„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

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Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

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Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

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Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

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„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich bin abgehärtet. Dachte ich. Ich habe alles über den Holocaust gelesen und werde immer weiterlesen. Ich stoße dabei in Regionen vor, die nicht mehr nur den Zeitzeugen vorbehalten sind, und ich erwarte eigentlich, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nur noch in verfälschten oder überzeichneten Erzählungen aus dritter Hand anzufinden. Wie sehr man sich täuschen kann. Gerade in einer Zeit, in der man davon ausgeht, das Authentische und Wahre des Horrors nicht mehr vorzufinden, bahnen sich Geschichten ihren Weg an die Öffentlichkeit, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie fast nicht erzählt worden wären. Und ich dachte, ich hätte alles gelesen.

(Sie können diese Rezension auch bei Literatur Radio Hörbahn hören… hier…)

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich habe mich oft mit Kindern beschäftigt, die der Nazi-Ideologie zum Opfer gefallen sind. Kinder, die nicht mehr ins Rasse-Raster passten, deportiert, misshandelt, vergast oder totgespritzt wurden. Kinder, für die es keine Rettung gab. Von unwertem Leben ist die Rede gewesen. Von Volksschädlingen. Begriffe, die immer noch an mir zerren, wie böse Geister aus der Vergangenheit. Ich bin Kindern in ihre Verstecke gefolgt. Ich habe erlebt, wie sie mit ihren Familien denunziert und ermordet wurden. Und ich habe einige verzweifelte Versuche erlebt, in denen Eltern eigene Kinder weggegeben haben, um sie zu retten. Unvorstellbare Lebens- und Leidenswege verstecken sich hinter Geschichten und Familien dieser Zeit.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich lernte jetzt „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ kennen. Ihr Schicksal ist kein Einzelschicksal. In den besetzten Niederlanden haben unzählige jüdische Familien den Versuch unternommen, ihre Kinder bei Fremden in Sicherheit zu bringen. Es existierten Netzwerke zur Rettung dieser Kinder. Viele konnten gerettet werden, obwohl die Suche nach ihnen während des Zweiten Weltkrieges niemals ruhte. Viele Geschichten enden mit der Befreiung dieser Kinder. Ein Ende im Frieden. Überlebt. Nicht, wie Anne Frank, doch noch entdeckt und deportiert. Es sind versöhnliche Geschichten, die uns über die harte Realität der Befreiung ebenso hinwegtäuschen, wie der Begriff der Befreiung der Konzentrationslager. Das war kein Schlusspunkt. Es war der Beginn des neuen Aktes im Horrorszenario der unerwünschten Überlebenden, die plötzlich wieder in der Heimat auftauchten.

Wenn Bart van Es uns das Poesiealbum eines jungen Mädchens übereignet, dann haben wir es heute mit einer Geschichte zu tun, die so einzigartig und brillant erzählt ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Geschichte einer Frau, die sie uns niemals freiwillig erzählt hätte. Eine Geschichte, die tief im Inneren vergraben war, weil es ohne Familie keine Geschichte gibt. Das sagt sie noch heute. Lien de Jong. Im Alter von über achtzig Jahren hält sie es nicht für erzählenswert, weil sie keine Familie hatte. Und damit auch keine Geschichte. Dass sie sich Bart van Es anvertraute, gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Ergebnissen in der langen Kette der Zeitzeugen-Recherchen, da Bart van Es zu der Familie gehört, die Lien de Jong damals vor den Nazis versteckte. Eine Familie, die ihr, wie die eigene, verlorengegangen war.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bart van Es konfrontiert uns mit einem kaleidoskopischen Inferno, das in der Lage ist Menschen für immer zu zerstören, auch wenn sie nach objektiven Maßstäben zu der kleinen Gruppe der Überlebenden gehören. Die Geschichte seiner Familie ist auch die Geschichte des Widerstands in den besetzten Niederlanden. Es ist die Geschichte der Großeltern, die jüdische Kinder versteckten und so ihr eigenes Leben riskierten. Damit ist es auch die Geschichte von „Lientje“, der man im Alter von acht Jahren Obdach und Schutz gewährte. Ein Kind, dessen jüdische Eltern keinen anderen Ausweg sahen, um zumindest die eigene Tochter zu retten. Hier beginnt im Jahr 1942 eine Odyssee, die in den folgenden Jahrzehnten von weiteren nachhaltigen Verlusten geprägt sein sollte. 

