„Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Lassen Sie sich mit mir auf einen Versuch ein? Ein kleines Rezensions-Experiment zu einem Roman, der mich so intensiv beschäftigte, dass ich einfach einen neuen Weg finden musste um meine Emotionen zu beschreiben. Ich kann das Buch nicht sachlich vorstellen, weil es eine Geschichte erzählt, die mich bis ins Mark getroffen hat. Ich mag mich diesem Roman in Briefen nähern. Ja, Briefe an eine Romanfigur und eine Zeitung. Wenn Sie diese Frau im Buch kennenlernen, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich ihr einfach schreiben musste. Wenn Sie die Zeitungsnachrichten im Buch lesen, wissen Sie, warum ich einen Leserbrief verfassen musste. Und ganz zuletzt lassen diese Briefe darauf schließen, was Sie im Roman erwartet. Besonders der letzte Brief aus der Feder einer Gehassten. Lassen Sie sich darauf ein? Es wäre mir ein Vergnügen.

Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves – DuMont Buchverlag – Eine andere Rezension als sonst… Fan-Fiction vielleicht. Ganz persönlich bestimmt!

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Kilby Prison, Staatsgefängnis
Montgomery, Alabama
April 1926

Sehr geehrte Mrs. Martin!

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich muss Ihnen nur dringend schreiben, weil ich sonst mit niemandem darüber reden kann, was mich beschäftigt. Ich bin hier ein Gefangener, wie Ihr Ehemann Roscoe T. Martin. Wir sitzen schon seit fast vier Jahren in einer Zelle und ich mag Roscoe wirklich gern. Er arbeitet hier in der Molkerei und mit den Hunden. Freitags hilft er in der Bibliothek aus, weshalb wir ihn hier einfach „Books“ nennen. Ich weiß von Roscoe, dass er Bücher nur deshalb liebt, weil Ihr Vater eine große Bibliothek hatte. Dass die Farm, die Sie von ihrem Vater geerbt haben nichts für Roscoe war, das müssen Sie von Anfang an gewusst haben.

Oh ja, er ist so gerne Elektriker. Er liebt den Strom und die Kraft, den Fluss der Energie und das Neue daran. Kein Wunder, dass alles mit Strom begann und er nur deshalb im Knast ist. Das ist ihm schon klar und er kommt immer noch nicht damit zurecht, dass er einen Menschen umgebracht hat, weil er die Stromleitung angezapft hat, um Ihre Farm zu versorgen. Ja, das macht ihm zu schaffen. Ich schreibe Ihnen aber aus einem ganz anderen Grund. Man behandelt ihn hier schlecht. Echt mies. Und er ist schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er wieder auf die Beine kommt. Und er redet so oft von Ihnen. Er hat sogar mal geträumt, dass Sie ihn hier besucht haben. Nur. Das stimmt nicht. Seit dem Prozess hat er nichts mehr von Ihnen gehört. Sie haben ihn niemals besucht und seine Briefe (es waren echt viele) haben Sie nie beantwortet.

Was sind Sie für eine Frau? Warum sind Sie nie da? Warum lassen Sie nicht zu, dass Gerald ihn besucht? Roscoe vermisst seinen Sohn genauso wie er Sie vermisst. Er hat das alles doch für Sie getan. Er wollte, dass es mit der Farm aufwärtsgeht. Das war der einzige Weg für ihn und irgendwann hätte sich das mit den Stromleitungen sicher ganz allein geklärt. Dass dieser Monteur ihm auf die Schliche kam, das konnte er doch nicht ahnen. Und dass der Typ bei der Kontrolle der Leitungen ums Leben kam. Das tut ihm unendlich leid.

Dass Sie ihn hängenlassen, das ist jedoch der Sargnagel für ihn. Warum sind Sie so zu ihm? Schreiben Sie Ihrem Mann. Nur einen Satz. Das kann ihm das Leben retten. Und wenn Sie noch ein Herz im Leib haben, schreiben Sie ihm, was mit Wilson passiert ist. Roscoe fühlt sich schuldig, weil man seinen Neger-Komplizen (so hat der Staatsanwalt ihn genannt) gleich mit verurteilt hat. Und Roscoe beteuert immer wieder, dass Wilson unschuldig ist und er Angst davor hat, dass man ihn in eine Kohlemine gesteckt hat. Er weiß, wie man hier mit schwarzen Sträflingen umgeht. Wissen Sie was von Wilson?

Bitte schreiben Sie. Nur ein einziges Mal. 20 Jahre Haft sind hart. Schweigen ist härter.

Ein Freund Roscoe`s…

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Leserbrief an die Redaktion
Birmingham News
zum Prozess
Alabama Power Company
gegen Roscoe T. Martin

Seit Tagen verfolge ich aufmerksam Ihre Berichterstattung zum Prozess gegen Roscoe T. Martin. Schon schaurig zu lesen, wie die Leiche des Monteurs ausgesehen hat. Den hat Roscoe auf dem Gewissen. Das steht fest. Und wenn auch nur ein Hauch Wahrheit an der Geschichte des Pflichtverteidigers wäre, dass Mr. Martin das alles für seine Frau getan hat, dann… bitte… wäre sie doch beim Prozess dabei gewesen. Aber keine Spur von Mrs. Martin oder ihrem Sohn. Nur gerecht also, dass man diesen Stromdieb wegen Totschlags zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hat. Hoffe er kriegt keine Bewährung.

