„Der Freund der Toten“ von Jess Kidd

Der Freund der Toten von Jess Kidd

„Ein Mann könnte fast vergessen, weshalb er hergekommen ist,
wenn die wunderbare Mulderrig-Nacht ihm alleine gehört.“

Dieses Zitat aus dem Roman Der Freund der Toten von Jess Kidd, erschienen im DuMont Buchverlag, hat große Bedeutung für mich. Ich habe es während des Lesens in meinen Gedanken so oft umformuliert und vor mir hergetragen, weil es den tiefen Kern der Lese­gefühle, die mich durch dieses Buch getragen haben, widerspiegelt. Ein Mann könnte wirklich ver­gessen, warum er hergekommen ist, wenn dieses wunderbare Buch ihm alleine gehört. Mir jedenfalls ging es so. Ich vergaß die Welt um mich herum, wollte ein­fach nur lesen und dachte in keinem Moment daran, was am Ende des Romans auf mich warten würde.

Selten entführen mich Romane so umfänglich in eine ganz eigene Welt. Selten bin ich derart gefesselt, dass ich keine Rahmen­bedingungen hinterfrage, Plausi­bili­täten auf den Zahn fühle oder die Fantasie über meinen zweifelnden Realismus siegen lasse. Ich bin offen dafür, aber nicht viele Autoren legen den emotionalen Schalter in mir in einer solchen Dimension um, wie es Jess Kidd mit ihrer Sprache, ihrer Romanidee und ihren Charak­teren gelungen ist. Ich wurde zum Treibgut in einer Geschichte, deren Strömung teils sanft vor sich hin strudelt, über ungeahnte Tiefen führt, bis sie schließ­lich in einem tosenden Wild­wasser­strom gipfelt. Eine Rafting-Lesereise der besonderen Art…

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Ich bin zurück in Irland. Irland. Immer wieder sind Geschichten, die hier angesiedelt sind auch von der mystischen Atmosphäre inspiriert, die über der grünen Insel weht. Es sind der be­son­dere Heimatbegriff, die Verbun­denheit mit der Natur, Tradi­tionen und die alten Legen­den, die wir mit Irland verbinden und die unser Leserherz öffnen, wenn wir in einer guten Geschichte auf die Menschen treffen, die hier leben. Mulderrig heißt das Reiseziel. Ein im eigent­lichen Sinne eher ver­schla­fenes kleines Nest, in dem so gut wie nie etwas passiert. Sieht man mal von dem ab, was niemals hätte geschehen dürfen.

Jess Kidd führt uns Mulderrig in zwei Zeit­scheiben vor Augen. Handlungsfäden, in denen die Bewohner des idyllischen Örtchens die Konstante darstellen, ver­knüpfen die Geschichte zu einem dichten Teppich, der 1950 entstand und 1976 zum ersten Mal von jemandem betreten wird, der ihn niemals hätte betreten dürfen. 26 Jahre ist es her, seit Orla Sweeny Mulderrig mit ihrem Baby verlassen hat. Jahre die nichts anderes bewirkt haben, als grünes Gras über die Sache wachsen zu lassen. Verdrängt. Vergessen und weit weg sind die Ereignisse von einst.

Nur uns Lesern steht klar vor Augen, was im Mai 1950 geschehen sein muss. Das erste Kapitel des Romans lässt keinen Zweifel daran, was Orla zugestoßen ist. Wir sind Zeugen des dunklen Geheimnisses, das mehr als zwei Jahr­zehnte in Mulderrig aus den Köpfen und Her­zen der Menschen verdrängt wurde. Scheinbar für immer. Bis 1976 ein ungewöhnlicher Mann auftaucht und das verschla­fene Nest aus dem Koma reißt. Sein Name ist Mahony. Ein wenig abgehalftert wirkt der Mann, der im Alter von 26 Jahren in den Ort zurück­kehrt, in dem er zur Welt gekommen ist. Sein Weg bis hierher? Typisch für ein Findel­kind. 1950 vor einem Kinderheim ausgesetzt, strengstens erzogen, keine schöne Kindheit, in falsche Kreise geraten und als klein­krimineller Hippie durchs Leben gemogelt.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Zwei Welten, die einander nie begegnet wären treffen nun aufeinander. Menschen, die sich niemals hätten sehen dürfen, stehen sich nun unversehens gegenüber und das Gras, das man über der verschwun­denen jung­en Mutter wachsen ließ, beginnt sich zu rühren. Und alles wegen eines Briefes, den Mahony erst vor wenigen Tagen erhielt.

