„Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„…Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern… Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer…“

Stellt euch den Jugendroman Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern. Stellt euch vor, der Autor würde euch Schlüssel für jeden einzelnen Raum überreichen und euch ganz persönlich einladen, dieses Haus zu besichtigen. Stellt euch nun vor, dieses Haus trüge den Namen „Visible„, weil es die die Menschen dazu zwingt, durch die großen Fenster einen weiten Blick auf die Welt zu werfen. Stellt euch jetzt vor, ihr würdet für die Dauer eures Lesens hier wohnen um mit den Menschen, für die „Visible“ mehr als nur Heimat bedeutet, auch die schrecklichen Zimmer zu betreten. Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann habt ihr einen Schlüssel zu diesem Buch gefunden. Es ist der Generalschlüssel zum guten Lesen. Herein…

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„… eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Haues führt. Und dann brauchst du den Schlüssel.“

Was in der Sprachkunst von Andreas so poetisch klingt, durchzieht seinen Roman wie ein roter Faden. Nicht nur die außergewöhnliche Location Visible in einem niemals näher genannten Ort, auch die Menschen, denen wir hier begegnen verändern unsere Wahrnehmung für große Geschichten schlagartig. Sie prägen den Roman nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite, sie hinterlassen tiefe Spuren der Empathie in unserem Lesen. Schon unsere ersten Schritte in den heiligen Hallen von Visible zeigen, dass es hier anders zugeht als in den normalen Familien, denen wir sonst in typischen Coming-of-Age-Romanen über den Weg laufen.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Da ist die chaotisch liebenswerte Glass, die zwar ohne Ehemann und Vater für ihre beiden Kinder auskommt, nicht jedoch ohne Männer. Nach recht praktischen Aspekten scheint sie ihre kurzfristigen Wegbegleiter auszuwählen. Fällt auf Visible mal der Strom aus, ist es ein Elektriker, werden andere Reparaturen benötigt, dann greift sie halt zum Schreiner. Eine Lebenskünstlerin mit einem ganz eigenen Lebensentwurf, könnte man sagen. Wären da nicht ihre 17-jährigen Zwillinge Phil und Dianne, die sich dieser Welt ohne Fixpunkte und Orientierung seit Jahren ausgesetzt sehen. Wo sie sich manchmal nach Normalität und Halt sehnen, begegnet ihnen Improvisation und die „Alleswirdgut-Mentalität“ ihrer Mutter. Selbst die ständig bohrende Frage nach ihrem leiblichen Vater endet meist mit einem fragenden Blick auf die Liste der Affären ihrer Mutter.

… eine Liste, die ihre Männer aufführte, mit Namen und den Daten versehen, an denen, wie ich annahm, Glass mit ihnen geschlafen hatte. An einer Stelle stand lediglich eine Zahl. Es war ein Leichtes gewesen, vom Tag meiner und Diannes Geburt bis zu dem Datum zurückzurechnen, das neben der Nummer Drei stand.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

All dies bietet sich noch nicht an, für Phil und Dianne Die Mitte der Welt zu sein und so ist es unser Privileg als Leser, den beiden ungleichen Zwillingen bei ihrer Suche nach ihrer persönlichen Mitte zu folgen und an ihrer Seite die schrecklichen Zimmer zu betreten, hinter denen die großen Geheimnisse des Lebens verborgen sind. Als Phil von einem Ausflug zurückkommt, erlebt er seine Schwester noch verschlossener, als sonst. Irgendwas muss in seiner Abwesenheit vorgefallen sein. Ein schwelender Konflikt muss sich Bahn gebrochen haben. Aber gerade jetzt kann sich Phil nicht um alles kümmern. Er ist knallverliebt in Nicholas. Und das Schönste an seinen tiefen Gefühlen: sie werden erwidert. Die erste große Liebe könnte seine Mitte der Welt sein. Sie müsste nur von Dauer sein. Ihm liegt eine Frage auf der Zunge, die er doch niemals stellen sollte:

