„Die bittere Gabe“ von Ellen Marie Wiseman

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Ich liebe intelligent konstruierte, unvorhersehbare und gut recherchierte Romane, die mit Charakteren ausgestattet sind, denen man gerne überallhin folgen würde. Dabei sind für mich das gewählte Szenario für die Story, ihre Verschmelzung mit dem Kontext historisch authentisch gespiegelter Hintergründe und natürlich die tragfähige Spannung von besonderer Bedeutung. „Die bittere Gabe“ von Ellen Marie Wiseman, erschienen im Piper Verlag, vereint diese Wunschbuch-Parameter zu einer tragfähigen Geschichte, der ich aufmerksam, bewegt und überrascht gefolgt bin. Das Buchcover allein ist schon geeignet, uns einen Weg zu weisen und vereint die Elemente scheues Mädchen, Zirkus und Elefant zu einem Impressions-Mix, der neugierig macht.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Ich möchte euch einladen, mir in die Welten der neunjährigen Lilly Blackwood zu folgen, nicht ohne euch bereits jetzt darauf hinzuweisen, dass euch dieses Mädchen in besonderer Weise ans Herz wachsen wird. Denn im Gegensatz zu ihren Eltern sind wir Leser wohl die Einzigen, die Beschützerinstinkt für Lilly empfinden. Sie ist anders. Lilly wächst im Amerika der 1930er Jahre in einem reichen Elternhaus auf. Was nicht heißt, dass sie etwas von dem Gestüt der Eltern oder von der Weite des Landes hat. Lilly wird vor der Welt versteckt. Sie hat ihre Dachkammer noch nie verlassen, die Welt noch nie wirklich erlebt oder gefühlt. Lilly ist ein Albino-Mädchen. Schneeweiße Haut und Haare machen sie zur Außenseiterin und für ihre Eltern ist sie schlicht eine Monstrosität. Haft. Anders kann man die Lebensumstände des Mädchens nicht bezeichnen.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Als sie ihr Gefängnis zum ersten Mal verlassen darf schöpft sie Hoffnung, dass sich ihr Leben endlich zum Guten wendet. Als sie jedoch realisiert, dass sie von der eigenen Mutter an einen Zirkus verkauft wird, der mit menschlichen Kuriositäten durch Amerika zieht, bricht ihre Welt zusammen. Freak-Shows sind Publikumsmagneten, und die zur Schau gestellten „Monstrositäten“ werden wie Zirkustiere gehalten. Lilly muss sich mit ihrer neuen Rolle arrangieren und nur ihre besondere Gabe erhellt dieses Schicksal. Es sind die Elefanten im Zirkus, auf die sie einen magischen Einfluss hat. Als Eisprinzessin beginnt ihr Tanz in der Manege. Ein Tanz, dem die Elefanten folgen, bis ein Unfall auch diese Welt zum Einsturz bringt.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Ellen Marie Wiseman entwirft in ihrem „Lilly-Erzählstrang“ ein authentisches und zutiefst menschliches Kaleidoskop, das den Ausgegrenzten und Weggesperrten ein Gesicht gibt. Menschliche Kuriositäten und die Lebensumstände dieser „Freaks“ in der beschriebenen Epoche ergeben einen erzählenswerten Rahmen für eine Story, die mit schillernden Charakteren und einer bewegenden Mischung aus Herzlosigkeit, fehlender Empathie und Ausbeutung die Zirkuswelt von damals wieder auferstehen lässt. Hier ist Lilly mit all ihren Defiziten, wie Atemnot bei Aufregung, den Beklemmungsgefühlen und eben ihrer außerirdischen Erscheinung das gefundene Opfer für geldgierige Investoren. Was wir aus ihrer Perspektive erlesen ist hart. Verstoßen, weggesperrt und verkauft. In den Tieren allein sieht sie ihren Lebenszweck. Ein Mädchen, das wir so gerne schützen würden…

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Als hätte diese Geschichte nicht schon Zugkraft genug, stellt ihr die Autorin eine zweite Erzählebene an die Seite, die von Kapitel zu Kapitel sprachloser macht. 1956, also 25 Jahre nachdem Lilly an den Zirkus verkauft wurde, lernen wir die mittellose 18-jährige Julia Blackwood kennen. Es ist nicht nur der Nachname, den sie mit Lilly teilt. Es ist auch das Elternhaus, das sie fluchtartig verließ, weil sie es nicht mehr aushalten konnte. Äußerlich jedoch trennt sie alles, was Lilly damals zur Exotin machte. Wir sind lesend an Julias Seite, als sie vom Tod ihrer Mutter erfährt, mit ihrem Erbe konfrontiert wird und nur unter der Bedingung, das Herrenhaus der Familie selbst zu bewohnen auf einen Schlag reich ist. Wir sind auch an ihrer Seite, als sie entdeckt, dass sie nicht das einzige Mädchen war, das in Blackwood-Manor aufwuchs. Wir sind auch an ihrer Seite, als sie den Mantel des Schweigens lüftet, der Lillys Geheimnis so lange vor den Augen der Welt verbarg. Und wir sind an ihrer Seite, als sie der Wahrheit auf die Spur kommt.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

