„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – Ein Weckruf

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Ich bin loyal. Das stelle ich einfach mal in den Raum. Loyal gegenüber Schriftstellern, die mich schon mehrfach aus der Komfortzone meines Denkens befreien konnten und mir mit ihren Werken neue Sichtweisen, unvergessliche Lese- sowie Hörmomente oder einfach nur gut erzählte Geschichten ins Leben geschrieben haben. Sie genießen den Vertrauensvorschuss, den sich ein „neuer“ Autor in meinem Lesen erst erwerben muss. Ihnen liefere ich mich gerne aus, weil ich aus eigener Erfahrung abschätzen kann, dass ich nicht enttäuscht werde. (Diese Rezension kann man auch im Radio hören. Hier.)

Loyalitäten von Delphine de Vigan – Die Rezension fürs Ohr

Ja, Leser können loyal sein. Sie gehen mit ihren Herzensschriftstellern Allianzen ein, die man fast schon als heilig bezeichnen könnte. Sie folgen ihnen ergeben, treu, integer und ziehen, wenn erforderlich, auch für sie in die Schlacht. In diesem besten Sinne der literarischen Loyalität gehöre ich zum linientreuen Gefolge von Delphine de Vigan. Ja, man kann mir für die nun folgende Rezension durchaus Befangenheit unterstellen. Mir bliebe nichts übrig, als mich in allen Punkten der Anklage für schuldig zu bekennen. Ich folgte der französischen Schriftstellerin, egal in welchem Verlag sie veröffentlicht wurde und stellte dabei immer wieder fest, dass ihre Bücher auch über diese Grenzen hinaus eng miteinander verbunden sind. Ein Lebenswerk im besten Sinne des Wortes.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Mir ist bereits vor zehn Jahren Lou Bertignac über den Weg gelaufen. Sie war das „Ich“ in Delphine de Vigans Meisterwerk „No & ich“. Sie war das behütete Mädchen im zerrissenen Paris, das zwischen Kultur und Subkultur changierte. Sie war es auch, die von der obdachlosen No auf die andere Seite jenseits aller Komfortzonen gezogen und dort losgelöst von allen Konventionen festgehalten wurde. Dieser Roman hat mich auf die widersprüchlichen Welten innerhalb einer einzigen Stadt aufmerksam gemacht und nachhaltig geprägt. Diesem Roman verdanke ich eine faszinierende Reise nach Paris und Romane, die ich ansonsten nie für mich entdeckt hätte.

Ich bin Delphine de Vigan weiter gefolgt. Ich war stets fasziniert von ihrem Umgang mit der eigenen Vergangenheit, vom autobiografischen Aspekt ihres Schreibens. „Das Lächeln meiner Mutter“ und „Nach einer wahren Geschichte“ spielten auf höchstem Niveau mit meinen Gefühlen, mit meiner Wahrnehmung und meinem Denken bezogen auf Identität, Kontrollverlust und psychische Probleme. Keines dieser Bücher hat dabei enttäuscht. Jeder Roman hat neue Maßstäbe gesetzt und bleibt bis zum heutigen Tag tief in meinem Lesen verankert. Ihr neues Werk setzt diese Tradition nahtlos fort. Hier finde ich mich in dem Paris wieder, das Delphine de Vigan als Erzählraum kultiviert hat. Und ich finde mich in einer Geschichte wieder, die losgelöst von Raum und Zeit überall beheimatet sein könnte.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – DuMont Buchverlag

Herzlich willkommen erneut in Paris. Delphine de Vigan bleibt sowohl ihrer Stadt als auch dem soziokulturellen Setting des modernen Frankreichs gegenüber loyal. Es dient nicht nur als Kulisse für eine erneut brillant erzählte Geschichte. Die Stadt an der Seine ist zugleich Nährboden für die Handlung, wie schillernd verstörende Kulisse, in der sich die wahren Dramen des Alltags abspielen. Besonders für den zwölfjährigen Théo, dem alles fehlt, was man unter der Überschrift „behütete Kindheit“ subsummieren könnte. Er ist Trennungskind, wechselt wöchentlich die Territorien zweier tief verfeindeter Parteien und wird zum leidtragenden Grenzgänger zwischen der Welt seiner Mutter und der des Vaters. Wobei man gerade bei Letzterer nicht von Welt, sondern von Apokalypse reden muss.