„Frag ihn niemals, ob er dich liebt! Wenn er mit Nein antwortet, wünschst du dir, du hättest ihn nie gefragt. Sagt er Ja, kannst du nicht sicher sein, ob er es nur deshalb tut, weil er keine Lust auf hässliche Szenen hat.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Jetzt ist es der Kompass des Lebens, der seinen Nordpol finden muss. Jetzt ist es Kat, die beste Freundin von Phil, die ihn mit ihrem unvergleichlichen Lebensmut ziehen lassen muss. In ihrem Verzicht liegt der Zauber seiner Zukunft. Sie kennt ihn, wie keine Zweite und ist der große Halt seines Lebens. Seine Homosexualität steht nicht zwischen ihnen. Sie ist das tiefe Fundament des gegenseitigen blinden Vertrauens. Ausgerechnet Kat ist es, die den schrecklichsten Raum auf Visible betritt. Sie zieht ihrem Freund den Boden unter den Füßen weg, während seine Schwester ein Geheimnis preisgibt, hinter dem sie ihre unerfüllten Hoffnungen so gut versteckt hatte. Der Sturm fegt über Visible hinweg. Ein Sturm, der die Bruchbude endlich dorthin bringen kann, wo die Menschen des Ortes sie schon immer hinwünschten. Über den Abgrund hinaus in die Tiefe.

„Kinder sind Wachs in den Händen der Welt. Offene Bücher mit leeren Seiten, die von Erwachsenen beschrieben werden. Was in den ersten Kapiteln steht, kriegst du den Rest deines Lebens nicht mehr aus der Wäsche.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt entzieht sich jeglicher Einordnung in die Schubladen unseres Geistes. Der Roman ist ebenso wenig ein reines Jugendbuch, wie ein Liebesroman. Es geht nicht um alternative Lebenswege, Lebenskünstler, Aussteiger oder das Coming-of-Age seiner Protagonisten. Hier wird nicht verkitscht oder romantisiert. Dieser Roman ist so außergewöhnlich, weil er eine schwule Liebe ohne vorheriges Outing möglich macht. Homosexualität ist hier so erfrischend, erhellend und erhebend normal, dass man sich nur denken kann, welches Erdbeben Andreas Steinhöfel bei der Erstveröffentlichung des Buches 1998 ausgelöst haben muss. Ein Roman ohne Rechtfertigung. Eine Story, die tief in sich ruht, für sich lebt und auch heute noch so frich verliebt daherkommt wie einst. Dieses Buch ist „Die Mitte der Welt“.

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen. Liebe schlägt tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben.“

Ein Wort noch zur Literaturverfilmung Die Mitte der Welt aus dem Jahr 2016. Ich stehe einer cineastischen Adaption von Büchern immer ein wenig skeptisch gegenüber. Allzu oft wurde ich enttäuscht und gerade hier war meine eigene Idee vom Kopfkino so präsent, dass ich nicht viel erwartet habe. Was ich aber dann sehen durfte war in jeder Beziehung überraschend. Ein Film, der durch die emotionale Präsenz seiner Darsteller zu faszinieren weiß. Ein Film, der zwar einige parallele Handlungsstränge des Romans ausblendet, dafür aber eine überzeugende Geschichte erzählt, die ich mir erhofft hatte. Und manchmal bekommt man ja von einem Film bei aller Verkürzung sogar noch etwas geschenkt, das man im Roman ein wenig vermisst hatte. Hier ist es eine Begegnung, die Andreas Steinhöfel nicht beschrieb. Es sind Worte, die mir fehlten. Kat und Phil mit ihrem Ende der Geschichte. Allein dieses Szene macht den Film so sehenswert.

Versucht es, wenn ihr bereits gelesen habt und lest, wenn ihr nur gesehen habt. 

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

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„54 Minuten“ von Marieke Nijkamp – Das Schulmassaker

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Es sind Bilder, die man nie vergisst. Opfer von Amokläufen an Schulen. Jugendliche und Kinder, die scheinbar willkürlich ins Visier geistig verwirrter Täter geraten und aus den noch nicht gelebten Leben gerissen werden. Traumatisierte Überlebende, Eltern in heller Aufregung, Polizei-Großeinsätze und Rettungswagen-Kolonnen. Immer wieder in unseren oftmals wirren Tagen wiederholen sich solche Szenarien. Innerhalb und leider auch außerhalb von Schulen, wie der aktuelle Massenmord an mehr als 50 Besuchern eines Konzertes in Dallas zeigt. Hilflos ist man ausgeliefert, allzu unverarbeitet bleiben die Folgen, da die Täter die von ihnen verübten Anschläge nicht überleben.

