Der große Sommer von Ewald Arenz

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Da bin ich mal wieder mittendrin in einem jener großen Erweckungsmomente, in denen ein Jugendlicher die unsichtbare Grenze zum Erwachsensein überschreitet. Da bin ich mal wieder in einem jener Romane gelandet, die man dem Genre „Coming-of-Age“ zuordnen muss. Dieses Frühjahr hat mich ganz gezielt zu Autoren entführt, deren Neuerscheinungen sich genau diesem literarischen Sujet verschrieben haben. Es liegt sicherlich daran, dass sie eine Zeitscheibe für ihre Erzählungen gewählt haben, in der ich selbst an der Demarkationslinie eines Adoleszierenden stand und sie plötzlich und ohne es so richtig zu begreifen, überschritten und hinter mir gelassen habe. Ich wollte dieser Initiationssequenz auf die Spur kommen, erneut das Gefühl meiner 80er Jahre aufleben lassen, und in den Tiefen meiner (vielleicht verdrängten) Erinnerungen nach den Spuren meiner Jugend suchen.

Ich war mit Benedict Wells in Grady, erlebte seinen Roman „Hard Land“ im Taumel meiner Gefühle, projizierte Erzähltes auf meine eigene Vergangenheit und war beseelt, als ich Missouri endlich den Rücken kehren konnte. Ich wurde von Björn Stephan zart auf die Tatsache „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ hingewiesen und erlebte das Erwachsenwerden in einem Plattenbau-poetischen Biotop namens Klein Krebslow. Ich habe diese beiden Romane geliebt, verglichen, nach der Blaupause gesucht und für mich die Antworten gefunden, warum sie mich so sehr bewegt haben. Man kann diesen erkenntnisreichen Moment hier mit seinen eigenen Augen erlesen. Coming-of-Age. Ein Vergleich. Und doch fehlte mir eine wichtige Perspektive, hatten weder Björn Stephan noch Benedict Wells meine Achtizger Jahre selbst erlebt. Es war ihre Distanz, die es ihnen erlaubte, so tief einzudringen. Jetzt wollte ich gezielt die Welt der Jungspunde im literarischen Coming-of-Age-Segment verlassen und mich einem Autor anschließen, in dessen Leben diese Zeit nicht nur aus dem Hörensagen besteht.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65). Und nein, ich gehöre sicherlich nicht zu den Lesern, die denken, ein Autor muss selbst erlebt haben, worüber er schreibt (es gäbe keine Mittelalter-Romane), aber ich fühle es, wenn der Schriftsteller gefühlt hat, was ich einst fühlte. Das ist natürlich reines subjektiv geprägtes Empfinden, aber meine Emotionen lassen mich lesend nicht im Stich. Glaubt mir. Dies muss man verstehen, wenn man verstehen mag, was der Roman Der große Sommer von Ewald Arenz  in mir ausgelöst hat. Hier war ich wirklich wieder zurück in einer Zeit, die mir unvergessen ist. Hier erlebte ich tatsächlich eine letzte Generation im Übergangsstadium zwischen analoger und digitaler Welt. Hier spürte ich, dass jemand nicht nur darüber schreiben kann, weil er es gut recherchiert hat. Nein. Er war dabei!

So las ich Der große Sommer. So muss und sollte man ihn lesen. Ein Roman aus berufenem Munde. Das wird auf jeder Seite deutlich. Dabei beschreibt Ewald Arenz im Kern seiner Geschichte keine sentimentale Journey to the Past. Er baut mit den Bildern Brücken zur heutigen Jugend. Er nimmt jeden mit in sein Boot und lässt es zu, dass wir uns alle unseren eigenen großen Sommer heraussuchen und ihn an seiner Geschichte reiben. Und nur durch Reibung entsteht Wärme. Das Gefühl, auf einem 10-Meter-Brett im Schwimmbad zu stehen, nicht zu wissen, ob man sich traut, von allen beobachtet zu werden und unerwartete Hilfe zu bekommen, ist kein exklusives Gefühl der ´80er Jahre. Es sind genau diese Brücken, die seinen Roman für jede Generation zugänglich und in besonderer Weise liebenswert machen. Es sind die Romanfiguren, die er nahbar und authentisch zeichnet. Es ist das Setting, das uns Lesende fesselt und es ist der Plot, in dem wir versinken, wie nach einem gewagten Sprung vom Sprungturm. Man muss sich einfach trauen. Dann ist Tiefgang garantiert.