Wie Delphine die Vigan die Zerrissenheit beschreibt, die Théos Leben prägt, ist für Väter besonders schwer zu verkraften. Das Versagen auf ganzer Linie steht für jenen Menschen, der seinem Sohn in einer solchen Lebensphase Halt und Zuversicht geben sollte. Hier findet Théo jedoch nur ein Loch vor, in dem er Woche für Woche einziehen muss. Selbstaufgabe, Arbeitslosigkeit, Armut und krankhafte Lethargie macht Delphine de Vigan so greifbar, als würden wir selbst die heruntergekommene Wohnung betreten. Die andere Seite bedient sich des Sohnes als Instrument nie verwundenen Schmerzes. Seine Mutter ist nie über die Trennung von ihrem Mann hinweggekommen. Wenn Théo vom Vater zur Mutter zurückkehrt, wird er behandelt, als käme er vom feindlichen Lager zurück in die eigenen Reihen. An ihm lässt sie den Hass gegenüber ihrem Ex aus. Hier zerreißt ein junges Leben zwischen den Fronten verfeindeter Eltern. Beklemmend.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Théos Loyalität wird von Woche zu Woche auf eine harte Probe gestellt. Einziger Fluchtpunkt ist sein gleichaltriger Freund Mathis, dessen Elternhaus dagegen wie eine heile Welt wirkt. Oberflächlich betrachtet. Hier ziehen sich die Risse eher subversiv und schwer zu erkennen durch das Leben seiner Familie. Die psychisch gestörte Mutter und ein Vater, der ein mediales Doppelleben innerhalb der gemeinsamen vier Wände führt, machen auch diesen Alltag zur Hölle. Die Jungs verbindet die fehlende Nähe, die Liebe und der Schutz, den nur Eltern bieten können. Beide flüchten sich in den Alkohol. Beide im Alter von 12 Jahren. Mathis, um Théo gegenüber loyal zu sein. Théo, um den finalen Ausweg aus der Unerträglichkeit zu finden. Delphine de Vigan lässt ihre Leser in einem Rausch aus Kälte und Wodka versinken. Sie zieht uns in den Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Würde sie nicht Hélène ins Feld führen. Die Lehrerin der beiden Jungs, die bemerkt, wie sehr sie langsam abdriften. Sie findet keine Beweise. Théo und Mathis bleiben loyal gegenüber jenen, die sie zuhause verraten. Die eigenen Eltern zu verraten kommt nicht in Frage. Als Hélène auf Spurensuche geht, stellt sie ihre eigene Loyalität infrage. Hier überschreitet sie Grenzen und Kompetenzen, hier stellt sie ein blindes Schulsystem auf die Probe. Hier spürt sie menschliche Katastrophen auf, ohne sie beweisen zu können. Hier wird nun auch sie zerrissen zwischen dem äußeren Schein und ihrem Verdacht. In letzter Konsequenz ist sie die einzig Sehende unter allen Blinden. Und ihr wirft man vor, sich alles einzubilden.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Vier Erzählperspektiven setzt Delphine de Vigan ein, um uns allwissend zu machen. Die Lehrerin, Théo, sein Freund Mathis und dessen Mutter kommen zu Wort. Methoden und Sichtweisen wechseln sich ab. Direkt, indirekt, mittelbar und unmittelbar. Ein Spiel auf höchstem literarischen Niveau. Ein beharrlicher Kampf gegen die Loyalitäten, deren Folgen Leben kosten können. Selbstverrat und gekündigte Allianzen wären die einzige Rettung. Der Blick hinter die Kulissen könnte das Schlimmste verhindern. Die Zeit läuft gegen die Lehrerin, weil man auch ihr gegenüber nicht loyal ist. Schwer zu verkraften. Besonders, wenn man eine eigene Vergangenheit mit sich schleppt, in der Missbrauch an der Tagesordnung war. Ein gebranntes Kind versucht Kinder vor dem Flächenbrand zu bewahren.

Ein wichtiges Buch über Entfremdung innerhalb von Familien. Ein Meisterwerk zu den Problemfeldern Trennungskinder und falsch verstandene Loyalität. Ein Roman, der dem Leser Kadavergehorsam abfordert, weil man sich ihm nicht entziehen kann. Väter sollten sich ein dickes Fell zulegen, bevor sie „Loyalitäten“ lesen. Dem Roman liegt ein desaströses Vaterbild zugrunde. Ein Bild, mit dem ich nur schwer zurechtkam, weil ich für mich zeitlebens versucht habe, die Folgen von Verrat und Illoyalität gegenüber der eigenen Familie zu bekämpfen. Dieser Roman liegt schwer auf meinem Denken. Man sollte ihn lesen, wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Ehe zu beenden. Man sollte ihn lesen, wenn man sie bereits beendet hat und sich einbildet, mit den gemeinsamen Kindern sei alles in Ordnung. Man sollte ihn lesen, wenn man mal wieder einem Lehrer unterstellt, er sähe Gespenster. Man sollte ihn auch dann lesen, wenn all dies nicht der Fall sein sollte. „Loyalitäten“ ist ein Weckruf. Ein empathisches Frühwarnsystem gegen alle Folgen des Verrats. Er ist ein Früherkennungssystem für eine verstörte Psyche, die sich zum Kampf erhebt und sich auflehnt. Dieser Roman kann Leben retten.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Paris in meinem Lesen

Das Leben des Vernon Subutex“ – Virginie Despentes
Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury
Die Schönheit der Nacht“ – Nina George
Ein Ire in Paris“ – Jo Baker
Dann schlaf auch du“ – Leïla Slimani

und viele weitere Titel, die unter dem unter dem Schlagwort „Paris“ zu finden sind.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

„Die Sterne gab es schon vor den Menschen. Sie schienen einfach immer weiter, was auch geschah… Genauso ist für mich der Leuchtturm hier. Ich stelle ihn mir als Splitter eines Sterns vor, der auf die Erde gefallen ist. Er leuchtet, unabhängig von den Umständen: Sommer, Winter, Unwetter, Sonnenschein. Darauf kann sich der Mensch verlassen.“

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Leuchttürme. Wundervolle Metaphern für Rückzugsgebiete, Abgeschiedenheit und Wegweiser für Menschen in Not, die auf hoher See Gefahr laufen, an den Klippen des Festlandes zu zerschellen. Dieses Licht in dunkler Nacht ist viel mehr als ein Kompass im Sturm. Es ist gleichzeitig Verheißung eines sicheren Heimwegs und Navigationshilfe für die gefahrlose Orientierung auf unseren Weltmeeren. Und doch bergen Leuchttürme eine große Gefahr für jene Menschen in sich, die für dieses Licht verantwortlich sind.