Dabei sind es gerade und immer wieder Schulen, an denen sich diese Szenarien zu wiederholen scheinen. Winnenden und Ansbach, die Columbine High und Sandy Hook, Kauhajoki und Realengo. Deutschland, die USA, Finnland und Brasilien zeigen hier deutlich auf, dass es sich bei diesem traurigen Phänomen nicht um ein nationales Problem handelt, wie man es gerne vereinfacht darstellt. Freier Waffenbesitz ist nicht in jedem Fall die Ursache für einen möglichen Amoklauf. Forscht man nach den Ursachen für das Töten von Lehrern und Mitschülern, dann werden Ausgrenzung, fehlende oder verfehlte Inklusion oder Rache für Mobbing ins Feld geführt. Womit wir schon bei einer der wesentlichen Unterscheidung zwischen Amoklauf und Schulmassaker sind.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Ein Schulmassaker ist durch die gezielte Auswahl der Opfer gekennzeichnet, an denen sich der im Fachjargon „Active Shooter“ genannte Amokläufer rächen will. Eine Vorstellung, die gleichzeitig verstört und zeigt, wie tief der Hass auf die Mitschüler oder Lehrer sein kann, der einen Menschen zu einer solchen Tat antreibt. Und doch bleibt es unvorstellbar, wie hilflos sich die Opfer eines solchen Anschlages fühlen müssen. Auch die offiziellen Guidelines zum Verhalten bei Amokläufen an Schulen wirken da eher wie ein leichter Hohn, denn wir reden hier von Heranwachsenden, denen man Motto  „Run, Hide, Fight“ an die Hand gibt, um überleben zu können. Was aber wenn weder Laufen noch Verstecken möglich sind und das Kämpfen gegen einen bewaffneten Täter nicht denkbar ist? Was dann?

Marieke Nijkamp thematisiert ein solch brutales Schulmassaker in „54 Minuten“, ihrem neuen Jugendbuch, erschienen bei Fischer FJB. 54 Minuten. Länger dauert es nicht, um aus der Opportunity High in Alabama ein Schlachtfeld werden zu lassen. In nicht mal einer Stunde verändert sich das Leben hunderter Schüler und einiger Lehrer auf schlimme Art und Weise. Und dabei ist nichts an dieser fiktiven Schule so erfunden, dass es nicht wirklich hätte geschehen können. Die Authentizität des Erzählten und die aus mehreren Perspektiven konstruierte Geschichte beeindrucken von 10:01 bis 10:55 Uhr und halten dauerhaft an. Dieses Lesen wird man lesenslang nicht vergessen. Hier wird aus dem Slogan der Schüler „Wir schreiben Geschichte“ grausame Realität, als einer von ihnen bewaffnet in ihre Mitte tritt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp bestimmt die Lesegeschwindigkeit mit den multiperspektivisch wechselnden Blickwinkeln auf das Drama an der „Opportunity High“. Sie erzeugt einen Sog, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Es sind die rasanten Schnitte in einer Story, die wie ein Film vor unseren Augen abläuft, die sich anfühlen als wäre man Zeuge einer Liveübertragung bei NTV. Allerdings befinden wir uns nicht vor der Schule, sondern aus der Sicht der vier Hauptpersonen an unterschiedlichen Orten, die uns den komplexen Blick auf die Ereignisse ermöglichen.

Wir befinden uns an der Seite von Autumn und ihrer besten Freundin Sylv in der Aula der Highschool. Die Aula, die an diesem Tag mehrere hundert Schüler und ihre Lehrer zur legendären Semesterbeginn-Rede der Direktorin beherbergt. Um kurz nach 10 Uhr vormittags beginnt der langweilige Vortrag. Was niemand weiß, die Aula ist von außen hermetisch abgeschlossen. Es gibt keinen Ausweg mehr, als die Direktorin mit der Zeremonie beginnt und ein einzelner bewaffneter Mann die Bühne betritt. Wir sind mit Claire auf dem Sportplatz der Highschool und absolvieren das erste Training dieses Schuljahres. Sie ist von der Rede befreit. Sport ist wichtiger. Und wir sind mit Tomás im Sekretariat der Schule. Er hat sich absentiert, um einer Sache auf den Grund zu gehen, die ihn nicht mehr schlafen lässt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Um 10:04 Uhr fällt in der Aula der erste Schuss. Ein Schuss, der nur der Auftakt zu einem Massaker darstellt, dem bis 10:55 Uhr neununddreißig Schüler und Lehrer zum Opfer fallen. Als Leser tasten wir uns langsam und schutzlos an die Ereignisse heran, verstehen keine Zusammenhänge und können angesichts des brutalen Vorgehens des Amokschützen kein Muster in Zusammenhängen oder Ursachen sehen. Erst langsam verstehen wir, wie Claire, Sylv, Autumn und Tomás miteinander verbunden sind. Wir erkennen auch, wer da auf der Bühne steht und in den geschossartigen Rückblenden der Betroffenen ergründen wir, in Deckung liegend, was hier vor sich geht.