Lientje hat den Krieg und die Verfolgung überlebt. Soweit so gut. Ihr Poesiealbum legt Zeugnis von Kindertagen, der eigenen Familie und der Zeit ab, in der die Angst um das eigene Leben der Vergangenheit angehören sollte. Und doch dauert es Jahrzehnte bis Bart van Es, lange nach dem Tod seiner Großeltern, diesem Mädchen auf die Spur kommt, das nach dem Kriegsende von den van Es adoptiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater aufgewachsen war. Er stellt den Kontakt wieder her und in schmerzhaften und intensiven gemeinsamen Gesprächen mit Lien de Jong entstand ein Buch, das die Grenzen des Begreifbaren oftmals überschreitet. Es ist eine Familiengeschichte, die ich in dieser schonungslos offenen und investigativ persönlichen Art und Weise noch nicht vor Augen hatte.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Es ist nicht nur die Geschichte der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Es ist nicht nur die verzweifelt erzählte dramatische Geschichte der Verluste eines kleinen Mädchens. Es ist nicht nur die Geschichte einer Rettung gegen alle Widerstände. Hier erleben wir nach der Zermalmung ihrer eigenen Familie die Spätfolgen dieses Verlusts. Hier werden wir mit einer alten Dame konfrontiert, die Zeit ihres Lebens darunter leiden musste, identitätslos und ohne eigene Geschichte durchs Leben zu gehen. Wir erleben eine Frau, die von weiteren Brüchen erzählt, die uns sprachlos machen. Brüche, die im Erzähler dieser Geschichte zu Verwerfungen führen, die er so nicht erwartet hätte. Was hatte dazu geführt, dass seine Großeltern und Lien de Jong sich lange Jahre nach dem Krieg aus den Augen verloren hatten. Was hat dazu geführt, dass aus Lientje das „Cut Out Girl“ wurde. Das Mädchen, das aus den Familienalben herausgeschnitten wurde?

Bart van Es kommt einer Geschichte auf die Spur, die er sicher nicht gerne entdeckt hätte, weil sie die Grundfesten seiner Familiengeschichte erschüttert. Und doch führt er sie zu ihrem Ende, weil er in den langen Gesprächen mit Lien realisiert, dass es nie zu spät ist, wenn es darum geht alte Wunden zu heilen. Er lässt Liens Perspektive auf die eigene Familie zu und gibt ihr Raum, sich endlich so zu fühlen, wie sie nie zuvor fühlen durfte. Was ihm auf diese Art und Weise gelingt, ist uns mit der Traumatisierung eines Kindes vertraut zu machen, die auch nach der Befreiung nach ihren Opfern greift. Wir dürfen nicht aufhören zu lesen, wenn es heißt: „Wir sind frei“. Wir müssen weiter folgen und begleiten. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Verletze Seelen heilen nicht in sich selbst.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es wird international gerade mit Preisen überhäuft. Es ist ein einzigartiges Buch, weil es nicht nur die Verarbeitung der Vergangenheit ermöglicht, sondern weil es tatsächlich etwas bewegt. Lien de Jong schwieg jahrzehntelang, weil man ja nur etwas zu erzählen hat, wenn man eine Familie hat. Dass sie heute in der Lage ist ihre Geschichte zu erzählen, hat genau damit zu tun. Bart van Es hat ihr etwas zurückgegeben, was ihre Traumatisierung gestohlen hatte. Er hat sie behutsam zurückgeholt. In seine Familie und damit in die Familie, die damals ihr Leben gerettet hatte. Ein verstörendes, ein ergreifendes, ein vernichtendes Buch. Aber auch ein Buch, dem es gelingt, auf den Trümmern der Geschichte etwas entstehen zu lassen, das verloren geglaubt war. Zugehörigkeit.

Wenn Sie sich für dieses Buch entscheiden, sollten Sie bereit sein sich auf einige Aspekte dieser Geschichte einzulassen, die völlig unerwartet jedoch mit voller Wucht zuschlagen. Verlust, Verfolgung, Trennung, Leben im Verborgenen und tägliche Angst ums Überleben sind signifikante Eckpfeiler von Zeitzeugenberichten, die uns bisher im Lesen begegnet sind. Der sexuelle Missbrauch der versteckten Kinder, die Weigerung, sie nach dem Krieg an ihre Eltern (sofern sie ihn überlebt haben) zu übergeben und die offizielle Sichtweise, ihr Schicksal in der Öffentlichkeit zu verschweigen, sind nur einige Aspekte, die mich lesend in die Magengrube trafen. Das Poesiealbum spiegelt die Welt vor, die es nie gab. Ganz besonders nicht für „Lientje“ Lien de Jong. Das Buch spiegelt eine Welt wider, die es möglich macht, die Wunden zu heilen. Zuvor jedoch muss man sie schonungslos aufreißen. Bart van es ist dies meisterhaft gelungen. Ein relevanteres Buch gegen die Ausgrenzung von Menschen kann es nicht geben.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Serotonin“ – Michel Houellebecq provoziert meine Sinne