Warum haben Sie nicht von dem anderen Prozess gegen den Schwarzen berichtet? Er ist doch wohl auch verurteilt worden. Spielte doch sicher keine Rolle, dass er und seine Familie schon länger auf der Farm lebten, als die Martins und dass sie miteinander eng befreundet waren. Was sind das für Zeiten. Früher Sklaven, jetzt Hilfsarbeiter und Teil der Familie. Hoffe, dass dieser Wilson auch verknackt wurde. Und dann ab in die Mine.

Ein besorgter Bürger

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Mobile, Alabama
Offener Brief einer Gehassten
von Marie Martin

An alle, die alles besser wissen!

Ja, Sie wissen alle so gut Bescheid. Sie haben alles verstanden und klar, dass Sie mich hassen. Ich. Die Frau, die ihren Mann im Stich lässt, die nicht zum Prozess kommt, die ihn nicht besucht, die ihm nie schreibt und die sich nicht für ihn interessiert. Klar. Es ist so einfach, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. So einfach, wenn man nur das sieht, was man sehen will. Niemand will sehen was mir die Menschen bedeuten, die Sie immer nur Hilfsarbeiter nennen. Wilson, seine Frau Moa und die Kinder sind für Sie nur Schwarze. Was sie für mich sind werden Sie wohl nie erfahren. Was das Leben hier im Süden mit den Menschen macht, ist Ihnen egal. Was Alabama den schwarzen Bürgern antut, ist egal.

Da ist es leichter, mich zu hassen. Es ist wirklich so leicht. Vielleicht wird einmal in 100 Jahren jemand meine/unsere Geschichte erzählen. Wenn Sie mich dann noch hassen, dann mag es so sein. Aber vielleicht werden Sie dann besser verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es tat. Es wird Sie umhauen, wenn Sie das irgendwann einmal lesen. Weil Sie das nicht gedacht hätten. Niemand hätte so gehandelt wie ich. Nicht im Jahr 1921. Nicht in Alabama. Und nicht Jahre später.

Denn glauben Sie mir, es ist „Ein anderes Leben als dieses“, was ich mir gewünscht hätte. Es ist „Ein anderes Leben als dieses“, wie Sie es heute kennen und es ist „Ein anderes Leben als dieses“, zu dem man einen gutmütigen schwarzen Mann verurteilt hatte. Ich würde mir wünschen, dass jemand eines Tages diese Geschichte erzählt. Ich würde sie lesen. Und dann würde ich mich für mich selbst hassen. Und ich würde wohl Roscoe T. Martin immer noch lieben. Egal was Sie von mir halten.

Ohne jegliche Hochachtung,
Marie Martin

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Ich hoffe, Sie mit dieser außergewöhnlichen Form einer Rezension auf das Buch Ein anderes Leben als dieses neugierig gemacht zu haben. Der amerikanische Süden der 1920er Jahre war der exklusivste Nährboden für Rassismus, der nach dem Ende der Sklaverei einfach nicht auszurotten war. Zahllose Bücher zu diesem wichtigen Thema begleiten mich durch mein Lesen. Und sie zeigen dabei, dass sich das Leben der afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten nur unwesentlich verändert hat. Folgen Sie mir auf meinem Leseweg. Ein Thema, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten. Hier geht´s zu erkennbaren RassisMustern die uns helfen können zu verstehen, wie man sich als Mensch niemals fühlen sollte… Ungleich…

RassisMuster in der Literatur

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„Heimkehren“ von Yaa Gyasi – Lesen und Hören

Heimkehren von Yaa Gyasi – AstroLibrium

Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen auf gesetzlicher Grundlage vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden. Trifft das zu? Ist diese Definition richtig, wenn wir die Geschichte der Versklavung menschlichen Lebens betrachten oder muss man sogar einen Schritt weiter gehen? Reicht die Macht der Sklavenhalter nicht sogar über das Leben der versklavten Person hinaus und damit sogar bis in die Generationen hinein, die eigentlich nicht mehr in Ketten liegen? Das ist eine Frage, die nur dort beantwortet werden kann, wo die Herkunft der meisten Sklaven zu finden ist. Dort, wo sich ganze Gesellschaften mit Arbeitskräften versorgt haben und die Sklaverei gleichzeitig zum legalen Wirtschaftsmodell erhoben. In Afrika.

Ist es möglich, frei zu sein, frei zu werden und die Freiheit zu behalten, wenn man allein durch die Hautfarbe und die leidvolle Vergangenheit das Stigma der Sklaverei mit sich trägt? Können Schwarze in einer Welt der Weißen darauf hoffen, anders gesehen zu werden als mit der Brille des Rassismus und wie geht man als Betroffener damit um, sich nie wieder von Ketten befreien zu können, die vor Generationen bereits gesprengt wurden? Ta-Nehesi Coates hat das in seinem offenen Brief an seinen Sohn unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ aus der Perspektive eines schwarzen Vaters im von Rassismus geprägten Amerika unserer Tage beschrieben. Flucht ist unmöglich. Frei ist man nie und allein die Hautfarbe definiert noch heute den gesellschaftlichen Status der Nachfahren von versklavten Generationen.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie hat sich dieses Menschheitsbild entwickelt? Wie haben die Betroffenen und die Generationen nach ihnen dies erlebt und gefühlt? Fragen, die nicht unbeantwortet und unerhört bleiben müssen, wenn man den neuen Stimmen aus Afrika folgt. Autoren, die jenen eine Stimme geben, die stimmlos miterleben mussten, wie sie entrechtet wurden. Stimmen, die artikulieren, dass die Generationen nach der Befreiung jene unsichtbaren Ketten der Sklaverei noch immer tragen, spüren und fühlen. Stimmen, denen wir heute zuhören sollten. Es sind lautstarke Stimmen, die aufrütteln und die Welt verändern oder zumindest ein wenig zurechtrücken können. Es sind Schriftstellerinnen, wie Yaa Gyasi, die uns mit Geschichten konfrontieren, die man einfach an sich heranlassen muss.

