„Die letzte Bestellung“ / Teil 1 – Aus dem Zyklus LesensEnde

Die letzte Bestellung (Teil1) – Zyklus LesensEnde – Astrolibrium

„Sie können mir die Bücher also nicht einfach mitgeben?“

Der Buchhändler schaute der jungen Frau eindringlich in die Augen. Das hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt. Der Laden platzte im Schulbuchchaos förmlich aus den Nähten, in den Gängen stapelten sich Schulhefte aller Formate und er selbst war eben noch über einen Karton mit Textmarkern gestolpert. An der Kasse bildete sich eine Schlange, die eigentlich erfreulich war. Nur hatte sie wenig mit seinem Kerngeschäft zu tun. Niemand hatte ein Buch in der Hand, nicht mal ein Mängelexemplar sollte er heute loswerden. In dem ganzen Trubel war ihm die Frau zuerst nicht aufgefallen. Erst als sie immer wieder anderen Kunden den Vortritt ließ, sich am Ende der Schlange anstellte, bis sie endlich ganz allein an der Kasse stand, hatte er aufgeschaut und sie bewusst wahrgenommen.

„Nein, es tut mir leid. Die Bücher wurden vor einer Woche von Herrn Kammerer bei mir bestellt und es ist einfach so, dass er sie schon persönlich abholen muss. Er könnte ja auch anrufen und mir sagen, dass er sie sich von Ihnen bringen lässt. Aber einfach so? Nein, das tut mir leid. Herr Kammerer ist da sehr eigen und wir sind es auch.“

„Ich würde die Bücher ja auch gleich bar bezahlen und Sie müssten sich keine weiteren Gedanken machen. Wissen Sie, Herr Kammerer hat diese Bestellung aufgegeben, um mir eine Freude zum Geburtstag zu machen und jetzt ist er leider verhindert. Naja. Und ich werde morgen 29. Sie würden uns beiden damit sehr helfen. Bitte“, erwiderte sie mit einem nervösen Unterton in der Stimme.

„Na dann doch erst recht nicht. Wenn Herr Kammerer Ihnen eine Überraschung macht und ich Ihnen vorher verrate, welches Buch er für Sie ausgesucht hat, dann komme ich doch in Teufels Küche. Es wird das Beste sein Sie warten, bis es soweit ist, freuen sich über ein anspruchsvolles Buch, etwas Anderes wird Sie nicht erwarten und feiern einen tollen Geburtstag. Herr Kammerer hat einen ganz feinen Geschmack und wird Sie nicht enttäuschen. Vielleicht hat er ja morgen Zeit und alles kommt ins Lot. Einverstanden?“

Sie schaute den Buchhändler an, der sich gar nicht mehr so wohl fühlte in seiner Haut. Wer sollte es ihm verdenken. Da stand eine völlig Fremde in seinen heiligen Hallen und erwartete allen Ernstes, dass er die goldenen Regeln seines Berufes brach und einfach so die persönlich von seinem besten Kunden bestellten Bücher an Hinz und Kunz, oder an irgendeine wildfremde Frau weitergab. Sie verstand ihn ja. Sie wusste, dass es nicht leicht sein würde. Das war es schon seit über einer Woche nicht mehr. Aber das konnte der gute Mann hinter der Ladentheke natürlich nicht wissen. Wie auch? Sie zögerte und setzte dann alles auf eine Karte. Sonst würde sie hier noch stundenlang um die Bücher betteln müssen, für die sich niemand mehr interessierte. Außer ihr und… aber das war ein anderer Teil der Geschichte.

