„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ (Buch und Film)

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Geht es euch auch manchmal so, dass ihr von Büchern heimgesucht werdet, die ihr vor langer Zeit gelesen habt? Manchmal sind es andere Bücher, manchmal auch nur Gedanken und Ideen die uns mit einem Werk in Verbindung bringen, das eigentlich ganz ruhig im Bücherregal des Lebens zu schlummern scheint. Aber glaubt mir. Bücher sind wie wilde Bestien. Sie warten auf den richtigen Moment im Leben und fallen dann erneut über ihr damaliges Opfer her und verzehren es mit Haut und Haaren. Besonders häufig ist dies bei Literaturverfilmungen der Fall. Im Schnitt liegen heutzutage zwischen der Veröffentlichung eines Romans und seiner filmischen Adaption ungefähr vier Jahre. Filmrechte gehen über den Tisch, Ein Drehbuch wird geschrieben, Schauspieler treffen sich zum Casting mit Produktionsgesellschaften und irgendwann geht es dann los.

Zuletzt war ich begeistert von Filmen wie „Wunder“ und „Raum“, weil sie einfach den Geist der Romanvorlagen in herausragender Art und Weise auf die Leinwände der Welt gezaubert haben. Wie gut solche Verfilmungen sein können, sieht man jährlich in Los Angeles, wenn es heißt And the Oscar goes to.“ Auch in diesem Jahr stehen die Verfilmungen von Bestsellern hoch im Kurs. Man erhofft sich dabei wohl, der Erfolg an den Kassen der Buchhandlungen möge sich im Kinosaal niederschlagen und im besten Fall sogar wiederholen. Ehrgeizige Projekte sind dabei. Verfilmungen, die ich nach dem Lesen eines Buches für nicht möglich gehalten hätte. Zu komplex, zu kompliziert und in vielerlei Hinsicht zu anspruchsvoll für das action-orientierte Kinopublikum sind Romane, die als Buch noch herausragend funktionieren. Eine Wirkung, die sie dann im Kino sehr oft einbüßen. Ihr kennt das sicher. Literaturverfilmungen und Romanvorlagen. Ein sehr heikles Thema.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Heikel mutet auch das folgende Filmprojekt an. Kann man einen Film auf den Markt bringen, in dem die Hauptrolle von mehr als zwanzig Darstellern verkörpert wird? Ist es dem Publikum auch visuell zu vermitteln, was einer Romanvorlage so exzellent gelang? Gelingt es im Kino, den Blick von den reinen Äußerlichkeiten auf das Innenleben eines Menschen zu lenken? Ist der Zuschauer in der Lage einem derart komplexen situativen Rahmen zu folgen? Ich hatte so meine Zweifel. Buch bleibt eben Buch und Vorstellung ist sicher nicht kompatibel zu den Bildern, die Regisseure und Produzenten vor Augen haben, wenn sie an einen Kassenerfolg denken. Doch worum geht es eigentlich?

Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan ging literarisch im Jahr 2014 durch die Decke. Ein Jugendbuch, wie ich es bis dahin nicht gelesen hatte. Eine Story mit einer tief angelegten Botschaft, die nicht nur junge Leser bewegte. Eine Story, die so einzigartig war, dass sie vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Buch, das sich so erfrischend vom Mainstream abhob, dass man sich zwischen seinen Seiten nur wohl fühlen konnte. Und nicht zuletzt ein Roman, dem ich eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban widmete. Jetzt holt mich das Universum im Kino wieder ein und glaubt mir, es ist mir gar nicht egal. Ich platze vor Neugier, wie man diese Geschichte verfilmen konnte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Es geht um A. Er ist kein normaler Jugendlicher, nicht mal ein normaler Mensch. A. ist eine Seele, die sich täglich eine neue Heimat suchen muss. Hier ist Seelenwanderung mit einer Odyssee vergleichbar, denn A. hat keinen Einfluss darauf, in welchem Körper er am nächsten Tag erwacht und mit / in wem er diesen einen Tag verbringen muss. Er hat sich an dieses Leben gewöhnt, weil er es nicht anders kennt. Nichts ist konstant. A. wandert nur jeweils in Körper, die seinem Alter entsprechen und bleibt dabei fast immer in der gleichen regionalen Umgebung. Alles andere kann wechseln. Geschlecht, Größe und Gewicht, Hautfarbe und Charakter. A. ist die Eintagsfliege im Inneren seiner Wirte. Er fühlt sich in sie hinein, lebt mit ihnen und verlässt sie ohne Spuren zu hinterlassen.

A. hat dabei eines gelernt. Nicht festhalten, keine Bindung eingehen und nicht hoffen, an diesem einen Tag im Körper eines anderen Menschen die Welt zu verändern. Bis er sich im Körper von Justin wiederfindet und dessen Freundin Rhiannon begegnet. Da ist Ende mit Vernunft. Hier ist Schluss mit Disziplin. A. verändert den Tag, indem er Justin sympathisch macht. Er geht auf die Wünsche seiner Freundin ein, nimmt sie ernst und zeigt Gefühle. Völlig neu für Rhiannon. Schade nur, dass am nächsten Tag keine Spur mehr davon übriggeblieben ist. Hier nimmt die Story richtig Fahrt auf, denn aus der heil- und ziellosen Seelenwanderung wird jetzt eine Reise, die A. immer wieder zu Rhiannon führt. Er hat sich verliebt. Doch wie soll er dem jungen Mädchen zeigen, dass er es ist, der ihr da täglich im neuen äußeren Erscheinungsbild begegnet?

