„Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Es ist schon immer das Spiel mit der Zeit gewesen, das uns Leser fasziniert. Wir träumen gerne davon, unsterblich zu sein, auf Zeitreise gehen zu dürfen, oder einfach auch mal die Zeit anhalten zu können. Einstein hat die Zeit relativiert. Wir messen Zeit nicht in Maßeinheiten, sondern eher willkürlich mit eigentlich vorsintflutlichen Uhren. Es ist heute sehr leicht, Zeit zu gewinnen, sie verstreichen zu lassen, sie zu verschwenden oder sie einfach mal spontan an unsere Lebensbedingungen anzupassen. Denken wir nur an die Winter- oder Sommerzeit. Zeit zieht sich wie ein Kaugummi oder vergeht wie im Flug. Jeder denkt, eine innere Uhr zu haben oder der Zeit hilflos ausgeliefert zu sein. In der Literatur ist es sogar möglich, durch die Zeit zu reisen.

H.G. Wells hat in unserer Fantasie tiefe Spuren hinterlassen, seitdem er mit seiner Zeitmaschine den Sprung in die Zukunft gewagt hat. Viele Autoren sind seinem guten Beispiel gefolgt und haben einen wahren Zeitreise-Tourismus-Boom ausgelöst. Zuletzt bin ich Matt Haig in seinen Roman „Wie man die Zeit anhält“ gefolgt und habe dabei sehr genossen, dass er hierbei nicht auf Zeit gespielt hat. Er lässt seinen Protagonisten durch die Jahrhunderte wandern, nicht unsterblich, jedoch nur in mäßigen Schritten der normalen Alterung unterworfen. So treffen wir im Hier und Jetzt auf einen Mann, der im Moment wie ein Vierzigjähriger auf uns wirkt, in Wahrheit jedoch über 400 Jahre alt ist. Was er mitbringt, ist ein großer Fundus an selbst erlebtem historischen Wissen, das ihn zum zeitlosen Zeitzeugen vergangener Epochen macht. Welch tiefgründiger Spaß.

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Als ich auf den Roman „Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford stieß, musste ich sofort an Matt Haig und die Grundidee seiner Geschichte denken. Sie unterscheidet sich natürlich grundlegend, allerdings ist die Ausgangssituation sehr ähnlich. Wir treffen auf einen elfjährigen Jungen, der im Hier und Jetzt eigentlich ganz normal wirkt. Er wirkt nicht, als wäre er etwas Besonderes. Durchschnitt. Dass er allerdings schon seit 1000 Jahren elf Jahre alt ist, das wissen nur wir. Wir Leser sind immer im Vorteil. Der Junge altert jedoch im Vergleich zu seinem Alter Ego aus dem Roman von Matt Haig nicht um einen Tag. Er war elf, als er zeitlos wurde, er blieb elf in den Zeitscheiben, die er erlebt hat und er ist elf als er nun einen folgenschweren Entschluss fasst.

Schluss mit lustig. Schluss mit der Zeitlosigkeit. Alfie Monk will älter werden. Wo Matt Haig für erwachsene Leser schreibt und seinen Protagonisten zu einem zeitlosen Liebenden und Suchenden nach Zuneigung macht, bleibt Ross Welford sprachlich und inhaltlich bei seiner Zielgruppe, den Lesern und Leserinnen ab dem 10. Lebensjahr. Sie sollen zu Wegbegleitern von Alfie Monk werden. Sie sollen seine Andersartigkeit sehen und verstehen. Sie sollen mit ihm gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man endlich aus der Zeitschleife des Nichtalterns entfliehen kann. Und dabei sehen sie die Welt aus der Perspektive eines Alfie Monk, der genau ihre Sprache spricht. Denn altklug ist Alfie sicher nicht! Nur ist sein Erfahrungsschatz um 1000 Jahre größer. Amüsant.