Heimkehren ist eine solche Geschichte. Das Debüt der 1989 in Ghana geborenen und im Süden der USA aufgewachsenen Schriftstellerin Yaa Gyasa gehört zu den wohl aufsehenerregendsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei und ihren Folgen. Der Roman ist in seiner gebundenen Fassung im DuMont Buchverlag und als Hörbuchproduktion bei Der Audio Verlag erschienen. Ich habe gehört und gelesen, bin in eine längst vergangene Welt eingetaucht und habe aus verschiedenen Perspektiven erleben dürfen, was es bedeutet versklavt zu sein und was es nicht bedeutet, befreit zu werden. Dieser Roman hat mich in Ketten gelegt und wird mich nicht mehr in ein Leben entlassen, das so ist, wie es vorher war.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie stellt sie dies an? Wie erreicht Yaa Gyasi ihre Leser? Was unterscheidet diese Geschichte von anderen Romanen über die Geschichte der Sklaverei? Vielleicht ist es gar keine Geschichte der Sklaverei, die hier erzählt wird. Vielleicht ist es viel eher eine Geschichte von Menschen, ihren individuellen Lebenswegen und der Vorbestimmung, die sie zeitlebens verfolgt. Es ist eine Geschichte zweier Familien, die 1764 in Ghana beginnt. Es ist die Geschichte der Schwestern Effia und Esi, die sich nie begegnen und deren Lebenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Es sind die Geschichten ihrer Nachkommen, die ihre Brücken bis in unsere Zeit schlagen. 14 Perspektiven sind es, denen Yaa Gyasi ganz eigene Stimmen verleiht. Sieben Generationen dieses ganz besonderen Stammbaums zeugen davon, dass man sich niemals von den Wurzeln der eigenen Familie trennen kann. So sehr man dies auch versucht.

Diese mosaikartige Konstruktion macht diesen Roman so greifbar, da er keine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Es sind vierzehn einzelne Lebenswege, die sich uns erschließen und nur wir Leser wissen, was keiner der Protagonisten ahnt. Nur wir haben das Ganze im Blick. Wir sehen beide Äste des Stammbaums und erkennen die Wurzeln, Motive und Charaktere, die sich so sehr bedingen. Es sind diese Menschen und ihre Familien, denen wir begegnen. Die Nachfahren der Geschwister Effia und Esi und damit zugleich Erben zweier Lebenswege, denen fortan niemand mehr entrinnen kann. Effia, die als junges Mädchen mit einem englischen Offizier verheiratet wird und Esi, die zur gleichen Zeit versklavt wird. Zwei Wege, die das Leben ihrer Nachkommen bis in unsere Zeit definieren.

Heimkehren von Yaa Gyasi - AstroLibrium

Heimkehren von Yaa Gyasi

Es gibt also einen Familienzweig der freien Menschen, der sich schnell als fatal und ebenso wenig frei herausstellt, wie der Familienzweig, der in Sklaverei versinkt. Effia ist nur ein Spielzeug für den englischen Kolonial-Offizier. Seine schwarze Dirne, während er in England standesgemäß verheiratet ist. Damit reiht sich Effia in die Schlange jener Frauen ein, die den weißen Herren zu Diensten waren und deren illegale Kinder nur als Bastarde und Mischlinge zu sehen waren. Und doch meint es das Schicksal gut. Effias Sohn wird von seinem Vater anerkannt, nach England geschickt, ausgebildet und kehrt in seine Heimat Ghana zurück. Effias Sohn soll seinem Vater nachfolgen. Aus einem Kind Ghanas soll ein britischer Sklavenhändler werden.

Während Effia in der trügerischen Sicherheit einer Dirne lebt und dabei doch mehr Gefühle ins Spiel kommen, als je vermutet, liegt im Hafen ein Frachtschiff vor Anker, in dessen Rumpf sich Sklaven stapeln. Mitten unter ihnen, Esi, die Schwester Effias. Hier betreten wir mit Yaa Gyasi die abscheuliche und mehr als ekelhafte Welt des Handelns mit Menschen. Hier beginnt der Leidensweg von dem sich auch die Nachfahren Esis nie wieder befreien können. Hier macht die Autorin klar, was es bedeutet, in Sklaverei geboren zu werden und wie unmöglich es scheint, dieses Stigma abzulegen. Die Zeit heilt keine Wunden. Der amerikanische Bürgerkrieg nicht, John F. Kennedy nicht und keine noch so aufgeklärte Epoche danach. Hier entspricht der Roman in seinem Kern den Aussagen von Ta-Nehisi Coates. Freiheit schmeckt anders.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Folgen Sie Yaa Gyasi auf einen Streifzug durch sieben Generationen, erleiden Sie Ungerechtigkeiten ohne Beispiel, werden Sie zu Hoffnungsträgern einer Generation im Kampf gegen Vorurteile. Und erleben Sie, wie sich diese Lebenswege immer wieder zu kreuzen scheinen, ohne sich zu begegnen. Alles kehrt zurück zu seinen Wurzeln, alles folgt einer Bestimmung und afrikanische Legenden von Feuerfrauen erzählen nicht nur hohle Floskeln, sondern gehen tiefer. „Heimkehren“ ist ein außergewöhnliches Buch, das uns selbst verleitet, einen neugierigen Blick in unseren Stammbaum zu werfen. Wo hat alles angefangen, warum bin ich der, der ich bin und welchen Weg habe ich selbst gewählt? Fragen, die unabhängig von unserer Hautfarbe von unseren Vorfahren selbst beantwortet werden könnte. Schade, dass sie schweigen…

