Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Olive Schreiner - Die Geschichte einer afrikanischen Farm - Astrolibrium

Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Er kommt so harmlos und idyllisch daher, dieser Roman. Er spricht uns bereits in den Momenten an, in denen wir ihn betrachten, berühren und ganz plötzlich von ihm in Assoziationen verwickelt werden, die sich ausbreiten, wie ein Flächenbrand. Es ist der Titel dieses Buches, der uns träumen lässt. Es ist der Titel, der Erinnerungen an einen Roman weckt, der zum Lebenswegbegleiter und Wegweiser in unserem Lesen wurde. Es sind Bilder, die wir sehen, ohne auch nur eine einzige Zeile gelesen zu haben. „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner lässt uns sofort an einen Roman denken, der so autobiografisch und authentisch war, wie man es sich wünscht. Ein Buch, das mit einem emotionalen Satz beginnt, den wohl jeder Buchliebhaber dem Werk zuordnen kann, zu dem er gehört. „Ich hatte eine Farm in Afrika„.

Es war Tania Blixen, die uns in ihre afrikanische Welt entführte. Sie beschrieb ein Land im Würgegriff der Kolonisatoren, erlebte die Unterdrückung der Einheimischen und wurde selbst zum Teil eines Systems, das auf Ausbeutung ausgerichtet war. Aber sie lernte und setzte sich ein, korrigierte die vorherrschenden Bilder von ungebildeten und naiven Schwarzen, lehnte sich auf und verließ die Farm, um in der fernen Heimat über ihre Zeit auf dem geheimnisvollen Kontinent zu schreiben. „Jenseits von Afrika“ wurde zum Synonym für starke Literatur starker Frauen, die ihrem Rollenbild zu einer Zeit den Rücken kehrten, in der ihnen sogar der Zutritt zu den Clubs der feinen Herren verwehrt wurde. Ich schrieb viel über Tania Blixen. Ihr verdanke ich meine Idee, eine ganze Artikelreihe unter der Überschrift „Ich hatte einen Blog in Afrika“ zu schreiben. Hier, am Fuße der Ngong-Berge begann meine Auseinandersetzung mit jener fatalen Unterdrückung, dem Rassismus und der Apartheid auf dem damals dunklen Kontinent.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Natürlich war mir klar, dass ich in Olive Schreiners Roman keine Spuren jener Farm finden würde, an die ich mich im Titel erinnert fühlte. Was mich umso mehr reizte, mir dieses Buch genauer anzuschauen, war die Zeitepoche, in der es angesiedelt ist. Weit vor den ersten Spuren einer Tania Blixen, die von 1914 an mehr als 17 Jahre in Kenia lebte, erleben wir hier die Kapkolonie Karoo, die wir als das heutige Südafrika kennen. Hier hatten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Buren bereits etabliert und ihre Kolonisation von Teilen Afrikas als abgeschlossen betrachtet. Sie sahen sich nicht als Kolonialherren. Nein, sie gingen so perfide vor, dass sie sich aufgrund der Zeit, in der sie sich hier breitgemacht hatten, als Einheimische betrachteten. Die Minderheit hatte sich über die Mehrheit der Ureinwohner erhoben und sprach nun von ihrem Land. Der Machtanspruch war total.

Fast so total, wie die Macht, die Tant` Sannie für ihre Farm beansprucht. Sie hat hier die Hosen an, sie ist reich und umworben und ihr Besitz ist so weitläufig, wie es ihr Körperumfang vermuten lässt. Hier, auf der afrikanischen Farm, siedelt Olive Schreiner ihre Geschichte an. Wir lernen Sannies Stieftochter Em kennen, die dieser im Umfang in nichts nachsteht und freunden uns mit Sannies Nichte Lyndall an, einer Waise, die sich im Verlauf des Romans zur eigentlichen Hauptfigur mausert. Diesen Frauen steht eine ambivalente Männerwelt aus Verwaltern und Freiern gegenüber. Sie sind begehrt und stehen im Mittelpunkt des Interesses. Als ein gewisser Bonaparte Blenkins in der korpulenten Sannie das perfekte Opfer für seine unehrenvollen Absichten sieht, macht er der Besitzerin des Hofes den Hof und bringt alles durcheinander. Das bekommt der deutsche Aufseher Otto als erster zu spüren. Die treue Seele der Farm wird plötzlich zum Ziel der manipulativen Angriffe des Neuankömmlings. Als sich auch noch Sannie dazu verleiten lässt, ihren Aufseher zu schikanieren, bricht die Welt für ihn und seinen Sohn Waldo in sich zusammen.

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Dieses Setting aus Reichtum, Brautwerbung und Betrug steckt den Rahmen der Handlung ab, in dem sich die beiden Mädchen Em und Lyndall kaum entfalten können. Dabei könnte alles so harmonisch sein. In Waldo finden sie nicht nur einen aufrechten Freund, sondern einen jungen Mann, dessen Tiefgang und Lebensfreude ihn zu mehr machen würde, wenn es die Umstände auf der Farm nur möglich machen würden. Als sich die Willkür auf Waldo ausweitet, stehen die Zeichen auf Trennung. Das Herz reißt in diesen Momenten der Ungerechtigkeit. Die Wege der beiden Mädchen trennen sich und finden nie wieder zusammen. Waldo verlässt die Farm. Jeder Schritt fühlt sich an, wie ein schmerzhafter Abgesang. Gerade in der aufflammenden Liebe für Lyndall hätte so viel Potenzial gelegen. Nicht nur für den jungen Waldo. Und so beginnt langsam der Abgesang auf die Menschen der Farm, die man als Leser liebgewonnen hatte.