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Die Geschichte von Alfie Monk hat Sogwirkung. Erst damit angefangen, kommt man aus dem Lesen nicht mehr heraus. Ross Welford spielt vorzüglich mit der Zeit und lässt auch hinsichtlich der Ursachen für das ewige Leben keine Frage offen. Er nimmt seine Leser an die Hand, erklärt seine „Untoten“, die Einschränkungen, die ein solches Leben mit sich bringt und lässt niemanden im Unklaren darüber, dass Alfie Monk sterblich ist. Sieht man ja an seiner Mutter. Dabei fing alles mit ein paar geheimnisvollen Glasperlen an, die Alfies Vater besitzt. Livperler. Lebensperlen. Der wohl wertvollste Besitz seiner Familie. Tja, und statt abzuwarten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war, hatte Alfie seine Livperler im Alter von elf Jahren eingenommen. Und schon war es passiert. 1000 Jahre lagen nun vor ihm…

„Manchmal schäme ich mich immer noch.
Bis dahin hatte ich elf Winter erlebt.
Und ich sollte über tausend Jahre lang elf bleiben.“

Das macht ihn anders. Innerlich. Und jetzt, ohne seine Mutter, die in einem Feuer ums Leben kommt und vor die Alternative gestellt, die nächsten 1000 Jahre als Elfjähriger in einem Kinderheim zu verbringen, zieht er die Notbremse. Was er jetzt braucht sind gute Freunde und Glück. Hier entwickelt Ross Welford einen zeitlosen Jugendroman, der es in sich hat. Voller Anekdoten über das ewige Leben als Elfjähriger (ein doofes Alter für das ewige Leben – es gäbe so viele spannendere Lebensphasen, denkt auch Alfie) und erweitert um die wundervolle zweite Erzählperspektive seines Freundes Aidan, besticht dieser Roman in seinen Bildern, die haften bleiben.

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Freundschaft, blindes Vertrauen, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, das Ausbrechen aus dem alltäglichen Muster, der Wunsch erwachsen zu werden und eine unglaubliche Lust an der Schönheit des Lebens machen den Roman zu einem absolut lesenswerten Genuss. Wer also erfahren möchte, wie ein elfjähriger Junge an originale handsignierte Bücher von Charles Dickens kommt, wen es interessiert, wie ein junger allwissender Zeitzeuge in einer Ausstellung zur Geschichte der Angelsachsen auffällig wird und wer mit einem 1000-jährigen Spannungsbogen zurechtkommt, dem sei diese Geschichte ans Herz gelegt. Und wer denkt, es hier mit einem Roman für Jungs zu tun zu haben, der darf sich auf Roxy freuen. Die gemeinsame Freundin von Alfie und Aidan hat es faustdick hinter den jungen Ohren und erweist sich als wahrer Wirbelwind in der zeitlosen Story.

Doch es ist Vorsicht geboten. Tiefgang gehört zu diesem Buch wie die Anekdoten zur Geschichte. Ross Welford bringt seine Leser schon sehr ins Grübeln. Der Roman hat seine tief angelegten Momente, wenn man sich mit Verlust, Trauer und der Illusion auseinandersetzt, wie es wäre, ewig elfjährig zu sein. Man kann dieses Buch mit gutem Gewissen seinen Kindern schenken. (Und es sich dann ganz heimlich ausleihen, um es selbst zu lesen). Dieser Lesespaß ist alterslos. Also zumindest, wenn man irgendwie im Herzen jung geblieben ist. In jedem steckt ein kleiner Alfie…

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Zeitlose Zeitreise-Romane bei AstroLibrium, die keine Zeitverschwendung sind:

Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris
Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens
Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski
Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]
Marmorkuss“ von Jennifer Benkau [Urban Mystery]
So nah und doch so fern“ – Eine Liebes-Zeitreise von Ann Brashares
Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst“ – Waldtraut Lewin
„Zeitreise mit Hamster“ von Ross Welford… Das steht noch in meinem SUB

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Zu Gast im Bücherstadt Kurier – Das Fest der Vielfalt mit Alan Cole

