Die Verlassenen von Matthias Jügler

Die Verlassenen von Matthias Jügler - Astrolibrium

Die Verlassenen von Matthias Jügler

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

So beginnt der Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. Es ist die Stimme eines zurückgelassenen Sohnes, die sich hier Bahn bricht und uns unmittelbar in eine Geschichte zieht, die schon mit diesem einen Satz einen Sog erzeugt, dem man kaum mehr entfliehen kann. Es ist die Gefühlslage eines damals Dreizehnjährigen, der schon bis zu diesem Tag des Verschwindens seines Vaters ein Leben hinter sich hat, in dem emotionale Brüche zum Alltag gehörten. Es ist der Rückblick auf dieses Leben, der alle Wunden beschreibt, die unverheilt geblieben sind.

„Ich war viele Jahre der festen Meinung, dass es derlei Momente schon des Öfteren in meinem Leben gegeben hatte: Mutter, die 1986 starb, da war ich fünf, oder Vaters Verschwinden 1994, dann die Müdigkeit und die Schmerzen.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Es ist der inzwischen erwachsene Johannes Wagner, der nach der Wahrheit und den Antworten auf die immer noch offenen Fragen seines Lebens sucht. Jetzt, in einer entscheidenden Lebensphase ist es wichtiger denn je zu erfahren, was damals wirklich mit seinen Eltern passiert ist. Johannes wird selbst Vater. Nur zu verständlich, dass er seinem eigenen Vater auf die Spur kommen muss. Dass die Antwort in einer Kiste mit Büchern seines Vaters im eigenen Keller auf ihn wartete, erkennt er erst, als er genau dort auf einen Brief stößt. Adressiert an seinen Vater. Abgestempelt in Norwegen und datiert auf den Mai 1994. Also nur wenige Wochen vor dessen Verschwinden.

Es sind entscheidende Zeitscheiben unserer Geschichte, die Matthias Jügler ins Zentrum seines Romans rückt. Es ist eine Kindheit in der DDR, die wir durch seine Erzählung hautnah miterleben dürfen. Es ist der ungeklärte Tod einer Mutter und eine lähmende Trauer, die von einem Vater Besitz ergreift. Es ist eine Kindheit, die für das spätere Leben von Johannes die Grundsteine legt. Brüchig und instabil. Selbst als die Wende alles verändern sollte, stand immer noch die Mauer zwischen seinem Leben vor und nach der Wiedervereinigung. Tiefe Gräben, die nicht zugeschüttet werden konnten und Verwerfungen, die zeitlebens spürbar sein würden. Es ist die wachsende Distanz, die es Johannes ermöglicht, seine Geschichte zu erzählen. Seine damalige Beziehung zur Mutter seines Sohnes längst gescheitert. Jasper, sein Sohn, inzwischen selbst fast erwachsen und eher ein Besucher im Leben seines Vaters. Erst jetzt brechen all jene Dämme der Vergangenheit, die ein Erzählen und Verarbeiten möglich machen.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Matthias Jügler beschränkt sich nicht auf die literarische Aufarbeitung einer Zeit, die nicht nur zwei Länder, sondern auch Menschen getrennt, wiedervereinigt und doch zerrissen hatte. Er schreibt keinen Wende-Roman. Er lässt uns an einem gelebten und doch nicht gelebten Leben teilhaben, das sich anders entwickelt hätte, wenn nicht… Ja, wenn sich die Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang anders abgespielt hätte. Er erzählt von einem Kind der DDR, einem Heranwachsenden in einem neuen Land, vom Verschwinden des Vaters und dem Leben bei der Großmutter. Er erzählt vom Tod der Mutter im alten Land. Er erzählt vom Leben des erwachsenen Johannes Wagner, das durch die Dunkelkammer der Vergangenheit selten im Licht gebadet ist. Davon erzählt Matthias Jügler auf eine Art und Weise, die seinen Roman zum absoluten Pageturner werden lässt.

Der Verlassene berichtet aus seiner Perspektive und lässt all jene, die sein Leben tangierten als „Die Verlassenen“ auftreten. Die Spannung wächst ins Unerträgliche. In Rückblicken beleuchtet Matthias Jügler alle Ereignisse, die das Leben von Johannes prägen sollten. Eine Reise nach Norwegen soll Licht ins Dunkel bringen. Eine Reise zu der Frau, die seinem Vater damals jenen Brief schrieb. Warum hat er seinen Sohn im Jahr 1994 verlassen? Warum fehlt jede Spur von ihm? Was ist vor der Wende mit der Mutter geschehen? Wie hängt alles zusammen? Matthias Jügler lässt am Ende seines brillanten Romans keine Frage offen. An Stellen, an denen wir seine Erzählstimme im Tonfall seines Protagonisten erwarten, tauchen plötzlich Dokumente im Buch auf. Wir finden Fotos, handgeschriebene Notizen, inoffizielle und geheime Berichte einer Zeit, die noch heute für einen allwissenden und allmächtigen sozialistischen Staat steht.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Man muss bei Rezensionen gut darauf achten, nicht zu spoilern. Und doch ist es auch wichtig, Romane ein wenig einzuordnen, um ihnen zu den „richtigen Lesern zu verhelfen. „Die Verlassenen“ erzählt keine Familiengeschichte, in der es um Klischees von Beziehungsgeflechten geht. Dieser Roman ist aufgrund der gewählten Zeitscheiben ein zutiefst empathisches Bild in einem politisch explosivem Umfeld. Er zeigt auf, wie sehr sich ein diktatorischer Staat im eigenen Leben einnisten kann. Es geht hier auch um System-Mitläufer, bewusst Handelnde und bedenkenlos Agierende. Der Grund für das Verschwinden des Vaters ist durch die Vergangenheit in der DDR geprägt. Es ist bedrückend und ernüchternd, immer mehr Details zu erfahren, die das Leben damals dominiert und beeinflusst haben. Die Nachwirkungen sind immer noch spürbar. In der Konstruktion des Romans liegt ein tiefer Zauber. Nichts ist vorhersehbar, alles wirkt so wahrhaftig und echt und an keiner Stelle kann man auch nur eine kleine Pause in sein Lesen bringen.

