Offene See von Benjamin Myers

Offene See von Benjamin Myers - AstroLibrium

Offene See von Benjamin Myers

„The Offing“ ist der Originaltitel des Romans von Benjamin Myers, der im DuMont Buchverlag unter der Überschrift „Offene See“ erschienen ist. Ein Sehnsuchtsbuch, in dem es mitnichten um eine stürmische Reise auf hohen Wellenbergen geht. Es sind die Gegensätze, die sich anziehen. Es ist der Traum von der Weite des Meeres, der einen jungen Mann aus den gewohnten und vorbestimmten Mustern ausbrechen lässt. Es ist die pure Poesie, die Benjamin Myers in die literarische Waagschale wirft, um seinen emotionalen Roadtrip mit unseren tiefen Sehnsüchten zu verbinden. Es ist ein ruhiger, fast schon kontemplativer Roman, in dem das Meer das Ziel zu sein scheint. Aber nicht immer muss man sein Ziel erreichen, wenn man am Wegesrand die Entdeckung seines Lebens macht.

Wir befinden uns im England des Jahres 1946. Von Siegestaumel keine Spur. Das Land leidet, stöhnt unter den Wunden der Verluste und Entbehrungen, Trümmer weisen den Weg in die Zukunft, ein erstes zaghaftes Aufatmen ist zu spüren und die Menschen versuchen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Und schon wird es dem jungen Robert zu eng. Wo er zuvor in der Angst vor dem Krieg gefangen war, scheint es nun die Familientradition zu sein, die sein Leben in Schranken weist. Unter Tage liegt seine Bestimmung. Wie seine zahllosen Vorfahren ist es der Bergbau, der nach ihm ruft. Ein Leben in Dunkelheit, voller Entbehrungen und Risiken. Robert träumt größer. Er träumt anders. Er will zur offenen See. Zum Meer. Zum Offing, jener Zone, in der man keinen Losten braucht, um sich frei zu bewegen. Robert bricht auf, um in See zu stechen.

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Offene See von Benjamin Myers

„Ein paar Sommer hier, einige lange dunkle Winter da; Glück, Krieg, Krankheit,
ein bisschen Liebe, noch etwas mehr Glück, und plötzlich blickst du ins falsche 
Ende des Fernrohrs.“

Dem will Robert entgehen. Wo ist das Leben geblieben? Diese Frage treibt ihn um und wie so viele junge Menschen auf der Gratwanderung zum Erwachsenwerden strebt er nach mehr. Mit seinen gerade mal sechzehn Jahren bricht er auf. Unbefangen und voller Tatendrang sieht er den Weg zum Meer als einzige Alternative an, aus dem Trott zu fliehen, den andere für ihn geplant hatten.

„Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“

Benjamin Myers zelebriert diesen Neubeginn wie eine Wiedergeburt. Er beschreibt, wie sich die Natur von einer anderen Seite zeigt, wie das Atmen leichter wird und sich die Perspektive erweitert. Ein Aufbruchsroman getragen von der Metapher Meer. Jeder von uns kennt seinen eigenen Sehnsuchtsort. Jeder kennt die Destination, der man am liebsten alles Streben widmen würde. Und wir alle wissen, dass es oftmals schon reicht aufzubrechen, um dieser Sehnsucht zu entsprechen. Robert atmet auf. Wir atmen mit.

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Offene See von Benjamin Myers

„Je weiter ich mich von allem entfernte, das ich je gekannt hatte,
desto leichter fühlte ich mich… Jetzt atmete ich tief…“

Natürlich findet Robert seinen Ozean. Er findet seinen Sehnsuchtsort und doch ist es nicht die „Offene See“, die mit wilden Stränden und hohen Wellen auf ihn wartet. Es ist Dulcie Piper, die ihn unterwegs zur Übernachtung auf ihrem Cottage einlädt. Ja, sie ist augenscheinlich alt und ziemlich altmodisch gekleidet. Der Kontrast kann größer kaum sein. Sie empfängt den Pfadfinder und fesselt ihn mit ihrer unkonventionellen Art. Es ist diese Dulcie Piper, die sein Leben verändert. Es ist diese Frau, die zu Erfüllung seiner Sehnsucht wird und ihm Zugang zu einer verborgenen Welt verschafft, die Robert ohne sie wohl niemals wahrgenommen oder entdeckt hätte. Dulcie ist die „Offene See“.