„Dein Name ist Francis Sweeny.
Deine Mammy war Orla Sweeny .
Du bist aus Mulderrig, County Mayo.
Deine Mammy war die Schande von Mulderrig…
Sie lügen alle, also sei auf der Hut.“

Nun ist er da. Verwegen, langhaarig, ungepflegt aber attraktiv und auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Mutter. Mahony zeigt sich, er sieht das Erkennen in den Augen der Menschen, weil er die Augen seiner Mutter hat. Er stößt auf Schweigen. Ein Schweigen, das seit 26 Jahren wie ein fester Mantel des Ein­vernehmens dicht gehalten hat. Doch nun bröckelt die oberste Schicht, als Mahony in der alten Schauspielerin Mrs. Cauly eine treue Verbündete findet. Die zwar gebrechliche, aber äußerst furcht­lose und angriffs­lustige Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, schmiedet einen kreativen Plan.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd fasziniert mit der tiefen Charakterzeichnung von Menschen im Wandel der Zeit. In Rückblenden wird das Mulderrig des Jahres 1950 greifbar. Die Wurzeln aus der Ver­gangen­heit reichen bis zum Jahr 1976. 26 Jahre sind nicht viel Zeit, um vor der Geschichte zu fliehen. In dem kleinen irischen Ort entwickelt sich ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen schlechtem Gewissen, Loyalität, Angst, Hass und Mut. Alleine diese Ingre­dienzien hätten für eine grandiose irische Ge­schichte völlig ausgereicht. Nur nicht aus Sicht der Autorin, der es gelingt, diese Story um eine Dimen­sion zu erweitern, die das Mulderrig unserer Wahr­nehmung zu einem Traum- und Herzensort in unserem Lesen werden lässt. Jess Kidd gibt all jenen Raum, die nicht mehr für sich selbst reden können. Sie lässt das mystische und magische Irland von der Leine, sie gibt Legenden Raum und lässt Mahony wahrnehmen, was nur wenige wahrhaben wollen.

Er ist „Der Freund der Toten“. Er nimmt sie wahr, sie begleiten ihn und öffnen in der unglaublich atmos­phärischen Beschreibung der Verstorbenen die Tür zu einer Welt, in der Mulderrig in fahlem Licht erscheint. Es sind die melan­cholischsten Augenblicke des Lesens, ihnen zu begegnen. Dem alten Trinker, der verzweifelt versucht im Pub an ein Bier zu gelangen. Der alten Lehrerin, die ihre alte Schule argwöhnisch im Blick behält und die kleine Ida Munnelly, die nur sieben Jahre alt werden durfte und seit ihrem Tod auf der Suche nach ihrem gelben Jojo ist.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd beschwört den Geist von Jean Paul Sartre und lässt ihre Leser oft an das Drehbuch „Das Spiel ist aus“ denken. Bewegend und skurril, emotional und traurig ist es, den Toten zu begegnen, die nur Mahony sieht, weil er bereit für sie ist. Und sie sind es für ihn. Ein Roman auf zwei Ebenen, der uns keine Sekunde an der Existenz dieser Geister zweifeln lässt. Ein Roman, der durch die Perspektiv­vermischung besticht. Eine Ge­schich­te, die in Mahony einen unvergesslichen Prota­gonisten hat, der beide Seiten unserer Existenz spürt. Unvergessen bleiben für mich seine Begeg­nungen mit der toten Ida und ihrer Mutter, die immer noch lebt. Unvergessen auch, warum Mahony die Toten sieht und warum sie ihm helfen, das Rätsel zu lösen:

„Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Unge­schrie­benen, den Beschädigten und Gebrochenen, zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihrer Geschichte, die die Toten gerne füllen würden. Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest.“

Lasst diesen Roman in eurem Verstand zu. Spielt das mystische Gedankenspiel der Autorin mit und schließt ab und an das Buch und stellt euch vor, wer euch beim Lesen beobachtet. Genießt die Poesie der Beschrei­bungen, die unfassbar gut erzählte Story und einen Ausflug in ein Irland, das irischer nicht sein könnte. Und grüßt bitte die kleine Ida von mir, wenn ihr sie trefft. Ich habe da ein Jojo gefunden.

Meine Irland-Empfehlungen: Die Geschichte des Regens und Brooklyn

Der Freund der Toten von Jess Kidd – Irland und AstroLibrium

„Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Oh ja. Hier. Ich möchte sofort umziehen. Mein Leben ist so langweilig und öde, dass ich meinen Lebens­schwerpunkt unbedingt verlagern muss. Eine male­rische Kleinstadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika hat es mir angetan. Es sind nicht nur die erschwing­lichen Häuser und Wohnungen, die mich faszinieren. Es liegt auch an den Menschen, die diesem Ort ein ganz besonderes Flair verleihen. Und natürlich liegt es an den Nachrichten, die mich aus North Bath im Bundesstaat New York erreichen. Also echt, wenn man sich für Idylle und Beschau­lichkeit in feinster Wohngegend und im Einklang mit der Natur interessiert, dann sollte man eher fernbleiben. Sollte man jedoch eine Ader für skurrile Typen und pro­vinz­ielles Ambiente haben, dann gibt es nur diesen einen Ort auf Erden, um glücklich zu werden.