Er ist wieder da. Tyler Browne. Er hat einen guten Grund, wieder hier zu sein. Seine Pistole wird zum verlängerten Arm seiner Rache. Die Munition reicht aus, um zahllose Mitschüler und Lehrer in den Tod zu reißen und jeder hat einen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Hier finden wir die Automatismen und Ursachen für ein Schulmassaker. Es ist die gezielte Auswahl der Opfer, die verdeutlicht, welche Motive Tyler Browne zu seiner Tat veranlassen. Und in der Verknüpfung der Schicksale von Claire, Sylv, Autumn und Tomás erkennen wir die Ausweglosigkeit der Situation. Während wir schockiert Zeugen eines beispiellosen Mordens werden, vervollständigt sich das Bild eines Amoklaufes. In den Medien kursieren erste Nachrichten, die Polizei rückt an und besorgte Eltern haben sich eingefunden. Die Schule wird belagert, während in der Aula das Unausweichliche seine brutalen Kreise zieht. Wer kann sich retten? Wie sind alle Schicksale miteinander verbunden? Wer kann Tyler Browne stoppen?

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp entwirft in 54 Minuten ein klaustrophobisches Bild, das verstört und schockiert. Sie erzeugt Mitgefühl und Empathie, versetzt uns in eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt und macht uns zu hilflosen Lesern einer Story, die nicht mehr zu stoppen ist, nachdem der erste Schuss gefallen ist. Es ist eine Geschichte von Liebe und Hass, enttäuschter Hoffnungen und von verlorenem Halt. Es ist eine Geschichte in der Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden und in der die Psyche des Täters dafür verantwortlich ist, dass Rache nicht unmittelbar vollzogen wird. Er geht viel brutaler vor. Er tötet diejenigen, die denen besonders am Herzen liegen, die er eigentlich treffen will. Er agiert subtil, unglaublich präzise und brutal. Man weiß schon von der ersten Seite an, dass dieses Lesen mehr Opfer fordern wird, als einem lieb ist.

Die Botschaft dieses Pageturners ist klar. „54 Minuten“ ist ein Statement gegen die fehlende Empathie und die Verständnislosigkeit für Menschen, die aus der Balance und der Lebensbahn geworfen werden. Dieser Roman ist wichtig, weil er anschaulich zeigt, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter zu einem Niemandsland werden, in dem Opfer vorprogrammiert sind. Marieke Nijkamp zeichnet kein schwarz weißes Bild eines unausweichlichen Ereignisses. Sie packt ihre Leser genau da, wo gegenseitiges Verständnis schlimmeres verhindern kann. Sie packt uns am Kragen und rüttelt uns mit ihrem Jugendbuch auf. Das Ende ist gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

[Ab hier können sie gerne weiterlesen oder bei Literatur Radio Bayern zuhören.]

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter – Mein RadioPodCast…

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

„Dark Noise“ von Margit Ruile

Dark Noise von Margit Ruile

Es beginnt für mich bereits am frühen Morgen. Schon auf dem Bahnsteig werde ich von der ersten Überwachungskamera ins Visier genommen. In der S-Bahn gerate ich in den Fokus unzähliger Objektive und auch mein Ausstieg am Münchner Hauptbahnhof wird festgehalten. Kaum eine Überwachungslücke, keine Nische, kein toter Winkel. Erst mit dem Betreten des Büros erreiche ich einen Bereich, der sich unbeobachtet und fast privat anfühlt. Ich habe damit kein Problem. Ich stelle ja nichts an, habe keine Pläne für kriminelle Aktivitäten und fühle mich recht sicher. Als Opfer von Gewalttaten ist es wohl überlebenswichtig, den Täter mit Hilfe von Überwachungsvideos zu identifizieren.

Wer denkt da nicht an Frauen, die auf Rolltreppen zu Boden getreten werden oder an Flughäfen, deren Videoüberwachung terroristische Anschläge aufklären kann? Wer denkt nicht an einen Mordanschlag auf den Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un? Alles nur zu unserer Sicherheit. Biometrische Ausweise, Kameras wohin wir schauen und subjektiv haben wir das Gefühl, in Abrahams Schoß zu wandeln. Aber wer sitzt auf der anderen Seite der Objektive? Wie geht man mit der Flut an Information um, die sich hier aufstaut? Und was ist, wenn unsere gesammelten Daten missbraucht werden? Handyortung, abgehörte Telefone, Kameras und bald das autonome Fahren. Werden wir zu gläsernen Menschen und wer profitiert vom Security-Hype?