Ich habe „Heimkehren“ nicht nur gelesen, sondern hauptsächlich gehört. Hier ist eine Hörbuchproduktion gelungen, die genau diesem Buch die Krone aufsetzt. Es sind vierzehn prominente Sprecher und Sprecherinnen, denen es nicht nur gelingt, uns die Geschichte näherzubringen, sondern ihr eine solch tiefe Individualität zu verleihen, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Hier werden es vierzehn Charaktere mit eigener Stimme und mit eigenen Gefühlen, die uns an die Hand nehmen und durch schöne, aber eben auch grausame Zeiten führen. Großes Kino für Herz und Verstand. Alle Sprecher legen alles in diese Charaktere. Allein jedoch Jule Böwe (die für mich immer Julia sein wird, die Tochter von „Augustus“ von John Williams) als Esi, das Frachtstück an Bord eines Sklavenschiffes begleiten zu können, gehört für mich zu den emotionalsten Momenten, die ein Hörbuch vermitteln kann. Und Stefan Kaminski morpht sich mit seiner Stimme erneut in mein Hirn. Ein Hörbuch, das Maßstäbe setzt, und ein Roman, der Grenzen in unserem Verstand zu überschreiten vermag. So sehr empfehlenswert.

Auch Anja ist in „Zwiebelchens Plauderecke“ inzwischen heimgekehrt. Lesen!

Heimkehren von Yaa Gyasi – Afrika und AstroLibrium

Afrika in der kleinen literarischen Sternwarte. Ein ganz eigener Lesekontinent.

„Der Freund der Toten“ von Jess Kidd

Der Freund der Toten von Jess Kidd

„Ein Mann könnte fast vergessen, weshalb er hergekommen ist,
wenn die wunderbare Mulderrig-Nacht ihm alleine gehört.“

Dieses Zitat aus dem Roman Der Freund der Toten von Jess Kidd, erschienen im DuMont Buchverlag, hat große Bedeutung für mich. Ich habe es während des Lesens in meinen Gedanken so oft umformuliert und vor mir hergetragen, weil es den tiefen Kern der Lese­gefühle, die mich durch dieses Buch getragen haben, widerspiegelt. Ein Mann könnte wirklich ver­gessen, warum er hergekommen ist, wenn dieses wunderbare Buch ihm alleine gehört. Mir jedenfalls ging es so. Ich vergaß die Welt um mich herum, wollte ein­fach nur lesen und dachte in keinem Moment daran, was am Ende des Romans auf mich warten würde.

Selten entführen mich Romane so umfänglich in eine ganz eigene Welt. Selten bin ich derart gefesselt, dass ich keine Rahmen­bedingungen hinterfrage, Plausi­bili­täten auf den Zahn fühle oder die Fantasie über meinen zweifelnden Realismus siegen lasse. Ich bin offen dafür, aber nicht viele Autoren legen den emotionalen Schalter in mir in einer solchen Dimension um, wie es Jess Kidd mit ihrer Sprache, ihrer Romanidee und ihren Charak­teren gelungen ist. Ich wurde zum Treibgut in einer Geschichte, deren Strömung teils sanft vor sich hin strudelt, über ungeahnte Tiefen führt, bis sie schließ­lich in einem tosenden Wild­wasser­strom gipfelt. Eine Rafting-Lesereise der besonderen Art…

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Ich bin zurück in Irland. Irland. Immer wieder sind Geschichten, die hier angesiedelt sind auch von der mystischen Atmosphäre inspiriert, die über der grünen Insel weht. Es sind der be­son­dere Heimatbegriff, die Verbun­denheit mit der Natur, Tradi­tionen und die alten Legen­den, die wir mit Irland verbinden und die unser Leserherz öffnen, wenn wir in einer guten Geschichte auf die Menschen treffen, die hier leben. Mulderrig heißt das Reiseziel. Ein im eigent­lichen Sinne eher ver­schla­fenes kleines Nest, in dem so gut wie nie etwas passiert. Sieht man mal von dem ab, was niemals hätte geschehen dürfen.

Jess Kidd führt uns Mulderrig in zwei Zeit­scheiben vor Augen. Handlungsfäden, in denen die Bewohner des idyllischen Örtchens die Konstante darstellen, ver­knüpfen die Geschichte zu einem dichten Teppich, der 1950 entstand und 1976 zum ersten Mal von jemandem betreten wird, der ihn niemals hätte betreten dürfen. 26 Jahre ist es her, seit Orla Sweeny Mulderrig mit ihrem Baby verlassen hat. Jahre die nichts anderes bewirkt haben, als grünes Gras über die Sache wachsen zu lassen. Verdrängt. Vergessen und weit weg sind die Ereignisse von einst.

