Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin - AstroLibrium

Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Kaum etwas ist schockierender als ein Amoklauf an einer Schule. Nichts vermittelt das Gefühl von Hilflosigkeit intensiver, als ein bis an die Zähne bewaffneter Amokläufer inmitten ahnungsloser Kinder und Lehrer. In meinem Artikel zum Roman 54 Minuten von Marieke Nijkamp habe ich bereits eine Unterscheidung zwischen einem Amoklauf und dem Begriff Schulmassaker vorgenommen. Was beim Amoklauf die Zufälligkeit der Zielgruppe bedingt, wird beim Massaker durch eine gezielte Auswahl der Opfer ersetzt. Rache für Ausgrenzung oder Mobbing wird hier als Motiv angeführt. In letzter Zeit sehe ich in den Nachrichten viele Massaker, ideologisch oder eher persönlich motiviert. Was beide Formen des Massenmordes verbindet, ist die absolute Hilflosigkeit, der die Opfer ausgesetzt sind.

Alles still auf einmal“ von Rhiannon Navin erzählt die Geschichte eines solchen Schulmassakers und seiner unmittelbaren Folgen. Das Ziel ist nicht zufällig gewählt und auch die Motive des Täters, der waffenstarrend um sich schießt, lassen sich leicht einordnen. Eifersucht auf alle Kinder und Jugendlichen der McKinley-Schule, die nicht krank sind, die man normal behandelt, die nicht am Rande stehen. Schüler der Schule, an der ausgerechnet der Vater des Täters als Wachmann arbeitet, um solche Taten zu verhindern. Bis hierher fühlt sich die Ausgangssituation so an, wie man sie in ähnlichen Romanen zu diesem Thema, also auch in 54 Minuten, vorfindet. Aber keinen Schritt weiter. Denn, was Rhiannon Navin erzählt, ist die Geschichte eines Überlebenden. Und nicht nur das. Das Massaker, das Sterben, die Angst und die Tage nach dem Anschlag werden aus der Perspektive des sechsjährigen Zach Taylor erzählt. Mit seiner Stimme.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Dieses Extremerlebnis aus Sicht eines Kindes zu erzählen, erinnert an „Raum“ von Emma Donoghue. Hier ist es die Erzählstimme des fünfjährigen Jack, die weltweit die Leser in den Bann zog, überzeugte und berührte. Es ist die schonungslos naive und so unverfälscht ehrliche Sicht auf die klaustrophobische Welt einer entführten Kindheit, die Raum auszeichnete. Emma Donoghue erweiterte das Lebensspektrum einer Natascha Kampusch um die Dimension Kind. Sie erweiterte die Qualen einer entführten Frau um die Ebene Muttersein. Sie erweiterte alles bisher Gelesene um die Dimension Jack. Als ich nun von Zach Taylor begegnete, war mir klar, wie tief mich diese Geschichte treffen würde, wenn es Rhiannon Navin gelang, seinen Ton und seine Perspektive zu treffen.

Und, was soll ich sagen, es ist gelungen. Und wie. Rhiannon Navin konfrontiert ihre Leser mit den traumatischen Ereignissen eines Massenmordes an einer Schule, der 19 Menschenleben kostet. Wir werden, obwohl wir lesen, zu Ohrenzeugen der Tat. Es ist der Wandschrank im Klassenzimmer, in dem sich die Kinder verstecken. Es ist indirekt, was wir miterleben. Und doch ist es eindringlicher, als es mit eigenen Augen zu sehen. Es ist heiß, stickig, dunkel, ein Mitschüler kotzt sich fast die Seele aus dem Leib, es ist der Angstschweiß der Lehrerin, den man riecht und es ist Zach Taylor, der uns erzählt, was er empfindet, was er riecht und was er hört. Es ist ein Kind, das zu uns spricht und die Schüsse zählt, die in der Schule fallen.

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„PLOP – 19 PLOP – 20 PLOP – 21″

Alles war heiß und feucht und stank so schlimm,
dass mir ganz schwindlig wurde. Mein Bauch fühlte
sich nicht gut an. Und dann war plötzlich alles still.
Keine PLOPs mehr.
Nur noch das Weinen und Hicksen im Wandschrank…“

Es ist Zach, der uns erzählt, wie die Rettung abläuft, nachdem die Polizei den Täter mit hunderten von PLOPs ausgeschaltet hatte. Es ist Zach, der mit seinen Mitschülern über die Flure der Schule geführt wird, um gemeinsam mit den restlichen Überlebenden in der kleinen Kirche der Schule auf die Eltern zu warten. Es ist ein Sechsjähriger, der aus den Augenwinkeln das Blut an den Wänden, die leblosen Körper, die Polizisten mit Funkgeräten und die Einsatzfahrzeuge wahrnimmt. Er ist es, der das endlose Warten in der Kirche beschreibt. Die Ängste, die Panik und den Moment, in dem die ersten Eltern eintreffen und nach ihren Kindern rufen. Er ist es, der seine Mutter erkennt und sich ein wenig schämt, dass sie mit dem Schrei „Mein Baby“ auf ihn zustürmt. Und zuletzt ist es Zach Taylor, dem der nächste Schock den Atmen nimmt, als er ihre Frage hört.

„Zach, wo ist dein Bruder? Zach, wo ist Andy? Wo hat er sich hingesetzt?“

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„Only Child“ lautet der Originaltitel des Romans. „Einzelkind“. Hier schlägt er mit voller Wucht zu. In dem Moment, der zum ersten Ruhepunkt der Schilderung wird, dem wir die erste Atempause verdanken, weil es ist „Alles still auf einmal“, dieser Moment verändert das Leben der Taylors für immer. Er macht aus Zach ein Einzelkind und aus seinen Eltern Opfer, die den Tod seines Bruders zu verkraften haben. Andy Taylor. 10 Jahre alt. Erschossen. Rhiannon Navin lässt uns keine Atempause. Sie irrt mit uns und Zachs Eltern durch die Nacht, sucht in den Krankenhäusern nach dem vermissten Kind und bricht mit uns zusammen, als uns die Nachricht seines Todes überbracht wird. Wir erleben das Drama aus den Augen von Zach, mit seinen Worten und beobachten seine Mutter, die kollabiert und den Vater, der apathisch neben sich zu stehen scheint.