Dark Noise von Margit Ruile

Ein spannendes Thema. Margit Ruile stellt es in ihrem Roman Dark Noise in den Brennpunkt des Geschehens. Was George Orwell mit seiner düsteren Zukunftsvision „1984“ so beklemmend skizzierte, setzt Margit Ruile auf dem Stand der Technik des 21. Jahrhunderts mit völlig neuen Aspekten fort und weckt ein beklemmendes Gefühl. Mehr als das. Ich habe versucht das Buch zwischen mich und den Blickwinkel der Kameras in der S-Bahn zu bringen. Ich wollte unsichtbar bleiben, unentdeckt lesen und mich vor den aufdringlichen Blicken der „Big Brothers“ unserer Tage schützen.

Warum ich den Kameras plötzlich misstraute? Was mich ängstigte? Da sollten Sie einen einzigen Blick in „Dark Noise“ (Loewe Verlag) werfen. Ein Blick genügt. Glauben Sie mir. Er wird genau 288 Seiten lang sein. Und keine Sorge. Sie kommen gar nicht zu Augenblicken der Pause und Blinzeln geht schon gar nicht. Denn Margit Ruile spielt mit unserem Misstrauen gegenüber der Technik und stellt die Videoüberwachung unter den Vorbehalt der möglichen Manipulation. Undenkbar, dass Videosequenzen nicht zeigen, was tatsächlich geschah. Undenkbar, dass es wirklich möglich ist, diese offiziellen und seriösen Quellen zu verändern und damit eine kriminelle Energie zu entwickeln, die wir uns kaum vorstellen können.

Dark Noise von Margit Ruile

„Dark Noise“ ist ein Höllentrip auf dem schmalen Grat des technisch Machbaren und der Vision des Möglichen. Einer der apokalyptischen Technikfreaks ist Zafer. Er entspricht genau unseren Vorstellungen eines Computer-Nerds. Das reale Leben stellt zu große Herausforderungen an ihn. Erst vor dem Monitor, unsichtbar für den Rest der Welt und ohne soziale Kontakte kann er sein Talent ausleben. Er verändert die Realität. Also nicht wirklich, aber zumindest dort, wo sie fehl am Platz ist. Seine Arbeit ist für die Filmindustrie unverzichtbar. Er entfernt Markennamen, störende Details und mehr aus den Videosequenzen einer Fernseh-Soap. Und das macht er so gut, dass man niemals wieder erkennen würde, dass die Aufnahmen im Original anders aussahen.

Ein kleiner Zusatzauftrag verändert sein Leben. Ein kurzes Überwachungsvideo aus einer der unzähligen Kameras seiner Stadt, ein Fahrzeug, das eine Tiefgarage verlässt und eine kleine und geheimnisvolle Botschaft lösen eine Kette von Ereignissen aus, in der Zafer sich zusehends gefangen sieht. Es gibt kein Entkommen.

„Lass die Nummer verschwinden. Wie schnell bist du, Zafer?“

Nichts leichter als das. Ein Kfz-Kennzeichen auf einem bewegten Bild zu verändern, stellt nur eine Fingerübung für Zafer dar. Er ist schnell. Er ist gut. Er ist perfekt. Und als kleine Aufwandsentschädigung wird er fürstlich entlohnt. Diesem kleinen Auftrag folgen größere. Es wird komplexer, aber Zafers technischer Ehrgeiz ist geweckt und er schafft alles in Perfektion. Er lässt einen Mann aus einem Überwachungsvideo verschwinden und montiert einen anderen in eine völlig neue Umgebung. Gründe interessieren Zafer nicht. Die Folgen ebenso wenig. Sein Können steht im Vordergrund und endlich kann er mal zeigen, wozu er wirklich in der Lage ist. Seine Videos formen eine neue Welt.