Nur uns Lesern steht klar vor Augen, was im Mai 1950 geschehen sein muss. Das erste Kapitel des Romans lässt keinen Zweifel daran, was Orla zugestoßen ist. Wir sind Zeugen des dunklen Geheimnisses, das mehr als zwei Jahr­zehnte in Mulderrig aus den Köpfen und Her­zen der Menschen verdrängt wurde. Scheinbar für immer. Bis 1976 ein ungewöhnlicher Mann auftaucht und das verschla­fene Nest aus dem Koma reißt. Sein Name ist Mahony. Ein wenig abgehalftert wirkt der Mann, der im Alter von 26 Jahren in den Ort zurück­kehrt, in dem er zur Welt gekommen ist. Sein Weg bis hierher? Typisch für ein Findel­kind. 1950 vor einem Kinderheim ausgesetzt, strengstens erzogen, keine schöne Kindheit, in falsche Kreise geraten und als klein­krimineller Hippie durchs Leben gemogelt.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Zwei Welten, die einander nie begegnet wären treffen nun aufeinander. Menschen, die sich niemals hätten sehen dürfen, stehen sich nun unversehens gegenüber und das Gras, das man über der verschwun­denen jung­en Mutter wachsen ließ, beginnt sich zu rühren. Und alles wegen eines Briefes, den Mahony erst vor wenigen Tagen erhielt.

„Dein Name ist Francis Sweeny.
Deine Mammy war Orla Sweeny .
Du bist aus Mulderrig, County Mayo.
Deine Mammy war die Schande von Mulderrig…
Sie lügen alle, also sei auf der Hut.“

Nun ist er da. Verwegen, langhaarig, ungepflegt aber attraktiv und auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Mutter. Mahony zeigt sich, er sieht das Erkennen in den Augen der Menschen, weil er die Augen seiner Mutter hat. Er stößt auf Schweigen. Ein Schweigen, das seit 26 Jahren wie ein fester Mantel des Ein­vernehmens dicht gehalten hat. Doch nun bröckelt die oberste Schicht, als Mahony in der alten Schauspielerin Mrs. Cauly eine treue Verbündete findet. Die zwar gebrechliche, aber äußerst furcht­lose und angriffs­lustige Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, schmiedet einen kreativen Plan.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd fasziniert mit der tiefen Charakterzeichnung von Menschen im Wandel der Zeit. In Rückblenden wird das Mulderrig des Jahres 1950 greifbar. Die Wurzeln aus der Ver­gangen­heit reichen bis zum Jahr 1976. 26 Jahre sind nicht viel Zeit, um vor der Geschichte zu fliehen. In dem kleinen irischen Ort entwickelt sich ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen schlechtem Gewissen, Loyalität, Angst, Hass und Mut. Alleine diese Ingre­dienzien hätten für eine grandiose irische Ge­schichte völlig ausgereicht. Nur nicht aus Sicht der Autorin, der es gelingt, diese Story um eine Dimen­sion zu erweitern, die das Mulderrig unserer Wahr­nehmung zu einem Traum- und Herzensort in unserem Lesen werden lässt. Jess Kidd gibt all jenen Raum, die nicht mehr für sich selbst reden können. Sie lässt das mystische und magische Irland von der Leine, sie gibt Legenden Raum und lässt Mahony wahrnehmen, was nur wenige wahrhaben wollen.

Er ist „Der Freund der Toten“. Er nimmt sie wahr, sie begleiten ihn und öffnen in der unglaublich atmos­phärischen Beschreibung der Verstorbenen die Tür zu einer Welt, in der Mulderrig in fahlem Licht erscheint. Es sind die melan­cholischsten Augenblicke des Lesens, ihnen zu begegnen. Dem alten Trinker, der verzweifelt versucht im Pub an ein Bier zu gelangen. Der alten Lehrerin, die ihre alte Schule argwöhnisch im Blick behält und die kleine Ida Munnelly, die nur sieben Jahre alt werden durfte und seit ihrem Tod auf der Suche nach ihrem gelben Jojo ist.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd beschwört den Geist von Jean Paul Sartre und lässt ihre Leser oft an das Drehbuch „Das Spiel ist aus“ denken. Bewegend und skurril, emotional und traurig ist es, den Toten zu begegnen, die nur Mahony sieht, weil er bereit für sie ist. Und sie sind es für ihn. Ein Roman auf zwei Ebenen, der uns keine Sekunde an der Existenz dieser Geister zweifeln lässt. Ein Roman, der durch die Perspektiv­vermischung besticht. Eine Ge­schich­te, die in Mahony einen unvergesslichen Prota­gonisten hat, der beide Seiten unserer Existenz spürt. Unvergessen bleiben für mich seine Begeg­nungen mit der toten Ida und ihrer Mutter, die immer noch lebt. Unvergessen auch, warum Mahony die Toten sieht und warum sie ihm helfen, das Rätsel zu lösen:

„Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Unge­schrie­benen, den Beschädigten und Gebrochenen, zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihrer Geschichte, die die Toten gerne füllen würden. Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest.“

Lasst diesen Roman in eurem Verstand zu. Spielt das mystische Gedankenspiel der Autorin mit und schließt ab und an das Buch und stellt euch vor, wer euch beim Lesen beobachtet. Genießt die Poesie der Beschrei­bungen, die unfassbar gut erzählte Story und einen Ausflug in ein Irland, das irischer nicht sein könnte. Und grüßt bitte die kleine Ida von mir, wenn ihr sie trefft. Ich habe da ein Jojo gefunden.

Meine Irland-Empfehlungen: Die Geschichte des Regens und Brooklyn

Der Freund der Toten von Jess Kidd – Irland und AstroLibrium

„Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Oh ja. Hier. Ich möchte sofort umziehen. Mein Leben ist so langweilig und öde, dass ich meinen Lebens­schwerpunkt unbedingt verlagern muss. Eine male­rische Kleinstadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika hat es mir angetan. Es sind nicht nur die erschwing­lichen Häuser und Wohnungen, die mich faszinieren. Es liegt auch an den Menschen, die diesem Ort ein ganz besonderes Flair verleihen. Und natürlich liegt es an den Nachrichten, die mich aus North Bath im Bundesstaat New York erreichen. Also echt, wenn man sich für Idylle und Beschau­lichkeit in feinster Wohngegend und im Einklang mit der Natur interessiert, dann sollte man eher fernbleiben. Sollte man jedoch eine Ader für skurrile Typen und pro­vinz­ielles Ambiente haben, dann gibt es nur diesen einen Ort auf Erden, um glücklich zu werden.