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wir Leser leiden mit und hoffen pausenlos, dass Rhiannon die Wahrheit erkennt. Was zugegeben nicht einfach ist, denn A. ist vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Er muss mit dem Körper leben, der ihn beherbergt und genau in den wichtigen Situationen passt der so gar nicht zu seinen Wünschen. Wie soll er Rhiannon von seiner Liebe und seiner Situation überzeugen, wenn er ihr mal als schüchterner Nerd, als dunkelhäutige Schönheit, als homosexueller Junge, der sich nicht mit Mädchen treffen will oder in der Haut eines 140 Kilogramm schweren Jungen gegenübersitzt? Schon kompliziert, oder? Besonders, wenn man verliebt ist und sich von seiner besten Seite zeigen will.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ sprengt die Grenzen des Denkbaren. Und gleichzeitig schießt dieser Roman seinen Leser in eine Gefühlswelt hinein, die ihm zu keinem Zeitpunkt fremd ist. Wie gerne würden wir nur nach unseren inneren Werten beurteilt werden? Wie gerne würden wir Äußerlichkeiten abstreifen und der Liebe eines Lebens so begegnen wie wir wirklich sind? Wie schön wäre es, wenn unser Gegenüber unsere Makel nicht sehen wollte, weil er sich in unser Wesen verliebt hat. Dieses Buch beschäftigt nachhaltig. Spätestens als Rhiannon beginnt, die A. zu glauben. Spätestens als sie in den Menschen ihres Umfeldes nach seinem liebenswerten Wesen zu suchen. Und allerspätestens als sie realisiert, was genau dieses Umfeld davon hält, dass dieses ach so brave Mädchen täglich mit anderen Typen abhängt.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

„Kann es sein, dass der A, in den ich mich verliebt habe, jeden Tag in einem anderen Körper lebt? Aber wenn Glück sich so gut anfühlt, ist es eigentlich egal, ob es tatsächlich echt ist oder nicht.“

David Levithan ließ uns nicht mit dieser Geschichte alleine. Letztendlich geht es nur um dich“ ist die langersehnte Fortsetzung, die jedoch nicht mehr aus der Sicht des Körperwanderers, sondern aus der Perspektive von Rhiannon erzählt wird. Wer auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff ist, sollte in diesen Büchern sein Glück und allerbeste Unterhaltung suchen. Ich garantiere, dass keine der aufgeworfenen Fragen spurlos an euch vorübergehen wird. Ob die Verfilmung dem Universum jedoch egal ist oder nicht, das habe ich herausgefunden. Ich hatte meine Vorstellung von der Welt, die A. täglich neu erlebt. Der Film katapultiert mich jedoch auf die andere Seite der Körper und lässt mich A. in allen unterschiedlichen Daseinsformen erleben. Funktioniert das?

Und wie das funktioniert hat. Wenn der Film zum Déjà-vu-Erlebnis wird, man sich im Bilde fühlt und die Eingriffe des Regisseurs in die Handlung das zuvor Erlesene nicht in den Hintergrund drängt, dann hat man es mit einer sehr guten Adaption zu tun. Gefühle und Empathie gehören zu den Stärken des Romans und genau hier holt der Film seine Vorlage ab und visualisiert, was wir uns selbst ausgemalt hatten. Mit filmischen Mitteln gelingt der Spagat zwischen Erzählen und Zeigen brillant. Allein schon Angourie Rice als Darstellerin von Rhiannon verdient sich Bestnoten. In ihrem Gesicht kann man alles ablesen, was wir im Buch Wort für Wort aufgesaugt haben. Jedem Gefühl verleiht diese junge Schauspielerin Leben. Zweifel, Hoffen, Lieben, Leiden, Fliegen. Wenn man ihr in die Augen schaut, muss man nichts mehr erzählen.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Die Höhepunkte des Romans werden zu den Höhepunkten des Films. Lachen und Weinen gehen Hand in Hand. Alle Emotionen werden leinwandfüllend hervorgerufen. In jeder Sequenz funktioniert dieser Film so, wie schon das Buch funktioniert hat. Er packt uns und lässt nicht mehr los. Dabei handelt es sich hier nicht um EINE Buchverfilmung. Allein schon der Beginn des Films erinnert zu 100 Prozent an den Einstieg in Levithans Fortsetzungsroman „Letztendlich geht es nur um dich“. Rhiannons Perspektive prägt den Film mehr als die Erlebnisse des „Eintagsmenschen“ in den jeweiligen Gastgebern. Hier geht es darum, wie sie sich täglich finden können, wie Zuneigung entsteht und wie das Umfeld auf diese ungewöhnlichen Beziehungen reagiert.

Wir Leser wissen immer mehr. Wir sind privilegiert, wenn wir diesen Film sehen. Uns reicht der Blindenstock am Bett von A. um zu erkennen, was an diesem Tag schiefgeht. Uns muss man nicht alles erzählen. Wir sind auf Augenhöhe. Nichtleser sehen das mit anderen Augen. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Das ist mein Buch, mein Film und meine Welt der Fantasie, in der ich in aller Tiefe eintauchen und mitfühlen darf. Und am Ende wurde ich auch nicht enttäuscht, weil man dem Ende in all seiner Melancholie und Gegenläufigkeit zur Vorstellung eines Happy-Ends das Ende gönnte, das mich im Buch schon so sehr beschäftigte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wenn vergossene Tränen im Kino der Maßstab für die Qualität eines Films sind, dann hat „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ fünf Tränen von möglichen fünf verdient. Davon zwei fürs Lachen und drei für Rührung und Gefühl. Was will ich mehr?

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„Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary“

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ –

Anne Frank – Tagebucheintrag, 5. April 1944

Ach Anne, mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit Du diese Zeilen in Dein Tagebuch geschrieben hast. Jahre die davon geprägt waren, Gräben zu überbrücken, Wunden zu heilen und dafür zu sorgen, dass auch Du nicht in Vergessenheit gerätst. Immer wieder hört man in den letzten Jahren, es sei doch aber langsam mal gut. Ob es nicht wichtige Themen unserer Zeit gäbe, anstatt immer wieder über die Vergangenheit zu schreiben, an der wir sowieso nicht schuld sind. Reicht jetzt. Hey, lasst uns einfach unseren Spaß haben. An die Opfer des Holocaust zu denken ist echt von gestern.

Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Tja, das ist Dir wohl gelungen. Leider erlebst Du nicht, wie zeitlos Du geworden bist. Leider bekommst Du nicht mehr mit, wie aktuell Dein Name immer noch ist und wie oft er in den Medien erwähnt wird. Es ist nur gut, dass wir Dein Tagebuch kennen, weil es wichtig ist zu begreifen, was mit Deinem Namen geschieht. Stell Dir vor, in Italien liefen die Spieler eines Fußballteams mit Aufwärmtrikots auf den Platz, die Dein Foto zeigten. Der Schriftzug „Wir sind alle Anne Frank“ war deutlich zu lesen. Da kann man schon Gänsehaut bekommen. Was du sicher nicht wissen möchtest ist, warum sie dies getan haben.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Wenige Tage zuvor fand man Dein Porträt auf Aufklebern, die sogenannte Fans im Stadion verteilt hatten. Fans genau dieses Vereins, der nun Dein Porträt auf dem Shirt trägt. Was sie damit bezwecken wollten? An Dich erinnern? Wachrütteln? Oh nein. Sie verunglimpften ihren Stadtrivalen und hatten Dein Gesicht zu diesem Zweck auf dessen Trikots montiert. Naja, und dann kamen ein paar Texte dazu, die zeigen sollten, was sie von ihrem sportlichen Gegner halten und was sie ihm wünschen.

„Auschwitz ist euer Land. Die Öfen sind eure Heimat!“

Es fällt mir schwer, diese Zeilen hier zu dokumentieren. Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken, wie tief der Mensch sinken kann, um Hass zu verbreiten. Es fällt mir so schwer, zu akzeptieren, dass dies erst vor wenigen Tagen geschah. Nicht in der tiefen Provinz. Nein. In der italienischen Serie A. Lazio Rom-Ultras gegen den AS Rom. Vor wenigen Tagen. Seitdem bist Du wieder in aller Munde. Dein Porträt ist immer noch so bekannt, dass es sogar zum Missbrauch taugt. Opferbilder sind so. Täter kommen hier immer wieder in Versuchung. Heute. Und harmlos ist das nicht. Alles, nur das nicht.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

All dies geschah nur wenige Tage nach der Frankfurter Buchmesse. Eine Messe, auf der ich Dir begegnete. Eine Messe, der es so gut getan hätte, wenn Du selbst dort gesprochen hättest. Zu den Menschen, die auch bei uns Ausgrenzung und Hass in die Köpfe anderer hämmern. Oder zu jenen, die am Messestand des Fischer Verlages die Augen verdrehten, als sie ein neues Buch entdeckten, das Deine Geschichte erzählt. In vielen Gesichtern las man die Gedanken deutlich: Ist jetzt aber genug – ist doch alles erzählt. Muss man nicht noch mehr breittreten. Und Du, Anne? Herrlich einfach. Du hast sie aus dem Buch heraus angeschaut, mit großen Augen, den Mund geschlossen, denn Füllfederhalter schreibbereit in der Hand und Dein Tagebuch mit beiden Händen zart beschützt. Als würdest Du uns stumm zurufen „Ich sehe euch! Es ist leider nicht vorbei.

Du würdest staunen über dieses Buch. Es ist kein Sachbuch, keine Biografie, es ist ein Graphic Diary, ein illustriertes Tagebuch und stell Dir vor, es sind Deine Worte, die hier die Illustrationen umrahmen und ihnen Leben einhauchen. Man hat nichts von dem verändert, was Du uns hinterlassen hast. Und doch hat man eine Tür geöffnet, die es gerade jüngeren Menschen möglich macht, Deinen Ängsten, Hoffnungen, Träumen und Leidenschaften zu folgen. Man hat gezeichnet, was Du in Worte gefasst hast. Nicht um es zu verdeutlichen oder neu zu interpretieren, nein, nur um Dir in ganz besonderer Weise gerecht zu werden. Du würdest diesen Weg lieben, weil er Dir nichts nimmt. Weil er Dich so lässt, wie Du Dich selbst gesehen hast. Weil Du einfach Du sein kannst.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Das Tagebuch der Anne Frank von Ari Folman und David Polonsky eroberte eine große eigene Bücherwand auf dieser Messe. Flankiert von den Originaltexten, Büchern über Dein Leben und Gesamtausgaben zu Deinem Tagebuch. Das neue Werk war dort eingebettet und allein das Cover ist so faszinierend gut gelungen, dass man nicht daran vorbeigehen kann, ohne an Dich und Dein Leben zu denken. Wer Deine Zeilen jemals las, der wird ermessen, was den beiden Autoren hier gelungen ist. Sie haben sich Dir in Wort und Bild behutsam angenähert, haben nicht überzeichnet und sich wie Regisseure an ein Projekt gewagt, das jederzeit scheitern kann. Du hast selbst so starke Bilder mit Deinen Worten gemalt, dass man sie eigentlich nicht illustrieren muss. Und doch haben Ari Folman und David Polonsky in ihrer Verdichtung deines Tagebuches Perspektiven gefunden, die nur mit dem Stilmittel eines Comics versinnbildlicht werden können. Das ist für mich tatsächlich das Mantra über diesem Buch. Versinnbildlichung. Deine Sicht auf die Welt war die einer Gefangenen und im Verborgenen Lebenden. Dein Blick nach draußen war durch Dein Versteck getrübt.

Folman und Polonsky erweitern diesen Blick, illustrieren Zusammenhänge, erfinden Dialoge, die authentisch sind, weil sie von Deinen Worten begleitet werden. Sie malen Deine Träume im Stile ganz großer Künstler und visualisieren das, was vielleicht nur Du in Deinen Gedanken gesehen hast. Sie verführen dazu, sich mit Dir zu beschäftigen. In jedem einzelnen Bild finden wir den Mikrokosmos Deines Lebens bis zu seinem bitteren Ende. Auch dieses Tagebuch endet am 1. August 1944, kurz vor Deiner Verhaftung. Es verführt dazu, gemeinsam mit Deinem Tagebuch gelesen zu werden. Es verleitet dazu, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen zu werden und es bringt Dich uns wieder ein Stück näher. Und das in einer Zeit, in der Distanz aufgebaut werden soll. Distanz zu Dir und zu weiteren Opfern des Holocaust, die noch heute in der Lage sind, Ideologien die Maske vom Gesicht zu reißen.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Man sollte dieses Buch vielleicht auch in Rom lesen. Nicht nur zum Aufwärmen ein Trikot tragen. Man sollte Dich nicht auf ein Bild und ein Schlagwort reduzieren. Du bist zeitlos und wir vermissen Dich mehr, als Du glaubst. In aller Melancholie und in allem Schmerz über das Ende Deines Lebensweges sind es doch Bücher, wie das von David Polonsky und Ari Folman, die Deinen Traum von damals ein stückweit lebendig halten. „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Für Dich und all jene, die heute nicht mehr für sich selbst sprechen können.