„Die bittere Gabe“ ist nicht mein erster Ausflug in die Welt der Freak-Shows. „Die hässlichste Frau der Welt“ von Margret Schriber ist für mich DAS Referenzbuch, an dem sich Romane zu messen haben, die den Kuriositäten von einst ein Gesicht geben. Julia Pastrana ist der Referenzcharakter, der zum Synonym für Zurschaustellung und Entmenschlichung wurde. Lilly Blackwood hat diese emotionale Ebene erreicht. Ihrer fiktionalen Geschichte schenkt man Beachtung, weil sie bis zur letzten Seite griffig und authentisch bleibt. Die Überraschungseffekte des Romans stechen heraus und bleiben im Gedächtnis. Intelligent. Mehr möchte ich nicht sagen. Das überlasse ich dem Lesen mit euren Augen und Sinnen. Wer mir jedoch erzählt, das Ende sei vorhersehbar, dem sei versichert… Ich habe es nicht kommen sehen.

Was bleibt, ist ein Zitat, das mich lange an dieses Buch erinnern wird…

„Es war als hätte Gott vergessen, ihr Farbe zu verleihen.“

Ellen Marie Wiseman hat das nachgeholt… Eindrucksvoll.

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„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ – Bradbury / Kleist

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus ist in der Stadt! Schaut nur die bunten Plakate, die von Akrobaten, wilden Tieren, Sensationen und Clowns künden. Zieht euch die feinen Sachen an, bringt eure Kinder auf die Straße, folgt dem Einmarsch der Zirkuskapelle, schaut euch an, wie das farbenprächtige Zirkuszelt über der Manege errichtet wird und kauft euch Eintrittskarten, bevor es zu spät ist. Der Zirkus ist in der Stadt! Folgt den Elefanten und Löwen durch die Straßen, tanzt im Rhythmus der Marschmusik und freut euch auf Karussells, Orgeln und das bunte Treiben in hell erleuchteter Nacht. Der Zirkus ist in der Stadt

Öhm… Sorry. Kommando zurück. Es ist alles ganz anders. Es ist gar kein normaler Zirkus, der mit diesem Buch Einzug bei euch hält. Es ist handelt sich hier um Cooger & Dark, das Pandämonium der Schattenspiele, den wandernden Jahrmarkt, einen Zirkus aus der Feder von Ray Bradbury, der seit mehr als fünf Jahrzehnten sein literarisches Unheil treibt. „Something Wicked This Way Comes“ lautete 1962 der Originaltitel des Romans, der die Freude auf einen Zirkusbesuch sehr nachhaltig verderben konnte. Der Zirkus ist in der Stadt – rette sich wer kann, wäre der bessere Titel gewesen. Aber auch in seiner freien Übersetzung lässt er Gänsehaut sprießen.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Titel darf nicht neu für uns sein, erschien dieser Roman von Ray Bradbury doch schon im Jahr 1962 zum ersten Mal und wurde sogar 1983 in einer Produktion von Walt Disney mit Jason Robarts und Jonathan Pryce in den Hauptrollen verfilmt. Also müsste es doch eigentlich beim Leser klingeln, wenn man sich dem Bösen in diesem Buch nun ganz leise nähert. Zumindest jedenfalls, wenn man alt genug ist. Und genau hier liegt in der Zielgruppe das Geheimnis dieser Neuauflage verborgen. Es ist ein illustriertes und wertig aufgelegtes Jugendbuch, mit dem der Aladin Verlag den subtilen Zirkus-Schreck für eine neue Leserschicht zugänglich macht.

Unterschwellig spielt sich das Grauen ab. Seine allzu kaltblütigen Zugpferde heißen Neugierde und  jugendlicher Leichtsinn. Die Melodie des Buches klingt nach Abenteuer und der Rhythmus der Geschichte ist der eines Tornados, in dessen Auge der Leser in scheinbare Sicherheit gewogen wird. Die Illustrationen sind düster wie das Orakel einer magischen Welt. Schwarzweiß, scharf konturiert und stilsicher in die Handlung gebettet zeigt auch hier der Meister seines Fachs Reinhard Kleist, was Bilder im Kopf auslösen können. „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ erreicht mit seinen mehr als brillanten Grafiken ein Level, auf dem sich formidabel erschaudern lässt.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Bradbury´s Zirkus ist anders als jeder Zirkus dieser Welt. Er erscheint wie aus dem Nichts, wird mitten in der Nacht errichtet und strahlt eine ganz besondere Aura aus. Er wartet mit wahrhaft Einzigartigem auf. Eine Mischung aus Jahrmarkt und Panoptikum.