Ein Mann der Tatvom Pulitzerpreisträger Richard Russo lässt allerdings die Mieten in diesem Kaff erstaunlich in die Höhe schnellen, denn wer lässt sich das schon gerne entgehen, was hier geboten ist? Ernsthaft! Ich nicht. So verlagere ich meinen Wohnsitz für genau 686 Seiten nach North Bath. Mich stören keine Unkenrufe, die von Gestank und Um­welt­ver­schmut­zung künden. Eine eklig riechende Dunst­wolke über dem neuen Vorzeigeprojekt der Gemeinde soll wohl eher abschrecken. Was soll`s? Ich lasse mich auch nicht von Gerüchten über einstürzende Neubauten oder verloren­gegangene und nicht wieder­gefundene Gift­schlangen verunsichern. Nein. Ich bin da! Jetzt.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der Friedhof Hilldale…

Herrlich ist es hier. Das „Memorial-Day-Wochenende“ lädt einfach zum Verweilen ein. Die Straßen sind geschmückt (Ok – mit ziemlich faden­scheinigen Trans­parenten) und die tollen Restaurants (Schnellimbisse von gestern) strahlen im fettigen Glanz, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Und das Schulzentrum (unbedeutend im Vergleich zur Nachbar­stadt) wartet auf die Umbenennung nach der längst verstorbenen und von den meisten ehemaligen Schülern gehassten Lehrerin des Ortes. Also, alles fein, wäre da nur nicht der unpassende Zeitpunkt meiner Anreise. Die meisten Leute sind gerade unterwegs und haben sich zur Beisetzung des ehemaligen Richters von North Bath auf dem Friedhof Hilldale versammelt. Und ja, so wie mein erster Blick von einem offenen Grab angezogen wird, so beginnt Richard Russo seinen Roman.

„Ein Mann der Tat“ steht vor dem Sarg und wartet darauf, dass die Zeremonie bald vorüber ist. Er ist ja auch falsch angezogen für diese Hitze. Die Polizei­uniform gibt ihm auch angesichts seines etwas durch­einander­geratenen Gesund­heits­zustands den Rest. Und so verwundert es nicht, dass Chief Raymer angesichts einer nie enden wollenden Trauerrede und in eigene tiefe Gedanken versunken zum Opfer des Tages wird, in sich zusammensinkt und kopfüber ins offene Grab stürzt. Echt kein Wunder. Solche Pannen passieren ihm eigentlich oft. Doch während wir zuerst nur Äußer­lich­keiten wahrnehmen, ist es Richard Russo, der uns in die Gedanken der Menschen blicken lässt, die sich am Grab des Richters versammelt haben.

Zum Beispiel fühlen wir intensiv mit Chief Raymer, der gerade den einzigen Beweis für die Untreue seiner Frau verloren hat. Eine Fernbedienung zur Garage ihres Lovers, die er in ihrem Auto fand und nun zweifelt er daran, diesen Typen jemals zu finden.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Kampf gegen den Müll…

Eine wuchtige amerikanische Erzählung voller Lokal­kolorit beginnt sich Raum zu verschaffen und Richard Russo nimmt sich die Zeit, seine Charaktere zu zeichnen. Er begnügt sich nicht mit blassen Skizzen oder stereotypen Blaupausen. Seine Menschen sind Menschen, die aus dem Leben gegriffen sind. Sie passen in diese Stadt, als hätten sie dort wirklich seit Jahrzehnten ihre Spuren hinterlassen. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich, als wäre man selbst Teil dieser Gemeinde, als wäre man den Menschen schon selbst begegnet und zunehmender Lesedauer taucht man selbst tiefer und tiefer in den Erzählraum ein.