Arndt

Ein Nachtrag. Kurz nach diesem Artikel sorgt Anne Frank erneut für Aufsehen. Jetzt ist es eine Welle der Kritik an der Deutschen Bahn, weil einer der neuen ICE-Züge auf den Namen Anne Frank getauft werden soll. Mein Statement dazu: HIER

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

„54 Minuten“ von Marieke Nijkamp – Das Schulmassaker

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Es sind Bilder, die man nie vergisst. Opfer von Amokläufen an Schulen. Jugendliche und Kinder, die scheinbar willkürlich ins Visier geistig verwirrter Täter geraten und aus den noch nicht gelebten Leben gerissen werden. Traumatisierte Überlebende, Eltern in heller Aufregung, Polizei-Großeinsätze und Rettungswagen-Kolonnen. Immer wieder in unseren oftmals wirren Tagen wiederholen sich solche Szenarien. Innerhalb und leider auch außerhalb von Schulen, wie der aktuelle Massenmord an mehr als 50 Besuchern eines Konzertes in Dallas zeigt. Hilflos ist man ausgeliefert, allzu unverarbeitet bleiben die Folgen, da die Täter die von ihnen verübten Anschläge nicht überleben.

Dabei sind es gerade und immer wieder Schulen, an denen sich diese Szenarien zu wiederholen scheinen. Winnenden und Ansbach, die Columbine High und Sandy Hook, Kauhajoki und Realengo. Deutschland, die USA, Finnland und Brasilien zeigen hier deutlich auf, dass es sich bei diesem traurigen Phänomen nicht um ein nationales Problem handelt, wie man es gerne vereinfacht darstellt. Freier Waffenbesitz ist nicht in jedem Fall die Ursache für einen möglichen Amoklauf. Forscht man nach den Ursachen für das Töten von Lehrern und Mitschülern, dann werden Ausgrenzung, fehlende oder verfehlte Inklusion oder Rache für Mobbing ins Feld geführt. Womit wir schon bei einer der wesentlichen Unterscheidung zwischen Amoklauf und Schulmassaker sind.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Ein Schulmassaker ist durch die gezielte Auswahl der Opfer gekennzeichnet, an denen sich der im Fachjargon „Active Shooter“ genannte Amokläufer rächen will. Eine Vorstellung, die gleichzeitig verstört und zeigt, wie tief der Hass auf die Mitschüler oder Lehrer sein kann, der einen Menschen zu einer solchen Tat antreibt. Und doch bleibt es unvorstellbar, wie hilflos sich die Opfer eines solchen Anschlages fühlen müssen. Auch die offiziellen Guidelines zum Verhalten bei Amokläufen an Schulen wirken da eher wie ein leichter Hohn, denn wir reden hier von Heranwachsenden, denen man Motto  „Run, Hide, Fight“ an die Hand gibt, um überleben zu können. Was aber wenn weder Laufen noch Verstecken möglich sind und das Kämpfen gegen einen bewaffneten Täter nicht denkbar ist? Was dann?

Marieke Nijkamp thematisiert ein solch brutales Schulmassaker in „54 Minuten“, ihrem neuen Jugendbuch, erschienen bei Fischer FJB. 54 Minuten. Länger dauert es nicht, um aus der Opportunity High in Alabama ein Schlachtfeld werden zu lassen. In nicht mal einer Stunde verändert sich das Leben hunderter Schüler und einiger Lehrer auf schlimme Art und Weise. Und dabei ist nichts an dieser fiktiven Schule so erfunden, dass es nicht wirklich hätte geschehen können. Die Authentizität des Erzählten und die aus mehreren Perspektiven konstruierte Geschichte beeindrucken von 10:01 bis 10:55 Uhr und halten dauerhaft an. Dieses Lesen wird man lesenslang nicht vergessen. Hier wird aus dem Slogan der Schüler „Wir schreiben Geschichte“ grausame Realität, als einer von ihnen bewaffnet in ihre Mitte tritt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp bestimmt die Lesegeschwindigkeit mit den multiperspektivisch wechselnden Blickwinkeln auf das Drama an der „Opportunity High“. Sie erzeugt einen Sog, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Es sind die rasanten Schnitte in einer Story, die wie ein Film vor unseren Augen abläuft, die sich anfühlen als wäre man Zeuge einer Liveübertragung bei NTV. Allerdings befinden wir uns nicht vor der Schule, sondern aus der Sicht der vier Hauptpersonen an unterschiedlichen Orten, die uns den komplexen Blick auf die Ereignisse ermöglichen.

Wir befinden uns an der Seite von Autumn und ihrer besten Freundin Sylv in der Aula der Highschool. Die Aula, die an diesem Tag mehrere hundert Schüler und ihre Lehrer zur legendären Semesterbeginn-Rede der Direktorin beherbergt. Um kurz nach 10 Uhr vormittags beginnt der langweilige Vortrag. Was niemand weiß, die Aula ist von außen hermetisch abgeschlossen. Es gibt keinen Ausweg mehr, als die Direktorin mit der Zeremonie beginnt und ein einzelner bewaffneter Mann die Bühne betritt. Wir sind mit Claire auf dem Sportplatz der Highschool und absolvieren das erste Training dieses Schuljahres. Sie ist von der Rede befreit. Sport ist wichtiger. Und wir sind mit Tomás im Sekretariat der Schule. Er hat sich absentiert, um einer Sache auf den Grund zu gehen, die ihn nicht mehr schlafen lässt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Um 10:04 Uhr fällt in der Aula der erste Schuss. Ein Schuss, der nur der Auftakt zu einem Massaker darstellt, dem bis 10:55 Uhr neununddreißig Schüler und Lehrer zum Opfer fallen. Als Leser tasten wir uns langsam und schutzlos an die Ereignisse heran, verstehen keine Zusammenhänge und können angesichts des brutalen Vorgehens des Amokschützen kein Muster in Zusammenhängen oder Ursachen sehen. Erst langsam verstehen wir, wie Claire, Sylv, Autumn und Tomás miteinander verbunden sind. Wir erkennen auch, wer da auf der Bühne steht und in den geschossartigen Rückblenden der Betroffenen ergründen wir, in Deckung liegend, was hier vor sich geht.