Dark Noise von Margit Ruile

Ob Zafer mit dieser neuen Welt zurechtkommt? Nein. Denn spätestens als er seine Werke im Fernsehen sieht, als er die Schlagzeile vom Journalistenmord realisiert und der Mann zum Tatverdächtigen wird, den Zafer in das Video montiert hat, wird ihm zum ersten Mal die Tragweite seines Handelns bewusst. Nur er hat den Schlüssel in seiner Hand. Nur er kann den Verdächtigen entlasten, aber: Was eigentlich einfach klingt, wird für Zafer zur lebensbedrohlichen Jagd in einer Welt der Daten-Highways. Nur mit dem Unterschied, dass er selbst auf der falschen Fahrbahn in den Untergang rast.

Margit Ruile lässt ihren Protagonisten nicht im freien Raum hängen. Auch wenn er von „seiner“ Autorin von einem Schlamassel in die nächste Zwickmühle getrieben wird, er ist nicht allein in seinem Kampf um die Wahrheit. Er begegnet einer jungen Frau, für die unsere Welt nur aus Tönen und Melodien zu bestehen scheint. Ihre Gitarre und die Straßenmusik dominieren ihr Leben. So sieht es jedenfalls aus. Dass Emily jedoch die Speerspitze einer Untergrundbewegung im Kampf gegen die Videoüberwachung durch den Konzern „Argos“ ist, das begreift Zafer erst, als ihm klar wird, dass es ein Leben jenseits der virtuellen Welt gibt. Ein Leben an der Seite von Emily vielleicht. Man sollte nur überleben. Das jedoch ist schwer genug.

Dark Noise von Margit Ruile

„Dark Noise“ ist ein IT-Technik-Thriller mit menschlichem Tiefgang. Margit Ruile streift die wichtigen Themen unsere Zeit nicht nur, sie lässt ihre Leser in eine Welt mit eigenen Gesetzen abtauchen. Der Spagat zwischen Sicherheit und Kriminalität gelingt ihr in ihrem Erzählraum, weil sie die Grenzen des heute schon Realisierbaren fließend überschreitet und visionäre Denkanstöße liefert, die eine tiefe Auseinandersetzung mit den Themen Identität, Authentizität, Datensicherheit und Kriminalität anstößt. Dabei ist die zwischenmenschliche Seite des Jugendbuchs, das zum All-Age-Utopiethriller taugt, so greifbar und emotional beschrieben, dass man die Konsequenzen der Manipulation körperlich und seelisch fühlen kann.

Dabei ist ihr Erzählstil eigenwillig. Sie charismatisiert nicht nur die Protagonisten, sie kommentiert und bewertet auch die Erzählperspektiven mit Einschüben, die zusätzliche Spannung erzeugen. Man muss sich diese Perspektiven in „Dark Noise“ selbst erlesen und sie entdecken. Dann ist man auf dem besten Weg zu verstehen, wer hier eigentlich zu uns spricht und warum es so wichtig ist, genau dieser Person blind zu vertrauen. Es ist eine Geschichte, die sich für eine Verfilmung aufdrängt. „Dark Noise“ ist ein Thriller der uns in eine Kopfkino-Vorstellung katapultiert, bei der wir in der ersten Reihe sitzen und völlig vergessen, unser Popcorn zu genießen.

Ich bin froh, unsere Überwachungssysteme in guten Händen zu wissen. Bleibt die Frage, ob ich es denn wirklich weiß… Danke für diesen gesunden Zweifel, Margit Ruile…

Dark Noise von Margit Ruile – Perfekt für Layers-Fans von Ursula Poznanski

„George“ von Alex Gino

George von Alex Gino

George von Alex Gino

„Für dich, als du das Gefühl hattest, nicht dazuzugehören.“

Diese Widmung von Alex Gino könnte schon der Titel des Debüt-Romans dieses ganz besonderen Menschen sein. Sie ist so allumfassend und steht für jedes in der Folge zu lesende Wort, wie kaum ein zweites Zitat aus diesem Buch. Diese Widmung spricht nicht nur den Menschen an, dem sie wohl zugeeignet ist. Jeder Leser darf sie als persönlichen Willkommensgruß empfinden und auf diese Weise wird mit einfachen und tiefen Worten ein Gefühl vermittelt, das man selten spürtt, bevor man ein Buch zu lesen beginnt.

Nicht mehr ausgeschlossen, allein und isoliert zu sein. Schon mit diesem Satz, der noch vor dem ersten Satz des Romans ins Auge sticht, fesselt Gino die Leser, da jeder von uns dieses Gefühl schon am eigenen Leib erfahren hat. Jeder sehnt sich danach, akzeptiert und anerkannt zu werden. Jeder fühlt sich schlecht, wenn Ausgrenzung oder Isolation zum Wegbegleiter seines eigenen Lebens werden. Und jeder sollte eigentlich verstehen, wie leicht es sein kann, anderen Menschen dieses Gefühl zu ersparen.

