Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Du bist auf der Flucht. Der Alltag ist hinter dir her und du kannst sie nicht mehr hören, all die Parolen aus den Weiten des Internets, all die Nachrichten, Gerüchte und fatalen Aufmerksamkeitserreger, die dir die Kraft rauben. Corona, Wahlkampf, fallende Türme, Kriege und Konflikte. Alles nagt an dir und zieht dich runter. Du willst nur raus aus dem Kreislauf des alltäglichen Wahnsinns und rettest dich in ein Buch. Und schon die ersten Worte wiegen dich in ihren Armen. Sie umfassen dich und lassen dich vergessen…

„Es gibt noch immer Felder in England, die so ungeheuer groß sind, dass du
eine Stunde oder länger an ihnen entlanggehen oder sie überqueren oder durchqueren kannst und es dir so vorkommt, als hättest du dich keinen Zentimeter bewegt.“

Das Tempo entweicht und du lässt dich fallen. Wie eine Saugglocke, die sich leise senkt, schottet dich ein Schriftsteller vor der wahren Welt und ihren Schattenseiten ab. Er ist kein Unbekannter für dich. Du hast ihm schon einmal dein Lesen anvertraut und er hat dich wohlbehalten durch die „Offene See“ getragen. Nun schließt er den Kreis und entführt dich in seine Felder. Du lässt los, entspannst und genießt. Wort für Wort.

„Es gibt Felder, die irgendwo im Nirgendwo liegen, Felder, größer als Dörfer. Felder, die hunderte Menschen ernähren und Lebensraum für Tausende
oder gar Millionen von koexistierenden Geschöpfen und Arten bieten,
von der winzigsten Zecke bis zum größten Hirsch.“

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Hier im Nirgendwo atmest du den Rhythmus seiner Worte, inhalierst den Extrakt seiner Beschreibungen und wirst eins mit einer Erzählstimme, die dich bedächtig auf eine Geschichte vorbereitet, die sich in dir festsetzen wird. Eine Geschichte, die keinen Makel hat, die in Schönheit badet, und doch erst erzählt werden konnte, nachdem sich auch ihre Protagonisten in dieses Buch retten konnten. „Der perfekte Kreis“ liegt jetzt vor dir. Du musst ihn nur noch betreten, dich treiben lassen und die Wurzeln spüren, in die er dich verwickelt…

„In diese Felder greifen die Wurzeln einer Insel hinein. Sie greifen und tasten nach Sinn, nach Erkenntnis. Sie sind Teil der Geschichte, die ohne Ende ist.“

Hier spürst du, dass deine Flucht gelungen ist. Der Alltag bleibt als träges Rauschen zurück, das nicht mehr an dir zieht. Die Verantwortung für die Deinen ist noch da, es ist nur so unglaublich angenehm zu fühlen, wie deine Kraft zurückkehrt, wie sich die Akkus in deinem Inneren aufladen und die Bereitschaft wächst, tiefer in die Felder einzutreten.

„Und in einer stillen Sommernacht draußen auf den Feldern, wo der Himmel
ein umgedrehter Spiegel ist…, erhebt sich ein leichter Wind, der ein Meer von Platinnadeln zum Flimmern bringt, und seltsame Geschichten geschehen.“

Lass sie geschehen, diese Geschichten…!

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Und genau da beginnt „Der perfekte Kreis“. Im Jahr 1989 im Süden Englands, als in Kornfeldern kreisrunde Muster auftauchen und wilde Spekulationen hervorrufen, ob sie von Menschen oder gar Außerirdischen stammen. Zu gleichmäßig, zu künstlerisch und viel zu ungewöhnlich sind die kreisrunden Muster der Kornkreise, als dass man sie als Alltagsphänomene abhaken könnte. In Wahrheit jedoch sollten diese Kreise die Namen ihrer Schöpfer tragen. Calvert und Redbone. Freunde seit ewigen Zeiten und doch so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können. Verschwiegen und geheimnisvoll, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Nicht gerade Plaudertaschen, was ihre jeweilige Zukunft betrifft. Und doch ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, die mysteriösen Kornkreise in ihre Landschaft zu ziehen. Es gleicht einer perfekten Choreografie, dem nie geprobten und doch blind aufgeführten Tanz zweier bildgewaltiger Visionäre, wenn man sie zu ihren nächtlichen Vorhaben und geheimen Tatorten folgt und ihnen zusieht, wie sie ihre Kreise ziehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Benjamin Myers erzählt keine Geschichte im ursprünglichen Sinn. Er scheint einer inneren Eingebung zu folgen, die ihn zum aufmerksamen Chronisten jener Kunstwerke seiner Protagonisten macht. Er heftet sich an ihre Fersen, folgt ihnen in die Felder ihrer Heimat und beobachtet sie bei ihrem kreativen Schaffen. Sie verändern die Umwelt und mit dieser Veränderung bewirken sie eine veränderte Wahrnehmung genau dieser Welt in den Augen der Betrachter. Mit feinem Pinselstrich entsteht das Psychogramm zweier Männer, die man auf den ersten Blick niemals mit ihren geheimnisvollen Kornkreisen in Verbindung bringen würde. Jeder Kreis ein eigenes Kapitel. Jedes Kapitel am Ende mit einer Pressemeldung abgerundet. Jeder Kreis ein Kunstwerk. Ihre Schöpfer – anonym. Das haben sie sich geschworen, die beiden Männer, deren Wunden nur heilen können, wenn sie unentdeckt weitermachen können.