Am Ende stellt Matthias Jügler seinen Protagonisten vor die entscheidende Wahl seines Lebens. Am Ende steht die große Frage, ob Rache und Vergeltung heilsam für die eigene Zukunft sein können. Der Autor hat hier relevante Schlusspunkte gesetzt, die auch nach dem Lesen Bestand haben. Ich bin gespannt, wie wir handeln würden, wenn wir vor diese Wahl gestellt würden und die Möglichkeit hätten, uns schmerzhaft für alles zu rächen, was uns widerfahren ist. Ein mehr als lesenswerter Roman, der Licht in die Dunkelkammer eines Lebens bringt, das so oder anders sicher tausendfach gelebt und durchlitten werden musste. Und doch bleibt die Hoffnung, denn:

„Hinter den Wolken ist der Himmel immer blau.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Reden wir über Simon Stålenhag (3) Things from the Flood

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Mit den folgenden Worten begann im Juni 2020 meine Artikelserie zu den Büchern eines schwedischen Künstlers, die ich heute fortsetzen darf. So hat alles angefangen:

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten… JETZT IST ES SO WEIT!

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Ich habe den Stålenhag-Kosmos des Loops nie verlassen. Hier hatte mir der Autor neben der dystopischen Geschichte eines Teilchenbeschleunigers namens Loop auch einen Fantasiebeschleuniger in meinen Leseorganismus gepflanzt. Der Loop zog seine Kreise in meinem Geist. Unerklärliche Anomalien in Raum-Zeit-Kontinuum verloren den Schrecken und der Blick hinter die Kulissen des Rationalen machte neugierig, wie sich Verschiebungen von Zeitebenen wohl auf mein eigenes Leben auswirken würden. Doch war der erste Band „Tales from the Loop“ als eigenständiges Werk nur zu verstehen, wenn man die gleichnamige Amazon-TV-Serie gesehen hatte. Diese Mediensymbiose war absolut einzigartig und betrat in Format und Inhalt absolutes Neuland. Ein Blick auf eine der großformatigen Stålenhag-Illustrationen reichte mir aus, erneut in seiner Welt zu versinken, die es so niemals gegeben hatte… Oder doch?

Jetzt bin ich wieder hier. Lange Zeit, nachdem der mysteriöse Teilchenbeschleuniger stillgelegt wurde. Hier setzt Simon Stålenhag an, auf den Ruinen der stummen Zeugen der Vergangenheit, mit einem wehmütigen Blick auf die verrotteten Maschinen, die sich über die Landschaft verteilen. Hier beginnt der Erzählraum sich langsam mit Wasser zu füllen. Die Pegel steigen. In der Region der unterirdischen und versiegelten Anlage sind die steigenden Wasserstände Teil der Anomalien, die darauf schließen lassen, dass in der Tiefe etwas vor sich geht, was man nicht berücksichtigt hatte. Die Flut kommt und in ihrem Gefolge tauchen Roboter und Wesen auf, die einer neuen Geschichte in Stålenhags Fantasie Auftrieb verleihen. Sie sind da:

Things from the Flood“ – Dinge aus der Flut…

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Schon mit den ersten Zeilen und auf den ersten Bildern wird klar, dass Stålenhag nahtlos an der Story aus Tales from the Loop anknüpft. Wir kennen die Szenerie und wissen, was unter der Erde verborgen liegt. Wir erkennen die Relikte der Forscher, die über die Landschaft verteilt auf die Vergangenheit hinweisen. Und wir sind Zeugen einer neuen Zeit. Das Digitale ersetzt das Analoge der frühen Forschungsstation. Eine neue Zeit, die auch die Menschen der Gegend verändert. Nein, dies hier ist kein Add-On zu einem bestehenden TV-Format. Hier erzählt und zeichnet Stålenhag ein neues Bild von der Region, in der nichts so war, wie es scheint. Hier zeigt er sein Talent, das er in „The Electric State“ schon unter Beweis gestellt hatte, erneut. Diese Geschichte ist auserzählt, komplex konstruiert und lässt keine Fragen offen, die man im Fernsehen beantworten muss. Ein weiterer großer Wurf des schwedischen Illusionisten, der mich in der Prachtausgabe zu fesseln wusste.

Und ganz nebenbei gelingt Simon Stålenhag ein grandioser Coming-of-Age-Plot, indem er seine letzten Kindheitstage so sehr verfremdet und fiktionalisiert, dass bei all den mysteriösen äußeren Veränderungen auch das Innere einem Wandel unterzogen wird. Das Buch liest sich wie ein Tagebuch des Erwachsenwerdens auf den Trümmern des Loops. Die dunkle Bedrohung aus der Tiefe, der erzwungene Zwangsumzug seiner Familie, die Trennung der Eltern und das dystopische Setting ergeben hier ein Ganzes, dem man kaum entrinnen kann. Wenn man dann mit seinen eigenen Augen die Wesen erkennt, die durch die Landschaft vagabundieren, verliert man die Angst vor dem, was aus der Flut ans Tageslicht kommt. Es sind die nicht mehr benötigten Roboter aus der Vergangenheit, die nach einer neuen Heimat suchen. Es ist mitreißend, wie Stålenhag das Fremde in ein melancholisches Normales verwandet. Es ist brillant, wie er mit uns und mit seinen Figuren spielt. Es ist famos, welche Bilder er in unseren Gedanken zu verankern weiß. Das ist Fantasy, das ist Dystopie, das ist Urban Mystery und das ist ein illustrierter Roman, der die Grenzen sprengt.