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Literaturfeste muss man feiern, wie sie fallen. Besonders dann, wenn sie ein Motto tragen, dem ich nicht widerstehen kann. Besonders dann, wenn die Veranstalter immer wieder zu gemeinsamen Aktionen rund ums gute Lesen aufrufen. Und ganz besonders dann, wenn man bereits 2017 einen bilderbuchhaften Auftritt bei einem solchen Projekt hingelegt hat. Ihr erinnert euch sicherlich an den „Bilderbuch-Monat“ beim Team vom Bücherstadt Kurier. Ich fühlte mich schon damals ganz Zuhause dort und war nur zu gerne bereit, auch in diesem Jahr dem Ruf zu einem neuen Gastbeitrag zu folgen.

Das Fest der Vielfalt“ wird vom Bücherstadt Kurier zelebriert. Der Fokus liegt hier auf Beiträgen die sich mit Diversität, queeren und feministischen Themen beschäftigen. Keine Frage. Ich wusste sofort, welches meiner aktuellen Jugendbücher ich genau hier vorstellen kann. Allein der Buchtitel passt so sehr zum vielfältigen Sommermotto. Allein das beschriebene Thema gehört genau unter diese inhaltliche Klammer. Es ist mir eine besondere Freude, euch zu meinem Gastbeitrag beim Bücherstadt Kurier einzuladen. Es geht um einen 12-jährigen Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich in seinem eigenen Leben anzukommen.

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Nicht leicht für ihn, denn seit sich der kunstbegeisterte Alan Cole in einen Mitschüler verliebt hat, schlagen ihm blanker Hass und Ablehnung entgegen. Sein eigener Bruder erpresst ihn mit diesem Geheimnis. Alles steht für Alan Cole auf dem Spiel, als er sich auf ein Spiel gegen seinen Bruder einlassen muss. Wenn Alan verliert, wird er geoutet. Und bisher hat er noch nie gegen seinen älteren Bruder gewonnen. Dabei hat Alan nur einen einzigen Wunsch. Wenn man sich den Buchtitel genau anschaut, kennt man ihn:

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Feiert das Fest der Vielfalt. Genießt die Vielfalt der Beiträge, die ihr beim Bücherstadt Kurier unter dieser Überschrift findet und tragt euren Teil dazu bei, dass unsere Welt so bunt, vorurteilsfrei und queer bleibt, wie wir sie uns wünschen. Und nun ab mit euch zu Alan Cole. Ein bewegender Jugendroman aus dem Hause Sauerländer Verlag steht im Mittelpunkt meiner vielfältigen Gedankenwelten. Und damit auch ein Junge, bei dem es sich lohnt, ihm gut zuzuhören:

„Nun gut. Es ist mir lieber, dass es schwer ist, ich selbst zu sein,
als dass es schwer ist, jemand anderes zu sein.“

Ob es jedoch ausreicht, nur zu lesen? Hier findet ihr meine Antwort

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Weitere bunte Bücher bei AstroLibrium: handverlesen zu diesem Projekt

„Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„…Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern… Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer…“

Stellt euch den Jugendroman Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern. Stellt euch vor, der Autor würde euch Schlüssel für jeden einzelnen Raum überreichen und euch ganz persönlich einladen, dieses Haus zu besichtigen. Stellt euch nun vor, dieses Haus trüge den Namen „Visible„, weil es die die Menschen dazu zwingt, durch die großen Fenster einen weiten Blick auf die Welt zu werfen. Stellt euch jetzt vor, ihr würdet für die Dauer eures Lesens hier wohnen um mit den Menschen, für die „Visible“ mehr als nur Heimat bedeutet, auch die schrecklichen Zimmer zu betreten. Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann habt ihr einen Schlüssel zu diesem Buch gefunden. Es ist der Generalschlüssel zum guten Lesen. Herein…

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„… eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Haues führt. Und dann brauchst du den Schlüssel.“