Diese Begegnung besteht aus purer Inspiration und setzt diese in gleichem Maße frei. Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert sind geprägt von Offenheit, Vertrauen und einer guten Portion weltgewandter Melancholie. Es ist die Literatur, die Robert hier auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist eine Welt, in der es plötzlich möglich ist, Gefühle zu beschreiben. Die Welt, in der man seine Träume, Schwächen und Leidenschaft nicht mehr für sich behalten muss. Robert und Dulcie. Ein ungleiches Paar. Und doch ist es eine der wundervollsten literarischen Beziehungen, der wir uns hier ganz behutsam und vorsichtig nähern dürfen. Bis wir auf das große Geheimnis der alten Dame stoßen.

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Offene See von Benjamin Myers

Robert entdeckt das Manuskript eines Gedichtbandes. „Offene See“. Hier erkennt er, dass auch Dulcie Piper ihre Geheimnisse hat. Hier wird aus einer Begegnung eine Reise in die Vergangenheit der Frau, die ihn so unvoreingenommen aufgenommen hat. Es ist die bewegende Geschichte von Gedichten, die Dulcie auf den Leib geschrieben wurden. Die Tür in eine längst vergangene Welt. Hier treten auch wir durch die Tür zu einer neuen Geschichte. Voller Poesie, voller Emotion und Leidenschaft und von Seite zu Seite verlieben wir uns mehr in jene Frau, die diese Gedichte nicht lesen wollte, weil sie sie alle gelebt hat. Wer jemals an die Kraft von Poesie geglaubt hat, der sollte sich dieses besondere literarische Erlebnis nicht entgehen lassen.

Es ist die „Offene See“, die metaphorisch nach uns allen greift. Es ist die Magie dieses Manuskripts, das nun zum Leben erwacht. Es sind diese Gedichte, die Robert Dulcie Piper zum ersten Mal vorliest. Die Vergangenheit liegt zwischen den Zeilen und sie lässt eine Schriftstellerin auferstehen, die wie Robert nur als Besucherin bei Dulcie Piper war. Es ist die Macht des geschriebenen Wortes, die Benjamin Myers mit seinen Worten freisetzt. Es ist die doppelte Konsequenz des gelüfteten Geheimnisses, die im Roman zu einem denkwürdigen Erlebnis wird. Es ist die „Offene See„, die uns trunken vor Literatur und Liebe macht. Ein Meisterwerk.

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Offene See von Benjamin Myers

Manfred Zapatka hat „Offene See“ von Benjamin Myers für das Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingelesen. Er brilliert oft mit seiner markanten Stimme und dem feinfühlig-rauchigen Timbre, das zu seinem Markenzeichen wurde. Es ist nicht die Stimme eines Sechszehnjährigen, die uns hier durch diese Geschichte trägt. Es ist die Rückschau eines älteren Ichs von Robert, das in der emotionalen Retrospektive von der längst vergangenen Zeit erzählt. Einer Zeit, in der Dulcie Piper zur Wegbereiterin einer großen Karriere wurde. Man klebt an Manfred Zapatkas unsichtbar bleibenden Lippen, bis er den letzten Satz vollendet hat. Dann träumen wir weiter. Vorwärts, rückwärts und immer im Rhythmus der hohen Wellen, die dieser Roman geschlagen hat.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Sie ist eine der ganz Großen der französischen Literatur: Delphine de Vigan. Ihre Romane haben mein Lesen verändert, meine Wahrnehmung geschärft und gehören zu den wichtigsten Wegmarken in meiner kleinen Bibliothek. Sie hat „Loyalitäten“ von mir eingefordert, „Das Lächeln meiner Mutter“ zur Kunstform erhoben und es im Roman „Nach einer wahren Geschichte“ in ihr Leben als Schriftstellerin gespiegelt. Was für mich vor vielen Jahren mit „No & ich“ begann, setzt sich nun mit „Dankbarkeiten“ fort. Das Buch trägt mein persönliches Gefühl gegenüber der kreativen Lebensleistung von Delphine de Vigan in seinem Titel. Ich empfinde Gratitudes, Dankbarkeiten für jedes einzelne Wort aus ihrer Feder. Ein Gefühl, das sich erneut steigern sollte….