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Was in reinen Coming-of-Age-Romanen als der letzte große Sommer, oder als der magische Erweckungsmoment beschrieben wird, der den Protagonisten die Grenze zur Welt der Erwachsenen überschreiten lässt, erlebt hier eine völlig neue Deutung. Gefahr und Ängste, die eine Kindheit stets geprägt hatten, verlieren ihren Schrecken. Es fühlt sich an, „als wären alle Naturgesetze neu geschrieben worden„. Selten habe ich in einem reinen Fantasy-Setting so viele Ansatzpunkte zur Auseinandersetzung mit dieser Angst gefunden, die man als Kind empfand. Plötzlich fühlte man sich unsterblich, nicht mehr verwundbar und wie neu geboren. Und doch war da im Hintergrund das Gefühl, ganz tief unter der Erde könnte etwas lauern und nur auf die Gelegenheit warten, sich ans Tageslicht zu begeben. Für mich sind es verdrängte Erinnerungen. Bei Stålenhag ist es der Loop, der nur zu ruhen scheint.

„Hätten wir uns eine Weile dort aufhalten können… hätten wir ihn vielleicht gehört – den nervösen Herzschlag dessen, was darin eingesperrt war und unruhig schlief.“

Ich hoffe auf eine Verfilmung von „Things from the Flood“ – ich freue mich auf eine Fortsetzung dieser magischen Geschichte und ich folge konstant dem Instagram-Profil von Simon Stålenhag, weil er hier Impressionen seines Schaffens veröffentlicht, deren Wucht so gewaltig ist und die so sehr inspirieren, wie seine Buchkunstwerke. Vielleicht darf ich bald einen weiteren Artikel schreiben  Reden wir über Simon Stålenhag (4), es wäre mir ein riesiges literarisches Vergnügen…

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Der große Sommer von Ewald Arenz

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Da bin ich mal wieder mittendrin in einem jener großen Erweckungsmomente, in denen ein Jugendlicher die unsichtbare Grenze zum Erwachsensein überschreitet. Da bin ich mal wieder in einem jener Romane gelandet, die man dem Genre „Coming-of-Age“ zuordnen muss. Dieses Frühjahr hat mich ganz gezielt zu Autoren entführt, deren Neuerscheinungen sich genau diesem literarischen Sujet verschrieben haben. Es liegt sicherlich daran, dass sie eine Zeitscheibe für ihre Erzählungen gewählt haben, in der ich selbst an der Demarkationslinie eines Adoleszierenden stand und sie plötzlich und ohne es so richtig zu begreifen, überschritten und hinter mir gelassen habe. Ich wollte dieser Initiationssequenz auf die Spur kommen, erneut das Gefühl meiner 80er Jahre aufleben lassen, und in den Tiefen meiner (vielleicht verdrängten) Erinnerungen nach den Spuren meiner Jugend suchen.

Ich war mit Benedict Wells in Grady, erlebte seinen Roman „Hard Land“ im Taumel meiner Gefühle, projizierte Erzähltes auf meine eigene Vergangenheit und war beseelt, als ich Missouri endlich den Rücken kehren konnte. Ich wurde von Björn Stephan zart auf die Tatsache „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ hingewiesen und erlebte das Erwachsenwerden in einem Plattenbau-poetischen Biotop namens Klein Krebslow. Ich habe diese beiden Romane geliebt, verglichen, nach der Blaupause gesucht und für mich die Antworten gefunden, warum sie mich so sehr bewegt haben. Man kann diesen erkenntnisreichen Moment hier mit seinen eigenen Augen erlesen. Coming-of-Age. Ein Vergleich. Und doch fehlte mir eine wichtige Perspektive, hatten weder Björn Stephan noch Benedict Wells meine Achtizger Jahre selbst erlebt. Es war ihre Distanz, die es ihnen erlaubte, so tief einzudringen. Jetzt wollte ich gezielt die Welt der Jungspunde im literarischen Coming-of-Age-Segment verlassen und mich einem Autor anschließen, in dessen Leben diese Zeit nicht nur aus dem Hörensagen besteht.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65). Und nein, ich gehöre sicherlich nicht zu den Lesern, die denken, ein Autor muss selbst erlebt haben, worüber er schreibt (es gäbe keine Mittelalter-Romane), aber ich fühle es, wenn der Schriftsteller gefühlt hat, was ich einst fühlte. Das ist natürlich reines subjektiv geprägtes Empfinden, aber meine Emotionen lassen mich lesend nicht im Stich. Glaubt mir. Dies muss man verstehen, wenn man verstehen mag, was der Roman Der große Sommer von Ewald Arenz  in mir ausgelöst hat. Hier war ich wirklich wieder zurück in einer Zeit, die mir unvergessen ist. Hier erlebte ich tatsächlich eine letzte Generation im Übergangsstadium zwischen analoger und digitaler Welt. Hier spürte ich, dass jemand nicht nur darüber schreiben kann, weil er es gut recherchiert hat. Nein. Er war dabei!