Cooger und Darks Pandämonium-Schattenspiele
Fantoccini, Marionettentheater, Bunter Rummelplatz.
Demnächst in dieser Stadt.
Mit vielen Attraktionen, unter anderem auch
DIE SCHÖNSTE FRAU DER WELT!

So kündigen ihn die Plakate an. Neben einem fantastischen Spiegellabyrinth sind es die Dämonen-Guillotine, ein illustrierter Mann, eine Staubhexe und Mademoiselle Tarot, die auf ihre Besucher warten. Den Mittelpunkt jedoch bildet ein historisch anmutendes Karussell, dessen Beschreibung einen ganz neuen Blick auf diese Attraktion bietet:

„… Seine Pferde, Ziegen, Antilopen, Zebras, deren Rücken von Messingspeeren durchbohrt waren, verharrten in verkrampftem Sprung wie im Todeskampf. Ihre verängstigten Augen erflehten Gnade, ihre vor Entsetzen grellen Zähne verhießen blutige Rache.“

Na, wer würde da nicht gerne einfach so aufsteigen und die Fahrt genießen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Also neugierig wäre ich ja schon, da die beiden Protagonisten des Romans Jim und Will bei ihren nächtlichen Abenteuer-Streifzügen eine mysteriöse Entdeckung machen. Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag besteht die Welt für die beiden Jungs aus purer Neugier und Abenteuerlust. Nichts bleibt unversucht, nichts ungewagt. Der Zirkus dient für sie der perfekten Abwechslung im Alltagstrott des kleinen Kaffs. Bis auf Unwetter ist hier jeder Tag wie der andere. Doch mit dem Zirkus verändert sich alles. Und doch wird er zur größten Herausforderung ihres Lebens, da sie dem Geheimnis des Karussells so nah kommen, dass sie ihm kaum widerstehen können.

Fährt es vorwärts, werden die Fahrgäste von Umdrehung zu Umdrehung älter. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn das Karussell sich rückwärts dreht. Eine Entdeckung, der man sich als junger Mensch kaum entziehen kann. Doch sind die beiden Rabauken nicht die einzigen Bewohner des Ortes, die aus ganz eigenen Gründen ein paar kleine Runden drehen wollen. Welcher ältere Mensch mag nicht gerne jünger werden und was sollte Jim daran hindern, endlich und mit einem Schlag erwachsen zu werden? Warum sollte er sich das entgehen lassen. Die Versuchung ist groß und doch bleibt nichts ohne Opfer. Wer die Fahrt wagt, wird zu einem der schattenhaften Wanderer, die den Zirkus fortan begleiten. Ein mephistophelischer Kontrakt, den man einzugehen hat. So treffen sie aufeinander: der Junge, der älter werden will und Will`s Vater, der das Gegenteil in seinem Herzen wünscht. Werden sie Opfer oder gibt es einen Weg, dem Kreislauf des geheimnisvollen Karussells zu entrinnen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ von Ray Bradbury erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Sehnsucht und versinnbildlicht das jugendliche Streben nach dem Leben als Erwachsener. Die Schnittmenge der Wünsche und Hoffnungen mit den älteren und perspektivlosen Bewohnern des Ortes ist groß, nur ist die Fahrtrichtung anders. Es sind die Romanfiguren, die uns mitfiebern lassen, was der Zirkus aus ihnen macht. Es ist ein junges Mädchen unter einem Baum, das wir trösten und dem wir helfen wollen, weil wir es als ältere Frau kennen. Es ist die schönste Frau der Welt, die uns fasziniert, weil sie in einen Eisblock eingefroren wurde und es ist der Vater von Will, der seine geschützte Bibliothek verlässt, um im wahren Leben an seinen Sehnsüchten zu wachsen.

Reinhard Kleist hat diesen Jugendroman opulent in Szene gesetzt. Miniaturen und ganzseitige Illustrationen führen uns durch die grandios erzählte Geschichte. Szenisch versetzt er uns ins Bild, wenn wir von Kapitel zu Kapitel fliegen und wo atmosphärische Worte allein nicht genügen, löst er eine Kopfkinovorstellung der Extraklasse in uns aus. Kleist ist und bleibt Kleist. Ob er nun „nur“ illustriert, oder ob er auch gleichzeitig als der eigene Autor seiner Geschichten auftritt, er ist und bleibt lesens- und sehenswert. Hier beweist er sein ganzes Können. Ich bin ihm schon lange auf der Spur und mein Weg ist nicht am Ende angelangt. Mehr zu Reinhard Kleist findet ihr in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ihr den folgenden Links folgt:

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
1914 – Ein Maler zieht in den Kriegund schon bald geht es weiter mit
Nick Cave – Mercy on me

Bleibt dran an den Graphic Novels und illustrierten Büchern meines Lebens.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus bei AstroLibrium – Manege frei:

Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern – Ullstein Verlag
Sirius von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Witsch
Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Atlantik Verlag