Was in der Sprachkunst von Andreas so poetisch klingt, durchzieht seinen Roman wie ein roter Faden. Nicht nur die außergewöhnliche Location Visible in einem niemals näher genannten Ort, auch die Menschen, denen wir hier begegnen verändern unsere Wahrnehmung für große Geschichten schlagartig. Sie prägen den Roman nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite, sie hinterlassen tiefe Spuren der Empathie in unserem Lesen. Schon unsere ersten Schritte in den heiligen Hallen von Visible zeigen, dass es hier anders zugeht als in den normalen Familien, denen wir sonst in typischen Coming-of-Age-Romanen über den Weg laufen.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Da ist die chaotisch liebenswerte Glass, die zwar ohne Ehemann und Vater für ihre beiden Kinder auskommt, nicht jedoch ohne Männer. Nach recht praktischen Aspekten scheint sie ihre kurzfristigen Wegbegleiter auszuwählen. Fällt auf Visible mal der Strom aus, ist es ein Elektriker, werden andere Reparaturen benötigt, dann greift sie halt zum Schreiner. Eine Lebenskünstlerin mit einem ganz eigenen Lebensentwurf, könnte man sagen. Wären da nicht ihre 17-jährigen Zwillinge Phil und Dianne, die sich dieser Welt ohne Fixpunkte und Orientierung seit Jahren ausgesetzt sehen. Wo sie sich manchmal nach Normalität und Halt sehnen, begegnet ihnen Improvisation und die „Alleswirdgut-Mentalität“ ihrer Mutter. Selbst die ständig bohrende Frage nach ihrem leiblichen Vater endet meist mit einem fragenden Blick auf die Liste der Affären ihrer Mutter.

… eine Liste, die ihre Männer aufführte, mit Namen und den Daten versehen, an denen, wie ich annahm, Glass mit ihnen geschlafen hatte. An einer Stelle stand lediglich eine Zahl. Es war ein Leichtes gewesen, vom Tag meiner und Diannes Geburt bis zu dem Datum zurückzurechnen, das neben der Nummer Drei stand.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

All dies bietet sich noch nicht an, für Phil und Dianne Die Mitte der Welt zu sein und so ist es unser Privileg als Leser, den beiden ungleichen Zwillingen bei ihrer Suche nach ihrer persönlichen Mitte zu folgen und an ihrer Seite die schrecklichen Zimmer zu betreten, hinter denen die großen Geheimnisse des Lebens verborgen sind. Als Phil von einem Ausflug zurückkommt, erlebt er seine Schwester noch verschlossener, als sonst. Irgendwas muss in seiner Abwesenheit vorgefallen sein. Ein schwelender Konflikt muss sich Bahn gebrochen haben. Aber gerade jetzt kann sich Phil nicht um alles kümmern. Er ist knallverliebt in Nicholas. Und das Schönste an seinen tiefen Gefühlen: sie werden erwidert. Die erste große Liebe könnte seine Mitte der Welt sein. Sie müsste nur von Dauer sein. Ihm liegt eine Frage auf der Zunge, die er doch niemals stellen sollte:

„Frag ihn niemals, ob er dich liebt! Wenn er mit Nein antwortet, wünschst du dir, du hättest ihn nie gefragt. Sagt er Ja, kannst du nicht sicher sein, ob er es nur deshalb tut, weil er keine Lust auf hässliche Szenen hat.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Jetzt ist es der Kompass des Lebens, der seinen Nordpol finden muss. Jetzt ist es Kat, die beste Freundin von Phil, die ihn mit ihrem unvergleichlichen Lebensmut ziehen lassen muss. In ihrem Verzicht liegt der Zauber seiner Zukunft. Sie kennt ihn, wie keine Zweite und ist der große Halt seines Lebens. Seine Homosexualität steht nicht zwischen ihnen. Sie ist das tiefe Fundament des gegenseitigen blinden Vertrauens. Ausgerechnet Kat ist es, die den schrecklichsten Raum auf Visible betritt. Sie zieht ihrem Freund den Boden unter den Füßen weg, während seine Schwester ein Geheimnis preisgibt, hinter dem sie ihre unerfüllten Hoffnungen so gut versteckt hatte. Der Sturm fegt über Visible hinweg. Ein Sturm, der die Bruchbude endlich dorthin bringen kann, wo die Menschen des Ortes sie schon immer hinwünschten. Über den Abgrund hinaus in die Tiefe.