Sprachlich entwickelt Rhiannon Navin eine kindlich überzeugende Wucht, die uns mit ihren Bildern gleichermaßen berührt, wie bestürzt:

„… Wir warteten, und ich schaute zu, wie aus dem Beutel Wassertropfen in die Plastikschnur tropften und dann runter bis in Mommys Arm. Sie sahen aus wie Regentropfen oder wie herunterlaufende Tränen, und es war, als ob der Beutel Mommy all die Tränen zurückgibt, die sie vorher geweint hat. Nur, dass jetzt der Beutel weinte.“

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Es ist, bei aller Dramatik, pure literarische Magie, die wir der Sichtweise von Zach Taylor entnehmen können. Es ist die naive Sicht auf eine zerstörte Welt, die sich hier Raum verschafft und es ist die Gedankenwelt eines Kindes, die die Geschichte in neue Bahnen lenkt. Denn Zach Taylor denkt und spricht die Wahrheit. Er empfindet den Tod seines Bruders als Erleichterung. Der „Arschloch-Bruder“ ist nicht mehr da. Der Junge, der die ganze Familie terrorisierte, der in psychologischer Behandlung war dessen Wut nur medikamentös zu bändigen war. Nur Zach sieht diese Wahrheit und verbindet mit dem Tod seines Bruders nur das Positive und Egoistische seines Lebens.

“… Ich fing an drüber nachzudenken, wie es ohne Andy sein würde… Zu Hause würde es besser werden. Es würde keinen Streit mehr geben, und ich würde das einzige Kind in der Familie sein, sodass Mommy und Daddy viel mehr Sachen mit mir alleine machen konnten.“ 

Dieser Schrei nach Aufmerksamkeit ist altersgerecht. Er ist aufrichtig und plausibel. Das zeichnet diese Perspektive aus. Sie darf schonungslos die Wahrheit sagen, darf im Augenblick der Trauerrede für den eigenen Bruder die Lügen erkennen, die nun erzählt werden. Sie darf aufdecken, was Erwachsene verbergen. Der Schein ersetzt den toten Bruder. Ein Ideal, gegen das Zach erst recht nicht mehr ankämpfen kann. Hier beginnt Rhiannon Navin, die Spirale des Traumas immer enger zu drehen. Alle Automatismen von Verlust und Trauer beginnen alle zu zermürben. Zachs Mutter tritt einen medialen Rachefeldzug gegen die Eltern des Täters los, den Zach ihr niemals zugetraut hätte. In den Gedanken seiner Eltern ist kaum Platz für ihn, den überlebenden Sohn. Hass und Rache breiten sich im Herzen der Mutter aus. Ratlosigkeit lähmt den Vater.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Ein lesenswerter Roman mit beeindruckenden Wendungen. Bilder von Farben mit denen Zack seine Gemütslage beschreibt, von Wandschränken, die Zufluchtsorte sind und von Konflikten, die zur Trennung der Eltern führen, bestimmen den Erzählraum, in dem wir bis zum Ende gefangen sind. Und es ist nur das kindliche Gemüt, das noch in der Lage sein kann, ein Wunder zu bewirken. Kinder können die Welt verändern. Es ist Zach, der zu einer Mission aufbricht, die nicht alles heilen kann… Und doch verändert sie die Zukunft. Grandios konstruiert. Geradlinig und authentisch erzählt. Zach Taylor aus „Alles still auf einmal“ und Jack Newsome aus „Raum“ haben viel zu erzählen. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören.

Eine Frage bleibt. Die Frage nach Haltung in Romanen. Ich hätte der Geschichte in einer Beziehung mehr Haltung gewünscht. Der Rachefeldzug der Mutter gegen Eltern eines Täters wirkt nachvollziehbar. Einen Amoklauf den USA jedoch fast völlig von den lockeren Waffengesetzen und dem ungehinderten Zugang, selbst labiler Menschen, zu halbautomatischen Waffen zu trennen erscheint wenig mutig. Hier hätte die Autorin mit deutlichen Positionierungen ein heißes Eisen anfassen können, ja sogar müssen. Dem brandaktuellen Thema, das immer dann im Vordergrund steht, wenn Schüsse Schulen, Synagogen, Open-Air-Konzertbühnen oder andere öffentliche Orte durchsieben hat sie nur zwei Sätze gewidmet. Nebensätze. Das war mir zu wenig.

Fazit: Starkes Romandebüt mit leichtem Haltungsschaden….

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„Alles still auf einmal“ / Rhiannon Navin / dtv premium / 384 Seiten / Deutsch von Britta Mümmler / broschiert / 15,90 Euro

 

4 Gedanken zu „Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

  1. Pingback: „54 Minuten“ von Marieke Nijkamp – Das Schulmassaker | AstroLibrium

  2. Pingback: Raum von Emma Donoghue – Platzangst im Kino | AstroLibrium

  3. Man traut sich fast gar nicht auf „gefällt“ mir zu klicken bei einem solchen Thema…. Aber ich bewundere Menschen dafür, dass sie darüber schreiben und ich finde es noch bewunderswerter wenn man sich eine solche Geschichte freiwillig zu gemüte führt und dann auch noch bespricht, sodass andere Leute drauf aufmerksam werden

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