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die bei Captorix am häufigsten zu beobachtenden unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz.
Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er ein Buch geschrieben hat. Die Rede ist von Michel Houellebecq. Es ist vulgär, wird man sagen. Es ist absolut brillant, wird man schreiben. Es ist der Abgesang eines abgehalfterten Autors in der größten Krise seines Lebens, wird man titeln. Und all das, weil er einen Roman geschrieben hat. (Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn)

Serotonin von Michel Houellebecq - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq – Die Rezension fürs Ohr

Michel Houellebecq. Der ständig polarisierende und durch die zerrissene französische Gesellschaft mäandernde Intellektuelle provoziert sich mit „Serotonin“ erneut ins Herz aller Diskussionen. Hatte er zuletzt mit „Unterwerfung“ die politischen Kontroversen in seinem Heimatland mit einem islamhaltigen Brandbeschleuniger zum Kochen gebracht, so ist es nun die depressive und libidinöse Abrechnung eines Mitvierzigers, der in einer frauenverachtenden Rückschau auf sein bisheriges verkorkstes Leben zum Entschluss kommt, nur noch der finale Ausstieg wäre der geeignete Schlussstrich unter ein Kapitel, das ausschließlich durch die Höhe des Serotoninspiegels beherrschbar war.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Wir begegnen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt, erfolgreicher Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium und depressiv. Diese jungen Mädchen“ sind Auslöser der wohl größten Krise seines bisherigen Lebens und gleichzeitig Stoppschilder seiner den Alltag bestimmenden Lust auf Sex. „Diese jungen Mädchen“ sind es, denen er zur Seite steht, denen er hilft einen Reifen zu wechseln und bei denen er gleichzeitig sieht, dass er sich darüber hinaus NICHTS mehr von ihnen zu versprechen hat. Er, der schon seit geraumer Zeit, zur Bekämpfung anhaltender Depressionen, unter dem Einfluss von Captorix steht, hat jegliche Standfestigkeit in Bezug auf seine Männlichkeit verloren. Er leidet unter der Perspektivlosigkeit, wohl nie wieder eine Frau ins Bett zu bekommen.

Und das passiert ausgerechnet IHM. Dann schöpft er rückblickend aus dem Vollem seiner erotischen Erinnerungen, seiner Experimente, seiner Unfähigkeit Sex und Liebe miteinander in Einklang zu bringen. Hier sieht er sich plötzlich auf den Trümmern seiner Existenz, die sich in materieller Hinsicht eigentlich auf der Habenseite befindet. Es liest sich nur mit Schaudern, was Florent-Claude über die Frauen schreibt, mit denen er sich bisher auf welche Art und Weise, wo und wie auch immer gepaart hat. Sein Frauenbild ist menschenverachtend, oberflächlich und sprachlich vulgär katastrophal. Hier liegt der Schlüssel für den letzten Bilanzstrich des pornografischen Buchhalters seiner selbst.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Reißleine, Ausstieg, Flucht und die Sorge, zumindest immer ein Raucherzimmer in den Hotels auf seiner finalen Reise zu finden, werden zu den Bestimmungsgrößen des Schlussakkords, den Houellebecq so komponiert, dass man im Fluss der „sentimental journey“ seines Protagonisten nicht mehr aus dem Lesen hinauskommt. Erst ganz am Boden liegend, sich von aller Oberflächlichkeit befreiend, wird die Sehnsucht in Florent-Claude wach, an die Orte seines emotionalen Scheiterns zurückzukehren und sich der Frau anzunähern, die er vermisst, seitdem er sie schändlich betrogen und verloren hat. Klarsichtig und unverfälscht verläuft die Analyse des Scheiterns. Schonungslos betreibt der Aussteiger die Jagd nach seinem früheren Ich. Hotels werden zu seinem Zuhause.