So las ich Der große Sommer. So muss und sollte man ihn lesen. Ein Roman aus berufenem Munde. Das wird auf jeder Seite deutlich. Dabei beschreibt Ewald Arenz im Kern seiner Geschichte keine sentimentale Journey to the Past. Er baut mit den Bildern Brücken zur heutigen Jugend. Er nimmt jeden mit in sein Boot und lässt es zu, dass wir uns alle unseren eigenen großen Sommer heraussuchen und ihn an seiner Geschichte reiben. Und nur durch Reibung entsteht Wärme. Das Gefühl, auf einem 10-Meter-Brett im Schwimmbad zu stehen, nicht zu wissen, ob man sich traut, von allen beobachtet zu werden und unerwartete Hilfe zu bekommen, ist kein exklusives Gefühl der ´80er Jahre. Es sind genau diese Brücken, die seinen Roman für jede Generation zugänglich und in besonderer Weise liebenswert machen. Es sind die Romanfiguren, die er nahbar und authentisch zeichnet. Es ist das Setting, das uns Lesende fesselt und es ist der Plot, in dem wir versinken, wie nach einem gewagten Sprung vom Sprungturm. Man muss sich einfach trauen. Dann ist Tiefgang garantiert.

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

So könnt ihr „Der große Sommer“ lesen. Hier könnt ihr den Neuntklässler Frieder kennenlernen, dessen Sommer nach allem schmeckt, nur eben nicht nach Größe. Für ihn steht alles auf der Kippe. Entweder seine Nachprüfungen bestehen, oder die Schule verlassen, so lauten die bitteren Alternativen des schulischen Versagens. Entweder jetzt akzeptieren, in den Sommerferien beim Großvater zu bleiben und unter Aufsicht für die Prüfungen zu büffeln, während der Rest der Familie in die Ferien verduftet, oder für alle Zeiten an den Folgen leiden. Nein, das schmeckt nicht nach einem großen Sommer. Im Gegenteil, das ist trist, kleinteilig und erzwungen. Freiraum sollte sich für einen Jungen im Alter von sechzehn Jahren anders anfühlen. Für Frieder jedoch fühlt sich alles mehr als falsch an. Falsche Eltern, falsche Lehrer, falscher Ort. Wären da nicht Alma, seine Schwester und Johann, sein einziger und bester Freund, die Situation wäre ausweglos. Und trotzdem passt nichts so, wie es passen soll. Nichtmal die Schallplatten, die bisher so gut gepasst hatten:

Sie stimmten einfach alle nicht mehr. Als ob die Töne etwas erzählen, was mich nichts mehr anging. Alles war… irgendwie nett, aber vollkommen bedeutungslos.

Diese Bedeutungslosigkeit verliert ihren Schrecken, als Beate in sein Leben tritt. Und das ausgerechnet an dem Ort, an dem er sich selbst nicht viel zutraut. Es ist jener Sprungturm, auf dem sie ihm ihre Hand reicht. Es ist ein gemeinsamer Sprung, der alle Muster seines Lebens durchbricht. Und es ist der Sprung, der zum Synonym für jenen Sommer wird. Ewald Arenz lässt uns mitspringen, mitfiebern, mitleiden, mitlachen und mitfühlen. Es ist die Ausgangssituation, aus der er seine Fäden spinnt. Hier legt er die Fallstricke aus, die man alleine nicht überwinden kann. Wer hier mutig mitspringt, wird eine Geschichte erleben, in der Freundschaft auf eine extreme Probe gestellt wird, wo erste Gefühle ein heftiges Bremsmanöver überstehen müssen, sich ein Großvater zum Retter mausert und ein gemeinsames Grab immer mehr Raum einnimmt. Der Rahmen ist nur dafür da, um gesprengt zu werden. Das schafft Ewald Arenz in aller Vehemenz.

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Ich habe gelernt, Ewald Arenz zu vertrauen. Auch, wenn seine Geschichte alles von seinen Protagonisten abverlangt, es gelingt ihm immer wieder, sie zu beschützen. Mehr kann man von einem fürsorglichen Schriftsteller kaum erwarten. Ich kann euch diesen Roman nur ans Herz legen. Auch, wenn er viele Ingredienzien in sich trägt, die man im Moment in vielen Coming-of-Age-Romanen wiederfindet, er unterscheidet sich in einer wichtigen Frage. Der Relevanz und der Tragweite für unser Leben. Ein zweiter Strang seiner Haupthandlung bringt seine Geschichte auf Augenhöhe mit der Gegenwart. Hier begeben wir uns an der Seite von Frieder, Jahrzehnte nach dem großen Sommer, auf eine Suche, die niemanden kaltlassen kann. Wer sich getraut hat, vom Sprungturm des Schwimmbads zu springen, der muss noch ein wenig mehr Mut aufbringen, einen Weg zu gehen, den wir gut verteilt über die Kapitel des Romans gehen müssen.

Mein Handy vibriert wieder: „Wo bist du?“
„Friedhof“, schreibe ich zurück.

Ich habe Der große Sommer in einem Rutsch gelesen. Es war anders geplant. Es war der erste Blick, den ich morgens ins Buch warf, der alles veränderte. Ich hatte ein paar Pläne, der Tag hatte noch Struktur und Ziele. Ich wollte…, sollte und hätte. Nichts davon habe ich verwirklicht. Es war der letzte Blick ins Buch, der mich einige Stunden später zurück ins Leben holte. Voller Fragen: Wo ist mein Tag geblieben? Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Warum ist das Auto noch in der Werkstatt und warum sind die Briefe nicht auf der Post? Wenn sich das nach einem verlorenen Tag anhört, dann täuscht der Eindruck. Er war unvergesslich…

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt. Ich reibe diese Erkenntnisse an meiner eigenen Jugend und könnte fast eine Checkliste vorlegen, die alles beinhaltet, was in einem großen Roman über die letzten Tage der eigenen Kindheit vorkommen muss, damit wir sagen: „Ja, so hat es sich angefühlt“.