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Man spürt dieser Geschichte deutlich an, dass sie ihren Autor schlicht überfallen und gezwungen haben muss, sie niederzuschreiben. Es ist eine wortgewaltige Dynamik, die sich hier Raum verschafft. Es sind dynamische Satzkonstruktionen voller Kreativität, die einerseits beruhigen, andererseits aber aufwühlen und antreiben. Es sind die Kreise, in die wir abtauchen. Es sind die Mythen, die sie ausstrahlen und es der pure unmittelbare Schöpfungsakt, dem wir beiwohnen, ohne ihn genau zu verstehen. Benjamin Myers ist es gelungen, weit in den Hintergrund zu treten und seinen Roman für sich sprechen zu lassen. Was fragmentarisch wirkt, erhält seinen Sinn in den Kreisen. Was unvollständig klingt, wächst im Lesen zusammen. Wo manchmal die sogenannten Sidekicks fehlen, in denen man in Romanen so gerne abschweift, erlangen die Kreise die metaphorische und selbsterklärende Reife eines großen Gestaltungsprozesses. Das Innerste wird hier nach außen gekehrt. In der vermeintlichen, tatsächlich jedoch vermiedenen Zerstörung der Kornfelder liegt eine Magie verborgen, die Neues sichtbar werden lässt. Benjamin Myers metaphert nicht. Er tritt nur altbekannte literarische Muster flach und lässt neue entstehen.

Die Deutungshoheit überlässt er seiner Leserschaft, was ihn so sympathisch macht. Sein Roman schließt viele Kreise. Wo er zu scheitern droht, befreit er sich mit Urgewalt und Verve aus den Fesseln der Kritik. Die ewige Suche nach dem perfekten Kreis treibt die beiden Kreisläufer an. Ihm gilt ihr ganzes Streben. Ihm ordnen sie alles unter. Jede Panne, jede zufällige Begegnung und ihr eigenes Sein. Unfassbar schön, in einer Welt des Unbeständigen durch unbeständige Kunst den Hauch von Ordnung und Schönheit zu erschaffen. „Die offene See“ erzählte eine geschlossene Geschichte und mutierte in kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen. Ob es Benjamin Myers auch mit „Der perfekte Kreis“ gelingen wird, seine Leser zu begeistern, liegt an uns ganz allein. Stellen wir uns vor, wir wären ein Kornfeld. Stellen wir uns einfach vor, es wäre Calvert und Redbone gelungen, uns ein ganz klein wenig zu verändern. Und dann stellen wir uns vor, welches Muster wir sehen könnten. Eines, das schon immer in uns ruhte. Nur zu verborgen, es zu sehen. Der perfekte Kreis. Poetisch und eine runde Sache.

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

A propos runde Sache. Natürlich kann man sich die Geschichte der Kornkreise auch als Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag zu Gemüte führen. Fast sechseinhalb Stunden dauert die ungekürzte Lesung, in der uns Sprecher Sebastian Rudolph mit seiner Stimmkunst zu gebannten Zuhörern macht. Es fühlt sich an, als würde er ganz langsam Steine in einen See werfen. Die so entstehenden Kreise erreichen das Ufer und versetzen uns in Erstaunen. Auch, wenn dieser Roman sehr polarisieren wird, in seiner klaren Eigenständigkeit und in den Unterschieden zu klassischen Plots wird er Anklang finden. Auch für Hörbuchliebhaber ein echter Ohrenschmaus. Ich empfehle ein Bett im Kornfeld, einen guten Landwein und diese CD. Dann geht´s rund…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Jetzt habe ich ihn also doch gelesen. Meinen ersten Roman, der sich mit dem akuten Corona-Szenario in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und lähmende Begriffe wie Quarantäne und Social-Distancing zu Stellgrößen einer familiären Interaktion werden lässt. John von Düffel wagt sich aus der literarischen Deckung und legt einen Roman vor, in dem wir eigentlich genau das finden, wovon wir gerade kaum noch etwas hören wollen. Wir leben unsere Probleme, bewältigen unsere Alltage und finden selbst kaum Worte für eine Welt im Klammergriff der Pandemie. Die Literatur ist unser Fluchtpunkt, hilft uns, Ablenkung zu finden und unsere Fantasie abschweifen zu lassen. Da scheint es sehr gewagt zu sein, einen Familienroman zu schreiben, der die Corona-Pandemie nicht nur streift, sondern ihr den Raum gibt, den sie sich auch in unserem realen Leben genommen hat.

Die Wütenden und die Schuldigen“ will gerade aus diesen Gründen gelesen werden. Wie verarbeiten wir solche existenziellen Krisen literarisch? Wie lesen wir Geschichten, deren Rahmenbedingungen wir gerade wie im Livestream erleben? Wie reiben wir uns an diesem Roman? Wie sehr wühlt er uns auf, können wir etwas lernen oder prallt das Setting an uns ab, weil wir es einfach nicht mehr hören und lesen wollen? Alles Gründe für mich, diesen Roman auf meine Leseliste zu setzen. Fragen, denen ich mich widmen wollte, weil nur jetzt und nur heute das unmittelbare Leseerlebnis in der Zeitscheibe der Pandemie die Wirkung entfalten kann, die der Autor beabsichtigt. Eine große Aufgabe, der sich John von Düffel stellt. Aber wer, wenn nicht jener erfolgreiche Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste könnte dramaturgisch geschärft in Szene setzen, was mich im realen Leben oftmals sprachlos macht?