Er ist wieder da. Tyler Browne. Er hat einen guten Grund, wieder hier zu sein. Seine Pistole wird zum verlängerten Arm seiner Rache. Die Munition reicht aus, um zahllose Mitschüler und Lehrer in den Tod zu reißen und jeder hat einen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Hier finden wir die Automatismen und Ursachen für ein Schulmassaker. Es ist die gezielte Auswahl der Opfer, die verdeutlicht, welche Motive Tyler Browne zu seiner Tat veranlassen. Und in der Verknüpfung der Schicksale von Claire, Sylv, Autumn und Tomás erkennen wir die Ausweglosigkeit der Situation. Während wir schockiert Zeugen eines beispiellosen Mordens werden, vervollständigt sich das Bild eines Amoklaufes. In den Medien kursieren erste Nachrichten, die Polizei rückt an und besorgte Eltern haben sich eingefunden. Die Schule wird belagert, während in der Aula das Unausweichliche seine brutalen Kreise zieht. Wer kann sich retten? Wie sind alle Schicksale miteinander verbunden? Wer kann Tyler Browne stoppen?

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp entwirft in 54 Minuten ein klaustrophobisches Bild, das verstört und schockiert. Sie erzeugt Mitgefühl und Empathie, versetzt uns in eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt und macht uns zu hilflosen Lesern einer Story, die nicht mehr zu stoppen ist, nachdem der erste Schuss gefallen ist. Es ist eine Geschichte von Liebe und Hass, enttäuschter Hoffnungen und von verlorenem Halt. Es ist eine Geschichte in der Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden und in der die Psyche des Täters dafür verantwortlich ist, dass Rache nicht unmittelbar vollzogen wird. Er geht viel brutaler vor. Er tötet diejenigen, die denen besonders am Herzen liegen, die er eigentlich treffen will. Er agiert subtil, unglaublich präzise und brutal. Man weiß schon von der ersten Seite an, dass dieses Lesen mehr Opfer fordern wird, als einem lieb ist.

Die Botschaft dieses Pageturners ist klar. „54 Minuten“ ist ein Statement gegen die fehlende Empathie und die Verständnislosigkeit für Menschen, die aus der Balance und der Lebensbahn geworfen werden. Dieser Roman ist wichtig, weil er anschaulich zeigt, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter zu einem Niemandsland werden, in dem Opfer vorprogrammiert sind. Marieke Nijkamp zeichnet kein schwarz weißes Bild eines unausweichlichen Ereignisses. Sie packt ihre Leser genau da, wo gegenseitiges Verständnis schlimmeres verhindern kann. Sie packt uns am Kragen und rüttelt uns mit ihrem Jugendbuch auf. Das Ende ist gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Cecelia Ahern: „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Sie ist gebrandmarkt. Sie trägt den Buchstaben F für fehlerhaft auf ihrem Körper. Sie ist alles andere als perfekt, das war ihr schon immer klar. Die Brandzeichen jedoch machen aus ihrem Geheimnis ein Stigma, das sie in aller Öffentlichkeit als Fehlerhafte geißelt. Sie hat einen Makel, den sie nie wieder beseitigen kann. Sie hat gegen Regeln verstoßen und damit nicht nur den Zorn der Gesellschaft auf sich gezogen, sondern ist in einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt worden. Schuldig, eine Fehlerhafte zu sein.

Sie kannte die Regeln nur zu genau. Sie war sich der Konsequenzen bewusst, die sie zu ertragen hätte, wenn sie sich den Gesetzen nicht perfekt anpassen würde. Und doch ist es ihr passiert. Gerade ihr. Dem Mädchen aus gutem Hause. Dem Mädchen mit der glänzenden Perspektive und noch dazu der Freundin von Art, dem Sohn des höchsten Richters im Lande. Sie dachte, sie sei sicher und vor Willkür geschützt. Zu spät hat sie realisiert, dass sie einer Illusion von Sicherheit erlegen ist.

Celestine ist gerade einmal siebzehn Jahre alt, als sie gegen die Regeln verstößt. Sie handelt aus dem Bauch heraus. In aller Öffentlichkeit und vor aller Augen. Sie setzt sich für einen Fehlerhaften ein. Nur ein einziges Mal. Celestine macht sich schuldig. Sie wird verurteilt. Niemand kann, niemand will, niemand darf sie schützen. Fehlerhafte wie sie stehen am Pranger der Gesellschaft und werden ihr ganzes Leben lang das Zeichen nicht los, das sie zu Außenseitern macht. Zu Sündenböcken. Zum Machtbeweis für die Unfehlbarkeit der Gilde, die über das Fehlerhafte richtet. Celestine ist FLAWED.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Und schon sind wir drin in „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“, dem ersten Teil der dystopischen Jugend-Dilogie von Cecelia Ahern. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es ist genau die Cecelia Ahern, die wir bisher im romantischen Genre der Literatur erleben durften. „PS – Ich liebe dich“ zählt wohl zu den größten Erfolgen der irischen Autorin, die nun ihren ersten All-Age-Zweiteiler präsentiert, der sich jedoch vornehmlich an das junge lesebegeisterte Publikum richtet und pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2016 bei Fischer FJB erschienen ist.