Die Coming-of-Age-Rezeptur 2021. Man nehme:

  • einen unsicheren, schüchternen und doch sympathischen Heranwachsenden
  • eine verzweifelt angebetete und doch unerreichbare erste Liebe, verkörpert von einem möglichst charismatischen und ungewöhnlichen Mädchen
  • ein hermetisch abgeschlossenes Biotop namens Heimat
  • eine mythisch anmutende legendäre Zeitscheibe der jüngsten Vergangenheit
  • einen Hauch von Abschied, der über der gesameten Szenerie liegt
  • einen väterlichen „Alltags-Coelho“, der als philosophischer Kompass dient
  • ein paar Rabauken aus der Nachbarschaft, vor denen man sich fürchten muss
  • gute Freunde (zumindest einen), mit denen man Pferde stehlen kann
  • den einen großen Erweckungsmoment, der die Grenzlinie zur Kindheit definiert
  • die tragische Grundlagengeschichte der Eltern des Protagonisten und zuletzt
  • kleine Portionen zeitgemäßer Zutaten wie Rassismus und / oder Mobbing

Hält man sich an diese Rezeptur und gelingt es dann auch noch, sie mit Leben zu füllen, dann steht einem erfolgreichen Coming-of-Age-Roman nichts im Wege.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Zur Überprüfung dieser Rezeptur können wir ja gerne mal den aktuellen Roman von Benedict Wells einem grundlegenden Check unterziehen. Und siehe da: Im Adoleszenz-Szenario eines gewissen Sam Turner entdecken wir in „Hard Land“ alle Ingredienzien, die zwingend in die Suppe gehören, damit sie mundet. Da ist die junge Kirstie, ohne die ein weiteres Leben möglich ist, aber keinen Sinn macht. Da ist eine kleine verschlafene Stadt in Missouri, in der es sich 1984 zwar zu leben lohnt, die es aber hoffentlich bald zu verlassen gilt. Grady. Da ist ein längst verstorbener Autor, in dessen Werk unser Protagonist die Richtschnur seines Lebens vermutet. Da sind die Konflikt-gestählten Schlägertypen, vor denen es auszureißen gilt. Wir finden Freunde, an deren Seite man erwachsen werden kann. Wir erleben ein magisches Festival, an dessen Ende nichts mehr so ist, wie zuvor. Und die Geschichte der Eltern steckt den Rahmen ab, aus dem Sam Turner ausbrechen muss. Trauer und Depression. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass einer seiner engsten Freunde gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, dann hat man hinter jeden Punkt der Checkliste einen Haken gemacht.

Verfügt man dann noch über die empathische literarische Brillanz eines Benedict Wells, steht dem Erfolg nichts im Weg. Begeisterte Leser (mich eingeschlossen), sehr gute Rezensionen in der großen Riege der selbsternannten Literaturkritiker (wozu man auch mich zählen darf) und nicht zuletzt bestmögliche Platzierungen in Bestsellerlisten. So schreibt man heutzutage Erfolgsgeschichten. Das wollen die Menschen lesen. Und, um ganz ehrlich zu sein, solche Bücher dürften kein Ende haben. Womit ich nun auch schon dort angelangt bin, wo ich eigentlich seit Beginn dieses Artikels hin wollte. Wenn es also diese Blaupause gibt, wenn man sich in ihren Grenzen wohlfühlt und ein Buch einfach nur genießen kann, wo werde ich fündig, wenn ich vergleichbares suche? In meinem Lesen sind es manchmal Zufälle, die mir solche Bücher ins Haus bringen. Hier jedoch ist es das Ergebnis genauen Abwägens, zwei Coming-of-Age-Romane in Folge gelesen zu haben. Ich wollte vergleichen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Dabei soll der Vergleich keine vergleichende Bewertung sein. Vielmehr möchte ich zeigen, dass es auch neben dem derzeitigen Branchenprimus Benedict Wells Romane gibt, die unglaublich lesens- und liebenswert sind. Vielleicht gehen sie gerade ein wenig im Mahlstrom der Neuerscheinungen unter, vielleicht leiden sie mehr unter den Corona-Bedingungen und der damit verbundenen Unsichtbarkeit auf dem Buchmarkt, der sich in diesen Tagen als kontaktlose Kontaktbörse präsentiert. Autoren ohne Lesungen. Die Welt des digital Gezeigten überlagert die Welt des realen Erlebten. So bitte ich diesen Vergleich zu verstehen. Ich möchte nicht zwei Romane aneinander reiben. Ich möchte aufzeigen, warum man Björn Stephan in einem Atemzug mit Benedict Wells nennen kann, wenn es um brillant erzählte Geschichten an der Grenzlinie zur Adoleszenz geht.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Wenn ich meine Coming-of-Age-Checkliste wie eine Schablone anlege, stelle ich erfreut fest, dass hier alle Zutaten zu einer großen Geschichte vom Erwachsenwerden zu finden sind. Nicht nur lieblos in den literarischen Topf geworfen, sondern mit großer Sorgfalt komponiert. Das Besondere an diesem Buch ist der Kontrast zu den Kulissen, die sich ansonsten für solche Geschichten anbieten. Wir sind in Klein Krebslow und erleben die letzten Reste eines längst überkommenen Plattenbau-Biotops in dem Land, das eigentlich wiedervereinigt ist, in dem die Wunden des Zusammenbruchs der DDR noch deutlich spürbar sind. Auch noch im Jahr 1994, in dem uns der dreizehnjährige Sascha Labude zum ersten Mal begegnet. Mit ihm kann man sich identifizieren, weil sich in ihm die Unsicherheit einer jungen Generation spiegelt. Wo stehe ich? Warum werde ich mit einer neuen Welt konfrontiert, ohne die Gründe zu verstehen, warum die alte Welt untergegangen ist? Warum ist die Plattenbausiedlung so heruntergekommen, was verändert sich hier? Gemeinsam mit seinem besten Freund Sonny erlebt er den Abgesang auf eine Zeit, an die er sich kaum erinnern kann. Ganz im Gegensatz zum eigenen Vater, der sich tief in sich zurückgezogen hat und als stummer Zeitzeuge in den Tag lebt. Trost- und ereignislos könnte man das Leben bezeichnen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Wären da nicht die brutalen Schläger-Brüder, die im gleichen Haus wohnen und vor denen er ständig auf der Hut sein muss. Wäre da nicht die ganz eigene Welt des Sascha Labude, in der er einzigartige Wörter sammelt wie andere Menschen seltene Briefmarken. „Onsra“ zum Beispiel aus der Sprache namens Boro. Es beschreibt das Gefühl, niemals wieder so lieben zu können, wie einst. Ein Tagträumer erste Güte. Ja, und wäre da nicht Jenni Köhn, die alle nur Juri nennen, weil sie wie Juri Gagarin in die Unendlichkeit des Weltalls vorstoßen will. Sie verändert alles. Sie ist neu hier und stellt alles in den Schatten, was Sascha sah, fühlte und lebte:

„Juri war schöner als das schönste Wort, das ich kannte,
und selbstverständlich tausendmal schöner als Sabrina Kabautzky.“

In dieser postapokalyptischen Plattenbau-Atmosphäre finden Saschas Worte zu Juris Träumen. Für beide scheint eine Welt zu entstehen, die sich fast anfühlt, wie die goldene CD an Bord der Voyager Raumsonde. Sie beinhaltet alle Informationen über ihre Herkunft und Heimat, macht sich trotzdem immer weiter auf den Weg in eine neue unerforschte Welt. Wären da nicht die Schläger aus der Nachbarschaft, eine tragische Entscheidung von Saschas Eltern, ein Geheimnis von Juri und ein alter Mann, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird, nichts hätte die beiden Menschen getrennt, die sich gerade gefunden haben. Björn Stephan beschreibt das Kleine ganz groß. Er reißt den Himmel über Klein Krebsolw auf und gewährt uns die ersten Blicke auf einen Himmel voller Sterne. Seine Poesie wird in seinen Protagonisten lebendig. Wehmut ist eine der Gefühlslagen, die man so intensiv nachempfinden kann. Angst vor der Zukunft und vor den eigenen Entscheidungen wird jedoch zur unüberwindlichen Stellgröße.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Bei diesem Coming-of-Age-Vergleich fällt doch ein großer Unterschied ins Auge. Björn Stephan legt seinem Roman eine ganz eigene Konstruktion zugrunde. Es fühlt sich intim an, was wir hier lesen dürfen. Es ist auch intim, wiel diese Zeilen nicht für unsere Augen bestimmt sind. Es ist Sascha, der zwei Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1994 notiert, was diese Momente so einzigartig gemacht haben. Es ist mehr als eine Loseblattsammlung, die er entstehen lässt. Es ist das Buch, das nun vor uns liegt. Und genau dieses Buch wird von „seiner“ Juri gefunden und gelesen. Genau da, wo er es für alle Zeiten zurückgelassen hat. Plötzlich sind wir mit Juri auf Augenhöhe, als sie sich in die Seiten vertieft. Jahre später. Im Oktober 2019. Jetzt treiben uns die Fragen an, wo ist Sascha, was ist damals passiert und wird es ein Wiedersehen geben. Hier muss ich euch mit „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ alleine lassen. Diese Fragen zu beantworten sollten wir dem Roman und seinem Autor überlassen.

Nein, Sascha Labude ist sicher keine Plattenbau-Variante von Sam Turner. Nein, Kirstie ist nicht das US-amerikanische West-Äquivalent zur Möchtegern-Kosmonautin Juri. Und doch gibt es viele tragfähige Brücken zwischen Grady und Klein Krebslow. Wir müssen sie nur finden und überqueren. In allerletzter Konsequenz können wir eine Verbindung zwischen diesen Welten herstellen. In letzter Konsequenz sind es nur wir, die Leser und Leserinnen, die zu echten Verbindungslinien zwischen Büchern und den Menschen werden, die sie uns ins Herz geschrieben haben. Das kann nur die Literatur.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Der Radio-PodCast – bald verfügbar…

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Hard Land von Benedict Wells

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – Astrolibrium

Da schreibt ein literarischer Jungspund über meine Achtziger Jahre. Da schreibt ein Autor, der in dieser für mich wegweisenden Zeit zur Welt kam über die Gefühle von Heranwachsenden und legt einen Coming-of-Age-Roman vor, der mich im Kern meiner eigenen Erinnerungen berühren und treffen sollte. Er, der 1984 geborene Schriftsteller Benedict Wells, wagt sich in eine Welt vor, die er nicht erlebt hat und die er eigentlich nur aus Filmen und vom Hörensagen kennt. Er möchte mir etwas erzählen, das sich in meiner Seele bis heute festgebrannt hat. Eine Zeit, in der man seine wenigen Freunde noch tatsächlich treffen musste, um etwas Gemeinsames zu erleben. Eine Zeitscheibe mit fest montierten Wandtelefonen und den eigenen Eltern als ständige Mithörer. Eine Zeit der atemlosen Musikaufnahmen mit einem Radiorecorder, Musikkassetten, die ich mit meinem Bleistift zu entwirren hatte und eine Zeit, in der das Internet noch Science Fiction war. Die Zeit von Bruce Springsteen, die Zeit der großen Festivals und die Zeit, in der ich mich in der Eifel so oft am falschen Platz gefühlt habe. Am Arsch der Welt.