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

John von Düffel beschreibt keine Stereotype, er wählt nicht beliebig aus, wenn es um das Casting für seinen Roman geht und konfrontiert uns nicht mit einer Allerwelts-Familie, die sich „Lindenstraßen-gleich“ in unser Lesen „beimert. Nein, die Szenerie seines Schreibens ist besonders, keinesfalls beliebig. Hier geht es um Menschen, die sich schon ohne Pandemie zu verlieren scheinen. Hier geht es um eine Familie, die es heftig gebeutelt hat. Mutter Maria, Anästhesistin der Charité, mit ihrem gesamten Team zwangsweise in Quarantäne, nachdem es zwei positive Tests gab. Jetzt gilt es, für sich selbst zu sorgen, weil der Rest ihrer Familie für alles Zeit hat, nur nicht für sie. Tochter Selma ist mit einer professionellen Sterbebegleiterin unterwegs zu Großvater Richard, einem protestantischen Pfarrer in der Uckermark, dessen Zeit abzulaufen scheint. Und Bruder Jakob hat gerade nichts anderes im Kopf, als seine kopflose Leidenschaft für seine Kunstprofessorin, die seine Sinne sprichwörtlich betäubt. Vier Lebensentwürfe in einem gesellschaftlichen Irrgarten, die kaum noch miteinander zu verbinden sind.

Und jetzt kommt auch noch die Pandemie hinzu, deckt alles mit Einschränkungen zu und erschwert den letzten Rest der Gemeinsamkeiten, die diese Familie noch hat. Hier sind es jetzt die fehlenden Teile im Familien-Puzzle, die neuen Herausforderungen und die Corona-Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, die zur Unzeit zu unlösbar scheinenden Problemen mutieren. Und mittendrin Selma, die verzweifelt versucht, die Lebensfäden einer zerstreuten Familie zu bündeln. Mission Impossible in der einsamen Uckermark. Kontaktverbot, Quarantäne und soziale Distanz werden zu den Mauern, an denen gerade jetzt eine Wiedervereinigung scheitern muss. John von Düffel lässt uns an diesen verschiedenen Welten teilhaben. Wir gehen in Quarantäne und lernen einen Rabbi kennen, wir begleiten einen Sterbenden und stranden in der Uckermark, stehen nackt einer Kunstprofessorin Modell und schämen uns für das Ergebnis, das wir sehen. Es fühlt sich lose und unverbindlich an, was Selma zu verbinden sucht. Besonders im Kontext einer Pandemie…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

„Die Wütenden und die Schuldigen“ ist ein Roman voller Variablen. Es ist kaum noch auf einen Nenner zu bringen, wenn es der komplexen Formelwelt einer Familie an Konstanten fehlt. Auch ohne Virus hätte es kaum einen größten gemeinsamen Teiler gegeben, der es ermöglicht hätte, die Familie ohne Rest berechenbar zu machen. Ich habe mich oft in den Parallelwelten verloren, denen John von Düffel Raum gibt, um in seinen Erzählräumen nicht eindimensional zu bleiben. Es sind tiefgründige Gespräche mit einem Rabbi, mystisch anmutende Begegnungen mit Katzen, Dorfjugendliche, die wie Abziehbilder einer vergangenen Zeit wirken und starke Charaktere, die sich mitten im Chaos behaupten, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, richtig zu liegen. Angesichts des nahenden Todes ist es eine starke These im Roman, dass es am Ende nur zwei Sorten von Sterbenden gibt: „Die Wütenden und die Schuldigen“. Ich habe lange darüber nachgedacht, kann der Argumentation im Roman folgen, bin aber ganz zuletzt der Meinung, dass es ein größeres Spektrum an Gefühlslagen gibt. Wir finden hier jedoch einen unfassbar brillanten Zündfunken für unseren Geist, an dem wir uns noch lange reiben, nachdem die letzte Seite gelesen ist.

