Walden von Henry D. Thoreau – Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Sie erleben gerade einen absoluten Boom. Sie symbolisieren, wie kaum ein zweites Lebenskonzept den Wunsch des Menschen nach Individualität und Minimalismus. Man begegnet ihnen in den sozialen Medien auf Schritt und Tritt und stellt sich unwillkürlich die Frage: „Könnte ich so leben?“ Gemeint ist das Tiny House. Wohnen auf wenigen Quadratmetern. Auf das Wesentliche reduziert, stehen diese kleinen Häuschen für das Streben nach einer Abkehr vom Wohnen in Metropolen, für eine neue Bescheidenheit in der Selbstwahrnehmung und für ein hohes Maß an Selbstverwirklichung. Noch steckt das Wohnkonzept in den Kinderschuhen. Tiny Houses gibt es zu Hauff. Einzig, es fehlt der Lebensraum, sie aufzustellen und zu bewohnen. Gesetze grenzen den Drang nach Freiheit und Flexibilität immer noch ein. Vielleicht steht jenes Tiny House von heute für die Lebensphilosophie von morgen. Doch Moment! Ist diese Idee neu? Stammt sie aus unserer Zeit und basiert auf den zwingenden Erfordernissen einer ständig wachsenden urbanen Bevölkerung?

Nein. Die Idee, die heute unter dem Schlagwort Tiny House aufgegriffen wird, ist ein alter Hut. Der Begriff ist neu. Die fast schon industrielle Großfertigung der kleinen Häuser ist neu. Naja – und angesichts der horrenden Preise für solche Wohncontainer mit einer höchst individuellen Einrichtung, kann man kaum von Minimalismus sprechen. Diese Wohnidee ist, auf den Quadratmeter gerechnet, der pure Luxus. Und doch ahmt man einen philosophischen Ansatz nach, der schon im Jahr 1845 für Aufsehen sorgte. Wirklich wahr. Wie ich schon schrieb: Ein alter Hut und eigentlich müsste man diesen holzverkleideten Container-Wohneinheiten den Namen „Walden Houses“ geben. Hier würde man an die Ursprünge der Wohnidee anknüpfen, müsste die Häuschen nur ein wenig erschwinglicher machen und schon wäre man ganz bei Henry D. Thoreau. Ihr glaubt das nicht? Kein Problem. Er schrieb darüber… Und wie er darüber schrieb!

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Henry D. Thoreau (1817 – 1862), der amerikanische Philosoph und Schriftsteller war ein früher Anhänger des großen Ralph Waldo Emerson und entwickelte schon zu Beginn ihrer späteren Freundschaft ganz eigene Ideen zur Reform der Gesellschaft. Er war nicht nur ein Dichter und Denker. Thoreau war ein Mann der Tat. Sein Denken war nicht das eines Nostalgikers. Er wollte einfach nur herausfinden, wie man sich am besten über Wasser halten kann, ohne der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Er wollte endlich etwas Ganzes schaffen, autark sein und nicht nur Teil des Prozesses sein, an dessen Ende er nicht mehr genau weiß, welchen Anteil er am Ergebnis hatte. Er setzte die Ideen in die Tat um und wurde zum Aussteiger. Nur, dass dieser moderne Eremit nicht in einem Fass wohnte. Er zog in Richtung Walden-Pond und begann damit, sich eine kleine Hütte (Walden Hut) zu bauen. Niemand sollte ihm dabei helfen. So entstand das vielleicht erste Tiny House mit literarischem Background.

Etwa zwei Jahre lebte er im Einklang mit der Natur, nicht jedoch ohne Kontakte zur Welt außerhalb der einfachen Hütte. Er konnte sich auf dem Grundstück Emersons im wahrsten Sinn des Wortes erden. Der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und die gesellschaftliche Erwartungshaltung fielen von ihm ab und machten seinen Kopf frei, um über diese Grenzerfahrung schreiben zu können. Walden ist das Ergebnis jener Zeit als Aussteiger aus dieser Gesellschaft, die mit der heutigen sicherlich vergleichbar scheint. Alles zielte allein auf Kommerz und Wertsteigerung ab. Der Materialismus war die einzige Geisteshaltung, der man sich zu unterwerfen hatte, um nicht unterzugehen. Der Raubbau an der Natur kennzeichnet diese Entwicklungsphase einer Ökonomie, in der wenige alles besitzen und der Rest arbeitet, um den Reichtum dieser Wenigen zu mehren. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Spätestens die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie unserer Tage könnte schon Grund genug sein, auszusteigen und sich ein kleines Haus im Wald zu bauen…

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Es ist die harrsche Gesellschaftskritik, die Thoreau in die Wälder treibt. Es ist das Bewusstsein, dass sich Menschen das Denken und Entscheiden bereitwillig abnehmen lassen, nur um in Ruhe ein einigermaßen abgesichertes Leben zu führen. Nicht jedoch mit Thoreau. Nicht mit diesem Selfmade-Geist, der selbst ausprobieren möchte, was er anderen als alternativen Lebensweg empfehlen würde. Klingt das nicht verstaubt, woran er vor 175 Jahren glaubte? Haben nicht Gewerkschaften und die Entwicklungen in der freien Welt all diese Misstände beseitigt? Ganz und gar nicht. Jeder findet in „Walden“ seinen ganz persönlichen Thoreau-Moment, dem man auch heute noch beherzt folgen kann. Eine Erkenntnis, dass sechs Wochen Lohnarbeit völlig ausreichen, um sich den Rest des Jahres um das wahre Leben zu kümmern, ist nicht weit hergeholt und könnte auch heute noch relevant sein. Würden wir alle nicht nur nach Reichtum streben.