Und schon sind wir drin in einer Geschichte, die sich so gänzlich untypisch anfühlt, wenn man zu den Lesern von Cecelia Ahern gehört. Brandmale, Makel, Ausgrenzung und Verfolgung zählten bisher nicht zu ihren erzählerischen Welten. Und doch macht es neugierig, wie eine Autorin von Weltformat diesen Genrewechsel vollzieht und es stellt sich schnell die Frage, ob es ihr angesichts der großen Konkurrenz, wie „Die Tribute von Panem“, gelingen kann, sich ganz eigenständig abzuheben und zu begeistern.

Die Ausgangssituation von „Flawed“ hat es in sich. Da ist kein Platz für Gefühl. Es regieren Einschüchterung und Gehorsam. Angst und Vermeidungsverhalten führen zu einer scheinbar intakten Gesellschaft, in der moralisches Fehlverhalten konsequent und ohne Chance auf Wiedergutmachung bestraft wird. Hier wird nur bestraft. Reintegration ist unmöglich. Einmal fehlerhaft, immer fehlerhaft. So funktioniert das System. Und hier beginnt Cecelia Ahern das Leben ihrer Protagonistin mit nur einem einzigen Fehler um 360 Grad zu drehen.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Wenn man sich „Flawed“ nun kritisch analytisch nähert, dann kann man natürlich die soziale Ausgangslage mit dem Schneidbrenner in all ihre Bestandteile zerlegen und sezieren, bis man auf weniger plausible Elemente stößt. Aber hätte man unser jetziges Rechtssystem in einem dystopischen Roman vor dreißig Jahren beschrieben, auch hier wäre man fündig geworden. Cecelia Ahern gestaltet ihre Welt so, dass ihr der Sprung in das tiefe Wasser ihrer Erzählkunst möglich ist.

Und, wenn sie etwas kann, dann erzählen. Wenn sie etwas kann, dann dafür sorgen, dass sich ihre Leser mit den Protagonisten des Romans identifizieren, mit ihnen leiden, lachen, hoffen und um ihr Leben und die Liebe kämpfen. Wenn sie etwas kann, dann zu zeigen, dass die Brandzeichen ihres Romans auch in der gelebten Realität ihrer jungen Leser schon existieren. Man wird auch heute abgestempelt und in Schubladen gepackt, aus denen die Flucht kaum möglich scheint. Wenn sie etwas kann, dann das Lesen so sehr unter Dampf zu halten, dass man nach nur einem Tag am Ende von „Flawed“ den zweiten und letzten Teil Perfect – Willst du die perfekte Weltdringend herbeisehnt.

Cecelia Ahern konfrontiert die fehlerhafte Celestine natürlich mit jungen Männern, die als Rettungsanker und emotionale Fixsterne in sich mehr als verlockend sind. Dabei schwankt das gebrandmarkte Mädchen zwischen zwei Extremen. Art, der Richtersohn, der sich nicht traut, ihr zu helfen und lieber verschwindet, um seinen Weg zu finden und Carrick, der wie Celestine gebrandmarkt und fehlerhaft ist, dessen Spur sie jedoch viel zu schnell verliert. Von ihm bleibt nur der hoffnungsvolle Satz „Ich finde dich“.  

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Cecelia Ahern gelingt ein zweifelsohne großartiger Pageturner. Der Sprung in die Jugendliteratur ist ihr fulminant gelungen, da sie Bilder und Gefühle beschreibt, die nur zu nachvollziehbar sind. Gerade in einer Phase des Erwachsenwerdens, in der sich oft die ganze Welt von heute auf morgen verändern kann. Die Rolle der Medien entspricht den dunklen Vorahnungen, die man sich ausmalen kann, wenn man sich vorstellt, dass reale Brandzeichen und Schauprozesse zum TV-Ereignis werden könnten.

Darüber hinaus bin ich bereits jetzt begeistert, dass mir ein typischer Mittelband erspart bleibt. Zumeist erscheinen dystopische Romane als Trilogie. Zumeist erweist sich genau der zweite Teil als der schwächste. Zumeist verstecken sich die Längen und Wiederholungen nur im Mittelband. Ich erwarte von „Perfect – Willst du die perfekte Welt?“ einen ebenso fulminanten und dynamischen zweiten und letzten Teil, der schon im November erscheinen wird.

„Flawed“ funktioniert. Das ist für mich entscheidend. Ich werde weiterlesen und bin schon jetzt sehr gespannt auf das Finale. Als männlicher Leser hoffe ich natürlich, dass die beiden Jungs nun so richtig in den Mittelpunkt der Handlung rücken, aber ich denke, es wird ihnen gar nichts anderes übrigbleiben. Dafür ist die Story zu gut angelegt. Es ist nicht mehr lange hin bis sich der Kreis schließt und alle Fragen beantwortet werden. Es sieht für mich so aus, als würde ich auch in „Perfect“ bestens unterhalten.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Das könnte es nun sein für diese Rezension. Ist es aber nicht. Das Highlight folgt am Ende. Denn es war ein absolutes Highlight, Cecelia Ahern persönlich begegnen zu dürfen und ihr im Rahmen eines kleinen und exklusiven Meet&Greet auf Einladung des Verlages die Fragen zu stellen, die sich aus meinem Lesen ergeben haben. Während sich vor dem Verlagsstand eine unüberschaubare Schlange von Fans bildete, die alle zur Signierstunde von Cecelia Ahern erschienen waren, konnten wir uns für über eine halbe Stunde mit der sympathischen Schriftstellerin in einem eigens dafür reservierten Raum zurückziehen.

Wir: Das sind tolle Blogger-Kolleginnen und ich (wohl um die Quote männlicher Leser des Romans ein wenig zu heben). Berichte und Fotos zum Meet&Greet findet ihr hier:

Bookwives – Sabrina Cremer
Buchsichten – Ingrid und Hanna Eßer
Kates Leselounge – Kate Rupp
und
Vanessas Bücherecke – Vanessa Mattonet

Ich habe mir erlaubt, das Meet&Greet für Literatur Radio Bayern aufzunehmen und so hoffen wir gemeinsam, euch ein wenig von der ganz besonderen Atmosphäre dieses Treffens nach Hause zu bringen. Auch, wenn das Meet&Greet mit Cecelia Ahern unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wir öffnen euch die Tür zu einem der wohl meist behütetsten Räume auf dem Messegelände.

