NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Weihnachten sind wir wieder da – Die ewigen Stimmen aus Verdun

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, doch wenige Tage nach Ausbruch der Kämpfe war von der Euphorie der ersten Augusttage des Jahres 1914 nicht mehr viel übrig. Europa hatte sich in einer Kettenreaktion aus Bündnisverpflichtungen gegenseitig an den monarchistischen Haaren in den Krieg gezogen und nun war die Überraschung auf allen Seiten groß, wie sehr sich dieses Schlachten von den Gefechten unterschied, die man bisher zu kennen glaubte.

In bisher ungeahntem Ausmaß dominierte plötzlich die industrielle Kriegstechnik das Geschehen an allen Fronten. Schnelle Attacken zu Pferd hatten ihre Bedeutung verloren und das plötzliche Erstarren der Fronten in Frankreich führte dazu, dass sich die Soldaten beider Seiten verbissen in ihre Stellungen eingruben. Zermürbung und Abnutzung wurden zum Kriegsziel. Erbitterte Kämpfe um nur wenige Meter Gelände bestimmten den Tagesablauf, während aus sicherer Entfernung die Artillerie tödliche Ladungen auf die Stellungen des Gegners regnen ließ.

Panzer (damals noch Tanks genannt, weil die Briten ihre ersten Versuche mit diesen Kettenfahrzeugen als Wassertransporter tarnten) und Gasangriffe veränderten sowohl physisch als auch psychisch das Kampfgeschehen. Scharfschützen demoralisierten die ruhende Truppe und die frühe Dominanz einer neuen Kriegswaffe zeigte, dass man in jeder Hinsicht und aus jeder Dimension heraus unmittelbar verletzbar war. Flugzeuge kreisten unaufhörlich über dem Schlachtfeld und die tödliche Fracht regnete auf die einfachen Frontsoldaten nieder.

Aus heutiger Sicht immer noch unvorstellbar, was es für den einzelnen Soldaten bedeutet haben muss, sich unvermittelt in einem solchen Szenario wiederzufinden, auf das er in keiner Art und Weise vorbereitet sein konnte. Orte wie „Verdun und „Fort Douaumont klingen auch 100 Jahre nach diesem Weltenbrand in unseren Ohren. Sie geraten nicht in Vergessenheit, weil in unzähligen Publikationen und Dokumentationen über diesen längst vergangenen Krieg berichtet wird.

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

In ihm sehen Historiker aller Länder den Ursprung heutiger Konflikte, denn letztlich gilt der Erste Weltkrieg als das Schlangenei, aus dem nur wenige Jahre später ein noch grausamerer ideologischer Krieg entbrannte. Ich habe in meiner Artikelserie „Der Erste Weltenbrand viele Bücher vorgestellt, die sich aus völlig verschiedenen Perspektiven diesem Urkrieg des 20. Jahrhunderts angenähert haben. Dabei stellte ich mir nur immer wieder eine Frage: Welche Originalquellen lassen den heutigen Leser ermessen, wie sich dieser längst vergangene Krieg auf die Menschen ausgewirkt hat? Sind es Tagebücher von der Front, sind es Feldpostbriefe oder hilft uns gar eine völlig andere Herangehensweise, um uns authentisch vor Augen zu halten, was es wohl bedeutet haben muss, diesem Desaster ausgeliefert zu sein.

Ernst Jünger hat mir gezeigt, dass Feldpostbriefe keinesfalls authentisch sind. Sie dienten der Beruhigung der Familie, sollten Zuversicht verströmen und unterlagen darüber hinaus der Zensur. Jüngers Feldpostbriefe sind ein deutlicher Beleg dafür, wenn man sie mit seinen vielen Tagebüchern vergleicht. Die Tagebücher selbst sind Momentaufnahmen, die ungeschönt die aktuelle Stimmungslage des Frontsoldaten vermitteln. Allerdings unterliegen sie in jeder Hinsicht der „Froschperspektive“ des engen Schützengrabens. Fehlinformationen, Desorientierung und Manipulation durch direkte Vorgesetzte kommen in ihnen zum Tragen. Der Blick ist getrübt und nicht über den Tellerrand gerichtet. Ernst Jünger hat noch viele Jahre nach diesem Krieg in seinen Tagebüchern Korrekturen vorgenommen, um Eintragungen in den jeweiligen Kontext der Ereignisse zu stellen.