Wir erleben nicht das strahlend schöne und wildromantische Frankreich, das wir uns so gerne vorstellen. Wir befinden uns nicht im Paris der Touristen und Lichter. Wir sind im Herzen der „Grande Nation“ angekommen, in der Gelbwesten ohne Westen auf Polizisten losgehen und sich todesmutig für eine bessere Zukunft aufopfern. Wir sind in dem Frankreich angekommen, in dem Virginie Despentes ihren Vernon Subutex zum vagabundierenden Obdachlosen und Grenzgänger zwischen sozialen Schichten macht, in dem Leïla Slimani literarischen Kindsmord betreibt und sich der Hass eines Antoine Leiris nicht haben lässt. Es ist das Paris einer Delphine de Vigan, die schon lange die Loyalität gegenüber der malerischen Kulisse an den Nagel gehängt hat. Es ist die Tour de France eines kettenrauchenden Bestsellerautors, der polarisierend provozierend die Werte herausarbeitet, die sein Florent-Claude mit Füßen getreten hat.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.

Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit ich Michel Houellebecq auf diesem Höllenritt folgen wollte. Sein Roman „Serotonin“ hat mich mit verstörenden Sequenzen oftmals zu sehr abgeschreckt. Ich habe mich dem Protagonisten in seinem Menschenbild kaum annähern können. Und doch verspürte ich von der ersten Seite an, dass ich zum Opfer eines literarischen Spiels werden sollte. Ich las weiter, mein Serotoninspiegel stieg, ich war in der Lage, verstörende Bilder zu verkraften und in den Kern des Wesens dieses Romans vorzustoßen, den ich nicht mehr erwartet hatte. Es ist die Tristesse, die man hinter sich lassen muss, um verlorene Werte zu erkennen. Es ist die hässliche Fratze, die man im Spiegel sieht, die es zu zerschlagen gilt, um einen Weg zu finden, der nicht mehr auf der Landkarte des Lebens verzeichnet ist.

Wenn alle Masken fallen und alle Fehler der Vergangenheit offenkundig werden, erst dann ist man soweit, am Ende der Bilanzierung eine Entscheidung zu treffen. Erst dann erschließt sich das eigene Leben für jene Menschen, die uns so gerne begleiten würden. Erst dann ist eine letzte Diagnose möglich. „Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“ Ich bin auf eure Meinung zu Serotonin sehr gespannt. Ein Roman, der nach Disput schreit, zur Diskussion anregt und polarisiert. In jeder Beziehung echte Literatur, weil die Oberfläche sich niemals kräuseln würde. Tiefe erzeugt Stürme. Nur sie…

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Darktown“ von Thomas Mullen

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

RassisMuster in der Literatur zu erkennen, gehört zu den nachhaltigen Missionen der kleinen literarischen Sternwarte. Von James Baldwin bis zu Harper Lee habe ich mich auf der Hauptroute meines Lesens immer wieder auf die Abwege begeben, die es mir ermöglichen, der Geschichte des Rassismus auf die Spur zu kommen. Ich habe mir Bücher ausgesucht, die der Benachteiligung und Verfolgung afroamerikanischer Bürger in den USA Raum geben. Ich habe mich durch die Zeitscheiben nach der Abschaffung der Sklaverei gelesen, bin Schriftstellern und Schriftstellerinnen mit ihren Protagonisten durch eine Welt gefolgt, die sich nur kaum verändert hat. Black Lives Matter. Noch nie war eine Bewegung der heutigen Zeit so sehr in der Geschichte verhaftet. Nie zuvor ist es so zwingend notwendig gewesen, die Ursachen zu kennen, um die Symptome eines Rassismus wahrzunehmen, der heute noch allgegenwärtig ist.

Eine Lise der relevanten Bücher finden Sie am Ende dieses Artikels. Ich kann Sie nur herzlich einladen, diesem Leseweg zu folgen, weil er dem Schwarzweißdenken ein Ende setzen kann. Bisher jedoch bin ich zumeist den Opfern der Ausgrenzung gefolgt. Bisher las ich viel über die Schicksale der Justizopfer. Ich folgte Menschen, die in guter Tradition der amerikanischen Sklaverei bis zum heutigen Tag von der Exekutive anders behandelt werden, als der weiße Teil der Bevölkerung. Erschreckend, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Heute jedoch wechsle ich die Seite. Ich folge im guten Glauben an eine bessere Welt einer bahnbrechenden Entwicklung im Süden der USA. Wir befinden uns in Georgia. In Atlanta und damit mittendrin in DARKTOWN, dem von Schwarzen bewohnten Stadtteil der Stadt. Wir befinden uns im Jahr 1948 und alles ist anders, als es jemals zuvor war.