Auch seine bildhaften Vergleiche lassen sich in unsere Zeit übertragen. Ob dies nur uns selbst betrifft, oder ob man seine Ansichten überprüfen sollte, wie man seine Kinder erzieht? Das ist jedem selbst überlassen. Nachdenkenswert sind seine Ansätze allemal. Ist Bildung ein theoretischer Prozess oder folgen wir da einem falschen Weg? Ein Beispiel gefällig?

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Der Vergleich zweier junger Männer:

„Welcher von beiden hätte nach zwei Monaten größere Fortschritte
gemacht: der Junge, der sich selbst ein Taschenmesser verfertigte
aus dem Erz, das er eigenhändig ausgegraben und geschmolzen hat,
wobei er so weit als nötig Bücher zurate zog, oder der Junge, der
unterdessen Vorlesungen über Metallurgie besuchte und von
seinem Vater ein Taschenmesser geschenkt bekam?“

Henry D. Thoreau zog lieber in die einsame Wildnis am See, baute sich mit seinen eigenen Händen das bescheidene und abgelegene Refugium, um sich wiederzufinden. Nicht nur das ist ihm gelungen. Seine reinsten Gedanken haben jeden Bildersturm der Geschichte überstanden und sind so lesenswert, wie erhellend…

Ich bin seinen kreisförmigen Denkbewegungen gerne gefolgt. Thoreau zog sich in sein Schneckenhaus zurück, fokussierte, reflektiert die Gründe seines Aussteigens, ist in den kontemplativen Phasen geistreich und visionär, und dann verlässt er das Innere seines Rückzugsortes und beginnt seine Umgebung wahrzunehmen. Was wir dann mit seinen Augen sehen, seinen Worten ablesen dürfen, ist so kristallklar, als hätte ihn ein eiskalter Gebirgsbach innerlich und äußerlich gereinigt. Die Beschreibungen verlieren den Zorn des Gesellschaftskritikers und erhalten eine Eindringlichkeit, die der Natur im Umfeld seiner Hütte ein naturalistisches Denkmal setzt. Als wäre gröbstes Kaffeepulver durch einen Filter gepresst worden, so ist „Walden“ der zeitlos relevante Extrakt einer Erfahrung, die jeder für sich selbst nachvollziehen und nachempfinden kann.

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Der Walden-See im Winter:

„Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl es sei mir eine
Frage gestellt worden, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versucht
hatte: was – wie – wann – wo? Doch da schaute die frühmorgendliche Natur,
in der alle Geschöpfe leben, gelassen bei mir zum Fenster herein und
machte keineswegs ein fragendes Gesicht. Ich fand beim Erwachen
eine bereits beantwortete Frage vor – Natur und Tageslicht.“

Es kann kein Zufall sein, dass Thoreaus Geschichte des ersten Tiny Houses und einer neuen Lebensphilosophie ausgerechnet im Manesse Verlag erschienen ist. Hier haben sich Autor und Verleger über die Grenzen der Zeit gefunden und sind eine Symbiose eingegangen, die Symbolcharakter hat. Welches Buch könnte besser davon erzählen, wie reinigend es sein kann, sich im Minimalismus wiederzufinden? Welchem Buchformat würde man diese Philosophie abkaufen, wenn nicht einem Tiny Book, das selbst dafür steht, nicht großformatig durchs Lesen zu gehen? Tiny House meets Tiny Book. Beide stehen für Lebensqualität und die Konzentration auf das Wesentliche. In beiden Philosophien (ob Lebens- oder Verlagsphilosophie) geht es nicht um Nostalgie. Hier ist die Zukunft fest im Blick. Es geht nicht um Größe und knallige Effekte. Es geht um den Kern aller Fragen. Kann ich so leben, kann ich so lesen? Verlockend und für mich ein wundervoller Dialog aus Geschichte und Medium.

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Und im Ernst. Sollte man sich jemals für ein Tiny House entscheiden, mit welchem Buchformat ließe sich eine vergleichbar umfangreiche Bibliothek aufbauen? Da müssen schon die kleinen Großen aus dem Hause Manesse ins Tiny Regal…

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise“ von Thomas Wolfe – Manesse Verlag

Es sind sechs Etappen, in denen wir mit Thomas Wolfe durch Deutschland reisen können. Es sind zugleich sechs Zeitzonen der deutschen Geschichte, die wir an seiner Seite erleben dürfen. Warum jedoch ist das Reisejournal eines Schriftstellers relevant, der im Alter von 38 Jahren auf dem Höhepunkt des Erfolgs 1938 verstarb? Warum sind seine Tagebücher geeignet, uns hinter dem literarischen Ofen hervorzulocken? Sicher gibt es Autoren, deren Betrachtungen des sich intensiv veränderndes Landes objektiver und im geschichtlichen Zusammenhang fundierter sind. Warum einen Romancier lesen, dessen Lebenswerk durch monströse Werke wie „Schau heimwärts, Engel“ und „Von Zeit und Fluss“ geprägt ist? Was kann er uns geben, was wir nicht schon wissen? Hat dieses Buch das Potenzial, mein Lesen zu bereichern? (PodCast verfügbar)