„Kinder sind Wachs in den Händen der Welt. Offene Bücher mit leeren Seiten, die von Erwachsenen beschrieben werden. Was in den ersten Kapiteln steht, kriegst du den Rest deines Lebens nicht mehr aus der Wäsche.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt entzieht sich jeglicher Einordnung in die Schubladen unseres Geistes. Der Roman ist ebenso wenig ein reines Jugendbuch, wie ein Liebesroman. Es geht nicht um alternative Lebenswege, Lebenskünstler, Aussteiger oder das Coming-of-Age seiner Protagonisten. Hier wird nicht verkitscht oder romantisiert. Dieser Roman ist so außergewöhnlich, weil er eine schwule Liebe ohne vorheriges Outing möglich macht. Homosexualität ist hier so erfrischend, erhellend und erhebend normal, dass man sich nur denken kann, welches Erdbeben Andreas Steinhöfel bei der Erstveröffentlichung des Buches 1998 ausgelöst haben muss. Ein Roman ohne Rechtfertigung. Eine Story, die tief in sich ruht, für sich lebt und auch heute noch so frich verliebt daherkommt wie einst. Dieses Buch ist „Die Mitte der Welt“.

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen. Liebe schlägt tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben.“

Ein Wort noch zur Literaturverfilmung Die Mitte der Welt aus dem Jahr 2016. Ich stehe einer cineastischen Adaption von Büchern immer ein wenig skeptisch gegenüber. Allzu oft wurde ich enttäuscht und gerade hier war meine eigene Idee vom Kopfkino so präsent, dass ich nicht viel erwartet habe. Was ich aber dann sehen durfte war in jeder Beziehung überraschend. Ein Film, der durch die emotionale Präsenz seiner Darsteller zu faszinieren weiß. Ein Film, der zwar einige parallele Handlungsstränge des Romans ausblendet, dafür aber eine überzeugende Geschichte erzählt, die ich mir erhofft hatte. Und manchmal bekommt man ja von einem Film bei aller Verkürzung sogar noch etwas geschenkt, das man im Roman ein wenig vermisst hatte. Hier ist es eine Begegnung, die Andreas Steinhöfel nicht beschrieb. Es sind Worte, die mir fehlten. Kat und Phil mit ihrem Ende der Geschichte. Allein dieses Szene macht den Film so sehenswert.

Versucht es, wenn ihr bereits gelesen habt und lest, wenn ihr nur gesehen habt. 

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„54 Minuten“ von Marieke Nijkamp – Das Schulmassaker

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Es sind Bilder, die man nie vergisst. Opfer von Amokläufen an Schulen. Jugendliche und Kinder, die scheinbar willkürlich ins Visier geistig verwirrter Täter geraten und aus den noch nicht gelebten Leben gerissen werden. Traumatisierte Überlebende, Eltern in heller Aufregung, Polizei-Großeinsätze und Rettungswagen-Kolonnen. Immer wieder in unseren oftmals wirren Tagen wiederholen sich solche Szenarien. Innerhalb und leider auch außerhalb von Schulen, wie der aktuelle Massenmord an mehr als 50 Besuchern eines Konzertes in Dallas zeigt. Hilflos ist man ausgeliefert, allzu unverarbeitet bleiben die Folgen, da die Täter die von ihnen verübten Anschläge nicht überleben.