Ein Mann der Tatvom Pulitzerpreisträger Richard Russo lässt allerdings die Mieten in diesem Kaff erstaunlich in die Höhe schnellen, denn wer lässt sich das schon gerne entgehen, was hier geboten ist? Ernsthaft! Ich nicht. So verlagere ich meinen Wohnsitz für genau 686 Seiten nach North Bath. Mich stören keine Unkenrufe, die von Gestank und Um­welt­ver­schmut­zung künden. Eine eklig riechende Dunst­wolke über dem neuen Vorzeigeprojekt der Gemeinde soll wohl eher abschrecken. Was soll`s? Ich lasse mich auch nicht von Gerüchten über einstürzende Neubauten oder verloren­gegangene und nicht wieder­gefundene Gift­schlangen verunsichern. Nein. Ich bin da! Jetzt.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der Friedhof Hilldale…

Herrlich ist es hier. Das „Memorial-Day-Wochenende“ lädt einfach zum Verweilen ein. Die Straßen sind geschmückt (Ok – mit ziemlich faden­scheinigen Trans­parenten) und die tollen Restaurants (Schnellimbisse von gestern) strahlen im fettigen Glanz, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Und das Schulzentrum (unbedeutend im Vergleich zur Nachbar­stadt) wartet auf die Umbenennung nach der längst verstorbenen und von den meisten ehemaligen Schülern gehassten Lehrerin des Ortes. Also, alles fein, wäre da nur nicht der unpassende Zeitpunkt meiner Anreise. Die meisten Leute sind gerade unterwegs und haben sich zur Beisetzung des ehemaligen Richters von North Bath auf dem Friedhof Hilldale versammelt. Und ja, so wie mein erster Blick von einem offenen Grab angezogen wird, so beginnt Richard Russo seinen Roman.

„Ein Mann der Tat“ steht vor dem Sarg und wartet darauf, dass die Zeremonie bald vorüber ist. Er ist ja auch falsch angezogen für diese Hitze. Die Polizei­uniform gibt ihm auch angesichts seines etwas durch­einander­geratenen Gesund­heits­zustands den Rest. Und so verwundert es nicht, dass Chief Raymer angesichts einer nie enden wollenden Trauerrede und in eigene tiefe Gedanken versunken zum Opfer des Tages wird, in sich zusammensinkt und kopfüber ins offene Grab stürzt. Echt kein Wunder. Solche Pannen passieren ihm eigentlich oft. Doch während wir zuerst nur Äußer­lich­keiten wahrnehmen, ist es Richard Russo, der uns in die Gedanken der Menschen blicken lässt, die sich am Grab des Richters versammelt haben.

Zum Beispiel fühlen wir intensiv mit Chief Raymer, der gerade den einzigen Beweis für die Untreue seiner Frau verloren hat. Eine Fernbedienung zur Garage ihres Lovers, die er in ihrem Auto fand und nun zweifelt er daran, diesen Typen jemals zu finden.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Kampf gegen den Müll…

Eine wuchtige amerikanische Erzählung voller Lokal­kolorit beginnt sich Raum zu verschaffen und Richard Russo nimmt sich die Zeit, seine Charaktere zu zeichnen. Er begnügt sich nicht mit blassen Skizzen oder stereotypen Blaupausen. Seine Menschen sind Menschen, die aus dem Leben gegriffen sind. Sie passen in diese Stadt, als hätten sie dort wirklich seit Jahrzehnten ihre Spuren hinterlassen. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich, als wäre man selbst Teil dieser Gemeinde, als wäre man den Menschen schon selbst begegnet und zunehmender Lesedauer taucht man selbst tiefer und tiefer in den Erzählraum ein.

Da ist die Besitzerin eines kleinen Lokals, deren Ehe­mann sein Hobby so weit treibt, dass es den Lebensraum der Familie zu erobern scheint. Allein die Schilderung dieses Kleinkrieges um jeden freien Qua­drat­zentimeter Wohnraum ist es wert, sich auf diese Reise einzulassen. Schrott und Plunder, Sperrmüll und Weggeworfenes. Das ist seine Bestimmung und je intensiver Zack sie lebt, desto mehr Lebensraum wird durch diese Sammelwut verdrängt. Wie in einem eska­lierenden Gefecht steht Ruth diesem Chaos gegenüber. Sie macht Zu­ge­ständ­nisse, stellt Regeln auf und kämpft einsam gegen den Müll an. Eine plötzlich auftauchende riesige Lagerhalle auf ihrem Grundstück bringt das Fass zum Überlaufen.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der einsame Rächer…

Es sind die kleinen Zwistigkeiten und Verwerfungen, zu deren Zeugen wir werden und die uns so bekannt vor­kommen, als würden sie sich in unserer Nachbarschaft oder sogar in unserem Leben abspielen. Die Summe der Verwerfungen jedoch konzentriert sich in North Bath auf einen einzigen Mann, den Loser, den Gescheiterten, den Knacki, der vor nichts zurück­schreckt. Roy steht seit Jahren mit jedem Bürger dieser Kleinstadt auf Kriegs­fuß. Die Ehe gescheitert, Raubüberfälle auf­geflo­gen, die Gefängnisstrafe ver- und das Besuchsrecht bei der eigenen Tochter eingebüßt.  Wo alle Handlungsfäden es auch nur ermöglichen, Roy ist in ihnen gefangen und das ist genau der Zustand, den er am wenigsten ertragen kann.