Sprachlich überzeugt John von Düffel, weil er seine Satzgebilde mit einem Florett in unser Lesen sticht. Seine Beschreibungen betonen nicht, was man fühlen soll. Sie lassen uns fühlen. Das orientierungslose Erwachen eines sterbenden Pfarrers oder die leidenschaftlich aufgeladene Atmosphäre einer niemals unschuldigen Aktstudie bleiben ebenso haften, wie die professionelle Herangehensweise einer Sterbebegleiterin an die Zielperson. Hin- und hergerissen zwischen aktueller Herausforderung und Aufarbeitung der Vergangenheit trägt uns Lesende ein Spannungsbogen durch einen Roman, der in wenigen Passagen brüchig und stockend scheint. Ich habe ihn immer wiedergefunden, weil es eben auch die fehlenden Puzzlesteine der Familie sind, die von Interesse sind. Ich fand Mutter, Großvater und zwei Geschwister. Die Tiefe des Erzählten liegt jedoch beim abwesenden Vater. Ihn zu entdecken. Ihn sprichwörtlich wahr zu nehmen, seine Verluste und Ängste auf seine Familie zu übertragen, erklärt nicht nur den Titel dieses Romans. Es erklärt auch, warum dieses Buch so unberechenbar ist…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Am Ende bleibt die Frage nach der Relevanz dieses Romans. Für mich hat John von Düffel einen sehr soliden und interessanten Familienroman geschrieben, der im Corona-Setting nicht untergeht, von den Besonderheiten der pandemischen Situation jedoch in Gänze profitiert. Wir finden schon ein paar Antworten, wie wir den sozialen Boden verlieren können, wie leicht Ausreden werden und wie sehr die Abkapselung in einer Gesellschaft zur Vereinsamung in einer Familie führen kann. Wir werden schon bald gefragt werden, wie wir uns verhalten haben. Wir werden uns selbst fragen. Und dann gilt es, die Maske abzulegen und ehrlich zu sein. John von Düffel mag dabei in begrenztem Umfang helfen… Dies ist ein Roman – kein Ratgeber…

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Der große Sommer von Ewald Arenz

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Da bin ich mal wieder mittendrin in einem jener großen Erweckungsmomente, in denen ein Jugendlicher die unsichtbare Grenze zum Erwachsensein überschreitet. Da bin ich mal wieder in einem jener Romane gelandet, die man dem Genre „Coming-of-Age“ zuordnen muss. Dieses Frühjahr hat mich ganz gezielt zu Autoren entführt, deren Neuerscheinungen sich genau diesem literarischen Sujet verschrieben haben. Es liegt sicherlich daran, dass sie eine Zeitscheibe für ihre Erzählungen gewählt haben, in der ich selbst an der Demarkationslinie eines Adoleszierenden stand und sie plötzlich und ohne es so richtig zu begreifen, überschritten und hinter mir gelassen habe. Ich wollte dieser Initiationssequenz auf die Spur kommen, erneut das Gefühl meiner 80er Jahre aufleben lassen, und in den Tiefen meiner (vielleicht verdrängten) Erinnerungen nach den Spuren meiner Jugend suchen.

Ich war mit Benedict Wells in Grady, erlebte seinen Roman „Hard Land“ im Taumel meiner Gefühle, projizierte Erzähltes auf meine eigene Vergangenheit und war beseelt, als ich Missouri endlich den Rücken kehren konnte. Ich wurde von Björn Stephan zart auf die Tatsache „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ hingewiesen und erlebte das Erwachsenwerden in einem Plattenbau-poetischen Biotop namens Klein Krebslow. Ich habe diese beiden Romane geliebt, verglichen, nach der Blaupause gesucht und für mich die Antworten gefunden, warum sie mich so sehr bewegt haben. Man kann diesen erkenntnisreichen Moment hier mit seinen eigenen Augen erlesen. Coming-of-Age. Ein Vergleich. Und doch fehlte mir eine wichtige Perspektive, hatten weder Björn Stephan noch Benedict Wells meine Achtizger Jahre selbst erlebt. Es war ihre Distanz, die es ihnen erlaubte, so tief einzudringen. Jetzt wollte ich gezielt die Welt der Jungspunde im literarischen Coming-of-Age-Segment verlassen und mich einem Autor anschließen, in dessen Leben diese Zeit nicht nur aus dem Hörensagen besteht.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65). Und nein, ich gehöre sicherlich nicht zu den Lesern, die denken, ein Autor muss selbst erlebt haben, worüber er schreibt (es gäbe keine Mittelalter-Romane), aber ich fühle es, wenn der Schriftsteller gefühlt hat, was ich einst fühlte. Das ist natürlich reines subjektiv geprägtes Empfinden, aber meine Emotionen lassen mich lesend nicht im Stich. Glaubt mir. Dies muss man verstehen, wenn man verstehen mag, was der Roman Der große Sommer von Ewald Arenz  in mir ausgelöst hat. Hier war ich wirklich wieder zurück in einer Zeit, die mir unvergessen ist. Hier erlebte ich tatsächlich eine letzte Generation im Übergangsstadium zwischen analoger und digitaler Welt. Hier spürte ich, dass jemand nicht nur darüber schreiben kann, weil er es gut recherchiert hat. Nein. Er war dabei!

So las ich Der große Sommer. So muss und sollte man ihn lesen. Ein Roman aus berufenem Munde. Das wird auf jeder Seite deutlich. Dabei beschreibt Ewald Arenz im Kern seiner Geschichte keine sentimentale Journey to the Past. Er baut mit den Bildern Brücken zur heutigen Jugend. Er nimmt jeden mit in sein Boot und lässt es zu, dass wir uns alle unseren eigenen großen Sommer heraussuchen und ihn an seiner Geschichte reiben. Und nur durch Reibung entsteht Wärme. Das Gefühl, auf einem 10-Meter-Brett im Schwimmbad zu stehen, nicht zu wissen, ob man sich traut, von allen beobachtet zu werden und unerwartete Hilfe zu bekommen, ist kein exklusives Gefühl der ´80er Jahre. Es sind genau diese Brücken, die seinen Roman für jede Generation zugänglich und in besonderer Weise liebenswert machen. Es sind die Romanfiguren, die er nahbar und authentisch zeichnet. Es ist das Setting, das uns Lesende fesselt und es ist der Plot, in dem wir versinken, wie nach einem gewagten Sprung vom Sprungturm. Man muss sich einfach trauen. Dann ist Tiefgang garantiert.