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

Die ersten „Negroe-Officers“ des Atlanta-Police-Departments haben ihren Dienst angetreten. Acht schwarze Polizisten, die nun ihren Dienst in den Straßen einer Stadt verrichten, die zutiefst im Denken des alten amerikanischen Südens verhaftet ist. Hier bin ich auf der Spur eines Meilensteins der Gleichberechtigung. Endlich Bewegung im System. Endlich ist das Ende der Ausgrenzung absehbar. Hoffnungsvoll beginne ich im Roman „DARKTOWN“ von Thomas Mullen mein Lesen und Hören. Hoffnungsvoll lerne ich die acht Polizisten kennen, die für den schwarzen Bevölkerungsanteil der Stadt wie absolute Heilsbringer wirken mussten. Ende der Willkür. Ende der Angst vor der Polizei und ihrer Allmacht. Endlich ein Fortschritt. Doch schon nach wenigen Zeilen bin ich fast am Ende aller Hoffnung angelangt.

Thomas Mullen hat sich tief in die Geschichte dieser Cops hineinrecherchiert. Er beschreibt die Situation in Atlanta, die zur Gründung dieser Einheit führte und dann ist auch schon Schluss mit Gleichberechtigung. Selten zuvor war Ausgrenzung so greifbar und im wahrsten Sinne des Wortes ungerecht. Schnell wird klar, dass diese Polizisten nur als hohles Zugeständnis an die plötzlich wahlberechtigten dunkelhäutigen Bürger in Atlanta gesehen werden können. Ihre Befugnisse sind gleich null. Sie tragen Uniform in Darktown. Mehr nicht. Es ist ihnen verboten zu ermitteln, es ist ihnen verboten, weißen Mitbürgern Grenzen aufzuzeigen, auch wenn diese das Gesetz übertreten. Es ist ihnen verboten das Polizeipräsidium zu betreten. Sie sind Staffage einer Exekutive, die keine Negroe-Officer duldet. Ihre Vorgesetzten sind Rassisten. Ihre weißen Kollegen spotten über sie und betrachten sie als reine Lachnummer. Im Falle echter Verbrechen dürfen sie allenfalls ihre weißen Kollegen informieren, die dann mit aller Macht des Gesetzes eingreifen.

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

Thomas Mullen verankert in dieser historisch verbrieften Ausgangssituation eine Story, die eine Gratwanderung zwischen den Grenzen der Hautfarben ist. Er wirft die schwarzen Polizisten in ein Gefecht, das sie nicht gewinnen können. Er reibt sie auf und konfrontiert sie mit der Wirklichkeit des Lebens als absolut zahnlose Gesetzeshüter in einer Stadt, in der die Kriminalität ausufert. Der Mord an einer jungen dunkelhäutigen Frau wirft Fragen auf. Zuletzt wurde sie mit einem Weißen gesehen. Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei farbige Polizisten aus Darktown sind die Letzten, die das Mädchen lebend gesehen habe. Doch niemand interessiert sich für den Mord. Niemand ermittelt. Das Schicksal der farbigen Toten ist der Justiz keine Mühe wert. Die beiden Polizisten überschreiten ihre Kompetenzen und beginnen mit der Jagd nach dem Mörder. Es sind mühsame Ermittlungen gegen einen Feind von außen und gegen die eigenen Kollegen. Natürlich diejenigen mit weißer Hautfarbe. 

„Darktown“ überzeugt mit seinen Perspektivwechseln und der Dynamik, mit der uns die unglaubliche Geschichte überrollt. Wir erleben die abstruse Situation, in der sich farbige Polizisten quasi illegal mit Ermittlungen beschäftigen. Wir erleben, wie sehr sie dabei selbst der Willkür ausgesetzt sind und wie hilflos sie mit anschauen müssen, wie dass Unrecht weite Kreise zieht. Ein schwarzes Leben ist nichts wert. Es zählt nicht und so geraten die beiden Negroe-Officer in ein zähes Gefecht, in dem sie nicht ahnen wo ihre wahren Gegner sitzen. Einzig ein weißer Polizist erkennt die Ungerechtigkeit in den eigenen Reihen. Einzig ein Kollege wagt es, sich zu verbünden. Hier verschwimmt das starre Gefüge der Rassentrennung. Hier wird aus der Geschichte ein Lehrstück für Loyalität, Gleichbehandlung und Rechtsempfinden. Eine Story, die nicht mehr loslässt, wenn man einmal im Leben seinen Fuß in DARKTOWN auf die Straße gesetzt hat.