Dabei sind es gerade und immer wieder Schulen, an denen sich diese Szenarien zu wiederholen scheinen. Winnenden und Ansbach, die Columbine High und Sandy Hook, Kauhajoki und Realengo. Deutschland, die USA, Finnland und Brasilien zeigen hier deutlich auf, dass es sich bei diesem traurigen Phänomen nicht um ein nationales Problem handelt, wie man es gerne vereinfacht darstellt. Freier Waffenbesitz ist nicht in jedem Fall die Ursache für einen möglichen Amoklauf. Forscht man nach den Ursachen für das Töten von Lehrern und Mitschülern, dann werden Ausgrenzung, fehlende oder verfehlte Inklusion oder Rache für Mobbing ins Feld geführt. Womit wir schon bei einer der wesentlichen Unterscheidung zwischen Amoklauf und Schulmassaker sind.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Ein Schulmassaker ist durch die gezielte Auswahl der Opfer gekennzeichnet, an denen sich der im Fachjargon „Active Shooter“ genannte Amokläufer rächen will. Eine Vorstellung, die gleichzeitig verstört und zeigt, wie tief der Hass auf die Mitschüler oder Lehrer sein kann, der einen Menschen zu einer solchen Tat antreibt. Und doch bleibt es unvorstellbar, wie hilflos sich die Opfer eines solchen Anschlages fühlen müssen. Auch die offiziellen Guidelines zum Verhalten bei Amokläufen an Schulen wirken da eher wie ein leichter Hohn, denn wir reden hier von Heranwachsenden, denen man Motto  „Run, Hide, Fight“ an die Hand gibt, um überleben zu können. Was aber wenn weder Laufen noch Verstecken möglich sind und das Kämpfen gegen einen bewaffneten Täter nicht denkbar ist? Was dann?

Marieke Nijkamp thematisiert ein solch brutales Schulmassaker in „54 Minuten“, ihrem neuen Jugendbuch, erschienen bei Fischer FJB. 54 Minuten. Länger dauert es nicht, um aus der Opportunity High in Alabama ein Schlachtfeld werden zu lassen. In nicht mal einer Stunde verändert sich das Leben hunderter Schüler und einiger Lehrer auf schlimme Art und Weise. Und dabei ist nichts an dieser fiktiven Schule so erfunden, dass es nicht wirklich hätte geschehen können. Die Authentizität des Erzählten und die aus mehreren Perspektiven konstruierte Geschichte beeindrucken von 10:01 bis 10:55 Uhr und halten dauerhaft an. Dieses Lesen wird man lesenslang nicht vergessen. Hier wird aus dem Slogan der Schüler „Wir schreiben Geschichte“ grausame Realität, als einer von ihnen bewaffnet in ihre Mitte tritt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp bestimmt die Lesegeschwindigkeit mit den multiperspektivisch wechselnden Blickwinkeln auf das Drama an der „Opportunity High“. Sie erzeugt einen Sog, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Es sind die rasanten Schnitte in einer Story, die wie ein Film vor unseren Augen abläuft, die sich anfühlen als wäre man Zeuge einer Liveübertragung bei NTV. Allerdings befinden wir uns nicht vor der Schule, sondern aus der Sicht der vier Hauptpersonen an unterschiedlichen Orten, die uns den komplexen Blick auf die Ereignisse ermöglichen.