Während Delphine de Vigan in ihren bisherigen Büchern eher komplex angelegte und in sich verwobene Geschichten erzählte, besticht sie in „Dankbarkeiten“ durch die klar definierte und einfache Struktur ihres Erzählraumes. Man ist schnell drin in der Erzählung, freundet sich rasant mit den drei Protagonisten an, und wird von einem Plot aufgesaugt, der ein Unterbrechen des Lesens nicht erlaubt. Empathisch und gefühlvoll entführt uns Delphine in den letzten Lebensabschnitt einer Dame, deren Beruf sich dem Wort verschrieben hatte. Korrektorin bei großen Magazinen war sie. Wortgewaltig und präzise in ihren Formulierungen. Und jetzt? Im hohen Alter wird sie von einer Krankheit eingeholt, die sie besonders trifft. Aphasie. Der Verlust des Sprechvermögens.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Madame Seld, oder nennen wir sie einfach Michka, ist keinesfalls dement. Es sind die Worte, die verschwinden. Begriffe des täglichen Lebens, die plötzlich nicht mehr zu ihrem vormals reichhaltigen Sprachschatz gehören und die sie jetzt durch ähnliche oder gleichlautende zu ersetzen versucht. Michka hat Angst, fühlt, dass etwas zerreisst und, dass der Zustand in dem sie sich nun befindet unumkehrbar ist. Rücksichtsvoll lesen wir ihr die Worte von den Lippen ab, versuchen ihr auf die Sprünge zu helfen, um ihr das Gefühl zu vermitteln, sie immer noch gut zu verstehen. Sie selbst ahnt jedoch, dass ihr nicht nur die Worte entgleiten. Es ist das ganze Leben, das verschwindet.

Es ist Marie, eine junge Frau, die sich Michka verpflichtet fühlt, die nun die Reißleine zieht und die alte Dame davon überzeugt, dass ein Seniorenheim der sicherste Platz für die schwierige Lebensphase wäre. Abschied nun nicht mehr nur von Worten. Abschied vom gewohnten Umfeld, von der eigenen Wohnung und den Gegenständen, die sie ein Leben lang begleitet haben, all dies sorgt bei Michka für Albträume und das Gefühl, in einem Strudel zu versinken. Jerome, der Logopäde des Altenheims, wird als Therapeut mit der alten Dame konfrontiert und nun ist er gefordert, die Reste des Sprachschatzes zu bewahren und weitere Verluste zu verhindern. Die Übungen beginnen.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Aus dieser Dreierkonstellation gestaltet Delphine de Vigan ihren Erzählkosmos, in dessen Zentrum ein Fixstern namens Dankbarkeiten hell leuchtet. Eine junge Frau, in deren Leben viele offene Fragen toben und die nicht weiß, wie sie Michka danken soll. Ein Therapeut, der bevorzugt mit alten Menschen arbeitet, um einen ungelösten Konflikt zu kompensieren und die alte Dame, die am Ende des Lebens kaum noch die richtigen Worte findet, um die großen offenen Fragen der Vergangenheit zu beantworten. Es gibt noch einen letzten Wunsch, den man ihr erfüllen kann. Ihre Dankbarkeit zu übermitteln und den Menschen, die ihr einst das Leben gerettet haben zu zeigen, dass Michka sie nie vergessen hat.