Ein Leuchtfeuer erhellt nicht die Insel, auf der sich ein Leuchtturm befindet. Wenn der Leuchtturmwärter selbst nach Orientierung und Fixpunkten im Leben suchte, war er auf die eigene Charakterstärke, die Fähigkeit zum Leben in Einsamkeit und die stoische Ruhe im Bewältigen des eintönigen und fast schon automatisierten Alltags angewiesen. Kein Leben, in dem sich jeder zurechtfindet, aber in besonderen Situationen wohl einer der ganz wenigen Berufe, die alleine durch ihre lichtdurchflutete Präsenz lebensrettend sind.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Ich träume oft davon, auf einem Leuchtturm zu leben. Ich sehe stürmische Nächte, meterhohe Wellen und deren Gischt, die an meinen Felsen anbrandet. Ich genieße die Sicherheit in den festen Mauern des Hauses neben dem Leuchtturm und zelebriere die Routine, mit der Abend für Abend zur Nacht hin jenes Leuchtfeuer entzündet wird, sein rotierender Widerschein seine Signalwirkung entwickelt und das Logbuch des Wärters jede Unregelmäßigkeit auf hoher See verzeichnet. Hier würde ich gerne lesen. Hier ist jeder Tag so scharf umrissen, wie der folgende und doch gleicht kein Tag dem anderen. Hier sollte meine Bibliothek stehen. Auf meiner Insel. Hier sehe ich mich oft.

Ebenso gerne lese ich Romane, die auf Leuchttürmen angesiedelt sind. Tauche in Geschichten ein, in denen Leuchtfeuer eine wesentliche Rolle spielen und identifiziere mich gerne mit jenen Menschen, die sie bewohnten. Leuchtturmlesen“. Unter dieser Überschrift findet man in der kleinen literarischen Sternwarte alle Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren zu diesem Thema entdeckt und gelesen habe. Einzig ein Buch über diese Gebäude an sich fehlte mir noch. Einzig ein umfassendes Werk, das mir die Geschichte der Leuchttürme selbst offenbaren würde, hatte ich bislang nicht gefunden. Da ich mein Lesen im wahrsten Sinne des Wortes zelebriere, träumte ich oft davon ein solches Buch aufzuschlagen, in ihm zu versinken und mit ihm auf strahlende Lesereise gehen zu können    

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Manchmal werden Träume wahr…

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant, erschienen im DuMont Buchverlag, wirft seit einigen Tagen sein helles Licht auf meinen Sekretär. Es wirkt wie die Mutter aller Leuchtturmbücher und schart die Werke um sich, die mein Lesen mit den realen Lichtzeichen und ihrer facettenreichen Geschichte verbinden. Ich wollte es zuerst kaum glauben, dass diese Neuerscheinung die Erscheinung sein sollte, auf die ich so lange gewartet hatte. Doch schon ein erster Blick auf den großformatigen Band reichte bereits aus, um mich restlos davon zu überzeugen, dass ich den Wächter meines Lesens endlich gefunden hatte. Und da Leuchttürme (zumindest für mich) keine Sachen sind, ist dies auch kein Sachbuch. Das ist Buchstoff, aus dem die Träume sind.

„Wächter der See“. Was für ein gelungener Titel für ein Buch, das sein Licht auf jene Gebäude wirft, die seit Menschengedenken zahllose Leben gerettet und Katastrophen verhindert haben. Der Autor muss sich der Bedeutung dieses Werks bewusst gewesen sein, bevor er die ersten Zeilen verfasste. Liebevoll und ehrfürchtig nähert er sich dem zeitlosen Thema, spannt den historischen Bogen vom Aufstieg der Leuchttürme bis hin zu ihrer immer weiter schwindenden Bedeutung durch moderne Navigationsgeräte. Wo GPS beginnt, endet das Leuchten über dem Meeresspiegel.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Was in Ägypten mit dem Leuchtturm Pharos von Alexandria als eines der sieben Weltwunder begann erlebte zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel. Automatisierung, die globale Ausstattung der Leuchttürme mit Funk und die ersatzlose Streichung der Menschen, die auf ihnen lebten, machten die Leuchtfeuer von einst zu hochtechnisierten Navigationsbausteinen eines immer komplexer werdenden Systems. Einige wenige Leuchttürme wurden trotz Radar und GPS sehr lange als nicht ersetzbar angesehen. Und doch sind die Leuchttürme von heute zumeist nur noch die Denkmäler und Relikte von einst. Nostalgisch, überholt, ihrer Bedeutung beraubt. Diese Hommage an die wohl wichtigsten Bauwerke ihrer Zeit berührt sowohl emotional als auch fachlich. Wie hat sich die Technik entwickelt, wie konnte man das Licht so weit sichtbar machen und wie lebte man auf diesen Vorposten des Festlandes? All diesen Fragen geht Grant auf den Grund.

Was er uns damit in die Hände legt ist ein absolutes Buchkunstwerk mit zahllosen historischen Illustrationen, Konstruktions- und Risszeichnungen, Bauplänen und Fotos. Es fühlt sich an, als würde man in einen Leuchtturm einziehen, wenn man das Buch in allen Facetten aufnimmt. Es fühlt sich an, als wäre man der neue Leuchtturmwärter auf dem Weg zum Ort seiner Bestimmung. Was R.G. Grant erzählt ist viel mehr, als nur die Geschichte der Leuchttürme. Er berichtet vom Leben der Menschen, für die sie Heimat wurden. Er setzt ihnen unter der Überschrift „Hüter des Lichts“ ein bleibendes Denkmal und niemand, der dieses Buch gelesen hat, wird jemals einen Leuchtturm emotionslos als reines Bauwerk betrachten.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Das gold-geprägte Licht auf dem Einband der herausragenden DuMont-Ausgabe wird mich zukünftig begleiten. Ihr werdet dieses Buch immer dann bei mir entdecken, wenn ich von Leuchttürmen lese, wenn mich meine Reise über die Wellenkämme der Weltmeere peitscht und wenn mein „Lesejahr des Wassers“ an eure Ufer brandet. Es ist Hüter und Wegweiser zugleich und zählt schon jetzt zu einem der größten Schätze meiner kleinen literarischen Sternwarte. Besucht mich auf allen Inseln meines Lesens. Findet das Licht auf dem Bishop Rock, auf Janus Rock oder in Montauk. Glaubt keinen anderen Signalen, vergesst das GPS, misstraut dem Radar. Bleibt auf Empfang, bis ihr mein Leuchtfeuer seht, das euch in den sicheren Hafen im Büchermeer bringt.