Da ist die Besitzerin eines kleinen Lokals, deren Ehe­mann sein Hobby so weit treibt, dass es den Lebensraum der Familie zu erobern scheint. Allein die Schilderung dieses Kleinkrieges um jeden freien Qua­drat­zentimeter Wohnraum ist es wert, sich auf diese Reise einzulassen. Schrott und Plunder, Sperrmüll und Weggeworfenes. Das ist seine Bestimmung und je intensiver Zack sie lebt, desto mehr Lebensraum wird durch diese Sammelwut verdrängt. Wie in einem eska­lierenden Gefecht steht Ruth diesem Chaos gegenüber. Sie macht Zu­ge­ständ­nisse, stellt Regeln auf und kämpft einsam gegen den Müll an. Eine plötzlich auftauchende riesige Lagerhalle auf ihrem Grundstück bringt das Fass zum Überlaufen.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der einsame Rächer…

Es sind die kleinen Zwistigkeiten und Verwerfungen, zu deren Zeugen wir werden und die uns so bekannt vor­kommen, als würden sie sich in unserer Nachbarschaft oder sogar in unserem Leben abspielen. Die Summe der Verwerfungen jedoch konzentriert sich in North Bath auf einen einzigen Mann, den Loser, den Gescheiterten, den Knacki, der vor nichts zurück­schreckt. Roy steht seit Jahren mit jedem Bürger dieser Kleinstadt auf Kriegs­fuß. Die Ehe gescheitert, Raubüberfälle auf­geflo­gen, die Gefängnisstrafe ver- und das Besuchsrecht bei der eigenen Tochter eingebüßt.  Wo alle Handlungsfäden es auch nur ermöglichen, Roy ist in ihnen gefangen und das ist genau der Zustand, den er am wenigsten ertragen kann.

Everybody`s Fool heißt Russos Roman in seiner Originalfassung. Wie treffend. Wie sagen wir so schön? „Everybody darling is everybodys Depp“ Wäre unser guter Police-Officer doch nur ein wenig konsequenter, wäre er von seinem Job nicht frustriert und würde er auf die Ratschläge seiner Mitarbeiterin und ihres Bruders hören, er hätte das beste Leben, das man sich nur vorstellen kann. So allerdings gerät er zwischen die Fronten der Betrogenen, der Enttäuschten und der Desillusionierten. Es trennen ihn ein paar Meilen von der Bezeichnung „Ein Mann der Tat“ und doch scheint in ihm so viel mehr zu schlummern, als man auf dem Boden eines offenen Grabes vermuten könnte.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Die Todesliste…

Richard Russo erzählt fabelhaft. Manchmal wirkt er wie das Sprachrohr der Gerüchte in diesem Kleinstadt-Szenario. Dann wieder mutiert er schon fast analytisch zum „North Bath-Leaks“ und enthüllt schonungslos alle Missstände. Die Umwelt ist sekundär, das Zwischen­menschliche wird überbewertet, das Ego wird gepflegt und Rassismus steht eigentlich immer auf der Tages­ordnung. Der Underdog wird zur Gefahr für die Gruppe und das Alter zermürbt selbst den enga­gier­testen Geist.

Es gibt da eine Liste im Buch. Sie ist handschriftlich erstellt. Sie gehört Roy. Er, dem man immer vorwirft, er würde sich keine Gedanken machen, hat nachgedacht. Nur eins ist offen auf der Liste. Die Reihenfolge. Fünf Menschen hat er aufgeschrieben, die sein Leben verändert haben. Fünf Menschen, an denen Rache nehmen will. Und bei dem was er vorhat ist der Kiefer­bruch, den er seiner Frau verpasst hat eine Lappalie. Lesen Sie doch selbst, ob sich ihm jemand  in den Weg stellen wird. Ob sich „Ein Mann der Tat“ findet, oder ob „Everybody`s Fool“ in Schockstarre verharrt und weiter nach dem Typen sucht, zu dem die Fremdgeh-Fernbedienung einer Garage gehört. Neugierig?

Richard Russo ist für jede Wendung des Schicksals gut, weil er ein schicksalhafter und begnadeter Schriftsteller ist.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

„Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer – [Buch- und Hörbuchvorstellung]

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Romane über das Leben von Schriftstellern üben einen besonderen Reiz auf mich aus, da solche Geschichten, egal wie fiktional sie auch angelegt sind, doch immer auch Geschichten aus dem Milieu der Literatur sind. Ein Bereich, den wir zu kennen glauben, wie unsere Bücherwestentaschen. Ein Setting, in dem man uns nichts vormachen kann und in dem wir uns von der ersten Seite an zuhause fühlen. Bücher über Bücher lassen uns Power-Leser mit dem behaglichen Gefühl des Wohlbekannten tief eintauchen, weil wir uns genau hier so wohl fühlen, wie Lesebändchen in gebundenen Büchern.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer lässt nicht unbedingt auf den ersten Blick darauf schließen, dass wir es hier mit einem bibliophil angehauchten Roman zu tun haben. Es lohnt der zweite Blick, denn auch das Cover mit seinen zahllosen Nadelstichen verführt den nach Literatur-Romanen suchenden Leser nicht unbedingt zum Reinlesen. Schade, denn wir würden wirklich etwas versäumen, wenn wir diesen Roman aus dem Dumont Verlag als reine Beziehungsgeschichte in die Schublade der nicht zu lesenden Bücher stecken würden.