Delphine de Vigan schreibt sich in die zunehmende Sprachlosigkeit der alten Dame hinein, als würde sie selbst in Aphasie versinken. Es ist beklemmend zu lesen, wie viele Worte sich verabschieden. Es ist ein brillanter literarischer Kunstgriff, der uns Michka trotzdem verstehen lässt, weil wir schnell fühlen, was sie eigentlich sagen will. Und es ist der alles überstrahlende Charakter der alten Dame, der sie zur eigentlichen Akteurin in diesem Roman macht. Nein, sie ist nicht vergesslich. Im eigentlichen Sinne ist sie es, die ihre beiden letzten Wegbegleiter therapiert. Hier ist es die fast sprachlose Michka, die ihr letztes Pulver verschießt, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Unglaublich emotional.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Delphine de Vigan richtet unsere Antennen neu aus, sie stellt uns auf Empfang und zeigt deutlich auf, wie wichtig ein aufrichtiger Dank sein kann. Wann haben wir uns bei jemandem bedankt, der mehr für uns getan hat, als es zu erwarten gewesen wäre? Wie haben wir uns bedankt und gibt es noch „Dankbarkeiten„, die wir noch nicht erwiesen haben? Diese Fragen bleiben uns Lesenden am Ende dieses unglaublich bewegenden Buchs. Das Ringen um gemeinsame Zeit mit uns nahestehenden Menschen mag eine der wesentlichen Triebfedern sein, um Verluste zu vermeiden. In Wahrheit jedoch geht es um die Qualität dieser Zeit, bevor alles endet. Diese Lektion überstrahlt dieses Buch.

Eine tiefe Hommage an die Dankbarkeit. Eine Hommage an Therapeuten, die sehen wann die Schlacht verloren ist und trotzdem weiter kämpfen. Ein großer Roman gegen die Selbstverständlichkeit von kleinen und bedeutenden Gesten. Dieses Buch ist nicht beliebig. Es ist in jeder Nuance besonders und bleibt haften. Wie es der Übersetzerin Doris Heinemann hier gelungen ist, der französischen Sprachlosigkeit zur Wortgewalt zu verhelfen, ist grandios. Ihrem Sprachschatz haben wir zu verdanken, dass Delphine de Vigans Originalvorlage mit Sprachwitz und Gewandtheit in der deutschen Ausgabe so harmonisch umgesetzt wurde.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Am Ende erwartet uns eine Begegnung, die von einer besonderen Sprache geprägt ist. Auch hartgesottene Leser sollten sich mit Taschentüchern wappnen, denn hier ist es die große Delphine de Vigan, die ihre Geschichte mit einem sprachlichen Knalleffekt ins Ziel bringt. Das muss man lesen, um es nachfühlen zu können. Das muss man auf sich wirken lassen, um den Hoffnungsschimmer am Ende der „Dankbarkeiten“ ganz tief zu verinnerlichen. Madame Seld zu vergessen, wird nicht gelingen. Vielleicht hilft ja ihr Roman dabei, uns dann ein bisschen Halt zu geben, wenn wir mit Menschen konfrontiert werden, denen ein dramatischer Verlust droht. Sei es Sprache oder Erinnerung. Sei es körperliche Gesundheit oder emotionaler Schaden. Ja, dieser Roman öffnet Horizonte.