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

Das Mädchen, das in der Metro las

Kann eine Reise das Leben verändern? Ich denke, ja. Bis vor wenigen Monaten war ich lediglich literarisch in den Straßen von Paris unterwegs, habe die Metropole an der Seine im Wandel der Zeit erlebt und bin in Kathedralen, Cafés und Buchhandlungen im Herzen der Stadt den wohl wichtigsten Schriftstellern meines Lesens begegnet. Ich sah den Louvre in Händen der Nazi-Besatzer, erlebte Krönungen und Revolutionen, spürte den vibrierenden Sound der Zwanziger Jahre, sah gekrönte Häupter den Kopf verlieren und wurde zum Zeugen des Scheiterns einer Heiligen Jungfrau, die Paris befreien und für ihren König erobern wollte. Jeanne d´Arc brannte für diese Stadt. All dies durfte ich ganz nah empfinden, als ich Paris erstmals mit eigenen Augen sah. All dies ließ ich auf mich wirken. Ich hatte lange davon geträumt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Stadt. Ich spürte, dass Bücher hier eine ganz besondere Rolle spielen. Nicht nur in Bibliotheken oder Buchhandlungen, sondern auf den Straßen von Paris. Fliegende Buchhändler verwandeln Bushaltestellen in feine und erlesene Treffpunkte für bibliophile Bewohner und Touristen. Bücherregale vor den Schaufenstern der großen Büchertempel vermitteln den bleibenden Eindruck, dass ein Buch in Paris ein willkommener spontaner Wegbegleiter ist. Überall wird gelesen. Es ist der Pulsschlag der Literatur, den ich dort gefühlt habe. Kein Ruhepuls, echt nicht. In der Metro dachte ich immer wieder daran, wen ich hier im Lauf der letzten Jahrzehnte wohl getroffen hätte. Wer in den Zügen jener unter- und überirdischen Linien unterwegs war, um Freunde zu treffen, die Stadt fluchtartig zu verlassen oder den Rausch der Nacht in vollen Zügen zu genießen. Eine Liste dieser besonderen Menschen habe ich ans Ende dieses Artikels gestellt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Es ist mir eine besondere Ehre, Euch eine ganz besondere junge Frau vorstellen zu dürfen, die aus literarischer Sicht am heutigen Tag das Licht der Welt erblickt. Eine junge Frau, der ich gerne in der Metro begegnet wäre, weil ich ganz genau weiß, dass wir uns gegenseitig ganz genau unter die Buchlupe genommen hätten. Sie würden die junge Frau schnell erkennen. Sie verbirgt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille und trägt einen riesigen blassblauen Schal, der auch den Rest ihres Gesichts vor den Augen der Welt schützt. Sie ist eine gute Beobachterin. Sie liest in den Menschen, die in der Metro lesen. Ihrem wachen Blick entgeht nichts. Nicht der Mann mit dem grünen Hut, der sein Buch zu atmen scheint. Nicht die Verliebte, die immer in Tränen ausbricht, wenn sie die 247. Seite erreicht hat. Und auch nicht die alte Dame, die immer das gleiche Kochbuch zu lesen scheint. Juliette findet sie alle. Diese…

„Wortschmetterlinge, die in dem überfüllten Metro-Waggon flatterten, bevor sie sich auf Juliettes Fingerspitzen niederließen“

Das Mädchen, das in der Metro las

Juliette ist „Das Mädchen, das in der Metro las“. Wobei sie eigentlich nie so richtig zum Lesen kommt, weil sie Menschen und Bücher beobachtet. Jedenfalls solange, bis sie ihre Arbeitsstelle erreicht. Eine Arbeit, die den Rhythmus des Lesens unterbricht, in eine Welt eindringt, die von Fantasie geprägt ist. Eine Arbeit die das Mädchen aus dem Lesen reißt. Bis Juliette eines Tages beschließt, der Metro früher zu entfliehen und ein wenig gedankenverloren durch die Straßen zu wandeln. Hier findet sie die Tür zu einer Welt, die sie noch nicht entdeckt hatte. Hier trifft sie auf Menschen, deren Leben einem bibliophilen Traum folgen. Sie begegnet Soliman und seiner Tochter Zaïde. Sie betritt eine Welt, die mit der Inschrift „Bücher ohne Grenzen“ wahrhaft paradiesisch anmutet. Eine Welt der Bücher, die von Soliman auf den Weg gebracht werden, um die richtigen Leser zu finden. Eine individualisierte Form des Bookcrossings. Soliman ist der Sucher im Büchermeer. Seine Mission könnte lauten: „Auf den Zufall warten? Dafür ist ihre Zeit zu schade. Ich PaarBooke jetzt“. Und Juliette kommt genau zur rechten Zeit. Ein neuer Kurier zur Vermittlung von Büchern wird dringend gesucht.

Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury legt uns „Das Mädchen, das in der Metro las“ ans Herz. Im Kosmos der bibliophilen Romane sicherlich ein Werk mit einer überzeugenden Idee. Im Kern des Romans, der wie eine Pralinenschachtel der Literatur anmutet, entwickelt sich die Geschichte zu einem Erzählraum, der den Menschen eine Heimat gibt. Die Literatur ist nicht das Leben. Das Leben ist nicht das Lesen. Ohne Bücher jedoch würden einige Menschen nicht zueinander finden. Ohne Inspiration würden sie einander nie so richtig erkennen und wahrnehmen. Und ohne die Fähigkeit sich in ein Buch einzufühlen, ist es schwer, Empathie für Menschen zu entwickeln. Die Bücher, die uns hier über den Weg laufen sind wie Grundnahrungsmittel für den Geist. Sie sind der Sauerstoff des Lesens. Ohne sie würden wir nie erfahren, ob „Das Mädchen, das in der Metro las“ ein guter Kurier des guten Lesens wäre und ob sie das Geheimnis lüftet, das hinter der Mission dieses belesenen Arabers mitten in Paris verborgen ist? Lassen Sie sich überraschen und nehmen Sie gleich den nächsten Zug der Metro. Es gibt keine Endstation für diese Geschichte.

Und vielleicht begegnen Sie ja nach diesem Buch einem jungen Mann, der in der Metro laut vorzulesen pflegt. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ und „Das Mädchen, das in der Metro las“ sind perfekt für das Lesen in vollen Zügen.

Das Mädchen, das in der Metro las

Wem ich auf einer Zeitreise durch Paris sicherlich in der Metro begegnet wäre:

Vernon Subutex auf seinem Roadtrip durch alle Schichten einer Gesellschaft.
Samuel Beckett,
der nicht warten konnte, wie sein späterer Godot.
Charlotte Salomon mit einem Koffer, der ihr ganzes Leben war.
Irène Nemirovsky
mit dem Manuskript ihrer „Suite Française“ auf dem Weg ins KZ.
Louise, einem mörderischen Kindermädchen auf dem Weg in ihr normales Leben.
Èdouard, dem Dichter der Familie, dem einfach der vor seiner Schreibblockade flieht.
Einem Mann, der den Gare d´Austerlitz zur Drehscheibe seiner Vergangenheit macht.
Ernest Hemingway, der sich endlich einmal kräftig daneben benehmen durfte.
Scott F. und Zelda Fitzgerald, die füreinander himbeersüße Tode sterben würden.
Catherine Meurisse auf dem Weg zurück in die Leichtigkeit nach den Attentaten.
Antoine Leiris auf seiner einsamen Fahrt zurück in ein Leben ohne Hass.
Pierrot, dem auf Hitlers Berghof die Heimatstadt Paris abhanden kommt.
Claire und Julie, die im Salz der gemeinsamen Tränen baden.
Einer Nachtigall, die in den Reihen der Résistance an Sabotage denkt.
Den Liebenden aus dem Chamäleon Club, die eher Blut, als Tränen vergießen.
Guylain Vignolles, der es liebt, laut vorlesend Metro zu fahren.
Julie, die Toilettenfrau, die einen USB-Stick mit ihrem Tagebuch in der Metro verlor.
Marie-Laure LeBlanc, das blinde Mädchen aus Paris, das in Saint-Malo Licht sieht.
Juliette, das Mädchen, das in der Metro las und Wortschmetterlinge züchtete.
Und nicht zuletzt hätte ich vielleicht den Hut des Präsidenten gefunden.

Fahren Sie mit der Metro durch Paris. Finden Sie ihr Lesen. Träumen Sie mit mir.

„Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Lassen Sie sich mit mir auf einen Versuch ein? Ein kleines Rezensions-Experiment zu einem Roman, der mich so intensiv beschäftigte, dass ich einfach einen neuen Weg finden musste um meine Emotionen zu beschreiben. Ich kann das Buch nicht sachlich vorstellen, weil es eine Geschichte erzählt, die mich bis ins Mark getroffen hat. Ich mag mich diesem Roman in Briefen nähern. Ja, Briefe an eine Romanfigur und eine Zeitung. Wenn Sie diese Frau im Buch kennenlernen, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich ihr einfach schreiben musste. Wenn Sie die Zeitungsnachrichten im Buch lesen, wissen Sie, warum ich einen Leserbrief verfassen musste. Und ganz zuletzt lassen diese Briefe darauf schließen, was Sie im Roman erwartet. Besonders der letzte Brief aus der Feder einer Gehassten. Lassen Sie sich darauf ein? Es wäre mir ein Vergnügen.

(Sie können gerne weiterlesen oder diese Rezension auf Literatur Radio Bayern hören. Dieses Experiment einzulesen war eine besondere Herausforderung.)

Ein anderes Leben als dieses – Virginia Reeves – Die Radiorezension

Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves – DuMont Buchverlag – Eine andere Rezension als sonst… Fan-Fiction vielleicht. Ganz persönlich bestimmt!

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Kilby Prison, Staatsgefängnis
Montgomery, Alabama
April 1926

Sehr geehrte Mrs. Martin!

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich muss Ihnen nur dringend schreiben, weil ich sonst mit niemandem darüber reden kann, was mich beschäftigt. Ich bin hier ein Gefangener, wie Ihr Ehemann Roscoe T. Martin. Wir sitzen schon seit fast vier Jahren in einer Zelle und ich mag Roscoe wirklich gern. Er arbeitet hier in der Molkerei und mit den Hunden. Freitags hilft er in der Bibliothek aus, weshalb wir ihn hier einfach „Books“ nennen. Ich weiß von Roscoe, dass er Bücher nur deshalb liebt, weil Ihr Vater eine große Bibliothek hatte. Dass die Farm, die Sie von ihrem Vater geerbt haben nichts für Roscoe war, das müssen Sie von Anfang an gewusst haben.