Everybody`s Fool heißt Russos Roman in seiner Originalfassung. Wie treffend. Wie sagen wir so schön? „Everybody darling is everybodys Depp“ Wäre unser guter Police-Officer doch nur ein wenig konsequenter, wäre er von seinem Job nicht frustriert und würde er auf die Ratschläge seiner Mitarbeiterin und ihres Bruders hören, er hätte das beste Leben, das man sich nur vorstellen kann. So allerdings gerät er zwischen die Fronten der Betrogenen, der Enttäuschten und der Desillusionierten. Es trennen ihn ein paar Meilen von der Bezeichnung „Ein Mann der Tat“ und doch scheint in ihm so viel mehr zu schlummern, als man auf dem Boden eines offenen Grabes vermuten könnte.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Die Todesliste…

Richard Russo erzählt fabelhaft. Manchmal wirkt er wie das Sprachrohr der Gerüchte in diesem Kleinstadt-Szenario. Dann wieder mutiert er schon fast analytisch zum „North Bath-Leaks“ und enthüllt schonungslos alle Missstände. Die Umwelt ist sekundär, das Zwischen­menschliche wird überbewertet, das Ego wird gepflegt und Rassismus steht eigentlich immer auf der Tages­ordnung. Der Underdog wird zur Gefahr für die Gruppe und das Alter zermürbt selbst den enga­gier­testen Geist.

Es gibt da eine Liste im Buch. Sie ist handschriftlich erstellt. Sie gehört Roy. Er, dem man immer vorwirft, er würde sich keine Gedanken machen, hat nachgedacht. Nur eins ist offen auf der Liste. Die Reihenfolge. Fünf Menschen hat er aufgeschrieben, die sein Leben verändert haben. Fünf Menschen, an denen Rache nehmen will. Und bei dem was er vorhat ist der Kiefer­bruch, den er seiner Frau verpasst hat eine Lappalie. Lesen Sie doch selbst, ob sich ihm jemand  in den Weg stellen wird. Ob sich „Ein Mann der Tat“ findet, oder ob „Everybody`s Fool“ in Schockstarre verharrt und weiter nach dem Typen sucht, zu dem die Fremdgeh-Fernbedienung einer Garage gehört. Neugierig?

Richard Russo ist für jede Wendung des Schicksals gut, weil er ein schicksalhafter und begnadeter Schriftsteller ist.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

„Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer – [Buch- und Hörbuchvorstellung]

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Romane über das Leben von Schriftstellern üben einen besonderen Reiz auf mich aus, da solche Geschichten, egal wie fiktional sie auch angelegt sind, doch immer auch Geschichten aus dem Milieu der Literatur sind. Ein Bereich, den wir zu kennen glauben, wie unsere Bücherwestentaschen. Ein Setting, in dem man uns nichts vormachen kann und in dem wir uns von der ersten Seite an zuhause fühlen. Bücher über Bücher lassen uns Power-Leser mit dem behaglichen Gefühl des Wohlbekannten tief eintauchen, weil wir uns genau hier so wohl fühlen, wie Lesebändchen in gebundenen Büchern.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer lässt nicht unbedingt auf den ersten Blick darauf schließen, dass wir es hier mit einem bibliophil angehauchten Roman zu tun haben. Es lohnt der zweite Blick, denn auch das Cover mit seinen zahllosen Nadelstichen verführt den nach Literatur-Romanen suchenden Leser nicht unbedingt zum Reinlesen. Schade, denn wir würden wirklich etwas versäumen, wenn wir diesen Roman aus dem Dumont Verlag als reine Beziehungsgeschichte in die Schublade der nicht zu lesenden Bücher stecken würden.

Das wäre ein Fehler, da die in New York lebende Schriftstellerin die Literatur an sich in den eigentlichen Mittelpunkt ihres neuesten Romans stellt. Die Perspektive ist dabei so persönlich und doch ungewöhnlich gewählt, dass man das Streben nach Anerkennung und Erfolg im Literaturbetrieb und die Liebe zum Schreiben als Lebensmittelpunkt einer Ehe erlebt. Meg Wolitzer macht uns für genau 270 Seiten zu den Weggefährten zweier Menschen, die von der Literatur vereint wurden. Joe und Joan Castleman. Er: Großer Schriftsteller vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Sie: „Die Ehefrau“.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Rollen sind verteilt. Sie waren es nicht immer. Ganz am Anfang der Geschichte, zu Beginn ihrer Beziehung in der Mitte der Fünfziger Jahre sah dies anders aus. So ist es in den meisten Beziehungen. Sie verändern sich, unterliegen einem Wandel, der von Innen kommt und sind nicht losgelöst von gesellschaftlichen Veränderungen. Man sieht die Veränderungen erst im Rückblick auf ein ganzes Leben. Man bemerkt den Wandel erst, wenn man dessen Auswirkungen beurteilen kann. Joan Castleman blickt zurück.

Der Zeitpunkt für diese Rückschau könnte schöner nicht sein. Zumindest aus Sicht der Ehefrau eines der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Zumindest, wenn es sich bei der rückblickenden Ehefrau um eine ebensolche handelt, also eine Frau, die in ihrer Rolle lebt, sich mit ihr arrangiert hat und die keine Überraschungen mehr erwartet. Hier liegt der Hase im Pfeffer der Geschichte, den Joan ist wirklich alles, nur nicht das brave Mütterchen am heimischen Herd, das die Kinder aufzieht und dem Mann das Leben so angenehm wie möglich macht, damit er große Romane schreiben kann.