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Darktown von Thomas Mullen

David Nathan gibt „DARKTOWN“ in der Hörbuchproduktion aus dem Hause Der Audio Verlag seine Stimme. 14 Stunden lang dürfen wir ihm durch die Straßen einer Stadt folgen, die sich als lebensgefährlich für schwarze Bürger erweisen. Nathan bleibt sachlich. Er hält sich zurück. Er erzählt wie ein Chronist und schildert die Fakten, wie in einem Sachbuch. Das passt an den Stellen, an denen es gilt, Fakten zu vermitteln. Hier nimmt er den Tonfall von Thomas Mullen auf und schildert, erklärt und erläutert. Als das Ausmaß der Ungerechtigkeit die Überhand gewinnt, geht der Sprecher aus sich heraus. Er scheint wechselweise zu im- und zu explodieren. Monologe werden zu emotionalen Anklagen, Verhöre zu Gewaltorgien, Gedanken zu Fackeln des inneren Aufruhrs. Hier steigert David Nathan sich und uns in einen Kriminalfall hinein, der so viel mehr ist, als nur die Geschichte eines Mordes.

„DARKTOWN“ – erschienen im DuMont Buchverlag – ist Anklageschrift und auch Plädoyer zugleich. RassisMuster treten offen zutage. Gerade die Rollenverteilung hat hier unglaubliche Sprengkraft. Je näher die Negroe-Officer dem Kern des Verbrechens kommen, umso gefährlicher wird die Geschichte für sie. Die Ungerechtigkeit ist spürbar wie selten zuvor in einem Buch über die Benachteiligung von Menschen, die zur Unzeit mit der „falschen“ Hautfarbe am falschen Ort sind. Man muss diese Geschichte kennen, um die Automatismen zu verstehen, die auch heute noch dafür ausschlaggebend sind, dass dunkelhäutige Bürger in den USA bei Polizeikontrollen Angstschweiß auf der Stirn bekommen. Ta-Nehesi Coates hat das eindrucksvoll beschrieben. Black Lives Matter steht sinnbildlich für die immer noch vorherrschende Angst. Laufen Sie doch Streife im Herzen von Atlanta, Georgia. Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären ein Negroe-Officer. Hoffnung einer ganzen Generation. Silberstreif am Horizont der Rassentrennung. Und dann gehen Sie einen Schritt weiter… Lassen Sie sich das Wort Menschenwürde ganz genüsslich auf der Zunge zergehen. Ein grandioses Buch. Ein relevantes Buch.

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

Hier die Liste meiner relevanten Bücher gegen den Rassismus:

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter
Mercy Seat von Elizabeth Winthrop
Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates
Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves
Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
Von dieser Welt und Beale Street Blues von James Baldwin
Mudbound – Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
Lincoln im Bardo von George Saunders
John F. Kennedy – Zeit zu handeln – Ein Bilderbuch von Shana Corey

Und nicht zuletzt meine Selbstbetrachtung: Warum ich kein Rassist bin

Darktown von Thomas Mullen - AstroLibrium

Darktown von Thomas Mullen

„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – Ein Weckruf

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Ich bin loyal. Das stelle ich einfach mal in den Raum. Loyal gegenüber Schriftstellern, die mich schon mehrfach aus der Komfortzone meines Denkens befreien konnten und mir mit ihren Werken neue Sichtweisen, unvergessliche Lese- sowie Hörmomente oder einfach nur gut erzählte Geschichten ins Leben geschrieben haben. Sie genießen den Vertrauensvorschuss, den sich ein „neuer“ Autor in meinem Lesen erst erwerben muss. Ihnen liefere ich mich gerne aus, weil ich aus eigener Erfahrung abschätzen kann, dass ich nicht enttäuscht werde. (Diese Rezension kann man auch im Radio hören. Hier.)