Oh ja, er ist so gerne Elektriker. Er liebt den Strom und die Kraft, den Fluss der Energie und das Neue daran. Kein Wunder, dass alles mit Strom begann und er nur deshalb im Knast ist. Das ist ihm schon klar und er kommt immer noch nicht damit zurecht, dass er einen Menschen umgebracht hat, weil er die Stromleitung angezapft hat, um Ihre Farm zu versorgen. Ja, das macht ihm zu schaffen. Ich schreibe Ihnen aber aus einem ganz anderen Grund. Man behandelt ihn hier schlecht. Echt mies. Und er ist schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er wieder auf die Beine kommt. Und er redet so oft von Ihnen. Er hat sogar mal geträumt, dass Sie ihn hier besucht haben. Nur. Das stimmt nicht. Seit dem Prozess hat er nichts mehr von Ihnen gehört. Sie haben ihn niemals besucht und seine Briefe (es waren echt viele) haben Sie nie beantwortet.

Was sind Sie für eine Frau? Warum sind Sie nie da? Warum lassen Sie nicht zu, dass Gerald ihn besucht? Roscoe vermisst seinen Sohn genauso wie er Sie vermisst. Er hat das alles doch für Sie getan. Er wollte, dass es mit der Farm aufwärtsgeht. Das war der einzige Weg für ihn und irgendwann hätte sich das mit den Stromleitungen sicher ganz allein geklärt. Dass dieser Monteur ihm auf die Schliche kam, das konnte er doch nicht ahnen. Und dass der Typ bei der Kontrolle der Leitungen ums Leben kam. Das tut ihm unendlich leid.

Dass Sie ihn hängenlassen, das ist jedoch der Sargnagel für ihn. Warum sind Sie so zu ihm? Schreiben Sie Ihrem Mann. Nur einen Satz. Das kann ihm das Leben retten. Und wenn Sie noch ein Herz im Leib haben, schreiben Sie ihm, was mit Wilson passiert ist. Roscoe fühlt sich schuldig, weil man seinen Neger-Komplizen (so hat der Staatsanwalt ihn genannt) gleich mit verurteilt hat. Und Roscoe beteuert immer wieder, dass Wilson unschuldig ist und er Angst davor hat, dass man ihn in eine Kohlemine gesteckt hat. Er weiß, wie man hier mit schwarzen Sträflingen umgeht. Wissen Sie was von Wilson?

Bitte schreiben Sie. Nur ein einziges Mal. 20 Jahre Haft sind hart. Schweigen ist härter.

Ein Freund Roscoe`s…

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Leserbrief an die Redaktion
Birmingham News
zum Prozess
Alabama Power Company
gegen Roscoe T. Martin

Seit Tagen verfolge ich aufmerksam Ihre Berichterstattung zum Prozess gegen Roscoe T. Martin. Schon schaurig zu lesen, wie die Leiche des Monteurs ausgesehen hat. Den hat Roscoe auf dem Gewissen. Das steht fest. Und wenn auch nur ein Hauch Wahrheit an der Geschichte des Pflichtverteidigers wäre, dass Mr. Martin das alles für seine Frau getan hat, dann… bitte… wäre sie doch beim Prozess dabei gewesen. Aber keine Spur von Mrs. Martin oder ihrem Sohn. Nur gerecht also, dass man diesen Stromdieb wegen Totschlags zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hat. Hoffe er kriegt keine Bewährung.

Warum haben Sie nicht von dem anderen Prozess gegen den Schwarzen berichtet? Er ist doch wohl auch verurteilt worden. Spielte doch sicher keine Rolle, dass er und seine Familie schon länger auf der Farm lebten, als die Martins und dass sie miteinander eng befreundet waren. Was sind das für Zeiten. Früher Sklaven, jetzt Hilfsarbeiter und Teil der Familie. Hoffe, dass dieser Wilson auch verknackt wurde. Und dann ab in die Mine.

Ein besorgter Bürger

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Mobile, Alabama
Offener Brief einer Gehassten
von Marie Martin

An alle, die alles besser wissen!

Ja, Sie wissen alle so gut Bescheid. Sie haben alles verstanden und klar, dass Sie mich hassen. Ich. Die Frau, die ihren Mann im Stich lässt, die nicht zum Prozess kommt, die ihn nicht besucht, die ihm nie schreibt und die sich nicht für ihn interessiert. Klar. Es ist so einfach, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. So einfach, wenn man nur das sieht, was man sehen will. Niemand will sehen was mir die Menschen bedeuten, die Sie immer nur Hilfsarbeiter nennen. Wilson, seine Frau Moa und die Kinder sind für Sie nur Schwarze. Was sie für mich sind werden Sie wohl nie erfahren. Was das Leben hier im Süden mit den Menschen macht, ist Ihnen egal. Was Alabama den schwarzen Bürgern antut, ist egal.

Da ist es leichter, mich zu hassen. Es ist wirklich so leicht. Vielleicht wird einmal in 100 Jahren jemand meine/unsere Geschichte erzählen. Wenn Sie mich dann noch hassen, dann mag es so sein. Aber vielleicht werden Sie dann besser verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es tat. Es wird Sie umhauen, wenn Sie das irgendwann einmal lesen. Weil Sie das nicht gedacht hätten. Niemand hätte so gehandelt wie ich. Nicht im Jahr 1921. Nicht in Alabama. Und nicht Jahre später.