Das wäre ein Fehler, da die in New York lebende Schriftstellerin die Literatur an sich in den eigentlichen Mittelpunkt ihres neuesten Romans stellt. Die Perspektive ist dabei so persönlich und doch ungewöhnlich gewählt, dass man das Streben nach Anerkennung und Erfolg im Literaturbetrieb und die Liebe zum Schreiben als Lebensmittelpunkt einer Ehe erlebt. Meg Wolitzer macht uns für genau 270 Seiten zu den Weggefährten zweier Menschen, die von der Literatur vereint wurden. Joe und Joan Castleman. Er: Großer Schriftsteller vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Sie: „Die Ehefrau“.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Rollen sind verteilt. Sie waren es nicht immer. Ganz am Anfang der Geschichte, zu Beginn ihrer Beziehung in der Mitte der Fünfziger Jahre sah dies anders aus. So ist es in den meisten Beziehungen. Sie verändern sich, unterliegen einem Wandel, der von Innen kommt und sind nicht losgelöst von gesellschaftlichen Veränderungen. Man sieht die Veränderungen erst im Rückblick auf ein ganzes Leben. Man bemerkt den Wandel erst, wenn man dessen Auswirkungen beurteilen kann. Joan Castleman blickt zurück.

Der Zeitpunkt für diese Rückschau könnte schöner nicht sein. Zumindest aus Sicht der Ehefrau eines der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Zumindest, wenn es sich bei der rückblickenden Ehefrau um eine ebensolche handelt, also eine Frau, die in ihrer Rolle lebt, sich mit ihr arrangiert hat und die keine Überraschungen mehr erwartet. Hier liegt der Hase im Pfeffer der Geschichte, den Joan ist wirklich alles, nur nicht das brave Mütterchen am heimischen Herd, das die Kinder aufzieht und dem Mann das Leben so angenehm wie möglich macht, damit er große Romane schreiben kann.

Sie ist keine der…

„Frauen, die ihre Loyalität nicht logisch erklären konnten, die sich festklammerten, weil es das Verhalten war, das ihnen am vertrautesten war, mit dem sie sich am wohlsten fühlten.“

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Und doch ist der Zeitpunkt absolut genial, denn Joan und Joe Castleman sind auf dem Weg nach Helsinki, wo ER mit dem höchstdotierten Literaturpreis ausgezeichnet werden soll. Es ist zwar nicht der Nobelpreis, aber immerhin. Nach dem Pulitzerpreis ist der Helsinkipreis der eigentliche Höhepunkt in Joe`s Schriftstellerleben. ER kann es kaum erwarten, im Mittelpunkt des literarischen Weltinteresses zu stehen. SIE begleitet ihn. Ist an seiner Seite. Bereit für den Smalltalk am Wegesrand. Bereit für alles, was von der Ehefrau eines Preisträgers erwartet wird. Fast bereit…

Wären da nicht die Gedanken an ihre gemeinsame Vergangenheit. Wären da nicht diese grüblerischen Momente während des Langstreckenfluges, in dem sich ihre Körper zwar nach vorne bewegen, die Gedanken von Joan jedoch auf der Strecke bleiben, weil sie in Überschallgeschwindigkeit zu den Anfängen ihrer Beziehung zurückreist. Miles & More. Jeder Flugkilometer, der sie Helsinki näher bringt sorgt dafür, dass sich Joan ein wenig weiter von dem Mann entfernt, der sich neben ihr in die goldene Zukunft räkelt.

Eine Zukunft, die sich für den großen Schriftsteller nahezu perfekt anfühlt. Wenn Joe jedoch wüsste, welche Gedanken im Hirn seiner Ehefrau toben, dann würde er ein wenig nervöser in seinem Business-Class-Sitz lümmeln. Denn, so wie fast jede Ehe, ist auch ihre Beziehung von einem Geheimnis überschattet, das auf keinen Fall jetzt, also absolut nicht jetzt, gelüftet werden sollte. Aus der Sicht seiner Ehefrau könnte es jedoch der richtige Moment sein, den Tag seiner Krönung zu nutzen, um ihrer Demütigung ein Ende zu bereiten. Doch darüber will nach vierzig Jahren Ehe gut nachgedacht sein.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Meg Wolitzer lässt uns in den Erinnerungen von Joan stöbern, mitfühlen, mitleiden und mitdenken. Sie entwirft ein sozialkritisches Ehe-Panorama, das sich anfühlt wie die Achterbahnfahrt der Gefühle. Im Mittelpunkt steht die riskante Gratwanderung zwischen der Rolle als brave und bescheidene Ehefrau und der verhinderten eigenen Karriere als Schriftstellerin. Die Zeit war nie reif für eine Autorin namens Joan Castleman. Nun stellt sich die Frage, ob sie es je sein wird. Ist es zu spät?