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Dies waren die zentralen Fragen, die mich zuerst daran zweifeln ließen, als Horst Lauinger – seineszeichens Programmleiter des Manesse Verlages – dieses Buch auf der Frankfurter Buchmesse im kleinen Kreis vorstellte. Ich zweifelte daran, weil ich dem Zeitgenossen von Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald bisher literarisch nicht begegnet bin. Seine Bücher waren mir unbekannt und eigentlich wollte ich nicht gerne ein Lesekapitel öffnen, das eher einer Retrospektive gleichkäme. Und doch erlag ich in der kleinen Runde der Leidenschaft des Verlegers, der sich lapidar als Türsteher und Animateur im Club der toten Dichter bezeichnet.. Hätte ich geahnt, wie dramatisch sich das Lesen der „Deutschlandreise“ auf mein zukünftiges Lesen auswirkt, ich hätte vielleicht davor zurückgescheut. Das Opfer jedoch, Wolfe nicht kennenzulernen, wäre einfach zu groß gewesen. Nun schreibe ich hier als glückliches Opfer…

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Programmleiter Horst Lauinger

Wenn ich also Eine Deutschlandreise hier vorstelle, spreche ich damit eine klare Leseempfehlung aus. Einem Opfer nimmt man das vielleicht ab, weil ich jetzt aus einer Gefangenschaft schreibe, die ich nicht bereue. Mein Urteil: lesenslänglich. Ich bin selbst schuld daran. Das mag ich nicht verhehlen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit ein paar handfesten Bedenken aufräumen, die dem Genuss dieses Buches im Weg stehen könnten. Und schon sind wir mittendrin in der Rezension eines Reiseberichtes, der alles ist, nur kein Reisebericht. Es handelt sich eher um die geschickte Kollektion aller Texte, die Thomas Wolfe in den Jahren 1926 bis 1936 als Selbstzeugnis seiner Reisen durch Deutschland verfasste. Es sind skizzenhafte Tagebuchaufzeichnungen, Ansichtskarten und lange Briefe an die Liebe und Muse seines Lebens Aline Bernstein, seinen Lektor Maxwell E. Perkins und Freunde, die er hinterließ. Es sind starke Kurzgeschichten, zu denen er inspiriert wurde und es sind letztlich die Romane, auf die man neugierig wird, wenn man die Deutschlandreise beendet hat.

Thomas Wolfe ist in der Herangehensweise an sein Sehnsuchtsland Deutschland so wundervoll naiv und subjektiv. Man spürt seine deutschen Wurzeln, das Gefühl für seine heimliche Muttersprache und das stereotype Menschenbild, das er an jeder Ecke zu erwarten scheint. Es sind die specknackigen Deutschen, auf die er trifft. Es sind die Angehörigen der studentischen Vereinigungen, auf die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung blickt. Der „Schmiss„, also die Narbe aus dem Fechtkampf, wird für ihn zum Synonym einer Generation. Er erlebt die Weimarer Republik und den langsam aufziehenden Nationalsozialismus. Er erlebt die braunen Horden. Er sieht mit Hitler den „starken Mann“, der das Gefüge der Welt aus den Angeln hebt. Und alles was ihm am Anfang der Zeitenwende noch so harmlos erscheint wird greifbar lebensgefährlich, als er die Konsequenzen der Machtübernahme der Nazis für seine jüdischen Verleger im Dritten Reich realisiert. Die einzelnen Reise-Etappen werden zu Momentaufnahmen im Sturm der Zeit. Eindrucksvolle Fotos aus dieser Zeit belegen das eindringlich.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Dabei werden wir zu Weggefährten eines aufmerksamen Beobachters und eines Mannes, mit dem wir uns gerne mal auf ein Glas Bier in einem Lokal verabredet hätten. Gerade die unterschiedlichsten Phasen seiner Schriftsteller-Karriere machen das Buch so lesenswert. Erste Reisen durch Deutschland erlebt er als noch nicht verlegter Autor. Neidisch blickt er in die Schaufenster der Buchhandlungen, bestaunt die Bücher seiner Kollegen, die ihre Spuren bereits im deutschen Sprachraum hinterlassen haben. Sein Blick fällt auf James Joyce, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Später, nach der Veröffentlichung der Übersetzung seines ersten Romans Schau heimwärts, Engel wird auch er wahrgenommen. Er sonnt sich im aufstrebenden Ruhm und genießt es, im Rampenlicht zu stehen.

Wir entdecken die Muster seines Schreibens, spüren die Textmelodien, die sich aus den Tagebüchern in die längeren Briefe übertragen. Hier werden die Skizzen ausgemalt und lebendig. Seine darauf aufbauenden Kurzgeschichten „Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit„, „Oktoberfest“ oder „Nun will ich ihnen etwas sagen“ sind dann bereits von einer außergewöhnlichen literarischen Klarheit gekennzeichnet. Es ist gerade der flotte Wechsel zwischen Tagebuch, Postkarten, Brief und fiktionaler Erzählung, der hier zum Strickmusterbogen jenes Buches wird, das uns Thomas Wolfe so nahbringt, wie es ihm selbst wohl gar nicht recht gewesen wäre. Es fühlt sich an, wie das Lüften der intimsten Geheimnisse des Schriftstellers, der uns niemals einen Blick auf die Blaupause seines Schaffens gewährt hätte. Hier liegt sie nun offen. Wir sollten behutsam mit ihr umgehen. „Eine Deutschlandreise“ entschlüsselt die literarische DNA eines großen Autors.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Wer sich mit Thomas Wolfe auf Eine Deutschlandreise begibt, wird in vielfacher Hinsicht von einer meisterlichen Kollage begeistert werden. Wir werden zu Zeugen der Entwicklung eines Genies zu einem Bestsellerautor, wir treffen ganz zufällig auf die wichtigen Weggefährten seines Lebens und begegnen ganz zufällig James Joyce. Wir entdecken unsere Heimat neu. Frankfurt, München oder Berlin in den Zeitscheiben des Buches zu erwandern, ist ein besonderes Erlebnis. Es wird zusehends dunkler im Land seiner Väter. Thomas Wolfe begibt sich auf eine Gratwanderung, die ihn selbst fast zu einem Flüchtling werden lässt. Diese Eindrücke verfestigen sich in seinen Romanen. In kaum einer anderen Vita steckt so viel eigenes Erleben als Grundlage des Schreibens, wie in der von Thomas Wolfe. Authentizität und Leidenschaft gehen hier Hand in Hand.