Doch weit gefehlt. In einer Gesellschaft, die immer noch nach Außenseitern sucht, die am besten funktioniert, wenn man eigene Unzulänglichkeiten verschleiern kann, indem man sie auf Underdogs abwälzt, ist Ausgrenzung der beste Automatismus, um selbst dazuzugehören. Klingt komisch, ist aber so. Jede Gruppe funktioniert so. Hat man erst einmal einen gemeinsamen Feind gefunden, wächst der Zusammenhalt. Es ist wirklich leicht zu durchschauen, funktioniert aber im Großen, wie im Kleinen.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

George“, das literarische Debüt von Alex Gino, wird dieser Widmung gerecht.

Als Alex Gino im Jahr 2003 damit begann, diesen Roman zu schreiben, gab es im Bereich der Jugendliteratur nur ganz wenige Protagonisten, bei denen ihre Schöpfer es gewagt hatten, sie in allen Facetten ihres schwulen oder lesbischen Lebens der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei sind es gerade Bücher für junge Leser, die aus der Sicht von Alex Gino dazu in der Lage sind, Verständnis zu wecken und Blickwinkel auf andere Sichtweisen zu eröffnen. Was Alex Gino damals aber gar nicht vorfand, waren Bücher, die sich den Themen Transgender oder Genderidentitäten widmeten.

Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die nicht in das System unserer Geschlechterrollen passten. Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht in dem Geschlecht wahrgenommen werden, dem sie sich selbst zugehörig fühlen. Unabhängig von äußeren Geschlechtsmerkmalen. Es war damals undenkbar, diese Gedanken auch nur zu denken. Darüber zu schreiben und zu hoffen, publiziert zu werden, war erst recht undenkbar.

Und doch begann Alex Gino mit diesem Buch. Schritt für Schritt entstand George, weil es an der Zeit war, den nächsten Schritt in der öffentlichen Akzeptanz zu gehen. Alex Gino bezeichnet sich selbst als genderquer und empfindet sich als Mensch, der die gewohnte Dualität von Mann und Frau um die eigene Geschlechtsidentität erweitert. Ist die Zeit jetzt reif für George? Sind wir bereit für den Roman eines Schriftstellers, der sich in Interviews und im privaten Leben genderneutral mit „THEY“ anreden lässt und sich anstelle von Mr. oder Mrs. für die Höflichkeitsform „Mx“ entschieden hat?

Ich denke, ja. Die Zeit ist reif. Wir sind reif. Wir sollten es sein.

George von Alex Gino - Transgender-Literatur

George von Alex Gino – Transgender-Literatur

Die Literatur hat den Weg geebnet. Menschen haben den Weg geebnet. Wir sind es nun, die diesen Weg gehen sollten. Vorbehaltlos, vorurteilsfrei und offen. Empathie darf nicht zum leeren Fremdwort verkommen und gegenseitiges Verständnis kann nur dann entstehen, wenn wir dazu bereit sind, uns diesen sensiblen Themen zu öffnen. Ich war bereit für „George“. Es ist nicht mein erstes Buch zum Thema Transgender. Ich habe schon viel darüber geschrieben.

The Danish Girl von David Ebershoff und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson haben mich sensibilisiert. Zuletzt habe ich im Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose das Schicksal von Lou Villars erlesen. Und jetzt erforderte es einen weiteren großen Schritt, um mich „George“ zu nähern. Denn George ist erst zehn Jahre alt. Ein Alter, in dem Kinder nicht ernst genommen werden. Ganz besonders dann nicht, wenn es um ihre Selbstwahrnehmung im geschlechtlichen Rollenbild geht. Hier ist unsere dogmatische Rollenverteilung zu dominant und wirkt wie unüberwindbare Mauern.

Oder wäre jemand von euch bereit, auf die Farben Rosa und Blau zu verzichten, bis der geliebte Nachwuchs alt genug ist zu entscheiden, in welcher Identität er oder sie sich wahrnimmt? Oder entsprechen wir eher unseren eigenen Rollenbildern? Sind wir in der Lage, Abweichungen zu akzeptieren, wenn sie uns selbst betreffen? Wie sollten wir das dem geneigten Umfeld erklären? „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Das ist doch keine Frage, auf die man mit „Das stellt sich noch raus!“ antwortet. Oder?