Loyalitäten von Delphine de Vigan – Die Rezension fürs Ohr

Ja, Leser können loyal sein. Sie gehen mit ihren Herzensschriftstellern Allianzen ein, die man fast schon als heilig bezeichnen könnte. Sie folgen ihnen ergeben, treu, integer und ziehen, wenn erforderlich, auch für sie in die Schlacht. In diesem besten Sinne der literarischen Loyalität gehöre ich zum linientreuen Gefolge von Delphine de Vigan. Ja, man kann mir für die nun folgende Rezension durchaus Befangenheit unterstellen. Mir bliebe nichts übrig, als mich in allen Punkten der Anklage für schuldig zu bekennen. Ich folgte der französischen Schriftstellerin, egal in welchem Verlag sie veröffentlicht wurde und stellte dabei immer wieder fest, dass ihre Bücher auch über diese Grenzen hinaus eng miteinander verbunden sind. Ein Lebenswerk im besten Sinne des Wortes.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Mir ist bereits vor zehn Jahren Lou Bertignac über den Weg gelaufen. Sie war das „Ich“ in Delphine de Vigans Meisterwerk „No & ich“. Sie war das behütete Mädchen im zerrissenen Paris, das zwischen Kultur und Subkultur changierte. Sie war es auch, die von der obdachlosen No auf die andere Seite jenseits aller Komfortzonen gezogen und dort losgelöst von allen Konventionen festgehalten wurde. Dieser Roman hat mich auf die widersprüchlichen Welten innerhalb einer einzigen Stadt aufmerksam gemacht und nachhaltig geprägt. Diesem Roman verdanke ich eine faszinierende Reise nach Paris und Romane, die ich ansonsten nie für mich entdeckt hätte.

Ich bin Delphine de Vigan weiter gefolgt. Ich war stets fasziniert von ihrem Umgang mit der eigenen Vergangenheit, vom autobiografischen Aspekt ihres Schreibens. „Das Lächeln meiner Mutter“ und „Nach einer wahren Geschichte“ spielten auf höchstem Niveau mit meinen Gefühlen, mit meiner Wahrnehmung und meinem Denken bezogen auf Identität, Kontrollverlust und psychische Probleme. Keines dieser Bücher hat dabei enttäuscht. Jeder Roman hat neue Maßstäbe gesetzt und bleibt bis zum heutigen Tag tief in meinem Lesen verankert. Ihr neues Werk setzt diese Tradition nahtlos fort. Hier finde ich mich in dem Paris wieder, das Delphine de Vigan als Erzählraum kultiviert hat. Und ich finde mich in einer Geschichte wieder, die losgelöst von Raum und Zeit überall beheimatet sein könnte.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – DuMont Buchverlag

Herzlich willkommen erneut in Paris. Delphine de Vigan bleibt sowohl ihrer Stadt als auch dem soziokulturellen Setting des modernen Frankreichs gegenüber loyal. Es dient nicht nur als Kulisse für eine erneut brillant erzählte Geschichte. Die Stadt an der Seine ist zugleich Nährboden für die Handlung, wie schillernd verstörende Kulisse, in der sich die wahren Dramen des Alltags abspielen. Besonders für den zwölfjährigen Théo, dem alles fehlt, was man unter der Überschrift „behütete Kindheit“ subsummieren könnte. Er ist Trennungskind, wechselt wöchentlich die Territorien zweier tief verfeindeter Parteien und wird zum leidtragenden Grenzgänger zwischen der Welt seiner Mutter und der des Vaters. Wobei man gerade bei Letzterer nicht von Welt, sondern von Apokalypse reden muss.