Sie ist keine der…

„Frauen, die ihre Loyalität nicht logisch erklären konnten, die sich festklammerten, weil es das Verhalten war, das ihnen am vertrautesten war, mit dem sie sich am wohlsten fühlten.“

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Und doch ist der Zeitpunkt absolut genial, denn Joan und Joe Castleman sind auf dem Weg nach Helsinki, wo ER mit dem höchstdotierten Literaturpreis ausgezeichnet werden soll. Es ist zwar nicht der Nobelpreis, aber immerhin. Nach dem Pulitzerpreis ist der Helsinkipreis der eigentliche Höhepunkt in Joe`s Schriftstellerleben. ER kann es kaum erwarten, im Mittelpunkt des literarischen Weltinteresses zu stehen. SIE begleitet ihn. Ist an seiner Seite. Bereit für den Smalltalk am Wegesrand. Bereit für alles, was von der Ehefrau eines Preisträgers erwartet wird. Fast bereit…

Wären da nicht die Gedanken an ihre gemeinsame Vergangenheit. Wären da nicht diese grüblerischen Momente während des Langstreckenfluges, in dem sich ihre Körper zwar nach vorne bewegen, die Gedanken von Joan jedoch auf der Strecke bleiben, weil sie in Überschallgeschwindigkeit zu den Anfängen ihrer Beziehung zurückreist. Miles & More. Jeder Flugkilometer, der sie Helsinki näher bringt sorgt dafür, dass sich Joan ein wenig weiter von dem Mann entfernt, der sich neben ihr in die goldene Zukunft räkelt.

Eine Zukunft, die sich für den großen Schriftsteller nahezu perfekt anfühlt. Wenn Joe jedoch wüsste, welche Gedanken im Hirn seiner Ehefrau toben, dann würde er ein wenig nervöser in seinem Business-Class-Sitz lümmeln. Denn, so wie fast jede Ehe, ist auch ihre Beziehung von einem Geheimnis überschattet, das auf keinen Fall jetzt, also absolut nicht jetzt, gelüftet werden sollte. Aus der Sicht seiner Ehefrau könnte es jedoch der richtige Moment sein, den Tag seiner Krönung zu nutzen, um ihrer Demütigung ein Ende zu bereiten. Doch darüber will nach vierzig Jahren Ehe gut nachgedacht sein.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Meg Wolitzer lässt uns in den Erinnerungen von Joan stöbern, mitfühlen, mitleiden und mitdenken. Sie entwirft ein sozialkritisches Ehe-Panorama, das sich anfühlt wie die Achterbahnfahrt der Gefühle. Im Mittelpunkt steht die riskante Gratwanderung zwischen der Rolle als brave und bescheidene Ehefrau und der verhinderten eigenen Karriere als Schriftstellerin. Die Zeit war nie reif für eine Autorin namens Joan Castleman. Nun stellt sich die Frage, ob sie es je sein wird. Ist es zu spät?

Dieser Roman wirft einen humorvollen und doch auch erschreckenden Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Doch bleibt dem Leser das Lachen oft im Hals stecken, wenn man sich veranschaulicht, welche Opfer gebracht werden müssen, um sich Erfolg zu erarbeiten. Der Preis kann zu hoch sein und das gemeinsame Leben kosten. Endlich in Helsinki angekommen, ahnen wir, welche Zeitbombe in der Beziehung tickt. Ob „Die Ehefrau“ es allerdings wagt, die Bombe platzen zu lassen, das sollte man selbst lesen.

Oder vielleicht doch lieber hören? Denn das gleichnamige Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verführt in seiner gekürzten Lesung mit fast 8 Stunden dazu, neben den beiden Eheleuten Platz zu nehmen und den Flug nach Helsinki zu wagen. Die Stimme von Gabriele Blum verleiht dieser Geschichte eine besondere Authentizität, da sie mit dem Charakter von Joan Castleman zu verschmelzen scheint. Selbstbewusst und doch auch immer wieder an sich zweifelnd trägt uns die versierte Sprecherin durch die Story.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Ich könnte mir Gabriele Blum perfekt als Synchronsprecherin der Schauspielerin Glenn Close vorstellen. Das wäre insofern genial, da Die Ehefrau 2017 im Kino zu sehen sein wird. Und das mit Glenn Close in der Hauptrolle als Joan Castleman. Diese Charakterrolle mit Charme scheint der Grande Dame des amerikanischen Films wie auf den Leib geschneidert zu sein. Vielleicht gelingt ihr in dieser Produktion, den begehrten Oscar zu gewinnen. Die Story ist jedenfalls mehr als oscarreif und ich freue mich schon darauf, nach Buch und Hörbuch im nächsten Jahr auch den Film zu erleben.

Ich bin sehr gespannt auf die Film-Joan, die sich so sehr danach sehnt, endlich aus ihrer Rolle als Ehefrau eines erfolgreichen Schriftstellers fliehen zu können. Dazu muss sie nur die Aufmerksamkeit der richtigen Leute auf sich ziehen. So war es immer in der Welt der Literatur. Wessen Aufmerksamkeit?

„Die der Männer.., die Rezensionen schreiben, die die Verlage leiten, die in den Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die entscheiden, wen man ernst zu nehmen hat, wer für den Rest seines Lebens auf einen Sockel gestellt wird. Wer das neue Ding ist.“

Meine Aufmerksamkeit hat sie.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer - Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

Die Ehefrau von Meg Wolitzer – Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

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