„Sehen Sie,“ sie stockte und schaute unter sich, „Robert, ich meine Herr Kammerer ist tot. Seit einer Woche. Das Herz, haben sie gesagt. Die Aufregung vielleicht. Der ganze Trubel in den letzten Monaten, meinten sie. Ich versuche das jetzt für mich in den Griff zu bekommen, zu begreifen und ein paar Dinge zu regeln. Und da dachte ich auch an die Bücher, die er letzte Woche bei Ihnen bestellt hat. Er hat da ein großes Geheimnis draus gemacht und… Naja, was soll ich sagen. Es ist wohl das letzte Geschenk, das er mir machen konnte und es liegt in Ihrem Abholregal, ohne je abgeholt zu werden.“

Das traf ihn wie ein Stromschlag. Ohne Vorwarnung. Ohne, dass er ihn hätte kommen sehen. Er war elektrisiert. Und noch unter dem Eindruck dieser Neuigkeiten verließ er seinen Platz, ging unsicher durch den Laden, verschloss die Tür und setzte sich in den roten Lesesessel vor dem Bestsellerregal. Kammerer. Tot. Das konnte nicht sein. War das möglich? Er war so vital. Besonders in den letzten Monaten. Er konnte stundenlang bei ihm im Buchladen stehen, sich von der Vielfalt des Angebotes berieseln lassen, sich in genau diesen Sessel fallenlassen und mit ihm über Gott und die Welt diskutieren. Er würde Kammerers oft skurrile Auftritte niemals vergessen. Wild gestikulierend schritt er manchmal durch den Verkaufsraum und belustigte alle Kunden mit seinen Monologen.

„Gute Güte! Wer hat denn wieder dieses Bestsellerregal bestückt, Herr Waller? Was ist aus unserer schönen Welt der Literatur geworden? Was macht denn ein Hirschhausen auf Platz 5 der Charts? Wie hat sich Charlotte Link hier eingeschlichen? Wer wagt es, ein Sachbuch mit dem unglaublich literarischen Titel „Jeden Tag werde ich dicker und müder“ auch nur in die Nähe dieses Regals zu tragen? Und wenn ich genau hinschaue dreht sich mir beim Roman „Es ist nur eine Phase, Hase“ der Magen gänzlich um. Ach, Herr Waller…, wo sind wir da hineingeraten…“ Das war der typische Kammerer. Genial

Und er würde nie diese magischen Momente vergessen, in denen er wieder einmal ein echtes „Kammerer-Buch“ entdeckte, es wie einen Schatz hütete und seinen Kunden mit den Worten „Pst, ich hab da was ganz Besonderes für Sie“ in die hinterste Ecke seiner Buchhandlung zog und den „heißen Tipp“ wie eine geheime Lösegeldübergabe in einer aufsehenerregenden Entführung zelebrierte. Kammerer war einfach Kammerer. So ein Kunde ist der wahre Segen. War der wahre Segen, sollte er wohl jetzt besser sagen. Er sammelte sich kurz, floh aus seinen Gedanken und wandte sich wieder an die Frau, die ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.

„Das tut mir alles sehr leid, aber ich sehe immer noch keinerlei Möglichkeit, Ihnen diese Bücher auszuhändigen. Vielleicht kommt Frau Kammerer in den nächsten Tagen vorbei und regelt ihrerseits alle Fragen, die jetzt aufgeworfen werden. Sie war zwar nicht so oft mit ihm hier in der Buchhandlung, aber ich kenne sie als sehr gewissenhafte Frau, die jetzt sicherlich alles unternehmen wird, um den Nachlass zu regeln oder Schulden ihres Mannes zu begleichen. Und wenn sie hier vorbeikommt und ich sage ihr, dass jemand die letzten von ihrem Mann bestellten Bücher abgeholt hat, dann wird sie sicher fragen, wie ich sie herausgeben konnte. Würde es Ihnen denn helfen, wenn ich Ihnen die Titel der Bücher verrate? Dann wissen Sie mehr, als ich eigentlich verraten darf und könnten sie dann auf Ihren Namen bestellen. Wie wäre das?“

Frau Kammerer. Elisabeth. Wenn sie nur an diese ignorante Zicke dachte, stellten sich ihr die Nackenhaare hoch. Die betrat einen Buchladen doch nur, wenn es regnete und sie sich irgendwo unterstellen wollte. Als wenn diese unbelesene Kuh sich jemals auch nur für ein einziges Buch interessiert hätte, das ihr Mann so sehr verehrte. Nein. Es war undenkbar, dass sie es auf diesem Wege erfahren würde. Sie musste Robert schützen. Zumindest sein Andenken musste sie vor Zugriffen von jenen Menschen bewahren, die ihm schon lange nur noch im Weg standen, statt ihn zu begleiten. Und wenn Elisabeth sehen würde, welche Bücher er da bestellt hatte, und welches davon ein Geschenk an eine andere Frau sein würde, sie müsste nur eins und eins zusammenzählen und wäre ihm endlich auf die Spur gekommen. Sie wäre ihnen auf die Spur gekommen. Nein, das durfte nicht passieren.

„Nein, sehen Sie, das ist es nicht. Ich möchte nur genau das Buch, das Robert für mich bestellt hat. Es wäre sogar fast wie sein letzter Wille, den nur Sie erfüllen können. Und, um ehrlich zu sein, es wäre ein wenig, wie soll ich sagen, delikat, Frau Kammerer jetzt mit einem Geschenk zu konfrontieren, von dem sie besser nichts wüsste. Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein. Sie wissen sicher am besten, dass persönliche Buchgeschenke mehr preisgeben, als man es sich gemeinhin vorstellen kann. Und Robert würde Ihnen da sicherlich freie Hand lassen. Sie wissen doch, wie er war. Bitte, Herr Waller. Geben Sie sich einen Ruck. Es sind doch nur Bücher. Es geht doch hier nicht um Vollmachten oder Erbangelegenheiten. Es geht um ein letztes Geschenk für die Frau, die er wirklich liebte. Ein Geschenk für mich.“

Jetzt hatte Waller die Neugier gepackt. Was hatte der gute alte Kammerer da angestellt und welche Bücher hatte er bestellt, die in der Lage wären, ein Verhältnis zu offenbaren und die Frau, die nun vor ihm stand bloßzustellen? Sie war zu jung für Kammerer. Das stand schon mal fest. Sie war auch zu hübsch für den alten Knaben. Viel zu hübsch. Es brannte ihm jetzt wie Feuer unter den Nägeln, endlich genauer nachzuschauen, welche Überraschung da im Schrank der abzuholenden Schätze auf ihn wartete. Es mussten vier oder fünf Bücher auf den Namen Kammerer sein. Er hatte es nicht mehr genau im Kopf. Der Schulanfang hatte seine volle Konzentration gefordert und als die Lieferung vor einer Woche kam, war es sicherlich seine Aushilfe Anne gewesen, die den Schrank mit den Kundenbestellungen befüllt hatte. K wie Kammerer. Er musste Zeit gewinnen.

„Wäre es möglich, dass Sie morgen nochmal vorbeikommen? Ich schließe den Laden sowieso gleich. Heute wird nichts mehr abgeholt. Das kann ich Ihnen versprechen. Und dann sehen wir weiter. Ich muss nachdenken. Ist das möglich?“

Mit hängenden Schultern und ratlos verließ sie die Buchhandlung. Nicht jedoch ohne in der Tür noch einmal theatralisch kehrtzumachen und mit Selbstbewusstsein zu sagen:

„Sie wissen, dass nur Sie in der Lage sind, Roberts letzten Willen zu erfüllen und mich glücklich zu machen. Dass Sie dadurch ein großes Unglück verhindern, das wissen Sie auch. Herr Waller. Ich zähle auf Sie. Bis morgen.“

AstroLibrium – LesensEnde

Fortsetzung folgt…

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AstroLibrium – Die TextManufaktur

4 Gedanken zu „„Die letzte Bestellung“ / Teil 1 – Aus dem Zyklus LesensEnde

  1. Eigentlich wollte ich mich von Endstress in der Buchhandlung erholen und jetzt bin ich wieder an der Kasse und kann es kaum erwarten, bis die junge Frau wieder vor mir steht. Stark. Eine Situation, die so viel Potenzial hat. Was bin ich gespannt, welche Bücher Kammerer bestellt hat. Danke für diese tolle Ablenkung mit Tiefgang. Hartmut

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