Denn glauben Sie mir, es ist „Ein anderes Leben als dieses“, was ich mir gewünscht hätte. Es ist „Ein anderes Leben als dieses“, wie Sie es heute kennen und es ist „Ein anderes Leben als dieses“, zu dem man einen gutmütigen schwarzen Mann verurteilt hatte. Ich würde mir wünschen, dass jemand eines Tages diese Geschichte erzählt. Ich würde sie lesen. Und dann würde ich mich für mich selbst hassen. Und ich würde wohl Roscoe T. Martin immer noch lieben. Egal was Sie von mir halten.

Ohne jegliche Hochachtung,
Marie Martin

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Ich hoffe, Sie mit dieser außergewöhnlichen Form einer Rezension auf das Buch Ein anderes Leben als dieses neugierig gemacht zu haben. Der amerikanische Süden der 1920er Jahre war der exklusivste Nährboden für Rassismus, der nach dem Ende der Sklaverei einfach nicht auszurotten war. Zahllose Bücher zu diesem wichtigen Thema begleiten mich durch mein Lesen. Und sie zeigen dabei, dass sich das Leben der afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten nur unwesentlich verändert hat. Folgen Sie mir auf meinem Leseweg. Ein Thema, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten. Hier geht´s zu erkennbaren RassisMustern die uns helfen können zu verstehen, wie man sich als Mensch niemals fühlen sollte… Ungleich…

RassisMuster in der Literatur

Ein Interview mit Virginia Reeves finden Sie hier, inklusive kleiner Überraschung.

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves – Interview und mehr…

„Heimkehren“ von Yaa Gyasi – Lesen und Hören

Heimkehren von Yaa Gyasi – AstroLibrium

Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen auf gesetzlicher Grundlage vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden. Trifft das zu? Ist diese Definition richtig, wenn wir die Geschichte der Versklavung menschlichen Lebens betrachten oder muss man sogar einen Schritt weiter gehen? Reicht die Macht der Sklavenhalter nicht sogar über das Leben der versklavten Person hinaus und damit sogar bis in die Generationen hinein, die eigentlich nicht mehr in Ketten liegen? Das ist eine Frage, die nur dort beantwortet werden kann, wo die Herkunft der meisten Sklaven zu finden ist. Dort, wo sich ganze Gesellschaften mit Arbeitskräften versorgt haben und die Sklaverei gleichzeitig zum legalen Wirtschaftsmodell erhoben. In Afrika.

Ist es möglich, frei zu sein, frei zu werden und die Freiheit zu behalten, wenn man allein durch die Hautfarbe und die leidvolle Vergangenheit das Stigma der Sklaverei mit sich trägt? Können Schwarze in einer Welt der Weißen darauf hoffen, anders gesehen zu werden als mit der Brille des Rassismus und wie geht man als Betroffener damit um, sich nie wieder von Ketten befreien zu können, die vor Generationen bereits gesprengt wurden? Ta-Nehesi Coates hat das in seinem offenen Brief an seinen Sohn unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ aus der Perspektive eines schwarzen Vaters im von Rassismus geprägten Amerika unserer Tage beschrieben. Flucht ist unmöglich. Frei ist man nie und allein die Hautfarbe definiert noch heute den gesellschaftlichen Status der Nachfahren von versklavten Generationen.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie hat sich dieses Menschheitsbild entwickelt? Wie haben die Betroffenen und die Generationen nach ihnen dies erlebt und gefühlt? Fragen, die nicht unbeantwortet und unerhört bleiben müssen, wenn man den neuen Stimmen aus Afrika folgt. Autoren, die jenen eine Stimme geben, die stimmlos miterleben mussten, wie sie entrechtet wurden. Stimmen, die artikulieren, dass die Generationen nach der Befreiung jene unsichtbaren Ketten der Sklaverei noch immer tragen, spüren und fühlen. Stimmen, denen wir heute zuhören sollten. Es sind lautstarke Stimmen, die aufrütteln und die Welt verändern oder zumindest ein wenig zurechtrücken können. Es sind Schriftstellerinnen, wie Yaa Gyasi, die uns mit Geschichten konfrontieren, die man einfach an sich heranlassen muss.

Heimkehren ist eine solche Geschichte. Das Debüt der 1989 in Ghana geborenen und im Süden der USA aufgewachsenen Schriftstellerin Yaa Gyasa gehört zu den wohl aufsehenerregendsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei und ihren Folgen. Der Roman ist in seiner gebundenen Fassung im DuMont Buchverlag und als Hörbuchproduktion bei Der Audio Verlag erschienen. Ich habe gehört und gelesen, bin in eine längst vergangene Welt eingetaucht und habe aus verschiedenen Perspektiven erleben dürfen, was es bedeutet versklavt zu sein und was es nicht bedeutet, befreit zu werden. Dieser Roman hat mich in Ketten gelegt und wird mich nicht mehr in ein Leben entlassen, das so ist, wie es vorher war.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie stellt sie dies an? Wie erreicht Yaa Gyasi ihre Leser? Was unterscheidet diese Geschichte von anderen Romanen über die Geschichte der Sklaverei? Vielleicht ist es gar keine Geschichte der Sklaverei, die hier erzählt wird. Vielleicht ist es viel eher eine Geschichte von Menschen, ihren individuellen Lebenswegen und der Vorbestimmung, die sie zeitlebens verfolgt. Es ist eine Geschichte zweier Familien, die 1764 in Ghana beginnt. Es ist die Geschichte der Schwestern Effia und Esi, die sich nie begegnen und deren Lebenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Es sind die Geschichten ihrer Nachkommen, die ihre Brücken bis in unsere Zeit schlagen. 14 Perspektiven sind es, denen Yaa Gyasi ganz eigene Stimmen verleiht. Sieben Generationen dieses ganz besonderen Stammbaums zeugen davon, dass man sich niemals von den Wurzeln der eigenen Familie trennen kann. So sehr man dies auch versucht.

