„54 Minuten“ von Marieke Nijkamp – Das Schulmassaker

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Es sind Bilder, die man nie vergisst. Opfer von Amokläufen an Schulen. Jugendliche und Kinder, die scheinbar willkürlich ins Visier geistig verwirrter Täter geraten und aus den noch nicht gelebten Leben gerissen werden. Traumatisierte Überlebende, Eltern in heller Aufregung, Polizei-Großeinsätze und Rettungswagen-Kolonnen. Immer wieder in unseren oftmals wirren Tagen wiederholen sich solche Szenarien. Innerhalb und leider auch außerhalb von Schulen, wie der aktuelle Massenmord an mehr als 50 Besuchern eines Konzertes in Dallas zeigt. Hilflos ist man ausgeliefert, allzu unverarbeitet bleiben die Folgen, da die Täter die von ihnen verübten Anschläge nicht überleben.

Dabei sind es gerade und immer wieder Schulen, an denen sich diese Szenarien zu wiederholen scheinen. Winnenden und Ansbach, die Columbine High und Sandy Hook, Kauhajoki und Realengo. Deutschland, die USA, Finnland und Brasilien zeigen hier deutlich auf, dass es sich bei diesem traurigen Phänomen nicht um ein nationales Problem handelt, wie man es gerne vereinfacht darstellt. Freier Waffenbesitz ist nicht in jedem Fall die Ursache für einen möglichen Amoklauf. Forscht man nach den Ursachen für das Töten von Lehrern und Mitschülern, dann werden Ausgrenzung, fehlende oder verfehlte Inklusion oder Rache für Mobbing ins Feld geführt. Womit wir schon bei einer der wesentlichen Unterscheidung zwischen Amoklauf und Schulmassaker sind.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Ein Schulmassaker ist durch die gezielte Auswahl der Opfer gekennzeichnet, an denen sich der im Fachjargon „Active Shooter“ genannte Amokläufer rächen will. Eine Vorstellung, die gleichzeitig verstört und zeigt, wie tief der Hass auf die Mitschüler oder Lehrer sein kann, der einen Menschen zu einer solchen Tat antreibt. Und doch bleibt es unvorstellbar, wie hilflos sich die Opfer eines solchen Anschlages fühlen müssen. Auch die offiziellen Guidelines zum Verhalten bei Amokläufen an Schulen wirken da eher wie ein leichter Hohn, denn wir reden hier von Heranwachsenden, denen man Motto  „Run, Hide, Fight“ an die Hand gibt, um überleben zu können. Was aber wenn weder Laufen noch Verstecken möglich sind und das Kämpfen gegen einen bewaffneten Täter nicht denkbar ist? Was dann?

Marieke Nijkamp thematisiert ein solch brutales Schulmassaker in „54 Minuten“, ihrem neuen Jugendbuch, erschienen bei Fischer FJB. 54 Minuten. Länger dauert es nicht, um aus der Opportunity High in Alabama ein Schlachtfeld werden zu lassen. In nicht mal einer Stunde verändert sich das Leben hunderter Schüler und einiger Lehrer auf schlimme Art und Weise. Und dabei ist nichts an dieser fiktiven Schule so erfunden, dass es nicht wirklich hätte geschehen können. Die Authentizität des Erzählten und die aus mehreren Perspektiven konstruierte Geschichte beeindrucken von 10:01 bis 10:55 Uhr und halten dauerhaft an. Dieses Lesen wird man lesenslang nicht vergessen. Hier wird aus dem Slogan der Schüler „Wir schreiben Geschichte“ grausame Realität, als einer von ihnen bewaffnet in ihre Mitte tritt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp bestimmt die Lesegeschwindigkeit mit den multiperspektivisch wechselnden Blickwinkeln auf das Drama an der „Opportunity High“. Sie erzeugt einen Sog, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Es sind die rasanten Schnitte in einer Story, die wie ein Film vor unseren Augen abläuft, die sich anfühlen als wäre man Zeuge einer Liveübertragung bei NTV. Allerdings befinden wir uns nicht vor der Schule, sondern aus der Sicht der vier Hauptpersonen an unterschiedlichen Orten, die uns den komplexen Blick auf die Ereignisse ermöglichen.