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

So könnt ihr „Der große Sommer“ lesen. Hier könnt ihr den Neuntklässler Frieder kennenlernen, dessen Sommer nach allem schmeckt, nur eben nicht nach Größe. Für ihn steht alles auf der Kippe. Entweder seine Nachprüfungen bestehen, oder die Schule verlassen, so lauten die bitteren Alternativen des schulischen Versagens. Entweder jetzt akzeptieren, in den Sommerferien beim Großvater zu bleiben und unter Aufsicht für die Prüfungen zu büffeln, während der Rest der Familie in die Ferien verduftet, oder für alle Zeiten an den Folgen leiden. Nein, das schmeckt nicht nach einem großen Sommer. Im Gegenteil, das ist trist, kleinteilig und erzwungen. Freiraum sollte sich für einen Jungen im Alter von sechzehn Jahren anders anfühlen. Für Frieder jedoch fühlt sich alles mehr als falsch an. Falsche Eltern, falsche Lehrer, falscher Ort. Wären da nicht Alma, seine Schwester und Johann, sein einziger und bester Freund, die Situation wäre ausweglos. Und trotzdem passt nichts so, wie es passen soll. Nichtmal die Schallplatten, die bisher so gut gepasst hatten:

Sie stimmten einfach alle nicht mehr. Als ob die Töne etwas erzählen, was mich nichts mehr anging. Alles war… irgendwie nett, aber vollkommen bedeutungslos.

Diese Bedeutungslosigkeit verliert ihren Schrecken, als Beate in sein Leben tritt. Und das ausgerechnet an dem Ort, an dem er sich selbst nicht viel zutraut. Es ist jener Sprungturm, auf dem sie ihm ihre Hand reicht. Es ist ein gemeinsamer Sprung, der alle Muster seines Lebens durchbricht. Und es ist der Sprung, der zum Synonym für jenen Sommer wird. Ewald Arenz lässt uns mitspringen, mitfiebern, mitleiden, mitlachen und mitfühlen. Es ist die Ausgangssituation, aus der er seine Fäden spinnt. Hier legt er die Fallstricke aus, die man alleine nicht überwinden kann. Wer hier mutig mitspringt, wird eine Geschichte erleben, in der Freundschaft auf eine extreme Probe gestellt wird, wo erste Gefühle ein heftiges Bremsmanöver überstehen müssen, sich ein Großvater zum Retter mausert und ein gemeinsames Grab immer mehr Raum einnimmt. Der Rahmen ist nur dafür da, um gesprengt zu werden. Das schafft Ewald Arenz in aller Vehemenz.

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Ich habe gelernt, Ewald Arenz zu vertrauen. Auch, wenn seine Geschichte alles von seinen Protagonisten abverlangt, es gelingt ihm immer wieder, sie zu beschützen. Mehr kann man von einem fürsorglichen Schriftsteller kaum erwarten. Ich kann euch diesen Roman nur ans Herz legen. Auch, wenn er viele Ingredienzien in sich trägt, die man im Moment in vielen Coming-of-Age-Romanen wiederfindet, er unterscheidet sich in einer wichtigen Frage. Der Relevanz und der Tragweite für unser Leben. Ein zweiter Strang seiner Haupthandlung bringt seine Geschichte auf Augenhöhe mit der Gegenwart. Hier begeben wir uns an der Seite von Frieder, Jahrzehnte nach dem großen Sommer, auf eine Suche, die niemanden kaltlassen kann. Wer sich getraut hat, vom Sprungturm des Schwimmbads zu springen, der muss noch ein wenig mehr Mut aufbringen, einen Weg zu gehen, den wir gut verteilt über die Kapitel des Romans gehen müssen.

Mein Handy vibriert wieder: „Wo bist du?“
„Friedhof“, schreibe ich zurück.

Ich habe Der große Sommer in einem Rutsch gelesen. Es war anders geplant. Es war der erste Blick, den ich morgens ins Buch warf, der alles veränderte. Ich hatte ein paar Pläne, der Tag hatte noch Struktur und Ziele. Ich wollte…, sollte und hätte. Nichts davon habe ich verwirklicht. Es war der letzte Blick ins Buch, der mich einige Stunden später zurück ins Leben holte. Voller Fragen: Wo ist mein Tag geblieben? Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Warum ist das Auto noch in der Werkstatt und warum sind die Briefe nicht auf der Post? Wenn sich das nach einem verlorenen Tag anhört, dann täuscht der Eindruck. Er war unvergesslich…

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Offene See von Benjamin Myers

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Offene See von Benjamin Myers

„The Offing“ ist der Originaltitel des Romans von Benjamin Myers, der im DuMont Buchverlag unter der Überschrift „Offene See“ erschienen ist. Ein Sehnsuchtsbuch, in dem es mitnichten um eine stürmische Reise auf hohen Wellenbergen geht. Es sind die Gegensätze, die sich anziehen. Es ist der Traum von der Weite des Meeres, der einen jungen Mann aus den gewohnten und vorbestimmten Mustern ausbrechen lässt. Es ist die pure Poesie, die Benjamin Myers in die literarische Waagschale wirft, um seinen emotionalen Roadtrip mit unseren tiefen Sehnsüchten zu verbinden. Es ist ein ruhiger, fast schon kontemplativer Roman, in dem das Meer das Ziel zu sein scheint. Aber nicht immer muss man sein Ziel erreichen, wenn man am Wegesrand die Entdeckung seines Lebens macht.