Diese mosaikartige Konstruktion macht diesen Roman so greifbar, da er keine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Es sind vierzehn einzelne Lebenswege, die sich uns erschließen und nur wir Leser wissen, was keiner der Protagonisten ahnt. Nur wir haben das Ganze im Blick. Wir sehen beide Äste des Stammbaums und erkennen die Wurzeln, Motive und Charaktere, die sich so sehr bedingen. Es sind diese Menschen und ihre Familien, denen wir begegnen. Die Nachfahren der Geschwister Effia und Esi und damit zugleich Erben zweier Lebenswege, denen fortan niemand mehr entrinnen kann. Effia, die als junges Mädchen mit einem englischen Offizier verheiratet wird und Esi, die zur gleichen Zeit versklavt wird. Zwei Wege, die das Leben ihrer Nachkommen bis in unsere Zeit definieren.

Heimkehren von Yaa Gyasi - AstroLibrium

Heimkehren von Yaa Gyasi

Es gibt also einen Familienzweig der freien Menschen, der sich schnell als fatal und ebenso wenig frei herausstellt, wie der Familienzweig, der in Sklaverei versinkt. Effia ist nur ein Spielzeug für den englischen Kolonial-Offizier. Seine schwarze Dirne, während er in England standesgemäß verheiratet ist. Damit reiht sich Effia in die Schlange jener Frauen ein, die den weißen Herren zu Diensten waren und deren illegale Kinder nur als Bastarde und Mischlinge zu sehen waren. Und doch meint es das Schicksal gut. Effias Sohn wird von seinem Vater anerkannt, nach England geschickt, ausgebildet und kehrt in seine Heimat Ghana zurück. Effias Sohn soll seinem Vater nachfolgen. Aus einem Kind Ghanas soll ein britischer Sklavenhändler werden.

Während Effia in der trügerischen Sicherheit einer Dirne lebt und dabei doch mehr Gefühle ins Spiel kommen, als je vermutet, liegt im Hafen ein Frachtschiff vor Anker, in dessen Rumpf sich Sklaven stapeln. Mitten unter ihnen, Esi, die Schwester Effias. Hier betreten wir mit Yaa Gyasi die abscheuliche und mehr als ekelhafte Welt des Handelns mit Menschen. Hier beginnt der Leidensweg von dem sich auch die Nachfahren Esis nie wieder befreien können. Hier macht die Autorin klar, was es bedeutet, in Sklaverei geboren zu werden und wie unmöglich es scheint, dieses Stigma abzulegen. Die Zeit heilt keine Wunden. Der amerikanische Bürgerkrieg nicht, John F. Kennedy nicht und keine noch so aufgeklärte Epoche danach. Hier entspricht der Roman in seinem Kern den Aussagen von Ta-Nehisi Coates. Freiheit schmeckt anders.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Folgen Sie Yaa Gyasi auf einen Streifzug durch sieben Generationen, erleiden Sie Ungerechtigkeiten ohne Beispiel, werden Sie zu Hoffnungsträgern einer Generation im Kampf gegen Vorurteile. Und erleben Sie, wie sich diese Lebenswege immer wieder zu kreuzen scheinen, ohne sich zu begegnen. Alles kehrt zurück zu seinen Wurzeln, alles folgt einer Bestimmung und afrikanische Legenden von Feuerfrauen erzählen nicht nur hohle Floskeln, sondern gehen tiefer. „Heimkehren“ ist ein außergewöhnliches Buch, das uns selbst verleitet, einen neugierigen Blick in unseren Stammbaum zu werfen. Wo hat alles angefangen, warum bin ich der, der ich bin und welchen Weg habe ich selbst gewählt? Fragen, die unabhängig von unserer Hautfarbe von unseren Vorfahren selbst beantwortet werden könnte. Schade, dass sie schweigen…

Ich habe „Heimkehren“ nicht nur gelesen, sondern hauptsächlich gehört. Hier ist eine Hörbuchproduktion gelungen, die genau diesem Buch die Krone aufsetzt. Es sind vierzehn prominente Sprecher und Sprecherinnen, denen es nicht nur gelingt, uns die Geschichte näherzubringen, sondern ihr eine solch tiefe Individualität zu verleihen, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Hier werden es vierzehn Charaktere mit eigener Stimme und mit eigenen Gefühlen, die uns an die Hand nehmen und durch schöne, aber eben auch grausame Zeiten führen. Großes Kino für Herz und Verstand. Alle Sprecher legen alles in diese Charaktere. Allein jedoch Jule Böwe (die für mich immer Julia sein wird, die Tochter von „Augustus“ von John Williams) als Esi, das Frachtstück an Bord eines Sklavenschiffes begleiten zu können, gehört für mich zu den emotionalsten Momenten, die ein Hörbuch vermitteln kann. Und Stefan Kaminski morpht sich mit seiner Stimme erneut in mein Hirn. Ein Hörbuch, das Maßstäbe setzt, und ein Roman, der Grenzen in unserem Verstand zu überschreiten vermag. So sehr empfehlenswert.

Auch Anja ist in „Zwiebelchens Plauderecke“ inzwischen heimgekehrt. Lesen!

Heimkehren von Yaa Gyasi – Afrika und AstroLibrium

Afrika in der kleinen literarischen Sternwarte. Ein ganz eigener Lesekontinent.