Pst… kommt rein

Flawed - Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

Flawed – Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

„Die Seiten der Welt – Blutbuch“ – Das furiose Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale

Am Ende einer Trilogie stellt sich dem Rezensenten nicht mehr die Frage einer inhaltlichen Zusammenfassung des Schlussbandes. Auch geht es nicht mehr darum, Leser auf das Gesamtwerk neugierig zu machen, denn wer noch nicht mal den ersten Band einer Trilogie gelesen hat, wird sich durch die Rezension des Finales auch nicht plötzlich dazu verführen lassen, den ersten Schritt zu wagen. Für Einsteiger sind hier die Buchvorstellungen zum Auftakt und zum Mittelband entscheidend.

Hier entscheidet sich, ob das zu lesende Buch in das Beuteschema des Lesers passt, oder ob er besser einen großen Bogen um den ungelesenen Roman machen sollte. Und treue Leser, die bereits in den ersten beiden Bänden versunken waren, werden sowieso magisch in den Schlussband gezogen. Rezension hin oder her. Und wehe, man würde es wagen, hier zu spoilern und Teile des Inhalts vorwegzunehmen oder mal eben in den Raum werfen zu wollen, welche Romanfiguren am Ende auf der Strecke bleiben. Never. Sakrileg.

Erwarten Sie also nun bitte von dieser Rezension nichts von alledem. Sie schließt meinen ganz persönlichen und vielschichtigen zweijährigen Leseweg in der Fantasy-Trilogie Die Seiten der Welt von Kai Meyer ab. Hier wird nichts verraten, hier wird nichts zusammengefasst, hier wird nichts nacherzählt, hier gehe ich auf die Fragen ein, die sich mit der inhaltlichen Relevanz einer gesamten Trilogie auseinandersetzen und ganz grundsätzlich Aufschluss darüber geben, was sie mir bedeutet, wie ich mich in und zwischen den Zeilen gefühlt habe und was mit mir geschah, als ich am Ende des Lesens auf der letzten Seite angelangt war.

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale

Es handelt sich hierbei um Fragen, die bei allen Mehrteilern von Interesse sind, denn am Ende des Lesetages stellt sich heraus, ob ein mehrjähriger Leseweg lediglich netter Zeitvertreib war und man besser andere Bücher gelesen hätte, oder ob der Autor den Erzählraum dreier Bücher tatsächlich benötigte, um sich selbst, die von ihm erdachte Handlung und sein „Personal“, also seine Romanfiguren, zum Ziel zu bringen. Und was gibt es schlimmeres, als nach drei Bänden festzustellen, dass wir es mit einem offenen oder unvollendeten, nicht durchdachten Ende zu tun zu haben?

Um die „Seiten der Welt“-Trilogie in mein Lesen einzuordnen werfe ich einen Blick zurück in meine Rezensionen, Artikel und Reportagen, die auf diesem Weg entstanden sind. Daraus leitet sich meine hohe Erwartung ab, die ich in mir trug, als ich mit nervös zitternden Händen das finale Blutbuch aufschlug und auf Nimmerwiederlesen darin verschwand.

Sehr viel hatte ich an der Seite von Furia Salamadra Fairfax erlebt, durch ganze erfundene Bücherwelten bin ich an ihrer Seite gewandert; habe gute Freunde gefunden; mich unsterblich in Charaktere verliebt; bin zum bibliomantischen Rebellen gegen das Establishment der Adamitischen Akademie geworden; ich musste lernen, Seitenherzen zu spalten; Bookboard zu fahren und Exlibiri zu beschützen. Ich fand mein Seelenbuch und spürte in jeder Zeile die überbordende Fantasie des Autors, wenn es darum ging, die Liebe zum geschriebenen Wort in einem Roman zur Kunstform zu erheben.

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt und Nachtland legen in geschriebener Form Zeugnis ab von meinem Leseweg. Eine Radioreportage aus der Tiefe des Rebellen-Untergrundes und ein Buchmesse-Interview mit Kai Meyer für Literatur Radio Bayern verdeutlichen das Ausmaß meiner Auseinandersetzung mit dieser Trilogie, die den Verlag Fischer FJB auch hinsichtlich flankierender Marketingkampagnen zu Höchstleistungen brachte.

Wurde dies durch „Die Seiten der Welt – Blutbuch“ belohnt, oder landete am Ende der Nachtrefugien nur ein weiterer Stein im Wasser, der zwar Wellen erzeugte, aber die groß angelegte Destinations-Trilogie ohne sichtbare Entwicklung der Protagonisten im literarischen Nirwana versiegen ließ? Ist Kai Meyer auf den Punkt gekommen? Hat er sein Ziel erreicht und das Vertrauen seiner Leser rechtfertigt. Gibt es ein tragfähiges Ende? Ein Ende, an das man angesichts unzähliger Cliffhanger kaum noch so richtig glauben wollte?

Und letztlich bleibt die Frage, was diese Trilogie von anderen Werken unterscheidet und welche Leitidee in uns verankert bleibt, wenn wir uns in einigen Jahren an diesen Leseweg erinnern und unseren Kindern davon erzählen. Wie lautet unsere Antwort auf die Frage „Die Seiten der Welt… jaaa. Das weiß ich noch genau. Das habe ich nie vergessen, weil…“ Und wenn wir ehrlich zu uns sind, können wir diese Frage bei einer Vielzahl von Büchern mit einigem Abstand nicht sehr plausibel beantworten.

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale

Sind Sie bereit für die Antworten? Bereit für die volle Wahrheit über die „Seiten der Welt“-Trilogie von Kai Meyer? Ich habe einen Moment gebraucht, um meine Gedanken zu sortieren. Sie haben sich unmittelbar nach der letzten Seite dieser Trilogie aus dem Staub gemacht, sind wie eine Herde Wildpferde durch meine Bücherprärie galoppiert. Sie wurden in alle Winde zerstreut und befinden sich seit ein paar Tagen wieder hier. Wohlgeordnet und gezähmt.