Der vergessliche Riese“ von David Wagner und „Dankbarkeiten“ gehen Hand in Hand durch mein Lesen. Der empathische Umgang mit alten Menschen und die Würde, die ihnen durch diese Geschichten zurückgegeben wird sind unverzichtbare Elemente einer Gefühlslage, die in einer immer gefühlloser werdender Zeit abhanden kommt. Ich bedanke mich für diese Bücher.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

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Mit Éric Vuillard zurück nach Paris: 14. Juli – 1789 – Der Sturm auf die Bastille.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich bin abgehärtet. Dachte ich. Ich habe alles über den Holocaust gelesen und werde immer weiterlesen. Ich stoße dabei in Regionen vor, die nicht mehr nur den Zeitzeugen vorbehalten sind, und ich erwarte eigentlich, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nur noch in verfälschten oder überzeichneten Erzählungen aus dritter Hand anzufinden. Wie sehr man sich täuschen kann. Gerade in einer Zeit, in der man davon ausgeht, das Authentische und Wahre des Horrors nicht mehr vorzufinden, bahnen sich Geschichten ihren Weg an die Öffentlichkeit, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie fast nicht erzählt worden wären. Und ich dachte, ich hätte alles gelesen.

(Sie können diese Rezension auch bei Literatur Radio Hörbahn hören… hier…)

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich habe mich oft mit Kindern beschäftigt, die der Nazi-Ideologie zum Opfer gefallen sind. Kinder, die nicht mehr ins Rasse-Raster passten, deportiert, misshandelt, vergast oder totgespritzt wurden. Kinder, für die es keine Rettung gab. Von unwertem Leben ist die Rede gewesen. Von Volksschädlingen. Begriffe, die immer noch an mir zerren, wie böse Geister aus der Vergangenheit. Ich bin Kindern in ihre Verstecke gefolgt. Ich habe erlebt, wie sie mit ihren Familien denunziert und ermordet wurden. Und ich habe einige verzweifelte Versuche erlebt, in denen Eltern eigene Kinder weggegeben haben, um sie zu retten. Unvorstellbare Lebens- und Leidenswege verstecken sich hinter Geschichten und Familien dieser Zeit.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich lernte jetzt „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ kennen. Ihr Schicksal ist kein Einzelschicksal. In den besetzten Niederlanden haben unzählige jüdische Familien den Versuch unternommen, ihre Kinder bei Fremden in Sicherheit zu bringen. Es existierten Netzwerke zur Rettung dieser Kinder. Viele konnten gerettet werden, obwohl die Suche nach ihnen während des Zweiten Weltkrieges niemals ruhte. Viele Geschichten enden mit der Befreiung dieser Kinder. Ein Ende im Frieden. Überlebt. Nicht, wie Anne Frank, doch noch entdeckt und deportiert. Es sind versöhnliche Geschichten, die uns über die harte Realität der Befreiung ebenso hinwegtäuschen, wie der Begriff der Befreiung der Konzentrationslager. Das war kein Schlusspunkt. Es war der Beginn des neuen Aktes im Horrorszenario der unerwünschten Überlebenden, die plötzlich wieder in der Heimat auftauchten.

Wenn Bart van Es uns das Poesiealbum eines jungen Mädchens übereignet, dann haben wir es heute mit einer Geschichte zu tun, die so einzigartig und brillant erzählt ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Geschichte einer Frau, die sie uns niemals freiwillig erzählt hätte. Eine Geschichte, die tief im Inneren vergraben war, weil es ohne Familie keine Geschichte gibt. Das sagt sie noch heute. Lien de Jong. Im Alter von über achtzig Jahren hält sie es nicht für erzählenswert, weil sie keine Familie hatte. Und damit auch keine Geschichte. Dass sie sich Bart van Es anvertraute, gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Ergebnissen in der langen Kette der Zeitzeugen-Recherchen, da Bart van Es zu der Familie gehört, die Lien de Jong damals vor den Nazis versteckte. Eine Familie, die ihr, wie die eigene, verlorengegangen war.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bart van Es konfrontiert uns mit einem kaleidoskopischen Inferno, das in der Lage ist Menschen für immer zu zerstören, auch wenn sie nach objektiven Maßstäben zu der kleinen Gruppe der Überlebenden gehören. Die Geschichte seiner Familie ist auch die Geschichte des Widerstands in den besetzten Niederlanden. Es ist die Geschichte der Großeltern, die jüdische Kinder versteckten und so ihr eigenes Leben riskierten. Damit ist es auch die Geschichte von „Lientje“, der man im Alter von acht Jahren Obdach und Schutz gewährte. Ein Kind, dessen jüdische Eltern keinen anderen Ausweg sahen, um zumindest die eigene Tochter zu retten. Hier beginnt im Jahr 1942 eine Odyssee, die in den folgenden Jahrzehnten von weiteren nachhaltigen Verlusten geprägt sein sollte. 