Von dieser Zeit möchte er mir erzählen? In seinem neuen Roman Hard Land, der gerade das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Er, der Jungspund. Mir, dem alten Hasen. Klingt jetzt so, als würde ich ihm das nicht zutrauen. Weit gefehlt, denn hier wagt sich ein literarisches Schwergewicht an ein Thema, dessen Exklusivrechte ich eigentlich für mich reserviert hatte. Zumindest in meinen Erinnerungen. Ich hatte die Befürchtung, in seinem Roman an eine Stimmung erinnert zu werden, die ich vielleicht zum Schutz vor den Geistern von einst ein wenig verdrängt hatte. Die eigene Unsicherheit, das eigene schüchterne Ich auf der Suche nach der großen Liebe und die Fehler, die ich damals schon fast zwangsläufig begehen musste, um erwachsen zu werden. Ich wusste schon vor dem Lesen, dass es eher ein Wagnis für mich war, sein „Hard Land“ zu betreten. In Sachen Wells bin ich nämlich ein emotional gebranntes Kind. Seine Romane „Vom Ende der Einsamkeit“ und „Becks letzter Sommer“ haben mich verändert und mein Lesen beeinflusst. Nachhaltig. Und es sollte erneut so kommen…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Willkommen in Grady, Missouri. Herzlich willkommen im Jahr 1984 und willkommen in einer Stimmungslage, die für einen kleinen Ort in dieser Zeit schon fast typisch ist. Ein Diner, ein altes Kino und ein paar Jugendliche, die sich auf ihrem Weg in eine Zukunft nach der Schule auf den Abschied aus der Heimat vorbereiten. Wirtschaftlich befindet sich das Land im Stillstand und die Hymnen von Bruce Springsteen, U2 und Billy Idol klingen mehr nach Abgesang, als nach Aufbruch. Willkommen auch im Gefühl und im Denken von Sam Turner, der uns mit auf die emotionale Reise in den Sommer seines Lebens nimmt. Für ihn stehen die Zeichen nicht auf Abschied. Mit seinen 15 Jahren ist es sicher, dass Grady auch weiterhin sein Lebensmittelpunkt bleiben wird. Und doch ist es genau jener Sommer, der alles verändert. Seine Mutter stirbt, seine Schwester Jean hat schon lange den Absprung in die Welt jenseits von Grady geschafft und das Leben mit dem Vater gleicht dem Leben auf einer trostlosen Insel. Und mittendrin ein unsicher vor sich hin lebender Junge, der nach dem Sinn seines Lebens sucht.

Nur in Sam Turner schreit alles nach Aufbruch. Nur in ihm regt sich der Widerstand gegen die Trostlosigkeit von Grady. Er verändert sich und damit alles. Es ist der Job im Kino, der ihn aus der Tristesse katapultiert, es sind die ersten richtigen Freunde, die er dort findet, und last but not least ist es ein Mädchen namens Kirstie Andretti, das sich zur ersten großen Liebe seines Lebens mausert. Benedict Wells findet schon auf den ersten Seiten seines Romans den richtigen Sound für eine Zeit, die sich in Melancholie aufzulösen schien. Weltschmerz, Perspektivlosigkeit und Abschied hängen in der Luft. Er findet auch den richtigen Sound in der Stimme von Sam Turner, der uns mit seiner Schüchternheit und Unsicherheit für sich einnimmt. Es ist die unverfälschte und extrem authentische Perspektive eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die in ihm zu einer großen Geschichte wächst. Es sind seine Worte, die sich festsaugen und sich in der Folge nicht mehr von unserem Leseerlebnis lösen wollen.

„Wenn die First Base Küssen war und der Home Run Sex,
dann saß ich noch in der Umkleidekabine und band meine Schuhe.“  

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Benedict Wells erzählt, wie sehr Sam um die Freundschaft zu den Menschen kämpft, die Grady bald verlassen werden. Er nimmt uns mit ins alte Kino und lässt und erleben, wie aus dem wenig akzeptierten Jungen das Herzstück dieser kleinen Clique wird. Wir trauern mit ihm um seine Mutter, um viele Chancen und Träume. Darum, dass auch die Freundschaften, die er jetzt gerade schließt, endlich sind. Nach diesem Sommer bleibt nur er zurück. Universitäten rufen nach Kirstie, Cameron und Hightower. Und ich habe keine Chance, mich nicht mit Sam in dieses magische Mädchen zu verlieben. Sie allein steht für jede Verheißung des Sommers. Sie ist der Lichtblick im Dunkel. Sie ist es, die Sam Turner erweckt. Kirstie verkörpert alle Hoffnung, tiefe Zweifel und jedes denkbare Gefühl. Sich in sie zu verlieben ist wie im Treibsand zu versinken. Unnahbar, vergeben und dann wieder im strahlenden Schein ihrer Persönlichkeit steht sie für die verzweifelt und unglücklich scheinende Liebe. Ihre Worte elektrisieren Sam.

„Ich zähle jetzt langsam von zehn runter, und bei null bist du in mich verliebt.
Du hast keine Chance, es ist ein Zauber, und es dauert nur zehn Sekunden.“ 

Es ist die Magie dieser Menschen, die uns Benedict Wells in die Herzen schreibt. Es ist der Zauber von Grady, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist eine Emotion, die er nicht beschreibt, nicht erzählt und nicht formuliert. Er lässt sie einfach entstehen und in uns wachsen. Das ist Literatur. Nicht zu schreiben, dass jemand traurig ist. Die Leser fühlen lassen, was mit den Menschen passiert, wie sie verändert werden. Wenn es Empathie erzeugendes Schreiben gibt, dann hier. Es sind die vielen Facetten eines Romans über den längsten Sommer im Leben eines jungen Menschen, die mich schon früh im Buch gefesselt haben. Es sind 49 Geheimnisse, die der Überlieferung zufolge in Grady zu entdecken sind. Es sind nicht zufällig 49 Kapitel, die sich Benedict Wells gönnt, um uns mit „Hard Land“ zu vereinen. Es ist die tiefe Poesie seiner Geschichte, die man einatmet und miterlebt.