Ich bin ein Opfer. Und ich bin es mehr als gerne. Ich habe seine Romane um mich versammelt, ich werde sie lesen, werde die Fährten aufspüren, die Thomas Wolfe auf seinen Reisen gelegt hat. Ich werde Menschen in seinen Büchern wiedererkennen, die er schon in seinen Kurzgeschichten nicht sehr gut verbergen konnte. Ich werde Berge und Städte wiedererkennen, die er im Tagebuch nur angerissen hat und ich werde mir wohl die Augen verwundert reiben, wenn ich die kleinen Belanglosigkeiten des Reisens in seinen Romanen zur Literatur erhoben sehe. Man wird noch von mir hören, da mich Thomas Wolfe noch lange beschäftigen wird. Er schrieb nicht viele Geschichten, bevor er im Alter von 38 Jahren starb. Und doch sind es tausende Seiten, die er hinterließ.

Ich bin infiziert und gebe den Thomas-Wolfe-Virus gerne weiter. Hier ist jedoch das Gegenmittel bekannt. Es ist in jeder Buchhandlung zu erhalten, nur kann ich euch leider kein Rezept ausstellen. Privatleser kennen das ja schon. Es gibt keine Versicherung in unserem Land, die unsere Leidenschaft unterstützt. Was kommt also noch? Was könnt ihr noch von mir erwarten. Zuerst einmal ein Filmtipp. „Genius“ mit Jude Law und Colin Firth gehört für mich zu den brillantesten Literaturfilmen. Hier wird die Geschichte eines Lektors erzählt, dessen heroische Aufgabe darin besteht, die mehreren tausend Seiten der Mansukripte von Thomas Wolfe so zu literaturisieren, dass es lesbare Meisterwerke werden. Seine Referenzen: Hemingway und F. Scott Fitzgerald. (Die auch in diesem Film vorkommen). Stark inszeniert und vor bibliophiler Leidenschaft nur so strotzend.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Und dann folgen die Bücher: Schau heimwärts, Engel, Von Zeit und Fluss und Die Party bei den JacksIch danke dem Türsteher im Club der toten Dichter für die Infektion. Ich komme mit den Symptomen derzeit ganz gut zurecht. Doch werde ich oft mitten in der Nacht wach und schrecke im Gefühl auf, noch ungelese Wolfe-Romane auf dem SUB liegen zu haben. Unheilbar lesekrank.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Melville, Moby Dick, Mardi und ein runder Geburtstag

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Wenn wir den Namen Herman Melville hören, assoziieren wir ihn sofort mit einem Weißen Wal. Klassiker der Literaturgeschichte hinterlassen deutliche Spuren, wobei es ihnen zumeist gelingt, mit einem einzigen Werk gleichgesetzt zu werden. „Moby Dick“. Das reicht aus, um den Schriftsteller Herman Melville auferstehen zu lassen. „Das war doch der mit Käpt´n Ahab, Queequeg, Starbuck und Stubb!“ Richtig, genau der. Wenn man an ihn denkt, sieht man die Golddublone im Mast, hört man das Holzbein des auf Rache sinnenden Kapitäns und sieht ihn zum Ende, winkend mit Moby Dick verbunden, in der Tiefe versinken. Unvergessene Bilder eines echten Klassikers, der es in einigen Abwandlungen und Vereinfachungen sogar bis zum Kinder- und Jugendbuchbestseller gebracht hat.

Am 1. August 1819 kam Herman Melville in New York zur Welt. Ein Mann, der sein eigenes Leben zur Ausgangsbasis seines künftigen Schreibens machte. Er befand sich nicht im Elfenbeinturm des Theoretikers. Seine Essays und Romane spiegelten wider, was er selbst erlebt hatte. Und, wenn seine Fantasie einen Schritt weiterging, sich dem Fiktionalen und Fantastischen öffnete, dann waren noch so viele Spurenelemente vom eigenen Erfahrungsschatz vorhanden, dass man mit Fug und Recht behaupten konnte: „Er weiß worüber er schreibt.“ Er war Schiffsjunge, erlebte die Blütezeit des Walfangs und hatte die ganz eigene Welt an Bord dieser segelnden Tran-Fabriken erlebt. Hier ist das Geheimnis seines anhaltenden Erfolgs zu finden. Er hat das Meer von der Pike auf gelernt. Windstille, Mangel, Skorbut, Hektik, Überlebenskampf und grausame Kapitäne. All dies waren Wegbegleiter seiner Jugend. All dies finden wir in seinem Werk wieder.