Dieser Roman wirft einen humorvollen und doch auch erschreckenden Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Doch bleibt dem Leser das Lachen oft im Hals stecken, wenn man sich veranschaulicht, welche Opfer gebracht werden müssen, um sich Erfolg zu erarbeiten. Der Preis kann zu hoch sein und das gemeinsame Leben kosten. Endlich in Helsinki angekommen, ahnen wir, welche Zeitbombe in der Beziehung tickt. Ob „Die Ehefrau“ es allerdings wagt, die Bombe platzen zu lassen, das sollte man selbst lesen.

Oder vielleicht doch lieber hören? Denn das gleichnamige Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verführt in seiner gekürzten Lesung mit fast 8 Stunden dazu, neben den beiden Eheleuten Platz zu nehmen und den Flug nach Helsinki zu wagen. Die Stimme von Gabriele Blum verleiht dieser Geschichte eine besondere Authentizität, da sie mit dem Charakter von Joan Castleman zu verschmelzen scheint. Selbstbewusst und doch auch immer wieder an sich zweifelnd trägt uns die versierte Sprecherin durch die Story.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Ich könnte mir Gabriele Blum perfekt als Synchronsprecherin der Schauspielerin Glenn Close vorstellen. Das wäre insofern genial, da Die Ehefrau 2017 im Kino zu sehen sein wird. Und das mit Glenn Close in der Hauptrolle als Joan Castleman. Diese Charakterrolle mit Charme scheint der Grande Dame des amerikanischen Films wie auf den Leib geschneidert zu sein. Vielleicht gelingt ihr in dieser Produktion, den begehrten Oscar zu gewinnen. Die Story ist jedenfalls mehr als oscarreif und ich freue mich schon darauf, nach Buch und Hörbuch im nächsten Jahr auch den Film zu erleben.

Ich bin sehr gespannt auf die Film-Joan, die sich so sehr danach sehnt, endlich aus ihrer Rolle als Ehefrau eines erfolgreichen Schriftstellers fliehen zu können. Dazu muss sie nur die Aufmerksamkeit der richtigen Leute auf sich ziehen. So war es immer in der Welt der Literatur. Wessen Aufmerksamkeit?

„Die der Männer.., die Rezensionen schreiben, die die Verlage leiten, die in den Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die entscheiden, wen man ernst zu nehmen hat, wer für den Rest seines Lebens auf einen Sockel gestellt wird. Wer das neue Ding ist.“

Meine Aufmerksamkeit hat sie.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer - Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

Die Ehefrau von Meg Wolitzer – Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

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„Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Es ist DIE allgegenwärtige Frage im Dialog mit Schriftstellern.

„Wie autobiografisch ist Ihr Roman?“ Eine Frage, die auch ich oft gestellt habe und immer wieder in Interviews einfließen lasse, um zu den Hintergründen ihres Schreibens und zu den wahren Motiven vorzustoßen, die einen Autor dazu veranlassen, bestimmte Themen aufzugreifen und sie literarisch zu verdichten. Viele Autoren verstecken sich in diesem autobiografischen Ansatz hinter einem fiktionalen Deckmantel, um sich und die Menschen zu schützen, über die sie schreiben.

Was geschieht jedoch mit einer Schriftstellerin, die ihre Deckung verlässt und so ihren Lesern, den Kritikern und allen Menschen, die in ihren Büchern vorkommen eine breite und ganz persönliche Angriffsfläche bietet? Kann ein autobiografisch angelegter Roman zum tiefen Loch mutieren, aus dem man selbst nicht mehr rauskommt? Gehört man der Öffentlichkeit, wenn man diese Grenze einmal überschritten hat und wie findet man zurück zum befreiten Schreiben, nachdem man in den Augen der Welt gläsern und nackt auf dem Präsentierteller der Literatur steht?