George von Alex Gino

George von Alex Gino

So sollten wir „George“ jedoch begegnen. Sonst wäre unser Lesen unaufrichtig und geheuchelt. So sollten wir unsere Kinder mit „George“ bekannt machen. Sonst wäre es nämlich so, dass wir dem „Anderssein“ nur zustimmen, wenn es uns nicht betrifft. Wir brauchen Mut für dieses Buch. Schranken gibt es genug auf dieser Welt. Daran haben Dogmatiker aller Länder und Religionen lange genug gearbeitet. Wenn ihr diesen Mut in die Waagschale des Lesens werft, dann wird euch „George“ nicht fremd erscheinen.

Denn SIE will alles, nur nicht fremd sein. SIE will dazugehören, aber eben nicht von anderen Menschen in Kategorien gepresst werden, die IHR nicht entsprechen. Auch im zarten Alter von erst zehn Jahren muss man „George“ so wahrnehmen, wie SIE sich selbst wahrnimmt. Als Mädchen im Körper eines Jungen. Eines Jungen, der schön brav jedem elterlichen Rollenbild zu entsprechen hat, um fein in der Norm zu bleiben.

Freunde findet man selten in diesen Situationen. Und wenn, dann sind sie mehr als ein Glücksgriff im Leben eines jungen Menschen, der sich in der zermürbenden Phase der Selbstfindung befindet. George hat Kelly. Sie urteilt nicht, wertet nicht, wiegt nicht und tut einfach das, was man von einer besten Freundin erwartet. Sie sieht „George“ mit den Augen, die aufrichtig und wahr sind. Sie erkennt „Melissa“ und ebnet ihr gegen alle Widerstände von außen einen Weg, der sonst undenkbar wäre.

George von Alex Gino

George von Alex Gino – Die Hauptrolle als Befreiuungsschlag

Kelly bestärkt ihre beste Freundin darin einfach so zu sein, wie sie sein will. Doch steht sie damit allein auf weiter Flur. Als George sich bei einer Schulaufführung für die Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin bewirbt, bricht der Sturm los. Alle Fragen werden gestellt. Normal? Unnormal? Was kann man nur dagegen tun? Was sagen die Anderen und wie stehen wir als Eltern da? Wo haben wir bei „George“ versagt? Und letztlich ist völlig offen, wie sie es verkraftet, ihr Outing auf offener Bühne zu erleben. Die Rolle der Spinne Charlotte im Theaterstück Charlotte`s Webist wie für sie gemacht. Aber ihre Familie, die Lehrer und „Georges“ Bruder – alle sind überfordert.

Kann Kelly zur Geburtshelferin von Melissa werden?

Gefühl und Empathie werden in diesem beeindruckenden Jugendbuch aus dem Fischer Verlag groß geschrieben. Bei aller Offenheit ist es doch kein leichter Weg durch dieses Buch, wenn man sich selbst hinterfragt, wie sehr man einengt oder in den alten sozialen Abziehbildern von Norm verhaftet ist. Alex Gino hat lange gebraucht, bis dieses Buch seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Vielleicht hat Gino die oben zitierte Widmung auch an sich selbst adressiert. Durch diese Rezension möchte ich nur zeigen, dass ich „George“ ernst- und wahrgenommen habe.

Mx. Alex Gino – THEY belong to us.

Anmerkung als Mann: Bei allem Verständnis für die Selbstfindung von George in diesem brillant erzählten Roman entspricht die Darstellung der „Männerwelt“ genau den Klischees, mit denen die Geschichte für ihren Protagonisten eigentlich aufräumen möchte. Väter haben sich schon lange von den Familien getrennt oder sind nicht in der Lage, unfallfrei für ihre Kinder zu kochen. Große Brüder sind Rabauken und bestechen durch den Satz „Habe ich dich beim Kacken gestört“ und die Schule ist eine bunte kleine Mädchenwelt, in der man Farben tanzt. Ich hätte mir hier einen ebenso neutralen Blick gewünscht, wie man ihn von mir als Leser letztlich erwartet. Das nur am Rande.

Hierzu lohnt sich auch der weibliche Blick auf „George“. Anja und Zwiebelchens Plauderecke im kreativen Gleichschritt in der Bewertung des Romans.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

Worte von „George“ / „Melissa“ die unvergessen bleiben:

„Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten Schmetterlinge in ihren Bäuchen.“