Wir befinden uns an der Seite von Autumn und ihrer besten Freundin Sylv in der Aula der Highschool. Die Aula, die an diesem Tag mehrere hundert Schüler und ihre Lehrer zur legendären Semesterbeginn-Rede der Direktorin beherbergt. Um kurz nach 10 Uhr vormittags beginnt der langweilige Vortrag. Was niemand weiß, die Aula ist von außen hermetisch abgeschlossen. Es gibt keinen Ausweg mehr, als die Direktorin mit der Zeremonie beginnt und ein einzelner bewaffneter Mann die Bühne betritt. Wir sind mit Claire auf dem Sportplatz der Highschool und absolvieren das erste Training dieses Schuljahres. Sie ist von der Rede befreit. Sport ist wichtiger. Und wir sind mit Tomás im Sekretariat der Schule. Er hat sich absentiert, um einer Sache auf den Grund zu gehen, die ihn nicht mehr schlafen lässt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Um 10:04 Uhr fällt in der Aula der erste Schuss. Ein Schuss, der nur der Auftakt zu einem Massaker darstellt, dem bis 10:55 Uhr neununddreißig Schüler und Lehrer zum Opfer fallen. Als Leser tasten wir uns langsam und schutzlos an die Ereignisse heran, verstehen keine Zusammenhänge und können angesichts des brutalen Vorgehens des Amokschützen kein Muster in Zusammenhängen oder Ursachen sehen. Erst langsam verstehen wir, wie Claire, Sylv, Autumn und Tomás miteinander verbunden sind. Wir erkennen auch, wer da auf der Bühne steht und in den geschossartigen Rückblenden der Betroffenen ergründen wir, in Deckung liegend, was hier vor sich geht.

Er ist wieder da. Tyler Browne. Er hat einen guten Grund, wieder hier zu sein. Seine Pistole wird zum verlängerten Arm seiner Rache. Die Munition reicht aus, um zahllose Mitschüler und Lehrer in den Tod zu reißen und jeder hat einen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Hier finden wir die Automatismen und Ursachen für ein Schulmassaker. Es ist die gezielte Auswahl der Opfer, die verdeutlicht, welche Motive Tyler Browne zu seiner Tat veranlassen. Und in der Verknüpfung der Schicksale von Claire, Sylv, Autumn und Tomás erkennen wir die Ausweglosigkeit der Situation. Während wir schockiert Zeugen eines beispiellosen Mordens werden, vervollständigt sich das Bild eines Amoklaufes. In den Medien kursieren erste Nachrichten, die Polizei rückt an und besorgte Eltern haben sich eingefunden. Die Schule wird belagert, während in der Aula das Unausweichliche seine brutalen Kreise zieht. Wer kann sich retten? Wie sind alle Schicksale miteinander verbunden? Wer kann Tyler Browne stoppen?

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp entwirft in 54 Minuten ein klaustrophobisches Bild, das verstört und schockiert. Sie erzeugt Mitgefühl und Empathie, versetzt uns in eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt und macht uns zu hilflosen Lesern einer Story, die nicht mehr zu stoppen ist, nachdem der erste Schuss gefallen ist. Es ist eine Geschichte von Liebe und Hass, enttäuschter Hoffnungen und von verlorenem Halt. Es ist eine Geschichte in der Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden und in der die Psyche des Täters dafür verantwortlich ist, dass Rache nicht unmittelbar vollzogen wird. Er geht viel brutaler vor. Er tötet diejenigen, die denen besonders am Herzen liegen, die er eigentlich treffen will. Er agiert subtil, unglaublich präzise und brutal. Man weiß schon von der ersten Seite an, dass dieses Lesen mehr Opfer fordern wird, als einem lieb ist.

Die Botschaft dieses Pageturners ist klar. „54 Minuten“ ist ein Statement gegen die fehlende Empathie und die Verständnislosigkeit für Menschen, die aus der Balance und der Lebensbahn geworfen werden. Dieser Roman ist wichtig, weil er anschaulich zeigt, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter zu einem Niemandsland werden, in dem Opfer vorprogrammiert sind. Marieke Nijkamp zeichnet kein schwarz weißes Bild eines unausweichlichen Ereignisses. Sie packt ihre Leser genau da, wo gegenseitiges Verständnis schlimmeres verhindern kann. Sie packt uns am Kragen und rüttelt uns mit ihrem Jugendbuch auf. Das Ende ist gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

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