Eigentlich sollte man denken, dass keine neuen Dokumente mehr auftauchen können, die unsere Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges verändern oder präzisieren können. Das Buch Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (Piper-Verlag) und die im Rahmen der Recherche dazu entstandenen Projekte haben mich eines Besseren belehrt, und zwei weitere Veröffentlichungen zogen mein Interesse an. Einerseits, weil sich beide Bücher dem Einzelschicksal auf unterschiedliche Art und Weise annähern und andererseits, weil beide Publikationen deutlich zeigen, dass die Stimmen aus Verdun nicht verstummen, selbst wenn es heute keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt, die noch erzählen können, wie es wirklich war.

Hineingeworfen von Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen von Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen – Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer von Wolf-Rüdiger Osburg (Aufbau Verlag) widmet sich der Frage nach dem wahren Kriegserlebnis mehr als persönlich und individuell. Seine Gespräche mit 138 Soldaten des Ersten Weltkrieges sind hierbei die Grundlage für eine Publikation, die durch mehrere Faktoren besticht. Die zeitliche Distanz zum Erlebten lässt es zu, dass die Erinnerungen in den Kontext des Krieges gestellt werden und die Erlebnisse dadurch eine Kontur erhalten, die in Tagebüchern oftmals fehlt. Die Struktur des Buches lässt es erstmals zu, Erinnerungen nach bestimmten Schlagworte und Überschriften sortiert auswerten zu können. Nicht chronologisch aufgereiht kommen hier die Zeitzeugen zu Wort. Osburg montiert Teile der „Interviews“ zu großen Themenblöcken zusammen.

  • Kriegsausbruch
  • Der Angriff
  • Bekanntschaft mit der Hölle: Verdun
  • Der erste Tag im Krieg
  • Der Feind
  • Sterben
  • Fronturlaub
  • Gefangenschaft
  • Der Militärapparat
  • Das Leben danach

Dies sind nur einige der Überschriften, zu denen die Veteranen persönlich zu Wort kommen. Auch wenn die Gespräche oftmals in Pflegeheimen geführt wurden, merkt man deutlich, was geschieht, wenn sich die Fesseln von Erinnerungen lösen, die man bisher niemandem anvertraut hat. Authentischer geht es kaum. Hier haben wir es nicht mit zweifelhaften und bruchstückhaften Fragmenten der Selbstglorifizierung zu tun. Es ist manchmal so, als würden diese Greise nun beginnen ihr Tagebuch zu schreiben. Die Angst ist wieder da, die Trauer wird fühlbar und eine erstaunliche Klarsichtigkeit über die Sinnlosigkeit des Krieges zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen.

Kritikpunkte gibt es jedoch auch. Dem Wunsch einiger Gesprächspartner folgend, wurden ihre Beiträge im Buch lediglich mit deren Initialen gekennzeichnet. F.Kn. geb. 1897 zum Beispiel. Ich versuchte mich sehr intensiv in die Gedankenwelt der Kämpfer von einst hineinzuversetzen, was mir bei bloßen Initialen absolut nicht gelang. Von den namentliche genannten „Erinnernden“ bleibt im Anhang auch nur der Name und der Beruf. Mir war das zu wenig Information zu den Menschen, denen ich folgen wollte. Ihre Aussagen sind zu bedeutend, um sie auf ihre Initialen zu reduzieren, auch wenn dies dem letzten Willen der Betroffenen entspricht. Darüber hinaus schrecke ich beim Titel des Buches immer wieder zurück, wenn von „Erinnerungen seiner Teilnehmer“ die Rede ist. Teilnahme ist etwas, das ich persönlich mit Gewinnspielen verknüpfe – nicht jedoch mit Kriegen. Dieser Begriff ist allzu verharmlosend und gefährlich. Meine persönliche Meinung.

Verborgene Chronik 1914 von L. Exner / H. Kapfer

Verborgene Chronik 1914 von L. Exner / H. Kapfer

Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) ist der erste von drei Bänden einer chronologischen Tagebuch-Collage, die mehr als 189 Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit diesem Kriegsjahr auseinandersetzt, melden sich 57 bisher unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die Tag für Tag ein dunkles Mosaik der Gefühlslage im Deutschen Kaiserreich entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben, und von denen oftmals nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, nehmen immer mehr Gestalt an und werden in ihrer unterschiedlichen Sichtweise greifbar.