Lientje hat den Krieg und die Verfolgung überlebt. Soweit so gut. Ihr Poesiealbum legt Zeugnis von Kindertagen, der eigenen Familie und der Zeit ab, in der die Angst um das eigene Leben der Vergangenheit angehören sollte. Und doch dauert es Jahrzehnte bis Bart van Es, lange nach dem Tod seiner Großeltern, diesem Mädchen auf die Spur kommt, das nach dem Kriegsende von den van Es adoptiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater aufgewachsen war. Er stellt den Kontakt wieder her und in schmerzhaften und intensiven gemeinsamen Gesprächen mit Lien de Jong entstand ein Buch, das die Grenzen des Begreifbaren oftmals überschreitet. Es ist eine Familiengeschichte, die ich in dieser schonungslos offenen und investigativ persönlichen Art und Weise noch nicht vor Augen hatte.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Es ist nicht nur die Geschichte der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Es ist nicht nur die verzweifelt erzählte dramatische Geschichte der Verluste eines kleinen Mädchens. Es ist nicht nur die Geschichte einer Rettung gegen alle Widerstände. Hier erleben wir nach der Zermalmung ihrer eigenen Familie die Spätfolgen dieses Verlusts. Hier werden wir mit einer alten Dame konfrontiert, die Zeit ihres Lebens darunter leiden musste, identitätslos und ohne eigene Geschichte durchs Leben zu gehen. Wir erleben eine Frau, die von weiteren Brüchen erzählt, die uns sprachlos machen. Brüche, die im Erzähler dieser Geschichte zu Verwerfungen führen, die er so nicht erwartet hätte. Was hatte dazu geführt, dass seine Großeltern und Lien de Jong sich lange Jahre nach dem Krieg aus den Augen verloren hatten. Was hat dazu geführt, dass aus Lientje das „Cut Out Girl“ wurde. Das Mädchen, das aus den Familienalben herausgeschnitten wurde?

Bart van Es kommt einer Geschichte auf die Spur, die er sicher nicht gerne entdeckt hätte, weil sie die Grundfesten seiner Familiengeschichte erschüttert. Und doch führt er sie zu ihrem Ende, weil er in den langen Gesprächen mit Lien realisiert, dass es nie zu spät ist, wenn es darum geht alte Wunden zu heilen. Er lässt Liens Perspektive auf die eigene Familie zu und gibt ihr Raum, sich endlich so zu fühlen, wie sie nie zuvor fühlen durfte. Was ihm auf diese Art und Weise gelingt, ist uns mit der Traumatisierung eines Kindes vertraut zu machen, die auch nach der Befreiung nach ihren Opfern greift. Wir dürfen nicht aufhören zu lesen, wenn es heißt: „Wir sind frei“. Wir müssen weiter folgen und begleiten. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Verletze Seelen heilen nicht in sich selbst.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es wird international gerade mit Preisen überhäuft. Es ist ein einzigartiges Buch, weil es nicht nur die Verarbeitung der Vergangenheit ermöglicht, sondern weil es tatsächlich etwas bewegt. Lien de Jong schwieg jahrzehntelang, weil man ja nur etwas zu erzählen hat, wenn man eine Familie hat. Dass sie heute in der Lage ist ihre Geschichte zu erzählen, hat genau damit zu tun. Bart van Es hat ihr etwas zurückgegeben, was ihre Traumatisierung gestohlen hatte. Er hat sie behutsam zurückgeholt. In seine Familie und damit in die Familie, die damals ihr Leben gerettet hatte. Ein verstörendes, ein ergreifendes, ein vernichtendes Buch. Aber auch ein Buch, dem es gelingt, auf den Trümmern der Geschichte etwas entstehen zu lassen, das verloren geglaubt war. Zugehörigkeit.