Wie Delphine die Vigan die Zerrissenheit beschreibt, die Théos Leben prägt, ist für Väter besonders schwer zu verkraften. Das Versagen auf ganzer Linie steht für jenen Menschen, der seinem Sohn in einer solchen Lebensphase Halt und Zuversicht geben sollte. Hier findet Théo jedoch nur ein Loch vor, in dem er Woche für Woche einziehen muss. Selbstaufgabe, Arbeitslosigkeit, Armut und krankhafte Lethargie macht Delphine de Vigan so greifbar, als würden wir selbst die heruntergekommene Wohnung betreten. Die andere Seite bedient sich des Sohnes als Instrument nie verwundenen Schmerzes. Seine Mutter ist nie über die Trennung von ihrem Mann hinweggekommen. Wenn Théo vom Vater zur Mutter zurückkehrt, wird er behandelt, als käme er vom feindlichen Lager zurück in die eigenen Reihen. An ihm lässt sie den Hass gegenüber ihrem Ex aus. Hier zerreißt ein junges Leben zwischen den Fronten verfeindeter Eltern. Beklemmend.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Théos Loyalität wird von Woche zu Woche auf eine harte Probe gestellt. Einziger Fluchtpunkt ist sein gleichaltriger Freund Mathis, dessen Elternhaus dagegen wie eine heile Welt wirkt. Oberflächlich betrachtet. Hier ziehen sich die Risse eher subversiv und schwer zu erkennen durch das Leben seiner Familie. Die psychisch gestörte Mutter und ein Vater, der ein mediales Doppelleben innerhalb der gemeinsamen vier Wände führt, machen auch diesen Alltag zur Hölle. Die Jungs verbindet die fehlende Nähe, die Liebe und der Schutz, den nur Eltern bieten können. Beide flüchten sich in den Alkohol. Beide im Alter von 12 Jahren. Mathis, um Théo gegenüber loyal zu sein. Théo, um den finalen Ausweg aus der Unerträglichkeit zu finden. Delphine de Vigan lässt ihre Leser in einem Rausch aus Kälte und Wodka versinken. Sie zieht uns in den Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Würde sie nicht Hélène ins Feld führen. Die Lehrerin der beiden Jungs, die bemerkt, wie sehr sie langsam abdriften. Sie findet keine Beweise. Théo und Mathis bleiben loyal gegenüber jenen, die sie zuhause verraten. Die eigenen Eltern zu verraten kommt nicht in Frage. Als Hélène auf Spurensuche geht, stellt sie ihre eigene Loyalität infrage. Hier überschreitet sie Grenzen und Kompetenzen, hier stellt sie ein blindes Schulsystem auf die Probe. Hier spürt sie menschliche Katastrophen auf, ohne sie beweisen zu können. Hier wird nun auch sie zerrissen zwischen dem äußeren Schein und ihrem Verdacht. In letzter Konsequenz ist sie die einzig Sehende unter allen Blinden. Und ihr wirft man vor, sich alles einzubilden.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Vier Erzählperspektiven setzt Delphine de Vigan ein, um uns allwissend zu machen. Die Lehrerin, Théo, sein Freund Mathis und dessen Mutter kommen zu Wort. Methoden und Sichtweisen wechseln sich ab. Direkt, indirekt, mittelbar und unmittelbar. Ein Spiel auf höchstem literarischen Niveau. Ein beharrlicher Kampf gegen die Loyalitäten, deren Folgen Leben kosten können. Selbstverrat und gekündigte Allianzen wären die einzige Rettung. Der Blick hinter die Kulissen könnte das Schlimmste verhindern. Die Zeit läuft gegen die Lehrerin, weil man auch ihr gegenüber nicht loyal ist. Schwer zu verkraften. Besonders, wenn man eine eigene Vergangenheit mit sich schleppt, in der Missbrauch an der Tagesordnung war. Ein gebranntes Kind versucht Kinder vor dem Flächenbrand zu bewahren.

Ein wichtiges Buch über Entfremdung innerhalb von Familien. Ein Meisterwerk zu den Problemfeldern Trennungskinder und falsch verstandene Loyalität. Ein Roman, der dem Leser Kadavergehorsam abfordert, weil man sich ihm nicht entziehen kann. Väter sollten sich ein dickes Fell zulegen, bevor sie „Loyalitäten“ lesen. Dem Roman liegt ein desaströses Vaterbild zugrunde. Ein Bild, mit dem ich nur schwer zurechtkam, weil ich für mich zeitlebens versucht habe, die Folgen von Verrat und Illoyalität gegenüber der eigenen Familie zu bekämpfen. Dieser Roman liegt schwer auf meinem Denken. Man sollte ihn lesen, wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Ehe zu beenden. Man sollte ihn lesen, wenn man sie bereits beendet hat und sich einbildet, mit den gemeinsamen Kindern sei alles in Ordnung. Man sollte ihn lesen, wenn man mal wieder einem Lehrer unterstellt, er sähe Gespenster. Man sollte ihn auch dann lesen, wenn all dies nicht der Fall sein sollte. „Loyalitäten“ ist ein Weckruf. Ein empathisches Frühwarnsystem gegen alle Folgen des Verrats. Er ist ein Früherkennungssystem für eine verstörte Psyche, die sich zum Kampf erhebt und sich auflehnt. Dieser Roman kann Leben retten.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Paris in meinem Lesen

Das Leben des Vernon Subutex“ – Virginie Despentes
Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury
Die Schönheit der Nacht“ – Nina George
Ein Ire in Paris“ – Jo Baker
Dann schlaf auch du“ – Leïla Slimani

und viele weitere Titel, die unter dem unter dem Schlagwort „Paris“ zu finden sind.

Loyalitäten von Delphine de Vigan