Sie sind bis auf ganz wenige Ausnahmen konsequent namentlich erwähnt und im Anhang des Buches finden sich Informationen zu den Autoren, deren Zeilen wir folgen. Und wenn einmal nur die Autorenangabe „Ein Mädchen“ erscheint, dann ist dies umso interessanter, weil diese junge Frau niemals auf dem Schlachtfeld war, die Stimmung zuhause jedoch sehr pointiert auf den Punkt bringt. Man nimmt an ihren Gedanken teil, folgt ihnen auf die Schlachtfelder oder gar in die frühe Gefangenschaft. Einige Stimmen verstummen, andere kommen hinzu. Ein unglaublicher Fundus an nie veröffentlichten Impressionen, Gedanken und Gefühlen breitet sich vor dem Leser aus.

In seiner Technik mit der Vorgehensweise von Walter Kempowskis „Das Echolot“ durchaus vergleichbar, finden sich hier absolut alle Stärken und Schwächen von Tagebüchern in ihrer Eigenschaft als Primärquelle wieder. Die öffentliche Meinung wird reflektiert, Nachrichten und gesteuerter Patriotismus fließen hier mit ein und eine neutrale Haltung findet sich kaum. Viel zu großen Einfluss hat der Krieg auf das tägliche Leben. Ein Gesamtwerk, das für mich schon jetzt zu den wichtigsten Publikationen zu dieser Zeit gehört, weil erstmals der komplette Erzählraum durchschritten wird, den eine breite Bevölkerungsschicht im kollektiven Gedächtnis individualisiert formuliert.

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Nachdem ich in den vergangenen Jahren sehr viele „Sachbücher“ und fiktionale Texte zum Ersten Weltkrieg gelesen habe, kann ich einfach nur darauf hinweisen, dass es von großer Relevanz für das Verständnis von historischen Romanen ist, auf bestimmte Primärquellen zurückgreifen zu können. Plausibilität und inhaltliche Stabilität solcher Adaptionen sind oftmals fraglich und an den Autorenhaaren herbeigezogen. Viele Bücher sind jedoch herausragend recherchiert und reihen die erfundenen Protagonisten authentisch ins Geschehen ein. Eine individuelle Auswahl dieser Bücher findet ihr in der Artikelübersicht zum Thema.

Ich persönlich kann weder auf „Hineingeworfen“ oder die „Verborgene Chronik – 1914“ verzichten. Beide Bücher haben in ihrer Nachhaltigkeit Maßstäbe gesetzt und neue Perspektiven eröffnet, auf die ich bereits eingegangen bin. Ich liebe sowohl die chronologische Sondierung einer dramatischen Epoche in Form von Tagebüchern, habe aber auch den Veteranen mit großem zeitlichen Verzug zu den Ereignissen sehr gerne zugehört. Hier schließen sich für mich Kreise zwischen zwei Projekten und das zentral verbindende Element bildet die inhaltliche Klammer.

Ich werde der Verborgenen Chronik folgen und weiterlesen und auch hören, um den vollständigen Überblick über diese besondere Form des Echolots zu erhalten. Wie Kempowski suchen die Autoren des Projekts nach Signalen aus der Vergangenheit und lassen eine Collage entstehen, die schon jetzt mehr als unverzichtbar ist. Begleitet mich auf diesem Weg und versucht es doch selbst einmal mit dem Quellenstudium in den eigenen vier Bücherwänden. Das Ergebnis ist beeindruckend. Die ewigen Stimmen aus Verdun verstummen nicht und rufen uns unablässig zu, dass wir auf uns achten sollen, wenn jemand wieder zu irgendwelchen Waffen ruft.

Und diese Rufe vernehmen wir täglich… Doch man bedenke: Jeder Stein, den wir heute ins Wasser werfen, wird in genau 100 Jahren solche Bücher zur Folge haben. Wollen wir das?

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier geht´s zur Fortsetzung der Verborgenen Chronik 1915 – 1918 in Wort und Ton.

Mit einem Klick zu Realität und Fiktion des Ersten Weltenbrandes

Mit einem Klick zu Realität und Fiktion des Ersten Weltenbrandes