Wir befinden uns im England des Jahres 1946. Von Siegestaumel keine Spur. Das Land leidet, stöhnt unter den Wunden der Verluste und Entbehrungen, Trümmer weisen den Weg in die Zukunft, ein erstes zaghaftes Aufatmen ist zu spüren und die Menschen versuchen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Und schon wird es dem jungen Robert zu eng. Wo er zuvor in der Angst vor dem Krieg gefangen war, scheint es nun die Familientradition zu sein, die sein Leben in Schranken weist. Unter Tage liegt seine Bestimmung. Wie seine zahllosen Vorfahren ist es der Bergbau, der nach ihm ruft. Ein Leben in Dunkelheit, voller Entbehrungen und Risiken. Robert träumt größer. Er träumt anders. Er will zur offenen See. Zum Meer. Zum Offing, jener Zone, in der man keinen Losten braucht, um sich frei zu bewegen. Robert bricht auf, um in See zu stechen.

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Offene See von Benjamin Myers

„Ein paar Sommer hier, einige lange dunkle Winter da; Glück, Krieg, Krankheit,
ein bisschen Liebe, noch etwas mehr Glück, und plötzlich blickst du ins falsche 
Ende des Fernrohrs.“

Dem will Robert entgehen. Wo ist das Leben geblieben? Diese Frage treibt ihn um und wie so viele junge Menschen auf der Gratwanderung zum Erwachsenwerden strebt er nach mehr. Mit seinen gerade mal sechzehn Jahren bricht er auf. Unbefangen und voller Tatendrang sieht er den Weg zum Meer als einzige Alternative an, aus dem Trott zu fliehen, den andere für ihn geplant hatten.

„Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“

Benjamin Myers zelebriert diesen Neubeginn wie eine Wiedergeburt. Er beschreibt, wie sich die Natur von einer anderen Seite zeigt, wie das Atmen leichter wird und sich die Perspektive erweitert. Ein Aufbruchsroman getragen von der Metapher Meer. Jeder von uns kennt seinen eigenen Sehnsuchtsort. Jeder kennt die Destination, der man am liebsten alles Streben widmen würde. Und wir alle wissen, dass es oftmals schon reicht aufzubrechen, um dieser Sehnsucht zu entsprechen. Robert atmet auf. Wir atmen mit.

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Offene See von Benjamin Myers

„Je weiter ich mich von allem entfernte, das ich je gekannt hatte,
desto leichter fühlte ich mich… Jetzt atmete ich tief…“

Natürlich findet Robert seinen Ozean. Er findet seinen Sehnsuchtsort und doch ist es nicht die „Offene See“, die mit wilden Stränden und hohen Wellen auf ihn wartet. Es ist Dulcie Piper, die ihn unterwegs zur Übernachtung auf ihrem Cottage einlädt. Ja, sie ist augenscheinlich alt und ziemlich altmodisch gekleidet. Der Kontrast kann größer kaum sein. Sie empfängt den Pfadfinder und fesselt ihn mit ihrer unkonventionellen Art. Es ist diese Dulcie Piper, die sein Leben verändert. Es ist diese Frau, die zu Erfüllung seiner Sehnsucht wird und ihm Zugang zu einer verborgenen Welt verschafft, die Robert ohne sie wohl niemals wahrgenommen oder entdeckt hätte. Dulcie ist die „Offene See“.

Diese Begegnung besteht aus purer Inspiration und setzt diese in gleichem Maße frei. Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert sind geprägt von Offenheit, Vertrauen und einer guten Portion weltgewandter Melancholie. Es ist die Literatur, die Robert hier auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist eine Welt, in der es plötzlich möglich ist, Gefühle zu beschreiben. Die Welt, in der man seine Träume, Schwächen und Leidenschaft nicht mehr für sich behalten muss. Robert und Dulcie. Ein ungleiches Paar. Und doch ist es eine der wundervollsten literarischen Beziehungen, der wir uns hier ganz behutsam und vorsichtig nähern dürfen. Bis wir auf das große Geheimnis der alten Dame stoßen.

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Offene See von Benjamin Myers

Robert entdeckt das Manuskript eines Gedichtbandes. „Offene See“. Hier erkennt er, dass auch Dulcie Piper ihre Geheimnisse hat. Hier wird aus einer Begegnung eine Reise in die Vergangenheit der Frau, die ihn so unvoreingenommen aufgenommen hat. Es ist die bewegende Geschichte von Gedichten, die Dulcie auf den Leib geschrieben wurden. Die Tür in eine längst vergangene Welt. Hier treten auch wir durch die Tür zu einer neuen Geschichte. Voller Poesie, voller Emotion und Leidenschaft und von Seite zu Seite verlieben wir uns mehr in jene Frau, die diese Gedichte nicht lesen wollte, weil sie sie alle gelebt hat. Wer jemals an die Kraft von Poesie geglaubt hat, der sollte sich dieses besondere literarische Erlebnis nicht entgehen lassen.

Es ist die „Offene See“, die metaphorisch nach uns allen greift. Es ist die Magie dieses Manuskripts, das nun zum Leben erwacht. Es sind diese Gedichte, die Robert Dulcie Piper zum ersten Mal vorliest. Die Vergangenheit liegt zwischen den Zeilen und sie lässt eine Schriftstellerin auferstehen, die wie Robert nur als Besucherin bei Dulcie Piper war. Es ist die Macht des geschriebenen Wortes, die Benjamin Myers mit seinen Worten freisetzt. Es ist die doppelte Konsequenz des gelüfteten Geheimnisses, die im Roman zu einem denkwürdigen Erlebnis wird. Es ist die „Offene See„, die uns trunken vor Literatur und Liebe macht. Ein Meisterwerk.

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Offene See von Benjamin Myers

Manfred Zapatka hat „Offene See“ von Benjamin Myers für das Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingelesen. Er brilliert oft mit seiner markanten Stimme und dem feinfühlig-rauchigen Timbre, das zu seinem Markenzeichen wurde. Es ist nicht die Stimme eines Sechszehnjährigen, die uns hier durch diese Geschichte trägt. Es ist die Rückschau eines älteren Ichs von Robert, das in der emotionalen Retrospektive von der längst vergangenen Zeit erzählt. Einer Zeit, in der Dulcie Piper zur Wegbereiterin einer großen Karriere wurde. Man klebt an Manfred Zapatkas unsichtbar bleibenden Lippen, bis er den letzten Satz vollendet hat. Dann träumen wir weiter. Vorwärts, rückwärts und immer im Rhythmus der hohen Wellen, die dieser Roman geschlagen hat.

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Update – September 2021…

Sein Roman „Die offene See“ erzählte eine geschlossene Geschichte und mutierte in kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen. Ob es Benjamin Myers auch mit „Der perfekte Kreis“ gelingen wird, seine Leser zu begeistern, liegt an uns ganz allein. Stellen wir uns vor, wir wären ein Kornfeld. Stellen wir uns einfach vor, es wäre Calvert und Redbone gelungen, uns ein ganz klein wenig zu verändern. Und dann stellen wir uns vor, welches Muster wir sehen könnten. Eines, das schon immer in uns ruhte. Nur zu verborgen, es zu sehen. Der perfekte Kreis. Poetisch und eine runde Sache. (hier geht´s zur Rezension)

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Sie ist eine der ganz Großen der französischen Literatur: Delphine de Vigan. Ihre Romane haben mein Lesen verändert, meine Wahrnehmung geschärft und gehören zu den wichtigsten Wegmarken in meiner kleinen Bibliothek. Sie hat „Loyalitäten“ von mir eingefordert, „Das Lächeln meiner Mutter“ zur Kunstform erhoben und es im Roman „Nach einer wahren Geschichte“ in ihr Leben als Schriftstellerin gespiegelt. Was für mich vor vielen Jahren mit „No & ich“ begann, setzt sich nun mit „Dankbarkeiten“ fort. Das Buch trägt mein persönliches Gefühl gegenüber der kreativen Lebensleistung von Delphine de Vigan in seinem Titel. Ich empfinde Gratitudes, Dankbarkeiten für jedes einzelne Wort aus ihrer Feder. Ein Gefühl, das sich erneut steigern sollte….

Während Delphine de Vigan in ihren bisherigen Büchern eher komplex angelegte und in sich verwobene Geschichten erzählte, besticht sie in „Dankbarkeiten“ durch die klar definierte und einfache Struktur ihres Erzählraumes. Man ist schnell drin in der Erzählung, freundet sich rasant mit den drei Protagonisten an, und wird von einem Plot aufgesaugt, der ein Unterbrechen des Lesens nicht erlaubt. Empathisch und gefühlvoll entführt uns Delphine in den letzten Lebensabschnitt einer Dame, deren Beruf sich dem Wort verschrieben hatte. Korrektorin bei großen Magazinen war sie. Wortgewaltig und präzise in ihren Formulierungen. Und jetzt? Im hohen Alter wird sie von einer Krankheit eingeholt, die sie besonders trifft. Aphasie. Der Verlust des Sprechvermögens.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Madame Seld, oder nennen wir sie einfach Michka, ist keinesfalls dement. Es sind die Worte, die verschwinden. Begriffe des täglichen Lebens, die plötzlich nicht mehr zu ihrem vormals reichhaltigen Sprachschatz gehören und die sie jetzt durch ähnliche oder gleichlautende zu ersetzen versucht. Michka hat Angst, fühlt, dass etwas zerreisst und, dass der Zustand in dem sie sich nun befindet unumkehrbar ist. Rücksichtsvoll lesen wir ihr die Worte von den Lippen ab, versuchen ihr auf die Sprünge zu helfen, um ihr das Gefühl zu vermitteln, sie immer noch gut zu verstehen. Sie selbst ahnt jedoch, dass ihr nicht nur die Worte entgleiten. Es ist das ganze Leben, das verschwindet.

Es ist Marie, eine junge Frau, die sich Michka verpflichtet fühlt, die nun die Reißleine zieht und die alte Dame davon überzeugt, dass ein Seniorenheim der sicherste Platz für die schwierige Lebensphase wäre. Abschied nun nicht mehr nur von Worten. Abschied vom gewohnten Umfeld, von der eigenen Wohnung und den Gegenständen, die sie ein Leben lang begleitet haben, all dies sorgt bei Michka für Albträume und das Gefühl, in einem Strudel zu versinken. Jerome, der Logopäde des Altenheims, wird als Therapeut mit der alten Dame konfrontiert und nun ist er gefordert, die Reste des Sprachschatzes zu bewahren und weitere Verluste zu verhindern. Die Übungen beginnen.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Aus dieser Dreierkonstellation gestaltet Delphine de Vigan ihren Erzählkosmos, in dessen Zentrum ein Fixstern namens Dankbarkeiten hell leuchtet. Eine junge Frau, in deren Leben viele offene Fragen toben und die nicht weiß, wie sie Michka danken soll. Ein Therapeut, der bevorzugt mit alten Menschen arbeitet, um einen ungelösten Konflikt zu kompensieren und die alte Dame, die am Ende des Lebens kaum noch die richtigen Worte findet, um die großen offenen Fragen der Vergangenheit zu beantworten. Es gibt noch einen letzten Wunsch, den man ihr erfüllen kann. Ihre Dankbarkeit zu übermitteln und den Menschen, die ihr einst das Leben gerettet haben zu zeigen, dass Michka sie nie vergessen hat.

Delphine de Vigan schreibt sich in die zunehmende Sprachlosigkeit der alten Dame hinein, als würde sie selbst in Aphasie versinken. Es ist beklemmend zu lesen, wie viele Worte sich verabschieden. Es ist ein brillanter literarischer Kunstgriff, der uns Michka trotzdem verstehen lässt, weil wir schnell fühlen, was sie eigentlich sagen will. Und es ist der alles überstrahlende Charakter der alten Dame, der sie zur eigentlichen Akteurin in diesem Roman macht. Nein, sie ist nicht vergesslich. Im eigentlichen Sinne ist sie es, die ihre beiden letzten Wegbegleiter therapiert. Hier ist es die fast sprachlose Michka, die ihr letztes Pulver verschießt, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Unglaublich emotional.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Delphine de Vigan richtet unsere Antennen neu aus, sie stellt uns auf Empfang und zeigt deutlich auf, wie wichtig ein aufrichtiger Dank sein kann. Wann haben wir uns bei jemandem bedankt, der mehr für uns getan hat, als es zu erwarten gewesen wäre? Wie haben wir uns bedankt und gibt es noch „Dankbarkeiten„, die wir noch nicht erwiesen haben? Diese Fragen bleiben uns Lesenden am Ende dieses unglaublich bewegenden Buchs. Das Ringen um gemeinsame Zeit mit uns nahestehenden Menschen mag eine der wesentlichen Triebfedern sein, um Verluste zu vermeiden. In Wahrheit jedoch geht es um die Qualität dieser Zeit, bevor alles endet. Diese Lektion überstrahlt dieses Buch.

Eine tiefe Hommage an die Dankbarkeit. Eine Hommage an Therapeuten, die sehen wann die Schlacht verloren ist und trotzdem weiter kämpfen. Ein großer Roman gegen die Selbstverständlichkeit von kleinen und bedeutenden Gesten. Dieses Buch ist nicht beliebig. Es ist in jeder Nuance besonders und bleibt haften. Wie es der Übersetzerin Doris Heinemann hier gelungen ist, der französischen Sprachlosigkeit zur Wortgewalt zu verhelfen, ist grandios. Ihrem Sprachschatz haben wir zu verdanken, dass Delphine de Vigans Originalvorlage mit Sprachwitz und Gewandtheit in der deutschen Ausgabe so harmonisch umgesetzt wurde.

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Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Am Ende erwartet uns eine Begegnung, die von einer besonderen Sprache geprägt ist. Auch hartgesottene Leser sollten sich mit Taschentüchern wappnen, denn hier ist es die große Delphine de Vigan, die ihre Geschichte mit einem sprachlichen Knalleffekt ins Ziel bringt. Das muss man lesen, um es nachfühlen zu können. Das muss man auf sich wirken lassen, um den Hoffnungsschimmer am Ende der „Dankbarkeiten“ ganz tief zu verinnerlichen. Madame Seld zu vergessen, wird nicht gelingen. Vielleicht hilft ja ihr Roman dabei, uns dann ein bisschen Halt zu geben, wenn wir mit Menschen konfrontiert werden, denen ein dramatischer Verlust droht. Sei es Sprache oder Erinnerung. Sei es körperliche Gesundheit oder emotionaler Schaden. Ja, dieser Roman öffnet Horizonte.

Der vergessliche Riese“ von David Wagner und „Dankbarkeiten“ gehen Hand in Hand durch mein Lesen. Der empathische Umgang mit alten Menschen und die Würde, die ihnen durch diese Geschichten zurückgegeben wird sind unverzichtbare Elemente einer Gefühlslage, die in einer immer gefühlloser werdender Zeit abhanden kommt. Ich bedanke mich für diese Bücher.

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