Delphine de Vigan weiß ein Buch darüber zu schreiben, weil sie ein Lied davon zu singen weiß. Nach einer wahren Geschichte, erschienen bei DuMont, thematisiert genau diese Aspekte des Schreibens. Der Titel lässt auf etwas real Erlebtes schließen. Nur die kleine Einschränkung „Nach“ öffnet die Tür zur Fiktionalisierung und bietet der Autorin die Chance, ihre Spuren in ihrem neuen Buch ein wenig zu verschleiern. Genau dies scheint schon nach dem Lesen der ersten Seiten zwingend erforderlich, denn wir treffen auf eine Schriftstellerin, die seit zwei Jahren nicht mehr schreiben konnte. Kein Wort, kein Satz. Nichts fand mehr seinen Weg nach draußen.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Wir treffen auf Delphine de Vigan selbst, die völlig verunsichert und demoralisiert ist, sich in ihre kleine Welt hinter hohen Mauern zurückgezogen hat und an den Folgen des letzten Buches zu knabbern hat. Zu offen hat sie sich wohl über ihre Familie geäußert, zu intensiv hat sie die angeblich schmutzige Wäsche ihrer Mutter in aller Öffentlichkeit gewaschen und zu wenig hat sie wohl darüber nachgedacht, wie sehr dieses Buch jene Menschen verletzt, die als Verwandte der populären Schriftstellerin klar in Erscheinung treten. Und doch musste diese Geschichte erzählt werden. Sie musste einfach raus. Zu viele Fragen hatte der Selbstmord ihrer Mutter aufgeworfen. Das Buch war ein Muss.

Dass sie anschließend an dieser Stelle nicht mehr weiterschreiben konnte, war Delphine de Vigan nicht klar. Lesungen, Buchmessebesuche und die Konfrontation mit Verwandten machten ihr jedoch schnell klar, dass sie zu weit gegangen ist. Seitdem ist das Schweigen ihr ständiger Begleiter. Es ist mehr als eine Schreibblockade. Delphine verstummt, wenn es darum geht, neue Ideen zu Papier zu bringen. Diese Schockstarre hält an, bis sie eines Tages einer Frau begegnet, die ihr Leben verändert.

L. tritt wie ein Phantom in ihr Leben. L. interessiert sich für die Delphine hinter den hohen Mauern der selbst verordneten Isolation und L. findet in vielen Gesprächen den Schlüssel zur Seele der Autorin. Von diesem Moment an vollzieht sich die schleichende Entwicklung, die man als „Feindliche Übernahme“ bezeichnen kann. L. schmeichelt sich ein, gewinnt das Vertrauen von Delphine, ergründet die Ursachen der Schreibblockade, gibt Ratschläge und wird zur einzigen und besten Freundin der tief verunsicherten Frau. Delphine hat L. nicht viel entgegenzusetzen. Sie liegt am Boden, als L. immer tiefer in sie vordringt.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Der Prozess des Eindringens in die Persönlichkeit von Delphine vollzieht sich in psychologischen Etappen, die faszinierend und abschreckend zugleich sind. L. scheint einem geheimen Plan zu folgen, ist zielstrebig und unbeirrbar. Ihr Ziel scheint es zu sein, Delphine dazu zu bewegen, weiterzuschreiben. Und zwar genau dort, wo sie in ihrem letzten Buch aufgehört hat. Reales, nicht Fiktionales. Einen Schritt weiter soll sie gehen. Nur Reales hat Eier! Und Fiktion ist was für Feiglinge. Um sich diesem Ziel zu nähern schreckt L. vor nichts zurück.

Sie wird zur einzigen Vertrauten, schottet Delphine von der Außenwelt ab und ist zunehmend dominant, wenn es darum geht, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. L. schleicht sich ein, zieht in Delphines Wohnung und übernimmt Aufgaben, zu denen sich die Autorin selbst nicht in der Lage sieht. Der Annexion folgt zwangsläufig das WIR. L. verschmilzt mit der Gedankenwelt von Delphine und übernimmt die Kontrolle. Auf diese Verschmelzung folgt die Verdrängung und die Übernahme der Identität. L. wird zur Schriftstellerin Delphine de Vigan und tritt auch in der Öffentlichkeit so auf.

Ebenso schleichend, wie dieser Prozess erfolgt, beginnt Delphine zu ahnen, was ihr geschieht und sie nimmt den inneren Kampf gegen die Kontrahentin auf. Aus Vertrauen wird Zweifel, aus Hilfe formt sich Bedrohung und so realisiert die Autorin, dass sie sich auf verlorenem Posten bewegt. Ist es zu spät, sich von L. freizumachen? Wird Delphine de Vigan in bester Stephen-King-Manier zum Opfer einer Fremden? Ist es noch möglich, den Weg zum eigenen Ich zu finden und was bleibt dann übrig? Wird die Schriftstellerin zum Opfer ihrer Zweifel und letztlich bleibt die größte aller Fragen:

Wer hat „Nach einer wahren Geschichte“ gechrieben? Delphine oder L.?

