffnet die Pforten zu einer Gesellschaft ehrenwerter Männer, die im New York des Jahres 1911 ein wahres Schattendasein führen. Sie treten nur dann in Erscheinung, wenn sie gut bezahlt werden und ihre Aktionen nach einem ethisch und moralisch kaum zu beanstandenden Prüfverfahren sanktioniert wurden. Was sie dann ganz genau tun? Nun, ganz einfach. Sie morden. Attentate sind ihre Profession und es ist eigentlich recht einfach, die gedungenen Killer zu engagieren.

„Wenngleich Henker die bessere und treffendere Bezeichnung ist.“

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Man wendet sich an Ivan Dragomiloff, den Chef der Attentatsagentur, nennt ihm das Opfer, begründet diesen Wunsch und vereinbart einen Preis. Der variiert nach der Position, die das potentielle Opfer in der Gesellschaft bekleidet. Ein Monarch ist hier wesentlich teurer als ein Polizeichef und kriminelle Randfiguren sind schon für kleines Geld zu beseitigen. Einzige Voraussetzung für die Agentur, einen Auftrag anzunehmen ist die Akzeptanz eines komplexen Regelwerks. Das Attentat muss aus ethischer Sicht gerecht sein, der Auftrag kann nicht mehr storniert werden und im Falle des Scheiterns der Agentur binnen eines Jahres nach Autragserteilung wird die Summe erstattet.

Was jedoch ist ethisch und gesellschaftlich gerecht? Diese Diskussion steht über der Mission der Agentur. Von Unterdrückung bis zur Korruption reicht das Spektrum. Gerechtigkeit ist das oberste Ziel der Attentäter, die allesamt aus ehrenwerten Berufen stammen und sich selbst als Instrumente einer gesellschaftlichen Säuberung verstehen. Soweit so gut. Das Geschäft floriert und viele asoziale Gestalten wurden spurlos von den Agenten beseitigt, die von New York aus überregional bestens organisiert sind. Als ein gewisser Winter Hall die Agentur mit einem Auftrag konfrontiert, gerät jedoch diese Philosophie der rechtschaffenen Wahnsinnigen ins Wanken.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Er beauftragt Ivan Dragomiloff damit, sich von seinen eigenen Agenten liquidieren zu lassen und der Attentatsagentur so den Todesstoß zu versetzen. Hall ist ein wesentlich fanatischerer Moralist als Dragomiloff und in der Diskussion um die ethischen Motive der Agentur kann man sich Halls philosophischer Begründung nicht entziehen, dass es dem Menschen nicht zusteht über den Menschen zu richten. Der Kampf um das Gute in der Gesellschaft rechtfertigt nicht jedes Mittel. Dragomiloff nimmt den Auftrag an und es entbrennt eine atemberaubende Jagd der Attentäter gegen ihren eigenen Chef.

„Ich bin ein Mensch“, erwiderte Dragomiloff traurig. „Möglicherweise wird sich das auf lange Sicht als die tödliche Schwachstelle meiner Philosophie erweisen.“

Diesen Thriller als rasant zu bezeichnen kommt einer Verharmlosung gleich. Die philosophische Diskussion, wie weit man gehen kann, um das Böse zu beseitigen ist brillant und die Versuche der Attentäter, ihren Chef zu liquidieren sowie seine eigenen Versuche, sich zu retten sind grandios beschrieben. Die Tatsache, dass Winter Hall zu spät bemerkt, dass die Frau, die er liebt zutiefst in die Agentur verstrickt ist, setzt dem Ganzen einen besonderen emotionalen Deckel auf. Lassen Sie sich auf das Spiel ein. Finden Sie Ihr eigenes Ende und denken Sie darüber nach, wer hier im Recht ist.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Lesespaß ohne Grenzen! Und das in einem Thriller, dessen Entstehungsgeschichte einen eigenen Roman wert gewesen wäre. Und sollten Sie irgendwann einmal Diana Rigg im Film Mörder GmbH sehen, dann denken Sie einfach an Jack London und den Roman „Mord auf Bestellung„, der einst von einem armen Lohnschreiber erdacht, von einem Großmeister begonnen und von einem kleinen Schriftsteller beendet wurde.

PS: Mord auf Bestellung ist auch bei Hauke Harder ein wahrer Leseschatz!

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London – Diana Rigg in einer besonderen Rolle

Der Ball von Irène Némirovsky – Autobiografisches Schreiben

Der Ball von Ir`ne Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Wenn Schreiben jemals autobiografisch war, dann hier. Wenn man jemals aus der Fiktionalität einer Geschichte und ihrer Romanfiguren auf das reale Leben der Autorin schließen konnte, die sie verfasste, dann hier. Kaum eine Schriftstellerin hat sich wohl jemals weniger in ihrem Erzählraum versteckt, als die Schöpferin dieses Romans und niemand hat insgeheim so viel Wert darauf gelegt, vom Leser entdeckt zu werden. Im direkten Dialog zwischen Biografie und Roman entsteht in diesem Fall ein gestochen scharfes Bild einer Frau, die bis heute unvergessen ist.