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So könnt ihr „Der große Sommer“ lesen. Hier könnt ihr den Neuntklässler Frieder kennenlernen, dessen Sommer nach allem schmeckt, nur eben nicht nach Größe. Für ihn steht alles auf der Kippe. Entweder seine Nachprüfungen bestehen, oder die Schule verlassen, so lauten die bitteren Alternativen des schulischen Versagens. Entweder jetzt akzeptieren, in den Sommerferien beim Großvater zu bleiben und unter Aufsicht für die Prüfungen zu büffeln, während der Rest der Familie in die Ferien verduftet, oder für alle Zeiten an den Folgen leiden. Nein, das schmeckt nicht nach einem großen Sommer. Im Gegenteil, das ist trist, kleinteilig und erzwungen. Freiraum sollte sich für einen Jungen im Alter von sechzehn Jahren anders anfühlen. Für Frieder jedoch fühlt sich alles mehr als falsch an. Falsche Eltern, falsche Lehrer, falscher Ort. Wären da nicht Alma, seine Schwester und Johann, sein einziger und bester Freund, die Situation wäre ausweglos. Und trotzdem passt nichts so, wie es passen soll. Nichtmal die Schallplatten, die bisher so gut gepasst hatten:

Sie stimmten einfach alle nicht mehr. Als ob die Töne etwas erzählen, was mich nichts mehr anging. Alles war… irgendwie nett, aber vollkommen bedeutungslos.

Diese Bedeutungslosigkeit verliert ihren Schrecken, als Beate in sein Leben tritt. Und das ausgerechnet an dem Ort, an dem er sich selbst nicht viel zutraut. Es ist jener Sprungturm, auf dem sie ihm ihre Hand reicht. Es ist ein gemeinsamer Sprung, der alle Muster seines Lebens durchbricht. Und es ist der Sprung, der zum Synonym für jenen Sommer wird. Ewald Arenz lässt uns mitspringen, mitfiebern, mitleiden, mitlachen und mitfühlen. Es ist die Ausgangssituation, aus der er seine Fäden spinnt. Hier legt er die Fallstricke aus, die man alleine nicht überwinden kann. Wer hier mutig mitspringt, wird eine Geschichte erleben, in der Freundschaft auf eine extreme Probe gestellt wird, wo erste Gefühle ein heftiges Bremsmanöver überstehen müssen, sich ein Großvater zum Retter mausert und ein gemeinsames Grab immer mehr Raum einnimmt. Der Rahmen ist nur dafür da, um gesprengt zu werden. Das schafft Ewald Arenz in aller Vehemenz.

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Ich habe gelernt, Ewald Arenz zu vertrauen. Auch, wenn seine Geschichte alles von seinen Protagonisten abverlangt, es gelingt ihm immer wieder, sie zu beschützen. Mehr kann man von einem fürsorglichen Schriftsteller kaum erwarten. Ich kann euch diesen Roman nur ans Herz legen. Auch, wenn er viele Ingredienzien in sich trägt, die man im Moment in vielen Coming-of-Age-Romanen wiederfindet, er unterscheidet sich in einer wichtigen Frage. Der Relevanz und der Tragweite für unser Leben. Ein zweiter Strang seiner Haupthandlung bringt seine Geschichte auf Augenhöhe mit der Gegenwart. Hier begeben wir uns an der Seite von Frieder, Jahrzehnte nach dem großen Sommer, auf eine Suche, die niemanden kaltlassen kann. Wer sich getraut hat, vom Sprungturm des Schwimmbads zu springen, der muss noch ein wenig mehr Mut aufbringen, einen Weg zu gehen, den wir gut verteilt über die Kapitel des Romans gehen müssen.

Mein Handy vibriert wieder: „Wo bist du?“
„Friedhof“, schreibe ich zurück.

Ich habe Der große Sommer in einem Rutsch gelesen. Es war anders geplant. Es war der erste Blick, den ich morgens ins Buch warf, der alles veränderte. Ich hatte ein paar Pläne, der Tag hatte noch Struktur und Ziele. Ich wollte…, sollte und hätte. Nichts davon habe ich verwirklicht. Es war der letzte Blick ins Buch, der mich einige Stunden später zurück ins Leben holte. Voller Fragen: Wo ist mein Tag geblieben? Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Warum ist das Auto noch in der Werkstatt und warum sind die Briefe nicht auf der Post? Wenn sich das nach einem verlorenen Tag anhört, dann täuscht der Eindruck. Er war unvergesslich…

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12 Gedanken zu „Der große Sommer von Ewald Arenz

  1. Pingback: Hard Land von Benedict Wells | AstroLibrium

  2. Pingback: Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau | AstroLibrium

  3. Es hat mich umgehauen. Karfreitag gegen 20h begonnen, Karsamstag gegen 2h beendet. Für mich das beste Buch seit langem.

  4. Pingback: Der große Sommer – the lost art of keeping secrets

  5. Pingback: Der grosse Sommer von Ewald Arenz – lesestrickeule

  6. Ein tolles Buch. Es hatte so viel meiner Jugend, das mich die Wehmut beim Lesen packte.
    Doch ich frage mich noch immer:
    Wessen Grab besucht Frieder in der Gegenwart? Ich bin da gerade tatsächlich ratlos.

    Lg

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