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Ich erlebte eine Art von bipolarem Lesen in diesem Roman. Ich wollte der Handlung folgen, wurde jedoch immer wieder in meine Erinnerungen getrieben, um mich an einer Geschichte zu reiben, die Reibungsverluste erzeugt. Der erste Kuss. Die erste trunkene Schwerelosigkeit. Die Verzweiflung angesichts bevorstehender Trennungen. All dies war Teil meines Aufenthalts in Grady, untermalt vom Soundtrack eines Romans, der sich im Herzen verankert, wie die eigene Jugend. Benedict Wells erzählt nicht nur. Er spiegelt eigene Hoffnungen, Träume und Wünsche in seinen Lesern. Sein längster Sommer ist unser längster Sommer. Seine Unsicherheit wird zu der von Sam Turner. Er nimmt uns mit auf eine Reise ins „Hard Land„, die uns nicht unverändert entkommen lässt. Wenn er von der Heimat Grady schreibt, dann zupft er an den Saiten meiner Vergangenheit. Seine Worte erhalten durch unser eigenes Erinnern eine literarische Sprengkraft, der man schutzlos ausgeliefert ist.

„Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war. Ich meine, es ist in den letzten Jahren fast alles wahr geworden, was ich mir damals erträumt habe. Aber es war trotzdem nie so schön, wie davon zu träumen.“

Vertraut euch Benedict Wells an. Folgt ihm nach Missouri und lasst euch in einen Roman entführen, der seine Leser wie ein furioser Roadtrip durch die eigene Jugend fesselt. Man muss die 1980er nicht erlebt haben, um dieser Magie zu erliegen. Ja, man muss sie nicht selbst erlebt haben, um so darüber zu schreiben. Vielleicht ist es gerade die Distanz zu dieser realen Zeit, die es Benedict Wells ermöglicht hat, über Emotionen und die großen Fragezeichen im Leben zu schreiben. Mich hat er begeistert. Ich habe keine zehn Sekunden benötigt, mich in Kirstie Andretti zu verlieben. Ich habe mich vor dem 49. Kapitel in diesem Buch gefürchtet. Ich wollte das letzte Geheimnis von Grady nicht lüften. Vielleicht war sie genau hier wieder da. Meine Unsicherheit aus einer Zeit, in der sich das Erwachsenwerden noch so abstrakt anfühlte. Am Ende von allem danke ich gerade für dieses Schlusskapitel. Für jedes Wort… 

Und wer mir allein nicht glauben mag, so sieht´s aus, wenn eine Jungspundin den Jungspund liest. Der weibliche Blick aufs Buch in der Kategorie KateView:

Hard Land von Benedict Wells - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. JETZT.

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Selten hat mich bereits ein erster Satz so festgehalten – immer ein Zeichen, dass ich ein außergewöhnliches Buch in den Händen halte.

Vertrauensvoll ließ ich mich an die Hand nehmen, bereit, um mit Sam den Sommer seines Lebens zu erleben. Wir reisten gemeinsam in eine Zeit, die weder Benedict Wells noch ich erlebt haben. Und trotzdem SIND wir dort. Der Autor schafft es, dass wir Sam sind. Die Welt mit seinen Augen sehen, seine Gefühle fühlen, seine Gedanken denken, seine Ängste erleben. Jeden Augenblick des Lesens SIND wir in dieser euphancholischen Welt der wunderschönen Worte, der bemerkenswert treffenden Sätze und der ausdrucksstarken Bilder. Jeden Augenblick des Lesens WAREN wir in diesem Sommer – frei, jung, fast schon ein wenig kitschig – genau so muss es sich anfühlen. Sehnsüchtig auf die coolen Kids schauend, im Augenblick lebend.

All die Eindrücke, die warmen Steine des Bahndammes unter den nackten Füßen, der Nachhall des leise in der Ferne verschwindenden Güterzuges, das leise Sirren der Fahrradspeichen, der Geruch des Staubes in der Luft, das Gefühl des kalten Wassers des Badesees. All das war da, während ich mit Sam, Kirstie, Cameron und Hightower unterwegs war. All das, was ich selber nie erlebt habe, erlebte ich jetzt beim Lesen. In meiner eigenen Zeit war ich dafür nicht cool genug, jetzt durfte ich dabei sein.

Der Zauber des Erwachsenwerdens wird einem nicht bewusst, während man ihn selbst erlebt. Erst zurückblickend erkennt man die Dimensionen des eigenen Erlebens, des eigenen Erwachens und das, was einen zu einem selbst macht.

Und dann blicke ich zurück auf mein rappelvolles Leben und sage nur drei Worte:
„Gut gemacht, Benedict!“

Hard Land - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Mehr Informationen zuHard Land„, zu Benedict Wells, zu seinen Tourdaten und Hintergründen zum Roman findet ihr auf derHard-Land-Homepage„. Alleine schon der Trailer zum Buch ist sehenswert. Und jetzt, auf nach Grady mit euch.

In meinem Artikel zu Vom Ende der Einsamkeit findet ihr den Weg zum Interview mit Benedict Wells während der Leipziger Buchmesse 2016. Und im Artikel zu allen Radio-Talks in Leipzig ist eine Dia-Show dieses Gesprächs eingebaut. Er prägt meine Sehnsucht nach guten Geschichten bis heute. Die vorgestellten Neuerscheinungen des Frühjahrs stellen sich seiner literarischen Konkurrenz… Seht selbst…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells und mehr…

Update aus gutem Grund:

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt und habe zwei Bücher aneinander gerieben…

Hier kommt ihr zu einem Vergleich: Grady meets Klein Krebslow… 

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz