LBM 15 – Zensur Live On Stage – Wenn das Mikro plötzlich aus ist

Leipziger Buchmesse - Eklat bei Podiumsdiskussion

Leipziger Buchmesse – Eklat bei Podiumsdiskussion

Die Vorfreude auf die Leipziger Buchmesse war erneut groß, denn allein im Zusammenhang mit der Bloggerpaten-Aktion, bei der ausgewählte Buchblogger die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse begleiten durften, ergaben sich viele Möglichkeiten über die eigene Sichtweise dieser vielschichtigen Rezensentenwelt zu diskutieren. Mehr als erfreut nahm ich die Einladung von literaturcafé.de zur Teilnahme an einer öffentlichen Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse an.

Die Einladung von Wolfgang Tischer hatte folgenden Wortlaut:

„Das Gespräch mit den Bloggerinnen und Bloggern wird ca. eine halbe Stunde dauern und wird von mir moderiert.

Im Beschreibungstext heißt es: »Buchbloggerinnen und Literaturblogger geben Auskunft, welche Bücher sie besprechen, was Blogs vom Feuilleton unterscheidet und wie sie sich den Umgang mit Verlagen und Autoren wünschen«. Hätten Sie Lust, bei dieser Diskussion mit dabei zu sein?“

Die Zusage war schnell erteilt und das Thema erschien so vielseitig angelegt, dass es sich wirklich lohnen könnte, die Sichtweise der Blogger einmal kritisch in den Raum zu stellen. Ist wirklich alles so schön und bunt, wie es dargestellt wird, ist die Wertschätzung der Verlage ausreichend, oder was erwarten wir uns für die Zukunft. Was halten Blogger von der Bloggerlounge und der gestiegenen Akzeptanz… Sehr spannend.

Leipziger Buchmesse - Eklat bei Podiumsdiskussion

Leipziger Buchmesse – Eklat bei Podiumsdiskussion – Photo: Bianca Raum – Literatwo

Die Diskussion verlief zunächst so wie erwartet und erhofft. Gemeinsam mit meinen Co-Bloggerpaten Jacqueline Böttger, Antonia Ganzer und Constanze Matthes konnte ich auf die Fragen des Moderators Wolfgang Tischer eingehen und aus unserer Sicht über den neuen Stellenwert, die Wertschätzung seitens der Verlage und Autoren, den Messe-Schwerpunkt „Blogger“, die erstmalig eingerichtete Bloggerlounge, die Vor- und Nachteile des neuen Blogger-Forums der Verlagsgruppe Random House und unsere eigenen Blog-Schwerpunkte diskutieren und zu aktuellen Fragen Stellung beziehen.

Spannend wurde es, als die Frage aufkam, wo der Unterschied zwischen Literaturblogs und dem klassischen Feuilleton zu sehen ist. Ein für mich in den letzten Wochen sehr aktuelles Thema, da ich gerade bei gesellschaftspolitisch relevanten Büchern bemerke, wie intensiv wir Blogger in den Fokus geraten, wenn wir unsere Meinung in der medialen Öffentlichkeit vertreten.

Deshalb antwortete ich auf die Frage mit einem Beispiel… 

Michel Houellebecq – Unterwerfung. Diesem Roman wurde unterstellt, er würde die Angst vor dem Islam schüren und seit seiner Veröffentlichung wird er instrumentalisiert. In vielen Diskussionen mit Anhängern der PEGIDA-Bewegung musste ich feststellen, dass ich als Buchblogger derjenige Rezensent an der Leserfront war, der seine Sichtweise und damit auch seinen Artikel zum Buch live und unmittelbar verteidigen musste, während der traditionelle Feuilletonist nach der Veröffentlichung seines Zeitungsartikels (mit dem gleichen Tenor) eher im Hintergrund verschwindet und mit Lesermeinungen nicht weiter konfrontiert wird. Ein wichtiger Unterschied für mich.

Leipziger Buchmesse - Eklat bei Podiumsdiskussion - AstroLibrium

Leipziger Buchmesse – Eklat bei Podiumsdiskussion

Schon bei der bloßen Erwähnung des Begriffes PEGIDA und dem Hinweis, dass Houellebecq`s „Unterwerfung“ kein anti-islamischer Roman ist und als solcher auch nicht missbraucht werden darf, bemerkte ich abseits der Bühne hektische Bewegungen und Kopfschütteln und plötzlich vernahm ich die Bemerkung „Nein. Nein. Nein. Das kann ich mir nicht mehr anhören“. 

Ich hatte wohl mit dieser Antwort auf die Frage rein inhaltlich der Technikerin am Mischpult auf den Schlips getreten, worauf sie mein Mikrofon ausschaltete und eine weitere Antwort zu dieser mehr als relevanten Frage unterband und der letzte Teil meiner Antwort im Publikum nicht zu hören war. Der völlig überforderte Moderator ließ sich in diesem Moment nicht nur die Kontrolle über die eigene Diskussion, sondern auch den Inhalt aus der Hand nehmen und schritt nicht ein…

Die Reaktionen der im Publikum befindlichen Blogger, die diesen Vorgang sofort auf Facebook verbreiteten, spricht Bände. Hier live nachzuverfolgen… Quelle. Christina Mettge.

Leipziger Buchmesse - Eklat bei Podiumsdiskussion

Leipziger Buchmesse – Eklat bei Podiumsdiskussion – Photo Christina Mettge

Meinungsfreiheit und Pressefreiheit in einer laufenden Diskussion vor Publikum auf der Leipziger Buchmesse derart auszuhebeln ist für mich ein einmaliger und unsäglicher Vorgang. Wenn es Menschen, die an der Diskussion gar nicht beteiligt sind, unwidersprochen gestattet wird, einen eingeladenen Pressevertreter und Blogger für seine freie und demokratische Grundhaltung einem Buch gegenüber abzuwürgen und dagegen nicht eingeschritten wird, dann spreche ich von ZENSUR.

Die Tatsache, dass ich während der Veranstaltung ruhig geblieben bin und nicht mit der Technikerin oder dem Moderator diskutiert habe, ist der ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass dies der Podiumsdiskussion und dem interessanten Thema insgesamt geschadet hätte. Darüber hinaus wollte ich der Dame nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Ich trete weiter für meine Meinung ein. Ich stehe für ein freies und demokratisches Land ein. Ich stehe mit meinem Namen und meinem Blog dafür ein, dass kein Mensch aufgrund seiner Herkunft oder seiner Religion benachteiligt, oder ausgegrenzt werden darf. Ich trete dafür ein, dass Literatur nicht instrumentalisiert werden darf und ich muss diese Meinung gerade in der heutigen Zeit als Blogger in der Öffentlichkeit verteidigen. Wird der Blogger jetzt zum Teil der auf den Straßen beschimpften „Lügenpresse“ und stumm geschaltet?

Nicht akzeptabel. Gar nicht akzeptabel wenn ich mir vorstelle einem Gesprächspartner von Günter Jauch würde das Mikrofon abgeschaltet, weil seine Meinung nicht der eines Technikers in der Regie entspricht. Der Aufschrei wäre gigantisch. Besonders, wenn diese Meinung für ein freies Land und freie Bücher steht!

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