Wir befinden uns an der Seite von Autumn und ihrer besten Freundin Sylv in der Aula der Highschool. Die Aula, die an diesem Tag mehrere hundert Schüler und ihre Lehrer zur legendären Semesterbeginn-Rede der Direktorin beherbergt. Um kurz nach 10 Uhr vormittags beginnt der langweilige Vortrag. Was niemand weiß, die Aula ist von außen hermetisch abgeschlossen. Es gibt keinen Ausweg mehr, als die Direktorin mit der Zeremonie beginnt und ein einzelner bewaffneter Mann die Bühne betritt. Wir sind mit Claire auf dem Sportplatz der Highschool und absolvieren das erste Training dieses Schuljahres. Sie ist von der Rede befreit. Sport ist wichtiger. Und wir sind mit Tomás im Sekretariat der Schule. Er hat sich absentiert, um einer Sache auf den Grund zu gehen, die ihn nicht mehr schlafen lässt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Um 10:04 Uhr fällt in der Aula der erste Schuss. Ein Schuss, der nur der Auftakt zu einem Massaker darstellt, dem bis 10:55 Uhr neununddreißig Schüler und Lehrer zum Opfer fallen. Als Leser tasten wir uns langsam und schutzlos an die Ereignisse heran, verstehen keine Zusammenhänge und können angesichts des brutalen Vorgehens des Amokschützen kein Muster in Zusammenhängen oder Ursachen sehen. Erst langsam verstehen wir, wie Claire, Sylv, Autumn und Tomás miteinander verbunden sind. Wir erkennen auch, wer da auf der Bühne steht und in den geschossartigen Rückblenden der Betroffenen ergründen wir, in Deckung liegend, was hier vor sich geht.

Er ist wieder da. Tyler Browne. Er hat einen guten Grund, wieder hier zu sein. Seine Pistole wird zum verlängerten Arm seiner Rache. Die Munition reicht aus, um zahllose Mitschüler und Lehrer in den Tod zu reißen und jeder hat einen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Hier finden wir die Automatismen und Ursachen für ein Schulmassaker. Es ist die gezielte Auswahl der Opfer, die verdeutlicht, welche Motive Tyler Browne zu seiner Tat veranlassen. Und in der Verknüpfung der Schicksale von Claire, Sylv, Autumn und Tomás erkennen wir die Ausweglosigkeit der Situation. Während wir schockiert Zeugen eines beispiellosen Mordens werden, vervollständigt sich das Bild eines Amoklaufes. In den Medien kursieren erste Nachrichten, die Polizei rückt an und besorgte Eltern haben sich eingefunden. Die Schule wird belagert, während in der Aula das Unausweichliche seine brutalen Kreise zieht. Wer kann sich retten? Wie sind alle Schicksale miteinander verbunden? Wer kann Tyler Browne stoppen?

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp entwirft in 54 Minuten ein klaustrophobisches Bild, das verstört und schockiert. Sie erzeugt Mitgefühl und Empathie, versetzt uns in eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt und macht uns zu hilflosen Lesern einer Story, die nicht mehr zu stoppen ist, nachdem der erste Schuss gefallen ist. Es ist eine Geschichte von Liebe und Hass, enttäuschter Hoffnungen und von verlorenem Halt. Es ist eine Geschichte in der Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden und in der die Psyche des Täters dafür verantwortlich ist, dass Rache nicht unmittelbar vollzogen wird. Er geht viel brutaler vor. Er tötet diejenigen, die denen besonders am Herzen liegen, die er eigentlich treffen will. Er agiert subtil, unglaublich präzise und brutal. Man weiß schon von der ersten Seite an, dass dieses Lesen mehr Opfer fordern wird, als einem lieb ist.

Die Botschaft dieses Pageturners ist klar. „54 Minuten“ ist ein Statement gegen die fehlende Empathie und die Verständnislosigkeit für Menschen, die aus der Balance und der Lebensbahn geworfen werden. Dieser Roman ist wichtig, weil er anschaulich zeigt, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter zu einem Niemandsland werden, in dem Opfer vorprogrammiert sind. Marieke Nijkamp zeichnet kein schwarz weißes Bild eines unausweichlichen Ereignisses. Sie packt ihre Leser genau da, wo gegenseitiges Verständnis schlimmeres verhindern kann. Sie packt uns am Kragen und rüttelt uns mit ihrem Jugendbuch auf. Das Ende ist gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Ein weiteres literarisches Schulmassaker: „Alles still auf einmal“ von Rhiannon Navin

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin - AstroLibrium

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

[Ab hier können sie gerne weiterlesen oder bei Literatur Radio Bayern zuhören.]

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter – Mein RadioPodCast…

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.