Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt. Ich reibe diese Erkenntnisse an meiner eigenen Jugend und könnte fast eine Checkliste vorlegen, die alles beinhaltet, was in einem großen Roman über die letzten Tage der eigenen Kindheit vorkommen muss, damit wir sagen: „Ja, so hat es sich angefühlt“.

Die Coming-of-Age-Rezeptur 2021. Man nehme:

  • einen unsicheren, schüchternen und doch sympathischen Heranwachsenden
  • eine verzweifelt angebetete und doch unerreichbare erste Liebe, verkörpert von einem möglichst charismatischen und ungewöhnlichen Mädchen
  • ein hermetisch abgeschlossenes Biotop namens Heimat
  • eine mythisch anmutende legendäre Zeitscheibe der jüngsten Vergangenheit
  • einen Hauch von Abschied, der über der gesameten Szenerie liegt
  • einen väterlichen „Alltags-Coelho“, der als philosophischer Kompass dient
  • ein paar Rabauken aus der Nachbarschaft, vor denen man sich fürchten muss
  • gute Freunde (zumindest einen), mit denen man Pferde stehlen kann
  • den einen großen Erweckungsmoment, der die Grenzlinie zur Kindheit definiert
  • die tragische Grundlagengeschichte der Eltern des Protagonisten und zuletzt
  • kleine Portionen zeitgemäßer Zutaten wie Rassismus und / oder Mobbing

Hält man sich an diese Rezeptur und gelingt es dann auch noch, sie mit Leben zu füllen, dann steht einem erfolgreichen Coming-of-Age-Roman nichts im Wege.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Zur Überprüfung dieser Rezeptur können wir ja gerne mal den aktuellen Roman von Benedict Wells einem grundlegenden Check unterziehen. Und siehe da: Im Adoleszenz-Szenario eines gewissen Sam Turner entdecken wir in „Hard Land“ alle Ingredienzien, die zwingend in die Suppe gehören, damit sie mundet. Da ist die junge Kirstie, ohne die ein weiteres Leben möglich ist, aber keinen Sinn macht. Da ist eine kleine verschlafene Stadt in Missouri, in der es sich 1984 zwar zu leben lohnt, die es aber hoffentlich bald zu verlassen gilt. Grady. Da ist ein längst verstorbener Autor, in dessen Werk unser Protagonist die Richtschnur seines Lebens vermutet. Da sind die Konflikt-gestählten Schlägertypen, vor denen es auszureißen gilt. Wir finden Freunde, an deren Seite man erwachsen werden kann. Wir erleben ein magisches Festival, an dessen Ende nichts mehr so ist, wie zuvor. Und die Geschichte der Eltern steckt den Rahmen ab, aus dem Sam Turner ausbrechen muss. Trauer und Depression. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass einer seiner engsten Freunde gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, dann hat man hinter jeden Punkt der Checkliste einen Haken gemacht.

Verfügt man dann noch über die empathische literarische Brillanz eines Benedict Wells, steht dem Erfolg nichts im Weg. Begeisterte Leser (mich eingeschlossen), sehr gute Rezensionen in der großen Riege der selbsternannten Literaturkritiker (wozu man auch mich zählen darf) und nicht zuletzt bestmögliche Platzierungen in Bestsellerlisten. So schreibt man heutzutage Erfolgsgeschichten. Das wollen die Menschen lesen. Und, um ganz ehrlich zu sein, solche Bücher dürften kein Ende haben. Womit ich nun auch schon dort angelangt bin, wo ich eigentlich seit Beginn dieses Artikels hin wollte. Wenn es also diese Blaupause gibt, wenn man sich in ihren Grenzen wohlfühlt und ein Buch einfach nur genießen kann, wo werde ich fündig, wenn ich vergleichbares suche? In meinem Lesen sind es manchmal Zufälle, die mir solche Bücher ins Haus bringen. Hier jedoch ist es das Ergebnis genauen Abwägens, zwei Coming-of-Age-Romane in Folge gelesen zu haben. Ich wollte vergleichen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Dabei soll der Vergleich keine vergleichende Bewertung sein. Vielmehr möchte ich zeigen, dass es auch neben dem derzeitigen Branchenprimus Benedict Wells Romane gibt, die unglaublich lesens- und liebenswert sind. Vielleicht gehen sie gerade ein wenig im Mahlstrom der Neuerscheinungen unter, vielleicht leiden sie mehr unter den Corona-Bedingungen und der damit verbundenen Unsichtbarkeit auf dem Buchmarkt, der sich in diesen Tagen als kontaktlose Kontaktbörse präsentiert. Autoren ohne Lesungen. Die Welt des digital Gezeigten überlagert die Welt des realen Erlebten. So bitte ich diesen Vergleich zu verstehen. Ich möchte nicht zwei Romane aneinander reiben. Ich möchte aufzeigen, warum man Björn Stephan in einem Atemzug mit Benedict Wells nennen kann, wenn es um brillant erzählte Geschichten an der Grenzlinie zur Adoleszenz geht.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Wenn ich meine Coming-of-Age-Checkliste wie eine Schablone anlege, stelle ich erfreut fest, dass hier alle Zutaten zu einer großen Geschichte vom Erwachsenwerden zu finden sind. Nicht nur lieblos in den literarischen Topf geworfen, sondern mit großer Sorgfalt komponiert. Das Besondere an diesem Buch ist der Kontrast zu den Kulissen, die sich ansonsten für solche Geschichten anbieten. Wir sind in Klein Krebslow und erleben die letzten Reste eines längst überkommenen Plattenbau-Biotops in dem Land, das eigentlich wiedervereinigt ist, in dem die Wunden des Zusammenbruchs der DDR noch deutlich spürbar sind. Auch noch im Jahr 1994, in dem uns der dreizehnjährige Sascha Labude zum ersten Mal begegnet. Mit ihm kann man sich identifizieren, weil sich in ihm die Unsicherheit einer jungen Generation spiegelt. Wo stehe ich? Warum werde ich mit einer neuen Welt konfrontiert, ohne die Gründe zu verstehen, warum die alte Welt untergegangen ist? Warum ist die Plattenbausiedlung so heruntergekommen, was verändert sich hier? Gemeinsam mit seinem besten Freund Sonny erlebt er den Abgesang auf eine Zeit, an die er sich kaum erinnern kann. Ganz im Gegensatz zum eigenen Vater, der sich tief in sich zurückgezogen hat und als stummer Zeitzeuge in den Tag lebt. Trost- und ereignislos könnte man das Leben bezeichnen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Wären da nicht die brutalen Schläger-Brüder, die im gleichen Haus wohnen und vor denen er ständig auf der Hut sein muss. Wäre da nicht die ganz eigene Welt des Sascha Labude, in der er einzigartige Wörter sammelt wie andere Menschen seltene Briefmarken. „Onsra“ zum Beispiel aus der Sprache namens Boro. Es beschreibt das Gefühl, niemals wieder so lieben zu können, wie einst. Ein Tagträumer erste Güte. Ja, und wäre da nicht Jenni Köhn, die alle nur Juri nennen, weil sie wie Juri Gagarin in die Unendlichkeit des Weltalls vorstoßen will. Sie verändert alles. Sie ist neu hier und stellt alles in den Schatten, was Sascha sah, fühlte und lebte:

„Juri war schöner als das schönste Wort, das ich kannte,
und selbstverständlich tausendmal schöner als Sabrina Kabautzky.“

In dieser postapokalyptischen Plattenbau-Atmosphäre finden Saschas Worte zu Juris Träumen. Für beide scheint eine Welt zu entstehen, die sich fast anfühlt, wie die goldene CD an Bord der Voyager Raumsonde. Sie beinhaltet alle Informationen über ihre Herkunft und Heimat, macht sich trotzdem immer weiter auf den Weg in eine neue unerforschte Welt. Wären da nicht die Schläger aus der Nachbarschaft, eine tragische Entscheidung von Saschas Eltern, ein Geheimnis von Juri und ein alter Mann, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird, nichts hätte die beiden Menschen getrennt, die sich gerade gefunden haben. Björn Stephan beschreibt das Kleine ganz groß. Er reißt den Himmel über Klein Krebsolw auf und gewährt uns die ersten Blicke auf einen Himmel voller Sterne. Seine Poesie wird in seinen Protagonisten lebendig. Wehmut ist eine der Gefühlslagen, die man so intensiv nachempfinden kann. Angst vor der Zukunft und vor den eigenen Entscheidungen wird jedoch zur unüberwindlichen Stellgröße.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Bei diesem Coming-of-Age-Vergleich fällt doch ein großer Unterschied ins Auge. Björn Stephan legt seinem Roman eine ganz eigene Konstruktion zugrunde. Es fühlt sich intim an, was wir hier lesen dürfen. Es ist auch intim, wiel diese Zeilen nicht für unsere Augen bestimmt sind. Es ist Sascha, der zwei Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1994 notiert, was diese Momente so einzigartig gemacht haben. Es ist mehr als eine Loseblattsammlung, die er entstehen lässt. Es ist das Buch, das nun vor uns liegt. Und genau dieses Buch wird von „seiner“ Juri gefunden und gelesen. Genau da, wo er es für alle Zeiten zurückgelassen hat. Plötzlich sind wir mit Juri auf Augenhöhe, als sie sich in die Seiten vertieft. Jahre später. Im Oktober 2019. Jetzt treiben uns die Fragen an, wo ist Sascha, was ist damals passiert und wird es ein Wiedersehen geben. Hier muss ich euch mit „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ alleine lassen. Diese Fragen zu beantworten sollten wir dem Roman und seinem Autor überlassen.

Nein, Sascha Labude ist sicher keine Plattenbau-Variante von Sam Turner. Nein, Kirstie ist nicht das US-amerikanische West-Äquivalent zur Möchtegern-Kosmonautin Juri. Und doch gibt es viele tragfähige Brücken zwischen Grady und Klein Krebslow. Wir müssen sie nur finden und überqueren. In allerletzter Konsequenz können wir eine Verbindung zwischen diesen Welten herstellen. In letzter Konsequenz sind es nur wir, die Leser und Leserinnen, die zu echten Verbindungslinien zwischen Büchern und den Menschen werden, die sie uns ins Herz geschrieben haben. Das kann nur die Literatur.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Der Radio-PodCast – bald verfügbar…

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

2 Gedanken zu „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

  1. Pingback: Hard Land von Benedict Wells | AstroLibrium

  2. Pingback: Der große Sommer von Ewald Arenz | AstroLibrium

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