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Zwei umfangreiche Artikel habe ich dem Weißen Wal gewidmet. Rezensionen über die Entstehung, Hintergründe zum Buch und dem Hörspiel und seine zeitlose Relevanz. Moby Dick ist die Blaupause für die ewige Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur. Ein Stilelement der Literatur, das uns immer wieder begegnet. Von Hemingway und seinen Stieren bis zu Helen Macdonald mit Habicht und Falke reicht die Range in der Konfrontation mit der unzähmbaren Natur. Einzig Melville jedoch gelingt es, mich in die Zeit eines lesewütigen 14-Jährigen zurückzuversetzen. Moby Dick hat tiefe Spuren hinterlassen und schon beim Aufschlagen des Buches stürze ich zurück in der Zeit:

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Ich bin plötzlich wieder 14! Ich sitze in meinem alten Jugendzimmer und bereite mich darauf vor, diese Nacht an Bord der Pequod zu verbringen. Ich höre das Holzbein des Kapitäns über die Planken poltern, sehe Queequek neben mir seine Harpune schleifen und bemerke, dass Ismael in sein Tagebuch schreibt. Wozu auch immer. Egal. Ich bin wieder mal auf der Flucht und es gibt keinen besseren Platz auf Erden, als die Pequod, wenn man vor den Gedanken an die morgige Mathe-Klausur weglaufen möchte.

Ich bin wieder 14. Die junge rabaukenhafte Leseratte mit Stimmbruch und weit davon entfernt, mich angesprochen zu fühlen, wenn der gute Herman Melville schrieb: „Es ist jetzt Zeit für Männer mit Bart, an Deck zu gehen.“ Naja. Ich konnte da nicht gemeint sein. Ich liege lieber in meiner Hängematte und seitdem wir Nantucket verlassen haben schaukele ich mich lesend in den Schlaf. In meiner kleinen Welt voller Schiffszwieback, gepökeltem Fleisch und ein paar Fässern guten Rum. Und, was im Alter von 14 Jahren nicht ganz unwichtig ist: An Bord eines Schiffes ganz ohne Frauen…

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Ich habe Melville viel zu verdanken. Es ist das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl, das hier strapaziert wurde. Es ist die Verletzlichkeit der Natur, die mir vor Augen geführt wurde, und es ist der Zweifel an den ehrenwerten Motiven von Menschen, hinter denen sie ihren Hass verbergen, der mich vorsichtig und nachdenklich machte. Genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen, würde ich sagen! Ganz bestimmt ein wichtiger Grund, der mich heute dazu bringt, Melville zu gratulieren. Auch ein Grund für einen Blick in den Hafen, die Fahrrinne und an einen Strand, auf dem er Spuren hinterließ, die in der Literaturgeschichte von der Flut weggespült wurden. Alles schmolz zusammen auf Moby Dick. Ich brauchte mehr als 40 Jahre, um mehr zu lesen.

Mardi und eine Reise dorthin passt hier genau in die Range. Ein Roman aus der Feder des noch eher unbekannten Autors. Ein Roman, den man als Weiterentwicklung seiner ersten Veröffentlichungen „Typee“ und „Omoo“ bezeichnen muss. Authentisch und journalistisch berichtete er in diesen beiden Werken von seinen Reisen durch die Südsee. Als Seemann und Walfänger durchreist er den Archipel, begegnet Kannibalen und besteht zahlreiche Abenteuer. Vier Jahre war er unterwegs. Flucht, Erkrankungen, Gefangenschaft, fremde Kulturen, Meuterei, Lebensgefahr und eine skandalumwittere Beziehung zu einer Eingeborenen sorgten für Aufruhr. Fragen nach der Echtheit seiner Erlebnisse wurden laut. Niemand wollte erkennen, was real, was fiktional war. Er wollte das nie voneinander trennen. Blieb ihm nur, eine andere Ebene zu erreichen. Erfinden! Völlig fiktionalisieren. Der Kritik den Boden unter den Füßen wegziehen. So entstand in seinem Kopf das erfundene Archipel „Mardi“, das er nun bereisen konnte. Ein Biotop in der freien Welt eines Schriftstellers, der seine Erlebnisse nun dorthin umsiedelte.

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Mardi und die Reise dorthin“ (Jubiläumsausgabe – Manesse Verlag)

Gehen wir also nun davon aus, dass die Reise nach Mardi wirklich stattgefunden hat. Gehen wir davon aus, dass sie eng mit der Biografie Melvilles verbunden ist. Aber: Wir sollten das schnell wieder vergessen und einfach genießen. Erzählströme, die ausufern und neue Welten erklären. Unzumutbare Lebensumstände auf Walfangschiffen, Flucht und Einsamkeit auf hoher See, Windstille als Stilelement des Fabulierens, Anlanden an fremden Ufern, eine wild wuchernde neuartige Flora und Fauna, wilde Ureinwohner, die nie zuvor Kontakt mit der Zivilisation hatten. Und mittendrin ein Erzähler, der sich nicht nur fühlt wie ein Gott, sondern sich sogleich als solcher ausgibt. Ein unsagbar schönes Mädchen namens Yillah, in das er sich verliebt und ein Wendepunkt, der eine Odyssee lostritt.

Das Mädchen verschwindet. Die Suche beginnt. Das Archipel Mardi wird zu einem Kaleidoskop des Fremden, in dem man verzweifelt nach der ewigen Liebe sucht. Hier sprengt Melville die Grenzen des Erzählbaren. Perlenketten seiner Geschichte fallen zu Boden und ergeben ganz allein für sich betrachtet eigene kleine Welten. Es scheint so, als habe Herman Melville zu viel gewollt. Überspitzte Gesellschaftskritik, barrierefreies Überschreiten ethnischer Grenzen, rauschhaftes Erzählen und utopisches Fabulieren. Die Erzählperspektive verliert sich in subjektiven Eindrücken. Eine Herausforderung für jeden Leser. Ein Hochgenuss für Literaturbegeisterte, die begreifen, dass Mardi wie ein Befreiungsschlag zu sehen ist, ohne den Moby Dick niemals entstanden wäre.