Iréne Némirovsky

Dies ist nun bereits mein dritter Artikel über die große Autorin, die Frankreich so sehr liebte, aber in der Mühle der Geschichte als jüdische Autorin zermalmt wurde. Ihr geliebtes Frankreich konnte der gebürtigen Ukrainerin keinen Schutz bieten, als es für sie um ihr Leben ging. Ganz im Gegenteil sogar. Willfährig machten sich Franzosen zu Handlangern des Nazi-Regimes und letztlich wurde sie am 13. Juli 1942 verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie nur wenige Monate später im Krankenbau des Todeslagers verstarb.

Ich las die Pariser Symphonie“. Eine Kollektion von wundervollen Kurzgeschichten, die für mich so sehr die großen Sehnsuchtsmomente widerspiegeln, die das Schreiben von Irène Némirovsky charakterisieren. Auf der Suche nach dem wahren Leben las ich dann Irène Némirovsky – Die Biografievon Olivier Philipponnat und erlebte dabei, wie sich die Kreise zu schließen begannen. Ich folgte ihren tiefen Spuren und begleitete sie auf ihrem letzten Weg. Erlebte, wie sie ihr Vermächtnis, das Manuskript der Suite Francaise in einem Koffer an ihre Töchter übergab. Und nun erlebe ich im Verständnis um die Hintergründe ihres Wirkens eine literarische Wiedergeburt, die mich in ihre Arme treibt.

Der Ball von Ir`ne Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Scheinbar ist mir in meinem Lesen einiges entgangen, denn in einem gemütlichen Gespräch über Gott, die Welt und die Literatur musste ich den Namen Némirovsky nur kurz erwähnen und meine Lebenlesefreundin Kristina sprang fast aus dem Stand in ihr Bücherregal. Und dann lagen sie vor mir. Die großen und kleinen Geschichten aus der Feder der Frau, deren Biografie mich so sehr berührt hatte.

Der Ball“, „Leidenschaft“, die „Suite Francaise“ und „Jesabel“ schmiegten sich an meine Bücher von Irène Némirovsky und bildeten in diesem magischen Moment mit der „Pariser Symphonie“ und der Biografie den Kanon ihres Schreibens. Einladend und mehr als verführerisch. Unwiderstehlich für mich, weil ich doch gerade erst in aller Tiefe zu den wahren Hintergründen und Beweggründen eines Schreibens vorgedrungen war, das den Eindruck bei mir hinterließ, die Autorin wäre zeitlebens auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit.

„Du musst unbedingt den Ball lesen! Dann erschließt sich dir alles!“ Mehr musste Kristina nicht sagen. Meine Neugier war geweckt und ich schloss die kleine aber feine Ausgabe aus dem Zsolnay Verlag in mein Herz. Ja, ich wollte mehr wissen. Ich wollte so vieles von dem erfahren, was mir noch verborgen war. Ich wollte in die Jugend der Frau eintauchen, die genau dieser prägenden Zeit niemals entfliehen konnte. Zu tief verletzt war Irène von der egozentrischen Lebensweise ihrer Mutter. Zu sehr hatte sie unter der Eifersucht zu leiden, die ihre Mutter nun empfand. Eifersucht und Neid auf die eigene Tochter, die nun immer mehr zur Konkurrentin der alternden Mutter avancierte.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky – Ein autobiografischer Tanz

Und genau hier beginnt Der Ball von Irène Némirovsky so viel mehr zu erzählen, als man es eigentlich auf 90 Seiten erwarten könnte. Die Parallelen zum wahren Leben der Schriftstellerin sind frappierend. Die Tochter eines jüdischen Bankiers, die nach der Flucht der Familie vor der russischen Revolution nach Paris erleben muss, wie sehr die Eltern versuchen, in der High Society Fuß zu fassen, spiegelt sich hier originalgetreu in der vierzehnjährigen Antoinette, deren neureiche Eltern alles in Bewegung setzen, um dem Geld das Ansehen folgen zu lassen.

Neureich sind die Kampfs und egozentrisch bis zum Kragen. Madame Kampf trägt ihren Reichtum zur Schau. Sie definiert sich über die Größe des Hauses, die Anzahl der Dienstboten und die Tatsache, dass ihre Tochter von Gouvernanten erzogen wird. Alles passt. Eines fehlt. Der Prunk des Hoch- und Geldadels, mit dem sich die Kampfs gerne umgeben würden, um gesellschaftlich en vogue zu sein. Ein großer Ball soll für Abhilfe sorgen. Hunderte von Gästen aus den höchsten Schichten werden eingeladen, um den Namen Kampf in Paris zu etablieren.