Wenn Sie sich für dieses Buch entscheiden, sollten Sie bereit sein sich auf einige Aspekte dieser Geschichte einzulassen, die völlig unerwartet jedoch mit voller Wucht zuschlagen. Verlust, Verfolgung, Trennung, Leben im Verborgenen und tägliche Angst ums Überleben sind signifikante Eckpfeiler von Zeitzeugenberichten, die uns bisher im Lesen begegnet sind. Der sexuelle Missbrauch der versteckten Kinder, die Weigerung, sie nach dem Krieg an ihre Eltern (sofern sie ihn überlebt haben) zu übergeben und die offizielle Sichtweise, ihr Schicksal in der Öffentlichkeit zu verschweigen, sind nur einige Aspekte, die mich lesend in die Magengrube trafen. Das Poesiealbum spiegelt die Welt vor, die es nie gab. Ganz besonders nicht für „Lientje“ Lien de Jong. Das Buch spiegelt eine Welt wider, die es möglich macht, die Wunden zu heilen. Zuvor jedoch muss man sie schonungslos aufreißen. Bart van es ist dies meisterhaft gelungen. Ein relevanteres Buch gegen die Ausgrenzung von Menschen kann es nicht geben.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Serotonin“ – Michel Houellebecq provoziert meine Sinne

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die bei Captorix am häufigsten zu beobachtenden unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz.
Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er ein Buch geschrieben hat. Die Rede ist von Michel Houellebecq. Es ist vulgär, wird man sagen. Es ist absolut brillant, wird man schreiben. Es ist der Abgesang eines abgehalfterten Autors in der größten Krise seines Lebens, wird man titeln. Und all das, weil er einen Roman geschrieben hat. (Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn)

Serotonin von Michel Houellebecq - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq – Die Rezension fürs Ohr

Michel Houellebecq. Der ständig polarisierende und durch die zerrissene französische Gesellschaft mäandernde Intellektuelle provoziert sich mit „Serotonin“ erneut ins Herz aller Diskussionen. Hatte er zuletzt mit „Unterwerfung“ die politischen Kontroversen in seinem Heimatland mit einem islamhaltigen Brandbeschleuniger zum Kochen gebracht, so ist es nun die depressive und libidinöse Abrechnung eines Mitvierzigers, der in einer frauenverachtenden Rückschau auf sein bisheriges verkorkstes Leben zum Entschluss kommt, nur noch der finale Ausstieg wäre der geeignete Schlussstrich unter ein Kapitel, das ausschließlich durch die Höhe des Serotoninspiegels beherrschbar war.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Wir begegnen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt, erfolgreicher Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium und depressiv. Diese jungen Mädchen“ sind Auslöser der wohl größten Krise seines bisherigen Lebens und gleichzeitig Stoppschilder seiner den Alltag bestimmenden Lust auf Sex. „Diese jungen Mädchen“ sind es, denen er zur Seite steht, denen er hilft einen Reifen zu wechseln und bei denen er gleichzeitig sieht, dass er sich darüber hinaus NICHTS mehr von ihnen zu versprechen hat. Er, der schon seit geraumer Zeit, zur Bekämpfung anhaltender Depressionen, unter dem Einfluss von Captorix steht, hat jegliche Standfestigkeit in Bezug auf seine Männlichkeit verloren. Er leidet unter der Perspektivlosigkeit, wohl nie wieder eine Frau ins Bett zu bekommen.