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

„Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan ist ein wahres Manifest des aktiven Lesens. Die Autorin nimmt ihre Leser mit in eine tief angelegte und sehr persönliche Reflexion über Beweggründe, Intentionen und Irrwege, die das Leben von Schriftstellern kennzeichnen. Dabei greift sie nicht ins Leere, wenn sie über Blockaden, Bedrohungen und Fluchten in Erfundenes schreibt. Das „letzte Buch“, das hier für alles ursächlich erscheint, hat es wirklich gegeben. „Das Lächeln meiner Mutter“ war ihre autobiografische Annäherung an den Selbstmord ihrer Mutter. Und genau damit setzt sie sich in der eigenen Familie zwischen alle Stühle:

„Über seine Familie zu schreiben, ist wahrscheinlich die sicherste Methode, mit ihr in Streit zu geraten… Das spüre ich an der Spannung. Und meine Gewissheit, dass ich sie verletzten werde, beunruhigt mich mehr als alles andere.“

Diese Entdeckung ist einer der wahren Aha-Momente meines Lesens. Delphines Schreiben setzt sich logisch nachvollziehbar fort und beide Bücher gehören, wenn auch durch Verlage getrennt, zusammen wie literarische eineiige Zwillinge. Die Reihenfolge ist für Fans der Autorin vorbestimmt. Wer „Nach einer wahren Geschichte“ neugierig geworden ist, kann heute zu dem bei Droemer erschienen Taschenbuch greifen und Das Lächeln meiner Mutter in den Kontext des Gesamtwerks von Delphine stellen. Und glaubt mir, die Neugier wird siegen. Allzu faszinierend sind die Einsichten, die uns hier literarisch gewährt werden.

Künftig sollte man sich die Frage „Wie autobiografisch ist Ihr Roman“ jedenfalls gut überlegen. Vielleicht öffnet man nur die Büchse der Pandora! Vorsicht!

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte“ ist ein unglaublich intensiver Roman, der auch unter Berücksichtigung der Vorgeschichte als autobiografische Spiegelung der Realität daherkommt. Und doch muss man Delphine den Freiraum des Fiktionalen einräumen. L. zu erkennen, ihrer eigenen Identität auf die Spur zu kommen, das ist die Challenge, der sich alle Leser dieses Buches stellen müssen. Investigatives Lesen geht hier mit dem hohen literarischen Unterhaltungswert eines Buches mit Déjà-vu-Erlebnissen Hand in Hand.

Man begegnet nicht nur Delphine de Vigan. Sie bricht eine literarische Lanze für ihre Kollegen und vermittelt ungeschönt die Verletzlichkeit einer Autorenseele. Letztlich ist dieses Buch eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort, weil es den Prozess der Wortfindung vor dem Hintergrund der Öffentlichkeit beschreibt, die auf jede Schwäche eines Schriftstellers lauert. In psychologischer Hinsicht ist es eine Geschichte über den drohenden Kontrollverlust und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Identität und Selbsterkenntnis. Eine gewagte und gelungene Konstruktion, die sich im Gedächtnis des Lesers tief verankern wird.

Und ganz zuletzt ist es eine Begegnung, auf die ich lesend lange gewartet habe. Vor vielen Jahren war ich in einen Roman von Delphine de Vigan verliebt, der mich zu einer Gratwanderung zwischen der behüteten Welt eines jungen Mädchens und einem Leben als Obdachlose auf den Straßen entführte. No & ich hat mich als Vater sehr bewegt und diese Geschichte hallt bis heute in mir nach. Und ja, ich habe auch meine alte junge Freundin Lou Bertignac wiedergefunden.

Danke für diese bewegenden Momente, Delphine de Vigan & L.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

So liebe ich mein Lesen – Eine Radioreportage zu diesem Buch

Blogger lesen anders. Wir kommen anders zu einem Urteil. Vieles hat nichts mit dem zu tun, was man in einer Rezension lesen kann und vieles bleibt im Verborgenen. Mein Leseweg zu Delphine ist mir eine Reportage für Literatur Radio Bayern wert, weil es nicht nur mein Weg ist, der sich hier niedergeschlagen hat.

Gemeinsames Lesen mit Bianca & Literatwo, die tiefe Recherche bei Droemer und DuMont, sowie ein tolles Gespräch mit Irmgard Veit zum Lächeln meiner Mutter bilden den Kern dieser Reportage. Und nicht zuletzt erlaube ich mir im Radio etwas, das in Bloggerkreisen einem Sakrileg gleicht. 

Einen Spoiler, aber nicht unverhofft und sicher nicht ohne Vorwarnung. Genau hier geht es zur Reportage.

Und hier geht es ohne Umwege zu Biancas Brief an Delphine:Ist das die Wahrheit, Delphine de Vigan?“ Eine berechtigte Frage…

Nach einer wahren Geschichte - Eine Radio-Reportage

Nach einer wahren Geschichte – Eine Radio-Reportage

„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann. (Hier können Sie weiterhören)

Ein Monat auf dem Land – Die Rezension fürs Ohr

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!