Ja! Es mussten drei Bücher sein, um diesen Kosmos der Fantasie erlesbar zu machen. Nicht eine Seite zu viel. Kein Wort zu wenig. Alle Handlungsfäden, Spuren und Cliffhanger, die uns von Kai Meyer in den ersten Bänden präsentiert wurden waren lesenswichtig, essenziell und haben am Ende ihre klare Bestimmung gefunden. Jeder einzelne Charakter verlässt „Die Seiten der Welt“ verändert. Die gesamte Entwicklung der Geschichte spiegelt sich in ihren Erkenntnissen und Handlungen wider. Schicksal und Fügung werden zu Randnotizen. Furia beweist, dass man ganz alleine sein Glück erzwingen kann. Auch, wenn es gleichzeitig das größte persönliche Opfer bedeutet, das man in die Waagschale werfen kann.

Alles unterscheidet diese Trilogie von anderen Werken über die fantastischen Aspekte der Buchwelt. Die Fantasie des Autors hat sich Bahn gebrochen und uns auf den hohen Wellen seiner Vorstellungskraft reiten lassen. Belanglosigkeiten sind ihm fremd. Aus Kleinem wird Großes und keine seiner Figuren verschwindet unbeweint. Kai Meyer bleibt fair. Auch wenn wir im „Blutbuch“ lesend Verluste erleiden, wir bringen sie nicht sinnlos. Jede beim Lesen vergossene Träne fällt auf den Boden einer Zukunft, die ohne Opfer nicht existieren würde.

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale

Patience, Furia und Duncan Mound sind meine persönlichen Helden dieser Reihe. Sie haben Nachhaltiges hinterlassen. Komplex angelegte Charaktere voller Ecken und Kanten, die plausibel und greifbar bleiben. Das zeichnet den Stab der Akteure aus, der von Kai Meyer ins Feld geführt wird. Er erzeugt Bilder, die mir unvergessen bleiben und bleibt seiner bisherigen Linie treu, seine Geschichte unmittelbar im Herzen seiner Leser zu verankern. Drei Seelenbücher hat er mir ins Herz geschrieben. Und dabei hat er sich im Schlussband selbst übertroffen.

Spielerisch und gar nicht nebenbei philosophiert er im Zentrum der Handlung über die Rolle eines Schriftstellers. Hier wächst der Leser an seiner Erkenntnis, was Fiktion, was Realität und was einfach nur bloßer Knalleffekt ist. In der Begegnung mit dem eigentlichen Verursacher des bibliomantischen Trubels liegt der wohl größte Aha-Moment dieser Trilogie. Dieses Erkennen lässt uns staunen und sehr intensiv darüber nachdenken, wie wir uns der Literatur zu nähern haben, was Kritik bewirkt und was ein verändertes Wort in einer Geschichte bewirken kann. Die Macht des geschriebenen Wortes – Kai Meyer hat ihr ein Denkmal gesetzt.

Was am Ende bleibt? Es bleibt ein Ende, das ein Ende ist. Ein Ende voller Emotion und ein Abschluss, der literarisch konsequenter nicht sein könnte. Ein Ende, das uns trotzdem davon träumen lässt, diese Geschichte möge nie ein Ende finden und doch versöhnen uns die letzten Zeilen mit jedem Cliiffhanger im Roman, weil die Seele des Lesers voller Emotionen zur Ruhe kommt. Diese Trilogie funktioniert bis in die letzte Faser ihrer selbst.

Die Jugend-Trilogie „Die Seiten der Welt“ ist im Finale erwachsen geworden.

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale

Ein letztes Bild zum Schluss. Mein Bild, das künftig für diese Trilogie steht. Ein Bild, das Kai Meyer in meiner Fantasie verpflanzt hat und das auch noch Wochen nach dem Lesen in voller Blüte steht. Es ist das Bild zweier Schiffe. Kai Meyer verankert die Portalschiffe Fleur de Marie und Blanche de Cazalis in seinem „Blutbuch“. Diese beiden Schwesterschiffe, die zwischen den Seiten der Welt verkehren, haben sich tief in meine Seele eingebrannt. Dieses Bild steht für die gesamte Trilogie. Kai Meyer hat es nicht nur geschafft, diese Schaufelraddampfer zum Fliegen zu bringen.

Er hat sie zur Metapher der literarischen Seefahrt erhoben und für mich im direkten Vergleich zur Titanic und ihrem Schwesterschiff Olympic ein Stück Literaturgeschichte geschrieben. Er hat seine persönliche Titanic mit seinen eigenen Worten gehoben und den Portalschiffen eine Rolle zugeschrieben, die in einer bewegenden Rettungsmission gipfelt. Das ist fulminant und grandios. Besonders, wenn man diese Passage mit einer Leseschwester gemeinsam erlesen darf, die dabei hilft, beide Portalschiffe sicher in den Hafen zu bringen. Danke, Heike für diese grandiosen Lesemanöver.

All dies bleibt. Diese prachtvollen Bilder strahlen aus dieser Trilogie heraus. Und wenn man die beiden Schwesterschiffe betrachtet sieht man sie auch lange nach dem Lesen noch gemeinsam mit einem dritten Schiff durch das Büchermeer kreuzen. Die Hispaniola der „Schatzinsel“ gehört ebenso zur Flotte wie die nie gebaute Gigantic zur White Star Line gehörte. Ist hier die Verheißung auf mehr verborgen? Denn…

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Wie deuten wir den Kommentar des Autors unter einem Bild, das ich am Ende des Lesens auf meiner Facebook-Seite gepostet habe? Wie kommt man mit diesen Worten zurecht, wenn man sich gerade mit dem Ende von Die Seiten der Welt angefreundet hat? Wie nur…

Schön, dass Dir das vorläufige Ende gefallen hat…, Kai Meyer…

Die Seiten der Welt - Blutbuch von Kai Meyer - Das Trilogie-Finale

Die Seiten der Welt – Blutbuch von Kai Meyer – Das Trilogie-Finale