Und das passiert ausgerechnet IHM. Dann schöpft er rückblickend aus dem Vollem seiner erotischen Erinnerungen, seiner Experimente, seiner Unfähigkeit Sex und Liebe miteinander in Einklang zu bringen. Hier sieht er sich plötzlich auf den Trümmern seiner Existenz, die sich in materieller Hinsicht eigentlich auf der Habenseite befindet. Es liest sich nur mit Schaudern, was Florent-Claude über die Frauen schreibt, mit denen er sich bisher auf welche Art und Weise, wo und wie auch immer gepaart hat. Sein Frauenbild ist menschenverachtend, oberflächlich und sprachlich vulgär katastrophal. Hier liegt der Schlüssel für den letzten Bilanzstrich des pornografischen Buchhalters seiner selbst.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Reißleine, Ausstieg, Flucht und die Sorge, zumindest immer ein Raucherzimmer in den Hotels auf seiner finalen Reise zu finden, werden zu den Bestimmungsgrößen des Schlussakkords, den Houellebecq so komponiert, dass man im Fluss der „sentimental journey“ seines Protagonisten nicht mehr aus dem Lesen hinauskommt. Erst ganz am Boden liegend, sich von aller Oberflächlichkeit befreiend, wird die Sehnsucht in Florent-Claude wach, an die Orte seines emotionalen Scheiterns zurückzukehren und sich der Frau anzunähern, die er vermisst, seitdem er sie schändlich betrogen und verloren hat. Klarsichtig und unverfälscht verläuft die Analyse des Scheiterns. Schonungslos betreibt der Aussteiger die Jagd nach seinem früheren Ich. Hotels werden zu seinem Zuhause.

Wir erleben nicht das strahlend schöne und wildromantische Frankreich, das wir uns so gerne vorstellen. Wir befinden uns nicht im Paris der Touristen und Lichter. Wir sind im Herzen der „Grande Nation“ angekommen, in der Gelbwesten ohne Westen auf Polizisten losgehen und sich todesmutig für eine bessere Zukunft aufopfern. Wir sind in dem Frankreich angekommen, in dem Virginie Despentes ihren Vernon Subutex zum vagabundierenden Obdachlosen und Grenzgänger zwischen sozialen Schichten macht, in dem Leïla Slimani literarischen Kindsmord betreibt und sich der Hass eines Antoine Leiris nicht haben lässt. Es ist das Paris einer Delphine de Vigan, die schon lange die Loyalität gegenüber der malerischen Kulisse an den Nagel gehängt hat. Es ist die Tour de France eines kettenrauchenden Bestsellerautors, der polarisierend provozierend die Werte herausarbeitet, die sein Florent-Claude mit Füßen getreten hat.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.

Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit ich Michel Houellebecq auf diesem Höllenritt folgen wollte. Sein Roman „Serotonin“ hat mich mit verstörenden Sequenzen oftmals zu sehr abgeschreckt. Ich habe mich dem Protagonisten in seinem Menschenbild kaum annähern können. Und doch verspürte ich von der ersten Seite an, dass ich zum Opfer eines literarischen Spiels werden sollte. Ich las weiter, mein Serotoninspiegel stieg, ich war in der Lage, verstörende Bilder zu verkraften und in den Kern des Wesens dieses Romans vorzustoßen, den ich nicht mehr erwartet hatte. Es ist die Tristesse, die man hinter sich lassen muss, um verlorene Werte zu erkennen. Es ist die hässliche Fratze, die man im Spiegel sieht, die es zu zerschlagen gilt, um einen Weg zu finden, der nicht mehr auf der Landkarte des Lebens verzeichnet ist.

Wenn alle Masken fallen und alle Fehler der Vergangenheit offenkundig werden, erst dann ist man soweit, am Ende der Bilanzierung eine Entscheidung zu treffen. Erst dann erschließt sich das eigene Leben für jene Menschen, die uns so gerne begleiten würden. Erst dann ist eine letzte Diagnose möglich. „Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“ Ich bin auf eure Meinung zu Serotonin sehr gespannt. Ein Roman, der nach Disput schreit, zur Diskussion anregt und polarisiert. In jeder Beziehung echte Literatur, weil die Oberfläche sich niemals kräuseln würde. Tiefe erzeugt Stürme. Nur sie…

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