Ein dramatischer und tragischer Roman in einem Szenario, das uns fesselt. Was sich hier auf den ersten Blick wie ein einfach konstruierter Roman anfühlt, weist für die Zeit seiner Veröffentlichung allerdings Charakteristika auf, die überraschend sind. Wir erleben in Lyndall eine zusehends selbstbestimmte Frau, die ihre Rolle selbst definiert und ihren Platz im Leben sucht. Wenn sie sagt, dass sie keinen Mann kennt, der sich ein Leben als Frau vorstellen kann und, wenn sie von der Benachteiligung der Frauen von Geburt an spricht, dann ahnt man, welche Sprengkraft in dem 1883 erschienenen Roman verborgen ist. Emanzipation war das nicht nur literarische Nogo dieser Zeit. In Lyndall jedoch zeigen sich erste Spurenelemente späterer Suffragetten. Hier wird klar, warum Olive Schreiner das männliche Pseudonym Ralph Iron verwendete, damit ihr Buch überhaupt veröffentlicht werden konnte. Eine skandalöse Geschichte.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Hier lohnt sich der Blick von Kate auf diesen Roman. Wie sieht die moderne Frau von heute diesen emanzipatorischen Aspekt der Geschichte? Wie empfindet sie diese Annäherung an ein Afrika, das sie selbst erlebte und liebt? Und nicht zuletzt, was sagt eine bekennende Blixen-Liebhaberin zu dieser afrikanischen Farm? Ihr KateView

Eine afrikanische Farm - KateView - Astrolibrium

Eine afrikanische Farm – KateView

Ich hatte eine Farm in Afrika… Ach nein, das war ein anderes Buch. Mein Lieblingsbuch. Mein Lebensbuch. Würde Olive Schreiner da mithalten können?

Zumindest schaffte sie es leicht mit ihren lebendigen Worten die Bilder meines Afrikas vor meine Augen zu rufen. Ich fühlte, roch, sah und hörte mit den eindrücklich gezeichneten Figuren, lernte Em, Lyndall, Waldo kennen und mögen. Ich litt, lachte und weinte mit ihnen. Und dann plötzlich lag die Farm hinter uns. Und alles veränderte sich. Lyndall erschien wieder auf der Bildfläche und schien völlig aus der Zeit gefallen. Was uns heute so normal erscheint, passte in die damalige Zeit so überhaupt nicht hinein.

Als ob sich ein Schwan in einen Ententeich verirrt hat oder ein Schmetterling zwischen Raupen. Und so nahm die Tragik ihren Lauf, denn wo das enden würde, ja musste, legten die Umstände ganz klar fest. „Es muss ein Jenseits geben, weil wir uns nicht vorstellen können, dass unser Leben einmal zu Ende geht.“ Wenn einer gegangen ist, kann der Andere nicht mehr sein. Und der Letzte bleibt zurück.

Auch wenn es kein Blixen ist, lasen wir hier ein packendes Buch. Liebe, Emanzipation, Glaube, all das finden wir in diesem Buch, Sprengkraft zwischen den Zeilen sozusagen. Und durchaus lesenswert.

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Ein kritisches Wort zum Schluss. Olive Schreiner verwendet Begriffe, die man heute nicht mehr gerne in Romanen lesen würde. Wenn sie rassistische und diskriminierende Bezeichnungen für die schwarze Bevölkerung, wie Kaffir, Nigger oder Hottentot wählt, die auch in der vorliegenden Neuübersetzung von Viola Siegemund verblieben sind, hat dies einzig den Grund, das Machtgefüge in der Kapkolonie Karoo zu verdeutlichen. Wir dürfen diese Begriffe nicht weichspülen, weil dadurch der Charakter dieser rassistisch untermauerten Weltsicht verändert würde. Für mich jedoch sollte man dies nicht in der editorischen Notiz im Nachwort hervorheben. Hier, und genau hier, muss man sich im Vorwort an den Leser wenden und die Begrifflichkeiten in die heutige Unsäglichkeit im Kontext unserer Zeit einordnen. Und wenn ich schon beim Nachwort bin, nein, ich halte das Nachwort aus der Feder von Doris Lessing für eher ungeeignet für einen Roman, der in seinen Begrifflichkeiten nicht mehr zeitgemäß wirkt.

Ihr Nachwort stammt aus dem Jahr 1968 und ist deutlich in die Tage gekommen. Gerade in Bezug auf die wichtigen emanzipatorischen und damit zeitgemäßen Aspekte des Romans wäre es wünschenswert gewesen, hier ein aktuelles Nachwort zu wählen. Und in einem wichtigen Kernargument widerspreche ich Doris Lessing deutlich:

„Dann musste ich einsehen, dass, wenn man nach den Regeln verfährt, denen wir jedes Jahr tausend gute, wenn auch belanglose Bücher verdanken, wenn wir ihn also an seinen Figuren und seiner Handlung messen,… „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ kein guter Roman ist…“

Ich widerspreche deutlich, oder neudeutsch gesagt: Hier macht der Rezensent von seinem Remonstrationsrecht gegen ein Nachwort Gebrauch!

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P.S. Auch bei Constanze lese ich auf Zeichen & Zeiten diesen Widerspruch heraus.

2 Gedanken zu „Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

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