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Sie stoßen ab, velis et remis. (lat. Segeln und rudern)

Werfen wir die Literaturkritik über Bord. Verweigern wir Erzählstruktur und -theorie den Gehorsam. Lassen wir das Autobiografische im Fass mit den verfaulenden Keksen verrotten. Trennen wir uns vom Ballast unseres Wissens und vergessen den Autor, der tatsächlich von einem Walfangschiff desertierte und die Südsee bereiste. Lasst uns an Bord gehen. Lossegeln, rudern, in der Windstille verzweifeln. Wagen wir es einfach, in seine Haut zu schlüpfen und Mardi zu erkunden. Lasst uns lieben, weinen und suchen. Lasst uns einen Klassiker neu entdecken und dann gemeinsam überlegen, in welchen Dimensionen Herman Melville lebte, fühlte, dachte und schrieb. Und dann gehen wir an Land, finden ein Buch und lesen „Moby Dick“ mit neuen Augen.

Folgen wir dem Vorwort des Verfassers:

„Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden,
kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung
zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorherigen Erfahrung.“
(Herman Melville 1849)

Hier geht es schon bald weiter mit einem Miniklassiker aus dem Mare Verlag. Es geht weiter mit „John Marr und andere Matrosen„, der Gedichtsammlung, die er kurz vor seinem Tod anonym veröffentlichte. Ganze 25 Exemplare umfasste die Auflage. Es bleibt zu hoffen, dass die kleine aber feine Sammlung heute erfolgreicher ist.

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Herman Melville bei AstroLibrium – Es geht weiter

Mardi und eine Reise dorthin“ von Herman Melville / dt. von Rainer G. Schmidt / 832 Seiten / gebunden / 45 Euro

„Giacinta“ von Luigi Capuana – Eine verletzte Seele

„Giacinta“ von Luigi Capuana

Man nehme einen längst verstorbenen Schriftsteller mit einer leicht verschrobenen Vita, einen bereits 1879 er­schie­ne­nen Roman aus dessen Feder, etikettiere das Ganze als Literatur­klassiker mit skanda­lösem Inhalt und erobere den Bücher­markt. So oder so ähnlich könnte man den ver­lege­rischen Wagemut bezeichnen, der den Manesse Verlag motiviert haben könnte, Giacinta von Luigi Capuana übersetzt von Stefanie Römer ins gediegene Frühjahrs­programm auf­zunehmen. Weit ge­fehlt, auch wenn Capuana im lite­rarischen Universum fast schon in Vergessen­heit geraten ist, bleibt dieser Roman in verschiedener Hinsicht ein zeit­loses Meister­werk über die Psyche einer jungen Frau im Konflikt mit den gesell­schaftlichen Normen einer unaufgeklärten Zeit.

Capuana begann erst spät mit seinen eigenen Werken, war Literaturkritiker, Dozent und Bürger­meister, bevor er das eigene Schreiben kulti­vierte und mit „Giacinta“ einen echten Skandal­roman auf den Markt brachte. Aus­gerechnet er, möchte man sagen. Er, der in seiner Beziehung mit seiner Haus­hälterin mehrere uneheliche Kinder zeugte und diese post­wendend in ein Wai­sen­haus gab, schrieb über ein junges Mädchen, das seit seiner Geburt im elter­lichen Umfeld unerwünscht ist und zu einer Amme gegeben wird. Ausgerechnet er versetzt sich fortan in die ver­letzte Seele eines Kindes, für das dieses Auf­wachsen ohne liebe­volle Zuwendung durch die Eltern der erste Mosaikstein für eine ver­gewaltigte Kindheit wird.

Ausgerechnet er… Muss man sagen…

„Giacinta“ von Luigi Capuana

Skandalös ist und war dieser Roman, weil er über alle Elemente verfügt, die einen Skandal im wahrsten Wortsinn umfassen. Ein junges Mädchen in der un­schul­digen Blüte des Her­anwachsens. Eine unge­liebte elternlose Vergangenheit, verunsichert was Gefühle sind und wie man sie äußern kann und hineingeworfen in die unwirkliche Welt des Lebens in den gut situierten Kreisen ihrer Familie, als man sie schließlich aus den Händen der Amme befreit und ins immer noch lieblose Eltern­haus zurückbringt. Schon im Alter von 10 Jahren auf der Suche nach Zuwendung von einem Lauf­burschen allem beraubt, was eine Zukunft in diesen Kreisen sichern konnte. Ehre, Jungfräulichkeit und Ansehen. Giacinta zieht sich in ihr eigenes un­ver­schul­detes Leid zurück und durchlebt alle inneren Höllen­qualen eines befleckten Heran­wachsens.

An ihrer Seite finden sich später zahllose Männer, die um ihre Gunst buhlen. Ihre Eltern führen Giacinta in die Gesellschaft ein und erwarten endlich eine Verbindung, die der Familie gut zu Gesicht steht. Niemand jedoch kann sich in das Innenleben der Frau hinein­versetzen, deren Gefühl­swelt einem zerbrochenen Spiegel gleicht. Sie wirkt kühl, abweisend, ver­führerisch und spielt schein­bar mit den Männern aus ihrem Umfeld. Es ist der Tanz ums Goldene Kalb, den wir fortan erleben. Alte degenerierte Adelige sind es, die ihr den Hof machen, doch nur ein Mann weckt ihr emotionales Interesse. Für sie gibt es nur einen Weg sich auf ihn einzulassen. Die Angst vor der Entdeckung der nicht mehr vorhandenen Jung­fräu­lichkeit treibt sie in eine Todes­spirale der Psycho­logie. Nur ein paradox er­schei­nender Ehebruch scheint der erhoffte Befreiungs­schlag zu sein, der Giacinta zurück ins Leben spülen kann.

„Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden,
aber mein Ehemann, nein, niemals.“

„Giacinta“ von Luigi Capuana und „Die Poesie der Hörigkeit“ – Gemeinsamkeiten

Ausgerechnet er… Ja, ausgerechnet Luigi Capuana be­schreibt aus den tiefsten und plau­sibel­sten em­pathi­schen Tiefen heraus die Zerrissenheit einer jungen Frau, die sich in ihren verletzten Gefühlen verliert. Das Moral- und Sitten­bild stellt den Rahmen einer brillanten Erzählung dar, in der sich der Leser un­ein­geschränkt auf Giacinta einlassen muss, um ihre verdrehte Psyche verstehen zu können. Capuana zeigt uns hinsicht­lich aktueller Ehebruchs- und Ent­wicklungs­romane auf, wie viel­schichtig die Verletzung der Psyche sich auswirken kann, wie para­dox das Denken und Fühlen auf dieser Basis ist und wie un­wahr­scheinlich es ist, eine zer­brochene Kindheit durch gutes Zureden heilen zu können.

Giacinta ist vieles zugleich. Sie zieht Männer an, wie Motten das Licht und wehrt sie alle standhaft ab. Das Leben in einer Gesellschaft, in der Gerüchte über ihre geraubte Unschuld salon­fähig sind, lässt sie zu einer Frau werden, die Opfer und Täter zugleich ist. Sie zu lieben bedeutet den Untergang. Sie nicht zu lieben bedeutet den tiefen Fall in die Be­deutungs­losigkeit der Liebe. Sie nicht zu lesen bedeutet einen Verlust, der nicht kompensiert werden kann, wenn man an die wahre Macht der Liebe glaubt. „Giacinta“ zu lesen und sie zu vergessen ist unmöglich, weil man ihrer Faszination nicht entgehen kann. Das Buch un­beschadet zu ver­lassen, scheint ausgeschlossen….

(Rezi-Shortcut) „Giacinta“ von Luigi Capuana

Eine weitere verletzte Seele: Mopsa Sternheim in „Die Poesie der Hörigkeit

„Himbeeren mit Sahne im Ritz“ – Erzählungen von Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Oh, ich war so standhaft. Ich war so standhaft, wie selten zuvor in meinem Lesen und habe zuletzt doch versagt, weil ich einfach nicht entsagen konnte. Wie ihr wisst, lese ich niemals Kurzgeschichten und meide Erzählbände oder Anthologien wie die literarische Pest. Für mich liegt die Würze selten in der Kürze und Ausnahmen lasse ich nur selten zu. Eine dieser deutlichen Abweichungen von meinem normalen Leseverhalten war die Buchverführung Pariser Symphonie von Irène Némirovsky. Ich schrieb ausführlich über diese Phase meines Lesens und hoffte schließlich über den Berg zu sein.

(Sie können gerne weiterlesen oder im Radio zuhören: hier)

Himbeereb mit Sahne im Ritz... Eine Extraportion Buchgenuss

Himbeeren mit Sahne im Ritz… Eine Extraportion Hörgenuss mit einem Klick

Weit gefehlt. Ich habe meine Rechnung ohne professionell vorgehende Suchtberater gemacht. Während des DVA/Manesse Pressetermins auf der Frankfurter Buchmesse 2016 präsentierten Sonja Grau und Tonia Kempe ein Buch, das auf den ersten Blick so aussah, als würde es mein Herz im Sturm erobern. Das Cover war so augenscheinlich verheißungsvoll und aussagekräftig, dass man auf einen Inhalt hoffen konnte, der mehr als nur einfache Mainstream-Unterhaltung war. Umrankt von einer Federstola blickt die junge Dame glamourös in den großformatigen Spiegel eines  Ballsaals. Dabei wird aus dem Blick in die Zukunft ein vielfach sich reflektierender Rückblick in die Vergangenheit eines luxuriösen Lebens. Ich war verliebt.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Doch dann hörte ich, wie Sonja Grau zu mir sagte: Es sind nur Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, ganz sicher nichts für Dich“, wobei ihr Blick das Gegenteil zu sagen schien. Ich ließ die Finger von diesem Buch. Ich widerstand der Versuchung und ging nicht weiter auf die Herausforderung ein, die mich schon einmal in wilde Lesetage gestürzt hatte. Nein. Es sollte keine zweite Pariser Symphonie in meinem Lesen geben. Basta! Irgendwie war ich schon ein wenig stolz auf mich. Ich hatte es geschafft. Dachte ich zumindest. Was ich nicht ahnte war, wie sehr der Keim der Buchverführung wächst und manchmal erst Monate später zur Blüte reift.

Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald tauchte dann unvermittelt in meinem Leben auf, als ich es in der Buchhandlung meines Vertrauens entdeckte. Ich konnte meinen Blick nicht vom Cover trennen und hörte die scheinbar gar nicht so ernst gemeinten Worte „Das ist doch sicher nichts für Dich“, als wären sie gerade erst an mich gerichtet worden. Oh, ich war so standhaft. Nein. Kurzgeschichten bitte nicht mehr und ein Buch mit diesem Titel schon gar nicht. Und doch griff ich nach wenigen Tagen zum Telefon und begab mich, um meine Niederlage wissend, in die Falle. Die harmlose Frage nach Zelda Fitzgerald gipfelte in einer Lobeshymne auf den inhaltlichen Reiz des Buches und bevor ich eine Chance hatte anders zu reagieren formulierte mein zweites Ich bereits die jammervolle Bitte „Ich mag das so gerne lesen… ich kann nicht mehr ohne dieses Buch sein!“ Schluss mit Standhaftigkeit. Inkonsequenz mit voller Wucht.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dann war es endlich da und fühlte sich an, wie ein heiß ersehnter Buchschatz. Als Brandbeschleuniger meiner Vorfreude diente derweilen der Prachtband „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ (Piper Verlag) in dem ich zu allem literarischen Überdruss auch den Liebesbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald fand und mit jeder Faser meines Herzens zu fühlen begann, welch außergewöhnliche Beziehung die beiden so unterschiedlichen Liebenden miteinander verband. Sie lebten, liebten, stritten, weinten, reizten sich bis aufs Blut und schrieben gemeinsam, was das Zeug hielt. Sie waren im besten aller Sinne füreinander bestimmt:

„Meinst Du nicht, dass ich für Dich gemacht wurde? Ich empfinde so, als hättest Du mich in Auftrag gegeben… „ Zelda an Scott

Ebendieses Frauenbild finden wir fortan in den Kurzgeschichten aus ihrer Feder. Die Mädchen ihrer Erzählungen verbindet ihre lebenslange Suche nach dem richtigen Mann, der dann aber auch bitte nichts anderes zu tun hat, als ein sorgenfreies Leben in Saus und Braus zu ermöglichen. Starke Frauen sind es, die Zelda hier ins Rennen führt und denen sie moderne und selbstbewusste Züge einhaucht. Was auf den ersten Blick nur Oberflächlich wirkt, ist im tiefsten Inneren zerrissen, melancholisch und geplagt von unerfüllten Sehnsüchten. Man möchte sie allesamt so gerne in den Arm nehmen.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dabei überzeugt Zelda Fitzgerald mit einer literarischen Leichtfüßigkeit, die tiefe Spuren hinterlässt. Sie schrieb so bildgewaltig und farbenfroh, wie sie malte. Sie tanzt durch ihre Wortgemälde und brilliert trotz oder gerade aufgrund der gewaltigen internen Konkurrenz ihres populären Ehemanns, der mit seinen Geschichten bereits unfassbare Honorare verdiente. Ein Grund, warum einige ihrer Geschichten unter seinem Namen in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht wurden. Die Frische ihrer Geschichten und die unverbrauchten Beschreibungen lassen jedoch eher Zelda Fitzgerald zur Avantgarde der Roaring Twenties aufsteigen.

Ihre Mädchen und Frauen sind schillernde Persönlichkeiten mit doppeltem Boden und heben sich durch ihr vielschichtiges Charisma von der sehr blassen Männerwelt ab. Staffage, zu mehr taugen die Jungs im Leben nicht. Die Oberfläche verliert sich schnell und eine extrem zerbrechlich wirkende Tiefenausstrahlung verschafft sich Raum. Dabei skizziert Zelda Fitzgerald viel mehr als eine Zeiterscheinung. Sie zeichnet Frauen in der Welt von Männern, die sich lediglich einbilden, alles im Griff zu haben. Das fragile Bild, das sie von Amerika zeichnet ist hierbei ebenso zeitlos. Strahlkraft erlangt das Land nur durch inhaltsleere Unterhaltung. Einzig strahlend sind die Frauen, doch sie fordern den höchsten Preis, wenn man ihrer habhaft werden möchte. Es kann das Leben kosten.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Tanz und Rhythmus bestimmen diese Geschichten mit einer ganz eigenen Melodie. Manchmal ist die atmosphärische Dichte so greifbar, dass man den Theatervorhang zu fühlen scheint, der sich über allen Szenen öffnet. Frederick von Perikles Monioudis ist einer der wenigen aktuellen Romane, die hier sprachlich in aller Tiefe anknüpfen. Es ist ein Hochvergnügen, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ zu genießen. Es ist traurig und bewegend, „Miss Ella“ in den Abgesang ihrer vergangenen Liebe zu begleiten und es bereitet ein diebisches Vergnügen dem Rachefeldzug von Gracie Axelrod zu folgen, die als „Unsere Leinwandkönigin“ Geschichte machen sollte und bitter enttäuscht wurde.

Literaturwissenschaftlich relevant werden Zelda Fitzgeralds rein autobiografische Geschichten, in denen sie sich selbst und ihre Leidenschaft zu Scott F. Fitzgerald aufs Korn nimmt. „Zwei Verrückte“. Oh ja, wie das passt. Ihr Blick auf die gemeinsame und von Skandalen geprägte Zeit in Paris an der Seite von Ernest Hemingway ist absolut schonungslos und ehrlich. Selbstinszenierung, Verschwendungssucht, Alkoholexzesse und Ehebetrug. Alles was Larry und Lou hier erleben und erleiden steht sinnbildlich für die eigene Zeit in der Metropole der Liebe.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Ich empfehle eine riesige Portion Himbeeren mit Sahne im Ritz“ und bin mir schon jetzt mehr als sicher, dass ich Zelda und Scott bald erneut begegne. Im April erscheint „Und alle benehmen sich daneben – Wie Hemingway sich seine Legende erschuf“ von Lesley M.M. Blume bei dtv. Das Buch ist bereits für mich reserviert und ich möchte darauf wetten, dass ich zwei Menschen kenne, die sich hier kräftig danebenbenommen haben. Zelda & Scott.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Im Leben vereint – in den Büchern getrennt – in meinem Lesen wieder vereint. So wird mein Bücherregal zu einem magischen Ort, einem geschützten Raum und letztlich zu einem Literaturbiotop, in dem sich Zelda und F. Scott Fitzgerald wieder gefunden haben.

F. Scott Fitzgerald – „Für dich würde ich sterben“ – Hoffmann und Campe

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

buchhandlung-calliebe