Antoinette träumt davon bei diesem Ball in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Sie träumt diesen Traum für sich allein, denn Madame Kampf hat ganz andere Ziele. Es gilt, Antoinette zu verbergen. Niemand soll sie zu Gesicht bekommen. Eifersucht regiert und der pure Neid auf ihre aufblühende Jugend steht in Konkurrenz zur Schönheit der eigenen Mutter. Während der Ball vorbereitet wird, erklärt man Antoinette, dass sie die Nacht in einer kleinen Kammer zu verbringen hat. Das Entsetzen ist groß.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Antoinette fühlt sich bereit für die große und wahre Liebe. Der Schock sitzt so tief, dass erste Gedanken an einen Selbstmord in ihr reifen. Da sie aber vermutet, dass der Freitod der eigenen Tochter die Mutter kaum berühren würde, ersinnt Antoinette einen Plan, der ihre Eltern bis ins Mark treffen würde. Der Rachefeldzug der tief enttäuschten Tochter beginnt und ihr Plan hat es in sich.

So weit ist die wahre Irène Némirovsky nie gekommen. Ihre Hilflosigkeit bekämpfte sie schreibend. Romane und Kurzgeschichten spiegeln diese Entschlossenheit, mit der sie gegen ihre Grenzen kämpfen wollte. Sie dachte, träumte und schrieb in der Sprache des Landes, das sie so sehr liebte. Französisch. Ihr Zorn war in ihrem frühen Schaffen gegen ihre Eltern gerichtet. Als ihre neue Heimat zu einem besetzten Land wurde und die persönliche Gefahr immer weiter um sich griff, beschleunigte sich das Tempo ihres Schreibens.

Irène Némirovsky beobachtete die Veränderungen in Frankreich und begann mit einem neuen Lebenswerk. Im Verborgenen. Sie wurde bereits nicht mehr verlegt, ihre Texte wurden nicht mehr veröffentlicht und die antijüdischen Gesetze wirkten sich auf ihr Leben aus. Unter diesem Druck entstanden die ersten Notizen zur Suite Francaise. Fünf Teile sollten es werden. Ein großes Panorama eines besetzten Landes mit allen Facetten, die zu beobachten waren. Unvollendet blieb dieser Zyklus. Unvollendet blieb ihr Leben. Ihr Manuskript wurde gerettet. In einem Koffer. Für Irène Némirovsky selbst gab es keine Gnade.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

„Ich fürchte mich vor nichts, ich habe mich im Voraus gerächt!“

Antoinettes Worte aus „Der Ball“ stehen für das ganze Leben der Schriftstellerin. Sie hat zeitlose Texte hinterlassen, die auch heute noch Zeugnis ablegen. Sie hat sich wortgewaltig gerächt. An ihrer Mutter, ihrer Vergangenheit, den Nazis-Besatzern und nicht zuletzt an den Franzosen, die als Kollaborateure funktioniert haben. Ihre Werke erfreuen sich heute erfreulicher Beliebtheit. Die „Suite Francaise wurde 2004 erstmals veröffentlicht und entwickelte sich schnell zur literarischen Sensation.

Ich werde dieses Vermächtnis noch lesen. Ich konnte jedoch nicht widerstehen, mir die Verfilmung unter dem Titel Suite Francaise – Melodie der Liebe aus dem Jahr 2015 anzuschauen. Ich war überrascht von der großen Feinfühligkeit, mit der man sich der Romanvorlage angenähert hat. Sowohl in der Besetzung als auch in der optischen Umsetzung des unvollendeten Werks besticht dieser Film als würde er die Handschrift von Irène Némirovsky tragen.

Die unglückselige Liebesgeschichte zwischen Lucille, einer jungen Französin, und dem deutschen Offizier und Besatzer Bruno von Falk zeigt das ganze Spektrum des Fühlens, Denkens und Handelns im Frankreich des Jahres 1940. Hass, Neugier, Angst und Einsamkeit geben sich im steten Wechsel ein Stelldichein. Die französische Seele und der Stolz einer geschlagenen Nation tragen die gesamte Handlung. Und doch ist es eine große Geschichte ohne Pathos. Eine Geschichte über die Liebe im Krieg. Mehr als eine Affäre. Wenn sich Feinde lieben können, kann dann nicht alles gut werden?

Suite Francaise von Irène Némirovsky - AstroLibrium

Suite Francaise von Irène Némirovsky

Irène hoffte vergebens.

Suite Francaise von Irène Némirovsky - To be continued...

Suite Francaise von Irène Némirovsky – To be continued…

Hier geht es weiter mit Irène Némirovsky und AstroLibrium: Literatur Radio Bayern präsentiert meine Audio-Rezension zur Pariser Symphonie. Schon jetzt on Air.

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Ein Ohrenschmaus

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Ein Ohrenschmaus